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Full text of "Musikpädagogische Blatter...: Zentralblatt fur das gesamte musikalische Unterrichtswesen"

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Uu übst die Hand^ so übe auch den Yerstand. 

Von Carl Wlttlns. 



Diese alte Mahnung scheint besonders 
angethan, den Elavierspielenden gegenüber 
immer in Geltung zu bleiben und auf sie 
angewandt zu werden, die, sobald sie nur 
einigermassen die Finger auf den Tasten be- 
wegen können, sich einer Fingergymnastik 
hingeben, die schon oft sehr nachtheilige 
Folgen ;für die Handmuskulatur herbeigeführt, 
aber auch im allgemeinen das Gehör derartig 
vergröbert hat, dass das leisere Ohr, wie 
Elopstock irgendwo sagt, ganz in Verlust 
gerieth. Dass aber dieses leisere oder feinere 
Ohr von grosser Bedeutung für den guten 
Vortrag eines Musikstücks ist, wird jeder 
gebildete Geiger, Sänger, jede Sängerin be- 
stätigen, da diese die Ausführung gewisser 
Halbtöne ganz in der Gewalt haben und auf 
bequeme Weise, der Phrase entsprechend, 
auszuführen im Stande sind, was dem Klavier- 
spieler nur durch die Eanst des Anschlages 
einigermassen gelingen kann, wenn sein Ver- 
ständniss und sein leiseres Ohr ihn dabei 
leiten. Von einer solchen Feinfühligkeit aber 
sind die heutigen Klavierspieler, mit wenigen 
Ausnahmen, weit entfernt. Dass das Instru- 
ment zur Fingergymnastik förmlich heraus 
fordert, sei zugestanden, allein dies darf doch 
nicht als Entschuldigungsgrund gelten für 
den Tonunfug, dem man sowohl in der Haus- 
musik, wie im Konzertsaal fast immer be- 
gegnet. Vor mehr als 40 Jahren unterschied 
man in Paris, das damals einen Weltruf als 
Konzertort hatte, die Klavierspieler nach den 
Säumen, in denen sie zu hören waren. Spielte 
ein Künstler im Saale der Klavierfabrik Pleyel, 
so war man sicher, nur Musik in einem ge- 
bundenen Stil (Bethoven u. ähnl Chopin u. ä.) 
zu hören; im Saale Erard"") gab es Liszt und 
Verwandtes, im Herz'scben Saale dagegen 
hörte man mehr die leichtflüssige Salonmusik; 
denn die Instrumente dieser Häuser, jedes in 
seiner Art, begünstigten durch ihren Mecha- 
nismus diese Spielrichtungen. Heute sind 
diese Unterschiede so ziemlich verwischt, 
denn auch die Instrnmentenmacher streben 
alle nach möglichster Tonfülle. Unsere 
Blüthner's und Bechstein's könnten heute 
wohl noch mit den damaligen Instrumenten 
von Pleyel und Erard in Bezug auf ihre 
Eigenschaften für die gebundene und ge- 
hämmerte Spielweise verglichen werden; aber 
unsere Spieler sind kaum noch in dieser 
Weise zu unterscheiden, denn fast Alle 
streben dem Lauten zu und damit kommt 
das gebundene Spiel, das einzig musikalische, 



*) EbeDfttllB Klavierfabrik, wie aacb der noch 
'Igend genannte Saal 2U eiuor Eolcben Fabrik gehörte. 



zu kurz. Das ist ein grosses Uebel, dessen 
Beseitigung iadess angestrebt werden muss. 
j Aber wie ist das möglich? Nun am Eopfe 
dieser Zeilen ist im Nachsatze die Antwort 
zu lesen. 

Hier möge eine kleine Geschichte Platz 
finden, die mir vor Jahren ein alter Wiener 
Elavierspieler Hr. v. Turan^, erzählte. Als 
einst der junge Liszt in Wien sich hören 
liess, kam ein alter Landpastor, ein eifriger 
Elavierspieler und Schüler Hummel's, an- 
geregt durch den grossen Ruf, den der junge 
Liszt sich schon erworben hatte, nach Wien, 
um ihn zu hören. Seine Yorstellangen von 
den Genüssen, die er erwartete, wurden aber, 
während der Vorträge arg zu schänden, denn 
statt Freude hatte er nur Verdruss. Da er 
sich nun nicht gleichgiltig in diese Miss- 
stimmung ergeben wollte, machte er am 
Morgen dem Eonzertgeber einen Besuch. 
Hierbei entfaltete er nun seine ganze Bered- 
samkeit, das in seinem Innern Erlebte vor 
und nach dem Eonzert freimflthig auszu- 
drücken, mit dem Zusätze, dass wohl sein 
hohes Alter die Ursache davon sein müsse, 
dass er das Spiel nicht habe geniessen können. 
Liszt setzte sich, statt einer Antwort, an's 
Elavier und spielte dieselbe Sonate von 
Beethoven, die er in dem Eonzert gespielt 
hatte, aber in einem musikalisch gebundenen 
Stil und ohne jede Yortragsübertreibung, so 
dass der alte Pastor gerührt und mit Be- 
wunderung seinen Dank ausdrückte, aber die 
Frage doch nicht unterlassen konnte, warum 
er im Eonzert so ganz anders gespielt habe. 
„Ja!^ sagte Liszt, „hätte ich gestern ebenso 
gespielt, dann würden die Zuhörer mich 
gewiss als Yergleichsobjekt mit diesem oder 
jenem Elavierspieler betrachtet haben; etwa: 
so spielt der B, aber es ist doch noch etwas 

darin indess fasst der B. die Sache 

doch viel bedeutender an u. a. m. Das ist 
mir unangenehm, denn ich will anders spielen, 
als die Andern.^ 

Ob dieses Yorkommniss buchstäblich wahr 
ist oder nicht, muss als unwesentlich be- 
zeichnet werden, da ja Liszt wirklich anders 
gespielt hat, als die Klavierspieler seiner Zeit, 
von denen die jüngeren anfingen, seine Unter- 
weisung zu suchen und ihn nachzuahmen. 
Da aber die Meisten der Nachahmer, weder 
das Genie, noch die alles umfassenden 
geistigen Yorzüge ihres Meisters besassen, 
so ist das Elavierspiel heut zu Tage zwar 
auf einer technisch hohen aber bedenklich 
unmusikalischen Stufe angelangt. Nur Ver- 
standes- und Geistesbildung vermögen hier 
zu helfen. 



- 8 — 



Dass man in der Hansmnsik so yiel&ch 
schlecht und unmusikalisch Klavier spielen 
hört, liegt nicht allein an dem mechanischen 
und geschäftsmässigen Unterricht, der ja viel- 
fach in diesem Gewerbe herrscht, sondern 
gröS3tentheils mit an der Unwissenheit und 
Gedankenlosigkeit der Schüler; denn hätten 
diese einen richtigen Begriff von dem, was 
eigentlich Musik sein soll, im erziehlichen 
und bildenden Sinne, so wurden sie es ihrem 
Lehrer oder ihrer Lehrerin ermöglichen, ein 
höheres Ziel vor Augen zu haben. Der be- 
rühmte Komponist Halävy sagte einst: „es 
eiöbt keine guten Lehrer, es giebt nur gute 
Schüler.« Das ist insofern wahr, als der 
gute und der schlechte Schüler den Lehrer 
antreibt oder ihn gleichgiltig macht. Dass 
es die Pflicht der Lehrenden wäre, den 
Schülern das leisere Ohr zu öflhen, sie auf 
das wirklich Musikalische und dessen Aus- 
dracksfähigkeit als GefBhlssprache hinzu- 
weisen, wozu schon so manches einfache 
Volkslied dienen könnte, ist ja zweifellos. 
Indess was man nicht hat, kann man auch 
nicht geben; denn die musikalische und all- 
gemeine Bildung vieler Musiklehrenden ist 
oft ungenügend, so dass sie der Kunst 
wesentliche Dienste nicht zu leisten ver- 
mögen. 

J. J. Rousseau (1712—1778) der eigen- 
artige Philosoph, der nach Schiller's Aus- 
spruch „aus Christen Menschen warb"*) war 
ursprünglich Musiker und musste sich lange 
Zeit das Nöthige für seinen Unterhalt durch 
Notenabschreiben verdienen. Er war also 
nicht verwöhnt und hatte des Lebens Noth 
kennen lernen, und dabei war er doch stets 
eifrig bemüht, seine geistigen Fähigkeiten zu 
vervollkommnen, nach dem Ausspruche eines 
alten Philosophen, der lautete: dass das Ge- 
dächtniss einem Magnet gleiche, denn je 
mehr dieser der Beschwerung ausgesetzt sei, 
desto mehr wüchse seine Kraft Dass er 
dieses Streben an vielen Musikern vermisste, 
veranlasste ihn zu dem Satze: „Le Musicien 
lit peu, et devrait lire beaucoup«**) ein Aus- 
spruch der heute noch Giltigkeit hat. Aber 
woher kommt es, dass so viele Musiker fast 
gar nichts den Verstand Bildendes lesen? viel- 
leicht weil ihr eigener Musikunterricht zu 
mechanisch war und später durch das viele 
Noten lesen ihre Gedankenthätigkeit derart 
in Anspruch genommen vrird, dass sie für 
ein anderes Denkgeschäfl sich zu ermüdet 
wähnen. 

Würden sie aber die eine Thatsache recht 
zu beachten wissen, nämlich, dass ein grosser 
Theil der Gelehrten neben ihrem Berufe sich 

*) Gedicht von Schiller .Roaaseaa«. 

•*) Der Musiker Uest wenig, er soUte aber viel 
lesen. 



fleissig mit Musik beschäftigen*) und hierin 
Anregung, Erheiterung, sowie neue Kraft für 
ihre Lebensaufgabe gewinnen, so käme gewiss 
mancher Musiker zu der Erkenntniss, dass 
das Notenlesen allein noch nicht genügt, die 
Ansprüche zu befriedigen, die man an die 
allgemeine Bildung eines Menschen zu 
stellen hat. 

Jede Berufsarbeit, die nicht durch eine 
Nebenthätigkeit zeitweilig unterbrochen wird, 
führt ZQ Einseitigkeit und Schwächung des 
Urtheilsvermögens. Wie aber die Gefahr vor 
Einseitigkeit auch in anderen Gebieten er- 
kannt wird, war unlängst in den Zeitungen 
unter Hocbschulnacbrichten zu lesen, wie 
folgt: „Die philosophische Fakultät der 
Königsberger Universität ermahnt durch An- 
schlag am schwarzen Brett die Studenten, 
ausser ihrer Fachwissenschaft sich auch eine 
allgemeine Bildung zu erwerben. In den 
ersten Semestern sollen die Studenten die 
grundlegenden Vorlesungen auch für die be- 
nachbarten Fächer hören und allgemeinen 
Vorlesungen beiwohnen/ Und das fand man 
nöthig, jungen Leuten zu empfehlen, die sich 
schon die Gymnasialbildung mit Erfolg ange- 
eignet hatten. 

Und nun unsere Musiker dagegen, von 
denen nur wenige eine höhere Schule ganz 
durchgemacht haben, deren Kunst aber gerade 
am vortheilhaftesten wirkt, wenn sie von all- 

Jemeiner Bildung getragen wird. Vor einigen 
ahren führte sicn ein junger Tonsetzer mit 
einem Streichquintett und einem Klavier- 
(juartett ganz vortheilhaft ein, und man brachte 
ihm von vielen Seiten aufrichtige Theilnahme 
entgegen. Ein wohlwollender älterer Kunst- 
freund, der in einem Gespräch mit ihm sofort 
bemerkt hatte, dass seme sonstige Bildung 
im allgemeinen sehr mangelhaft war, gab ihm 
den Rath, er solle nun fleissig die deutschen 
Dichter lesen, um damit seine Lebensanschau- 
ungen zu verfeinem, überhaupt sich als 
Nebenbeschäftigung die Literaturgeschichte 
erwählen; sein Verstand, sein Geist würde 
hierdurch eine gewisse Keife und Selbständig- 
keit erlangen, die nur vortheilhaft auf seine 
musikalischen Eingebungen und deren kon- 
trapunktische Behandlung wirken könnte. 

Der junge Tonsetzer hörte diesen Bath 
mit einer gewissen Miene des Selbstbewusst- 
seins an und sagte dann lächelnd : „Gedichte 
lesen, das ist ja sehr langweilig, überhaupt 
kann ich es beim Lesen nicht lange aushalten, 
ich finde dabei nichts was mich fesselt.^ Mit 
scharfer Betonung erwiderte der andere: 
.Weil Sie nichts begreifen! Sie sollten aber 
lesen und immer wieder lesen, aber dann 
auch über das nachdenken was Sie gelesen 
haben, um endlich das Gelesene auch ver- 

*) Man sehe den Aufsatz: «Drei bedeatende Ju- 
risten and sogleich verdienstvolle Mosikforscher* im 
Klav'er-Lebrer 1890, No. 20 a. f. 



- 4 — 



stehen za lerneD. Dass Bach uud Händel 
grosse Bibelkenner waren, ist bekannt; diese 
Eenntniss konnten sie nur dnrch Lesen und 
darüber Nachdenken nnd erneutes Lesen mit 
Hilfe der verschiedenen Erklärnngsschriften 
erwerben nnd so endlich in die Tiefe des 
biblischen Geistes eindringen; und welch 
einen grossartigen Aufschwang gaben sie da- 
mit der Ennst! Ihre kontrapunktischen 
Fertigkeiten allein hätten das nimmermehr 
zu Stande bringen können. 

Von Haydn wissen wir, dass er im Gebet, 
nicht asketisch, sondern im Sinne des Wortes : 
„Seid fröhlich im Herrn", neue Kraft und 
Sammlung für seine tonkünstlerischen Ar- 
beiten suchte und fand, ein Zeichen innigen 
Gemüthslebens. 

Ed. Hanslick sagt in einer Besprechung 
der Matthäus -Passion von Seb. Bach unter 
anderm: „Tiefe Religiosität spricht doch auch 
aus Beethoven's D-Messe, allein sie ist modi- 
fizirt, bereichert durch tausend Bildung&ele- 
mente, die Beethoven in sich aufgenommen 
und die er auch im kirchlichen Schaffen weit 
entfernt ist, von sich abzuwehren.^ Auch 
ist bis auf die neueste Zeit der Beleg zu 
finden, dass diejenigen Musiker, die sich in 
ihrer Kunst besonders ausgezeichnet, es nur 
ihrer regsamen Geistesentwickelung zu danken 
haben, die sie in der Poesie, in der Philo- 
sophie, überhaupt in dem allgemeinen höheren 
Bildungsstoff suchten, wie z. B. Weber, 
Schubert, Mendelssohn, Schumann, Liszt, 
Bülow, Tausig, Bubinstein u. v. a., doch noch 
Eins: wissen Sie auch, dass Tartini, der be- 
rühmte Geiger und grosse Denker, bevor er 
öffentlich spielte, Gedichte las, um sich in 
Stimmung zu versetzen? Ja, sich in Stim- 
mung zu bringen! Das ist eine ud erlässliche 
Aufgabe für den Künstler, der ein Werk 
schaffen will, das als künstlerische That be- 
zeichnet zu werden verdient. Sich in eine 
solche Stimmung zu versetzen, kann nur der 
geistigen Regsamkeit gelingen; der Kontra- 
punkt allein ist dabei nur wie das trockene 



Brod, das man zwar nicht entbehren kann, 
das aber nur dann gerne genommen wird, wenn 
etwas Wohlschmeckendes und Nahrhaftes 
dazu gegeben wird.^ Damit schloss der alte 
Herr seine Mahnungen, wandte sich zum 
Fortgehen und liess den etwas aus dem Takt 
gebrachten Musiker stehen. 

Dass seine Bildung mangelhaft war, mag 
er wohl in diesem Augenblicke empfunden 
haben, aliein da ihm das soeben Vernommene 
gar zu neu und unverständlich war und er 
in der Ueberzeugung lebte, dass seine Kennt- 
nisse in der Musik das Wichtigste für ihn 
sei, so liess er die Sache auf sich beruhen. 

Wenn man einen solchen Fall, der durch- 
aus nicht so selten ist, als man annehmen 
möchte, etwas näher betrachtet, so drängt 
sich der Gedanke auf, dass es doch sonderbar 
ist, dass die Knaben, welche die Volksschule 
verlassen, um sich einem Handwerk zu 
widmen, von staatswegen verpflichtet sind, 
noch mehrere Jahre eine Fortbildungsschule 
zu besuchen, dass es dagegen von den Knaben 
der Volksschulen, die sich in eine Musik- 
schule aufnehmen lassen, nicht das Gleiche 
verlangt wird. Dnd doch wäre für diese ein 
Nachbildungsunterricht sehr nothwendig, denn 
die Vorlesungen über Literaturgeschidite, die 
in den grösseren Musikschulen stattfinden, 
sind für so elementar gebildete Schüler viel 
zu hoch, als dass sie wirklidi etwas davon 
verstehen könnten, da ihnen die nöthige Vor- 
bildung dazu fehlt. Auch tritt noch er- 
schwerend hinzu, dass so manche dieser 
Schüler von Hause aus eine gar zu platte, 
prosaische Lebensanschauung mitbringen, 
um dem Lernstoffe einige Aufmerksamkeit 
widmen zu können. Dieses Rohe zu ver- 
bessern und die elementare Schulbildung zu 
erweitem, sollten die Schüler immer ermahnt 
werden, denn nur stufenweise lässt sich ein 
Viel erreichen. Für die Musiker aber sollte 
die Mahnung: „Du übst die Hand, so übe 
auch den Verstand^ ein Sporn sein, tiefer 
in das Allgemein- Wissen einzudringen. 



Aus alten Büchern. XY. 

Aus der allgemeinen Theorie der schönen Künste. 



Von 



Ein Wunsch.*) 

Bezifferung. Die Bezeichaog der Akkorde 
des Generalbasses durch Ziffern oder durch andere 
Zeichen heisst Bezifferung. Deijenigo, welcher den 



*) Alle diejenigen, welche J>r. Ri ernannte Auf- 
satz »Zar Reform der Harmonie-Lehrmethode"' mit 
Aufmerksamkeit vei folgt haben, wlrddlose Darletrung 
besonders )nt( ressiren. E. S, 



(1719-1779). 

Generalbass spielt, schlSgt mit der linken Hand die 
Töne des Basses an, mit der rechten Hand aber die, 
zu den Basstönen gehörigen Akkorde. 

Man ist gewohnt, nur die Basstöne durch Noten 
auszudiückeUi die Akkorde aber durch Ziffern, welche 
fiber die Bassnoten gesetzt werden. 

Es ist nicht sa zweifeln, dasa die Besifferong des 
Oeneralbasea eine ganz nothwendige sei. 



- 5 — 



Deswegen ist tach sa wfiaschen, dass die grössten 
Meister rieh yereioigen mOehten, die vollkommenste 
Bezifferang ausfindig xu machen und dieselbe als- 
dann dnrchgebends einzufahren. Denn noch jetzt 
ist die MeÜiode, zu beziffern, nicht nur unvoll- 
kommen, sondern auch wankend, indem einerlei Ak- 
korde nicht immer auf einerlei Art bezeichnet werden. 
Die Unvollkommenheit derselben erhellet daraus, 
dass es auch bei den mit grOsstem Fleiss beziiferten 
BSssen so sehr schwer ist, alle Fehler zu ver- 
meiden. 

Der Begleiter muss, ausser den vor sich habenden 
Zeichen, noch gar zu viel besonderer Regeln in Acht 
nehmen, um nicht zu fehlen. Denn zur guten Be- 
gleitung wird nicht Mos erfordert, dass man zu 
jeder Bassnote den rechten Akkord nehme, sondern, 
dass er in der schicklichen Höhe und in der schick- 
lichsten Gestalt genommen werde. Bis jetzt ist noch 
keine Bezifferung bekannt, die diese beiden Dm- 
stäode andeutet. So begnügt man rieh z. B., den 
Sextenakkord durch die Ziffer 6 anzudeuten; ob 
aber die Sexte oben oder unten, oder in der Mitte 
liegen soll, ob sie verdoppelt werden soll, ob man 
die Terz dabei verdoppeln, oder ob man die Oktave 
dazu oehmen soll, wird durch keine Bezifferung an- 
gedeutet. Daher entsteht die llothwendigkeit der 
erstftunlichen Menge von Regeln, die auch bei be- 
zifferten BSssen noch in Acht zu nehmen sind. Bine 
andere Unvollkommenheit ist die Menge der Zeichen, 
die oft zu einem Akkord erfordert werden, von denen 
noch dazu jedes durch g oder |? oder i^ kann ver- 
ändert werden, da es dann kaum möglich ist, in der 
nOthigen Oeschwindigkrit sich in alles zu finden. 

Es wfire viellricht nicht unmöglfch, diesen Unvoll- 
kommenheiten der Beufferung abzuhelfen, wenn nur 
die besten Meister sich die Sache mit 
Brnst angelegen sein Hessen. Wir 
wünschten vornehmlich, dass ein Kunstverständiger 
versuchen mOchte, ob nicht die Bezifferungen da- 
durch zu erlrichtern wären, dass man über der Bass - 
note, so oft es angeht, mit rinem Buchstaben den 
Ton anzeigte, dessen Drdklang oder Sexten- oder 
Septimenakkord, den eigentlichen zum Bass ge- 
hörigen Akkord ausmacht 

Wir überlassen den Meistern der Kunst, dieser 
Sache nachzudenken, und das Drtheil zu fUlen, ob 
auf eine solche Art die so gar grosse Anzahl der 
Beriffemngen oder sogenannten Signaturen nicht zu 
vermeiden und dadurch die ganze Sache zu er- 
leichtem wäre. 

Oft werden die Bezifferungen entweder aus Mangel 
der Ueberlegung oder aneh wohl aus Vorbedacht, um 
den Sachen ein gelehrtes Ansehen zu geben, ohne 
19ot vermehrti da sie auf durchgehende Bassnoten 
gelegt werden. 

Diese ganze Materie von der vollkommensten Be- 
zifferung verdient von einem erfahrenen Tonsetzer 
von Qrund aus untersucht zu werden, damit einmal 
eine so gar wichtige Sache zu einer grösseren VoU- 
kommenhrit könne gebracht werden. 

Eine Anweisung für Bezifferung findet sich, unter 
mehreren, in Heinichen's Anweisung zum General- 
ba^s. 



Auch handelte die Dissertation sur les diff^rentes 
methodes de Taccompagnement p. M. Rameau, Paris 
1742 davon. In dem 2. Thrile des Sentiment d'un 
Harmoniphile, Paris 1756, sind neue Zeichen zur Be- 
zifferung angegeben, welche daselbst dem H. Morem- 
bert zngesdirieben werden. Ihre erste Erscheinung 
veranlasste einen kleinen Streit 

Ums Jabr 1765 machte ein Franzose, Le Dran, 
eine neue Art von Bezifferung bekannt, von welcher 
in dem Essai sur la musique anc. et moderne, Paris 
1780 Nachricht gegeben wird. 

Wer der Erfinder des Generalbasses (bezifferter 
Bass) sei, weiss Snlzer in seiner Theorie der 
schönen Künste nachzuweisen. 



Wer den G^neralbass lernen will, muss not- 
wendig die ganze Wissenschaft der Harmonie und 
Modulation genau studiren. Und wenn er dies voll- 
Jcommen weiss, so hat er noch vieles zur guten Be- 
gleitung in Acht zu nehmen. Er muss nicht nur in 
der Fortschreitung die Quinten und Oktaven ver- 
meiden und jede Harmonie rein angeben, sondern 
auch die Hauptstimme durch seine Begleitung ge- 
hörig zu heben wissen. Denn der Generalbass- 
spieler kann ungemein viel verderben oder gut 
machen. 

Daher macht die Wissenschaft des Generalbasses 
einen besonderen und weitl&uftigen Teil der Musik 
aus, der von vielen in besonderen Werken vorge- 
tragen worden. Das wichtigste und gründlichste 
Werk darüber, ist wohl der zweite Tbeii von Baches 
Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen, 
der fast allein dem Generalbass gewidmet ist. 

Man schreibt die Erfindung des Generalbasses 
insgemein einem Wälschen, Namens Ludovico 
Viadana zu, welcher im Jahre 1606 zuerst von 
diesem Basse soll geschrieben haben. Es ist aber 
wahrscheinlich mit dieser Erfindung, wie mit vielen 
andern gegangen, die stufenweise entstanden, und 
erst, nachdem sie merklich angewachsen, als be- 
sondere Erfindungen betrachtet worden. 

Da die Orgeln sehr alt sind, so ist wahrschein- 
lich, dass lange vor Viadana, die Orgelspieler nicht 
blos den Bass und etwa eine Hauptstimme werden 
gespielt, sondern bisweilen zu richtiger Bemerkung 
des Tones, oder zu mehrerer Ausfüllung auch noch 
andere Intervalle dazu genommen haben. 

Vielleicht hat Viadana zuerst einige Regeln für 
ein solches Spielen gegeben und sich dadurch den 
Ruhm erworben, dass er die Sache selber erfunden 
habe. 

Was die Erfiodung des Generalbasses anbetrifft, 
so will ich solche mit den eigenen Worten eines Ge- 
schichtsschreibers der Musik hier erzählen. 

,Zu den Zeiten des Viadanae wurden die Motetten 
mit Fugen, Synkopen, dem geschmückten und ge- 
brochenen Kontrapunkt dergestalt ausgeziert und so 
einzig auf die Harmonie Rücksicht genommen, dass 
zwischen der Musik und den Worten keine Ueber- 
einstimmung mehr Statt hatte und die Musik ein Ge- 
wirre und Gezerre war. 

Diesem Uebel abzuhelfen, erfand Viadana die 



- 6 — 



Ifonodfeen and Konzerte, ond da dieie nan nicht 
ohne Fundament oder Leitfaden bestehen können, 
00 gab er ihnen in dem Bata gleichaam einen 
Führer, ohne dasa aie von dem Organiaten erat 
durften in die Tabulator gebracht werden. 



Konzert. 

Dieaea Wort hat zweierlei Bedeutung. £a be- 
zeichnet eine Veraammiuog ?on Tonkünatlem, die 
zusammen eine Muaik auff&hren; ond bedeutet auch 
c'ioe beaoodero (Httong dea Tonatficka Im ersten 
Hione sagt man: £a ia t heote Ko nzert bei 
Uofe; ein wöchentlichea Konzert. 

Im anderen Sinne wird daa Wort genommeni 
wenn mao sagt: Br hat ein Violin* oder 
Plötenkonzert gemacht. In folgenden An- 
markoogen wird daa Wort in dieser zweiten Be- 
deutuDg genommen* 

Die Konzerte sind von zweierlei Oattoog, die 
von den Italienern dorch die Namen Concerto 
groaso ond Concerto die camera onterachieden 
werden. 

Daa erste hat mehrere Haoptstimmen, damit vor 
schledeno Instrumente mit einander gleichsam streiten r 
ttod ebendaher (oftmlich von dem Worte concertare) 
hat diese Art der Musik ihren Namen. In aolchen 
Stücken ist eioe bestftndige Abwechselang der In- 
strumente, da bald dieses, bald ein aoderea den 
Uauptgoaang oder die Hauptatimme führt, bald alle 
zusammen eintreten. 

Die flauptatimmen wechaeln so gegen einander 
ab, dass das, was das eine Instrument gespielt hat, 
von einem anderen nach der ihm eigenen Art, bald 
freier, bald genauer nachgeahmt wird. 

Zur Verfertigung solcher Konzerte also hat der, 
ToDsetcer alle Künste dea Kontraputkta nOthig, 
und da überhaupt die Arbeit mühsam ond weit- 
läufig ist, so findet sich selten ein Tonsetzer, der 
sich damit abgiebt; daher solche Kooserte, be- 
sonders in Deutschland, ungewöhnlich sind. 

Das gemeine Kammerkonzert kommt 
desto häufiger vor, weil jeder Virtuos glaubt, durch 
ein solches Konzert die beste Gelegenheit zu haben, 
seine Geschicklichkeit zu zeigen. Bin solches Konzert 
ist also für ein beaondersa Instrument, daa Klavier 
die Violine, die Flöte, die Bassgeige, die Gambe u. a. f. 
gemacht, welches die Haoptstimme des Tonstückea 
führt. 

Die Binriohtung desselben ist, nach dem, was jetzt 
gewöhnlich ist, folgende. 

Bs besteht aus drei Haupttheilen, davon der erste 
eiu Allogro, der zweite ein Adagio ond der dritte 
wieder ein Allegro oder Presto ist Der erste Teil 
Ist insgemein der längste, der letzte der kürzeste 



nnd man kann aieh von der GrOaae einea a<debeii 
Tonstftcka ana dem ohngefftbren Zeitmaaaae, daa 
Qoanz dafür angiebt, einen Begriff madien. 

Nach aeiner Bemerkung hat daa Konzert die 
beste Gröaae, wenn der erste Theii etwa 5 Minuten 
lang, der andere 5—6 nnd der dritte 3—4 Minuten 
ond also daa ganze Konzert eine Viertelatunde 
dauert 

Jeder Theii fingt mit allen Instrumeoten zogleicb 
an ond hört aoch ao auf; in der Mitte läaat aicb 
meistentheila nor daa Uaopttnstroment hören ond 
hat alsdann bloa einen begleitenden Baas, hier ond 
da aber eine aehr einfiache Begleitung anderer Id- 
stromente, doch fallen aie aoch mitten im Stocke 
bisweilen wieder ein. 

Wem mit besonderen Anmerkongen ober die Be- 
achaffenheit dieses Konzertes gedient ist, der kann 
in Quanzen*d Anweisung im XVIIL Haoptstock fol- 
gende Paragraphen lesen. 

1. lo dem Ritomel wird der Haoptsatz, den 
die konzertirende Stimme hernach aoa- 
arbeitet ond verziert, vorgetragen. Dieaea 
achliesst In dem Haopttone, ehe der Kon- 
zertiat anfängt 

2. Hieraof läaat sich die konzeriirendo Stim- 
me hören ond trägt entweder die Melodie 
dea Ritornela vor oder Ifisst gar eine an- 

. dere hören, mit welcher sich der Haupt- 
satz dea Ritornela ganz oder stückweise 
vereinigt; Je mehr Neoes in der Haupt- 
atimme vorkommt, daa im Ritomel nicht 
gehört worden, wenn nor dabei in der Be- 
gleitong Sätze aua dem Hauptthema vor- 
kommen, desto besaer wird ea aich aos- 
nehmeo. Hingegen steht ea nicht got, 
wenn die konzertirende Stimme verschie- 
dene Passagen anbringt, die mit dem 
Uauptthema keine Verbindung haben. 
3 Man kann wechselaweise mit 5, 4, 3 und 
2 stimmigem Spiel abwechseln. Aber je 
weniger Stimmen sind, desto mehr musa 
aich der Gesang durch wahre Schönheiten 
der Melodie auszeichnen. 
4. Hierbei können mit Ueberlegong allerlri 
Arten von Kontraponkten, gebondene ond 
freie Nachahmongen ond aeibat Canons 
von allerlei Arten aogebracht werden. 
Das Konzert hat eigentlich keinen bestimmten 
Charakter, denn Niemand kann sagen, waa ea vor- 
atellen aoll oder was man damit anarichten will. 

Im Grunde iat ea nichts, ala eine Uebong für 
Setzer ond Spieler ond eine ganz onbeatimmte, 
weiter aof nichts abzielende Brgötzong dea Ohrea. 



- 7 — 



Musik-Aufführungen. 



Berlin, 27. Dezember 1896. 

Berlin hat noch immer nicht die zweite Oper, 
von der seit Jahren so viel die Rede ist, und die so 
Viele schon haben granden wollen. Ohoe Zweifel 
wäre es hocherwünscht, wenn neben dem theuren 
Königlichen Institate eine tachtige Oper mit gatem 
Repertoire und billigen Preisen existirto. Es ist so- 
gar sehr wahrscheinlich, dass sie sich selbst erhalten 
wfirde, wenn man aaf laxorlöse Ausstattung und 
ebensolche Sängerinnen verzichtete. Aber eines ist 
unbedingt nOthig: eine zielbewussto , durchaus 
leiötnngsföhige und für die Siehe begeisterte künst- 
lerische Persönlichkeit an der Spitze. Die kann sich 
dann auch talentvolle Anfäoger zu einem tüchtigen 
Ensemble heranziehen. Einen Kapellmeister aber, 
der bei einem solchen Unternehmen etwa erdt die 
Repertoire-Opern kennen lernen wollte, oder ein 
Theater, das von Anbeginn an nur auf Geldgewinn 
bedacht w&re, sind in solchem Falle unbrauchbar. 
Von den mancherlei Oiundungen, die augenblicklich 
auf diesem Gebiete hier geplant werden, ist gestern 
eine in'd Leben getreten und, wie es scheint, auch 
sofort wieder sanft entschlafen. Es wurde im ganzen 
eine Vorstellung hintereinander gegeben; die auf 
heut angesetzte zweite ist bereit abgesagt Herr 
Carl Meyder vom Konzerthause war der Gründer 
und Kapellmeister^ das Thalia-Theater der Ort der 
That, die Aufführung der »Lustigen Weiber* das 
corpus delicti, der Befund : unzulftnglich. Warten wir 
also wieder auf die nächste ,z weite* Oper. 

Das fünfte Philharmonische Konzert, 
das vor Weihnachten stattfand, bot ein viel zu langes, 
aber tief er- und eingreifendes Programm: Byron- 
8chumann*d »Manfred* und Beothoven^s 9. Sinfonie* 
D T Manfred kam zu besonders bedeutsamer Wirkung* 
Der musikalische Theil war unter Nikisch's Leitung 
hervorragend. Chor (Ochs' philharmonischer Chor) 
und Orchester ausgezeichnet, voll tief empfundener 
Poesie, und die Solisten, Frau Gmür-Harloff, Frau 
Geller und die Herren Dlerich und v. Milde eben- 
falls vortrefflich. Den Manfred aber sprach Herr 
Dr. WüUner so ergreifend, dass er damit den tiefsten 
Eindruck hervorrief. Seine Leistung war aus dem 
vorigen Jahre schon bekannt; sie scheint aber noch 
eindringlicher geworden zu sein. Auch Frau Lindner- 
Orban ans Weimar bewährte sich als Astarte sehr 
gut. Die neunte Sinfonie fand weder die Hörer noch 
die Ausfuhrendon so frisch, wie es nöthig gewesen 
wäre. Die Wiedergabe war natürlich gut, wie d^a 
bei diesen Kräften selbstverständlich ist, aber ich 
habe sie doch oft bedeutsamer gehOrt Ganz vor- 
züglich war aber auch diesmal der Chor. 

Im Opernhause fiemd als Sinfonieabend 
ein Beethoven-Konzert statt, das prachtvoll verlief. 
Besonders gefiel die selten gespielte zweite Leonoren- 
Ouverture, die auf das feinste herausgearbeitet war 
Hr. Ferrucdo Busoni spielte das Esdur-Konzert mit 
Geschmack und glänzender Fertigkeit. 

Im Konzerthause kam durch den von Herrn 
Koilermann geleiteten Gesangverein das Ora- 



torium „Kain" von Zenger (Text nach Byron) zur 
ersten Aufführung. Das Werk ist dreissig Jahre alt, 
und auch leider bereits ziemlich veraltet. Der tüch- 
tige Musiker ist nirgends zu verkennen, aber an 
Originalität fehlfs gar zu sehr, ebenso, wie an 
schärferer Charakteristik. Sehr hübsch ist ein So- 
pranlied, ferner ein Arioso Kains, aber es langt nicht 
für den Abend. Zudem war die Aufführung nicht 
genügend vorbereitet. Chor, Orchester und einige 
kleinere Solisten waren wenig zufriedenstellend und 
nur Frau Nicklas-Kempner und die Herren Ober- 
hauser und Heinemann erhoben sich über das all- 
gemeine Niveau des Abends. Hr. Heinemann zeigte 
ein sehr hübsches Gharakterisirungsvermögen. 

Ein grosses Konzert mit eigenen Kompositionen 
veranstaltete Reinhold Becker aus Dresden* 
Er hatte bedeutende Mitwirkende geworben, Frau 
Nicklas-Kempner, Frau Geller, die Herren Scheide- 
mantel und Thomson (Violine), dazu das Philharmoni- 
sche Orchester, und bei seiner liebenswürdigen Art, 
seine Aufgaben in wahrhaft populärer Weise zu be- 
handeln, würde es ihm an dem entsprechenden Er- 
folge nicht gefehlt haben, wenn er nicht den Fehler 
begangen hätte, zu viel Gleichmässiges, und zudem 
überhaupt zu viel zu bringen. Eine Reihe von Lie- 
dern mactite trotzdem einen sehr günstigen Ein- 
druck. 

Die Streichquartettvereinigungen bieten auch in 
diesem Winter ein reiches Maass von Kammermusik. 
Das Joachim^ sehe [Quartett hat, wie es scheint, 
seit langem die Aufnahme jeder Neuigkeit abge- 
schworen und beschränkt sich auf das alte Reper- 
toire, das es ja, wie alle Welt weiss, mit hervor- 
ragender Feinheit zur Ausführung bringt Das von 
Hrn. Prof. Holländer angeführte Quartett spielt 
sich immer mehr in die Gunst des Publikums hinein, 
und das böhmische Quartett ist mit seinen 
vorzüglichen Leistungen hier bereits vollkommen 
heimisch geworden. An dem letzten Quartettabend 
kam ein Quartett von Nedbal, dem Bratschisten der 
Künstlervereinigung, zum Vortrag, das sich durch 
formelle Abrundung, hübsche Erfindung und sprühen- 
des Temperament auszeichnete. 

Der Baritonist Hr. Reinh. Hoffmann ver- 
anstaltet im Verein mit Frl. Lucky historische 
Gesangkonzerte, in denen neben modernen Liedern 
eine grosse Reihe alter Operngesänge und ähnlicher 
Kompositionen zur Aufführung kommen. Das 
Programm ist sehr interessant und die Ausführung 
ganz zufriedenstellend, wenn auch die Stimmen nicht 
hervorragend schOn sind. Jedenfalls bilden diese 
Konzerte eine angenehme Abwechselung gegenüber 
den üblichen Gesangsabenden, an denen natürlich 
kein Mangel war. Wenn ich die Namen R o t h m ü hl, 
Schultze-Asteu, Lilli Lehmann, Mes- 
schaert, Wüllner,Niklas-Kempn ernenne, 
so sind das natürlich nur die Spitzen, um die sich 
eine Anzahl kleinerer und kleinster Sterne gruppiren, 
die unmöglich hier aufgezählt werden können. Aber 
ich will diesmal nicht schliessen, ohne noch zweier 



— 8 — 



interessanter Geiger sa gedenlKeo, die beide aas dem 
Osten zu ans gekommen sind: Frl. Jaff^ und 
Hr. L e w 1 n g e r. Sie haben beide durch elegante 
Technilc und warmblütige Anffassang sich rühmlich 

hervorgethan. 

0. Eichbtrg. 

Das Konzert, welches Ur. Georg Bloch mit 
seinem Gedangverein am 29. November im Saale des 
Architektenhaases gab, brachte ein gewähltes 
Programm in wohlgelangener Ausführung. Ensemble 
gesäDge aus E. Kretschmar's Oper „Die Folkunger*, 
Lieder für gemischten Chor von Mendelssohn, Edwin 
Schultz, R. Franz, A. Riedel und E. Gretry, Solo- 
gesänge von Brahma, Franz und Gade, endlich das 
Finale aus Kendelssohn's „Loreley* bildeten den 
Inhalt des Programms. Der Chor des Hrn. Bloch 
imponirt nicht durch seine Masse, erfreut aber 
durch seine ausgezeichnete Schulung und seinen 
frischen, lebendigen Stimmklang, er sang die 
a capella Chöre mit grosser Sicherheit, feiner Nüan- 
zirung und besonders schönem Wohlklange, 
Ed. Schultz ganz reizendes «Käferlied' und Gretry's 
„Die Wach ist da'' mussten auf stürmisches Begehren 
wiederholt werden. Unter den mitwirkenden 
Solisten ist Frl. Meta Meyer rühmend hevorzuheben, 
sie bot in der Soloparthie der „Loreley'' eine her- 
Torragende Leistung; Hr. Domsbiger Rieke zeichnete 
sich in den Soloparthien der „Folkunger'' aus und 
entzückte durch den Vortrag des Gade'schen Liedes 
„Lebe wohl, liebes Gretchen.'* 



OdysseuB' Heimkehr 

▼on Augast Bungert. 

(Erst-Auffuhrung.) 

Dresden, 18. Dezember 1896. 

Eine die Leitung unserer Königl. Hofoper ehrende 
That war die am 12. Dezember erfolgt« Erst-Auf- 
führung von August Bungerfs »MusiktragOdie* 
Odysseus' Heimkehr. Es war der erste Versuch, 
das ganze gewaltige Werk dieses Komponisten, in 
sechs Tragödien die Homerische Welt (llias und 
Odysee) umfassend, auf seine Auiführbarkeit und 
Bühnen nirksamkeit zu prüfen, und man darf sagen, 
wenigstens was den zur Vorfümng gelangten, 
übrigens aber in sich vollkommen abgeschlossenen 
Theil anlangt, bestand es die Feuerprobe glänzend. 
Einen stärkeren Erfolg, als den dieses dritten Theils 
der tctralogie: „Die Odyssee* — die »llias* 
behaodelt Bungert in den zwei Tragödien: 
.Achilleus* und „Klytemnestra* — hat man 
hier kaum jemals erlebt. Unter allen Umständen 
für die Bedeutung dieses Theils des Wertbes sprechend, 
wäre derselbe nur auf seine Echtheit und seine 
Tragweite für das Gesammtwerk zu untersuchen. 
An ersterer ist nicht zu zweifeln. Das auf hohe 
und höchste Ziele gerichtete Streben des Dichter- 
komponisten, die weil elementare, darum nie ver- 
siegende Kraft des zu Grunde liegenden Stoffs 
genügen allein, die gewaltige Wirkung zu erklären 
und nun vollends, wenn man eine hervorragend 
schöne, von echter Begeisterung getragene Auf- 
führung in Anrechnung bringt Ueber die Bedeutung 



des Erfolgs für das Gesammtwerk möchte man mit 
seinem Urtheil allerdings zurückhalten, solange 
wenigstens, bis man noch das eine oder andere Theil- 
werk von der Bühne auf sich könnte wirken lassen. 
Das Ausschlaggebende bei einem solchen gigantischen 
Unternehmen wird ja stets darin zu suchen sein, ob 
es dem Dichter gelang, eine Weltanschauung in 
demselben zum Ausdruck zu bringen. Das macht 
die Grösse der antiken Dramen Glucks wie die der 
von modern<>m, christlichem Geiste erfüllten 
„Iphigenia" Goethes aus. Dass auch Bungert 
eine Weltanschauung in seiner „Homerischen 
Welt* anstrebte, das geht für uns aus „Odysseus' 
Heimkehr* zur Evidenz hervor. Hier haben wir 
im Helden den immer irrenden, sehneodeni hoffenden 
Menschen vor uns, in Eumäos, dem „göttlichen 
Sanhirten*, den Repräsentanten des Pessimismns 
unserer Tage, in Penelopeia die Erde, das Irdische 
von der sich niemand ungestraft entfernen darf etc. 
Dabei schwebte ihm als Vorbild Richard Wagner's 
Schaffen, im Textinhalt die Nibelungen, in der 
Diktion des Textes der Tristan vor. Der Meister 
von Bayreuth hatte es auch versucht, zu den „Müttern* 
herabzusteigen und es wenigstens im Loge vermocht, 
eine Gestalt zu schaffen, die das, was er erstrebte, 
zum Aasdruck brachte. Bungert zog aber auch 
das Musikalische bei Wagner an, in dessen musik- 
dramatischen Prinzipien glaubte er das Mittel er- 
kannt zu haben, seinem gigantischen Stoff musi- 
kalisch beikommen zu können. Damit trug er dem 
epischen Grundcharakter desselben Rechnuog, viel- 
leicht zu sehr; denn das vorligende Werk weist echt 
dramatische Momente, sprungfertigen Impuls, bewusste 
rasche Bewegung, entscheidende That nur spärlich 
aul Selbst der Höhepunkt, das Erscheinen des 
Odysseus vor Penelopeia, vdrd nicht als solcher in 
pnÜLtischer Greifbarkeit herausgearbeiteti sondern 
mehr episch breit behandelt Und nichts desto- 
weniger wirken die Vorgänge auf der Scene so ge- 
waltig, dass sie kaum noch der Belebung, lUustriraog 
durch die Musik zu bedürfen scheinen. Diese be- 
scbräoktsich denn auch oft durchaus auf jenen deklama- 
torischen Gesangstil, den der Bayreuther Meister 
inaugnrirte. So vor allem in dem den Mittelpunkt 
der ganzen, inhaltlich auf den Schlussgesängen der 
Odyssee errichteten Tragödie, bildenden 8. Akt, in 
dem der Held erscheint, als Penelopeia sein Gemahl 
von den Freiem zum Schwüre gedrängt wird. 
Farbenreicher giebt sich der folgende dritte (Schluss-) 
Akt) in dem Odysseus des Iphytos* Bogen spannt 
uod das Strafgericht an der. wüsten Rotte vollzieht 
Hier greift auch der Chor, der bisher in begleitend 
gehaltenen koloraturverbrämten Najadengesängen und 
munteren, charakteristischen Hirtengesäogen eine 
nur sekundäre Rolle spielte, kräftig ein. Hier finden 
sich auch Odysseus und Penelopeia zu regelrechtem 
Zwiegesang zusammen, während der Komponist doch 
den Zusammenklang der Stimmen nach Kräften ver- 
meidet, und sich auch nur ein einzigesmal zu einer 
Art Ensemble (am Schlüsse des 1. Akts) versteigt 
Haben wir so impUcite den allgemeinen Stil der 
Musik schon als den des letiten Wagner gekenn- 
seichnet, so erübrigt es nur noch darauf hin zu 



— 9 — 



welBOD, dass Bangert sich aacb die BenützaDg leit- 
motiviflcher BildaDgen nicht entgehen Iftsst. Nor 
▼erweadet er dieselben im Orchester nicht, wie sein 
Vorbild, in polyphoner Führung und Verwebang, 
Bondem bringt dieselben meist in homophoner Yer- 
werthong, wobei die Instramentation in den Mittel- 
stimmen nicht selten etwas dürftig aosfölli Im 
übrigen aber iit Bangert's melodiöse Erfindaog 
recht beachtlich, und wenn sie auch Yorwiegend 
lyrischen Charakters erscheint, so fehlt doch auch 
Energie des dramatischen Aasdracks z. B. in 
Odyssens' Monologen keineswegs. Zur Aafführang 



kommend, so gedachten wir Ihrer Eingangs schon 
in lobendster Weise. Es genüge, wenn wir bemerken, 
dass Schach am Palte sass und die beiden Haopt- 
partbien des Odyssens und der Penelopeia in den 
Hfinden Scheidemantcls and Fraa Wittichs in 
denkbar besten waren. Herr Wächter (Enmftos), 
Herr Anthes (Hyperion), Fil. Fröhlich (Athene) 
seien wie die Herren Brans and red er (die 
„Freier* Antinoos and Eurymachos) als Vertreter 
der nftchst wichtigen Rollen noch namentlich an- 
geführt. OS. 



Ton hier und ausserhall). 



Berlin. Der Hofpianist Alfred Grünfeld 
erhielt den Kgl. Fr. Rothen Adlerorden IV. Kl. 

Der Kaiser hat dem Hofpiano fabrikanten Geh. 
KommiBsionsrath Wilhelm Biese and seiner 
Gattin Konradine, geb. Schwarz, die am 26. Dez. die 
goldene Hochzeit begingen, die goldene Ebejabil&ams- 
medaille yerliehen. Die feierliche Ueberreichong der 
Medaille erfolgte nachmittags in der Jerasalemer- 
kirche darch Prediger Prof. t. Soden. 

— Die Königlichen Kapellmeister Felix Wein- 
gartnar and Dr. Carl Mack in Berlin erhielten aas 
der Hand des Kaisers den Königl. Preass. Rothen- 
Adlarorden IV. Klasse, Hof kapellmeister Klaghardt 
in Dessaa vom Herzog von Altenbnrg die goldene 
Medaille für Konst and Wissenschaft mit der 
Krone. 

-^ Pro! Franz Mannstaedt, der jetzige Dirigent 
des Philharmonischen Orchesters, wird am 1. No- 
▼ember 1897 an Stelle des alsdann scheidenden Hof- 
kapellmeSaters Rebicek wieder an das Hoftheater za 
Wiesbaden znrfiekkehren, wohin er bekanntlich zam 
ersten Male von demselben Platz ans berufen wurde, 
wie dtesmaL 

— Ueber das jüngste Hofkonzert im Neuen 
Palaia werden dem , Kleinen Journal* folgende 
Einzelheiten mitgetheilt: Der Kaiser interessirte sich 
namentlich für die Ges&nge des Sfingerbundes des 
Berliner Lehrervereins and ordnete bei der General- 
probe an, man mOge die Harfen bei der Abend- 
aolffihrang möglichst nach yom placiren, damit die 
Harfenbegleitang Tom Pnblikam auch deutlich yer- 
nommen werde. Im übrigen erwies sich der Kaiser 
auch hierbei als ein Musikkenner von Fach and bat 
wiederholt — namentlich bei dem Vortrage der 
Alt-Niederlindiseften Volkslieder, deren Text und 
Melodie der Monarch genaa zu kennen schien — , 
dass das Tempo bald langsamer, bald schneller ge- 
nommen werden mOchte. Nachstehend geben wir 
das ToUstftndige Programm, dessen Aator der Kaiser 
ist und das von ihm bis aaf das geringste Detail 
yerfust wurde, wieder. 1. Ouvertüre zu .(3oriolan*, 
L. V» Beethoven. Die Königliche Kapelle. Dirigent: 
Kapellmeister Dr. Carl Muck. 2. Vier Madrigale aus 



dem 16. Jahrhundent. a) Fiiesset dabin, ihr Thrftnen, 
John Bennei b) Gagliarda, J. L. Hassler. c) Villa- 
nelia alla Napolltana, B. Donati. d) Amor im Nachen, 
B. Gastoldi. Der Königliche Domchor. Dirigent: 
Professor Albert Becker. 3. Zwei Gesfioge für 
N:finnerchor. a) Rudolf von Werdenberg, F. Hegar. 
b^ Brautfabrt in Hardanger, H. Kjerulf. Der Sfinger. 
band des Berliner Lehrer - Vereins. Dirigent: 
Professor Felix Schmidt. 4. Vier weltliche Minne- 
lieder aus dem 13. Jahrhundert, für Chor eingerichtet 
von Albert Becker, a) Lieb im Mai, b) Vergebene 
Treu*, c) Maieogruss, d) An Frau Minne, Fürst 
Witzlaw. Der Königliche Domchor. Dirigent: Prof. 
Albert Becker. 5. Sang an Aegir. (Dichtung und 
Komposition von Seiner Majestät dem Kaiser und 
KOnig.) Der Königliche Domchor und die König- 
liche Kapelle. Dirigent: Professor Albert Becker. 
6. Vier geistliche Minnelieder aus dem 13. Jahr- 
hundert, für Solo, Chor und .Orchester eingerichtet 
von Albert Becker, a) Gottes Gnade, Meissner, 
b) Basslied, Tannh&user. Bass-Solo: Herr Betz, 
Königlicher Kammersänger, c) Gebet, Fürst Witzlaw, 
d) Gottes Allmacht, Meissner. Der Königliche Dom- 
chor und die Königliche Kapelle. Dirigent : Professor 
Albert Becker. 7. Zwei Ges&nge für Mfinnerchor. 
a) Spinnlied, H. Jüngst; b) Lützow's wilde Jagd, 
G. M. V. Weber. Der Sängerbund des Berliner Lehrer- 
Vereins. Dirigent; Professor Felix Schmidt 8. Zwei 
Alt-Niederländische Volkslieder aus »Nederlandtschen 
Gedenck-clanck*' , Adrianus Valerius (1626) für 
Mäonerchor und Orchester eingerichtet von Kremser, 
a) Berg op Zoom, b) Wilhelmus von Nassauen. Der 
Sängerbund des Berliner Lehrervereins und die 
KOnigl. Kapelle. Dirigent: Prof. Felix Schmidt 
9. Drei Alt-Niederländische Volkslieder aus „Neder- 
landtschen Gedenck-claDck", Adrianus Valerius (1626), 
für Chor und Orchester eingerichtet von Albert 
Becker, a) Gebet vor der Schlacht b) Dankgebet 
nach der Schiacht c) Stormlied. Der Königliche 
Domchor und die Königliche Kapelle. Dirigent: 
Professor Albert Becker. 10. Oaverture zu „Bgmont^, 
L. V. Beethoven. Die Königliche Kapelle. Dirigent: 
Kapellmeister Dr. (3arl Muck. Nach Sculuss des 
Konzertes beehrte der Kaiser, welcher dem Sänger- 



— 10 — 



bände des Berlioer Lebrervereias für Berg op Zoom 
und Wilhelmas von Nassaaen die Noten aas Hanno- 
ver hatte kommen lassen, den Dirigenten Herrn 
Professor Felix Schmidt mit einer Iftngeren An- 
sprache. Der Monarch erklärte, dass er geradezu 
entzackt sei von dem wanderschönon Stimmenklang 
and der künstlerischen Vortragsweise des Vereins; 
er hoffe, dass es nicht das letzte Mal gewesen, dass 
er die Herren bei sich gesehen. Ebenso anterhielt 
sich der Kaiser längere Zeit mit Herrn Professor 
Becker. Die Dirigenten, wurden alsdann zur Hof- 
tafel befohlen, für die übrigen Mitwirkenden war im 
Nebensaal ein kaltes Büffet mit Sekt aufgestellt. 

— Die Firma Schiedmayer, Pianofortefiabrik, 
vormals J. A F. Schiedmayer in Stuttgart, welche 
schon anno 1887 das Recht erhielt, das italienische 
Wappen führen zu dürfen, ' ist mit Königlichem 
Dekret vom 28. v. M. der Hoflieferantentitel 
Sr. Maj. des Königs und I. Maj. der Königin von 
Italien verliehen worden. 

— Die grösste künstlerische Tbat als Pianist hat 
in Leipzig Hr. Bertrand Roth aus Dreden mit dem Vor- 
trag sämmtlicher Klaviersonaten Beethoven^s voll- 
bracht. Um diese Leistung nach Verdienst zu 
würdigen, bedürfte es eines ausführlichen Artikels, 
für welchen jetzt der Raum mangelt; aber auch in 
einem solchen könnte man doch nur schwer einen 
Begriff von dem Eindruck geben, den eine solche 
künstlerische Qrossthat hinterlässt. Wir wollen 
heute nur kurz konstatiren, dass Herr Roth seine 
Aufgaben am 6. Dezember mit dem Vortrag der 
Op. 109, 110 und 111 zu Eode führte und sich 
dabei noch in derselben geistigen Frische zeigte, 
wie am Anfang seiner hochdankenswerthen Inter- 
pretationen, deren Werth die Bemerkung, dass in 
der Wiedergabe namentlich der letzten grossen So- 
naten Abweichungen von dem Gewohnten mit unter- 
liefen, nicht im geringsten abzumindern, wohl 
aber die Achtung vor der selbständigen Auffassung 
des Künstlers nur noch zu erhöhen vermag. 
Dass Herr Roth sein Riesenprogramm vollständig 
aus dem Oedäcbtniss bewältigte, sei der Voll- 
ständigkeit wegen nur beiläufig erwähnt 

(Musikalisches Wochenblatt.) 

— Herrn Ferdinand Gleich, dem Nestor der Dres- 
dener Kritik, wurde anlässlich seines 80. Geburtstages 
(17. Dez.) der königliche Professortitel verliehen. 

— Im letzten Sonntagskonzert der Museumsge- 
selischaft in Frankfurt a. M. hatte Dvorak^s Sym- 
phonische Dichtung «Das goldene Spinnrad* und mit 
dem Werke auch der Dirigent Herr Kogel einen sehr 
freundlichen Erfolg. 

— Auch in Frankfurt a. M., Der Stadt, 
welche «wenn sie ausfährt, nur vierspännig fährt" und 
von welcher man zu sagen pflegt: «dass ihre Strassen 
mit Goldstücken gepflastert seien**, scheint das Musik- 
lehrerinnen-Proletariat in bedenklicher Weise aufzu- 
treten, wie sich ans nachfolgenden Annoncen in 
öffentlichen Blättern schliessen lässt: 

«Eine junge Klavierlehrerin erbietet sich 
wöchentlich zwei Gratisstunden zu ertheilen 



gegen Gewährung des tauchen Vieruhrkaffees 
in der Familie.* 

«Eine 20 Jahre erfahrene, geduldige, liebe- 
volle Lehrerin lehrt nach leicht fBUMlicher 
Methode Klavier, Gesang etc. zu 50 P%. Weih- 
nachtslieder können noch einstadirt werden, 
auch Abends.* 

„Gründlicher Klavier-D nterricht wird Sonn- 
tags Nachmittags und Abendi nach 7 Uhr täg- 
lich zu 75 Pf. per Stande ertheilt; zu anderer 
Zeit die Stande 1 Mk." 

«Tüchtige Klavierlehrerin wünscht 2 durch 
Abreise frei gewordene Standen neu zu be- 
setzen. Honorar 1,30 Mk.. Fleissige Schüler 
werden durch Geschenke belohnt On parle 
fran^ais. EngUsh spoken.* 

— In Baden-Baden starb am 17. Dezember der 
Musikschriftsteller Richard Pohl. Er wurde am 
18. September 1826 zu Leipzig geboren, studirte in 
Karisruhe, Göttingen und Leipzig Naturwissen- 
schaften, Philosophie und Musik und zog nach 
kurzer Lehrthätigkeit zu Graz 1852 nach Dresden 
und von dort 1854 nach Weimar, wo er in regem 
Verkehr mit Liszt stand. In Gemeinschaft mit 
Fr. Brendel gab er 1856—1860 die «Anregungen für 
Kunst und Wissenschaft* heraus und betheiligte 
sich an der Redaktion der «Neuen Zeitschrift für 
Musik". Als Liszt Weimar verlassen hatte, über- 
siedelte Pohl 1864 nach Baden-Baden. Als eifriger 
Anhänger der neudeutschen Musik vertrat er seine 
Anschauungen, früher unter dem Pseudonym Hoplit, 
vielfach darch Broscharen und Artikel in Fach- 
blättem. 1853 erschienen von Pohl «Akustische 
Briefe für Musiker und Musikfreunde*, 1864 eine 
vierbändige Uebersetzung der gesammelten Schriften 
von Hector Berlioz und 1883 «Richard Wagner, 
Studien und Kritiken*. Pohl hat auch einige dich- 
terische Texte für Schumann, 'Liszt und Berlioz ge- 
schrieben. 

— In einem der jüngsten Hefte der «Gazette des 
beanx-arts* veröffentlicht Dr. Frimmel einen Beet- 
hovenkopf von der Hand Moritz von Schwind*s. Der 
Abbildung liegt eine Federzeichnung des genannten 
Malers zu Grunde, die sich in einem seiner Skizzen- 
bücher erhalten hat und bisher nur im engsten 
Kreise bekannt war. Die Tochter Schwindle ist die 
Besitzerin des Blattes, auf dem Beethoven*8 Kopf 
vom Maler aus dem Gedächtniss gezeichnet worden 
ist — so lautet nämlich die Ueberlieferung. 
Beethoven's düstere Miene und sein wirres Haar 
siod übrigens augenscheinlich in sehr charakte- 
ristischer Weise wiedergegeben, so dass das Blatt 
ein doppeltes Interesse in Anspruch nehmen kann, als 
Bildniss Beethoveo's und als Werk von Schwind*s. 

— Der Kaiser von Russland hat dem Professor des 
Moskauer Konservatoriums, Ippolitow-Iwaoov, für die 
von ihm komponirte Krönungskantate, die beim Be- 
such der Majestäten in der Duma zur Anff&hrung 
gelangte, eine Geldgratification im Betrage von 500 
Rubeln angewiesen. 

— In Warschau hat die «Musikalische Gesell- 
schaft* kürzlich ihr 25 jähriges Bestehen gefeiert 



— li- 



ste lählt gegenwärtig 900 Mitglieder and hat eine 
Jabreseinnabme Ton 73000 Rubel. 

— In Petersburg ist im Hauptsaale des Kaiser- 
lichen Konservatoriums eine Büste Peter Tschai- 
kowsky's enth&Ut worden. 

— Der griechische Opern komponist Xyndias ist 
in Athen gestorben. Er hatte seine Studien am 
Mailftnder Konservatorium gemacht und drei seiner 
Opern: «Die beiden Rivalen^, »Graf Giuliano* und 
»Der Parlamentskandidat* hatten auch auf italieoi- 
scheo Bühnen Beifall gefunden. Nach Xyndias 
Tode hat Griechenland nur noch einen namhaften 
Opernkomponisten, den MaSstro Spiro Samara, 
dessen »Märtyrerin* vergangenes Jahr, allerdings 
mit sweifelhaftem Erfolge, auch in Berlin gegeben 
worden ist 

Breslan. Der Fifigerscbe Gesangverein brachte 
eine vortreffliche Aufführung des weltlichen Ora- 
toriums »Krösus* von G. Ad. Lorenz. Herr 
Musikdirektor Flügel hatte das um&ngreiche, be- 
sonders in den Ghorparthien sehr schwierige Werk 
ausgezeichnet einstudirt und leitete die Aufführung 
mit BJngabe nnd schwungvoller Energie. *Ghor, So- 
listen und Orchester waren durchaus tüchtig auf dem 
Platze, und so konnte es denn nicht fehlen, dass der 
Erfolg des schOn orchestrirten Werkes ein durch- 
schlagender war. Der anwesende Komponist wurde 
durch Hervorruf nnd Kranzspende geehrt. Allen 
leistungsfthigen grossen Ghorvereinen ist dieses Ora- 
torium, die Schöpfung eines ernsten, reifen Künstlers, 
dringend zu empfehlen. 

(Allgemeine Deutsche Musikzeituog.) 

CasseL Die Gründung eines Vereins zur Pflege 
der reinen Kirchenmusik ist in jedem Falle ein so 
mühevolles und gewagtes Unternehmen, dass ein 
glückliches Gelingen nmsomehr für die musikalische 
Beschaffenheit des Publikums nnd vor allem des 
Dirigenten spricht. Herr Musikdireklor Lorenz 
Spengler, der Gründer und Leiter des Vereins 
»Musica Sacra*, hat in dem vor kurzem In der 
Martinskirche veranstalteten Konzert bewiesen, was 
eine energische, künstlerische Dirigentenhand und 
mehr noch ein denkender, das Wesen der Kunst er- 
fassender Geist vermag. Der kleine, aus etwa 
10 Herren nnd 16 Damen bestehende a capella-Chor 
entzückte durch den reinen, kunstverständigen Vor- 
trag seiner Gesänge, durch tadelloses Einsetzen und 
sphärenhaftes Verklingen der Tüne. Die herrlichen 
Werke eines Palestrina, Burgk, Lotti, Hassler, 
Haydn, Hauptmann und Mozart kamen in 
vollendeter Weise zu Gehör, ein ehrendes Zeugniss 
für den Dirigenten nnd die Mitwirkenden. 

Leipzig, Im Theatersaal des Krystallpalastes, 
wo Raonl Koszalsky vor vier Jahren zum ersten 
Mal gespielt, gab er vor kurzem sein tausendstes 
Konzert 

~ Hr. Prof. Dr. Roh. Papperitz, hochverdienter 
Lehrer am K. Konserratorium der Musik nnd Orga- 
nist an der Nikolaikirche zu Leipzig, einer der liebens- 



würdigsten nnd feinfühligsten Künstler unserer Stadt, 
beging am 4. Dez. in vollster geistiger Frische seinen 
70. Geburtstag. 

— Im Liszt-Vereine zu Leipzig wurde im vierten 
Konzerte die symphonische Dichtung „Rosmersholm* 
eines 15 jährigen Gymnasiasten Gustav Brecher auf- 
geführt. Das auf Empfehlung des Hofkapell- 
meisters Richard Strauss in das Programm aufge- 
nommene Werk soll sich als erster Versach einer 
ausserordentlichen Begabung angekündigt haben 
und wenn auch die Etfindang manchmal an Be- 
kanntes anknüpft, so muss doch die Energie, mit 
welcher der jugendliche Komponist den einzelnen 
Stiiumungsbildern nachgebt, ebenso die Sicherheit, 
mit der er den Orchesterapparat im Sinne der mo- 
dernsten Instrumentationstecbnik beherrscht, allge- 
meine Bewunderung verdienen. 

Sondershangen. Hier, wo er seit 1885 in stiller 
Znrückgezogenheit gelebt hat, ist am 14. Dezember, 
74 Jahre alt, der in den weitesten Kreisen zur An- 
erkennung gelangte Mnsikschriftsteller W. J. v. Wa- 
sielewski gestorben , Polnischen Ursprungs , doch 
früh germanisiit, hat er auf dem Leipziger Konser- 
vatorium seine Ausbildung erbalten und hier, als 
Schüler Mendelssohn^s, Ferd. David^s und Haupt- 
mannes, die Grundsätze aufgenommen, die für seine 
spätere Weiteicntwickelnng von best'mmendem Ein- 
fluss gewesen sind. Späterhin ist er dann in Düssel- 
dorf mit dem Küostlerpaar Schümann in innige Ver- 
bindung getreten, und diese Beziehungen haben ihn, 
der von Haus aus Violinist war und später mehrfach 
als Ghordirigent thätig gewesen ist, zur Herans- 
gabe seiner seither mehrfach und immer in 
verbesserter Form aufgelegten Biographie Robert 
Schumano's veranlasst Vielfache und sorgfäl- 
tige Studien in deutschen wie ausländischen 
Bibliotheken über die Geschichte und Ent- 
wickelung unserer Bogeninstrnmente haben dann 
jene werthvollen Monographien über die Violine 
und dss Violoncello hervorgerufen, deren Vor- 
trefflichkeit sich in einer Reihe von Jahren erprobt 
hat Aus der weiteren literarischen Thätigkeit des 
Verstorben sei noch seine Biographie Beethoven^s 
erwähnt. Als einer feinfühligen vornehmen 
Künstlernatur voll Wissen und Geschmack 
wird sein Andenken in der Musikwelt bewahrt 
bleiben. 

Wien« Der Verein der Musiklehrerinnen ver- 
anstaltet Donnerstag den 10. Dez. im Saale Ehrbar 
ein Schüler -Konzert, bei welchem Schüler und 
Schülerinnen der Vereiosmitglieder Frl. von Hueber 
FrL Kuk, Frl. Pfleger, FrL Pokorny, Fr. Prof. Pruck- 
ner, Frl. Falter, Frl. Scheibler, Frl. SiebenUst und 
FrL V. Zipperer mitwirkten. 

~ Lemberger Zeitungen berichten von einer im 
dortigen jüdischen Theater neu aufgeführten funfsictigen 
Oper „Jehuda ha-Levy* oder .Die Sehnsucht nach 
Zion*, Text von Anerbach, Musik von Wol&thal. 



— 12 ^ 



Bücher und Musikalien. 



Aigwt Haarbeek: „Ghriatenheim^ Kine 
Sammluiig geistlicher Fesilieder für Klavier sa 
4 Haodcn. Neakircheu bei Moers. Buchbandlang 
des RniehoDgsTereios. 
Die Sammlang entbftlt 12 uoserer schönsten 
Weibnacbtschorftle and Weinachtslieder for 4 Hände 
derart arrangiert, daas zwei jüngere Spieler sie mit 
Leichtigiceit bewältigen können. Ausser den ali- 
gemein bekannten Weihnaebtsgesftngen sind in der 
Sammlang aufgenommen: ,yWachet aaf, raft ans die 
Stimme'S ^Ich bete an die Macht der Liebet nnd 
f^Es ist ein Ros^ entsprangen^. Das Werk ist sehr 
warm xn empfehlen; wir wollen noch erwähnen, dass 
es fein and Yomehm aasgestattet ist and doch nor 
den sehr niedrigen Preis Ton Ißb Mk. kostet A. M. 

A. Eeeartiu Steiler: Vorschläge zur zeit- 
gemässen Reorganisation des Unter- 
richts an denAkademien andKonser- 
▼ atorien für Masik. Zürich and Leipzig, 
Th. Schröter. 

Welches sind die Aufgaben, welche die Konser- 
Tatorien zu erfüllen haben and wie werden dieselben 
erfüllt? — femer: Welche Veränderangen ond Ver- 
besserangen sind wünscheoswerth? Das sind die 
beiden Gesicbtsponkte, nnter denen der Aator sein 
Werk geschrieben. Kr sagt nach beiden Riebtangen, — 
wenn aach nicht immer neu, — manch wahres and be- 



achtenswerthens Wort, er beleachtet die AasbUdongs- 
methoden an den KonserTatorien, er weist auf dsa 
Gate and Yonügliehe einzelner DisdpÜnen hin, er 
zeigt aber auch das Sehablonenhafte, das sich an 
▼ielen Konststätten breit macht and findet den 
schwächsten nnd angreifbaisten Pankt in der Mangel- 
haftigkeit bei der Aasbildang sam Lehrberuf. Wohl 
hat der Aator Recht, dass viele Konserratorien nach 
dieser Richtung ihre Aufgabe nicht lösen, dennoch 
scheint er sich hier nicht genügend informirt zu 
haben. Er nennt als einsigea das Dresdener Konser- 
vatorium, welches in neuerer Zeit Kurse für Unter- 
richtsmethodik eingerichtet habe. Aber lange vor 
diesem bestanden in Berlin die Seminare Ton Prof. 
Kullack, von Prof. Breslaur, letzterer hat es sich zur 
besonderen Aafgabe gestellt, methodisch geschulte 
Lehrer und Lehrerinnen auszubilden; femer wäre 
das Seminar von Klauwell in Köln za nennen und 
verschiedene andere. Auf des Autors Vorschläge 
zur Bess^ung nnd za besserer geistigen Belebung des 
Unterrichts einzugehen, fehlt ans hier der Platz, er 
giebt da manchen dankenswerthen Wink und es kann 
vielen Leitern von Musikschulen nur geratheh werden, 
das Büchlein zu stadiren. Verschiedene der von 
ihm angerathenen Kurse für die Unterricbtsmethodik 
finden sich bereits in eingehenden Artikeln in dem 
Werke: ,Jfethodik des Klavier-Unterrichts« von Prot 
Breslaur bearbeitet A. M. 



Anrej^iing und Unterlialtanj^. 



Goldmark's .Heimchen am Herd* wird in Für 
and Wider stark umstritten. Den freundlichen 
Stimmen über die Oper stehen auch weniger sym- 
pathische gegenüber. Diese Meinungsverschiedenheit 
erstreckt sich aus dem Publikum auch in die Fach- 
kreise. Die ,N. Hamb. Ztg/ hat eine Rnndfrsge 
„Wie denken Sie über Geldmarkts ,Heimcben am 
Herd*?« an angesehene Mosiker gerichtet Hier 
einiges aus den Antworten. 

Der einflcssreiche Musikschriftsteller Leipzigs, 
Herr Fr. R. Pfau, schreibt : 

»Mdner Ansicht nach kann ein nur einigermaassen 
kritisch sngelegtes oder auch nur ästhetisch em- 
pfindendes Gemüth sich über das «Heimchen am 
Herd** doch nicht im unklaren sein; der Text ist 
ganz verfehlt und spiegelt die haimlose, liebens- 
würdige Kleinmalerei des Dickens^schen Romanes in 
keiner Weise wieder, im Gegentheil, er bringt eine 
Menge fremdartiger Zathaten hinein, die zum Theil 
durchaus nicht von feinem Gescbnuick zeugen, and 
die Musik ist stjrllos in sich, sowie im Hinblick aaf 
das Sujet, ausserdem erfindungsarm. Ich habe das 
Gefühl, da&s Goldmark mit dem „Heimchen* Hnmper- 
Hänsel and Gretel'^ nachabmeo, vielleicht 
"trumpfen wollte, wenn aber jene echt 



deutsche Märehenoper durch ihre natürliche poetische 
Kraft wirkt, so erzielt Goldmark seinen «Heimchen*- 
Erfolg durch die beiden geschickt entworfenen 
Schlussbilder des zweiten und dritten Aktes. Der- 
artige Aeusserlichkeiten wirken ja stets aaf die 
grosse Menge, und sie ist es doch schliesslich, in 
deren Händen die LebensfiUiigkeit eines Bühnen- 
werkes zum grossen Theil ruht* 

Ein weiteres Urtheil aus der Metropole der ma- 
sikalischeo Intelligenz giebt Herr Professor Bernhard 
Vogel, dessen Musikerbiographiea weit bekannt 
sind: 

A. ^Das Heimchen am Herd ist nicht viel werth! 
Ss ist zu verweisen in*s alte ffisen!* 

B. «Das Heimchen am Herd ist Goldes werth! 
Ss ist za preisen in tauseod Weisen!* ~ 

C. «Gemach, Kollegen vom Federkiel, 

Nur nicht im Lob, nicht im Tadel zu viel! 
Goldmark war niemals Orig^al! 
Nie hat er empfunden Gewissensqual, 
Die Style darcheinander zu mischen 
Und sich das Beste herauszufischen 
Und doch, die ede'en Melodien, 
die sinnig am Ohr vorüberziehen 
Und dringea oft selbst in^s Herz hinein, 



— 13 — 



S'e soltfea udb hoch willkommea ^eio! 

Nach dem italieniscben Pftthosplander, 

Wie tbat es wohl, wenn frisch und maDter 

Einmal die Opernweise erkÜDgt 

Und nicht bloss Ehebruch ood Todtschlag be- 
singt! 

Seid froh, dass each Dun ward beschert 

Das liebliche, sinnige ,HeimeheQ am Herd'!" 
Eine Stimme aas Dresdeo, die des Dr. Arthor 
Seidl, spricht: 

»Carl GoldmarlE's , Heimchen am Herd* mit 
Hamperdinek*8 .HAnsel und Gretel* aach nur in 
einem Atbem xa neoneo, zeigt, dass man Hnmper- 
dioclE trots aller Aafffahmngen ganz and gar nicht 
▼erstanden hat.* 

Wesentlich goDstiger ftossert sich in Dresden der 
erste HofkapellmeiBter dtr dortigen Oper, Herr Ge- 
neralmasikdirektor Hofrath Ernst Schach. Er 
schreibt: 

»Seit langen Jahren stehe ich Meister Goldmark 
freandschaftlich so nahe, dass eine lobende Be- 
sprechnng seines Werkes aas meiner Feder niemand 
sonderlich beachten wfirde; dem lieben Freunde 
aber, der so viel Bedeatendes geschaffen, darcb 
irgend welche Bedenken wehe zn thon, brftchte ich 
nicht Ciber*s Hers. Die Thatsache, dass ich sein 
Werk znr Annahme empfohlen nnd mit Last and 



Liebe einstadirt and geleitet habe, ist ja auch an 
sich genügend, nm mich von einem eingehenden Ur- 
theile zn entbinden.* 

Ist so bei Schuch das Wohlgefallen an dem Werke 
noch nicht deutlich za erkennen, so lässt die Ant- 
wort seines Kollegen Hans Richter in Wien irgend 
welchen Zweifel nicht mehr zu : 

»Mir gefftllt die Musik zur Oper ,Das Heimchen 
am Herd«.* 

Aach Ernst Possart's Antwort kann man als 
indirekte Zustimmung ansehen. Sie lautet: 

»Die Annahme der Oper für die hiesige König- 
liche Hofbühne beweist, dass ich der Meinung bin, 
Geldmarkts neueste Schöpfung dem Publikum nicht 
vorenthalten la dürfen.* 



Erhebt each nicht über Regeln, die ihr noch 
nicht gründlich yerarbeitet habt Es ist nichts Hals- 
brechenderes als Das, nnd selbst der Talentlosere 
konnte each im zweiten Moment der Begegnung die 
Maske beschämend abziehen. 

Es kann Einem nichts Schlimmeres passiren, als 
von einem Hall unken gelobt zu werden. 

• * • 

Eher sollte man überhaupt nicht nrthdlen, ehe 

man nicht ein Stück in seiner vollkommensten Aus- 
führang sich denken kann oder es so gehört hat 



Vereine. 



Verein der Musik-Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin. 

In der Dezember-Sitzung sprach Herr Professor 
Herrmann Schröder über das Thema: .Cha- 
rakter der Töne und Tonarten, übertragen 
auf das Gebiet der Farben, und eine hieraus 
entstehende nene Farbenharmonie."^ Der 
Vortragende eritfthnte die bereits im Alterthnm von 
Chinesen and Persem, in der Neuzeit von Castel und 
Unger aufgestellten Systeme einer Vergleichung der 
Töne mit den Farben. Dnger zerlegt das Sonnen- 
spektrum in zwölf Farben nüancen und setzt diese 
mit der chromatischen Tonleiter in Analogie. Diesem 
Sjrstem stellt Schröder das seinige gegenüoer, welches, 
der Verwandtschaft der Töne entsprechend, die Reihe 
der Farben der Reihe der Quinten gleichsetzt 
Znm Belege weist er nach, dass beim alten System 
die drei Farben, welche den drei Tönen eines Düt- 
oder Moll-Dreiklangs analog sind, in ihrer Mischung 
überall nnschöne, erdbrsnne Fftrbungen ergeben, 
wahrend im neaen System die Mischfarben aller con- 
sonirenden DreiklSnge klare nnd schöne, diejenigen 
der dissonirenden Akkorde hingegen onscnöneu brftnn- 
liche sind. Indem der Vortragende noch sanireiche 
weitere Resultste seines Grundgedankens aasführte 
und durch mannigfache Farbenbilder anschaulich 
machte, gewann er das lebhafte Interesse seiner Zu- 
hörer. Es folgten Harnioninm-Vortrftge von 
Herrn Richard J. Eichberg. Er leitete dieselben 
durch eine Besprechung der Bedeutunc des Har- 
moniums ein, welches noch hent von den Meisten 
unterschftttt nnd als ein blosses Surrogst der Orgel 
für speziell kirchliche Mosik betfachtet werde. Ur- 
sache sei die Unkenntniss der wahren Spielart, 
dieses Instrnmetteii 4iorck welohe «in nageabater 
Reickthnm an Nuancen «ndüoesen werde. Äapmeien 



ans der Niederlage des Herrn Koppen hierselbst 
stammenden Harmonieen erl&uterte Herr Eichberg 
die zwei verschiedenen Konstraktionsarten: das 
amerikanische Sang- und das französisch deutsche 
Drucksystem, und spielte zur Veranscbaulichuns; der 
Wirkungen eine Reihe von Stücken verschieaenen 
Charakters, die höchst beifftllig aufgenommen wurden. 



Dredener Muslklehfer-Vereln. 

Wfthrend am die Weihnachtszeit Theater- und 
Konzertbesuch erheblich nachlassen, versammelte der 
erste Anfführungsabend des Tonkünstlerverins eine 
gegen früher noch vergrösserte Zuhörerschaft, an 
ihrer Spitze in gewohnter Weise den allverehrten 
Monarchen nebst seinem erlauchten Bruder und Prin- 
zesdn Mathilde. Mendelssoho's B-dur Sonate op. 45 
für Klavier nnd Violoncell, trots abgeblasster einzelner 
Partien ein noch immer freundlich anmuthendes Werk, 
machte den Beginn. An der fein geglätteten Wieder- 
gabe waren die Herren Sherwood und Böckmann bo- 
theiligt Des Cellokünstlers Delikatesse gerieth mit 
der straffen lebendigen Haltung des Pianisten nur im 
letzten, auf Kosten der Klarheit oeschleuoigten Allef;ro 
etwas in WidersprucL Des nun folgende Streich- 
qaintett in F-dar von Anton Brackner trag.nicht den 
Vermerk »anm ersten Male*. Demoogeachtet dürfte 
es der Mehraalii der Hörer neu gewesen sein. In 
mehr als einem Sinne brachten die Herren Rappoldi, 
Blumer, Remmele, Spilsner und Grützmacher dem 
am 16. Oktober d. J. heimgegangenen Wiener Ton- 
dichter ein Todtenopfer, indem sie ihre meisterliche 
Knnst für das Quintett einsetzten. Vergebens! Das 

8[»nuifl^balle in Broekner'a Sehaffen tritt in der 
amosrainaiki «e «s auf die organiaehe Batwlckelnng 



- 14 - 



keimfShiger Themen ankommt, viel schärfer za Tage 
als aaf sinfonischem Gebiete. Auf den blendenden 
Farbenreicbthum des gewaltigsten orchestralen Appa- 
rats mnss er hier verzichten, keine noch so genialen 
Kombinationen kommen hier za Hfilfe, um die Ver- 
stimmang des aaftnerksamsten Hörers über den 
Mangel an logischem musikalischen Denken zu mildern. 
Beim ersten und letzten Satze ganz besonders' hatte 
man den Eindruck, den ein ziel- aod zwecklos vom 
Wege abirreoder Wanderer macht. Es will sich kein 
plastisch Gebild gestalten. Ganz abgesehen von der 
fehlenden Tragkraft thematischer oder motivischer 
Eründungf, von dem Mangel an Wohlklang in der 
Führung der Stimmen macht die fortgesetzte Unter- 
brechang des mosikalischen Satzes das musivische 
Arbeiten Bruckner^s geradezu peinvoil fühlbar. Einzig 
das breitzügige gesangvolle Adagio lässt an dem 
Gestaltanffstalent des Komponisten nicht verzweifeln 
und entfaltet in seinen edlen melodischen Linien er- 
quickliche Musik. Nur flüchtig taucht solche noch 



1 



am Ausgange des ziemlich undisziplinirt sich geben- 
den Scherzo auf. Für die Hingabe der Ausführenden 
giebt es kaum Worte genug der Anerkennung; ihr 
gestern entsprechenden Süsseren Ausdruck zu geben, 
verwehrte lediglich die Natur der Gabe. Leicht ge- 
wonnen Spiel hatte unter solchen Umständen der 
Schlussmacher des Abends, Herr von Beethoven, ob- 
wohl er mit einer verhftitnissmftssig harmlosen Jugend- 
schöpfung zu Worte kam. Sein Quintett op. 16 für 
Klavier und Blasinsti umente ist ersichtlich unter dem 
Einflüsse des wunderherrlichen Mozart^schen Ss-dur- 
Qointetts entstanden, dem es an Musikgehalt nicht 
völlig^ ebenbürtig ist Aber er reicht wahrlich aus 
für ein behagliches Geniessen an reisvollem (im An- 
dante Beethovenisch vertieften) TonspieL Trefflich 
war der Zusammenklang der Blasinstrumente, ver- 
treten durch die Herren R Schmidt (Oboe), Lange 
(Klarinette), KreUwitz (Hörn), K Schmidt (Fagott), 
und am Flügel bew&hrte sich Herr Schmeidler aufs 
neue als feioföhliger Kammermusikspieler. F. W. 



Programme von Schülerauff iüipungen. 

Obgleich die TerSffentliohiing der Frogramme von SchDlerprflftuigen sich vielen Beifalls in er- 
ftrenen hat, so sehe ieh mich doch gendthigt, die bisherige Form der TerOffenfUchang anfkngeben, 
da die fiinaendnng der Programme sich derart liAuft, dass kaum genfigender Banm fDr das librige 
Material der Zeitnncr bleibt. — Um die nfltzliehe Einriehtang nun in erhalten, bitte loh die Ter- 
anstalter von Sehflleranf fflhmngen von Jedem Programme 1000 auf danneiii Papier gedruckte 
Exemplare an die Buehdmckerei Bosenthal Sl Co., N. Johannlsstr. SO, in senden, die loh 
gratis dem „Klavier-Leiirer'' beUegen, auch in einer redaictionellen Noüi auf dieselben liinweisen will. 

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, 5. Bitte. ,^ch wüsstest du wie Üirinen bitter". 

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mit ErfDlK baandat, dnrob Anatallnng &m SDnaervatorinm und EmpfabltuiK n*ah 
nusKen, dIa Wcga eq sloheTer Lfb^nsatellnne' in abnan. 

Der Unterricht wird In deutscher, f^atiz. u. engl. Sprache erteilt. 

Prospekte Irei. Prof. Emil BreslaUT. Sprechstnode 5-6- 



Fll^el, Piazüno, Hanuoniimi. 1 ' 

~^ GröSBte Fabrik dieses Namens. "W I— 



„Sehiedmayer, Pianoförtefabrik" 

vomuds J. A P. Sohledmuer, K^;. Hoflieferanten, Hlnttgart. (37 

HanptniederlBge fOr Kamionlun io Berlin bei C»rl Siuion, Markgrsftmtr. 31. 



pS2 



Praktische Anleitung zum Phrasieren. 

Darlegung der für die Setzung der PbnuioraD^teicheD masanebendea GesicbU- 

Eunkto mittels vollständigpr thrmatischer, harmoaiacher und rhythmweher Analyse 
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Ihrer Maj. der EOnigin Regentin von Spanien, 

Sr. Eönigl. Hoheit des Prinzen Friedrich Carl von Prenssen, 

Sr. E&nigl. Hoheit des Herzogs von Sachsen-Gobai^-Gotha. 

Üirer Efinigl. Hoheit der Prinzessin Louise von Bngluid (Harchioness of Lome). 

LONDON w. I iffiV,fe-JÄSÄ^;.°i6",fK:i£| beklin n. 

4» Wlgm*re8tr«et.| IIL Fabrik: 1» Belflkenbei«ftr.Str. | 5—7 Joliaiiiil»«tr. 



8TEINWAY & SONS 

MEWTOBH ^^ EiONDON 
HAllIBIJRCi 

HafaPlAnofltrtefobrltutDten 

Kr. HideBtAt de> Halsei« vom IkentaiiUaad and KADlg» von Frenasen, 

8r. lIiU- d«s Kalaera vom Oesterreleh nnd KSnlc« T*n Unsnm. 

8r. HiO* Ami KOnl« Ton Haelisen. 

Ibrer HaüMtUU der Kftnlxlm vom BnKlandi 

Br. MalMUlt de« Kftmica von It&llen, 

Ibror HnJeaUkt der Httml^m-Bonemtlm von Hpanlemf 

Br. KUügl. Molielt dea Prbu«n von Wmm, 

Dürer Httmlcl. Hoheit der Frlnaeaaln von WaJea, 

Br. KftnlBlIchen Hotaelt des HerEOBs von Edinburgh. 

Steinivay^s Planofabrlk, Hamburg, St. Pauli, 



M dna elnslge dentache EtabllMoneol der Firma. 

(Vertreter in Berlin: Oscar Agthe, WlllielHstr. U. SW.) 



firiiätwortUclivr Bedaktenri Prof. Bmil UrSBlaur, Uerlin N- Oranienbnrmntr. if. 

Vorlas ■■< flxMdltl«ai Wolf Feiaer Verlag (0. KalisU), Bwlla 8- Bnadanbnrgrtr. II. 

hraek *«n RMaattaal * Oo., Bolln N., Jolkaa&i«tr. 90 



Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift* 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler- Vereine 

m Berlii, K8I1, Dreedeii, Hanburi; und Stuttgart. 



HeraoBgegeben 

▼OD 

Professor Emil Breslaur. 



N«. Z 



Berlin, 15. Januar 1897. 



XX. Jahrgang. 



IHeMi Blatt erwheliit am 1. und 16. jedeD Monata 
vad kostet duMli die K. Poet-AnBtalten, Buch- und 
Kurikaiieoliaiidliiiigeii beiocen TierteUSlirlieh 1,50 JC^ 
dirMt unterKreosImiid tod d«r?«rlag*nuidiiiiig 1,75UK. 



Inserate for dieses Blatt werden yon sämmtlicheD 
Annonoen-Bxpeditlonen, wie Ton der Yerlaashandlnnf • 
Berlin S., Biandenbnigstr. 11. tum Preise von SO 4 
fir die sweigespaltene PetitieUe entgegengenommen. 



(Naehdruek TtrbotMi.) 

lieber die Entstehung der Tonleitern und deren mutbmassliche 

Weiterentwicklung In der Zukunft 

Von Professor Henmanm BehrSder.*) 

Wie nun die Natur selbst in ewigen Ge- 
setzen besteht, wie sie den Ton mit seinen 
unendlichen Theüungen geschaffen hat, so hat 
sie auch die menschliche Stimme mehr oder 
weniger mit solchen Gaben ausgestattet, die 
den Bestimmungen der Natur entsprechen 
und dem Tone mit seinen Theiltönen bis zu 
einer gewissen Grenze hin angepasst sind. 
Die Stimme des Weibes klingt 7 Tonstufen 
höher, als die des Mannes. — Hiermit ist 
schon der gleichklingende 1. Theilton oder 
das Intervall der c t a y e gefunden, welches 
der Entwicklung eines jeden Tonsystems zu 
Grunde liesen muss. — Angenommen, ein 
Naturmensch, der seinen Gesang nur in ein^ 
zelnen Tönen übte, will seine Stimme zu 
einem hohem Ausdruck anheben, etwa bei 
einem Ruf in die Feme, so wird er, wenn 
auch erst nach einigen Versuchen, instinktiv 
zum nächstverwandten Ton, also zur Quinte 
gelangen.*) 



Die Erfindung eines Tonmaterials, welches 
zu einer melodischen Reihe von Tönen ge- 
hört, die den Namen Tonleiter trägt, soll 
hier zunächst vom rein natürlichen und 
ästhetischen Standpunkt aus betrachtet und 
verfolgt werden; die kfinstliche und wissen- 
Bchafuiche Seite hierfiber wird erst in zweiter 
und dritter Linie berfthrt — Dean, erst 
mfiesen Natunuilagen beim Mensdien vor- 
handen sein, ehe er solche zur Kunst aus- 
bilden kann; ist die Kunst bis rar allge- 
meinen Aneikennung gereifL erst dann ist 
sie berechtigt einer wissenschaftliche Unter- 
suchung unterzogen zu werden, welche hierauf 
Regeln, Zahlen und Beweise zu ihrer Lebens- 
fthigkeit» Pflege und Erhaltong feststellt 
Daher der wahre Aussprach: jSrst die 
Praxis, dann die Theorie. 

Bin unerklärliche Trieb oder Instinkt, 
der im Menschen wohnt, lehrte dem Ur- 
menschen das Sprechen und dem Sprechen- 
den auch das Singen. — Der Gtosauff, welcher 
aas dmn innem Gefühle als Ausdrack des 
Wohlbehagens und der Freude entspringt und 
damit eine veredette Sprache wird, konnte 
sich anfuiRt wohl nur durch bestimmtere, 
reinere und gedehntere Töne vom Sprechen 
nateneheiden uifd kundgeben* 



*) Diese Yermatbaog wird bestärkt durch die 
Thatsache, dass selbst Geräusche for gefibte Ohren 
oft ihre bestimmbaren TOne haben, sa denen sich 
je die Quinte oder auch die Octave als Beiton ge- 
sellt; s. B. des Rauschen des Wtssers und des Waldes, 
das Heulen des Vfindeü, das Rollen eines Wagens u. s. w. : 
sehr deutlich auch rar weniger geftbte Ohren das 



V Riena eine Noten-Beilage. 



- 18 — 



[it dem Intervall der Qainte wäre eigent- 
lich schon Alles gewonnen, woraus Musik- 
gelehrte eine Tonleiter konstroiren, nämlich 
dorch fortgesetzt übereinander gebaate Quinten 
und den daraus erhaltenen Tönen stufenweis 
geordnet — Der Naturmensch ist aber sicher 
nicht auf solche Berechnungen gekommen, in 
denen er schliesslich ein Komma oder ein 
Limma abziehen muss, um den wiederholt 
reinen Ton zu erhalten; er hat seine mathe- 
matischen Berechnungen im Ohre. — Sein 
Gesang wird naturgemäss weiter entwickelt, 
dadurch, dass er als Ton eines erhöhten 
Ausdrucks nicht die zweit-höhere Quinte, 
sondern die Oktave des Grundtones trifft. 
— Mit Grundton und Oktave sind die End- 

5 unkte einer Tonleiter gefunden und mit 
er Quinte die Mitte derselben im golde- 
nen Schnitt**) Dies wenige Material, be- 
sonders Grundton abwechselnd mit der Quinte 
oder auch Quinte abwechselnd mit der Ok- 
tave haben, im Alterthum Jahrhunderte hin- 
durch als Grundlage einfacher Volksweisen 
und rezitirender Gesänge gedient, die bei 
unkultivirten Völkern, auch bei altkirchlichen 
Bitualgesängen noch heutigen Tages zu finden 
sind. 

Sehr wahrscheinlich wird auch der Natur- 
sänger nicht immer den für seine Stimme 
geeigneten oder normalen Anfangston ge- 
troffen haben. Bei zu hohem Einsatz wird 
ihm die obere Octave in der Stimme ver- 
sagt sein, bei zu tiefer Intonation aber ist 
er vielleicht bis zur Terz über die Oktave 
hinaas gekommen. Mit einer gewissen Ennst- 
fertigkeit wird er diese auch als Mittelton 
zwischen Grundton und Quinte haben ein- 
schalten können. Dies konnte natürlich nur 
die grosse Terz gewesen sein, wenn man er- 
wägt, wie schwer es oft ziviiisirten Menschen 
wird, die kleine Terz vom Grundton auf- 
wärts singen zu müssen. Dass es hiemach 
dem Naturmenschen leicht gewesen sein mag, 
einen zweiten, kleineren Zvrischen- oder Ver- 
bindungston, die Sekunde, zwischen Grund- 
ton und Terz zu fii)den, ist wohl anzunehmen. 
Jedenfalls ist diese mit einer leichten Zwischen- 
silbe des gesungenen Wortes zusammen- 
gefallen. Ein weiterer Versuch, auch zwischen 
Terz und Quinte einen Verbindangston zu 
erzielen, wird ihm aber misslungen sein, weil 
ihm der Schritt von der Terz zur Quinte ein 



ftolsharfenartige Summen der Tbelegraphendrähte; 
in welchem man die übertöne bis zur . Terx bin 
wabrnebmen kann. — Solcbe Töae oder Laute der 
Natur sind aber nicht abgegrenzt in Ganz- und Halb- 
tonschritten, sondern sie werdeo, wenn sie nicht zu- 
fällig auf einer Tonhöhe stehen bleiben, unbegrenzt 
und beuleod auf- und niedergetrieben. 

*^) Es sei hier darauf aufmerksam gemacht, dass 
der ffoldene Schnitt nicht nur in der Quinte 
zwischen der Oktave, sondern in jedem Mittei- 
tone einer aufeinanderfolgenden Dreiton- 
Gruppe der NaturtOne zu finden ist 



z naher war, und halbe Töne zu treffen, 
ausser dem Bereicheseiner einfachen Kunst lag. 

Es sei bemerkt, dass einer sogen. 
Naturstimme das Singen und Treffen 
kleiner Intervalle in unterer und mitt- 
lerer Lage schwerer wird, als in hoher. 
In dieser pressen sich die Halbtöne von 
selbst heraus. Die Stimmanlagen des 
Menschen scheinen sich hiemach in der 
That den Naturtönen anzupassen, deren 
Intervalle sich nach oben zu auch immer 
mehr verkleinem. 

Wohl aber wird der Naturs&nger einen er- 
höhteren Ausdmck seines Empfindens durch 
einen über der Quinte liegenden Ganzton, 
die Sexte, haben geben können. Dieser 
mag zonächst mit der Quinte im Wechsel 
aufgetreten sein, wodurch wieder ein kleiner 
Fortschritt seiner Kunst- und Kehlfertigkeit 
gewonnen wurde. 

Mit diesem Material: Grundton, Sekunde, 
Terz, Quinte und Texte, ist die älteste 
5-stufige Tonleiter der Chinesen, Assyrer, 
Kelten (oder Gallier) hergestellt, entsprechend 
den wohlklingenden Tönen der Naturtonreihe 
im 8., 9., 10., 12. und 13. Obertone. Die 
unbrauchbare Qnarte und die in der Höhe 
liegenden Ualbtöne, kleine und grosse Sep- 
time, wurden noch unberücksichtigt gelassen : 

c d e g a (c). 

Mit dieser Tonleiter wurde ein System 
geschaffen, welches schon Jahrtausende v. Chr. 
bekannt war, und jenen Yolksstämmen als 
Grandlage zu ihren einstimmigen Gesängen 
und Volksweisen diente. (S. Beisp. A, 1.) 
Im Abendlande wurde es durch die ein- 
wandernden Kelten verbreitet; es ist hier 
besonders in altschottischen Liedern wieder 
zu finden, die sich meistens in diesen Tönen 
bewegen. Solche in Moll mit kleiner Terz 
und kleiner Sexte sind einer späteren Zeit 
zuzuschreiben. Auch Komponisten unserer 
Zeit lieben es mit diesen einfachen Tönen 
zu charakterisiren, z. B. C. M. v. Weber in der 
Ouvertüre zu „Turandot''. (S. Beispiel A, 2.) 
F. Mendelssohn in der „Hebriden-Ouvertare. 
(S. Beisp. A, 3.) Richard Wagner im Feuer- 
zauber der „Walkfire** (S. Beispiel A, 4) 
u. A. m. 

Schon als die Chinesen und Kelten längst 
die 7-stufige Tonleiter und chromatischen 
Töne kannten und sie an ihren Instmmenten 
eingeführt hatten, behielten sie doch im Ge- 
sang ihr altes 5-stufiges System bei. Als 
Grand- oder Normalton hatten sie nicht G, 
sondem F, der bei den Chinesen bis auf den 
heutigen Tag noch als solcher gilt. 

Ueber die Feststellung dieses Normaltones 
berichten chinesische Geschichtsforscher Fol- 
gendes: 

Als nach vielen Kämpfen und Wirren im 



- 19 — 



alten chinesischen Wahlreiche eine längere 
Zeit des Friedens nnter Kaiser Hoang-ti 
(2637 V. Chr.) wieder eintrat, bemühte sich 



flehend man die Oktave, Quinte nnd 
Quarte gefanden hatte, und den wir mit 
C bezeichnet haben^ so yar es doch v on 



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alten chinesischen Wahlreiche eine I&ngere 
Z<Nl» des Friedens nnter Kaiser Hoang-ti 
y. Chr.) wieder eintrat, bemfihte sich 
r die verloren gegangene alte Knltnr- 
des Volkes wieder zn erreichen nnd da- 
auch die Tonknnst wieder za alten 
a zn bringen. Er beauftragte den Ge- 
*n Lyng-lnn den damals unbestimmten 
iton des Tonsystems mit seinen Lü's 
. Tönen) wieder endgültig festzustellen, 

^r Gelehrte begab sich hierzu nach dem 
'Westen des grossen Reiches, dem ürsitz 
/olkes, und will hier den alten Grund- 
^ tem Gresange eines seltenen Vogels Fung- 
« abgelauscht haben. Dieser Vogel er* 
a dem Menschen nur, wenn ihm eine 
*that beschieden werden sollte. Seine 
iigsweise entsprach 6 Ganztönen, deren 
^ er Ton der von Lyng-lun angenommene 
iton F war. Das Weibchen dieses 
. s intonirte seinen Gesang dagegen einen 
. ^n Ton höher mit dem tiefsten Tone Fis. 
am Rauschen des Stromes Hoang-ho 
' der Gelehrte den Ton F als Grundton 
nt haben. Dieser Ton wurde nun als 
^ r oder Norm alt on eingeführt und er- 
den Namen Eung, d. h. „Der Kaiser^ 
- „Der Eaiserpalast*', sein n&chster, die 
. ^ide G hiess: Tschang, d. h. .Minister^ 
. >lgende, die Terz A: Eio, „Das unter- 
^ ge Volk^ die Quinte C: Tsche, „Die 
-sangelegenheiten'' und der letzte Ton, 
iexteD:Yfi, „Das Gesammtbild aller 
^^. — Aus jenen 6 Ganztönen der Ge- 
weisen des Vogels Fung-Hoang, mit F 
iefsten Ton, und aus den weiteren 6 
S Weibchens Yank, mit Fis als tiefsten, 
jnan auch die 12 chromatischen Töne 
den haben. 

^ch dieser sagenhaften Zeit befasste sich 
lina die Wissenschaft mit der Musik, 
, mass und theiite die Oktave in Bezug 
^ie darin enthaltenen 5 Tonstufen, schuf 
^e Zusammenhänge der Tonkunst mit der 
Twissenschafk, Astronomie und anderen 
jduszweigen, ja selbst die Politik war 
5ei im Spiele, wie schon an den Namen 
^ Töne zu erkennen war. 
«ntgegen dieser hier und von den Musik- 
iiem allgemein angenommenen „ältesten 
^isch-keltischen Tonleiter'' giebt Helm- 
: in seiner „Lehre von den Tonempfin- 
:en'' folgende als die uralte chinesisch- 
tche (oder keltische) Tonleiter an: 

5 c, d, f, g, b (c), 

Jie aus gefundenen Quinten und Quarten 
iianden sein solL Es heisst darin auf S. 396 
.dritten Auflage: 

„Wenn man nun aber auch zunächst 
: nicht solche Töne weiter zu finden 
^ wusste, welche direkt verwandt waren 
. mit dem Anfangston, von dem aus- 



t 



gehend man die Oktave, Quinte und 
Quarte gefanden hatte, und den wir mit 
G bezeichnet haben, so war es doch von 
der gefundenen Quinte G aus möglich, 
eine neue Quinte D zu finden, und von 
der Qaarte F aus eine neue Quarte B, 
wodurch sich folgende Leiter bildete: 
(Folgt oben angeföhrte Tonleiter)^. 

Das scheint deswegen unwahrscheinlich, 
weil die älteste Musik nur Gesang war, die 
Instrumentalmusik aber, welche solche Ex- 

Serimente an langen und kurzen Pfeifen und 
aiten eher hätte fertig bekommen können, 
erst später entstehen konnte, als Nachbildung 
des Gesanges. Helmholtz scheint die älteste 
Stimmung der griechischen Lyra, welche nach 
einer Notiz des Bo&tius bis zum Orpheus 
hin folgende gewesen sein soll: 

c, f, gl c, 

als Ur- und Umrissbild einer Tonleiter an- 
gesehen zu haben, weil diese aufsteigenden 
Quarten später in den griechischen Tonleitern 
als ausgeiuUte Tetrachorde wiederzufinden 
sind. Man könnte aber ebenso annehmen, 
dass der Ton F in dieser Stimmung der 
Symmetrie wegen zwischen G und G einge- 
schaltet wurde. Jedenfalls aber erkennt man 
hier schon den far Schönheits- und Formen- 
sinn begabten, klugen und berechnenden 
Griechen. 

Helmholtz ordnet nun seine chinesisch- 
gälische Tonleiter auch nach griechischem 
Muster, indem er ihre verschiedenen Töne 
nach einander als Tonica auftreten lässt, 
wie folgt: 

1) c, d, f, g, b, c, (ohne Terz und Sexte), 

2) d, f. g, b, c, d, (ohne Sekunde und Quinte), 

3) f, g, b, c, d, f, (ohne Terz und Septime), 

4) g, b, c, d, f, g, (ohn. Sekund. u. Sexte), 

5) b, c, d, f, g, b, (ohn. Quarten. Sept). 

In dieser Ordnung gelangt man bei 5) 
auch auf die hier und allgemein angenommene 
älteste Tonleiter ohne Quarte und Septime, 
hier auf den Ton B transponirt. £r weist 
auch Melodien in diesen verschiedenen Ton- 
leitern nach, in welchen er stets den Schluss- 
ton als Ton der Tonika (Grundton) annahm. 
Es ist aber sehr zu bezweifeln, dass jene 
alten Völker den Grundton ihres Tonsystems 
stets auch als Schlusston nahmen. Im 3. Theile 
der im Beisp. A, 1 angeführten alten Tempel- 
Hymne war dies schon nicht der Fall. Jedes 
der Beispiele unter B (S. d.), welche auch von 
Helmholtz als solche gegeben sind, lässt 
sich nun zurückfuhren auf die hier ange- 
nommene älteste Tonleiter, gleich der unter 5) 
von Helmholtz. Alle alten Melodien, wie 
diese, wurden ihrer Zeit meistens mit dem 
Dndelsack begleitet In No. 1 Beisp. B giebt 
Helmholtz selbst als Titel „Alte Dudelsack- 
melodie^ an« Jeder Dndelsack hat bekanntlich 



— 20 — 



nur Grandton, Quinte und Oktave als fort- 
währende Harmonie. Man versuche nun 
diese Melodie mit solcher Harmonie nach 
Helmholtz'scher Tonleiter zu begleiten, so 

(Fortsetzong folgt.) 



wird man von der Unrichtigkeit dieser fiber- 
zeugt sein. Ebenso verh&lt es sich mit allen 
übrigen Beispielen. 



BeltrSge zur Erkenntnlss des Wesens des Rhythmus und 

der Melodie. 

Von iL» de Tin^nallB« 



Alles in dieser Abhandlung Gesagte ent- 
wickelt sich aus folgendem bekannten Grund- 
satze: Es giebt nur eine Kunst, welche 
fiberall denselben Gesetzen gehorcht, sich je- 
doch je nach den Sinnen, durch welche sie 
zu unserem Bewusstsein gelangt, auf ver- 
schiedene Weise manifestirt. Was wir im 
Reiche der Kunst als Musiker durch das 
GehOr empfinden und wahrnehmen, erkennen 
wir als Zeichner durch das Gesicht. 

Ich bemerke noch, dass ich hier und im 
weiteren Verlaufe nur von der eigentlichen 
Zeichenkunst als Grundlage für alle bilden- 
den Künste rede. Jeder Maler, Bildhauer, 
Architekt, kurz jeder Künstler, dessen Auf- 
gabe es ist, Gebilde nachzuschaffen, muss vor 
allen Dingen Zeichner sein, d. h. er muss 
die Proportionen des sei es schon gegebenen 
oder von Innen, von der Phantasie aus nach- 
zuschaffenden Gebildes zu wahren verstehen. 
Alles übrige: Farben, Vertheilung von Licht 
und Schatten, (also Lichtstärkegrade, welche 
den verschiedenen Tonstärkegraden ent- 
sprechen), dient nur zur Verstärkung des 
Ausdrucks. 



Rhythmus. 

Das Wesen des Rhythmus werden wir am 
besten erkennen, wenn wir seine Bedeutung 
in der Zeichenkunst zu ergründen suchen. 

In der Musik entsteht der Rhythmus aus 
den verschiedenen Zeitintervallen, welche, 
unendlich und unerschöpflich in ihrer Zahl, 
in mathematischem Vernältniss zu einem be- 
liebig festgesetzten Zeitwerthe stehen müssen 
und vom Komponisten in einer dem Charakter 
des jeweiligen musikalischen Gedankens ent- 
sprechenden Weise geordnet wurden, um die 
melodische Folge von Tönen verschiedener 
Schwingungen zu tragen. 

Ebenso entstehen in der Zeichenkunst 
durch Verbindung je eines Punktes auf der 
Umrisslinie einer Pigur mit allen anderen 
Punkten derselben Linie die Entfernungs- 
intervalle. Unendlich und unerschöpflich in 
ihrer Zahl, müssen auch sie in mathemati- 



schem Yerhältniss nach einem beliebig ge- 
wählten Entfernungswerthe sich richten. 

Je genauer und weiser das richtige Yer- 
hältniss der Intervalle gewahrt ist, desto 
korrekter das Werk, desto geschickter und 
fleissiger der Meister, mag er nun mit dem 
Gesicht oder mit dem Gehör empfunden und 
dargestellt haben. 

hl der Musik wird also der Rhythmus 
aus Zeitintervallen, in der Zeichenkunst aus 
Entfemungsintervidlen gebildet. 

Einfachster Rhythmus in der 
Musik. Ein ein&chster und leichtester 
Rhythmus entsteht, wenn man einen Ton von 
irgendwelchem Zeitmaasse in demselben Zeit* 
Intervalle wiederholt. Die Schwingungszahlen 
der beiden Töne können gleich oder ver- 
schieden sein, da dies auf den Rhythmus als 
solchen keinen Einfluss hat. 

Einfachster Rhythmus in der 
Zeichenkunst. Ziehen vnr eine gerade 
Linie von irgendwelcher Länge und darauf, 
am besten dieselbe in gerader Richtung fort- 
setzend, eine gleich lange, so haben wir da- 
mit die leichteste Art von Entfemungsab- 
schätzung in Anwendung gebracht. 

Diese so abgegrenzten Linien kommen 
hier nur in ihrer abstrakten Bedeutung als 
Entfernungswerthe in Betracht, und ich denke 
sie in gerader Linie fortgesetzt nur der 
leichteren Handhabung wegen. 

Theile nun eine beliebig lange Linie in 
2 gleiche Theile, so vnrst Du als Zeichner 
dasselbe gethan haben, was wir Musiker thun, 
wenn mr irgend einen Ton im Werthe einer 
ganzen oder halben Note u. s. f. in 2 im 
Werthe einer halben oder V« Note u. s. f. 
zerlegen. 

Folgender Rhythmus Fl J entspricht, 

dem Standpunkte des Zeichners angepasst, 
der 



a 



Fig. 1. 



r 



d 
t 



e 



— 21 — 



a 



f 



Kg. 2. f 




f 



Nennen wir die durch Aneinanderreihung 
von vier gleichen Linien entstehende Linie 
ae a, so ist ad = '/« a und de = ^4 a. 

Behalten wir a als Zeit- bzw. Maassein- 
heit bei, so nimmt in entsprechendem Ver- 
h&Itniss der Rhythmus 

die bei Fig. 2 gezeichnete Gestaltung an, 
wobei ac ^ */i a, af = '/s a und fc = Vs a. 
Die 3. Note I in den Figuren 



n^^^H} 



muss hinzugefügt werden, da durch sie erst 
der Werth der vorhergehenden Vie bzw. ^gg 
Note begrenzt wird. 

Um nun irgendwelche im VerhUtniss zu 
einem beliebig bestimmten Zeitwerthe stehende 
Zeitintervalle mit EntfemungsintervaUen zu 
vergleichen, braucht man nur das bisher An- 

Sef&hrte weiter fortzuspinnen. Wie in einem 
iildwerke durch die verschiedene Lage der 
Punkte, welche die Figuren begrenzen, un- 
endlich viele Entfemungsintervalle sich bil- 
den, so entstehen auch im musikalischen 
Bilde auf dieselbe Weise unzählige Zeit- 
intervalle. 

Geben wir im Andante Beethoven's der 
Vs Note die Dauer einer Sekunde und denken 
wir uns dieselbe als eine Linie von der Länge 
eines Centimeters, so können wir uns den 
Rhythmus der ersten Takte der Melodie auf 
folgende Weise sichtbar machen: 



a 



b .c 

i j I 



f g h 




se^ 



Schon aus dem ersten Takt nebst Auf- 
takt lässt sich eine mathematisch feststell- 
bare grosse Menge von Intervallen bilden, 
ab = '/i cm. bzw. */« sec; bd = IV4 cm. bzw. 
VU sec. c h = 3 cm. resp. 3 Bec. u. s. 1 



Melodie. 

Wenn der durch Zeitwerthe gebildete 
Rhythmus in der Musik gleich dem durch Ent- 
femungswerthe gebildeten Rhythmus in der 
Zeichenkunst, und wenn Melodie gleich An- 
reihung von TOnen verschiedener Schvnngungen 
in Vereinigung mit dem Rhythmus ist, so ist 
Melodie, in die Zeichenkunst übertragen, gleich 
dem durch Entfemungswerthe gebildeten 
Rhythmus im Verein mit dem, was dem 



Zeichner die verschiedenen Tonsohwingungen 
sind. Welche Bedeutung haben nun diese 
Tonschwingungen in der Zeichenkunst ? 

Die Beantwortung dieser Frage kann ich 
hier nur im allgemeinen und soweit unter- 
nehmen, als sie geeignet scheint, darüber 
Aufklärung zu sieben, was ein in sich ab- 
geschlossenes Musikstück sowie dessen in 
sich abgeschlossene kleineren und kleinsten 
Theile, in die Zeichenkunst übertragen, be- 
deuten. 

Wir sahen, dass Zeitintervalle für die Musik 
dieselbe Bedeutung haben wie Entfemungs- 
intervaUen für die Zeichenkunst. Sovne nun 
die Wiederholung eines und desselben Tones, 
also von Tönen mitgleichen Schwingungszahlen, 
in irgend einem Rhythmus noch nicht im Stande 
ist, eine Melodie erkennen zu lassen, ebenso vtrird 
auch die blosse Aufstellung von den unend- 
lich vielen EntfemungswerUien, welche durch 
die Verbindung von je zwei auf der eine 
Figur begrenzenden Dmrisslinie gewählten 
Punkten gebildet werden, noch nichts be- 
deuten. 

Reihen vnr in beliebigem Rhythmus nicht 
mehr Töne von gleichen, sondern von ver- 
schiedenen Schvnnpningcn aneinander, so er- 
halten wir erst die Melodie. Natürlich ist 
es, dass man die verschiedenen Töne nicht 
willkürlich wählt und sie in willkürlichem 
Rhythmus aneinanderreiht, sondern man muss 
hierbei, um Vernünftiges hervorzubringen, 
wie bei Allem und Jedem nach bestimmten 
Gesetzen verfahren, die vnr bei der Musik in 
vielen Hinsichten noch wenig kennen, während 
dieselben bei den ESnsten, die mr durch 
das Gesicht wahrnehmen, klar auf der Hand 
liegen. Was man sehen und greifen kann, 
begreift, versteht und bestimmt man leichter 
als etwas, das sich nur an unser Gehör 
und viel intensiver, als es bei den ande- 
ren Künsten geschieht, an unser Gefühl und 
Gemüth richtet. 

Beispiel einer Zeichnung in 
der Musik. Die Zeitwerthe, wie sie im 
letzten Beispiel theilweise angegeben, können, 
selbst wenn sie in der durch den Kom- 
ponisten bestimmten Ordnung zusammen- 
gefügt den von ihm gewollten Rhythmus 
bilden, noch keine Melodie erkennen lassen; 
treten aber zu diesem Rhythmus die von 
der in dem Komponisten sich verkörpern- 
den geistigen Kraft gewählten Töne von 
verschiedenen Schwingungen hinzu, so er- 
kennen wir erst jene wunderbar edel ge- 
zeichnete Melodie: 



etc. 







Beispiel einer Zeichnung in der 



— 22 — 



eigentlichen Zeichenkanst. Ich wähle 
als einfachstes Bild ein Qaadrat, welches 
ebensogut wie irgend eine komplizirte Figar 
als Beispiel dienen kann: 




doch einfacher, nnd das gilt aneh fBr das 
musiksüdsche Bild, wenn man irgend einen 
Punkt auf oder ausser der Umrisslinie der 
Figur fixirt, von dem aus sämmtliche den 
Entfemungsmaassen die Richtung gebende 
Linien sich bis zur ümrisslinie der Figur 
hinziehen. Die unendlich vielen so gefundenen 
Entfemungswerthe — ich wähle hier 
nur 3 — werden, als blosse Werthe be- 
trachtet, 



b\ 



^ 



u. 80 alle übrigen. 



H 



Man kann die durch dieses Bild bedingten 
Entfernungsintervalle so aufstellen, dass man 
je einen von den unendlich vielen Punkten 
auf der die Figur begrenzenden Linie mit 
allen üebrigen verbindet. Man verfährt je- 

(SchlosB 



keine Bedeutung haben. Diese erhalten sie 
erst durch den Geist, welcher die Ent- 
fernungsmaasse so aufstellt und ordnet, dass 
die Verbindung oder eher der fortlaufende 
Zug ihrer nicht gemeinsamen Endpunkte ein 
vemfinftiges Gebilde darstellt 

folgt.) 



Muslk-Auffuhrungen. 



Berlin, 11. Janaar 1897. 

Meinem letztea Bericht mass ich eine kleine 
Ricbtigstellang folgen lassen, betreffs der von Heim 
M eyder dirigirten Oper im Thalia-Theater. Ich habe 
am 27. v. M. gesagt, dass nur eine Yorstellang 
dieses Unternehmens stattgefunden habe, and ich 
musste wohl aaf diesen Gedanken kommen, da die 
beiden ersten Yorstellangen aaf den 2^. a. 27. De- 
zember angezeigt waren, von diesen thatsächlich 
aber nar die am 26. stattgefunden hat, — vor leerem 
Hanse, — während die aaf den 27. angesetzte ohoe 
jede weitere Erklftrong der Direktion ausfiel and 
statt ihrer irgend eine Repertoirposse des Thalia- 
Theaters gegeben wurde. Nun bat aber nachtrftg- 
lich, am 1. Januar, noch eine Vorstellnng des Don 
Juan stattgefaoden, die ich übrigens nicht gehört 
habe. Diese Vorstellung des Don Juan soll, wie ich 
erfahren, am 3. Jaunar wiederholt worden sein. Nun- 
mehr aber ist das Unternehmen , wenigstens im 
Thaliatheater, definitiv zu Ende; ob es anderswo 
noch einmal wieder aufleben wird, bleibt abzuwarten. 
Bs haben also im Ganzen drei Vorstellungen statt- 
gefanden, und da mir nichts femer liegen kann, als 
meinen Lesern, wenn aach in gntem Glaaben, eine 
falsche oder ungenaue Mittheilong zu machen, so 
hatte ich es fSr meine Pflicht, den wahren Sachver- 
halt hiermit festzustellen. 

Etwas Laft verschaffen die Feiertage immer, be- 
sonders in der Reihe der grossen Konzerte. Die 
Kgl. Kapelle hat ihren fünften Sinfonieabend 
gehabt, nnd neben der Tschaikowsky^schen patheti- 
schen Sinfonie und der Japitersinfonie von Mozart 
ein Konzert von HBadel für zwei BlftserchOre (Oboen, 



Homer, Fagotte) mit Begleitung des Streichorchesters 
gespielt. Dieses Werk, das zum ersten Male zur 
Auffuhrung kam, ist natürlich in gewissem Sinne 
veraltet; aber es ist doch mit soviel Geist, Kraft, 
Anmuth und stellenweise auch Humor geschrieben, 
dass es noch immer warmes loteresse zu erregen 
vermag, um so mehr, als sich seine Wirkung fort- 
schreitend steigert. Gespielt wurde es vortrefflich. 

Ein Orchester-Konzert gab in der Singakademie 
die Nene Berliner Sinfoniekapelle, die 
ihre regelmässigen Spielabende draassen fm Süd- 
osten, in der Luckauerstrasse hat Die Kapelle 
wollte sich an jenem Abend auch dem Publiknm 
ans W., und der Kritik, die last ausnahmslos auch 
in W. nnd SW. sn Hause ist, vorstellen. Der Erfolg 
war ein sehr günstiger. An der Euryanthen-Ouver- 
ture und der D-moU-Sinfonie von Schumann zeigte 
das Orchester guten Zusammenhalt nnd -Klang, 
rhythmische Schftrf e upd verstSndnissvoUes Eingehen 
auf die künstlerischen Absichten seines Leiters, des 
Herrn Zimmer, der sich zn einem trefflichen 
Dirigenten entwickelt. Dass freilich noch nicht alles 
gethan ist, bewies das Vorspiel zu „Tristan nnd 
Isolde*, das noch nicht genügend innerlich dnrchge- 
arbeitet erschien. Was aber noch nicht ist, wird 
bald werden, und man darf von der künstlerischen 
Zukunft dieses Orchesters das Beste hoffen. Als 
Solist erfireute in diesem Konzerte Herr Walde mar 
Meyer mit gl&nzenden ViolinvortrSgen. 

Ein hervorragendes Kirchenkonzert veranstaltete 
Herr Dr. R e i m a n n in der Kaiser- Wilhelm-GedScht- 
nisskirche. Er selbst spielte vorzüglich, wie stets, 
eine Bach'sche Fuge nnd mehreres Andere; Prot 



I.Teil. 



Beilage zu N9 % des Klavier-Lehrers. 

Beispiele A. 

1.) Altt Bebpiel folgt hier eine alte Tempel-B^nne ^ A. xeii. 

der Chinesen ans der Zeit 1122 v. Chr. (dem^liore ^ „""„ i ""^"l 

der reinen Wolken" zn Ehren der Voreltern aas- W 

""^"'^ _ .ILTeil. 

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2.)Chinesi8che Melodie a.d.Oityertare^Tttraadot^S. Weber. 

i| r i i ' ii i r i i ii n^ i r aT 

3.)Mendeissohn „Hebriden.^^ t::^*^ 43ich.^Agner); 



oder 
in ihiTi 




ti,S.W, 



I 



u,s.w. 




u^,i». 



Beispiele B. 

Die zu Grande 
liegenden Ibor 
leitern nach 
^Helmholtz: 



N? 1. Alte Dudelsackmelodie. 

(Gälisch- oder Keltischr) 




10 ohne Terz 
Sexte. 




Nach hier ange 
nommener Tonle 
ter ohne Qnarf 
und Septime: 




(Bcfalusston: Sekon. 



£^,C 



^^^ 



3.) ohne Terz n. 
Septime. 



N? 2. Chinesisch, nach John Barrow. 

m 





frrt \^fjsrr\\j |j| i p,n7| | j^ , 



P^ ! f ^ 



Scfalnsston: Qninte 



N? 3. Cockee Shells. (Alt-SehottischO 




4.)ohneSel 
ond Sexte. 




Schlusston: Sexte 



N94.The Braes of Balquhidder. 




20ohneSduinde 
ond Quinte. 





SdünsstoniTerzO 



Als Beispiel für die Tonleiter S)glebt Helmholtz aas der ?orn angeführten Tenqiel-Hjmne den I. TeU. 



- 28 - 



Joachim und Praa Grambaeber-deJong, j 
die ausgezeichnete Sängerin, steuerten Solovortr&ge 
▼on Bach bei und der anter Leitung des Hrn. Ochs 
stehende Philharmonische Chor sang gans prSchtig 
Mozart's Ave verum und einen Chor von Bruch, 
and wiederholte das kürzlich aufgeführte Oratorium 
Jephta von Garissimi, in desseo Soli sich Frau 
Grumbacher und die Herren Dierich und Harzen- 
Malier theilten. 

Die Herren Prof. Barth, Wirtb und Haus- 
mann hatten bereits ilir letztes Abonnementskon- 
sert in der Philharmonie mit dem üblichen grossen 
Erfolge. Ja, dieser steigerte sich fast diesmal noch, 
da das Joadiim'sche Quartett mitwirkte uud im Ver- 
ein mit einigen Kammermusikern und den Konzert- 
gebem [(ausser Hm. Barth) das Oktett F-dur von 
Sehubert vortrug, das in seiner Kiangfreudigkeit 
ansserordentlich ansprach. 

Auch das böhmische Quartett, das sich 
jetzt hier ganz eingebürgert hat, gab wiederum ein 
Konzert, in dem ein Quartett von Fr. Gernshtim 
(C-moll; einen grossen und wohlverdienten Brfolg er- 
zielte. 

Auch die Herren G r ü n f e 1 d und Z a j i c hatten 
letzthin eines ihrer Abonnementskonzerte, in welchem 
sie gemeinsam mit Hrn. Alfred Grünfeld ein 
Trio von Dvorak spielten, das ich leider nicht hören 
konnte. Hr. A. Grünfeld, wie die beiden andern 
Herren, excellirten aki Solisten, und Frl. Lola 
Gmeiner spendete sehr freundliche Gesangvortrfige. 

Wenn ich jetzt zu den Solistenkonzerten über- 
gehe, möchte ich gegen meine sonstige Gewohnheit 
zuerst der beiden Konzerte der kleinen zehnjährigen 
Paula Szalit gedenken. Diese Paula ist nicht 
ein Wunderkind, — was immer etwas absprechend 
klingt, — sondern ein wunderbar veranlagtes Musik- 
wesen, das in jeder Hinsicht in Erstaunen setzt 
Schülerin Ton d'Albert, ist sie musikalisch und 
rhythmisch so sattelfest, wie ein Kapellmeister. Da- 
bei hat sie einen festen, gesunden Anschlag und eine 
durchaus verständige musikalische Auffassung. Kurz- 
um, sie spielte ihre Sachen — Konzert und Quartett 
von Mozart) Gis-moll-Fuge von Bach u. s. w. — so, 
dass man einen wirklichen musikalischen Genuss 
davon hatte. Euer ist ein ganz ungewöhnliches Ta- 
lent, das hoffentlich auch später Ungewöhnliches 
leisten wird. 

Die Namen Eugen Gura und Ludwig 
W ü 1 1 n e r brauche ich nur zu erwähnen. Ausser 
ihnen war gesanglieh kaum etwas von Bedeutung da. 
Aber unter den Pianisten debutirte Frl. Miles, 
eine Schülerin von Moczkowski, und Frl. £ 1 1 i o t, 
eine Schülerin von Stavenhagen, mit gutem Erfolge. 
Auch Frl. S i e b 1 d , die schon früher aufgetreten 
ist, zeigte bedeutsame Fortschritte. Unter den 
jungen Geigern erweckte Frl. Anni Bauer, eine 
Schülerin von G. Holländer, die freundlichsten Hoff- 
nungen für die Zukunft. 0. Ekhberg. 



Dresden. An unserer Kgl. Hofoper vollzog 
sich allmählig ein Wechsel in Sachen des B a 1 1 e t s. 
Vordem im wesentlichen nur als unentbehrliche 
Staffage für die Oper dienend, höchstens einmal mit 
einem bescheidenen Werkchen («Hüpfenden Freier* 
od. dgl.) und aUeofiEÜls zur Weihnachtszeit mit einem 
Ausstattuogsballett einfachen Genres hervortretend, 
gewann es jetzt, seit Acquisition des neuen, aus der 
Wiener Balletschole hervorgegaogenen Balletmeisters 
Otto Thieme, erhöhte Bedeutung. Einem effekt- 
vollen Divertissement grösseren Stils, mit dem der- 
selbe sich Yortheilhaft einführte, folgten schnell hin- 
tereinander D e 1 i b e's entzückende ,Gopp61ia* 
und des Puppenfee-Bayer musikalisch nichts 
weniger als entzückende Ausstattungs- Pantomime 
, Sonne und Erde*. Jetzt (am 6. d. Mts.) 
brachte man gar eine wirkliche Novität heraus: Die 
Ballet-Pantonüme »Der Struwwelpeter*. War 
der grosse Erfolg von »Hansel undGretel*, 
ward das Jubiläum, die 1(X). Auflage des weltbe- 
kannten Kinderbuchs die Veranlassung der Ent- 
stehung des Werkes, war es beide«) zusammen, un- 
geschickt wurde die Sache nicht angefasst. In den 
spröden didaktischen Stoff brachte Victor L^on, 
der Verfosser des in zierliche Reimlein gekleideten, 
mit reisenden Illustrationen versehenen Libretto, 
du ich Einführung Satanas und seiner »Teufelskinder* 
als Urheber aller der Unarten der Erdenkinder und 
der Engel als endlicher Sieger Leben, Farbe und 
eben doch auch eine gewisse, sagen wir, »poetische 
Idee.* Doch soll nicht in Abrede gestellt werden, 
dass nichtsdestoweniger grade der eigentliche Kern 
des Ballets, die Struwwelpeter-Bilder, in ihrem nüch- 
ternen Hintereinander und der allzubehaglichen Breite 
der Ausführung etwas ermüdend wirkten. Auch 
Richard Heuberge r^s musikalische Illustration 
vermag hier nicht Wandlung zu schaffen. So Rei- 
zendes, auch Charakteristisches sie in einzelnen 
Scenen bringt, so hübsch z. B. der Mohrentanz, der 
Tanz des grossen Nicolaus etc. ist, so erzielt sie 
ihre echtesten Wirkungen doch gerade in denTheilen, 
die eigentlich Beiwerk sind, so in der Schluss-»Apo- 
theose* und vor allem in der grossen Höllensoene 
am Anfang. Hier bringt der Komponist eine Fülle 
»fescher*, in einzelnem (so in den Personifikationen 
des Eigensinns, der Trägheit etc.) auch recht glück- 
lich charakterisirender Tanz weisen, aus denen ein 
entzückender Pizzikatowalzer besonders hervortritt. 
Instrumentation, Harmonisation und Rhythmik ver- 
rathen allenthalben die Hand des kenntnissreichen, 
erfahrenen und geschmackbegabten Musikers. Regie 
und Inscenerie, wie AusgesbUtuog und Ausführung 
des choreographischen Theils Hessen nichts zu 
wünschen übrig und die Wiedergabe der Musik sei- 
tens der Kapelle unter S c h u c h' s Leitung war von 
prickelndem Reiz. os. 



- 24 — 



Von hier und ausserhalb. 



Berlin. Die Pianistin Fraa Anna Falk-Mehlig in 
Antwerpen erhielt vom König von Württemberg die 
goldene Medaille für Knnat nnd Wissenschaft am 
Bande des Friedrichs-Ordens nnd vom Fürsten von 
Hohensoilem die grosse goldene Medaille „Bene 
merenti*', Herr Mnsikdirektor Bmst Flügel in Bres- 
lau den k. prenssisehen Adlerorden 4 Klasse, Kam- 
mersänger Betz in Berlin das Ritterlu'eaz K Klasse 
des herzogl. Braonschweigischen Ordens Heinrich's 
des Löwen, Prof. Hago Becker in Frankfurt a. M. 
das Ritterkreuz 1 Klasse des sächsischen Albrechts- 
Ordens, Kammersänger van Dyck in Wien den Franz 
Josef-Orden. 

_ Jolins Schnlhoif hat auf Vorschlag des Senats 
der Akademie der Künste das Prädikat »Professor* 
vom prenssisehen Kultusministerium erhalten. 

— Herr Kapellmeister V. Faltis, und die Araber- 
Kapelle, welche in Berlin nnd Wien mit so unbe- 
stritten grossem Brfolge gespielt hat» wurde bei 
ihrer Ankunft in Kairo ohne jeden Grund und ohne 
eine BntschSdignng au^elöst und entlassen. M^jor 
Faltis kehrt in diesen Tagen als stellenloser Kapell- 
meister nach Wien znrück. 

— Die Intendanz der Berliner königl. Oper bat 
die Odyssens-Tetralogie von August Bungert für das 
Opernhaus erworben und wird die ^Heimkehr des 
Odysseus* noch in dieser Saison znr Aut- 
führung gelangen. In Dresden sollen in rascher 
Folge alle vier Theile der Tetralogie in Sceoe 
gehen. 

— Ueber einen liebenswürdigen Zug unseres 
Kaisers berichten Berlioer Tagesblätter: Kürzlich 
dirigirte, wie bekannt, Herr Kapellmeister Dr. Muck 
das Hot konzert io Potsdam. Der Kaiser hatte die 
Absicht an jenem Abend geäussert, Herrn Muck den 
ihm verliehenen Rothen Adlerorden selbst zu über- 
reichen und ersuchte den Oberhofinarschall Grafen 
Balenbnrg, ihm die Insignien des Ordens zu bringen. 
Graf Enlenburg erwiderte dem Kaiser, dass er nicht 
in der Lage sei, in Potsdam sofort einen Orden zu 
beschaffen. Hierauf entgegnete der Kaiser : .Suchen 
Sie irgend einen Adjutanten, der einen Rothen Adler- 
orden bei sich trägt.^ Alsbald wurde auf Befehl des 
Kaisers einem Adjutanten der Orden abgenommen 
und dem Kaiser überreicht, der ihn in liebenswürdig- 
ster Weise Herrn Kapellmeister Muck mit den 
Worten übergab : .Ich habe ihn vorläufig einem Ad- 
jutanten abknöpfen lassen; denn Ich wollte Ihnen 
doch den Orden persönlich übergeben.** 

— Der Verein für Errichtung eines Robert Schu- 
mann - Denkmals in des Komponisten Vaterstadt 
Zwickau hat innerhalb elf Jahren 33,000 Mark ge- 
sammelt Derselbe könnte wohl für diese Summe 
ein würdiges Standbild beschaffen, indessen glaubt 
er im Sinne aller Verehrer Schnmann^s zu handeln, 
wenn er sich bemüht, eine noch höhere Summe 
zwecks eines möglichst monumentalen Denkmals zu 
sammeln. Doch schon in eüiem Jahre wird man 



ernstlich an die Ausführung desselben denken, und 
so bittet der Vorstand des Rob. Schumann-Vereins, 
etwaige Beiträge seitens so vieler Verehrer des herr- 
lichen Komponisten, seitens so vieler Gesang-, Or- 
chester- und Musikvereine, die sich noch immer mit 
seinen Werken volle Häuser sichern, an den Vereins- 
kassierer Hrn. Bankier Bauermeister in Zwickau 
baldigst zu senden. 

— In der jüngsten Sitzung des „Vereins für deut- 
sche Literatur*' trug Herr Dr. Max Fiiedländer 
einige Kompositionen Goethe'scher Lieder vor: Kr 
begann mit dem gewaltigen niederländischen Dank- 
liede: „Wir treten zu beten vor Gott den Gerechten** 
und sang dann mehrere Goethische Lieder, n. a. 
,J)as Heideröslein** in den Kompositionen von Joh. 
Friedr. Reicbardt, Peter Grönland, Joh. Christoph 
Kienlen, Franz Schubert und Heinrich Werner; ferner 
die sehr seltene Komposition des „Veilchens**, die 
Andr^ aus Offenbach in der Jacobischen »Iris** ver- 
öffentlichte, und deren Nachfolger; endlich drei Kom- 
positionen des „Erlkönig**, von denen die des Dres- 
dener Intendanten Barons Karl Borromäus von Miltitz. 
obwohl sie Goethes Beifall fand, heute doch nur er- 
heiternd wirkt 

— Otto Lessmann schreibt in No. 2 seiner 
«AUgem. Musikzeitung^: 

Die am 31. Dezember erschienene Nummer der 
„Neuen Berliner Musik-Zeitung* enthält an erster 
Stelle folgende »Mittheilung*^: Die «Neue Berliner 
Musik-Zeitung** hört mit dem heutigen Tage auf zu 
erscheinen. Um baldige Regelung der geschäftlichen 
Angelegenheiten ersucht baldigst die Expedition.** 
In einem Abschiedswort versucht der Herausgeber 
und Redakteur des Blattes, August Ludwig, seine 
vermeintlichen Verdienste um das Berliner Musik- 
leben noch einmal in das hellste licht zu setzen 
und seinen „redakteurischen** Rücktritt mit der Be- 
merkung zu beschönigen, er habe seine Ansichten 
über die schlechten Musikverhältnisse Berlins so 
eingehend und offen da^elegt, dass ihm für die 
nächste Zeit nur dasselbe Thema variirende Wieder- 
holungen übrig blieben. Wer sich nun aber die 
Mühe giebt, zwei Blätter der Nummer umzuschlagen, 
findet auf Seite 44 folgende „Erklärung**: «Ich habe 
in einer Briefkastennotiz in No. 18 wie auch in vor- 
hergehenden Nnmmem persönliche Angriffe gegen 
Herrn von Weingartner gerichtet, die ich als jeder 
Berechtigung ermangelnd anerkennen mnss. Ich 
stehe nicht an, meinem tie&ten Bedanern hierüber 
Ausdruck zu geben. Aug. Ludwig. 

Zwischen der oben erwähnten »Mittheitang'* und 
dieser yBrklämng" besteht ein ideeller Zusammen^ 
hang, den klar zu legen doch nicht überflüsäg sein 
dürfte, weil er allein den plötzlichen und unrühm- 
lichen Tod der seit fünfzig Jahren bestehenden 
„Neuen Berliner Musik-Zeitung** erläutert Von 
G. Bock begründet nnd mehr als vier Jahrzehnte 
hindurch hat das Blatt als Organ des Hofmusikalien- 
Verlages von Bote A Bock eine zwar farblose, aber 



- 25 — 



vornehme Haitang bewahrt, bis es vor einigen 
Jahren in den Besitz des Dr. Richard Stern über- 
ging, der die Zeitong Ende 1893 an den Komponisten 
August Ludwig verkaufte, üleser Herr begann seine 
Thätigkeit als Redakteur mit dem bekannten s. Z. 
auch von uns im Wortlaut veröffentlichten Drohbrief 
an Herrn Hermann Wolff, in welchem gegen Berück- 
sichtigung der Kompositionen Ludwigs für die Pro- 
gramme der Philharmonischen Konzerte von diesem 
versprochen wurde, angeblich ihm bekannte Sch&den 
in der Geschäftsführung Wolff*s zu verschweigen, 
andernfalls aber schonungslos gegen die Thfttigkeit 
der Konsertdirektion Hermann Wolff vorzugehen. 
Der Verein ,3erliner Presse^ schloss daraufhin Herrn 
Ludwig von der Mitgliedschaft aus. Die „N. Berl. 
Muaik-Ztg,*' wurde von nun an eine Sammelstelle 
der unverfrorensten Propagirung des Komponisten 
Ludwig, der unerhörtesten Beschimpfungen und 
grundlosesten Verleumdung solcher in der Oeffent- 
lichkeit thätigen Persönlichkeiten, die es verschmähten, 
die eingebildete Grösse des Herrn Ludwig anzuer- 
kennen. Auch wir erfreuten uns des Oefteren der 
beleidigendsten Angriffe seitens des Herrn Ludwig, 
hielten es aber, nachdem wir dieselben einigemal in 
unserm Briefkasten mit gutem Humor parirt hatten, 
der genugsam gekennzeichneten Person des An- 
greifers wegen endlich nicht mehr der Mühe für 
werth, auf dieselben zu reagiren. Nunmehr hat sich 
der kgl. Kapellmeister Herr Felix Weingartner in- 
direkt das Verdienst erworben, einen Mann, dessen 
Thitigkeit der musikalischen Journalistik gewiss 
nicht zur Bbre gereichte, unschftdlich zu machen. 
Systematisch hatte Herr Ludwig in seiner Zeitung 
seit langem audi Herrn Weingartner mit beleidigen- 
den Aeussernngen und Beschimpfaogen verfolgt, bis 
er sich vermass, sogar Familienbeziehungen intimster 
Natur öffentlich zu verdächtigen und Herr Wein- 
gartner daraufhin denn doch eine Beleidigungsklage 
anzustrengen sich genöthigt sah. Herr Ludwig machte 
nun persönlich sowohl wie durch seinen Anwalt den 
Versuch, durch Zugest&ndnisse aller Art den Be- 
leidigten zur Zurücknahme der Klsge zu bewegen, 
und, nachdem der erste Termin wegen nicht pünkt- 
lichen Erscheinens des Beklagten verschoben worden 
war, bot Herr Ludwig zuerst durch seinen Anwalt, 
dann brieflich das Eingehen seines Blattes als Preis 
an, falls Herr Weingartner sich bereit fände, von 
seiner Klage abzustehen. Auf diese und keine an- 
dere Ursache ist es zurückzuführen, dass das Blatt 
sein kümmerliches Dasein vor der Zeit beendet hat 
Ob ein Hinscheiden über kurz oder lang nicht doch 
auf natürlichem Wege erfolgt wäre, bleibe dahinge- 
stellt. Die Ludwig'sche journalistische Pechfackel 
dürfte nunmehr für immer erloschen sein« Wir finden 
es ganz in der Ordnung, dass Herr Weingartner, der 
selbst dem uofläthigsten Vorgehen seitens eines 
Theiles der Presse gegenüber bisher eine vornehme 
Zurückhaltung bewahrte, doch endlich zu erkennen 
gegeben hat, dass auch seine Geduld einmal zu 
Ende geht^) 

*) Herrn August Ludwig ist sein Recht 
geschehen, er bSast für seine vielfachen Sünden 
gegen den literarischen Anstand, für sein gehässiges 



— In dem Prozess. den die kgl. ungarische Oper 
in Budapest gegen ihren früheren Kapellmeister und 
Direktor Arthur Nikisch angestrengt hatte, ist von 
dem Budapester kgl. Cterichtshof nun das Drtheil 
gefällt worden, demgemäss die kgl. ungarische Oper 
mit ihrem Schadenersatzanspruch von 75 000 fl. ab- 
gewiesen und gehalten wird, dem Advokaten des 
Verklagten 986 fl. 50 kr. Kosten zu bezahlen. Als 
Begründung des Drtheils wird angeführt, dass Nikisch 
die erbetene Entlasssung vom Intendanten erhalten, 
die Oper aber ihren Schaden nicht nachgewiesen 
habe. Es war eine Konventionalstrafe von 75 000 fl. 
für den Fall ausbedungen, falls Nikisch sich ohne 
Grund von Budapest entfernen sollte. Intendant 
Baron Nopcsa förderte im Soouner vorigen Jahres 
den in Ischl weilenden Direktor Nikisch telegraphisch 
auf, sofort nach Budapest zu kommen und sich um 
die Oper zu kümmern, was Nikisch als Beleidigung 
auffiasste und infolge dessen um seine Entlassung 
einkam, die ihm dann auch bewilligt wurde. 

» Anifisslich des bevorstehenden sechzigjährigen 
Regierungsjubiläums der Königin von England, be- 
richten englische Zeitungen, dass die greise Monarchin, 
welche selbst hervorragend musikalisch ist und als 
junge Frau Mendelssohns Unterricht genoss, sich 
ungemein grosse Verdienste um das musikalische 
Leben in England, das unter ihrer Regierung einen 
grossartigen Aufschwung genommen hat, erworben 
hat Nicht minder hat die Königin, indem sie oft 
mit Künstlern verkehrt, und dieselben in ihrer Nähe 
gezogen hat, viel dazu beigetragen, die Stellung der 
Künstlerin England zu verbessern, ihr Ansehen zu 
erhöhen, da Künstler dort früher noch bedeutend 
unter mancherlei Vorurtheilen zu leiden hatten und 
man ihnen die ihnen gebührende Achtung oft ver- 
sagte. 

— Der Wiener Tonkünstler-Verein erliess im 
Januar 1886 ein Preisausschreiben für die beste 
Kammermusik-Komposition, in der mindestens ein 
Blasinstrument verwendet werden sollte. Zwölf der 
eingelaufenen Arbeiten wurden den Mitgliedern in 
den Sitznngsabenden des Vereins vorgeführt Die 
durch die ordentiichen Mitglieder des Tonkünstler- 



Vorgehen gegen alle diejenigen, von denen er sich 
oder seine Werke vernachlässigt glaubte und für 
seine unglaubliche Selbstüberschätzung. Aber be- 
dauerlich ist es, dass ein Mann von so unleugbarer 
Begabung auf solche Abwege gerathen konnte. Er 
bekundet als Komponist Talent, mehr aber noch als 
Schriftsteller. In seiner Zeitung hat er KünsÜer- 
bioffraphien flott und lebendig und mit stets zu- 
treffender Charakteristik geschrieben, besondere Be- 
achtung aber verdienen die kurzen Sprüche, die er 
unter dem Titel .Splitter'' veröffentlicht hat. Staat, 
Gesellschaft, Kunst und Religion zieht er in den 
Kreis seiner Betracbtongen, mit ungemeiner Schärfe, 
aber nie ungerecht, mit verblüffender Offenheit 
geisselt er darin Schäden im Gesellschafts- u. Kunst- 
Leben. Oft spiegeln sie eine Reife des Urtheils, eine 
Verstandesschärte und eine erhabene Weltanschauung, 
wie man sie bei einem so jungen Mann kaum er- 
wartet Schade^ schade^ dass bei Ludwig Geistes- 
und Charakterbildung sich nicht die Wege halten, 
letztere vielmehr ein Manko aufweist, das zu einem 
nichts weniger als rühmlichen Ende seiner Redak- 
tionsthätigkeit geführt hat E. B. 



26 — 



Vereines yorgenonuneDe Abstimmung erfolgte am 
22, Dezember 1896. Hierbei erhielt den ersten 
Preis ein Qaartett for Violine, Clftrinette, Violoncell 
and Pianoforte (Motto: Im Aqfang war der Ton) 
von Walther Rabi (Wien), den zweiten Preis ein 
Septett . »Ans meinem Leben* för Violine, Viola, 
Violooceil, Glarioette, Fagott and zwei Hörner. 
(Motto: »Was ich habe, geb* ich her") von 
j. M. Weber (Konzertmeister in M&nchen), den dritten 
Preis ein Trio für Giarinette, Viloncell und Piano- 
forte (Motto: Beethoven) V. Alezander Zemlinsky (Wien). 

Pambnrgy 10. Januar. Die Oper des dSnischen 
Komponisten Bona „Aucassin und Micolette* wurde 
bei der gestrigen Aufführung sehr beifällig auf- 
genommen. Die zum ersten Male in Deutschland 
aufgeführte Oper ist, obgleich sie von Wagner stark 
breinflusst ist, das Werk eines selbststftndig schaiTen- 
deo echten Musikers. Die Oper weist lyrische 
St höoheiten ersten Ranges auf, die zu fein sind, um 
auf di«> grosse Masse zu wirken. Der Komponist 
und die Darsteller, Frau Förster, Lauterer and 
Badorf, wurden wiederholt gerufen. 

Mainsy 7. Januar. Bekanntlich hat man vor 
wenigen Monaten dem Vater des in Mainz tbfttig 
gewesenen und hier auch verstorbenen Komponisten 
und Orgelvirthosen Friedrich Lux in Ruhla als 
Komponist des Thüringer Volksliedes »Ach, wie wVa 
möglich dann*' ein Denkmal gesetzt Di-^e Ehrung 
ist lebhaft angegrilTen worden, da man die so innige 
Wf ise auf Kücken, Böhcer etc. zurückführte, doch 
sind Georg Heinrich Lax zahlreiche Fürsprecher er- 
standen. Am entscheidendsten dürfte wohl eine eid- 
liche Aussage wirken, die der mehr als 80jfthrige 
Pfarrer l^icolai in Gotha gemacht bat Nicolai hat 
vor dem Notar Kirsten im November v. J. proto- 



kollarisch folgendes bekundet: »Ans Anlass des zur 
Zeit schwebenden Streites über die Autorschaft des 
Thüringischen Volksliedes steht mir ein Vorgang nn- 
auslOschlich im Gedftchtniss, den ich mit folgendem 
der OeiTentlichkeit übergeben will: An einem schönen 
Sommemachmittag des Jahres 1852 besuchte mich 
Louis Böhner, als ich gerade den Schluss des 
Beetiiovenschen Omoll-Symphonie im Arrangement 
von Liszt spielte. Auf seinen Wunsch musste ich die 
Symphonie zu Ende spielen. Darauf unterhielten wir 
uns, im Zimmer auf- und abschreitend, über 
Beethoven, wobei Böhner nicht undeutlich zu ver- 
stehen gab, da8s seine Scherzi denen Beethovens 
wohl gleichkftmen. Mittlerweile waren wir ans Fenster 
getreten. Nach wenigen Minuten hörten wir einen 
unter dem Fenster dahingehenden Schuljungen das 
Thüringisehe Volkslied pfeifen. Hier brach Böhner 
plötzlich das GesprSch ab und frug mich hastig: 
•Wissen Sie auch, von wem das Lied komponirt 
ist?* »Nun**, antwortete ich, «von keinem anderen 
doch als von Ihnen ; Sie gelten ja g«nz allgemein 
als Komponist des Liedes !* Böhner lehnte die Antor- 
schaft gftnzlich ab mit den Worten: «Nein, das Lied 
ist von dem Orgsn^sten Lux in der Ruh! komponhrt. 
Eben komme ich von dorther, wo mir der alte Lux 
gestern endlich gestanden hat, dass er der Komponist 
des Liedes sei, und ich freue mich, dass ich meine 
längst gehegte Vermuthung über den wahren Urheber 
des Liedes bestätigt finde. Ich frug Lux, warum er 
nicht schon längst als Komponist hervorgetreten sei. 
Da antwortete er mir, es habe ihm bisher Spass 
gemacht, dass man nach dem Komponiaten im 
Dunkeln herumtappte und auf diesen und jenen ge- 
rathen sei!'' Solches bekunde ich heute nach 
vollendetem 81. Lebensjahre der Wahrheit zur Ehre.* 



Antworten. 



J, M. Bostoek. Sie fragen nach einem tbeore- 
tiscben Werk über Beethovens Sonaten. Meinen Sie 
damit eine Analyse der Sonaten, dann empfehle ich 
Ihnen das in No. 18 1896 des „K lavier- Lebrer's be- 
sprochene Werk von Carl Reinecke : „Beethovens 
K lavier-Sonate* 

B. G. Von Rieh. Strauss vi 1 umstrittenem 
Weike: ^Zarathustra'^ erschien nur eine vierhändige 
Bearbeituni;, sie kostet 8 Mk und ist so wie die 
Orchester-Partitur (Pr. 25 Mk.) im Verlag von 
Jos. Aibl in München erschienen. 

A. Schw. Zloczöw (Galizien) Brief ging am 
7. Januar von hier ab. 



L. K. Tlflls. Bitte um eine deutsche Ueber- 
Setzung des Titeb Ihres Werkes. 

L. W. G^rliti. Die Pension^kasse des «Allgem. 
deutschen Musikerverbandes* (Präsident E. Vogel) 
zahlt bei einem Monatsbeitrag von 1,50 Mk. nach 
10 jähriger Mitsliedschaft im Fall der Invalidität 
96 Mk. und nach 30 Jahren — ohne Invalid zu sein 
— gleicbfolls die genannte Pension jährüch. Die 
Beitragsquote kann nach Belieben erhöht werden, 
wodurch sieh selbstverständlich auch die Invaliden« 
pension erhöht 



Anzeigen. 



Dieser No. ist ein Prospekt über 

Compofliitioiieii won Albert Fach« 

beigelegt, worauf wir hiermit besonders aufmerksam machen. 



D. E. 



ü^ianinos 

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Apartes Fabrikat L Bangea. 
12 goldene Medaillen und I. Preise. 
Von Liszt, Bülow, d'Albert aoT« 

Wärmste empfohl. AnnerkeanangMchreibeB 
ans allen Theileo der Welt. In >HelaB 
ICagaiinen des In- und Antlandm ▼onitt%t 
•ontt directar Venandk ab Fftbrik. 

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Sr. Maj. des Kaisers von Deutschland und Königs von Prenssen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin von Deutschland und Königin von Prenssen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin Friedrich, 

Ihrer Maj. der Königin von England, (58] 

Ihrer Maj. der Königin Regentin von Spanien, 

Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrieh Carl von Prenssen, 

Sr. Königl. Hoheit des Herzogs von Sachsen-Goburg-Gotha. 

Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Louise von England (Marchioness of Lome). 



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MaleatM der Kdaisio-llefceaUa Ten 8pamle% 

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Ikrer Kdmli^ Hehelt der Prlnaeaalm Tarn Walea, 

Sr. Kdaigllehea Hehelt dea Hemega Ten Edlmbarslk 



Stelnuray^s Planofalirlk, Hamlmri;, Hi. Paulis 



laA daa elaalge deniaeke filabHaaemeni der Finaa. 

(Vertreter In Berlin: Oscar Agthe^ Wilhebustr. IL SW.) 



ToraatwortUehor Bodakteart Ptof. Kmil Breslaur, Berlin N.» Onmienborgerstc^lh. 
Toriaf lad Bzfoditioat Wolf Peiser Terlag (G. Kaliski^ Berlin S., Braadenbiirgstr. II. 

nraak yob Roieathal 4 Oo., Beriin M^ Johaamsitr. sa 



Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 
Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler-Vereine 
ni B«rUi, Kill, Dreedei, EiHbiirg und gtittgarfc 

HenLiugegebeD 

Professor Emil Breslanr. 



No. 3. 



Berlin, I. Februar 1897. 



XX. Jahrgang. 



— , nnd AnnODCen-ibpfldiüoii«]!, wi« von du Verl^Cahandlnnr, 

HnaikalieiihuidlnDgeii b«sogen Tiertoljfihrlich 1,60 JH, Berlin S,, Bntndenbnrgitr. 11. ■wn Pidie von 10 \ 
diraet nntorKraubnnd Ton derVerlMtabnndlang l,7& JE. für die iveigeapnitene Peütioile e ' 



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Franz Schubert. 




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Geboren den 31. Januar 1797, 





— 80 — 



cc€JÖ^;J^ Aang Se/kißorf. ß5>>©t>^ 

Von O« Belmonte» 



Das klassische Zeitalter der deutschen 
Muse findet seine wirksame Ergänzung in 
dem klassischen Zeitalter der deutschen Ton- 
kunst. Deutschland und Oesterreich gelangen 
dadurch in eine merkwürdige Wechselwirkung, 
die auch die politischen Zollschranken nicht 
zu hemmen im Stande sind. Neben Lessing, 
Goethe und Schiller stehen Haydn, Mozart 
und Beethoven. 

Ja noch mehr: Auch die Periode der 
deutschen Romantik findet eine solche Wechsel- 
wirkung in der österreichischen Tonkunst und 
mit ühland und Heine wetteifert Franz 
Schubert in dem Bemühen, den alten Zauber- 
wald zu erschliessen. 

Wie ein weithin sichtbarer Markstein 
steht am Ausgang der klassischen Periode: 
Franz Schubert, der Fürst des deutschen 
Liedes. 

Lange Zeit hat man in Schubert einzig 
und allein nur den Schöpfer des deutschen 
Liedes bewundert, als instrumental - Kom- 
ponist, auf welchem Gebiete er so Vollendetes 
geschaffen, sollte seinem Genius erst langsam 
die Würdigung zu Theil werden, die ihm voll- 
auf gebührt. 

Vergebens hat sich Schubert um die Auf- 
führung seiner Kompositionen beworben, erst 
dem Todten wurde die Ehre erzeigt, die dem 
Lebenden versagt geblieben. 

Erst durch die Vermittelung Robert Schu- 
mann's, der Felix Mendelssohn-Bartholdv die 
grosse G-dur-Symphonie übergab, die dieser 
im März des Jahres 1839 bei einem Gewand- 
hauskonzerte in Leipzig auffuhren liess, be- 
kam die musikalische Welt Kenntniss von 
Schubert's weittragender Bedeutung auch auf 
dem Felde der Instrumental-Komposition. 

Während Franz Schubert's Erstlingswerke 
noch unverkennbar den Stempel Mozart'schen 
EiDflnsses tragen, zuweilen auch in den 
Bahnen Beethoven's wandeln, (Octett opus 166, 
das sich an das Beethoven'sche Septett opus 20 
anschliesst) so betritt Schubert später in 
seinen Meisterwerken einen eigenen Weg, 
den Weg, auf welchem er zu jenem so eigen- 
artigen Künstler wurde, als den wir ihn be- 
wundern und auf welchem er das Lied zu 
einer so hohen Stufe der Vollendung brachte. 
Er hat dadurch die Entwickelung glänzend 
zu Ende geführt, die Mozart und Beethoven 
angebahnt hatten. 

Für Beide hegte Schubert die grösste 
Verehrung. «Wer kann nach Beethoven 
noch etwas schaffen I*' ruft er einmal, ver- 
zweifelnd am eigenen Können, und dieunbe- 
Senzte Bewunderung, mit der ihn der Genius 
ozart's erfüllte, ist bekannt. «Bin heller, 



lichter, schöner Tag,^ so schreibt er in sein 
Tagebuch, „wird dieser durch mein ganzes 
Leben bleiben. Wie von ferne, leise hallen 
mir noch dde Zaubertöne von Mozart's Musik. 
Wie unglaublich kräftig und wieder sanft 
ward's durch Schlesinger'B meisterhaftes Spiel 
in's Herz tief, tief eingedrückt. So bleiben 
uns diese schönen Andrücke in der Seele, 
welche keine Zeit, keine Umstände verwischen 
und wohlthätig auf unser Dasein wirken. Sie 
zeigen uns in den Finsternissen dieses Lebens 
eine lichte, helle, schöne Feme, worauf wir 
mit Zuversicht hoffen. 

Mozart, unsterblicher MozartI wie viele 
und wie unendlich viele solche wohlthätige 
Abdrücke eines lichten, besseren Lebens hast 
Du in unsere Seele geprägt^ 

Die stark ausp^eprägte Selbständigkeit 
seiner eigenen Individualität bewahrte ihn 
jedoch davor, zum farblosen Nachi^mer der 
grossen, von ihm so bewunderten Tonmeister 
zu werden. 

Merkwürdigerweise und trotz der glühen- 
den Bewunderung Schubert* s für Beethoven, 
sind Beide einander niemals näher getreten. 
Obwohl Beide mehr als 20 Jiüire lang in 
derselben Stadt lebten, und Schubert auch 
des öfteren bei Konzerten und anderen An- 
lässen Gelegenheit hatte, dem Meister zu 
begegnen, wagte er es dennoch nicht, sich 
um die Freundschaft des Gewaltigen zu be- 
werben, die ihm dieser sicherlich nicht vor- 
enthalten hätte. Eine gewisse Scheu, dazu 
Schubert's angeborene Bescheidenheit, wohl 
auch noch die Grundverschiedenheit beider 
Charaktere, des biederen, echt wienerischen 
Schubert und des grollenden, verbitterten 
Beethoven, hat es bei dem einen missglückten 
Versuch von Seiten des Jüngeren bleiben 
lassen, über den Anton Schinmer, der Bio- 
graph Beethovens, berichtet: „Im Jahre 1822, 
machte sich Franz Schubert auf, um seine 
vierhändigen, Beethoven geiddmeten Varia- 
tionen über ein französisches Lied (opus 10) 
dem von ihm hoch verehrten Meister zu 
überreichen. Ungeachtet Diabelli's Beglei- 
tung und Verdolmetschung seiner Geföhle 
spidte er doch bei der Vorstellung eine ihm 
selber missfällige Rolle. ^ 

Und als nun gar Beethoven in dem ihm 
vorgelegten Opu3 einen kleinen harmonischen 
Irrthum rügt, eilt der junge Künstler ganz 
fassungslos hinweg und versuchte es nie mehr, 
Beethovr'n näher zu treten. 

Hätte Mozart zu gleicher Zeit mit Franz 
Schubert gelebt, so würde sicher ein inniges 
Freundschaftsband diese beiden fast gleich- 
artigen Menschei verbunden haben; denn 



— 81 — 



schon vereinigt Schubert in sich die froh ge- 
sellige Natar, die heitere Sorglosigkeit, den 
liebenswürdigen Freimuth und den Seelen- 
adel Wolfgang Mozart's mit dessen grossem 
Gottvertrauen und dessen echter Menschen- 
liebe, vor allem mit dessen kindlich weichem 
Herzen. 

Beethoven hat jedoch später das grosse 
Talent Schnbert's anerkannt und noch auf 
seinem Krankenlager beschäftigte sich der 
Heister mit den Werken des jungen Künst- 
lers. Voll Staunens vernimmt er Hie herr- 
lichen Lieder, die ihm von den Freunden 
gebracht werden, und mit wahrer Bewunde- 
ruttg folgt et den Schöpfangen dieses reichen 
Talentes. 

„Wahrlich!^ mfk der kranke Beethoven 
bewundernd aus, „in dem Schubert wohnt ein 
göttlicher Funke I*' 

Den unbändigen Freiheitsdrang, die Un- 
möglichkeit, sich in eine abhängige Stellung 
zu bef;eben, oder gar um des Brodes willen 
talentlosen Schülern Klaviernnterricht zu 
geben, (wie dies Mozart selbst zeitlebens thun 
musste) das hat Schubert mit Beethoven ge- 
mein. Die Freiheit ging ihm über Alles, 
und manche gute Gelegenheit liess er unge- 
nützt vorbei gehen, aus Furcht, dann der 
goldenen Freiheit beraubt zu sein und nicht 
nach Herzenslust komponiren zu können, so- 
bald in seinem regen Geiste ein neuer Gedanke 
Platz griff. 

und dass dies sehr oft der Fall gewesen 
sein muss, das bezeigt uns die grosse Zahl 
von Schabert'schen Kompositionen, die dieser 
in seinem so kurzen Leben geschaffen. Er 
komponirte überall, seine Schaffenskraft war 
nicht an Ort und Zeit gebunden. Um Werke 
von wahrhaft bestrickender Schönheit zu 
schaffen, bedurfte es für ihn keiner äusseren 
Anregung. Kam ihm ein Gedanke, so musste 
er ihn auch sogleich zu Papier bringen, ob 
er sich nun gerade auf seinem Lieblings- 
spaziergang, vor den Thoren der Stadt, oder 
im fröhlichen Freundeskreise befand. Ein 
Blatt Notenpapier und ein Wirthshaustisch 
genügten ihm und an einer WirtJishaus- 
tafel sind oft seine reifsten Werke ent- 
standen. 

Franz Schubert war ein Wiener. Die 
engen Verhältnisse des Vaterhauses bestimmten 
den 18jährigen Jüngling, eine Hilfslehrerstelle 
an der Schule anzunehmen, an welcher sein 
Vater als Lehrer fungirte. 

Die Familie Schubert, die aus dem Vater, 
Schuberts Stiefmutter und mehreren Ge- 
Bchwistem bestand, und die trotz ihrer rühren- 
den Bedürfiiisslosigkeit mit dem schmalen 
Gehalte des Lichtenthaler Schulmeisters nicht 
auskommen konnte, war auf die Mithilfe der 
erwachsenen Söhne angewiesen ; und so musste 
denn der geniale Franz, der seine Kinder- 
vnd Jünglingsjahre im kaiserlichen Konvikte 



verbrachte, wo er von seinem zehnten bis 
zum siebzehnten Jahre als Sängerknabe im 
Kirchenchor mitwirkte, mit einem Mal 
in ganz veränderte Lebensverhältnisse ein- 
treten. 

Das Leben im Konvikte war ein sorglos 
heiteres gewesen; trotzdem hatte der aufge- 
weckte Knabe auch das Lernen nicht ver- 
gessen. Seinen Unterricht leitete zuerst 
Hoforganist Ruczizka, später der dorch 
seinen Hass gegen Mozart berüchtigt gewor- 
dene SaUeri; einen geordneten Unterricht, 
eine strenge Anleitung hat er jedoch dort 
nicht erhalten. 

Drei Jahre lang verleugnet Franz sein 
besseres Selbst, quält sich mit dem lästigen 
Unterricht. Dann aber erträgt er es nicht 
länger; seine Seele sehnt sich mächtig nach 
Erlösung von dem bedrückenden Schulzwang, 
nach Bethätigung seines Talentes, und nach 
einer seinen grossen Fähigkeiten würdigeren 
Stellang. 

So bewarb er sich denn im Jahre 1815, 
gestützt auf eine Empfehlung Salieri's, um 
eine Stelle als Lehrer an einer Musikschule 
in Laibach, mit welchem Amte auch ein Ge- 
halt von 500 Gulden verbunden war. 

Allein Schubert erhielt selbst diese massige 
Anstellung nicht und zwar durch die Doppel- 
züngigkeit Salieri's, der einen anderen JBe* 
Werber als am geeignetsten für die Stelle 
empfohlen hatte. 

Sicher hätte dieser Misserfolg nachtheilig 
auf Schnbert's Gemüth eingewirkt, wäre nicht 
gerade jetzt eine etwas günstigere Verände- 
rung in sein Leben getreten. 

Franz v. Schober, ein junger Mann aus 
vermögendem Hause, kam nach Wien, um 
an der dortigen Universität seine Studien zu 
vollenden. Ein glühender Verehrer Schnbert's, 
d'^ssen Lieder er in einem befreundeten Hause 
in Linz kennen gelernt hatte, fordert er den 
jungen Tonmeister auf, seine Wohnung zu 
theilen, was dieser dankerfüllt annimmt. 
Schöne Tage sind's, die er in inniger Har- 
monie mit dem begabten Freunde verlebt; 
nun darf er, befreit von jedem lästigen Zwange, 
ganz seiner Kunst leben. 

Bald hatte sich ein weiterer Freundes- 
kreis in Schober's Hause versammelt. Dieser 
war es auch, der die Bekanntschaft Schnbert's 
mit dem Sänger Vogl vermittelte, der die 
Schubert'schen Lieder zuerst an die Oeffent- 
lichkeit brachte, und durch seine schönen 
Stimmmittel, wie durch seinen belebten, dra- 
matischen Vortrag viel zu ihrer Popularität 
beitrng. Vogl war einer der bernfensten 
Vertreter Schubert'schen Geistes und hat 
bis an sein Ende mit inniger Begeisterung 
Schu'bert'sche Kompositionen tadellos vorge- 
tragen. 

Ein Kreis genialer Menschen versammelte 
sich um den jungen Meister und seinen Inter- 



- 32 — 



preten; dass Schubert das belebende nnd 
verehrteste Mitglied dieses Kreises gewesen 
ist, erhellt darans, dass die Freunde ihre 
heiteren, geselligen Zusammenkünfte: ,,Schu- 
bertiaden^ nannten. Namen von bestem 
Klang sehen wir bei diesen Schubertiaden 
versammelt. Moritz v. Schwind, Eduard 
Bauemfeld, der Dichter Mayerhofer, Freiherr 
Y. Spaun, Kugelwieser, Sonnleithner , Vogl, 
Franz Lachner u. a. gehörten dem Freundes- 
kreise an, und ihre Namen sind innig mit 
dem Andenken an den grossen Tondichter 
verknüpft. Bei diesen Symposien war Franz 
einer der heitersten; seine immer frohe Laune 
wie sein harmloser Witz machten ihn zum 
Liebling Aller. 

Das Glück, das die meisten Menschen in 
der Liebe finden, war unserem jungen Meister 
gleichwohl versagt geblieben, allein in fiber- 
reichem Maasse ward er durch treue Freund- 
schaft dafür entschädigt. In seinem kurzen 
Lebenslaufe war es keinem Weibe gelungen, 
die Liebe dessen zu erringen, der die Liebe 
und ihre Wonnen doch so unübertrefflich 
schön zu besingen gewusst — und wenn sich 
eine Zeit hindurch die Mähr von einer un- 
glücklichen Leidenschaft Schubert's für die 
Komtesse Karoline v. Esterhazy erhalten hat, 
so haben verdienstvolle Forscher in neuerer 
Zeit die ünhaltbarkeit dieser Fabel nachge- 
wiesen: Komtesse Karoline war 11 Jahre alt, 
als Schubert in Zelesz auf dem Gute ihrer 
Eltern weilte. 

Nach einem halben Jahre kam ein Bruder 
Schober's nach Wien, und Schubert musste 
das ihm liebgewordene Asyl verlassen; aber 
innige Freundschaft verband ihn auch später 
mit dem treuen Schober. 

Jetzt bezog Schubert eine gemeinsame 
Wohnung mit Mayerhofer ; und auch da ver- 
sammelte der Abend die Freunde zu geselligem 
Beisammensein. 

So sehr aber auch durch die Vermittlung 
der Freunde u. A. Schubert's Name in die 
Oeffentlichkeit drang, so sehr sein Talent 
schon damals bewundert wurde, so blieb er 
doch in engen und dürftigen Verhältnissen, 
da sich trotz aller Bemühungen der Freunde 
kein Verleger finden wollte, der die Kom- 
positionen des jungen Meisters verlegt und 
honorirt hätte. 

Es wiederholte sich bei Schubert genau 
dasselbe, was die Welt einige Jahrzehnte 
früher an dem Genius Mozart's erfahren 
hatte. Beide schenken ihren undankbaren 
Zeitgenossen unschätzbare Werke, Werke von 
vollendeter Schönheit und Beiden hat es die 
Mitwelt so arg gelohnt. 

Dass Schubert kein Opernkomponist ge- 
worden, oder vielmehr, dass keine von seinen 
Opern: „Fierrabras^ , „Rosamunde^, „Der 
häusliche Kriegt u. s. w., eine Bühnenfähig- 
keit erlangt haben , das wird wohl heut zu I 



Tage Niemand mehr einem Mangel an Können 
beimessen. Schubert mit seinem Melodien- 
reichthum, seiner Tonmalerei und seiner 
stimmungsvollen Lyrik hätte wohl auch die 
Musik far ein lebensfähiges Tondrama 
schreiben können. Begegnen wir doch heute 
Opern komponisten, deren Wissen und Talent 
lange nicht an das Schubert's hinanreicht, 
und die trotzdem das Geheimniss besitzen, 
mit ihren Opern grosse Erfolge zu erziden, 
ja sich im Sturm den Beifall der Menge zu 
erobern. Das, was Schubert mangelte, am 
auf dramatischem Gebiete die gleiche 
Vollendung zu erlangen und gleichen Rohm 
zu ernten, wie er i^ als dem berufensten 
Vertreter der lyrischen Musik zu Theil ge- 
worden ist, das war — die Libretto-Mislre 
abgerechnet — einzig und allein Mangel an 
Routine, das gänzliche Fehlen yon Welt- und 
Menschenkenntniss, ohne die ein rechter 
Opemkomponist nun einmal nicht zu denken 
ist. Schubert yermochte es nicht, s<)inen 
Opernkompositionen dramatisches Feuer ein- 
zuhauchen; seine Arien waren zwar schön, 
aber sie blieben eben nur Arien und würden, 
losgelöst von dem Opern werke, überall hin-^ 
passen ; es mangelt ihnen das belebende Ele- 
ment, der innige Zusammenhang mit der Wirk- 
lichkeit, der starke dramatische Zug, und — 
die Gunst des Augenblicks. Wäre einer 
seiner Opern diese Gunst des Glückes zu 
Theil geworden, so würde dieser Erfolg ge^ 
wiss fördernd auf das weitere Schaffen des 
Meisters eingewirkt haben. Allein dem war 
nicht so, und wir müssen uns über diese 
Lücke mit den vielen unzähligen Meister- 
werken trösten, die Schubert auf allen an- 
deren Gebieten der Musik geschaffen. Eines 
ist sicher: Hätte Schubert grosse Reisen 
gemacht, Welt und Menschen kennen gelernt, 
den Blick durch Anschauung alles Edlen 
und Grossen geweitet, wäre er aus den engen 
Verhältnissen auf die Bühne des Lebens 
hinausgetreten, yor allem wäre er nicht zeit- 
lebens der gute, harmlose, über alles Maass 
bescheidene Mensch geblieben, sein Genius 
hätte die Welt sicher auch durch eigenartige 
Opemwerke bereichert. Nun aber theilt er 
mit Beethoven, Mendelssohn, Schumann, bei 
denen wieder andere Einflüsse störend wirkten, 
das Geschick, auf dem Hauptgebiete der 
Musik, der Oper, nichts Bleibendes ge- 
schaffen zu haben. 

Freilich wird es den enthusiastischen 
Verehrern Schubert's recht schwer, sich den 
Meister, der jeden Musikstil (weltlichen und 
kirchlichen) vollständig beherrscht, als Opem>^ 
komponist unzulänglich zu finden. Schubert 
vermochte es nicht, sich psychologisch zu 
vertiefen; ein sondirendes Studium der Gha^ 
raktere der handelnden Personen lag seinem 
urwüchsigen, man darf wohl sagen: naiven 
Sinne voUstftndig fem. — So müssen w 



- 88 — 



denn darauf verzichten, auch von den Brettern 
herab Schubert auf uns wirken za lassen, 
und müssen uns an dem genfigen lassen, 
womit sein schöpferisches Genie Kirche und 
Konzert so verschwenderisch bedacht hat. 
Und das, wahrlich, ist nichts Geringes! 

Aber auch seine fibergrosse Bescheiden- 
heit, die ihn stets davon abhielt, öffentlich 
hervorzutreten, mag ein gut Theil daran ge- 
habt haben. 

Wie weit diese Selbstverleugnung ge- 
gangen, davon geben uns die Erzählungen 
der Zeitgenossen Schuberts oft merkwürdige 
Berichte. So erzählt Freiherr v. Spaun über 
einen Musikabend in einem aristoKratischen 
Hause, wo Baron v. Schönstein, ein kunst- 
begeisterter Dilettant, Schnbert'sche Lieder 
sang und dafür von der glänzenden Gesell- 
schaft mit dem grOssten Beifall überschüttet 
wurde. Schubert aber sass allein in einem 
Winkel und Niemand achtete seiner. Da 
trat die Frau des Hauses zu dem Einsamen, 
sagte ihm einige anerkennende und zugleich 
entschuldigende Worte. nO,^ antwortete 
Schubert, „ich bin es gewohnt, übersehen zu 
werden, und es ist mir manchmal ganz recht, 
weil ich mich dann weniger genirt fühle." 

Wenn aus den Schöpfungen der meisten 
Künstler and Dichter die Stimmung ersicht- 
lich ist, in der sie entstanden, so trifft dies 
bei Schubert besonders ein. 

Einmal bemerkten die Freunde eine dem 
sonst so heiteren Naturell Schubert's ent- 
gegengesetzte, plötzlich auftauchende und an- 
haltende Schwermuth an ihm. Theilnehmend 
drangen sie in ihn, ihnen die Ursache dieser 
Melancholie zu erklären. „Ihr werdet es 
bald hören und begreifen", lautete die Ant- 
wort, „kommt heute zu Schober, ich werde 
Euch einen Zvklus schauerlicher Lieder vor- 
singen. Sie haben mich mehr angegriffen, 
als dies je bei anderen Liedern der Fall war." 

Die Freunde kamen und Schubert sang 
ihnen die «Winterreise" vor, jene schauerlich 
schönen Lieder, in denen das ganze Weh 
der Menschenbrust erzittert und die in ihrer 
erhabenen Schöne alles Leid und alle Wonnen 
der Menschenseele poetisch verklären. In 
kühnem Beigen wechselt in diesem Zyklus 
all das, was die Menschenseele in sich birgt 
von Weh und Leid, von Liebe und Sehnsucht 
nach dem weltfernen Glücke. 

Unter den mehr ids 600 Liedern, die wir von 
Schubert besitzen, ragt der Zvklus der 
„schönen Müllerin-^^ und der „Winterreise'' 
durch ihren grossen inneren Werth weit über 
die anderen hervor. Zumeist sind darin 
Dichtungen von Wilhelm Müller verwendet, 
auch Gedichte von Schlegel, ühland, Rückert, 
Mayerhofer u. A. finden sich darunter. Etwas 
Neues zu dem Lobe dieser süssen Lieder zu 
sfBgen, wäre nutzlos, alle Welt kennt und 



liebt sie und berauscht sich an ihrem Me- 
lodienzauber. 

Bekanntlich hat Schubert auch zahlreiche 
Heine'sche Balladen in Musik gesetzt, so 
„das Meer", das jetzt, gehoben durch den 
Zauberklang seiner göttlichen Musik, „er- 
glänzet weit hinaus"; „das Bild" u. v. a. 
In all diesen Liedern hat es Schubert meister- 
haft verstanden, das zu offenbaren, was der 
Dichter des Weltschmerzes „gesagt und ge- 
sungen". 

Dass Schuberts Muse viel, sehr viel zur 
unsterblichen Schönheit des „Erlkönigs" bei- 
getragen, ist gleichfalls anerkannt. Es muss 
jedoch tief beklagt werden, dass sich der 
Dichterfürst, wohl unter dem zweifelhaften 
Einflüsse Zelter's stehend, dem jungen Künstler 
gegenüber so abweisend verhalten hat. Ja, 
es ist kaum auszudrücken, welch' mächtigen 
Einfluss ein anregender Verkehr, ein er- 
munterndes Wort des grossen Mannes auf 
den enthusiastischen Schubert ausgeübt hätte. 
Allein Goethe hatte kein Ohr für die Wunder- 
töne dieses Genius; er schenkte den ihm 
bereits im Jahre 1817 durch einen Freund 
Schubert's zugesandten Liedern keine Be- 
achtung, und v^rdigte auch den Kompo- 
nisten keiner Antwort, als sich dieser einige 
Jahre nachher selbst an ihn wendet und zu- 
gleich eine seiner Kompositionen einsandte. 

Aber auch an der Nichtachtung des 
Dichterfürsten mag wieder einmal Schubert's 
allzu grosse Bescheidenheit Schuld getragen 
haben, denn die wenigen Zeilen, die dem 
Opus als Geleitschreiben dienen, sind von 
mehr als unterwürfiger Demuth. Sie lauten: 

„Euer Excellenz! 

Wenn es mir gelingen sollte, durch 
die Widmung dieser Äomposition Ihrer 
Gedichte meine unbegrenzte Verehrung 
gegen Eure Excellenz an den Tag 
legen zu können und vielleicht einige 
Beachtung für meine ünbedeutenheit 
zu gewinnen, so würde ich den gün- 
stigen Erfolg dieses Wunsches als das 
schönste Ereigniss meines Lebens preisen. 

Mit grösster Hochachtung 

Ihr ergebenster Diener 
Franz Schubert. 

Es ist möglich, dass Goethe diesen Brief 
beantwortet hätte, trotzdem täglich eine zahl- 
lose Menge solcher und ähnlicher Episteln 
bei ihm einlangteui dann hätte jedoch der 
Passus von der „Ünbedeutenheit^ nicht darin 
vorkommen dürfen, denn ein Künstler, der 
selbst seine „Ünbedeutenheit*^ eingesteht, ist 
wohl keiner ernsteren Beachtung werth. 

Goethe antwortete nicht, trotzdem hat 
Schubert 80 Goethe'sche Lieder mit dem 
Zauber seiner Tonweisen umkleidet. Ihm 
ist das schier unmögliche gelungen: Die 
Schönheit Goethe'schen Verses noch zu 



- w — 



steigern, dnroh den Zauber seiner Muse ans 
menschlich näher za bringen, was dem 
Menschengeiste als das Höchste in der 
lyrischen Dichtong erschienen. 

Von Schiller's Gedichten, von denen der 
fruchtbare Komponist gleichfalls zahlreiche 
in Musik gesetzt hat, ist die „Gruppe aus 
dem Tartarus^ das wohl sicher bedeutendste* 
Die fortwährenden Misserfolge, die den 
genialen Mann zeitlebens verfolgten, brachten 
es mit sich, dass endlich auch seine frohe 
Laune ihn verliess und dichtere Schwermuth 
ihn fibermannte. Wie sehr musste sein Ge- 
müth gelitten haben, wenn er, der fröhliche 
Schubert, Worte voll schmerzlicher Ent- 
sagung an den fernen Freund richtet, die 
seinem ureigensten Charakter, seiner echten 
Kfinstlernatur sonst so fem lagen. 

„Ich fühle mich als den ungtficklichsten, 
elendesten Menschen der Welt^, schreibt er 
im Frühjahr des Jahres 1824 an Euppel- 
wieser, „denke Dir einen Menschen, dessen 
Gesundheit nie mehr richtig werden will, 
und der aus Verzweiflung darüber die Sache 
immer schlechter statt besser macht; denke 
Dir einen Menschen, sage ich, dessen 
glänzendste Hoffnungen zu nichte geworden 
sind, dem das Glück der Liebe und Freund- 
schaft nichts bietet als höchstens Schmerz, 
dem Begeisterung, wenigstens anregende — 
für das Schöne zu schwinden droht und 
frage Dich, ob das nicht ein elender, un- 
glücklicher Mensch ist? Meine Ruh ist 
hin, mein Herz ist schwer, ich finde 
sie nimmer und nimmermehr, so kann 
ich jetzt wohl alle Tage sagen, denn jede 
Nacht, wenn ich schlafen geh', hoffe ich 
nicht mehr zu erwachen, und jeder Morgen 
kündet mir neu den gestrigen Gram." 

Der Aufenthalt auf dem Schlosse des 
Grafen Esterhazy in Zelesz wirkte in dieser 
Lage recht wohlthätig auf Schubert's körper- 
liches wie geistiges Befinden. Neu gestärkt 
und erfrischt kehrte er im Jahre 1824 nach 
Wien zurück; einen gleich günstigen Einfluss 
hatten auch die kleinen Ausflüge, die er mit 
den Freunden während der schönen Jiüiires- 
zeit in's Salzkammergut und nach Ober- 
Oesterreich machte. 

Auf diesen Ausflügen war auch Vogl 
sein Gefährte und überall, wo der Sänger 
die herrlichen Lieder Schubert's vortrug, 
fanden diese ungetheiltesten Beifall. 

In des jungen Meisters Leben hatte sich 
jedoch mittlerweile nichts gebessert; seine 
Lieder begeisterten die Zuhörer, er selbst 
schaffte unaufhörlich neue Werke voll 
blendender Tonpracht, allein was half dies, 
wenn es seinen gesunkenen Lebensmuth 
nicht mehr aufzurichten vermochte? Dazu 
kann noch die Aussichtslosigkeit, jemals eine 
gesicherte Anstellung zu erlangen, die ihn 
vollends entmuthigte. 



Im Jahre 1826 wa^ Schubert noch ein- 
mal den Versuch, endlich eine seineu grossen 
Fähigkeiten entsprechende Stelle zu erlangen; 
er bewarb sich um den Posten eines Vice- 
hofkapellmeisters, die durch Evblers Vor- 
rücken frei geworden war. Schubert^s €re^ 
such wurde jedoch abschlägig beschieden, ob- 
wohl er sich auf mehrere komponirte Messen 
und genaue Eenntniss des Eirchenstiles be- 
rufen durfte. Statt seiner erhielt Josef Weigl, 
der Komponist der ,, Schweizerfamilie', £e 
VicekapeUmeisterstelle. 

Ohne Groll trat nun Schubert von der 
Bewerbung zurück. Im darai:^ folgenden 
Jahre gab er abermals dem Drängen der 
Freunde nach und bewarb sich zum letzten- 
male um den Posten als Kapellmeister am 
Hoftheater. Auch diese Hoffnung schlug 
fehl, und mit diesem letzten Schritte hatte 
nun endlich die Reihe der Misserfolge seines 
Lebens ihr Ende erreicht Nicht etwa als 
ob jetzt eine glücklichere Wendung im Leben 
des Meisters eingetreten wäre — beileibe 
nicht — wozu hätte er denn weit über all 
die Dutzendkomponisten des damaligen Wien 
hinaus geragt! 

und so wurde auch Franz Schubert da- 
für bestraft, ein seltenes Grenie zu sein. 
Nein! im Leben des jungen Tondichtere 
ward's nun nicht mehr helle. Müde der 
Entäuschungen und der fehlgeschlagenen 
Hoffiaungen giebt er den Kampf mit dem 
Leben auf, einem Leben, das so wenig er- 
füllt hatte, was es veraprochen — er entsagt 
allem weiteren Hoffen, sein Geist wendet 
sich von dem Leben, bald folgt audi sein 
müder Leib. 

Ein Jahr nachher, am 28. November 1828, 
als er zum letztenmale einen Versuch machte, 
von dem Geschick ein winziges Zeichen der 
Gunst zu erforschen, legte er sein müdes 
Haupt zum Sterben nieder. 

Ein Jahr vorher war Beethoven geschieden, 
und in den Fieberphantasien des kranken 
Schubert eracheint der Name des vorange- 
gangenen Meisters. „Hier liegt BeeÜioven 
nicht', entringt es sich den fiebernden Lippen 
und dann war der liederreiche Mund ver- 
stummt für evriff. Die Freunde aber betteten 
ihn auf dem Ortsfriedhofe in Währiinff an 
der Seite des von ihm so innig verehrten 
Meisters. Nnun ruhen Beide auf dem allge- 
meinen Friedhofe in Wien, wo sie in einem 
Ehrengrab beigesetzt wurden. 

„Den Liebling der Jugend', nennt 
Schumann Franz Schubert, „er zeigt, was sie 
will, ein überströmend Herz, kühne Gedanken, 
rasche That; erzählt ihr, was sie am meisten 
liebt, von romantischen Geschichten, Märchen 
und Abenteuer; auch Witz und Humor 
mischt er bei, aber nicht so viel» dass da- 



— 85 - 



düroh die weichere Grondstimmimg ge- 
trflbt wflrde.* 



Fassen wir die kSnstlerische Bedeatang 
Sehnbert^s in einem Satze, so können wir 
sagen : Er hat znerst in der deutschen Ennst 
den schlichten Natnrton des Volksliedes im 
Ennstliede gefanden. Es hat den Pfad ge- 
zeigt nnd hat ihn selbst betreten; seine 
Lieder sind in ihrer volksthümlichen 
Charakteristik ein Vorbild anf diesem Wege 
für alle Zukunft 

Die Beliebtheiti welche viele seiner Lieder 
(das Wasser rauscht,^ das Wasser schwoll, 
das Wandern ist des Maliers Lust, Ich schnitt 
es gern in alle Rinden ein) im ganzen deutschen 
Volke gefanden, ist auf ihre objektive plastisch 
hervortretende allgemein verständliche Form 
zurfickzuf&hren. Es ist schon frfiher mit 
Recht darauf aufinerksam gemacht worden, 
dass bereits Mozart eine neue Form des 
Liedes, in welcher der ganze poetische Inhidt 
des Gedichts sich voUst&idig und rückhaltios 
ausspricht, angestrebt habe, so z. fi. in 
seinem „Veilchen.*^ Aber gerade eine ge- 
nauere Prfifuig dieser Komposition auf ihre 
liedartigen Bestandtheile hin, zeigt uns die 
kftnsüerische Gestaltungskraft Schuberts, der 
in der Verbindung zwischen der ursprüng- 
lichen, strophisch gegliederten und künstlich 
in einander gegliederten Liedform mit dem 
vollen Harmonienreichthum des modernen 
Liedes jene Kunstwerke geschaffen, ^in 
welchen die zartesten und die st&rksten Ke- 
gungen des Innern ganz und energisch wirk- 
sam in die äussere Erscheinung treten/ 

Die drei grossen Mächte musikalischer 
Darstellung: Melodie, Harmonie und Rhythmus 
erhielten durch Schubert eine wesentliche 
Umgestaltung. Die Melodie erlangt bei ihm 
und durch ihn, wie treu sie sich auch an 
das dichteriche Wort anschmiegt, doch eine 
selbständige Bedeutung wie sie eine solche 
nur im alten VolksUede vorher besessen. 
Die Harmonie seiner Schöpfungen giebt den 
wahren und vollen, den erschöpfenden Aus- 
druck wieder, ja der Zauber der Melodie und 
die Reinheit seiner Harmonik täuscht uns 
selbst oft über die Monotonie des Rhythmus 
bei Schubert hinw^. Waren es doch gerade 
diese Elemente» welche ihm die wunderbare ' 



Kraft verliehen haben, das Lied Goethe's in 
süsse Akkorde zu zwingen. 

Mit Goethe und Heine, also mit den 
beiden grössten Dichtem der lyrischen Neu- 
zeit, hängt Schubert innig zusammen. Er 
weiss ebensowohl die einfach erhabene An- 
muth Goethe's wie die Tragik der Grund- 
stimmung Heine's im Liede musikalisch zu 
gestalten. 

An der Hand Goethe's gelang es Schubert 
auch, den Weg vom Liede zur Ballade zu- 
rückzulegen, und keiner vor ihm hatte es so 
verstanden, den rechten Ton für die musi- 
kalische Illustration dieser Dichtungsform zu 
finden. 

Es ist mehr als selbstverständlich, dass 
der Liedstil Schubert's auch seine grösseren 
Kompositionen nothwendig beeinflussen 
musste. Sein heisses Bemühen, die einzelnen 
Züge jedes Liedes bis in die feinsten Nuancen 
herauszuarbeiten, unterstützt ihn hierbei. 
Aber es hindert zugleich auch die Wirkung 
ins Grosse, die harmonische Verbindung aller 
Theile zu einem mächtigen Gesammteindruck. 
Was ihn hob und was ihn hemmte, floss auf 
diesem Gebiete aus einer Quelle. ^Die ein- 
zelnen GefShlsergüsse sind aneinandergereiht, 
ohne jede Gegenwirkung auf einander, ^e 
allein das instrumentale Kunstwerk plastisch 
heraustreten lässt.^ 

Und dennoch hat er auch auf diesem Ge- 
biete in seinen Variationen, Impromptus, 
Märschen und Walzern neue Instrumental- 
formen geschaffen, oder alte im Geiste seiner 
Liedformen musikalisch fortgebildet und da- 
durch den Nachstrebenden eine neue Welt 
musikalischen Ausdrucks erschlossen. 

Ja, er war ein Pfadfinder und ein Schatz- 
gräber zugleich. Für die schmelzende Sehn- 
sucht, für die Gluth der Liebe, für die sanfte 
Klage hat er reine und volle Töne gefunden. 
Die schlichte Innigkeit und Naturfreudigkeit 
des deutschen Voflbgemüths die Wärme und 
Tiefe seiner besten Empfindungen hat er be- 
lauscht und verstanden wie Wenige, musi- 
kalisch ausgeprägt wie Keiner. Er selbst 
war nicht glücklich und anf seinem Lebens- 
wege blühten keine Rosen. Aber er ver- 
stand es. Viele zu beglücken und in seinem 
Melodienhain duftet und spriesst und klingt 
der schönste Liederfrühling. 




— fte — 



Jfn jpranx Schubert CssSchubertiade^^J. 



Gesegnet, wer den Lorbeerkranz 
Frühzeitig sich erworben, 
Und wer in Jugend und Ruhmesglanz 
Ein Götterliebling, gestorben. 

Doch früher hast du gelebt — und nicht 
Als Musikgelehrter, als bleicher, 
Voll war und rund der Bösewicht, 
Ein behaglicher Oesterreicher. 

Mit Malern, Poeten und solchem Pack 
Hast gern dich herumgeschlagen, 
Wir trieben da viel Schabernack 
In unsem grünen Tagen. 

Ein dritter noch war — an Gemüth ein Kind. 
Doch that er Grosses verkünd'gen 
Als Künstler — mein lieber Moritz Schwind, 
Historienmaler in München. 

Er ist eine derbe Urnatur, 

Wie aus tönendem Erz gegossen. 

So war auch Schubert, — heiterer nur. 

Das waren mir liebe Genossen. 

Bald sich ein Kranz von Freunden flicht, 
Kunst, jugendliches Vertrauen, 
Humor verbanden sie, — fehlten auch nicht 
Anmuthige Mädchen und Frauen. 

Da flogen die Tage, die Stunden so schnell, 
Da stoben des Geistes Funken, 
Da rauscht' auch der schäumende Liederquell, 
Den wir zuerst getrunken. 

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" 
Es rauschen der Töne Wogen; 
Bald ach! ist der Vater mit seinem Kind, 
Dem Lied, zum Vater gezogen. 

Was ist Beifall der Welt, was Ruhm, 
Und Zeitungs-Preisen und Krönen! 
Wir hatten das wahre Publikum 
Der Guten und der Schönen. 

Wie göttlich ein Genie im Keim, 
Das in höchst eigener Weise 
Sich kräftig entwickelt, süss geheim. 
Im traut verwandten Kreise! 



^ r Stellt bei genialer Jugend sich ein 
Gott Amor mit seinen Waffen, 
Da ist viel holde Lust, viel Pein, 
Ein ewiges Gähren und Schaffen. 



Real das war der Schubert auch, '. 
Kein künstlerischer Textverdreher, 
Doch freilich des Gedichtes Hauch 
Erfasst er als Sänger und Seher. 

Der Rhythmus gewagt, die Harmonie 
Bisweilen auch zerrissen. 
Doch sprudelt ihm reich die Melodie, 
Von der man jetzt nichts will wissen. 

Oft ging's zum ,,Heurigen*, zum Wein 
Gleich ausserhalb des Thores 
Stellt meist sich auch Franz Lachner eui^ 
Cantores amant humores. 

Und frisch nach Grinzing, Sievering, 
Mit andern muntern Gesellen, 
Zickzack gar mancher nach Hause ging. 
Wir lachten im Mondschein, im hellen. 



so brach der Chor aus. 



Wir woUens dem Leser erklären, 
Heist: c. a. f. f. e. e. — CafTeehaus 
Und nächtlicher Punsch: Einkehren. 

Nicht immer ging es so herrlich zu, 
Nicht immer waren wir Prasser! 
So trug mir Schubert an das Du 
Zuerst mit Zuckerwasser. 

Es fehlte an Wein und Geld zumal; 
Bisweilen mit einer Melange 
Hielten wir unser Mittagsmahl, 
Mit diesem Wiener Pantsche. 

Die Künstler waren damals arm! 
Wir hatten auch Holz nicht immer, 
Doch waren wir jung und liebten warm 
Im ungeheizten Zimmer. 

Ednard t. Banemfeld. 




t 





Schubert-Denkmal im Stadtpark zu Wien. 



- 88 — 



M n 8 i k - A n f f tt h r n n g e IL 



Berlin, 26. Januar 1897. 

In den beiden letzten Philharmonischen 
Konzerten kam nor ein nenes OrchoBterwerk 
BOT Anfffihrongy die nerte Sinfonie op. 62 von 
Fr. Gernsheim (11* Janaar). Sie ist mit einer 
grossen Konst des Satzes aosgefohrt, steht stilistisch 
dnrchaas auf klassischem Boden and sengt aach von 
gater Bebandlong des Orchesters. Wirklich Originelles 
ist in dieser Form kanm noch zn erwarten; aber 
Gemsheim hat es doch verstanden, Interesse far seine 
klar and prägnannt gehaltenen Themen zn erwecken 
nnd sie charakteristisch za verwerthen. Als hübsche- 
ster Theil des Tiersätzigen Werkes stellte sich das 
Scherzo heraas, dass aosserordentlich gefieL Im 
übrigen gab es noch in diesen beiden Konzerten 
Wagner's Holdigangsmarsch, Liszf s Tasso, Smetana*s 
Yysegrad and Schobert's G-dor-Sinfonie, die als Jabi- 
Iftomsgabe dargebracht worde. Solistisch wirkte 
Sarasate mit, der das Mendelssohn^sche Konzert 
in den beiden ersten Sfttzen herrlich, im letzten 
etwas übereilt spielte, femer Hr. R i s 1 e r aos 
Paris, der das G-dar-Konzert von Beethoven in wahr- 
haft meisterlicher Weise spielte nnd sich als ein 
Künstler ersten Ranges erwies, nnd Fraa S c h a - 
man-fleink, welche die grosse Titns-Arie and 
einige nicht ohne Wirkang, aber etwas phrasenhaft 
geschriebrae Lieder eines jungen flambaiger Kom- 
ponisten, Hermann Befan, in heryorragender Weise 
zu Gehör brachte. 

Der Stern^sche Gesangverein fahrte anter 
Leitang dos Prof. Gernsheim zam ersten Male 
das Te-Deom von Berlioz anf. Diese jetzt vierzig 
Jahre alte Komposition ist ja freilich an Bedentang 
nicht mit dem Requiem desselben Meisters za ver- 
gleichen; aber sie enthält, besonders in ihrer zweiten 
Hälfte, doch sehr viele interessante, ihres Schöpfers 
würdige Züge. Die Aaffühnmg war gut and tem- 
peramentvoll; besonders wirkongsvoU hob sich aach 
das nicht nmfiangreiche Tenorsolo ab, das Herr 
Litzinger sehr höfoscb vertrag. An demselben 
Abend warde aach noch Beethoven's Chorfantasie 
aufgeführt nnd Frl. Kleeberg spielte das Klavier- 
solo in dieser, sowie das G-dar-Konzert von Beetho- 
ven, — nicht so bedeatsam, wie Herr Risler, aber 
doch mit vielem Reiz nnd grosser Liebenswürdig- 
keit. 

Zwei sehr interessante Konzerte veranstalteten Frl. 
Remmert and Hr. Plrof. Wald. Meyer, indem 
sie sämmtüche zehn Violinsonaten Beethoven^s 
spielten. Beide Künstler hatten der Aasfühmng 
dieses Zyclas, den sie anch vielfisch aoswärts wieder- 
holen, gründliche Yorstadien voran! gehen lassen, 



nnd erfreuten durch stilgerechtes, laverllssigeB nnd 
geschmackvolles Spiel. 

Das böhmische Streichquartett de^ 
Herr. Hofmann n. Gen. hat mit den beidw letzten 
Konzerten für diesen Winter von ans Abschied ge- 
nommen. Wir verdanken diesen Künstlern so hohe 
Genüsse, sie haben in so besonders geist- nnd 
temperamentvoller Weise alte wie neue Werke vor- 
geführt, dass man sich nur freaen kann, sie mit dem 
nächsten Winter hier wieder za finden. Im letzten 
Konzerte spielten sie a. a. das Schabert^sche £s-dar- 
Trio mit Fraa Roger-Midos in nngemein reizvoller 
Weise, 

Eine grosse Reihe von Solokonzerten schloss sieh, 
wie gewöhnlich, den obengenannten Yeranstaltongen 
an. Ein Konzert gab Sarasate, in welchem er 
das H-moll-Konzert von Saint^afins prächtig spieilte; 
and, am bei den Geigeninstrumenten zu bleiben, so 
ist das Konzert des Herrn v.Mnlert zn gedenken, 
der Professor des Violoncellospiels ist nnd hier zum 
Male auftrat. Er ist ein ausgezeichnetsr Techniker, 
dabei ein sehr feinfühliger Musiker, der schönen Ton 
mit geschmackvollem Vortrag verbindet 

Unter den Pianisten waren hauptsächlich Wieder- 
holnngskonzerte in den letzten vierzehn Tagen zn 
notiren. Arthur Friedheim, Frl. Blliot, Otto Hegner, 
Eibenschütz, (der eine Reihe eigener Kompositionen 
spielte), FrL Gottlow, Fraa Roger-Midos «nd sämmt- 
lich bereits im Lanfe des Winters ao^etreteo. 
Neae Erscheinungen waren FrL Dietz aus Brüssel, 
die einen recht guten Bindmck machte, Fil. 
Landowska, eine junge Pianistin von entschiedenem 
Talent, und Hr. Gustav Beider, der sich nicht glück- 
lich einfürte. Aach Frl. Krause, die nach mehr- 
jähriger Pause wieder auftrat, konnte nicht be- 
friedigen« 

Unter den Saugenden sind gleichfalls eine Reihe 
alter und bewährter Kräfte. Eugen Gura hat noch 
einen Schnbert-Abend gegeben, das Ehepaar Hildach 
hat mit gewohntem Erfolge zwei Lieder- nnd Duett- 
abende veranstaltet, auch FrL Heynsen, FrL Golz, 
Frl. Heinrich, Herr Heinemann siad bereits bestens 
bekannt Neu war FrauStolzenberg-Biertz, 
die sich als tüchtige nnd fein empfindende Sängerin 
einführte, aber dach offenbare Indisposition an der 
vollen Enthaltung ihrer Leistungsfähigkeit gehindert 
war. Aach FrL Charlotte Tanbert stellte 
sich als tüchtige Sängerin, besonders im zierlichen 
Genre vor, und Hr. Oberländer^ der bekannte 
Heldentenor, gab dnen Liederabend, bei dem er 
aber auch mit dner starken Indisposition zn 
kämpfon hatte. 0. EUhbeg^. 



— 89 — 



Ton hier und ausserhalb. 



Barllii« Professor Martin Binmner erhielt den 
KOnigL Preossiscb. Rotben Adlerorden II. Kl., Dr. 
Kienil, der KompoDist des JSvangelimann'^ vom 
Hersog von Gobnrg-Gotha das goldene Yerdienst- 
krens ffir Knnst und Wissenschafty Bogen d^ Albert 
Tom König Yon Wfirttemberg die goldene Medaille 
für Kunst nnd Wissenschaft am Bande des Friedrichs- 
Ordens. 

— Johannes Zsehocher, einer der ftltesten nnd 
angesehensten Mosikpftdagogen Leipzigs, der erst Yor 
kursem s^n öOjfthriges £finstierJnbilänm gefeiert, 
ist am 7. d. M^ 75 Jahre alt, gestorben. Frans 
Lisst war dem Verstorbenen, der ?iel ffir die Yer^ 
breitong seiner Klayierwerke in LaienJcreisen gewirkt 
hatte, von Henen sogethan nnd ehrte ihn im I 
Jahre 1875 dozeh die Ueberreichnng der vierhSndlgen 
Ausgabe seiner „Ungarischen Rhapsodien^ nod 
,,S]fmphonisehen Dichtongen**. 

— Unter dem Titel ^onzerthandbnch^ hat die 
Yerlagshandlnng Breitkopf 4 HSrtei in Leipzig so- 
eben einen nmfiuKgrelchen Katalog herausgegeben, 
der von aUen Dirigenten grosser und kleiner 
Orchester, Ton Musik- und Ghorvereinen und Konsert- 
Oesellschaften fiberhaupt mit Freuden begrfisst 
werden muss. Die Grundlage zu diesem Handbuche 
bietet Breitkopf 4 HSrtePs Lager ffir Konzertmusik, 
in das eine Anzahl guter Orehesterwerke deutschen 
und ausländischen Verlages aufgenommen worden ist 
und das auch die Qesangsmusik mit Orchesterbo- 
gleitung umfassen soll. Durch dieses Lager ist eine 
lang entbehrte Zentralstelle ffir den Bezug alles 
Orchester-Notenmaterials geschaffen worden. In der 
Weise der bereits bestehenden Breitkopf 4 
H8rtel*schen Orchester- und Chorbibliothek wird das 
Material in festbroschirten Heften geboten werden. 
Das „Konzerthandbuch^' ist durch seine klare Ueber- 
sichtUchkeit geeignet die Kenntoiss und leichte Zu- 
gäDglichkeit des Konzertmaterials zu fordern. 

— In Genf hielt der Hr. ProL H. Kling kürzlich 
einen interessanten Vortrag über Mozarts Auftreten 
in der Rhonestadt» August 1766, welchem die Vor« 
fuhrung einer Rcdhe von Tonstücken des damals 
lOj&hrigen Mdsters folgte» die ungefähr gleichzeitig 
entstanden sind. So spielten die Hm. Willj Rehberg 
und Aimö Kling die in Paris 1763 komponirte 
Geigensonate, deren Finale so duchschlng, dass es 
wiederholt werden musste. Ueberdies trug Herr 
Rehberg in feinster Weise die Variation über ein 
Aliegrettothema Ton 1765 vor, wfthrend Frl. 
Marguerite Hiring die Sopranarie „Gonservati fedele'* 
mit Begleitung von zwei G^en, Bratsche und Violon- 
cell sang, ausserdem wurde ein zwei Monate vor 
Mozarts Ankunft in Genf niedergeschriebenes Kjrie 
für rier Singstimmen und Steichinstrumente au Gehür 
gebracht 

— Man hat in Mailand die Verspottung des 
dortigen Konservatoriums wegen der seineradtigen 
Abwdsung des Aspfaranten Giuseppe Verdi nicht so 
ohne weiters hingenommen; das Archi? der Anstalt 
wurde durchsucht und da hat man denn entdeckt, 



dass die Sünde des Konserrstoriums statt einer Tod- 
sünde nur eine lässliche war. Das aulsefandene 
Prüfnngszeugniss Verdi's ergibt folgende Thatsachen : 
Verdi hatte sich zur Aufnahme in die Klarier- und 
Kompositionsschule gemeldet Bxaminator für Klavier 
war Professor AngelerL Sein Urtheil lautete un- 
günstig« Er tadelte insbesondere Verdi's schlechte 
Haltung der Hände und betonte, dass die Abstellung 
dieses Fehlers bd einem achtzehnjfthrigen jungen 
Mannes schwierig seL Hinsichtlich der Kompo- 
sitionen, die der Prüfling vorlegte, urtheilten die 
Examinatoren, dass Verdi, fslls er sich mit Eifer 
dem Studium des Kontrapunktes widme, die Phantasie, 
die er unleugbar besitze, in gute Bahnen leiten und 
BeifUlwerthes werde Idsten kOnnen. Die Prüfung 
hatte am 8. Juli 1838 stattgefunden. Ihr Ergebniss 
wurde der k. k. Regierung mitgetheilt, die über die 
Zulassung nnd Abweisung von Aspiranten ffir das 
Konservatorium zu befinden hatte. Sie entschied 
unterm 9. Juli 1888, dass dem Ginseppe Verdi, zu- 
mal er schon um 4 Jahre das normale Alter für die 
Aufnahme ins Konservatorium überschritten habe, 
sein Gesuch zurückzuschicken seL 

Breslait Am 80. Dezember fand im Saale der 
Loge Friedrich „zum goldenen Scepter^S Antonien- 
strasse, eine Schülerin-Soirö des Instituts ffir höheres 
Klavierspiel von Frftolein Elisabeth Simon statt, das 
ausserordentlich erfireuliche Resultate aufwies. Die 
ftftsammtftufff^^"g konnte als vorzüglich gelungen 
bezeichnet werden. Nicht allein zeigten die Einsel- 
leistungen von einem tüchtigen und fleissigen 
Studium, geleitet von meisterlicher Lehrkraft, auch 
das Programm war ein üusserst vortheühaft zu- 
sammengestelltes. Der reiche BeifBill, den die Auf- 
führung fand, braucht keineswegs nahestehend liebe- 
voller Hand zugeschrieben werden, soi^idem darf viel- 
mehr als wohlberechtigte Anerkennung für die Ver- 
dienste der Anstaltsleitung gelten. Dks Ukrainische 
Volkslied ffir zwei Klariere zu rier Hftnden, arrangirt 
von der Vorsteherin, musste wiederholt werden. Die 
Sftngerin des Abend, Frftulein Helene Beling, bot mit 
sympatischem Mezzosopran Lieder von Brahms, Robert 
Ludwig und die besonden empfohlenen Lieder von 
Graben- Hoffmann, die gleichfidls sehr beiftUig aufgo- 
nommen wurden. Am Saaleingange wurde eine 
Biographie des Komponisten ä 80 PL verausgabt, 
ebenso wird der Reinertrag der Graben-HoiFmann'schen 
Lieder, Musikalienhandlung G. Becher, Zwingerplats 8, 
dem betagten nnd in gedrückten Verhältnissen 
lebenden, beliebten Komponisten zufliessen. 

Frankfort a.M,» 7. Januar. Im hiesiegen Opern- 
haus wurde heute das Musikdrama in zwei Akten 
von Hans Pfitsner : »Der arme Heinrich* gegeben, 
das im April 1895 im Mainzer Stadttheater bei seiner 
ersten Inszemrung rielen Beifall &nd, aber nur 
wenige ! Aufführungen erlebte. Der Text Ist von 
James Grün mit Zugrundelegung des mittelhoch- 
deutMhen Epos Hartmanns von Aue entworfisn. Der 
deutsche Ritter Heinrich erfthrt im Kloster an 
Saiemo duxeh einen MOnch) dass er nur durch daü 



— 40 — 



Hersblat «iner reinen Jungfrau Tom Aoasati befrdt 
werden könne, der ihn befallen. Seines Knappen 
Dietrich Tochter Agnes entschliesst sich zam Opfer 
und verk&ndet ihren Eltern diesen Entschloss. Im 
zweiten Akt, im Kloster zu Salemo, . beharrt Agnes 
auf ihrem Vorhaben; sie liegt bereits aaf dem Sezu> 
tisch, da vollzieht sich in dem vor dem Thor warten- 
den Heinrich eine Wandlang. Er dringt ins Gemach, 
um za erkl&ren, dass er lieber sein Leiden tragen, 
als dieses nnscbaldige Wesen opfern woHe. In 
diesem Aogenblick nimmt Gott das Leiden Ton ihm, 
zum Lohn der Demutb, die sich selbst bezwangen. 
Die Oper schliesst mit einem Lobgesang auf die 
Wanderkraft des Erlösers. Die Masik stellt an die 
darstellenden Künstler wie an das Pablikam hohe 
Ansprüche, zamal die Wacht des Orchesters bis- 
weilen die Stimmen der S&nger za sehr erdrüekt; 
sie erinnert, wie der Text, zam Schlass an „Parsifel*, 
wiederholt aber an „Tristan and Isolde.* Doch eat- 
hftlt sie eine Fülle originaler Inspirationen, die nicht 
ohne Wirkang blieben. (Voss. Ztg.) 

Leipzig. Stadtrath Wilhelm Volkmann, Enkel 
Gottfr. Chr. Hftrters and Mitinhaber des Haases 
Breitkopf & Hftrtel, starb am 24. Dez. im Alter von 
noch nicht 60 Jahren. Der Verstorbene war der 
Begiünder des Asyls für Obdachlose in Leipzig and 
Inhaber zahlreicher Ehrenämter. 

Paris, 31. Dezember. In Lyon warden gestern 
Abend .Die Meistersinger* mit grossem Erfolge aaf- 
geführt. Dies ist die erste Bühnendarstellang der 
Wagnerschen Oper in Frankreich. Die Pariser 
grosse Oper will das Beispiel Lyons im Laufe des 
nSchsten Jahres nachahmen. (Wie eine Drahtnng 
des »Wolffschen Bür.* meldet, hebt Catolle Mendes 
in einer Besprechung der Lyoner „Meistersftnger"- 
Aufffthrung den tiefen Eindruck hervor, den das 
deutscheste Werk auf die französisohen Zuhörer aus- 
geübt habe. Niemals habe der Genius des Meisters 
ein grösseres Wunder vollbracht.) 

— Im Konzert (3olonne ereignete es sich kurz 
vor Weihnacblen, dass ein Zahörer nach Gae^^ar 
Francks »Erlösung'' pfiff. Daraus ergab sich ein 
Tamalt, der dazu führte, dass ein Schutimann den 
Pfeifer ans dem Saal wies. Nun brach aber erst 
recht der Sturm los. Das Pnblikum nahm für den 
Ausgewiesenen Partei und tobte so lange, bis Golonne 



eine Ansprache hielt, in der er sagte : «Sie baben 
Recht, man darf dnem Zuhörer, der seinen Platz 
bezahlt hat, nicht verwehren, sdn Gefallen oder 
Missfallen auszudrücken. Der Ausgewiesene soll eio- 
geladen werden, seinen Sitz wieder einzunehmen.* 
Er wurde denn auch im Triumph hereingeholt, and 
nach einem letzten Ausbruch jubelnden Beifalls 
konnte weitergespielt werden. 

Wien. Der Verein der Musiklehrerinnen veran- 
staltet am 18. Jan. im Saale Ehifoar einen Vortrags- 
abend zu Gunsten sdnes Pensionsfonds. An der 
Ausführung des gewählten Programms betheil]g:ten 
sich die Vereinsmitglieder: Frau Ada Turetschek, 
Fri. Goldstein, Frl. Hamburger (Klavier) Fri. Toni 
Pokorny (Gesang), Frau Prof. Pruckner (Deklamation, 
ein aus den Damen Siebenlist, Eopal Solter nnd 
Mannheimer bestehendes Gesangsquartett, Frl. 
V. PJank und Herr Theumann (VioUne). Für Nicht- 
mitglieder sind Karten a I fl. in der Musikalien- 
handlung L, Kftrtnerring 11, zu haben. 

— Am 20. Januar eröffnete der Kaiser in feier 
lieber Weise die Schubert-Anaatellung im Künstler- 
haose. Der Feier wohnten bei die Erzherzoge Otto, 
Luwig Victor, Eogen und Rainer, die obersten Hof- 
cbargen, der Unterriohtsminister Freiherr v. Gautsch, 
die Botschafter Graf zu Ealenburg, Graf Nigra nnd 
Loz6 sowie Vertreter der Behörden. Der Kaiser 
wurde bei seiner Ankunft mit lebhaften Hocbmfen 
begrüsst Auf eine Ansprache des BürgermeisterB 
erwiderte der Kaiser, er sei der Einladung um so 
lieber gefolgt, als sie einer echt Österreichischen 
Feier gelte. „Wohl gehört Schubert als Vertreter 
der reinsten Kunst und als Schöpfer des edelsten 
Gesanges längst der ganzen zivilisirten Welt an; 
wir aber dürfen ihn mit Stolz als den unseren, Wien 
insbesondere kann ihn einen seiner grössten Söhne 
nennen. Ich kann daher das Unternehmen, die ge- 
sammelten Zeichen liebevoller Erinnerung an den 
grössten Meister der Oeffentlichkeit vor Augen zu 
fahren, mit voller Anerkennung begrüssen. Ich er- 
kläre die Schubert-Ausstellung für eröffnet** Die 
Worte des Kaisers wurden von grossem Beifall be- 
gleitet. Nach der Vorstellung der Mitglieder des 
Landesausschusses und des Gemeinderathes trat 
der Kaiser einen Rundgang durch die Ausstellung an. 



Anregung und Unterhaltung. 



Die weltbekannteste Liedkomposition Scbubeits 
ist die Ballade „Der Erlkönig« von Goethe. 
Was der Tonkunst innerhalb der Schranken des 
Liedes an Gewalt dramatisch-dämonischen Ausdrucks 
verliehen worden, hier ist es zu hioreissender 
Wirkang gebracht. Schubert komponirte die Ballade 
im Alter v<hi 18 Jahren und schlag damit zum 
filmten Male eine lieue Weise an, wie sie nie zuvor 
im Liede erklungen war. Mögen puritanische Kunst- 
riehtfur iguyerhin ob dfa ^Zwiespalts swiseben der 



nordisch herben Einfachheit der Goethe'schen Ballsde 
und der südlich blühenden Sinnlichkeit der Musik 
rechten, mag man femer den Einwand erheben, dass 
die allzu dramatische Behandlung des Ganzen den 
mysteriösen Grundton der Ballade aufhebe : die un- 
wideratehliche Macht dieser genialen Tonsprache 
wird doch allezeit der ästhetischen Bedenken spottes, 
Als charakteristisches Wahrseichen .des aof dem Ge- 
biete des Liedes und der Ballade sich voUciehendeo 
Fortschritts ist mit Recht die mehnnals wi^er- 



— 41 — 



kehrende Diasooanx bei den Worten: Mein Vater, 
mein Vater jeti fasst er mich an* bezdchnet worden. 
Wenn jene dissonierenden kleinen Sekanden anch 
den ersten Hörern, Schabert's Freunden, einen förm- 
lichen Sehrecken einjagten, so müssen wir doch ge- 
stehen, da» das Schmerzhaft-Forchtbare, das Ent- 
setzen der Kreatur nie nnd nirgends einen 
packenderen Aasdrack in der Knnst gefanden hat, 
als hier. „Der BrlkOnig^ stellt neben den tech- 



» 

nischen Anforderangen auch an die AufiiMsntigsgabe 
des Sängers und Begleiters ziemlich hohe Ansprfiche. 
Bei der Wiedergabe ist seitens des Klavierspielers 
nicht sQ übersehen, dass gerade bei den Melodien 
des Erlkönigs („Da liebes Kind, komm, geh' mit 
mir ."* aod „Willst, feiner Knabe, da mit mir gehn?^ 
das Weitertraben des Bosses in decenter Weise no- 
aosgesetz zu yersinnbildliehen ist Alles übrige er- 
kllrt sich von selbt 



Y e r e i n e. 



Veralii der Muelk-Lehrer und Lehrarlnnen zu Berlin. 

Die JanaaivSitznng konnte der Vorsitzende mit 
erfrealichen Berichten, betreffend die Wohithfttigkeite^ 
bestrebanffen des Vereins, eröffnen. Zwei Geschenke 
Von Mitgliedern, im Betrage von 100 Mark, sind ein- 
ItefranRen, und mehrere Künstler höchsten Banges^ 
welcbe dem Verein angehören: Praa Professor 
Schaltzen von Asten, Frl. Jalie von 
Asten, Hr. Professor Joachim nebst Kanst- 
sronossen desselben, werden am 31. Janaar ein 
Schnbert-Konzert in der Hochachale veran* 
stalten, dessen Ertrag der InvalMenkasse des Ver- 
eins bestimmt ist. Für eine sweckmSssige Ort^anisa- 
tion dieser lovalidenkasse sind von einem Mitgliede 
bemerkenswerthe VorscblSge eingereicht worden, 
welrhe demnSohst cor Berathonic kommen sollen. 
-- Hieraaf machte Frl. Joanne van Olden- 
barnevelt, Konzertsftngerin und Oesan^lehrerin 
in Berlin, Mittheilnngen über eine bisher nicht yer- 
öffentlichte Methode des Gesangnnter- 
richte, welche sie als „Natarmethode* 
und als diejeniffe ihres ehemaligen Lehrers Knadson 
bPseichnetA. Sie basirt aaf genaaer BeobachtonR der 
Art und Weise, wie die Thiere, vor allem die Vö^el 
ihre Töne hervorbringen, and stellt als erste and 
wichtifliBte Besrel an^ dass der Athem nicht sowohl 
vom Kehlkopf, als vom Zwerchfell hergeholt werden 
müsse. Der Erfolg sei ein anstrengangsloses and 
wohlklingendes Singen, wfthrend die andere, ge- 
brftacbliche Art zu athmen die Stimme ermüdet 
and nicht selten schädigt Um die bekannten Fehler 
des Gaumen- and Nasentones za yermeiden und den 
Ton, wie der Ausdruck lautet, „nach vom za bringen*, 
was namentlich beim Vokal a schwierig ist, werden 
die Uebungen anf a in stetem Wechsel mit i g«"- 
sonRon; letzterer Vokal, der ganz vom im Munde 
gebildet wird, zieht den Ton des folgenden a mit 
nach vom. Die Bednerin gab durch selbstgesungene 
Beispiele eine deutliche Anschaaung hiervon. Die 
Natnrmethode spreche von keiner Theilang der 
Stimme im Begister, sondem lasse durch leichte und 
natürliche Bildnng jedes Tones das entsprechende 
Begister von seltet treffen. Eine gute Stimmaus- 
bildung erfordere aber in allen Fällen eine weit 
längere Zeit, als man Ihr heutzatage zuzumessen 
pflegt, denn nur ganz allmähliche, unfordrte, eben 
•naturgemäflse* Entwickelung der Kraft and Elasticität 
der Stimmbänder sei die fiedingang Die »Goloratur* 
sei, auch wenn sie im Bemt des Singenden nicht zur 
Anwendung kommt, nothwendiges Uebungsmittel, sie 
ist gleichsam das «Tarnen* der Stimmbänder. Wo 
der Triller — der echte Gesangtriller ist eine 
zitternde Bewegung der Stimmbänder bei gleich- 
zeitigem Schütteln des Kehlkopfes — nicht von der 
Nator gegeben ist, bewirken cewiese Vorübungen, 
die den Kehlkopf m Bewegung Driogen, und welche 
die Vortragende näher bespraohi seine aUmShHöhe 



Herstellang. Mit der Naturmethode seien schon viele 
verbildete, ja tief eikrankte Gesangorgaoe geheilt 
worden; sie, die Bednerin, sei selbst ein Beispiel 
hl^rvoui und sie wünsche daher in dankbarer und 
selbstloser Gesianang die möglichst weite Bekannt- 
machung dieser zweckmässigen and heilsamen Me- 
thode. — Den Beschlass machte der Vortrag von 
Klavierstücken kleineren and meist instruk- 
tiven Genres, dem Bestände der Vereinsbibliothek 
entnommen, durch Herrn Emil Olbrich. Es 
waren 10 sehr ansprechende Werkchen von Lösch- 
horn, Hoyer, L« Grosse, and flans 
8 chmitt 



Berliner Tonkfinstier-Verein. 

Der Berliner Tonkunst lerverein hielt am Mootas, 
den 4. Januar seine erste diesjährige Sitzung ab. 
Aaf der Tagesordnung stand als erster Punkt: Be- 
schlussfassang über gIa Wahl eines 1. Vorsitzenden 
oder ein ProvisorianL Es wurde der Antrag gestellt, 
eine Kommission von 7 Mitgliedern zarVorbesprechang 
der Wahl des 1. Vorsitzenden zu wählen. Der An- 
trag wurde einstimmig angenommen, und dement- 
sprechend 7 Herren aas dem Verein in die Kom- 
mission gewählt. Im weiteren Verlauf der Tages- 
ordnung wurde ein Kirchenkonzert besprochen, das 
der Verein in der Heilig-Kreuz- Kirche Ende Februar 
veranstalten wird. Berr Organist Irrgang wird die 
Leitung desselben übernehmeo, und es werden sich 
lediglich Vereiosmitglieder als Mitwirkende bethei- 
ligen. Ein Vorschlag des Vorsitzenden. Herrn Musik- 
direktor Pasch, in jeder Sitzung Vorträge durch 
Mitglieder za veranstalten, fand allseitigen Beifall 
und es erfolgten sofort Anmeldungen für die Sitzung 
am 1. Februar. Das bisher alljährlich stattfindende 
Vorstandsessen wird in diesem Jahr am 1. März in 
Form eines geselligen Abends (nur Herren) gefeiert 
werden. 



Hessischer Lehrerinnen-Verein. 

Darmatadt. Am 20. Januar d. J. fand die erste 
Generalvertemmlang der Mosiksektion des Vereins 
hessischer Lehrerinnen statt, zu der sich ein zahl- 
reiches Publikum eingefunden hatte. Die Vorsitzende, 
Fräulein Luise Maller, hielt einen Vortrag : «Ueber 
das Studiam des a capella-Gesanges aod seine Be- 
deutung für den Ghorgesang'*, der seine musikalische 
liinstration in yerschiedenen Torträgen des neu- 

fegründetep Frauenchors fand. Zar Aufführung 
amen a capella-Gesänge von Bortniansky, Cherubini 
und Mendelssohn, Duette von Brahms, sowie ein 
Klaviervortrac; von Schnbert-Liszt. Damit hat der 
Verein den Beireis erbracht, dass er lebensfähig ist 
and seine AargaA>e, em lebendiger Faktor in dem 
masikalischea Leben unserer Stadt za seini e^* 
füllen kann. 



— 42 — 

■V* Von du Terbgahudhuig 

«ebrfld«r Hv« * 4)M. in Xielpal« 

itt dieser No, ein anrfOhrlicti« Verlugs-VendelmiiB beigelegt, Hf du wir htonoit beuiiidan anfonrk- 
■un machen. ^- b. 



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— 48 — 



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Die Aafiaahme-PrüfaQff findet Mittwoch, den 21* April tu e«, Vormittags 9 Uhr statt. Der 
UnteTTicht erstreckt sich auf Uarmonie- und KompoBitionslehre, Pianoforte (aach aaf der Jankö-Klaviatar), 
Orgel^ Violine« Viola, Violoncell, Gontrabass, Flöte, Oboe, Engl. Horo, Glarinette, Fagott, Waldhorn, Trompete, 
Goraet & Pisten, Posaane — aaf Solo-, Ensemble-, Qaartett-, Orchester- und Partitur- Spiel — Sologesang 
(volUtfndige Ausbildnng zor Oper), Chorgesang und Lehrmethode, verbunden mit Uebungen im öffentlichen 
Vortrage, GeBchichte und Aesthetik der Musik, italienische Sprache, Declamations- und dramatischen Unter- 
riebt — und wird ertheilt von den Herren: Professor F. Hermann, Professor Dr. B. Papperitz, Organist 
sar Kirche St Nicolai, Kapellmeister Professor Dr. C. Beinecke, Professor Th. Cocciiuu UniveraitSt»- 
Professor Dr. 0* Paul. Dr. F» Werder, Musikdirektor Professor Dr. S« Jadassohn, L. 9rilL F, Beblinf , 
J* Weidenbaoh, C« Flutti« Organist zur Kirche St. ThomS, H. Klesse. A. BeckenÄeiri^ J. Klengd, 




Mosikdirektor G. Ewald^ A« Pröft, Regisseur am Stadttheater, Kooiertmeister A. Hilf, K« Tamme« 
Bob. TeiehmüUer. [15J 

Prospekte in deutscher, englischer und französischer Sprache werden unentgeltlich ausgegeben. 

Leipiig, Januar 1897. 

Das Direetorinm des Eöniglichen Gonservatorinrns der Musik. 

Dp. Otto Günthep. 







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Ihrer Maj. der Kaiserin von Dentsdiland nnd Königin von Prenssen, 

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Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler-Vereine 

za Berlin, KSta, Dresden, Hanborg und Stattgart. 

Hemugegeben 

I 

▼on 

Professor Emil Breslaur« 



No. 4. 



Berlin, 15. Februar 1897. 



XX. Jahrgang. 



Dieses Rlatt erscheint am 1. imd 15. jeden Monats 
imd kostet durch die K. Post-Anstalten, Bach- und 
If asikalienhandlnngen bezogen vierteljährlich 1,50 JL^ 
direct nnterEreozlMuid von aerVerlag8nandlüngl,75.^. 



Inserate far dieses Blatt werden von sftmmtlicheD 
Annoncen-Expeditionen, wie von der yerlagshandlan|. 
Berlin 8., Brandenbnrgstr. 11. zun Preise von SO \ 
far die zweigespaltene Petltzeile entgegengenommen. 



(Nachdraek verbot en.) 



üeber die Entstehung der Tonleitern und deren muthmassUche 

Weiterentwicklung in der Zukunft. 

Von Professor Herntaim Schröder. 

(Fortsetzung.) 



Nach Helmholtz ist in No. 4 (unter Beisp. B 
der Notenbeilage zu No. 2 dieser Zeitschrift) zwei 

Mal die Qninte eis flüchtig berfihrt, nach 
rechts stehender Tonleiter ist dies die gr. 
Septime; nach Helmholtz mfisste dieses Stück 
einen Moll-Charakter (Fis-moU) haben, nach 
unserer Tonleiter trägt es, wie alle andern, 
einen Dur-Charakter (D-dur). Die hinzu- 

SefBgte Septime (eis) ist als Fortschritt in 
er Entwicklung der Tonleiter zu betrachten, 
zu dem hier Näheres folgt: 

Nimmt man die hier und alleemein an- 
erkannte älteste chinesisch-keltiscne Tonleiter 
als Grundsystem für die uns überkommenen 
Melodien dieser Völker an, so lässt sich ein 
Unterschied in der Entwicklung der 
Tonleiter darin finden, dass in diesen Melo- 
dien mit peinlicher Sorgfalt die Quarte 
vermieden wurde, wog^^n bei den Griechen, 
wie wir sahen, die Quarte schon in der 
ältesten Stimmung der Lyra zu finden war. 
Auch in einem 5 stufigen Tonsystem des 
Plutarch Olympos, welcher das Flöten- 
spiel in Griechenland geregelt und verbreitet 
haben soll, ist die Quarte vorhanden; das- 
selbe heisst: 

c^ d— if, g, a— c. 
Bb besteht aus zwei gleichgebauten Tri- 



chorden, bei Vermeidung der Terz und Sep- 
time. 

Eine Weiterentwicklung jener alten Ton- 
leiter finden wir durch Hinzunahme der gr. 
Septime in verschiedenen Melodien kelti- 
scnen Ursprungs, wie auch im obigen Bei- 
spiele 4; die Quarte wurde aber immer 
noch vermieden: 

c, d, e^g, a, h, c. 

Ein Fortschritt bei den Griechen dagegen 
ist an der von Terpander vergrösserten 
Stimmung der Lyra wahrzunehmen, welche 
sich durch Hinzunahme dreier Saiten, der 
Sekunde, Terz und Sexte, nach Art der lydi- 
schen (od. unserer C^dur-) Tonart zusammen- 
setzt, aus: 



c, d, e, f, g, a— c. 

Bin ähnliches Heptachord vor Pythagoras 
Zeit, der dorischen (später phrygischen) 
Stimmung analog, giebt Nicomachus an: 



e, f, g, a— c, d, c. 

Jene Tonreihe hat einen Dur-, diese 
einen Moll-Charakter. Der Ton h (als 



- 46 — 



5. QnistentoD rem AmgBDgBpnDkt C ge- 
redmet), fehlt in beidm Stunmiiiigeo, in 
ersteier als Septime, in der letzten als Qninte. 
Die Quarte Mer (od^ nmgekehrte Qninte) 
ift hier immer wieder Torhanden. 

Nadi Allem ist anzunehmen, dass jene 
alten Völker, Chinese, Kelten n. A., ihre 
Ttae aoeh auf instrumentale Weise ans der 
Natnrtonrdhe bei V^mmdmig der nnbraneh- 
baren Qnarte zusammenstellten, wShrend die 
Grieehen sie dnrdh QuinteniMui über- und 
untereinander fimden und ordneten. Die 
NiUnrtonreihe mag daher in der Ältesten 
grieehisehen Zeit weniger bekannt gewesCT 
sein. — Diese Yermnthnng wird dadurch be- 
stärkt, dass jene alten Völker sehon sehr 
frfih Griffbrett-Saiteninstrumente besassen, wie 
das Ein und das Ee der Chinesen, ersteres 
sdion 2637, letzteres um 2500 ▼. Chr. be- 
kannt Auf diesen Instrumenten konnten sie 
die Saiten theils dureh Abgreifen, theils durch 
bewegliche Sti^e yerkfirzen und gelangten 
so möglicherweise zu den hohen Naturtönen, 
entsprechend der Durtonleiter, worin die un- 
brauchbare Quarte zu finden war. — Schenkt 
man dieser Annahme keinen Glauben, so 
bleibt immer jenes schon erwähnte gesang- 
liche Verfahren gelten, wonach die Quarte, 
wegen des zu nanen Schrittes von der Terz 
zur Quinte, nicht getroffen wurde. — Die 
Griechen dagegen hatten bis in ihre filfite- 
zeit hin nur Lvren und Harfen (Lira, 
Cbclys, Eithara, fiarbitos u. a.) ohne Griff- 
brett, auf denen jede Saite nur ihren eigenen 
Grundton angab. Ihnen mag aber das 
Verdienst bleiben eine brauchbare, 
reine diatonische Tonleiter in der 
Qointenreihe des Pythagoras (c. 500 v. Chr.) 
gefunden und eingeführt zu haben. 

Diese lydische Tonreihe der Griechen 
c. d, e, f, g, a, h. c, gleicht unserer C-dur- 
Tonleiter. Eine weitere künstliche Entwicke- 
lung geschah dadurch, dass man jeden Ton 
dieser diatonischen Leiter als Anfangs- und 
Endpunkt gebrauchte und hierdurch sieben 
Tongeschlechter oder Tonarten erhielt, 
welche mit Namen griechischer Provinzen 
benannt wurden."*) 

Griechische Tonarten: 



1. Lydisch: 

2. Phrygisch: 

3. Dorisch: 



I 



c, 


d, 


e, 




g> 


*. 


h, 


c. 


d, 


e, 


i, 


a. 


b, 


c, 


d. 


«1 


f, 


S« 




c, 


d, 


e. 



5. Hypoi^rygisdi: g,a,h,c,d.e,^g. 

(aoch Jonisch). 

^^■^^^^^^ ^■^■•^^^^ 

6. Hypodorisch: a,h,c,d,e,^g, a. 

(auch Aeoliseh 
oder Lokriseh). 



4. Hypolydisch: f, g, a, b, c, d, e, f. 



*) Welche von diesen aiebeo Tonreihen die 
älteste war, Iftsst sieh lücht bestimmeo, and ftndert 
such niohts an der Saeht, 



7. Mixolydiseh: li,e^d,e,^g,a,h. 

Jede Tonreihe wurde in zwei Tetraehordeo 
zerlegt, die hier mit Bogimlinien angemerkt 
sind. Die Hypodorisehe (oder Aeoliscfae) 
gleicht den Hauptt5nen unserer Molltonleiter. 

Von Tonsystemen anderer alter Volks- 
stftmme, als Aegypter, Perser und Araber, 
hat man theils ungenügendes Material zur 
klaren Yorsbellung, theils haben sie sieh zu 
weiterer Entwicklung nicht fiLhig erwiesen. 
Ffir die aegyptische Musik giebt ein intei^ 
essanter Ausspruch, durch hebräische Sdirift- 
steller im Bucne , Jezirah*' angezeichnet, An- 
deutungen fiber eine Eenntniss hoher Ober- 
töne, wie wir solche auch bei Chinesen ver- 
mutheten ; es heisst darin: «In diesen Regionen 
der unduUrten Bewegungen giebt es filr Ohr 
und Mund keine Töne mehr; nur der Ge- 
danke vermag es, Töne solcher Lage sich 
vorzustellend — Das Persisch-arabische 
Tonsystem besteht nach Helmholtz aus 
17 yerschiedenen Tönen, welche aus 16 ftber- 
einander gebauten Quinten wtstanden sein 
soll. Von den 12 fibuipttonarten sind einige 
7 stufige Tonleitern ihrer kleinen Septime 
wegen auffidlend; andere haben 8 Stufen, 
d. h. 9 Töne mit Abschluss der Octave, von 
denen eine mit der vollstftndigen Naturton- 
reihe des 8.— 16. Obertons Aehnlichkeit hat — 

Das Christentiium war nicht unbeeinflusst 
geblieben auf die Entwicklung der Musik 
im allgemeinen, und der Tonleitern 
und Tonarten im engeren Sinne. Der 
Bischof Ambrosius von Mailand (874 
bis 397) verstand es, griechische Musik, 
sowohl in rhythmischer, als in harmonischer 
Beziehung den christlichen Hymnen anzu- 
passen und zur Geltung zu bringen. Aus 
den griechischen Tonleitern wfihlte er vier 

Seeigneto f&r den christlichen Eirchengesang, 
ie wir mit dem Namen ambrosianische 
Eirchentonarten bezeichnen. Es waren: 

die phr^gische, gen. 1. Ton (primus) d bis d, 

die donsche, „ 2. „ (secund.) e „ e, 

die hypolydische, „ 3. „ Ttortius) f » f, 

u. die hypophryg. „ 4. » (quartus) g » g. 

Die lydische von c— c wurde nicht mit 
aufgenommen, vermuthlich weil ihr heller, 
heiterer Charakter zu der Stimmung der da- 
mals verfolgten Christen nicht passte. 

Bald reiditen diese vier Töne (oder Ton- 
arten) nicht mehr aus, und wurden durch 
Pabst Gregor d. Gr. (590— 604), um weitere 



- 47 — 



vier vennohrt. Man ordnete lene ambrosiani- 
schen ao, dass in ihnen die Quinte als 
Mittelton herrschte, oder mit anderen Worten, 
dass die acht Töne der Leiter von Tonica znr 
Quinte nnd von Qninte znr Octave ihre Ein- 
tbeilung fanden, nnd benannte sieanthenti- 
•clie (echte) Tonarten. 

B^ dM vier neu hinzugeffigten gregoriani- 
schen aber wurde die Quarte herrschender 
Mittelton, oder die acht Töne der Leiter 
virurden zerlegt von Tonica zur Quarte und 
von Quarte zur Octave; diese nannte man 
plagale (veränderte) Tonarten, 

Authentische und plagale Eirchenton- 

arten: 



1. Kirchent. 

2. Kirchent 

3. Kirchent 

4. Kirchent. 

5. Kirchent 

6. Kirchent 

7. Kirchent 

8. Kirchent 



(od.l.auth.): DefgAhcD. 

(od. 1. plag.): AhcDefgA. 
(od.2. auth.): EfgaHcdE. 

(od. 2. plag.): H c d £ f gaH. 
(od.S.auth.): FgahCdeF. 

(od.3.plag.):GdeFgahC. 
(od.4.auth.): GahcDefG. 

(od. 4. plag.) :DefGahcD. 



Der Tritonus (Drei-Ganzton von f^h) virar 
hier und sp&ter seiner harten melodischen 
Fuhrung wegen ein gefürchteter Tonschritt, 
der im fünften Eirchentone dadurch ver- 
mieden vmrde^ dass man den Ton h nicht 
aufwärts, sondern nur abwärts in der Melodie 
anwandte. Später erlaubte man sich den 
Ton h aufwärts in b zu verwandeln, be- 
sonders als die Mehrstimmigkeit in der Aus- 
bildung des Gesanges allmälig Eingang fand. 
Die reine und unverfälschte Singweise dieser 
alten Eirchentone hatte sich in der be- 
rühmten Singschule des Klosters von St Gallen 
am längsten erhalten. 



Man fing schon zu iener Zeit (um 900) 
an, die alten griechischen Namen für die 
Tonarten wiedereinzuführen. Die Tonsetzer, 
durch freiere Ideen angerest, vernachlässigten 
die gegebenen Regeln über Schreibweise und es 
entstand eine Verwirrung in der Behandlung 
und Benennung dieser Tonarten. Erst Gla- 
renanus (um 1547) brachte wieder Klarheit 
hinein, dadurch, dass er nicht 4, sondern 6 
authentische Tonarten nachwies, denen er 
folgende Namen gab, welche jetzt noch ge- 
bräuchlich sind : 

Eirchentonarten nach Glarean: 

(Nach alter 
griecbiseher Be- 
nennung.) 

Lydisch, 

P&rygisch, 

Dorisch, 

Hypolydisch, 

HypoDhryg., 

Hypodonsch. 



Jonisch: 
Dorisch: 
Phrygisch: 
Lydisch: 



cdefgahc, 
def gahcd, 
efgahcde, 
f gahcdef^ 



Mixolydis.ch: gahcdefg, 
Aeolisch: ahcdef ga. 

Diesen gab er noch 6 plagale, je vom 
5. Ton angefangen, dazu und unterschied im 
Ganzen 12 Tonarten. Ihr Gebrauch fällt in 
das 15. und 16. Jahrhundert. 

Durch den in der jonischen Tonart ent- 
haltenen Leitton (gr. Septime) in seinem 
Verhältniss zur Octave, auch durch die in 
dieser Tooleiter enthaltenen zwei gleich kon- 
struirten Hälften, (Tetrachorden) c—f und 
g — c, wurde sie bald die bevorzugte von 
allen. Man erlaubte sich sogar in andern 
Tonarten ein gleiches Verhältniss dadurch 
herzustellen, dass man die 7. Stufe in 
einen Leitton erhöhte und die 4. Stufe in 
der lydischen, wie schon erwähnt, erniedrigte. 

(FortBetxnng folgt.) 



Beitrage zur Erkenntniss des Wesens des Rhythmus und 

der Melodie. 

Von A« de TlsnaUi. 

(Scblass.; 



TVählt man eine andere Reihe von Ton- 
schwingungen zu demselben Beethoven'schen 



Rhythmus, so erhält man eine andere 
Melodie: 




s§^^ ^^ 



-jjk 



{ ^ 



4 »- 




etc. 



So könnte man mit demselben rhythmi- 
schen Material noch eine unendliche Reihe 
von Melodien, aus dem einen Andante eine 
unendliche Zahl anderer Andantes bilden. 



Auf dieselbe Weise ist es denkbar, dass 
die geistige Kraft, welche die oben ange- 
gebenen Entfemungsmaasse zur Bildung eines 
Quadrats benutzte, mit demselben Material 



— 48 — 



eine unzählige Menge von anderen Gebilden 
darstellen kann, was allerdings nnvergleich- 
lich schwerer wäre, als bei der Mnsik. 

Ohne die Materie vermag sich der Geist 
nicht zn manifestiren, sowie die Materie für 
sich allein todt ist 

In der Mnsik, welche wie die anderen 
Efinste, nnd intensiver als sie alle, nur ein 
Spi^elbild des Lebens in allen seinen Mani- 
festationen ist, sind die Tonreihen das Geistige, 
welches der far sich allein todten Materie, 
des Rhythmns bedarf, tun als Melodie za 
erscheinen. 

Wie ich schon sagte, dass der ja auch 
in jedem von uns sich verköroemde Geist 
aus demselben rhythmischen Material un- 
zählig viele Melodien resp. Figuren bilden 
kann, so ist er auch nicht gehidten, sich in 
den unserer relativ noch beschränkten Er- 
fahrung bekannten Formen zu manifestiren, 
sondern wählt sich aus der nie endenden 
Reihe derselben die der jeweiligen Noth- 
wendjgkeit am besten angepasste Form. 



wir werden im Stande sein, die vergletchende 
Analyse von Werken verschiedener Efinste 
zu unternehmen. Zu bemerken ist noch, 
dass man naturlich nur Werke homogenen 
Giarakters dazu auswählen kann. Ich vrähle 
als Beispiel das Andante von BeethoTeo's 
G-moll Symphonie und die Madonna di 
S. Sisto von Kaphael. 



Bisher hatte ich im Auge nur die kleinen 
und kleinsten in sich abgeschlossenen Theile, 
welche inlogischerZusammenstellungwiederum 
einen grösseren in sich abgeschlossenen Theil 
eines Ganzen bilden. Was für diese Theile 
einer Melodie bezw. Figur gilt, braucht nur 
im grossen auf die mehr oder minder wich- 
tigen gegen einander kontrastirenden und 
scnliesslich in ihrer Gesammtwirknng ein ein- 
ziges Ganze bildenden Theile von sei es für 
das Gesicht, sei es far das Gehör bestimmten 
Kompositionen ausgedehnt zu werden, und 



Schon vor Jahren, als ich die Dresdener 
Gkülerie besuchte, muthete mich der Ausdruck 
des Antlitzes der Madonna wie eine wunder- 
volle Melodie an. Es war mir, als ob ich 
das Thema hörte, mit welchem Beethoven's 
Andante beginnt, und wirklich fahlen wir hier 
wie dort dieselbe erhabene Milde, denselben 
tiefernsten Frieden. Damals trieb mich nur 
ein unbestimmte» Gefühl zu diesem Ver- 
gleiche; nach dem bis jetzt Ausgeführten 
wird es jedoch nicht zu kfihn sein, jenes für 
das Gehör bestimmte Bild mit einem ver- 
mittelst des GiBsichtssinnes uns zum Be- 
wusstsein gekommenen Gebilde, sei es hier 
die Figur der Madonna, zu veigleichen. Da 
man, wie schon gesagt, nur Homogenes mit 
einander vergleidien kann, so können bei 
diesen Vergleichen nur solche Gebilde neben- 
einander gestellt werden, welche auch einen 
gleichen Eindruck auf uns ausfiben. 

Es folgt im Andante das Eontrastthema, 
ein majesätisches Thema, welches bei jeder 
Wiederholung immer mächtiger erscheint, 
bis es, mit elementarer Gewalt in seiner 
dritten Wiederholung auftretend und hier 
besonders in den drei machtvollen Schlägen: 



ff 



den Brennpunkt des ganzen Musikstückes 
bildet. 

Dieses musikalische Gebilde findet im Ge- 
mälde Raphaels sein Entsprechendes in der 
Figur des Ghristuskindes, vielleicht der 
genialsten Schöpfang, die je einem Maler 
vergönnt wurde hervorzubringen. Die weichen, 
lieblichen Körperformen sind durchaus ge- 
wahrt, und dabei ist doch diese Gestalt von 
solcher Majestät umgössen, dass die Auf- 
merksamkeit des Beschauers zu ihr am 
stärksten sich hingezogen ffihlt. Und wie 
bei jedem Menschen das Antlitz, und hier 
wieder die Augen, am ansdracksfähigsten ist, 
so ist es besonders der unbeschreiblich 
hoheitsvolle Ausdruck, der diesco Augen ent- 
strahlt, welcher immer wieder unsere Blicke 
in seinen Bannkreis zwingt. 

Jene gewaltigen Schläge, welche ich vor- 
hin als den eigensten Aonzentrationspunkt 






des Andante hinstellte, gleichen sie nicht in 
ihrem Ausdruck diesem blitzenden, fast 
furchtbar und lohend zu nennenden Augen- 

Eaar, welches das Bewusstsein einer un- 
eschränkten, alles unter seine Herrschaft 
zwingenden Macht ausstrahlt? Auch in dem 
Bildwerke mfissen wir also den Eonzen- 
trationspunkt in der Figur Jesu, und hier wieder 
in dem ausdruckvollsten Theile derselben, in 
den Augen suchen. 

So sehen wir, wie im Andante das Eon- 
trastthema, welches nach der gewöhnlichen 
Bezeichnung Nebenthema ist, zum wichtigsten 
oder wenigstens am meisten Eindruck 
machenden Thema wird, aus welchem auch 
der Eonzentrationspunkt des Granzen sich 
entwickelt, ohne aass dadurch das erste 
Thema den Charakter als Hauptthema ver- 
liert, welches der Eomposition seinen ernsten 
und friedensvollen Geist aufragt 



— « — 



Desgleichen ist es im Baphaersohen Oe- 
mälde die Figur Jesu, welche am Mächtigsten 
auf den Beschauer wirkt; unbeschadet dä- 
mm bleibt doch der Figur der heiligen 
Madonna die Eigenschaft als Hauptthema ge- 
wahrt» welches den Grundton ffir das ganze 
in seiner Gesammtwirkung einen ruhigen 
Andantecharakter tragende Gemälde an- 
giebt. 

Mit den beiden Figuren der Madonna und 
des Christuskindes ist, ebenso wie bei dem 
Andante mit dem Haupt- und dem Eontrast- 






thema, der eigentliche Gedankeninhalt des 
Werkes abgeschlossen. Alle übrigen Fi- 
guren nehmen dieselbe Stellung ein wie der 
Beschauer vor dem Bilde, dessen Gefühle und 
Gedanken sie je nach dem tieferen oder 
weniger tiefen, dem bewasstemsten oder un- 
bewusstnaiven Yerständniss desselben für 
die Grösse des Gegenstandes in idealisirter 
Fassung wiedergeben, dem Chor der antiken 
Tragödie vergleichbar, welcher die Zuschauer- 
schait versinnbildlicht. 



Franz Schulbert's Liederschatz. 

Mit besonderer Berücksichtigung der Klavierbegleitung. 

Von Jalias Blasehke. 



.Br war ein Ffirst des Lieds. Wie 

Könige pflegen 
Gold aoszoBtrea^n, wenn sie zar 

Krönnng ziehen, 
Warf er der Lieder kostbar goldenen 

Segen 
In's Herz des Volks, in sein geliebtes 

Wien,»» 

Diese Worte ans dem Holdignngsgedicht von 
F r a n k I , welche bei der feierlichen Ueberfohnmg 
der Gebeine Schabert's vom Wfthringer auf den 
neuen Wiener ZentralMedhof am 23. September 1888 
an seinem neben Beethoven 's Graft bereiteten 
Ehrengrabe gesprochen worden, enthalten nicht za 
Tiel des Lobes fiber den unübertroffenen Gross- 
meister des Liedes. Allzu reichlich und verschwen- 
derisch streute der Tönereiche seine köstlichen Me- 
lodieen in der kurzen Zeit seines Erdeodaseins aus, 
80 dass man bei seinem Hinscheiden (1828) ausser- 
halb der Osterreichischen Kaisersiadt nur einen 
kleinen Theil seiner herrlichen Liederperlen kannte 
und kaum der vierte Theil seiner Werke veröffent- 
licht worden war. Doch bald hob man Jahr um 
Jahr neue Schätze aus seinem Nachläse. Fast sieben 
Dezennien sind seither verflossen, aber erst jetzt 
liegt in der soeben vollendeten monumentalen Ge- 
sammtausgabe von Schuberts Werken, die wir der 
verdienstvollen Verlagsfirma Breitkopf d Härtel 
in Leipzig verdanken, die ganze überwältigende 
Summe seines kurzen künstlerischen Tagewerks vor 
Aagen. Ein erfireuliches Zeichen der Zeit ist es, 
dass nunmehr weitere musikalische Kreise der Ton- 
muse Schubert's das ihr gebührende Interesse zu- 
wenden, die gehobenen Schätze eingehend studiren 
Dod dieselben Anderen vermitteln hefen. Was dem 
Wiener Tonmeister eine kurzsichtige Mitwelt ver- 
sagte: Ehre und Anerkennung, möge dem Könige 
des Liedes bei der hundertsten Wiederkehr seines 
Geburtstages (31. Januar) in reichlichem Masse zu 
Theil werden! 



U eberblicken wir die erstaunliche Anzahl seiner 
Tonachöpfungen, so finden wir keine Kunstgattung, 
der er nicht die Spuren seines Genius aufgedrückt 
hätte; seine Hauptbedeutung aber hat er als Schöpfer 
und gtösster Förderer des modernen Liedes erhalten. 
Ein reiches Füllhorn von Liedern hat er für jede 
Stimme und jeden Empfindungskreis ausgeschüttet 
Es giebt wohl keinen Moment der Freude und des 
Leides, keinen Ton der Liebe, Hoffnung, Sehnsucht 
oder des schmerzlichen Hinbrntens, keine Erregung 
des Herzens, denen er nicht Ausdruek geliehen. 
„Wohlklang, Frische, Kraft, Anmuth, Träumerei, 
Leidenschaft, Besänftigung, Thränen und Flammen 
entströmen ihm aus Herzenstiefen und -höhend 
schreibt L i s z t , und Robert Schumann sagt 
das bezeichnende Wort : „Was er anschaute mit 
dem Auge, berührte mit der Hand, verwandelte sich 
in Musik. ... Wo er hinfahlte, quoll Musik heraus*^ 
Seine Vielseitigkeit begreift man, wenn man erwägt, 
wie er die ganze Skala der Gefühle, vom Heiteren 
bis zum Düsteren, vom Lächeln der Freude bis zum 
Ausbruch der Verzweifelung, in Töne kleidet, wie 
bei ihm die Form vom einfachen Strophenliede bis 
zur künstlichsten Gliederung vertreten ist, und wie 
er namentlich in seinen Liederayklen eine und die- 
selbe Grundstimmung in verschiedenen Abstufungen 
darstellt. Und wenn auch Franz Schubert in seinen 
Kompositionen an Erhabenheit, Vielseitigkeit und 
Tiefe, sowie bezuglich Beherrschung grosser und 
strenger Kunstformen von anderen Musikheroen 
überragt wird, so reiht er sich ihnen doch, was über- 
quellenden Reichthum der Phantasie, Innigkeit und 
Prägnanz des Ausdrucks, Fülle musikaüschen Wohl- 
lauts, sowie Adel und unaussprechlichen Reiz der 
Melodie und Harmonie anbetrifft, würdig an. 

Die musikalische Komposition des Liedes be- 
schränkte sich bis zu Schuberts Zeit in der Regel 
nur darauf, den geistigen Inhalt, die Stimmung des 
Gedichts im allgemeinen, darzustellen und die 
„Sprachmelodie, das, was bereits in den Worten an- 
klingt und den Vers durchzieht, das phonetische 



— 50 — 



Element der Vokale und KonsoiiMiteo, io bestimniten 
Tonen za fiziren''. Schnbert aber gab seinen Liedern 
nicht nor die treffendete Grandfibbnng, indem er 
zuerst den Geist der Dicbterworte in ihrer Totalittt 
aoffiftsste, sondern er ffibrte aneh jede Einzelheit in 
meisterhafter Sehattinmg ans, Terlieh dem liede 
somit eine freiere und dennoch künstlerisch ab- 
geschlossene Form und erhob es za einer der höchsten 
Genres der Kunst. Seine Liedkompositionen sind 
mehr als ein Schmuck der Dichterwerke, sie sind 
ebenfalls wirkliche IMchtongen, welche das in einer 
erhöhten Sprache ergSnzen, was das Wort allein 
nicht anszndracken Tormag. Schon Mozart hatte 
in seinem «Veilchen* and BeethoTen in seiner 
aAdelaide* nnd in dem Liederkreis ,An die ferne 
Geliebte* herrliehe Perlen Ton GesSngen hinter- 
lassen; aber das Lied lag beiden doch zu sehr seitab 
gegenfiber ihren, auf das HOehste gerichteten Zielen. 
Wenn anch die eigentlichen Vorginger Schabert's im 
Liede, die Tier Berliner Tonkünstler Reichardt 
(1752— 1814), Zelter (175&-18S2), B e r g e r (1777 
bis 1839) nnd Klein (1798-183S), nicht ohne Ge- 
schick das Kanstlied knltimt hatten, so blieb es 
doch Schnbert Torbehalten, dasselbe zor rdehsten 
Entfaltung zn bringen, es nach Form nnd Inhalt nen 
za gestalten nnd ihm wahres Leben einzahaachen. 
Es ist keineswegs ohne Bedentong, dass zn eben 
derselben Zeit die lyrische Poesie unseres Vater- 
landes eioen Blüthenreigen ohne Ende hervor- 
gezaubert hatte, der nur der Wiedergeburt in Tönen 
zn harren schien. Franz Sdinbert hat diese seine 
konstgeschicbtliche Mission in der kurzen Spanne 
Zeit, die ihm hienieden vergönnt war, voll und ganz 
erf&Ut. Beweis: die vorgenannte Gesammtaasgabe 
von Schuberts Werken enthält 603 einstimmige 
Lieder, von denen 133 Lieder überhaupt zum ersten 
Mal veröffentlicht werden. 

Um über diesen nach Quantit&t und Qualität 
beispiellos dastehenden Liederschatz eine einiger* 
massen orienürende Uebersicht zu gewinnen, soll 
derselbe in fünf Abtbeilungen geschieden werden : 

1. Das Volkslied oder eine diesem verwandte 
Liedweise, welche die gefundene Melodie für 
alle Strophen wiederholt (z. B. das Goethe- 
sche „Heidenröslein^^). Obgleich diese Lieder 
nur die einfachste Konstruktion aus Tonika 
Dominante zeigen, so erheben sie sich doch 
zu individuellerem Ausdruck durch ihre genial 
beseelte Melodik und durch die auch mit den 
einfachsten Mitteln erfolgende Nachbildung 
des strophischen Versgefüges. 

2. Das eigentliche Kunstlied in seiner knappsten 
Form, welche sich mitunter nar auf einen 
von Strophe zu Strophe erfolgenden Wechsel 
einer und derselben Melodie zwischen Dur 
und Moll beschränkt. Dem selbstständig ab- 
geschlotnenon Hauptsatz folgt ein eben solcher 
Mittelsats und zaletst wieder der Hauptsatz. 

8. Das Kaostlied in seiner entwickelten Form, 
mit welcher auch die Bedeutung des Accom- 
pagnements, das Melodie und Motive gleich 
wandervollen Arabesken schmückt und um- 
spielt, sowie die Entwickelung der Rhythmik, 



der Harmonie und der ModnlatioD i« wmehaeD 
pflegt Hierher gehören <fie Lieder: »Adi, am 
deine fsochten Schwingen** vim Goethe und 
das nachgeiaseene, aehr aehwere, aber berrlidie 
Ued „Waldesaaeht«. 

4. Die balladenartigeQ Kompositionen, in welchen 
Sehnbert jedoch nicht an der einheitlicfaca 
Geschlossenheit dnrchzndringen vermochte^ 
welche gerade die Ballade erforderte Br 
illnstrirt in blendenden Farben nnd mit grOester 
Treue Personen und Situationen des epischen 
Gedichts, aber er verliert darin allzu leicht 
den leitenden Faden, was ihm im liede selbst 
bd der rdehsten Detailausfuhrong fast nie 
vorkommt Die besten balladenartigen Kom- 
positiimen sind : ^er Erlkönig^, Gretdien am 
Spinnrad*', „Der Wandere^*, JDer Zwerif*^ 
),Gmppe ans dem Tartarus**, „Die jonge 
Honnef, „Das Meer ergiflnste weit hinaiuC* 
(Heine) n. a^ m. 

5. Die vielfach vorkommende liedform, in der 
weniger gesungen, ab mnsikallseh deklamirt 
wird. Diese Gesinge sind gewissermassen von 
Wort zu Wort komponirt und besitaen nur 
ausnahmsweise eine susammenhSngende Me- 
lodie und melodischen Fluss. Sdinbert leigt 
besonders in den sechs Heine'seben Liedern 
den Machgeborenen, namentUeh Robert 
Schumann, den Weg, im mehr resitiren- 
den, aber streng formell geschlossenen Liede 
auch die Form für die pointenrdche Kürze 
der HeineVchen Ljrik, welche ngleieb herr- 
schend für die Gegenwart wurde, den ent- 
sprechenden Stil zu fiodsD. ' 

Für den Umfang sdner lyrischen Begabung 
liefern die verschiedenen Liederkreise Schuberts 
den besten Beweis. Die bekanntesten sind: ,.Die 
schöne Müllerin**, „Winterreise'*, „Sehwanengesang^ 
und die Lieder aus Walter Scott's ,,Friulein vom 
See**, unter denen das unvorgldchliche ,yAve Maria** 
dne ganze Wdt von Innigkeit und Gefall bürgt In 
den zyklischen Liederdiehtungen war der Komponist 
genöthigt, über die engste Begrenzung seiner in- 
dividuellen Anschauungsweise bis an doem gewissen 
Punkte hinauszuschrdten nnd einem besonderen 
Gefühls- und Ideenkreise in dessen verschiedensten 
Wandlungen gerecht zu werden. 

Der zuerst (1823) entstandene Zyklus „Die 
schöne Müllerin** wird vonNiggli eineMovelle 
in Liedern genannt, die bei aller Schliehthdt des 
Ausdrucks die ergrdfende und verklftrende Gewdt 
dner Liebestragödie in dch schliesst Der wandernde 
Müllersbursche wird durch das Bichldn, das ihn 
geheimnissvoll lockend nach dch rieht, zu einer 
Mühle gddtet Hier sieht er die sehöne Maliers- 
tochter und tritt als Knappe in ihres Vaters Dienst 
Rasch entwickelt dch der Kdm der liebe za hoff- 
nungsreicher Blüthe. Die Nummern 5—9 schildern 
ihr süsses Crescendo, ihr seeUges Hanges and 
Bangen, die Nummern 10--18 die kurze Zdt ge- 
dcherten Bedtzes. Dann stiebt dn hübscher JSger 
den Müllerburschen bd dem Mädchen aus. Ver- 
zehrende Eifersucht, Schmerz über die Treulosigkeit 



— M — 



der Geliebten treiben ihn zur Veriweiflong, nnd erst 
in den flüBternden Wellen des Baches findet er Rohe 
und ewiges Vergessen. Wie Schubert hier mit 
genialer Sicherheit die jedem Liede entsprechende 
Form Terwendet, vom einfachsten Strophengesaog 
bis sar frei behandelten musikalischen Scene, wie er 
durch eine aufs feinste abgestufte Deklamation, 
durch den Wechsel Ton Dur und Moll, durch ein 
tonmalerisches Accompagnement von entzückendem 
Kiangreiz jede Empfindungsnuance, aber auch den 
landschaftlichen Hintergrund getreu wiederzugeben 
weios, dass wird ewig mustergiltig bleiben. 

Gleich den j^Mfillerliedern* enthält auch die in 
den Jahren 1826 und 1827 entstandene .Winter- 
reise* eine von Wilhelm Müller gedichtete 
Folge von Liedem, welche nach Stimmung und Cha- 
rakter in engem Zusammenhang untereinander 
Btebeo. Während aber der ältere der beiden 
Schubert'schen Zyklen rein lyrisch, einfach bis zur 
Annäherung an die Volksweise in Bau und Ausdruck 
gehalten ist, kennzeichnet den späteren eine un- 
gleich grossere Mannigfialtigkeit der Form und Kühn- 
heit der Tonspraehe, eine gesteigerte Leidenschaft 
ond Dramatik und demgemäas eine lebendigere Be- 
theiügung des tonmalerischen Blementes. Schubert 
▼ersteht es, mit der Empfindung gleichzeitig auch 
die Phantasie mächtig anzuregen. Br führt uns 
mitten hinein in die Situation und giebt sdnen 
Liedem das Gepräge sinnlicher Wahrheit; .aus dem 
kleinsten Ued wird oft eine Miniaturoper toII 
tragischer und dramatischer Passion* (Liszt). In 
der , Winterreise* erzählt der Komponist dieHerzens- 
^esebichte des unglücklich Liebenden in TOnen. In 
wehmüthiger Erinnerung an eine Terrauschte, glück- 
liehe Zeit steigert sich das Gefühl des Yerkssenen 
bis zur Verzweiflung, ja bis zu wahosiondurchzuckter 
Apathie. In tieftte Schwermuth getaucht ist jeder 
einzelne der 24 Gesänge; selbst in den einfzchsten 
Strophenliedem öffnen sich vor dem Hörer Ab- 
gründe des Herzwebs, deren Tiefe kein Senkblei 
misst Der letzte Sonnenschein ist verglommen, 
aus der sanften Melancholie der «Müllerlieder* ist 
hier Trostlosigkeit, friedlose Resignation und Ver- 
zweiflung geworden. 

Freundlichere Bilder mischen sich in die letzte 
Liederreihe, den „Schwanengesang*, welcher 
ans 7 Liedern von Rolls tab (darunter da8,,Ständ- 
cben*), 6 von Heine (darunter , Am Meer*) und 
einem Liede von S e i d 1 («Die Taubenpost*) gebildet 
wird und von den Verlegern erst später zusammen- 
gestellt ist 

• Nicht allein der seelisehe Gehalt der Schubert- 
schen Gesangsmelodien ist es, welcher dem Kom- 
ponisten eine hochbedeutsame Stellung in der Musik- 
geschichte zuweist, sondern auch die in fi&st allen 
Fällen sich bei ihm vorfindende Befreiung der Sing- 
stimme von der Begleitung und umgekehrt. Da das 
Accompagnement sich nicht mehr auf das 
blosse Mitspielen der Melodie beschränkt, so bildet 
es kein untergeordnetes Element in Schubert's 
Liedern, sondern tritt fast immer selbstständig und 
gleichberechtigt auf, wodurch natürlich auch höhere 
Wirkungen ersielt werden. Selten ergänzt die Kla- 



vierbegleitung nur noch die harmonische Grundlage; 
diese ist vielmehr in dn feines Gewebe aufgelöst, 
das in der kunstvollen Veraibeitung eines oder auch 
mehrerer der Grundstimmung entsprungenen Motive 
auch instrumental derselben Ausdruck in Tönen 
giel>t. Schuberts BQavierbegleitung illustrirt, führt 
aus und vertieft das, was uns die Singstimme sagt; 
sie tbeilt uns mit, was eben nicht mehr in Worten 
und selbst im Gesänge, wenn er für sich allein auf- 
tritt, auszudrücken ist, was sich nur fühlen und em- 
pfinden lässt Durch Beethoven war bereits 
das geistige und technische Wesen des begleitenden 
Instruments zur Genüge ausgebildet worden, um das 
gesungene Wort durch den vollen Reichthum der 
Harmonie und Figuration zu unterstützen. Von be- 
sonderem Interesse ist die Klavierbegleitung zu 
Schubert's Liedem noch dadurch, dass gewisse musi- 
kalische Motive, oder besondere, eine interessante 
Unterlage zum Gesänge bildende musikalische Figuren 
vom Anfange bis zum Schlüsse eines Liedes festge- 
halten werden und sich somit in stilvoller Weise mit 
der gesungenen Melodie verweben. Ausserdem über- 
nimmt das Accompagnement sehr häufig die musika- 
lisch-poetische Vermittelung oder Hinüberleitung 
aus einer Stimmung in die andere. Selbst wo z. B. 
Goethe die strophisch enge Gliederung nicht fest- 
hält, wie in .Rastlose Liebe*, , Erster Verlust*; 
«Schwager Kronos^S „Ganymed*^ oder den spruch- 
artigen „Harfherliedem'S weiss der Komponist eine 
gewisse strophische Korrespondenz, wie Reissmann 
sagt, unter den gesonderten Theilen musikalisch her- 
zustellen. 

Welch' wunderbare Sicherheit dem Tonmeister 
Schubert im Treffen des richtigen Ton-Kolorits zu 
Gebote stand, davon liefern zunächst die „Müller- 
lieder'* einen treiflichen Beweis. Welch' wirkungs- 
volle Steigerung von dem volksthümlich schlichten 
Wanderlied hinweg, mit welchem der Zyklus 
in unbefangenem Frohmuth beginnt, bis zu dem 
heimlichem Herzklopfen in der „Danksagung 
an den Bach!** 

In Nr. 6 „D e r N e u g i e r i g e** hat es der 
Begleiter allein in der Hand, die richtige Stimmung 
vorzubereiten. Die zagende Frage des tränmerisch- 
schüchtemen Schwärmers findet in den vier Ein- 
leitungstakten schon einen fast erschöpfenden Aus- 
druck. Wer das nicht mit ganz zarten Fingern an- 
greift und mit sinngemässer Phrasirung bringt, 
verdirbt beim Hörer gleich von vornherein alle 
Stimmung. Mit dem Einsatz der Singstimme ver- 
langt der Ausdruck zagenden Hoffens die zarteste 
Tongebung in der simplen, gleichsam unsicher 
tastenden Begleitung. 

Besonders zu beachten ist die Figur vor dem 
Eintritt des Dreivierteltaktes: die bedrückende 
Herzensfrage findet in ihr gegenüber der Singstimme 
einen noch erhöhten Ausdruck. — Welche Leiden- 
schaft spricht aus der folgenden Nummer .Unge- 
duld^, deren Refrain »Dein ist mein Herz** all' 
den Jubel seliger Liebe in die Welt hinaus jauchzt! 
Wie lieblich singt er uns femer: „Bach lein, 
lass dein Rauschen sein^! Einen Moment 
von hodigenialer Inspiration enthält die Begleitung 



to ,,Trockeae BlDoen". Der fignrireade Baie giebt 
bei riobtiger Phraeirimg und Spietftit bei der Stelle: 
„und wenn sie wandelt am Hügel vorbei" ein nber- 
rotchend tretFandea Bild der sorglos leichtfertigen 
Heribrecberia. Ueberhaapt wird in dem ganien 
Uedfl dieQegenatiltchkeitderaogrnDdvorscbiedenen 
N&toren durch die Begleitaag in einer Woiae darge- 
■tellt, die daa Lied Cast als die g^nialate Eingebung 
im ganien Zyklua erscheinen IBaat Weno aber die 
Basafigaretion 



^^ 



:=SF= 



in ihrer cbarakterisirenden Eigenart richtig zum Aaa- 
drnck kommea soll, daon mosa sie in loicht tänzeln- 
der Spielart pbraairt werdeo. Damit wird das Bild 
der oberflicblichen und doch ao bsianbernden H&d- 
chengestalt anfs treffendste geieichnet. In gleicher 
Weise leigt das webmntbTolle Todeaschlummerüed 
„Gute Rah', tha' die Augen z u"! trotz 
adner Disposition ab eiafaches Strophenlied Sehn- 
bert's geniale Treffsicherheit in der Tonmalerei im 
hellaten Lichte; die schweren Akkorde mm 16. Takte 
an sind nicht nur für die .erste Strophe („bis das 
Heer will trinken die BBchlein ans"}, sondern bei 
entsprechender Anffassimg und Daratellnng seitens 
des Begleiters fnr alle Strophen gleich charak- 
teristisch. 

Aus dem iweiten Liederkreis „WiDterreise" 
sind besonder! die schneidig scharfen Figoren in 
der „Wetterfahne" bervonnheben. Hier fUlt 
es der Begleitung so, den TerzweiflangsTollen Hamor 
des Gedichtes su realistischem Aosdrock in briDgen: 
das ffinnndherfli^en, das Knarren der Wetterfohoe, 
das bohnende Pfeifen bei den OktaTacblflgen, die 
br&sk absnbrechenden arpeggiertea Akkorde, welche, 
bin und her geworfen, wie in schwindelnder, blinder 



Wntb erklingen. — In „Brstarmng" ist 4h 
rastlos irre Sueben durch den BQcbtig gleitenden 
Bass im Verein mit den sehr reserrirt zu haltenden 
Trioien der rechten Hand trefflich charakteriairt, im 
„Lindenbaum" dagegen das aGsse Rauschen 
der Zweige. Ebenso bedeutungsvoll ericheint das 
nnheimlidie Geflatter des Klaviers atzes in der 
„KrBhe". In „Letite Hoffnung" ist das 
lauUoae, vereinsamte ilerabfailen der Blätter nur bei 
vollkommener AoslOsang des Handgelenkes nnd 
zartester ToDgebung lu vereine bildlichen. Ein Meister- 
werk mosikallscher Illustration ist auch die folgende 
Hammer „Im Dorfe". Wie sinnig ist darin die 
Ruhe der Schlummernden ausgedrSekt, welche nur 
vereinzelt durch das Kettengerassel und das v«r- 
icblafene Bellen der Hunde unterbrochen wird! Wie 
geistvoll und zugleich oatfirtich ist die Dmdeatnng 
des einleitenden BassmotiveB beim a tempo dimi- 
nuendo! 

Es würde in weit führen, die tahllosen ScbOn- 
beiten anderer Lieder Schubert's hier tinzeln aaftn- 
ffifaren. Vieles dQrfte selbst dem Hosiklaien Ideht 
veratftndlich sein. Daher sollen nur noch von zwei 
all beliebten Qasftngen die denselben in Grunde 
liegenden tonmalerischen Tendeaien nachstehend an- 
gegeben werden. 

Die bappant tonmalerisehe Wirkong der „Forel le" 
ist allgemein bekannt Bei der Stelle: „er macht 
das Btchleio tückisch trübe" ^ht man bei guter 
Ausführung förmlich dieses tückische Aufwfihlan dea 
Ornndea. Doppelt genial erschunt die Stelle, weil 
sie sich, aus einem voraosgegangenoi Begisitungs- 
motiv entspringend, in natürlicher Weis« wie salbat- 
verstflndlich ergiebt Auch dem ülustrlrenden 
ataccato zu den Worten: „so zuckte sünsRuthe^ ist 
keine Spur von Refleiion anzumerken, wie denn 
überhaupt alles, was Schubert dauernd Wertbvollsa 
geaehaSes, die Frucht unmittelbarster Ins^ration ist. 



Einige Züge ans Franz Schubert's JJeben. 



Nachstehende charakteristische Geschicbtchen er- 
sfihtt der Haler Uorilz Vi Schwind, der den frühver- 
storbenen Heister genau gekannt hat. 

Eines Abends begleitete Schwind, mit noch an- 
deren Freunden denKomponiaten bis in desseu beschei- 
dene Wohnung. Dort angelangt, bat Schubert seine 
Freunde, bei ihm zu bleiben, um gemeinsam mit 
ihm eine Pfeife Tabak zu rauchen. Die Einladung 
wurde mit Freuden angenommen, aber bald über- 
zeugte man sich, dass Schubert im Drange derOast- 
fireandachaft aein Inventar GbencbStit habe. Drei 
Pfülenkbpfe waren zwar da, aber nur swsi Pfeifen- 
rohre. Da war guter Rath theaer! Aber der sonst 
im gewBhnlicben Leben liemlicb unprakUsche Heister 
wusste siLh diesmal übenaschend schneit zu helfen. 
Er nahm ein altes Brillenfutteral, bog es zusammen, 
stopfte ea mit Tabak and rauchte nun aus seiner 



selbst gemachten Pfeife mit dem vollkommensten 
Behagen. 

Ein ander Hai fand sich Schwind bei Schubert 
ein, um ihn zu einem Ausflüge abzuholen. Schubert 
wollte eiligst seine Toilette beeodsn und wühlte in 
einer Bchnblsde eifript nach ein Paar Strümpfen. 

Aber so lange er auch mit heissem Bemühen 
sachte, jedes Paar erwies sich als nnbarmhenig zer- 
risseo: „Schirind", sagte am Ende dieser resnltat- 
loaen Dnrchsachung Schubert, mit abergl&u bischer 
Feierlichkeit, „Schwind, jetzt glaube ich wirklich, es 
werden küne ganten Strümpfe mehr gestrickt" 

Von Schubert's fiibelbafier Leichtigkeit im Eom- 
poniren wusste Schwind folgende kleine Geschichte 
zu erilhlen. Er hatte den Meister einmal bei sich 
in seiner bescheidenen Sommerwohnung — damals 
la Heiligenstedt — über Nacht eingeladen. Der 



— 68 — 



foigeode Tilg ateHte tloh mit solchem Regenwetter 
eiii, dafls jeder Gedanke an einen Spaziergang on- 
mOglich wurde. Schubert schlenderte missmuthig 
im Zimmer auf und nieder. 

„Schubert, so thu' doch was^, herrschte ihn 
Schwind nach einer Weile an: komponir* ein Lied!** 
„Wie soll ich das anfangen?** erwiederte der gelang- 
weilte Gast kläglich, „hier, wo ich weder ein Klavier, 
noch Notenpapier, nodi Liedertexte habe!** 

^JMwc will ich sorgen'*, versicherte Schwind. 
Sprache und verwandelte mittels Feder und Lineal 
einige Bogen Konxeptpapier in untadelhaftes Noten- 
papier in drei Systemen, stöberte eine alte lyrische 
Anthologie aus seiner winxigen Bibliothek und be- 
seichnete 5—6 Gedichte daraus als geeignete musi- 
kalische Texte. Schubert hatte sie kaum gelesen, 
als er auch schon die Feder lastig übers Papier 
gleiten liess. Noch ehe die Essensstunde schlug, 
waren die Gedichte su Liedern geworden und swar 
waren sie so schön komponii-t, dasa der Halerfreund 
versicherte, jene Notenlinien seien nicht das Werth- 
loseste gewesen, was er je gezeichnet habe. 

So weit Moritz v. Schwind. 

Noch ein letztes Stück aus Schubert's Leben — 
ich las es Tor Jahren irgendwo — möchte ich, aus 
dem Gedächtnisse nachgeschrieben, hinzufügen: 



Des Meisters Freunde hatten einmal mit grosser 
Mühe, bei der kais. Kapelle, die AuflFührung eines 
seiner grösseren Instrumentalwerke durchgesetzt. 
Alles ist glücklich dazu vorbereitet Die Probe be- 
ginnt. Der kleine, schüchterne Komponist hat seinen 
Platz am Dirigentenpulte eingenommen und dirigirt, 
ganz in sich versunken, seine Tonschöpfung. Aber 
der anwesende kais. Kapellmeister hat bei jedem 
Theile des Werkes irgend etwas daran auszusetzen: 
„Die Musik ist recht schön**, sagte er, «aber die ein- 
zelnen Sätze sind zu lang. Sie müssen streichen, 
lieber Schubert, viel streichen, sonst läuft uns das 
Publikum vor dem Bnde des Konzertes zum Hause 
hinaus**. 

Schubert schweigt beharrlieh zu dieser wieder- 
holten Kritik und dirigirt immer weiter. Seine 
Freunde werden unruhig, dringen nach jeder Pause 
in ihn, nachzugeben. Der Slapellmeister macht noch 
einmal seine Forderung geltend. Da richtet sich 
Schubert plötzlich in seiner ganzen Höhe auf, schlägt 
seine Partitur zu und sagt mit grosser Bestimmtheit: 
„Gestrichen wird nichts**. Darauf nimmt er 
sein Notenheft unterm Arm und verläset hocher- 
hobenen Hauptes zornig den Saal. 
Schwerin L M. 

0. M. . . . bardt. 



Schubert^Feier in Wien. 



Wien, 31. Januar. 

Der heutige Tag gehört in Wien dem Andenken 
Schuberts — die ganze Stadt widerhallt bis spät 
Abends von seinen Liedern und Tondichtungen. 
Vormittags um 10 Uhr zogen die Männergesang- 
vereine uler Bezirke Wiens — es giebt deren nicht 
weniger als 188 — mit ihren Fahnen und Bannern 
in den Stadtpark, nm dort vor dem Denkmale 
Schuberts dem Genius des grossen Wiener Ton- 
dichters ihre Huldigung diurzubringen. Bs wurden 
mehrere Chöre von Schubert gesungen und dann 
etwa hundert Lorberkränze mit &rbigen Band- 
schleifen auf die Stufen des Denkmals niedergelegt 
Die musikalische Hauptfeier fiemd mittacs mi 
grossen Musikvercinsraal statt — die drei nervor- 
ragendsten musikalischen Korporationen Wiens 
hatten sich dazu vereinigt: die Philharmonie unter 
der Leitung des Hofkapellmeisters Hans Richter, 
der Wiener Männer-Gesangverein mit seinem Chor- 
meister Kremser an der Bpitze und der Singverein 
ffir gemischten Chor, dem Frauen und Mädchen 
aus den angesehensten Familien Wiens, darunter 
viele ausgezeichnete Sängerinnen, angehören. Der 
ungeheure Saal war dicht gefüllt. £s war nicht 
das kritiscbe, fachmännisdie Publikum der philhar- 
monischen Konzerte, sondern eine begeisterte 
Wiener Gesellschaft für die Schubert den höchsten 
Ausdruck musikalischer Empfindung und Be- 
geisterung bedeutet — darunter viele alte Herren 
und Damen aus jener Zeit, als Schuberts Lieder, 
Chöre, Quartette und Sonaten in den Wiener Dilet- 
tanten-Kreisen gespielt wurden und der Ruhm 
seines Namens sich erst auszubreiten begann. 

Das Konzert begann mit der Ouvertüre zu der 
Oper «Fierrabras* — einem Tonstfick, das in Wien 
sehr oft gespielt wird, während die Oper leider 
durch ihr kindisches lllbretto unmöglich ist Die 



wunderbaren melodischen Motive, die mit rauschend 
heroischen Sätzen abwechseln, wurden von den Phil- 
harmonikern mit unvergleichlichem Reiz gespielt 
Das tmgehenre Orchester bot ein Kunstwerk von 
grösster Zartheit und Feinheit Man bedenke — 
nicht weniger als 60 Violinen — und es klang wie 
aus einem Guss ! Allerdings fehlte es in den heutigen 
Aufführungen nicht an Stelle^ wo die Massenhaftig- 
keit der Instrumente die Form des Kunstwerks 
sprengte. Franz Schubert hat nie daran gedacht, 
d«S8 seine Symphonien und Ouvertüren von einem 
Orchester Ton mehr als hundert Musikern gespielt 
und seine Chöre von mehr als zweihundert Sängern 
gesungen werden. Man soll sich namentlich bei 
Schubert vor der Monstre- Aufführung hüten, sonst geh t 
der eigenäiche Reiz seiner Kompositionen in der 
Masse unter. Allerdings vermied aer Wiener Männer- 
gesangverein in der glficklicbsten Weise diese Klippe, 
als er die aSehnsucbt* (und zwar von den sechs 
Kompositionen dieses Goethe'schen Liedes den Chor 
aus dem Jahre 1819), femer den populären i^ondel- 
fahrer* und sdtliesslich den hinreissenden Hymnus 
Goeüie*s «Gesang der Geister über den Wassern* in 
Begleitung der Philharmoniker vortrog. Der Schluss : 
«Seele des Menschen^ wie gleichst Du dem Wasser* 
war von mächtigster Wirkuog durch den geheimniss* 
vollen, geisterhaften Ausdruck des Chors und die 
feierliche Begleitung der Violoncelli und Violinen. 

Die eigentliche Huldigung der Philharmoniker für 
Schubert bestand in der Aufführung der zwei Sätze 
der unvollendeten H-moll-Sinfonie aus dem Jahre 1882. 
Im Allegro war die Abwechslung der zuerst von Oboen 
und Klarinetten angestimmten, dann von den Violinen 
aufgenommenen Motive von wunderbarer Wirkung. 
Man hatte die lEmpfindung. dass ein breiter Strom 
von Melodien durch den Saal rausche, in die sich von 
Zeit zu Zeit stürmische Ausbrüche der Leidenschaft 



- H - 



miseheiL Zorn Scblosf saagen die Damen und Herren 
des SiogrereioB das «Stftndehen*, dessen Text von 
Giillpaner herrührt and das Schubert 1827 fGr des 
Dichters Freondin, die Sftngerin Josefine Fröhlich, 
komponiit hat, und den schwangrollea Gbor in der 
.Natur*. Das ,Stfindchen* ist eigentlich humoristisch 
und erfordert grosse Kunst des Vortraffes. Die 
Altistin der Hofoper, die Bnglftnderin Miss Edith 
Walker, sang es recht wirksam, begleitet too den 
Damen des Musikvereins, unter aenen sich allerdings 
yiele ausgezeichnete Künstlerinnen, so z. B. Frau He- 
lena Magnus Hornbostel, befinden, die ja in Berlin als 
Scbubert-Sftn^erin berühmt war. Der Beifall des Pu- 
blikums war eme stürmische Kundgebung der Begeiste- 
rung und der Anerkennung, namentlich für die Meister- 
schaft der Pliilharmoniker. Nachdem Hans Richter 
dreimal gedankt hatte, erneute sich nochmals der 
Applaus, worauf alle Musiker des Orchesters sich er- 
hoben und verneigten. 

Nachmittags um drei Uhr Hand die volksthümliche 
Schubert-Feier im grossen Arkadenhofe des neuen 
Rathhauses statt, wo der Wiener Sängerbund, der 
aus zahlreichen Vereinen und einigen tausend Sfüigem 
besteht, mehrere Chöre von Schubert vortrug. Trotz 



der empfindlichen Kftlte war der weite Hof gani ge- 
füllt und andSchtig horchte die Menge den Ohören, 
die für die Aufführung im Freien gut gewfthlt waren 
und sehr feierlich klangen. Wo heute Nachmittag 
und Abend in Wien überhaupt Musik zu hören ist, 
ist sie dem Andenken Schubert's gewidmet, sind es 
Werke seines Oenius. Bduard Strauss hat das Pro- 
gramm seines heutigen Nachmittani-Konzertes im 
Musik verein isaal, wobei er im Fasching gewöhnlich 
nur Tanzstücke auffuhrt, ganz aus KompodtioneD 
Schubert's zusammengesetzt, darunter die »Deutschen 
Tänze", den «Brlkömg* und die «Allmadit*, wobei 
der Hofopero- Tenor Winkelmann das Solo singt. 
Aber auch alle Militair-Kapellen, im Kursalon des 
Stadtparks, im Salon des Volksgartens^ im Ronacher- 
Saal, in den Sophiensälen und bis weit hinaus nach 
Hietzing, DöbUng, Nussdorf — alle spielen heute 
Schubert sogar cue Kapelle des bosnischen Regiments, 
deren Musiker den türkischen Fez tragen. Den Ab- 
schluss bildet Abends ein grosser Kommers des öster- 
reichischen Sängerbundes in dem Dreher-Park in 
Mödling --jenem einst ganz von Rebengeländen um- 
rahmten Vorort, in dessen Weinschänken Schubert 
gewiss manches fröhliche Ued komponirt hat. 



Mnslk-Anfffihrnngeii. 



Berlin, den 11. Februar 1897. 

Ich muss auch diesen Bericht mit einer Richtig- 
stellung anfangen. Im vorigen Referate habe ich 
bei Gelegenheit eines Konzertes des Böhmischen 
Streichquartettes Frau Roger-Midos auftreten lassen, 
die zwar anf dem Programm angekündigt war, aber 
thatBächlich nicht gespielt hat Die Erklärung eines 
solchen gelegentlichen Irrthums — es ist der erste 
dieser Art, der mir passirt — ergiebt sich sehr ein- 
fach aus der Unmöglichkeit, bei unserer Konzert- 
fluth fiberall mehr, als einen Theil jeder musikalischen 
Veranstaltung zu hören. Ja, wenn sich jede Zeitung 
den Luxus gestatten könnte, * vier oder fünf Musik- 
referenten zu halten, dann könnnte natürlich derartiges 
nicht vorkommen. Auf den besprochenen Lapsus auf- 
merksam gemacht worden zu sein, danke ich der Zu- 
schrift eines geneigten Lesers; dass diese Zuschrift 
ausserordentlich wenig höflich war, finde ish nach 
allgemeiner Sitte durchaus begreiflich, da sie zu- 
gleich anonym war. Wozu schriebe man anonyme 
Briefe, wenn man in ihnen nicht einmal seiner Übeln 
Laune so recht von Herzen Luft machen könnte? 

Die letzten vierzehn Tage standen unter einem 
sehr glänzenden Sterne: es war die Zeit der 
Sehnbertfelem. Im Königliehen Opernhaase ver- 
anstaltete die KOnigllehe KapeUe einen Schubertr 
Abend, bei dem die Ouvertüre und ein Entreakt aus 
Rosamunde und die Sinfonien in B und Gdur zur 
Ausführung kamen. So schön alles war: der Entre- 
akt und die Gdur-Sinfonie waren geradzu wunder- 
voll. Dieser prächtige, süsse und doch zugleich ge- 
sättigte Klang, den die Holzbläser in demRosamnnden- 
Zwischenakte ausströmten, war berückend. 

Und die Sinfonie so liebenswürdig und dabei 
so bedeutsam in den beiden Aussensätzen, *so herr- 
lich im Andante, dass man wirklich glauben musste. 



eine vollendet ideale Leistung zu hören. Das Publi- 
kum zeigte sich denn auch entsprechend dankbar. 

Eine grosse und hervorragende Schubertfeier 
veranstaltete Herr Siegfried Oehs mit dem Phil- 
harmonischen Chore und Orchester, denen sich der 
Sängerbund des Lehrervereins angeschlossen hatte. 
Ghorgesänge wechselten mit Solevorträgen, unter 
denen die der Frau Herzog als ganz hervorra|;end 
zu bezeichnen sind. Die Künstlerhi sang .Gretchen 
am Spinnrad*, „Mignon* und die «Allmacht* mit 
prachtvoller Stimme und wahrhaft grosser Auffassung ; 
Frl. mein er, eine junge, sympathische Altlslin, 
spendete u. a. das Ghillparzerständchen mit Frauen- 
chor, das auch zu sehr reizender Wirkung kam, und 
wiederholt werden musste. Zur Aufführung kamen 
dann ausser verschiedenen Ghorliedem noch ein 
«Tantum ergo*, das bisher unbekannt war, eine selir 
innige Komposition für Chor und Soloqusjrtett, und 
zum Schlüsse «Miijam's Siegesgesang*, eine Kantate, 
die in grossartiger Auffassung an Händel erinnert 
und in der Frau Herzog das Solo in glänzendster Wdse 
vertrat 

Eme theilweise Schubertfeier (gemeinsam mit 
einer Loewefeier) veranstaltete auch Hr. dura noch 
einmal im Loewe- Verein, selbstverständlich mit her- 
vorragendem Erfolge; und die von Bm. Zander ge- 
leitete Liedertafel fehlte auch nicht mit emem 
Schubertkonzerte in der Singakademie. 

Das letzte Philharmonische Koniert brachte 
an Orchesterwerken Tscbaikowsky's „Romeo und 
Julie*, Beethoven*s A dur-Sinfonie , und als Neu- 
heit zwei Königsidyllen (nach Tennyson) von (3om61ie 
van Oosterzee. Diese unter uns lebende holländische 
Komponistin hat ein bemerkenswerthes Talent für Situa- 
üonsschildemngen, sie findet characteristische Motive 
vonzumTheile sehr nobler Erscheinung und glänzenden 



- 65 — 



OrcbeBterfiftrbeii. Aber mit dem mnslkaliflch-logiecheii 
Anfbaa geht es nicht so gut Sie reiht die Motive 
mehr aneinander, als dass sie sie verarbeitet, nnd 
80 wirkt das Gänse dann doch nicht in gewünschter 
Weise. Als Solistin des Konzertes erntete Frl. Wie- 
trowetiy die ein Spobr^sches Koniert spielte, ausser- 
ordentlich lebhaften Bei^l. 

Ein sehr gelungenes Konzert veranstaltete 
der Domehor anter Leitang des Hrn. Prof. A. Becker 
in der Marienkirche. Alte und neue Komponisten 
schaarten sich um Seb. Bach, als festen Mittelpankt 
des Ganzen. Sehr interessant war ein ,,Spmdi des 
Meissner" ans dem dreizehnten Jahrhundert, eine 
alte Melodie in spftterer Bearbeitung, die etwas un- 
gemein Rührendes, hatte. 



Auch Job. Bccard war vortrefllicb vertreten. Als 
Solisten traten bei dieser Gelegenheit Frau 8chmidt- 
KOhne nnd Hn Organist Ingang auf. 

Von Streichquartetten hat sich neben dem Joaohlm- 
schen das Halir'sche wieder hOren lassen, nachdem 
sein Führer erfolggekrönt aus Amerika wieder heim- 
gekehrt ist Bs wurde Cherubini, Beethoven und, im 
Verein mit Hrn. Prof. Barth, das Schumann'scbe 
Klavierqnartett sehr vortrefflich zu Gehör gebracht. 

Auch das Damenquartett der Frau Soldat-B0ger 
gab noch ein zweites Konzert mit ausgezeichnetem 
Erfolge, Die frische und liebenswürdige Art des Vor- 
trags, verbunden mit grosser technischer Sauberkeit, 
sichert dieser Qnartettvereinigung überall den Erfolg* 
Neues wurde nicht gespielt O. Eiehberg. 



Ton hier nnd ansserhalb. 



BerÜB. Herr Geheimrath Bechstdn wurde vom 
Kaiser von Russland zum Hoflieferanten ernannt Er 
erhielt zugleich die Berechtigung, das Wappen mit 
dem Russischen Adler zu fuhren. 

— Die Konzertreise des Berliner Philharmonischen 
Orchesters nach Pftris ist endgiltig beschlossen. 
Konzertdirektor Hermann Wolif hat sich nach Pftris 
begeben, um den Vertrag mit dem Cirque d'hiver 
abzuschUeasen, wo die Konzerte Anfizng Mai statt- 
finden werden. 

— Franz SchubertAutographen geniessen den 
ganz ausserordentlichen Ruf der Seltenheit bei allen 
Sammlero. In den letzten zehn Jahren sind in 
Ber.in bei Öffentlichen Antographen-Versteigerungen 
kaum zehn Schubert-Manuskripte unter den Hammer 
gekommen. Eins der werthvollsten Stücke wurde 
daselbst am Sl. Mai 1894 versteigert. Es war die 
Musik der »Antigene*, bezeichnet «Mftrz 1817. 
Frz. Schubert*. Die ans 7^ Folioseiten bestehende, 
gut erhaltene Handschrift wurde damals mit 460 JC 
bezahlt Eine der ISngsten und bedeuteodsten 
Lieder-Kompositionen Franz Schuberfs, »Einsamkeit*, 
von der er selbst in einem Briefe vom 3. August 
1818 sagte: »wie ich glaube, so ist's mein Bestes, 
was ich gemacht habe, denn ich war ja ohne Sorge*, 
wurde ebenfialis in Berlin am 81. November 1887 
versteigert und kam damals auf ISO JC zu stehen. 
Andere Musik-Manuskripte des grossen Tondichter^ 
erzielten 100 bis 850 JC. 

— Am 18. Februar feiert der verdienstvolle Pro- 
fessor Dr. H. H e n k e 1 in Frankfurt a^ M. seinen 
75. Geburtstag zugleich mit dem Feste zur Erinnerung 
an seine fisst 50 jährige Lehrthätigkeit Mag der 
körperlich wie geistig firische und ungemein thätige 
Jubilar sich noch vieler froher Jahre zu erfireuen 
haben. 

— Auf Anregung des Herrn Hermann Wolff wird 
Berlin im nftchsten Jahre ein Beethoven-Fest feiern, 
wie es noch keines bisher gefeiert hat Im Verlauf 
von drei Wochen sollen mit Zuhilfenahme der Ifittags- 



und Abendstunden sftmmtliche Werke Beethoven's 
zur Aufführung geLwgen. Fiur das grossartige Unter- 
nehmen ist bereits die Königliche Oper interessirt 
worden, die den Fidelio, den Prometheus, die Ruinen 
von Athen und den Egmont zur Aufführung bringen 
wird; für die übrigen Werke werden die hervor- 
ragendsten Instrumental- und Vokal-KünsÜer, das 
Philharmonische Orchester, der Philharmonische 
Chor und der Stem*sche Gesangverein herangezogen 
werden. 

— Der verdiente Musikforscher und Bibliothekar 
der Gesellschaft der Musikfreunde, Heir Mandy- 
czewski, wurde anlässlich der Vollendung der grossen 
Schubert-Ausgabe, an deren Redaktion er regen An- 
theil genommen hatte, von der Universität in Leipzig 
zum Ehrendoktor ernannt. 

— Der Pianist Max Pauer, z.Z. Lehrer am Kon- 
servatorium in Köln, ist in die Stelle des verstor- 
benen Professor Pruckner an das Konservatorium zu 
Stuttgart berufen worden. 

— G'ordano's musikalisches Drama »Andr^Ghenier* 
fimd bei seiner ersten Aufführung in deutscher Sprache 
am Breslauer Stadttheater glänzende Aufnahme und er- 
zielte einen durchschlagenden Erfolg. Direktor LOwe 
hatte das Werk im letzten Sommer in Italien erworben 
und für vorzügliche Ausstattung gesorgt Die charakte- 
ristische Inszenirung des schwierigen Werkes durch 
Oberregisseur Habelmann, die glänzende Leistung des 
Orchesters unter Weintraub und die hervorragenden 
solistischen Darbietungen von Frl. Kramer und den 
Herren Schwarz und Briesemeister fanden allgemeine 
Anerkennung 

— Ueber Kulenkampff's Oper: »Die Braut 
von Cypem* (Text von Konrad zu PutiitzX die am 
Schweriner Hoftheater zum ersten Male gegeben 
wurde, schreibt W. Tappert im »Kl. J.*: Das Vor- 
spiel und der erste Akt gefielen ganz besonders. 
Ein schönes, wirksames, fein gearbeitetes Quartett 
ersieite starken Applaus. Bis zum Schluss hielt das 
Interesse dee Publikums an. Die Autoren mussten 



— 58 — 



wiederholt encheinen, nach jedem Akte die Haapt- 
darsteiler: die Herren Drewes, Karlmeyer, Lang, 
Kahl, Fiaa Liebeskind and Frftalein Kahler. Um 
die wohlgelangene Aoffohrang machten sich Regissenr 
Gfinther nnd Kapellmeister Oille höchst verdient 

— In Moakan hat Herr Jean Loois Nicod4 als 
Dirigent wie als Komponist im letzten Sinfonie- 
konsert der Philharmonischen Gesellschaft solchen 
JBrfolg gehabt, dass er noch für zwei Konzerte in 
diesem Winter dort gewonnen ist 

Mflneheni 4. Febraar. Gestern ist Mozart's «Ent- 
föhmng aus dem Serail* in der Art nea einstndirt, 
inszenirt und ausgestattet gegeben worden, wie vor- 
dem der «Figaro* und der JDon Juan*, d. h. im 
kleinen Residenztheater, mit kleinem Orchester und 
Herstellung der Originalpartitur. Possart führte 
selbst die Regie, Richard Strauss dirigirte. Bin aus. 
verkauftes Haus nahm dss alte Werk im neuen 
glSnzenden Gewände herzlich auf. Prachtvolle 
Kostüme, neue Dekorationen aas Wien, echte Requi- 
siten fesselten das Auge, aber auch das Ohr kam 
nicht zu kurz. Mit Ausnahme des Osmin — was 
firailich fi&tal war — war die Besetzung sehr gut. 
Bianca Bianchi entzückte als Koostanze, die unläugst 
zur Oper übergegangene Schauspielerin Charlotte 
Schloss war ein prächtiges Blondchen, Herr Knohe 
ein frischer Pedrillo. Etwas weniger befriedigte 
Dr. Walter als Belmonte, gar nicht Schmaifeld als 
Osmin. Der Erfolg der Inszenirung, die im letzten 
Akt auch die Lautenschiäger*sche Drehbühne benützti 



wird kaum so dauernd sein wie beim .Figaro*, aber 
doch dauernder als beim neuen «Don Giovanni*. 

(Voss. Ztg.) 

Wien Herr Emil Sauer gab am 18. und 25 . Januar 
bei Bösendorfer zwei Konzerte, die diesem Liebliog 
des Publikums, der einen reichen Theil des künst- 
lerischen Erbes von Rubinstein angetreten, stürmische 
Ovationen eintrugen. Aus dem reichen Programm 
seien als pianistische Grossthaten die VariatiooeD 
über ein Hftndelthema von Brahms, die AsdurPolo- 
naise von Chopin, die Sonate F-moll von Brahms, 
«Der Erlkönig* und vor allem Schumann*s «Cameval* 
herrorgehoben, dessen glänzende Bilder er mit 
wunderbarer Oharakterisinmgsgewalt an unseren 
inneren Augen vorüberziehen Hess. Aber auch in 
den kleineren Stücken von Chopin, Mendelssohn, dem 
reizenden Valse von Liadow und seinen eigenen virtuos 
gemachten Stücken (n. a. zwei Etüden), bewies er seine 
ganze Meisterschaft 

(Wiener Deutsche Kunst- und Musik-Zeitung.) 

Wleni 9. Februar. Die Nichte Franz Schuberts, 
Frau Anna Siegmundi hat dieser Tage im Nachlasse 
ihres Vaters, des k. k. Oberrechnungsrathes i. P. 
Andreas Schubert, eines Stiefbruders des Meisters» 
zwei bisher uobekannt gewesene Kompositionen der 
Lieder «Jägers Abendlied* nnd «Meeresstille* und 
einen Brief Schuberts aus dem Jahre 1818 gefunden, 
den er aus Zelez in Ungarn, wo er beim Grafisn 
Esterhazj weilte, an seinen Bruder Ferdinand 
Schubert, Direktor des Pädagogiums von St Anna, 
richtete. 



Anregung und Unterhaltung. 



Deber Richard Wagoer und Georg Herwegh ver 
Oifentlicht Th. Zolling in der letzten Nummer der 
«Gegenwart* eloen Aufsatz. Aus dem Nachlasse 
dieses Dichters ist zum ersten Mal ein schwärme- 
rischer Brief abgedruckt, den der damals zwanzig- 
jährige KöDig nach der berühmten Münchener Tristan- 
Auflnhrung (mit dem Ehepaar Schnorr, Sommer 1865) 
an R. Wagoer schrieb. Er lautet : „Erhabener, gött- 
licher Freund ! Kaum kann ich den morgigen Abend 
, erwarten, so s« hne ich mich nach der zweiten Vor- 
stellung scüon jetzt. Sie sehrieben an Pfistermeister, 
Sie hoffen, dass meine Liebe zu Ihrem Werk durch 
die in der That etwas mangelhafte Auffassung der 
Rolle des Kurwenal von Seiten Mitterwnrzers nicht 
nachlassen möge! — Geliebter! Wie konnten Sie 
nur diesen Gedanken in sich aufkommen lassen! 
Ich bin begeistert, ergriffen. Entbrenne in Sehn- 
sucht nach wiederholter Aufführung! 
Dies wunderhehre Werk, 
Das uns Dein Geist erschuf. 
Wer dürft^ es sehen, wer erkennen, ohne selig 
zu preisen? Das so herrlich, hold, erhaben mir die 
Seele mnsste laben! — Heil seinem Schöpfer, An- 
betung Ihm! — Mein Freund, wollen Sie die Güte 
haben, dem trefflichen Künstlerpaare ztt sagen, dass 



seine Leistung mich entzückt und begeistert hat ; 
meinen herzlichen Dank, wollen Sie ibn den Beiden 
künden ? Ich bitte Sie, erfreuen Sie mich bald mit 
einem Briefe! — Nicht wahr, mein theurer Freund, 
der Muth zu neuem Schaffen wird Sie nie verlassen, 
im Namen Jener, die Sie mit Wonnen erfüllen, 
die sonst nur Gott verleiht! Sie und Gott! Bis in 
den Tod, bis hinüber nach jenem Reiche der Welten- 
nacht, bleibe ich Ihr treuer Ludwig. Berg, den 
12. Juni 1865. Adr. : Dem Wort- und Tondichter 
Richard Wagner, München.'* Wenn dieser verzückte 
Brief „Parcivals^' — so nannte Wagner im engen 
Freundeskreise den König — von einer krankhaft 
mystischen Exaltation spricht, so ist daran zu er- 
innern, dass Wagner damals ganz im nämlichen 
Tristanstil schwelgte, wie seine vertraulichen Briefe 
an die Freundin Elisa Wille bezeugen. Da schreibt 
er ihr einmal: „Gestern war ich vor Erstaunen über 
das Wunder dieses himmlischen, königlichen Freundes 
so ergriffen, dass ich nahe daran war, vor ihm liin- 
zusinken.** Nicht mit Unrecht schüttelten die 
Freunde über solche Yerstiegenheit dia Köpfe und 
meinten: Das kann nicht dauern! Und schon nach 
wenigen Monaten brach in München bekanntlich das 
Unwetter gegen den „Günstling^ los. 



Ter 

r TonkSnttler-Venrn. 

Im BarÜDer Toaküo itUrTer e in hielt 
am Hontw, den 1. Februar, im Nord deutsch en Hof, 
Herr R 1 e n. J. Blchbetg eben Vortng fiber die 
Bedeatnng dea Hirmoniami. Bedner hetonte, dus 
du loatnunent keixeiTCgi. wie iipmlich ftllgemeio 
angoDonunea wfirde, lediglich als Brasts der Orgel 
SD betrachten sei, soodem eine dorcbaoe individaelle 
BedeDtnsK habe and voll berechtigt sei, im Salon 
and im Soniertsaal anderen Inatmmeaten gegen- 
fiber ebenbflrtig seinen Plati dnaanebmen. Nur 
m&ase ffi seitens des Spielers aacbgemSaa behandelt 
werden. Des weiteren erlBaterte der Vortragende den 
Unterschied swiiohen dem (deatsehen and franiO- 
sieches) Dnick- nnd dera (amerikanischen) Sang- 
»Titem an xwtA too der Pinna PbdI KOppeo, 
Aiedricbatnuae 235, frenndiicbst tnr VerfBRung ge- 
Btellten assgezeicbneten Inatmmenten der Fabriken 
Ifuon A üamlin (Boston) and Alezander (Paria) naä 
erwies in Salon- and Basemble-Vortrteen — Har- 
moniam, P'anoforte, Violoncello — die eminente 
känatlerlscbe AasdrnckHflthigkeit deaMlbeo. Die An- 
wesenden folgten dem fesselnden Vortrage mit leb- 
haftem IntereBie. 



57 — 

eine. 

Stuttgarter TunkOnstlervereln. 
Am SO. Jsnaar veranstaltete der Verein seinen 
ersten Familienabend der Saison. Sowohl das reich- 
haltige, iotereBsante Programm, wie die aasgsieich- 
nete AoatShTong desselben dorch die Damen Klinker- 
fass, Cabisios nnd die Herren Schapita and Hago 
Faiset sengten Ten dem hoben Ernst, mit welchem 
dieser angesehene Verein seine Autgabe, der moai' 
halischen Koiut in Stattgart immer neue Fteonde 
and Vordrer sDtnfQhren, erFaast Besonden berror- 
ragende Leistnagen boten Fr. Klinkerfosa, mit der 
herrlichen Fantasie op. 17 C-dor von Schamann, 
und Herr Schapili, der eine Reihe schwieriger Violln- 
stficke in TirtDoser Weise vortrug. Bei dem dem 
Koniert (olgenden gemfitlichen Zusammensein wid- 
mete der Vorstand, Professor Singfv, seinem ver- 
storbenen Freonde Ptackner, dem Hitbegrfinder and 
laDgj&brigen stell Tertretenden Vorsitienden des Ver- 
eios, einen wsrmen, tiefempfandenen Nachraf, in 
welchem die Verdienste Fraekners um den Verein in 
ihrer ganzen hohen Bedentting gewfirdigt wurden. 
Auf Aufforderung des Vorstandes enrte die iah 1 reiche 
Versammlung das Andenken des verstorbenen Meisters 
darch Erheben von den Sitien. 



Antworten. 



H. D. miiater. Ihre Anfrage wird das PrS- 
aldinm des A. D. 11. V. beantworten. 

J. T. Ff. 1f leslwden. Gern gebe ich m«ne Bin- 
willlgnng in der beabsichtigten Verwertbnng dea Auf- 
sataes. Die Lieder habe ich nicht erbalten. 

Dr. Th. Big». Das Kistehen ist eingetroffen. 

B. 6. DeiBnn. Wenn sich die bergen Debel- 
stSude ans der feblerbaften Eoastraktion des Fiom- 
noB ergetwo, dann werden Sie Ihren Froiess ge- 
winnen. — Waram haben Sie micb aber nicht nacb 
der Firma gefragt; ich hUle entschieden abgerathen, 
dort la kaufen, da sie als Bcbnlndelfirma be- 
kannt i<it. 

L. H, V. In der Aafnahme des Reklame-Artikels 
in O. L.'s Zeitung vermag Ich nichts V er- 
wertliebea n erblicken, Br ist eine beiahlte Aoteige, 
nm welche sieh die Redaktion nicht bekämmert. 

A. K. HuuiOTer. Beaten Dank f&r Ihr Ereond- 
liehea Anerbieten, doob bringe ich Hnsikberichte von 



ansserbalb nar, wenn es sich am die AnlfUrang 
neaer, bervorragender Werke handelt, nnd dafGr 
hat)« Ich bernts dort ^e geelnete Enft 

W.F Detmtdd. Accareiievole heisst scbmelebelnd. 
— Hosikowski (Horits) ist der Komponist und 
Pianist, Mitglied der Kgl. Akademie der Eönste, 
lebt in Berlin, Maeikowski (Raphael), du Diri- 
gent des Orchestervereins in Brestao. 

M. E. Freibnrg I. Br. FOr 0. H. ist schon 
manches geschehen, seine Freunde haben im Verein 
mit dem Schlesinger'schen Verlag vor einigen Jahren 
eine bflbiche Summe fBr ihn aalgebracht 

L. 9. H. Naeh diesem Dttbdl das Kritikers in 



F. H. Hunbni^i JtL es ist traai% In dieser 
zcBitang giebt es keine Krltikea, nar AbsdilaehtungeB. 
Die Vertaasar eignen sich mehr so Schl&cbteqeseUen 
als in ibitikem. 



n 



Anze 



^taninos 

_ RBnihllittb.Weimar 

Apsrtes FatndkBt L Bangei. 

12 goldene Medaillen undLPreise. 
Voo Uart, BOlow, d'Albert »urm 

WInutBapfoU-ABDsikeamuigKbnnMB 
UH mlleB Awlea der Welt. In Tlaha 



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QOnttige Eledlngungen ~ 

Wohlfftire Prelte. 

Reicbe Aas wähl von 

/(ammermusik. 



HlaTler-Ijehrerln, 

B aach in der franaOsisehea Sprache unterrichten 
ncnt. 



BrealKB* Nene Taachenstnuae 9 



Teriag von Breltkopf t Hirtd in Leipng. 

Iiui IL Mobniinfti KinbrMvte k l Hindtn. 

BwrJkMsby, Op. 10. 6 KlaTierstQeke. M 8.9Q; 
BarMett, Toccata brillante. JC i.—. 
Barth, B^ Op. 13. 5 Klavient&cke. Jt S.—. 
BeethOTeSf Aoasew. Variationenen (C. Reinecke). 

Jt 3.-. 
Cortl, Auleen-Scherzo (Tenott) ans .LUl-Tsee". 

Jt 1.S6. 
B««illet; Op. 16. Eonsert Es. Jt 7.—. 
Emma, Potponrri aas .Ancassin nod Nicolete*. 

FielltB, V., Op. 48. ,Am Waldbach*. Imprompta 
Bm. JliM. 

— Op.49. EUoge(HirtengeBan«^uid Ballade. JtiM. 

H»rtiHaKB, E., Op. 30. SkandinaTiache Volksmusik. 
Jt%bO. sWiEefte ie^S.— . BiDsslnjeMJ^. 

Kroecer, Op. 33. Snile. P moU. Jl iSo. 

UeblIiiJB«w»laer der KOnlfdn Louise von 
Preofien. Neu bearb. t. W. Wa«e. J£ 1.50. 

Selster, Nene, Samml. anwew. EfiiTieTstfieke v. 
BelidBT, Brach, Brüll, Sedier, Prennd, Hoff- 
mann, Holländer, Hnber, Jadassobn. P. Klengel, 
Krehl, Haas, Hac DoweU, H«rkd, Moore, Saner, 
Ph. nnd X Scharwenka, Schwab, Sitt Tinel. 
Bd. 11. JB 4.-. 

Ho»re, Op. 85. 9 Klavier-Oedlebte (in Btüdeo- 
. form). Kinzelansgabe je Jt 1.50^ 

— Op. 89. Weihnachtsgabe. 9 km» Klavient&cke. 
2Befte je Jl 3. 

Httsart, Andante &. d. KlaT-Eonx. Ho. 23 in A. 

bearh. v C. Rdnecke. Jl 1.—. 
SebKrwenk«, Fb., Op. 97. Vier KlaTierstOcke. 

No. 1. Naditgesang. Fm. Jl 1.50. No. 3. 

Taui-Epieode. Cism. Jt 3.50. No. 8. Schenn. 

Deam. MS. No. 4, Phantasiestflck. I'lsm. 

— X., Op. 61. No. 1. Menuett. No. 8. Polni- 
scher Tarn, je Jl IM. 

— Op. 64. No. 8. Gavotte. 15 Jl- 

— Op. 76. No. 1. Khapsodie. No. 3. Valse Im- 
prdmpto, je ,* S.BO. 

BebvpMii, Op. 14. Tntrodactton und Fuge. Bm. 

— Op. Iß.' Dentxcbe TtUue. Jl %—. [SO] 



8TEINWAY & SONS 



MEWTOBK 



liOlVDON 



HAIHBIIB« 



tkmn 

^ra V 

rKCl 



Br. Hi^. de« Kaiaera van Oesterrelek «bA KSals« ▼«■ Uagara. 



rl&M, 



Ikrer K«alcL HakeU 4er FrloBeMlD van 
Br. KAnlgUchen Hekeit de« Heraeg« Ten B4 



Btelnway's Plimo fabrlli, H amburg, St. Pauli, 

U du elailo'deMaeke EiabII«««aeBt der Flraul. 

(Tertreter In Berlin: Oscar Agthe, Wllhelmstr. 11. 8W.) 



— 59 — 



Brossh. Konservatorium für Musik zu Karlsruhe 

svsleieb Theatemcbnle (Opera- und Schanspielsehnle) 

Unter den Proteirtorat Ihrer Königl. Hoheit der Grossherzogin 

Luise ven Baden. 

Beginn des Sommerltursus am t. April 1897. 

Der Unterricht erstreckt sich über alle Zweige der Tonkunst und wird in deutscher, 
englischer, französischer und italienischer Sprache ertheilt. 

Das Schulgeld betrS^ für dss Untemchtsjahr : in den Vorbereiton^klassen JL 100, in 
den Mittelklassen JL 200, in den Ober- und Gesangsklassen M 250—350. in den Dilettanten- 
klassen JL 150, in der Opemschule JL 450, in der Schauspielschule JL 350, för die Metiiodik 
des Klavierunterrichts (in Verbindung mit praktischen Unterrichtsübungen) JL 40. 

Die ausführlichen Satzungen des Grossh. Konservatoriums sind kostenfrei durch das 
Sekretariat desselben zu beziehen. [19] 

Alle auf die Anstalt bezüglichen Anfragen und Anmeldungen zxmi Eintritt in dieselbe 
sind SU richten an den 

Direktor Professor Heinriclt Ordenstein. 

Sofienstrasse 35. 



J. L. Daysen 



Hof-Pianoforte-Fabrikant 
Sr« M»|. des Kalaera und König«, Ihrer Miy. der Kaiserin n« Königin, 

Ikrer IflaJ. der Königin £iiMil»eUi wen PreoMien, 
Sr« Königl« Hebelt des Oressberaegs wen Saobsen-Weimar. 

BerUn Sl¥., Friedriöh-Strasse No. 219. 

Fabrik von 

Konzert-, Salon-, Stutz- und Kablnet-Flugeln mit Eisenstimmstock 

sowie 

Pianinos in Terschiedenen Oattnngen. [eei 



0. BECH8TEIN, 

Flüsel- und Pianino-Falirikaiit« 

Hoflieferant 

Sr. Hai. des Kaisera von Deutschland und Königs von Prenssen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin von Deutschland und Königin von Preussen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin Friedrich, 

Ihrer Maj. der Königin von England, [58] 

Ihrer Maj. der Könirin Regentin von Spanien, 

Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Carl von Preussen, 

Sr. Königl. Hoheit des Herzogs von Saehsra-Goburg-Gotha. 

Direr KönigL Hoheit der Prinzessin Louise von England (Marchioness of Lome). 



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L Fabrik: 5-7 Johaiuüs-Str. a. 87 Ziegel-Str. 
II. Fabrik: 21 GrOnaner^tr. a. 86 Wiener-Str. 
IIL Fabrik: 18i BeieheabergeF-Str. 



BERLIN N. 

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— 60 - 



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180000 



2S. Auflage» 



i 



Exemplare sind Ten 

UrbaohB PröisklavierBOhule 

(preisgekrönt darcb die Herren Kapellmeister Reineeke in Leipiig, Musik- 
direktor Isldor Seiss in Köln, Prof. Theodor Knllak in Berlin) binnea m 
17 Jahren ahgesetxt. Preis brosch. nur 3 Mk. — Blenuit gebunden mit 5 
Lederrüeken und Bcken 4 Mk. — In Olansleinenband mit Gold- and ■ 
Scbwarzdmck 51fk. — In Qlanzleinwand mit Goidscbnitt 6 Mk. Za be* 5 
liehen durch Jede Bnehhandlnngr» sowie Ton 
Max Hesae's Verlag, Leipzig, Eilenburgeretrasse 4. 






Kaiserl. und Könlgl. Hof-Pianoforte- Fabrikant. 

Flügel und Pianinos. 



Filiale Berlin, Potsdamerstrasse 27b. 



1101 



In wenlgren Tagren erscheint: 



Aloys Schmitt — Heinrich Germer. 



Aasgew&hlte Etaden. 



Heft I. 
Heft n. 
Heftm. 




38 Etüden aus op. 114 und op. 16 

für die untere Mittelstufe. 

16 Etüden aus op. 16, op. 114 und op. 67 
6 Etüden op. 61 



°l 



ür die Mittelstufe. 





für die obere Mittelstufe. 

ä, H. 1.50 



i 



A. Rubinstein sagt u. a. : 

Je mehr ich spiele, desto fester überzeuge ich mich davon, 
dass das Pedfti die Seele des Claviers ist, es giebt Fälle, wo 
das Pedal alles ist. 

liClt faden 

zum richtigeii Gebrauche des 

Pianoforte-PedalSf 

mit Beispielen ans den Ustorisclten Coneerten TOn Anton Bnbinsiein« 

Hervorragende Autoritäten 

haben sich Ober obiges Werk recht lobend ausgesprochen. 

Leipzig« 



Bosi¥orth & €o#9 Mnsikyerlag. 



Terantwortlicher B«dakteiirt Prof. £mil Breslanr, Berlin N., Oranienbnrgentr. 57. 
'MT ud £xpedltli»t Wolf Peiser Verlag (Q. KmUM}. Berlin 8^ Brandenbargvtr. 1 
Ihnsk foo Rosen thal 4 Oo. Bariin N- JohaaniMtr. 90. 



Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift» 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler- Vereine 

zu Berlin, Köln, Dresden, Hamburg und Stuttgart. 

HeraoBgegeben 



Ton 



Professor Emil Breslaur. 



No. 5. 



Berlin, l März 1897. 



XX. Jahrgang. 



Diesea Blatt erscheint am 1. und 15. jeden Monats 
und kostet durch die IL Post-Anstalten, Bach- and 
Masikalienhandlangen bezogen vierteljährlich 1,50 JC^ 
onterKreosbaad von derVerlagsnandlong 1,75 Jt. 



Inserate far dieses Blatt werden Ton sfimmtlichen 
Annoncen-Bzpeditionen, wie von der Verlagshandlnnff. 
Berlin S., Brandenborgstr. 11, xom Preise von SO \ 
far die xweigespaltene Petitieue entgegengenommen. 



(Nachdruck verboten.) 



Feber die Entstehung der Tonleitern und deren mutlimassUclie 

Weiterentwicklung in der Zukunft. 

Von Professor Hemtaim Sc]ir5der« 

(Fortsetzung und Schluss.*) 



Besonders die Reformation führte eine 
solche Umgestaltnng alter, ia reinen 
KirchentSnen gehidtenen Melodien herbei. 
Aach rhyÜunische Yerändemngen wnrden 
damit vorgenommen; beides wohl zur Er- 
leichterung für den Gemeindegesang, aber 
meistens zum Nachtheile der Komposition, 
wie Notenbeisp. G. zeigt. 

Helmholtz sagt mit Kecht: „Ebenso wenig, 
wie wir in einen griechischen Tempel 
gothische Yerziemngen setzen, müssen wir 
die in Eirchentonarten geschriebenen Kompo- 
sitionen dadnrch verbessern wollen, dass wir 
ihre Töne nach dem Schema unserer Dur- 
and Hollharmonie mit Versetzungszeichen 
versehen. Bisher hat fridiUch dieser Sinn für 
historische Knnstauffassung bei unsern Musi- 
kern und selbst bei den musikalischen 
Uistorikern noch wenig Fortschritte gemacht. 
Sie benrüieilen alle Mnsik meist nach den 
Vorschriften der modernen Harmonielehre 
nnd sind geneigt, jede Abweichung von der 
letzteren för blosse Ungeschicklichkeit der 
Alten zu halten, oder für barbarische Ge- 
schmacklosigkeit.^) 

Man vergleiche die neuesten Ausgaben von 
Palestrina's Werken (b. Breitkopf d Härtel), überall 



Die mehrstimmige Schreibart nnd poly- 
phone Behandlung der Stimmen thaten wohl 
das Ihrige dazu, dass sich unsere beiden 
Tongeschlechter Dur und Moll im 17. und 
18. Jiüirhundert, also nach dem 30jährigen 
Kriege, entwickelten. Am meisten aber ge- 
wannen sie durch den Generalbass und die 
Harmonielehre festen Boden. Der in Mode 
gekommene und noch jetzt so beliebte Leit- 
ton durfte auch unserm Moll (aus der 
aeolischen Eirchentonart entnommen) nicht 
fehlen, man entlieh sich ihn einfach aus 
dem Durgeschlecht, wie wir an beiden 
Tonleitern (melodisch und harmonisch) sehen. 
Die Einführung der „temperirten Stimmung" 
endlich, wonach jede Dur- und Molltonart 
auf 12 verschiedene Töne transponirt werden 
konnte, hat vollends diese zwei Tongeschlechter 
zu der grossen Lebensfähigkeit und Bedeutung 
gebracht, in welcher sie unsere heutige Musik 
beherrschen. 

Dass hiermit das Höchste und Voll- 
kommenste erreicht ist, kann Niemand be- 
wird man die modernen LeittOne darch kleine 
über den Noten angemerkten AaflösaDgszeichen 
für den Ton B. finden, und hierdurch verführt, wer- 
den sie auch zu singen und damit leider das Origi- 
nal zu entstellen. — 



^ Hiersn eint üotenbeilage. 



— 62 — 



hanpten. Wer weiss, ob sich die Zukunft 
mit diesen beiden Tongeschlechtern, im Grunde 
genommen nur zwei verschiedene Tonarten, 
begnügen wird und ob sie den jetzt unent- 
behrlichen Leitton der YII. Stufe in neuen 
Systemen nicht wieder abschafft oder ihn 
einer andern Stufe überträgt. — Am meisten 
geeignet, zum dritten Male wieder als 
Tonarten eingeführt zu werden, sind die 
EirchentOne Dorisch (griechisch: phrygisch) 
und Phrygisch (griech. dorisch), besonders 
ihrer beiden gleich konstruirten Hälften (Te- 
trachorde) wegen. 

Ehe wir ein solches Zukunftsbild uns 
näher vorstellen, soll die sog. chromatische 
Tonleiter nöthigen Betrachtungen unter- 
zogen werden. 

Wie schon erwähnt erkannten der Sage 
nach die alten Chinesen um 2637 v. Chr. in 
dem Gesänge des Vogels Fung-Hoang und 
in dem seines Weibchen Yank die chroma- 
tischen Töne innerhalb einer Octave. Auch 
im alten Griechenland wurden sie circa 
500 Jahre v. Chr. von Pythagoräs am Quinten- 
aufbau festgestellt. Heute am Ende des 
19. Jahrhunderts aber sind wir theo- 
retisch darin noch nicht weiter ge- 
kommen. — 

Wir stellen uns zwar eine chromati- 
sche Ton reihe her durch aufwärts erhöhte 
und abwärts erniedrigte Nebentöne, eine 
chromatische Tonleiter aber, welche 
in jeder Tonart eine entsprechende 
und eigene Orthographie hat, besitzen 
wir noch nicht. — Jeaer geschickte Kom- 
ponist fühlt zwar, dass hier ein Unterschied 
gemacht werden muss, dass er einen chroma- 
tischen Lauf in C-moll nicht so notiren darf 
als in C-dur, oder in Fis-dur nicht als in 
Ges-dur u. s. w. Unsere grossen Tonmeister 
haben auch meistens das Richtige gewählt 
und notirt, aber die Musiktheorie hat hierin 
mit wenigen Ausnahmen 2) noch so viel aJs 
Nichts gethan. — Schuld daran mag das 
temperirte Tonsystem haben, worin Fis und 
Ges gleiche Töne sind. — Aber so gut, wie 
in den diatonischen Tönen ein Unterschied 
in der Schreibart zwischen Fis- und Ges-dur, 
und überhaupt zwischen allen Tonarten gemacht 
wird, so muss es auch in den chromati- 
schen Tönen, wie folgt, geschehen : 

1. Chromatische Tonleiter der Durtonarten. 

Regeln zur Rechtschreibung: 

1) Die 7 Töne der diatonischen Ton- 
leiter einer jeden Durtonart werden 
auf- und abwärts als Haupttöne bei- 



2) N. Rimaky-Korsakow a. a. empfiehlt die hier 
weiter folgende cbrom. Tonleiter von Dar und Moll 
in Beinern „Lehrbuch der Harmonie* (Leipzig bei 
Belaieff; zur Harmonisiraog. 



behalten; alle übrigen sind chroma- 
tische Nebentöne. 

2) Zu solchen Nebentönen werden zunächst 
die gewählt, welche eine Verwandt- 
schaft der Tonarten in der Ober- und 
Unterdominante andeuten ; dies sind die 
überm. Quarte und die kL Sep- 
time, oder in C-dur die Töne fis ans 
G-dur und b aus F-dur, welche anf- 
wie abwärts zu notiren sind. 

3) Alle übrigen Nebentöne werden auf- 
wärts durch Erhöhung vom nntem 
Haupttone und abwärts durch Er- 
niedrigung vom oberen Haupttone 
hergestellt. 

Um ein klares Bild hiervon zu gewinnen, 
sind unter den Beispielen D der chrom. Ton- 
leiter die Haupttöne als ganze Noten, 
die beiden sogen, verwandten Neben- 
töne als halbe Noten und die fibriffen 
chrom. Nebentöne als Viertelnoten aar- 
gestellt. 

Die beiden verwandten Nebentöne sind 
solche, welche mit dem 11. und 14. Obertone 
aus der Naturtonreihe ähnlich sind; sie lassen 
schon hier als Naturtöne die Verwandtschaft 
der nächsten Tonarten ahnen oder errathen. — 

Die bisher übliche chromatische Ton- 
reihe hatte, verglichen mit der hier aufge- 
stellten chrom. Tonleiter von G-dur, auf- 
wärts nicht b, sondern ais und abwärts nicht 
fis, sondern ges. Beide, ais u. ges, sind aber 
in C-dur weit entfernte Töne in Bezug auf 
Verwandtschaft, daher zum Harmonisiren 
weniger geeignet, als die hier gewählten Töne 
fis und b. Dies mag als Beweis für die 
Richtigkeit dieser Schreibweise dienen. 

2. CbromatisBhe Tonieiter der Molitonarten. 

Regel zur Rechtschreibung: 

Die chromatischen Tonleitern in Hell sind 
von denen in Dur insofern verschieden, als 
sie auf- und abwärts eine gleiche Schreib- 
art bewahren; ihre Töne werden aufwärts 
aus der parallelen und abwärts ans 
der gleicnnamigen Durtonart gebildet. 
(S. Beisp. £.) 

Mit dieser Regel ist Alles über die Bil- 
dung der chrom. Holltonleiter gesagt Es 
sei jedoch noch Folgendes bemerkt: 

1) Ein Unterschied zwischen melodisch 
und harmonisch, wie in den diatonischen 
Molltonleitern, ist nicht vorhanden. 

2) Ihre Haupttöne sind die der betreffea- 
den melodischen Molltonleiter abwärts, oder 
mit andern Worten, die der diatonischen 
Tonleiter aus paralleler Durtonart. 

3) Die chrom. Nebentöne gestalten 
sich durch obige Regel von selbst. Genau 
betrachtet, sind sie sämmtlich den nächst- 



— 63 — 



Terwandten Tonarten eigen, also alle sind 
sogen, verwandte Nebentöne and daher 
zum Uarmonisiren leicht verwendbar. 

Die kl. Secnnde ist kl. Sexte ans der 
Tonart der ünterdominante, (z. 6. in 
G-moll des ans F-moU),, 

Die gr. Terz ist der Leitton aus der 
Tonart der ünterdominante (z. B. in 
C-moU e aas F-moU od. F-dnr). 

Die überm. Quarte ist der Leitton aus 
der Tonart der Oberdominante (z. B. 
in G-moll fis aus 6-dar od. rlloll). 

Die gr. Sexte ist die Sekunde aus der 
Tonart der Oberdominante (z. B. in 
G-moll a aus 6-moll). 

Die gr. Septime endlich ist eigener an- 
genommener oder geliehener Leitton 
aus der gleichnamigen Dartonleiter 
(z. B. in C-moll h aus G-dur). 

Analog jener Schreibweise der Beispiele 
in Dur, werden diese in Moll nur mit 
ganzen und halben Noten angefahrt, jene 
ffir die Haupttöne, diese far die überall vor- 
handenen verwandten Nebentöne. 

Bei Konstruktion der chromatischen 
Molltonleiter wurde, wie man bemerkt haben 
wird, keine Rücksicht auf die Natur-Mollton- 
reiche der Untertöne genommen, wie es bei 
der in Dur an den 11. und 14. Oberton ge- 
schah, aus dem Grunde, weil unsere dia- 
tonische Molltonleiter nicht im Spiegelbild 
zur Durtonleiter gestaltet ist, sondern durch 
den Leitton und die aufwärts erhöhte Sexte ein 
Gemisch von Dur und Moll in sich hat. — 
Näheres hierüber später. 



Nun als Schlussbetrachtung einige Zu- 
kunftsbilder über eine mögliche Erweiterung 
unseres Tonsystems und Vermehrung unserer 
Tongeschlechter. 

Bleiben wir gleich bei der chromatischen 
Tonleiter stehen. 

Wenn je unser Tonsystem vermehrt oder 
erweitert werden würde, so könnte es nur 
chromatisch geschehen. Wir haben 12 chro- 
matische oder halbe Tonstnfen innerhalb der 
Oktave, dagegen 16 analoge Naturtöne vom 
16. bis 31. Oberton. Die diatonischen Stufen 
in Ganz- imd Halbtönen sind unter sich 
scharf abgegrenzt; man vrBrde sofort hören, 
wenn einer überzählig hinzu käme. Nicht 
so in der chromatischen Tonleiter. — Werden 
in einem chrom. Lauf auf der Violine oder 
im Gesang statt 12 Töne einige mehr in 
der Oktave gegeben, so wird es weniger oder 
gar nicht auffaUen. — Es entstünden damit 
sogenannte Vierteltöne (Diesis) als Bereiche- 
rung unseres Tonsystems. Etwas Neues wäre 
es nicht, da der Unterschied zwischen ges 
und fis u. s. w. eine Aehnlichkeit besagt, 
die auch in dem chromatischen und enharmo- 



nischen Geschlecht der Griechen Anwendung 
fand. Das arabische System besteht, wie 
schon erwähnt wurde, sogar aus 17 chrom. 
Tönen. 

Au Klavieren wurden in letzterer Zeit 
schon Versuche angestellt, sogen. Vierteltöne 
durch Theilungen der Tasten herzustellen. 
Hier soll auch nur ein schwacher Versuch 
damit angestellt werden, die Natnrtonreihe 
vom 8. bis 32. Oberton auf der Violine 
nachzubilden; bei welcher die 16stufige 
chrom. Tonleiter entsteht Beim Anhören 
dieser wird man kaum einen Unterschied mit 
der 12 stufigen merken; das Ohr wird voll- 
ständig befriedigt. Beispiel F. 1 zeigt eine 
melodische, Beisp. F. 2 a und b zugleich eine 
harmonische Wirkung. 

Weit vortheilhafter als diese 16 stufige 
chromatische Tonleiter würde für die Ent- 
wicklung der Husik die Wiedereinführung 
der dorischen und der phrygischen Ton- 
arten sein. — Ihre eigenartigen Harmonien, 
besonders die Folge der reinen Hauptdrei- 
klänge der L, IV. und V. Stafe, sind alt- 
bekannt und werden in neuerer Zeit, nament- 
Uch von Jung-Jtalienem, auch gern wieder 
verwerthet. Der diesen Tonarten eigene 
Charakter aber, würde mit Einfuhrung der- 
selben als Tongeschlechter mehr noch zur 
Geltung kommen. (S. Beisp. G.) 

Besonders werth näheren Betrachtungen 
unterzogen zu werden ist die phrygische 
Tonleiter (bezw. Tonart) in ihrem dualen 
Verhältniss zu unserem Dur. 

Bei Vergleichung unserer Durtonleiter mit 
der Naturtonreihe des 8. bis 16. Obertons, 
fanden wir, dass in jener der 14. Oberton 
(Naturseptime) ausgelassen, und dass die 
unbrauchbare Quarte (od. 11. Oberton) dieser 
durch die reine Quarte, von den Griechen 
aus umgekehrter Quinte hergestellt, ersetzt war. 

Bei Konstruktion unserer Molltonleiter 
aber, wird es aufgefallen sein, dass sie nicht 
in einem Spiegelbild oder dualen Verhältniss 
zur Durtonleiter steht. — Versucht man ein 
solches an gleich bezifferten Ober- und ünter- 
tönen herzustellen, so erh&lt man die phry- 
gische Tonreihe der Eirchentonarten. (S. 
Beisp. H.) 

Mit den HaupttOnen unserer (äolischen) 
Molltonleiter verfflichen, unterscheidet sie sich 
durch die kl. Sekunde der IL Stufe, welche 
hier einen abwärts führenden Leitton 
bildet. Als parallele Tonart zu C-dur würde 
E-moU, ohne Vorzeichnung, gelten müssen ; 
A-moU wäre demnach mit F-dur parallel 
und hätte ein Be als Vorzeichnung u. s. w. 
(S. Beisp. J.) 

Wie weit diese natürliche Molltonleiter 
als Grundlage zu einer entsprechenden Ton- 
art zu gewinnen ist, muss der Zukunft über- 
lassen bleiben. Der Zweck dessen, was hier 
darüber gesagt wird, ist nur Anregung. 



— 64 - 



Man wird vielleicht einzuwenden haben, 
dass, wenn Alles in dualer Entwicklung hier 
vor sich gehen soll, auch die Akkorde im 
Spiegelbild gestaltet werden müssten, wie der 
F-moll-Dreiklang in der Untertonreihe von 
C zeigt, und dass hiemach nicht C-moU, 
sondern F-moll entstünde. — Hierauf ist zu 
erwidern: Nicht F, sondern C ist ge- 
gebener Ton, von dem Alles nach oben 
und unten hin ausgeht; mithin ist der 
höchste Ton des Dreiklanges in der 
Obertonreihe (6. Oberton) die Ober- 
dominante, der tiefste aber des Drei- 
klanRes in der Untertonreihe (6. Unter- 
ton) Unterdominante, nicht aber Tonica. 

Sowie aber der Baumeister Alles 
von unten nach oben baut« geschieht 
es auch in der Musik mit dem Bau der 
Akkorde, gleichviel, ob ihr Grundton 
der Ober- oder der üntertonreihe ent- 
nommen ist. Einen Beweis hierf&r giebt 
uns die Natur selbst in den Eombinations- 
tönen, die je von ihren tiefsten Tone (Unter- 
ton) nur nach oben hin entstehen und durch 
solche 1., 2., 3. Ordnung (DiflFerenz-, Sum- 
mationstöne etc.) stets wieder in einer Ober- 
tonsäiüe auftreten. — 

Um in harmonischen Beispielen die 
authentische Schlussfolge herzustellen, war 
es nöthig die 2. Stufe zum Dreiklang der 
Oberdominante zu erhöhen; sie wird da- 
dadurch ein wandelbarer Leitton, der 
in seiner natürlichen Erhöhung — fis, 
andog des 14. Untertones — aufwärts in 
die Terz, und als Hauptton — f, analog 
des 15. Untertones — abwärts zur Tonica 
führt. Daher auch die Tonleitern aufwärts 
besser mit gr/ Sekunde, abwärts dagegen mit 
kl. Sekunde. (S. Beisp. E.) 

Die plagalen und sogen, phrygischen 
Schlüsse eignen sich am besten; es entsteht 



in ihnen durch die reine Folge der Haupt- 
töne eine überaus weiche, edle und 
demuthsvolle Stimmung. Die authen- 
tischen Schlüsse haben den Vortheil vor 
solchen unserer Molltonart, dass in ihnen 
nicht zwei grosse Intervalle (Sexten und 
Terzen) nacheinander folgen, wodurch 
in den mitklingenden EombinationstOnen oft 
störende Quintenfolgen entstehen. (S. Beisp. L.) 

Der Charakter erfordert es, dass alle fol- 
genden Beispiele unter M. (S. d.) ruhig und 
langsam gespielt werden. 

Eine tiefe, demuthsvolle Stimmung, wie 
sie der phrygischen Tonart eigen ist und 
uns in dem alten Eirchenliede „0 Haupt voll 
Blut und Wunden^ noch entgegenspricht, ist 
in unserem Volke durch den herrschenden 
Zeitgeist fast gänzlich verloren gegangen. — 
Möglich, dass wieder eine Zeit nach Ereuz 
und Leid kommt, wo auch die Demuth in 
den Herzen der Menschen wieder Boden 
fasst Dann wird auch diese Tonart die Gle- 
müther vneder erregen — , wenn nicht die 
Eunst so viel Macht besitzt, sie schon früher 
zur Geltung bringen zu können. — Helmholtz 
sagt: „Daraus folgt der Satz, der unsem 
musikalischen Theoretikern und Historikern 
noch immer nicht genügend gegenwärtig ist, 
dass das System der Tonleitern, der 
Tonarten und deren Harmoniegewebe 
nicht auf unveränderlichen Natur- 
gesetzen beruht, sondern, dass es die 
Eonsequenz ästhetischer Prinzipien 
ist, die mit fortschreitender Entwick- 
lung der Menschheit einem Wechsel 
unterworfen gewesen sind und ferner 
noch sein werden^. 

Die chromatische Tonleiter in der 
phrygischen Molltonart würde mit der 
der parallelen Durtooart gleiche Töne haben; 
also E-moU gleich C-dur, wie Beisp. N. zeigt. 



Der Dresdner Mozartverein. 



Wie in Berlin die Ortsgruppe der vom Salz- 
burger Mozarteum begründeten „Internatio- 
nalen Mozart-Gemeinde* — Dank der un- 
ermüd lieben Tbätigkeit ihres Vorstehers Prot Dr. 
Rudolpb Genöe — krSftig erstarkte, so auch 
die hiesig«». Nur will uns dünken« diesmal sei die 
sSchsische Residenz der «Metropole der Intelligenz* 
»denn doch über*. Kurs entschlossen lOsten oder 
lock( rten wenigstens die Vorsteherschaften der hier- 
ortigen «Gemeinden* die Bande, die sie mit Salz- 
burg verknüpften, und stellten sich als Dresdner 
Mozartverein auf eigne Füsse. Ans der den 
besten Kreisen der Gesellschaft angehörenden Zahl 
der Mitglieder — gegenwärtig bereits gegen 800! — 
heraus bildete sich ein Mozart-Orchester und 
an dessen Spitze trat kein Geringerer als der von 
mß*«^^ «irkMmkeit in Schwerin her in der 



ganzen musikalischen Welt rfihmlichst bekannte Hof- 
kapelimeister Aioys Schmitt, der, in den Ruhe- 
stand getreten, sich Dresden als Wohnsitz erkoren. 
Mit dem Wagemuth, der jugendkräftigen Organismen 
innewohnt, schritt man auf der betretenen Bahn 
weiter. Hatte man ein Mozart-Orchester, 
mnsste man doch Mozart-Konzerte veran- 
stalten. Und glänzend genug fiel das Debüt aus. 
Die erste Veranstaltung (13. Nov. 1895). in Gegen- 
wart des KOnigl. Hofes im Saale der Harmonie -Ge- 
sellschaft abgehalten, brachte Reinecke, Rap- 
pel di and Petri als Instrumental-Solisten, Frau 
Emma Baumann- Leipzig als gesangliche Mit- 
wirkung, das G-moll (Klavier )Konzert und die Kon- 
zeitante- Symptome för Violine und Bratsche als 
Hauptwerke. Dann folgten die ersten (unentgelt- 
lichen) Veranitaltongen ausschliesslich für Mitglieder* 



Beilage zu K9 5 des Klavier-Lehrers. 



Beispiele C. 

i.Nea«re Lesart nackLathars Zeit bis aof den heoligen Tag*. 

*'ii, l ii\ff,\ I J J J i l ^lj j, l J I jjMJ.I I 




Christ ist er- stan-dm iranderMaiter al - le,de688ol]jiwirA146 froh8eiiiyCliristwilliiiiserTrost8ein.K7 - ri-e-leis. 
S.Alte Origrinal-Lesart. (lfergLHafteAimTOiFaUardeben,,Qe8chldLte des deutsdien Kjrdumlledea.^Q 




' I I ji iijjijj 11 j I jjijjj if 




Christ ist er-standen iraadaMurter al-le, desssollnivirAl-le froh 8ein>Chxi5twiQaiiser Trost sein. I^rie e-lei-sonE 



Beispiele D. 



C-dar: 





^ J .. hJ . .. llrJ ° \f " ^r ^l" " 



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»T " ii'l ^" o U .. iJ 3 I 



,^ .. ap . V »n " n hp o ^p .. ,^ |. .. y , ^^ .. , 



Beispiele E. 

Anfwr.ans Es-dur, 



C-moll: 



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♦ l>eJ ^u o M '* H^^ 



1 



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abw, gleich C dar. 



A-moU 



AafW. a as Cdar, . „.*»«♦ j*?^Ä^*^ u ^"• 




Beispiele F. 

Violine : ^^ 

^ '^ ^ ^^^ \ % 1 — TT — ^2 334411223 3%* 3 
II.Lage miiage 

Be/ne-rkang: I Zeichen für Viertelton- Erhöhang; 1^ Zeichen fdr yiertelton-Anflosong*. 

Eine Temperator der Töne gris undasa.s.w:istaiisge8dÜ08sen;aswirda]ii ^4 Ton höher als ^. Die Terz eonc 
die kl.Septimeb müssen den Natortonen analog, also etwas tiefer als in g^bran«^. Stimmung intoniert 
werden. Der Ton zwischen f u. fls klingt wie die Naturqnarte. 



Streichquartett: 




'fTfT '-^^^"^ 



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Beispiele G. 



Dorisch. 



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Phryg^sch. 



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f 



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P 



Be-metknng: Der ansdielnend fremde Ton f is im phrygischen Schiasse auf der Dominante wird in weiterem Texte seine £ 
klärang* flnden. 

Beispiele H« ZahlderObertone: 8 

C-diir Tonleiter: 



9 



10 11 12 13 15 

^ y- "j I T I i' ""'J 



16 



Duale oder phryglsche C-moUTonleiter: V' T T \^'^J f.. ^f ^ 



\- I I 



Zahl der Unter töne: 8 



9 



Beispiele I. 

^ E-moll. 
Phryg-isch 



10 



A-moU. 



11 



12 



13 




^ xi-moii. ^ A-mou. 

' i I I I I I I LJ Ij ^ I Q J i j 



i 



Beispiele K. 

_. E-moll (plvyg-isch) 

i 

Beispiele L. 







j . |>j 



biuationstöncT ^^ f f f f f T f ^ f 



Kombiuationstöne 

Beispiele M. 

E-moll, phryg^isdi. 

JL« 




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Beispiele N. 

■■ moll, phrygisch . . , 



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•- »--»t. »• w. J 



— 65 — 



die in eioem kleineii, in seiner xeitecbten Rococco- 
Architektar, mit den alten Wandgemälden und 
Spiegeln, mit den venetianiechen GlasloBtree etc. för 
den Mosartknltnfl geradezu idealen Saale des Kur- 
länder Palais sich abspielten» Sin Kirchenkonzert 
in den Reformirten Kirche bildete den Sehluss der 
Saison 95/96. Die Saison 96/97 eröffnete ein Kon- 
zert grossen Stils (31. Oktober) mit Joachim und 
dessen Tochter Marie Joachim als Solisten. 
Das orchestrale Mozart-Hauptwerk bildete die bisher 
wohl nor in Mfinchen gehörte piftchtige Balletmusik 
aus Idomeneo, die sich als eine wahrhaft zfindende 
Orchester-Nummer erwies. Die erste dieswinterliche 
(unentgeltliche) Veranstaltung for die Mitglieder 
(S8. Januar) musste, wie das vorangegangene Kon- 
zert, infolge stetigen Wachsthums der Mitgiiederzahl 
den grossen Saal des Hospizes in der Zinzendorf- 



I 



Strasse in Anspruch nehmen. Die Orchsterwerke 
derselben waren die kleine um ihrer inneren Ver- 
wandtschaft mit der grossen G-moll-Sinfonie willen 
besonders interessante G-moll-Sinfonie aus d. J. 1773 
und ein an köstlichen Klangeffekten reiches jugend- 
' frisches D-dar Divertimento (für Streichquartett, 
Homquartett, Flöte, Oboe, Fagotts) a. d. Jahre 1772. 
Den gesanglichen Theil vertrat in mnstergiltiger 
Weise Frau Hofkapellmeister Schmitt-Gsanyi, 
als Pianistin wirkte erfolgreichst Frl. Sandra- 
Drucker- Petersburg mit. — Wenn nun program- 
matisch auch der Verein von musikalischer Einseitig- 
keit sich fem hält, bisher neben Mozart einen 
Händel, Bach, Schubert U.A. zu Gehör 
kommen liess, so legt derselbe naturlich sein Schwer- 
gewicht auf die Pflege des Ersteren. 

Otto Schmid. 



Aufführung you Kammennuslkwerken in der Besetzung mit den 

neuen Stelzner'sclien Instrumenten. 



In einer seiner Mittheilungen sagte Herr Dr. 
Stelzner: ,In der bisherigen Besetzung des Streich- 
quartetts smd die vier verschiedenen Stimmen darch 
nur drei verschiedene Tonwerkzeuge: Violine, Viola, 
Violoncello, vertreten. Um diesem öfter empfandenen 
Mangel (!) abzuhelfen, konstruirte derselbe als Be- 
gründer einer neuen Methode des Baues von Streich- 
instrumenten, nach seinem System, das im Gegen- 
satz zu der bisherigen, auf blosser Empirie (!) fassen- 
den Praxis im Instrumentenbau auf wissenscnaftlicher 
Grundlage beruht, die Violotta, eine Armgeige von 
der Länge und Mensur einer mittelgrossen Bratsche, 
mit vier Saiten in Quinten j^estinunt, eine Olitave 
tiefer stehend als die Violme, im Violinscblüssel 
notirt und als Repräsentant der Tenorstimme 
die Lücke zwischen Bratsche und Violoncello aus- 
füUend. 

Bin zweites, völlig neues Streichinatrament, 
das Gellone, konstruirte Dr. Stelzner, um einen Er- 
satz für den Kontrabass, der seiner Natur nach 
ausserhalb des Bereichs des Kammerstils fällt, zu 
scbalFen und damit zugleich ein weiteres, neues Aus- 
dmcksmittel in die Kanmiermusik einzurühren. 

Das CeUone ist kaum merklich grösser als das 
Violoncello, hat vier in Quinten gestimmte Saiten 
und steht eine Qaarte tiefer als das Wioloncello, 
also zwei Oktaven tiefer als die Violine, mit seinem 
tiefiBten Ton eine kleine Terz höher als der Kon- 
trabass.* 

Die Mittheilung hat den Vorzug, über die Spezies 
der neuen Instrumente gehörig zu informiren^ in 
allem Uebrigen ist sie eine leicht anfechtbare Pnvat- 
ansicht 

Zu ebnem vierstimmigen Satze sind Stinunen 
von verschiedenem Klangcharakter bekanntlich nicht 
noth wendig; es genügt, dass die gegebenen oder 
gewählten Stimmen den Absichten des Komponisten 
entsprechen, mögen dies nun Bogen- oder Blas- 
instrumente von verschiedener oder von gleichartiffer 
Klangfarbe sein* Unter diesem Gesichtspunkt hat 
man längst darauf verzichtet, speziell in der Be- 
setsungdes Streichquartetts die Kepräsentanten der 
vier Arten von Singstimmen zu seheu, vielmehr er- 
blickten schon die Schöpfer der eigentlichen Streich- 
qusrtettmusik (Haydn, Mozart und Beethoven) in den 
beiden Violinen, der Viola und dem Violoncello ein 
jBnsemble ganz für sich, ein abgeschlossenes Ganzes 



eigener Art, das mit dem Vokalquartett nur den 
kunstgerechten Satz gemein hat. Wir erwarten und 
verlangen demnach im Streichquartett z. B. von der 
Viola, oder einem ähnlichen Instrument, nicht den 
Tenorklang, sondern lediglich die Klangfarbe, die 
diesem Instrument eigen ist. Würde man aber ver- 
suchen, die Violenstimme klassischer und modemer 
Streichquartette durch ein Instrument vom Timbre 
eines Tenors zu ersetzen, so müsste mit einem 
solchen Experiment der Charakter des Tonwerks und 
die Absicht des Komponisten zum Theil gänzlich 
zerstört werden. Die Violotta sowohl wie das Gellone 
bleiben daher Neuerungen, für die eine geeignete 
Verwendung erst noch geschaffen werden muss; in 
der bisher bestehendeo Kammermusik sind sie ohne 
Gefthrdung des künstlerischen Werthes der Stücke 
nicht zu verwenden. 

Mit noch mehr Erfolg ist die Ansicht Dr. 
Stelzner's zu bekämpfen: die alten Geigen- und 
Lautenbauer seien blosse Empiriker gewesen im Ge- 
gensatz zu Herrn Dr. Steizner, dessen Instrumenten- 
bau auf wissenschaftlicher Grundlage beruhe. Das 
ist ein Irrthum, der beinahe einer Prätention ähnlich 
sieht. Die Stelzner^schen Instrumente sind, wie man 
annehmen darf, gewiss sorgfältig und gewissenhaft 
gebaut, sie werden von einigen hervorragenden 
Geigern sogar warm empfohlen, warum werden sie 
von diesen nicht aber auch gespielt? Jedes einzelne 
Bogeninstrument eines alten berühmten Meisters, 
sei es nun ein Stück aus der Brescianer-, Gremo- 
neser-. Florentiner-, aus der Neapolitanischen-, der 
Venetianischen- oder der Tyroler-Schule ist sozu- 
sagen eine Individualität, der auf wiBsenschaftlichem 
Wege nicht beizukommen ist 

Die Wissenschaft liegt eben in der Kunst des 
Baues. 

Die alten Meister von Duiffojpruggar und Gasparo 
de Salo an, die Stradivari. GTuarneri, die Amati, 
Berffonzi, die Jacob Stainer bis auf die Familie der 
Klotz verstanden vor allem die unschätzbare und 
unnachahmliche Kunst, dem Instrumentalkörper die 
Seele einzuhauchen, jenes undefinirbare Etwas, das 
nur dem Genie hervorzurufen geling Diese Kunst, 
man möchte sagen, dieses Geheimniss, ist verloren 
gegangen. 

Wenn diese höchste Meisterschaft auf dem Ge- 
biete des Instrumentenbaues aber wirklich auch als 



— 66 — 



blosser Rmpirismus zu betrachten wäre, so steht 
dieser im unschätzbar hohen Wertbe xa einer Wissen- 
schaft, die höchstens eine Art von Bedentong far 
den Anatomieprozess des Instramentenbaues haben 
kann. 

Aber auch die Wissenschaft der Alten, ihre ge- 
lehrte Erfahrung, war nicht zu verachten und ver- 
dient nicht mit dem geringschätzigen Urtheil eines 
Modernen abgethan zu wurden. Die Theorien eines 
Antonio Bagatella, diese im Studium der alten 
Meisterstücke gefundenen geometrischen Regeln, die 
man als höchste Errungenschaften der Geigenbau- 
Theorie schätzt, diese bis auf Haaresbreite gegebenen 
Zirkelmessungen, zu deren Studium und Feststellung 
Antonio Bagatella dreissig Jahre seines Lebens 
opferte, sind heute, nach länger als hundert Jahren, 
unübertroflfen und mustergiltig geblieben. So mag 
es einigen wenigen Modernen gelingen, wenn Kunst 
und Talent in gleichem Maasse vorhanden sind, 
brauchbare Instrumente zu bauen, die Meisterschaft 
der Alten su erreichen ist ihnen nicht beschieden. 
Mit diesem Urtheil ist wohl Jeder einverstanden, der 
den Werth der alten und der neuen Instrumente 
praktisch kennen gelernt hat 

Mag auch die Familienähnlichkeit im Bau der 
Stradivari, der Amati, Guameri und aller anderen 
berühmten Musterstücke sich aussprechen und un- 
fehlbar nachweisen lassen, jedes einzelne Instrument 
bleibt dennoch, wie gesagt, eine Individualität für 
sich, eine besondere eigenartige Schöpfung. Die 
Theorie, auch die gelehrteste, ist an diesem Räthsel 
bisher vollständig abgeprallt, jedenfalls auch die 
Wissenschaft des Herrn br. Stelzner. 

Für die Kammermusik aber, soweit sie bis 
heutigen Taj^es existirt — und man darf wohl mit 
Bestimmtheit annehmen, dass die hierin gegebenen 
klassischen Beispiele für unberechenbare Zeiten 
mustergiltige Vorbilder bleiben werden — ist es 
vollständig einflusslos, ob neuerdings geschaffene 
Instrumente eine Oktave tiefer als die Violine, oder 
eine Quarte tiefer als das Violoncello stehen. Neue 
Ausdrucksmittel können solche und ähnliche Ver- 
sudie nur für neue, eigens für diese Instrumente 
beschriebene Tonwerke werden. Der Nutzen dieser 
Neuerung, wenn von einem solchen überhaupt die 
Rede sein kann, ist also noch in weite Ferne ge- 
rückt und vorläufig lediglich auf das Gebiet des Ex- 
periments zu verweisen. — Als Experiment, gewiss 
als interessantes, war daher auch die in Dresden 



stattgefimdene AufFührnng mit Anwendung der neaen 
Stelzner'schen Instrumente zu betrachten. 

Mit der Aufführung von zwei neuen, sp eziell für 
die Stelzner'schen Instrumente komponirten Sextetten 
von Arnold Krug und Eduard Bonn (das erstere in 
der Konkurrenz preisgekrönt), beide für zwei 
Violinen, Viola. Violotta, Violoncello und Geilone 

gesetzt (sämmtlich Stelzner-Instrumente) hörte man 
ie neuen musikalischen Ausdrucksmittel zum ersten 
Male. 

In beiden Kompositionen war namentlich der 
Violotta eine hervortretende, manchmal etwas auf- 
dringliche Betheiligung eingeräumt, ausserdem waren 
die Werke in D- und 0-dur gesetzt, jedenfalls um 
die starke Wirkung der leeren Saiten zu erhalten. 
Trotz alledem vermochte weder die Violotta noch 
das Geilone sonderlich sympathisch zu berühren. Die 
tiefen Lagen der Violett» klangen ähnlich der Mittel- 
lage des Violoncello, die hohen Lagen Hessen da- 
gegen einen etwas trockenen, nasalen Ton hören, 
eine Klangfarbe, wie sie dem Tenor von kehligem 
Ansatz eigen ist. Das Gallone hörte sich markiger 
und sonorer an, in der engeren Stimmführung mit 
dem Violoncello verwirrten sich die Stimmen aber 
öfter und hingen sich wie Bleigewichte den rhythmi- 
schen Bewegiingen der übrigen Instrumente an. 
Ausserdem gingen den Instrumenten im allgemeinen 
der höhere Glanz, die intensivere Trag- und Leucht- 
kraft ab. Diese Bemerkung liess sich auch in der 
Ausführung eines Mozart'schen Bs-dur - Quartetts 
machen, das in gewohnter Besetzung auf Stelzner- 
Instrumenten gespielt wurde. 

Namentlich Rappoldi^s und Grfitzmacher's be- 
rühmter Gesangston, wie er von diesen auf den 
eigenen Instrumenten hervorgerufen wird, wurde 
auffällig vermisst Ob die neuen^ geschickt und 
fleissig gearbeiteten, in allem Uebngen aber wenig 
bedeutungsvollen Sextette für die neuen Instrumente 
besonders geeignet sind oder nicht, ob sie deren 
Klangwirkung fördern oder drücken, konnte bei der 
vorübergehenden Bekanntschaft der neuen Instru- 
mente nicht voll beurtheilt werden. JedenfoUs hat 
man die freundlich aufgenommene Aufführung, um 
die sich die Herren Ranpoldi, Blumer, Spitzner, 
Remmele, HüUweck und Grützmacher verdient 
machten, unter dem Einflüsse einer Ernüchterung 
verlassen, die weiteren Experimenten mit getheilten 
Hoffnungen entgegensehen lässt 
Dresden. Hermann Starcke. 



Musik-Aufführungen. 



Berlin, 24. Februar 1897. 

Im letzten Pbilliarmonischen Konzert, dem 
neunten der Reihe, wurde Richard Strauss' «Also 
sprach Zarathustra* auf «vielseitigen* Wunsch wieder- 
holt. Ich kann bezeugen, dass dieser Wunsch von 
Vielen auf das lebhafteste getheilt wurde; ob er 
freilich, wenn eine Abstimmung hätte erfolgen 
können, die Majorität des Publikums für sich gehabt 
hätte, ist eine andere Frage. Das vorgeschrittene 
und anspruchsvolle Wesen dieses Werkes, welches 
nach meiner Ansicht gar nicht hoch genug geschätzt, 
nicht wann genug anerkannt werden kann, ist in 
der That nicht geeignet, schon jetzt eine grosse Ge- 
meinde um sich zu sammeln. Alle die Gleicbgilti- 
gen, die Aengstlichen, die Pedanten, die Gewohnheits- 
menschen, die Fanatiker für irgend eine bereits ab- 
geschlossene Kunstepoche (und sollte es aach die 



WagnerVhe sein), — sie sind gegen ein neues, 
kraftvolles Werk, sie sind die geborenen Feinde eines 
frischen Genies, das sich auf eigene Füsse stellt und 
Anforderungen stellt, die ihnen bisher fremd waren. 
So war denn die Aufnahme diesmal keineswegs eine 
allgemein begeisterte. Das wird erst in 
dreissig, vierzig Jahren sein, wenn alle Welt schon 
in der Kinderstube hOren wird, dass Strauss' 
«Zarathnstra* eines der erhabensten Grchesterwerke 
ist Heut — lächelt die Mehrheit nicht nur des 
Publikums, sondern auch der Musiker, der Kritiker 
über diejenigen Schwärmer, die hier eine neue Pro- 
vinz des Musikreiches sich eröffnen sehen. Das war 
immer so, am lehrreichsten und für uns am deut- 
lichsten sichtbar, weil es so viele von uns noch 
selbst erlebt haben, bei Wagner. Inzwischen wollen 
wir Heutigen, soweit wir es vermögen, uns der 



- 67 — 



hohen Gaben freuen, die nna der Jagendfrische 
Meister Straoss darbringt. Ich darf sagen, dass, 
nachdem ich den «Zarathustra* Diinmehr dreimal 
gehört habe, er mir mit jedem Male bedeutsamer, 
klarer, vollendeter, erschienen ist Die Schwierig- 
keit der baldigen grösseren Verbreitung des Werkes 
iiegt übrigens zunächst an der Unmöglichkeit der 
vorhandenen Orchester, es zu besetzen und zu 
spielen. Mit der Zeit wird auch in dieser Hinsicht 
Rath geschafift werden, wie bei Wagner. Die Phii- 
harmonische Kapeile und ihr Leiter Nikisch gaben 
eine meisterhafte Leistung. An demselben Abend 
kam noch ein neues Klavierkonzert von Saint-SaSns 
durch Hrn. D i ^ m e r aus Paris zum Vortrag, das 
aber nur ein sehr geringes Interesse zu erwecken 
vermochte und weit hinter desselben Meisters an- 
deren bekannten Konzerten zurücksteht. Hr. Di^mer 
spielte es vortrefflich, doch konnte man ihn als 
Pianisten kaum beurtheilen, und muss zu diesem 
Zwecke auf seinen demnftchst stattfindenden Klavier- 
abend warten. 

Die beiden vereinigten Wagner-Vereine Berlin 
und Berlin-Potsdam gaben ihr grosses, allj&hrlich 
stattfindendes Konzert mit dem oft dagewesenen 
Programm: Fragmente aus den Meistersingern und 
dritter Akt Parsifal. Es liegt in der Natur der 
Sache, dass der Kreis der bei dieser Gelegenheit 
auffnhrbaren Werke ein sehr kleiner ist, und dass 
man sich damit einrichten muss. Die Ausführung 
war, unter Kapellmeister S u c h e r ' s Leitung, eine 
ganz ausgezeichnete, und von den Solisten ragten 
besonders Scheidemantel und Wächter, 
beide aus Dresden, der Letztere, ein ganz junger 
Bassist, mit blendenden Mitteln und von grosser 
LeistuDgsffthigkeit, hervor. 

Die Kdniglielie KapeUe feierte in ihrem letzten 
Konzerte zugleich das Andenken Wagner's und 
Bmckner's. Von jenem kam neben dem Tristan- 
Vorspiel das Siegfried-Idyll zu wundervoller Aus- 
führung; von diesem wurde die romantische Sinfonie 
(Bs-dur) gespielt, deren erste drei Sfttze, wie schon 
früher, tiefen Bindruck machten, während das letzte 
etwas auieinanderf&llt. 

Von Kammermusik-Konzerten ist ein Abend des 
Jornchim-QnartettB zu erwähnen, das zwar schon 
lange nichts Neues bringt, aber das klassische Re- 
pertoire in immer gleich voUendeterWeise beherrschte, 
femer ein Schubert-Abend der Herren Zajic und 
Qrünfeld,an dem auch Hr. M. Pauer und der 
künftige Baritonist unserer Oper, Hr. Baptist Uoff- 
mann betheiligt war; endlich ein Quartettabend des 
Hrn« Gustav Holländer, der mit seinem 
Genossen ein neues Streichquartett von Stenhammer, 
dem hochbegabten jungen schwedischen Komponisten, 
spielte. Das Werk bietet weniger in thematischer 
Erfindung, als in motivischer Durcharbeituug Aus- 
gezeichnetes und interessirt ungemein durch die 
Frische und Schärfe der Charakteristik. 

Frau Marianne Scharwenka-StresoWy die, so 
so selten sie auch auftritt, doch zu unsem vorzüg- 
lichsten Geigerinnen gehört, gab ein Konzert, in 
, welchem eine grössere Reihe von Kompositionen 
ihres Gatten, Philipps Scharwenka, sar Aufführung 



kamen •— , durchweg.llebenswürdige, fein empfundene 
und wirkungsvolle Stücke. An der Ausführung be- 
theiligten sich neben der Konsertgeberin auch Frau 
Joachim und Hr. W. Berger. 

Eine hervorragende neue Erscheinung am Kon- 
zerthimmel ist Eduard R i s 1 e r aus Paris. Er gab 
kürzlich ein Konzert, in welchem er fünf Beethoven- 
sche Sonaten, die in As-dur, Dp. 26, in G-dur 
Op. 81, und die beiden letzten Sonaten, in As-dur 
und G-moll, spielte. Seine Technik ist auf voller 
Höhe, sein Anschlag wundervoll, (im Fortissimo 
freilich ein wenig hart), seine Auffassung nicht 
immer der Tradition gemäss, aber voll Geschmack 
und Empfindung. Er hatte einen grossen und wohl- 
verdienten Erfolg. 

Mit ihm kann sich Hr. Lütschg, ein junger 
Pianist aus Petersburg, nicht vergleichen. Aber auch 
dieser hat eine eminente Fertigkeit, eine Ausdauer, 
die in Erstaunen setzt, und dabei ein vorläufig noch 
sehr ungebändigtes Temperament Eine entschiedene 
Klaviernatur, wird er hoffentlich noch zu voller Ab- 
geklärbeit durchdringen. 

Noch einen jungen Künstler sandte Russland uds 
zum ersten Msde: Hrn. Besekirsky jun. Er 
ist ein Geiger von vortrefflichen Eigenschaften, gleich 
dem Vorigen der Sohn eines berühmten Vaters und 
dürfte eine grosse Zukunft haben. U. a. spielte er 
ein sehr hübsches und dankbares Violinkonzert 
seines Vaters, das dieser selbst dirigirte. 

0, Eichberg, 

Dresden. Mit ehrendem Erfolg ging am 17. Fe- 
bruar die einaktige Oper ,,Hasclii8ch<< von Sieg- 
fried Berger hierorts erstmalig in Scene. Basirt 
auf einem Libretto von Axel Delmar, zeigt 
sich schon in diesem die Richtung, welche das Werk 
auch in musikalischer Hinsicht einschlägt. Die 
Handlung vollzieht sich nach den Regeln, welche 
der Schöpfer des modernen Musikdramas in seinem 
„Tristan'' festlegte, alles Impubive, alles Schwung- 
hafte in der Entwicklung des Stoffes, d. h. alles im 
alten Sinne Dramatische wird streng vermieden, 
scharfe Konflikte erscheinen verpönt, die Bmheit- 
lichkeit der Stimmung bildet das leitende Moment 
Omar, Bey von Tunis, giebt einem jungen schOn- 
heitsdürstenden Maler, Paolo, den er berufen, wider- 
strebend die Gelegenheit, eine seiner Frauen, Hama, 
zu erschauen. Wie er gefürchtet, kommt es; die beiden 
Herzen finden sich. Paolo ist bereit, sein Wort ein- 
zulösen und zu sterbeui wenn er mit anderen Augen 
als denen des Malers das entschleierte Antlitz er- 
blickt und Hama weiss nur zu gut, was ihr Schick- 
sal ist. Aber Omar entpuppt sich, halb aus Philo- 
sophie, halb aus Frömmigkeit, als eine Art König 
Marke, verzeiht zwar nicht, aber fühlt sich als Ge- 
legenheitsgewährer in dem Grade schuldig, dass er 
beschliesst, das Fatum Richter sein zu lassen. Drei 
Becher lässt er reichen, in einem findet sich 
Gift. In freier Wahl erfasst Hama den den tödt- 
Uchen Trank bergenden. Eine Ballade singend, 
haucht sie ihren Geist aus. Zu diesem, auch in 
seiner scenischen Ausführung der Stimmung, dem 
Kolorit, breitesten Raum gewährenden Text schrieb 
B e r g e r oder, um den Schleier des Pseudonyms 



— 68 — 



zu liifteD, Herr von Gbelius eine Mnsilr, der 
man ihren Werth nicht absprechen kann und die 
vor allem in keinem Zuge den Amateur verräth. 
Im Gegentheil darf man mit der Anerkennung nicht 
zurückhalten, dasa der Autor die Regeln des Sprech- 
gesacgs nicht minder beherrscht, wie die Kunst 
orchestraler Farbengebung und die Verwendung der 
der Richtung eigenthümlichen dramatischen Accente, 
dass das melodiöse und rhythmische Element vor 
dem der Harmonisation zurücktritt, liegt in der An- 
lage des Ganzen, doch giebt der Komponist auch 
hierin, in der Duettscene, in einem Tanzchor der 
Haremsfrauen und der Bailade, ansprechende und 



verheissungsvolle Proben seines Könnens. Wir stellen 
nicht an, dem feinempfundenen Werkchen, das in 
mancher Beziehung ein Pendant za Bizef^s 
köstlichen ,Djamileh* bildet, das Prognostikon 
einer günstigen Aufnahme an allen Bühnen sa 
stellen, an denen es annftbemd so gnt wieder ge* 
geben wird wie an der hiesigen. Hofrath 8 c h a e h 
wie Frau W i 1 1 i c h und die Herren A n t h e ■ 
und Perron leisteten Hervorragendes, nnd der 
,Stnmme des Serails^ und die j,Stimme des Muesiia*, 
konnten, jener darstellerisch, dieser gesanglich, kanm 
eine bessere Vertretang finden, als sie durch die 
Herren D e c a r 1 i und C a r 1 6 n fluiden. 



Von hier und ausserhalb. 



Berlin» Eugen d' A 1 b e r t erhielt vom 
König von Württemberg die goldene Medaille für 
Kunst und Wissenschaft, Ignaz Paderewski 
vom König von Italien das Konmiaudeurkreuz des 
Ordens der italienischen Krone. 

— Am 23. Februar starb hier plötzlich Prof. 
Woldemar Bargiel, von mütterlicher Seite 
ein Bruder von Clara Schumann. B. wurde am 
3. Oktober 1828 zu Berlin geboren. Nach seines 
Vaters Tode bildete er sich durch Selbststudium im 
Klavierspiel und in der Theorie weiter. Bis 1846 
blieb er in Berlin, nahm Violiaunterricht, spielte 
Orgel und studirte bei Professor Dehn Kontrapunkt. 
Im Frühjahr 1896 wurde er in das Konservatorium 
in Leipzig aufgenommen. Nachdem B. mehrere 
Jahre als Lehrer im Konservatorium zu Köln ge- 
wirkt, erhielt er 1865 einen Ruf als Konzertdirektor 
und Leiter der Biusikscbule nach Rotterdam. Seit 
1874 war .er Lehrer an der KgL Hochschule für 
Musik und der Meisterschule der Akademie der 
Künste. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören 
eine Sinfonie (G-dur), die Ouvertüren zu „Prometheus**, 
,Medea*, «Romeo und Julia^, drei Klaviertrios, 
zwei Klavier-Suiten und Psalm 96 für achtstimmigen 
Chor. 

— An dem vierten Vortragsabend des Vereins 
„Berliner Fresse* sprach Herr Hofkapellmeister 
Felix Weingärtner über „die Sinfonie nach Beethoven*'. 
Die musikalische Kunstform der Sinfonie hat mit 
Beethoven ihren Höhepunkt erreicht. Das geschah 
in unglaublich kurzer Zeit, denn 1760 schrieb Joseph 
Haydn seine erste Sinfonie, und 1823 erschien 
Beethovens „Neunte*. Der Vortragende charakte- 
risirte zunftchst kurz Haydn, Mozarti Beethoven. 
Mit der „Eroica* ist die Tonkunst mündig geworden. 
Neben Beethoven steht Franz Schubert, dessen 
grosse G-dur-Sinfonie trotz ihrer „göttlichen Länge* 
bewuudemswerth ist; nicht minder hoch stehen die 
zwei Sätze der unvoUendenten H-moll-Sinfonie. Der 
Komponist erscheint als ein edler, gewissermassen 
weiblicher Gegensatz zu Beethoven. Felix Mendels- 
sohn tritt auf als ein Meister, der vom Himmel ge- 



fallen; mit 17 Jahren komponirt er die Ouvertüre 
zum ^Sommemachtstraum" ; aber ihm fehlt die grosae, 
tiefe Innerlichkeit. In seinen Sinfonien ist er der 
erste Neu-Klassiker, wie Robert Schamann der erste 
Romantiker ist Gegenüber Schumann betrachtete 
sich der Vortragende als Ketzer, weil ihn die Mangel- 
haftigkeit der Orchesterbehandlong bei diesem Meister 
störe. Durch Schumann eingeführt, kam Brahma 
schneU zur Anerkennung, zum Theil in ge0iBsent- 
licher Opposition gegen Wagner. Brahma' C-moll- 
Sinfonie nannte man die „Zehnte", mit AnspieliiDg 
auf Beethovens „Neunte". Weingartner tadelte sd 
Brahms ein trockenes, grübelndes Blement Anton 
Brückner in Wien, der „Stadt der Sinfoniker", fosste 
als erster auf Ridiard Wagner, w«r aber unbeholfen 
im rein Technischen; seiner ongehenren Phantasie 
fehlte das gewaltige Können von Brahms. Bedentend 
sind noch die D-moll-Sinfonie des Dänen Sinding, 
die H-moU des Russen Alezander Borodin, die F-dnr 
von Hermann Götz und die „Symphonie pathitique" 
von Tschaikowsky. Der Vortragende wandte sieh 
dann zur neueren »Programmmusik". Dm die Zeit 
von Beethovens Tode tauchte Hector Berlios auf, 
dessen „Symphonie phantastique" saerst Erstaunen 
erregte, heute allgemein bewundert wird. Eigen- 
thümlich ist hier nicht das Durchführen eines in 
Worten mitgetheiiten Programms, sondern das 
dramatisch-psychologische Variiren eines bestimmten 
Themas. Weingartner machte diese Behandlung 
einer „id^e fixe" am Klavier deutlich und streifte 
dabei ironisch die Frage nach den sogenannten 
„Leitmotiven* Wagners. Eine einzige Erscheinung 
unter den Komponisten ist Franz Liszt, in rein 
menschlicher Hinsicht, frei von der Schwäche des 
Neides, „der König der Künstler". Sein „Mazeppa", 
„Orpheus", die „Bergsinfonie" und „Tasso", endUch 
die „sinfonischen Dichtungen" zu „Faust" und zu 
Dantes „Göttlicher Komödie" zeigen die Grenzen 
der modernen Programmmnsik im besten Sinne. 
Der Name „sinfomsche Dichtungen" ist sehr glüek- 
lich. Unter Liszts Einflnss stehen neuerdings Dwor^ak, 
Richard Strauss, Friedrich Smetana und Gustav 



- 69 — 



Mahler. Die dritte Sinfonie des letztgenannten, ein 
hochmodernes Werk — sie enthftlt ein Altsolo über 
ein Gedicht von Nietzsche! — wird Weingartner im 
nfichsten Winter in Berlin zur Aoif&hrnng bringen. 
Obwohl der feindnrchdachte, künstlerische Vortrag 
mit dem wehmüthigen Brgebniss schloss, dass augen- 
blicklich für die «Sinfonie*^ eine Zeit des Interregnoms 
bestehe, hat er Fachmftnnern wie Laien sicher viel 
Belehmng geboten. Den rein persönlichen Sindmck 
kann nnser Bericht ebenso wenig wiedergeben wie 
die Fülle liebenswürdig erzählter Anekdoten. 

— Wie Engen d' Albert Klavier übt, darüber er- 
zählt einer seiner Freunde io der ^Thüringer Montags- 
zeitong* Folgendes: Um 7 Uhr Morgens sass der 
Künstler spätestens schon am Klavier. Aaf seinem 
Fnlte lag eine Schüpfong der deutschen oder der 
französischen Litteratur. £r bezeichnete in dem 
Buche eine Anzahl Seiten, die er lesen wollte, dann 
begann er gleichzeitig Skalen zu spielen und zu 
lesen. War er mit dem Lesen fertig, dann erhob er 
sich auch von dem Instrument Aber lange litt es 
ihn nicht, dann sasa er wieder vor den Testen, in 
der Ausübung seiner Doppelthätigkeit begriffen. 
Man fragte ihn, ob nicht die TOne der Skalen ihn 
beim Lesen stOrten oder doch wenigstens seine Auf- 
merksamkeit ablenkten. «Ich hOre sie gar nicht*, 
sagte d'Albert. «Ich habe mich an diese Art des 
U ebene gewohnt, als ich Frauen stricken und gleich- 
zeitig lesen sah. Wenn man beim Geklapper der 
Stricknadeln zu lesen vermag, werde ich doch die 
Skalen spielen kOnnen. So habe ich stets einen 
doppelten Nutzen: Während mein Geist Neues lernt, 
üben meine Finger das Alte*. 

— Ein Fragment aus der Oper »Die Hochzeit*, 
die Riehard Wagner während seines Aufenthaltes in 
Würzburg schrieb und dem Musikverein Würzburg am 
1. März 1893 zum Geschenk machte, wurde dieser Tage 
von Miss Burrel in London um 2000 Mark durch Yei^ 
mittlung eines Würzburger Kunstverständigen käuflich 
erworben. Das Werk erhielt nach Auflösung des 
Musikvereins das Yereinsmitglied Baier in Würzburg 
und von diesem kam es nach dessen Tod in den 
Besitz des Musikalienhändlers ROser und später in 
jenen seines Sohnes, des Herrn Kaspar ROser. Im 
Jahre 1879 eriuhr Richard Wagner, dass ,Die Hoch- 
zeit^ im Besitze ROser's sei und stellte Klage auf 
Herausgabe. Die Klage Richard Wagner's wurde 
vom damaligen Bezirksgerichte Würzburg abgewiesen, 
weil ROser den Beweis liefern konnte, dass er auf 
rechtmässige Weise in den Besitz des Wagnerischen 
Opus gekommen sei. ROser verkaufte dann später 
das interessante Manuskript nach auswärts und nun 
geht es um den verhätnissmässig geringen Preis von 
2000 M. an die Wagnerverehrerin Burrel, die eine 
grossere Sammlung von Wsgnersachen besitzt, über. 
Die Oper darf aber ohne Zustimmung der Familie 
Wagner nieht zur Aufführung kommen. Es bleibt 
zu bedauern, dass das für den Entwicklungsgang des 
MeiBters wichtige Fragment für eine deutsche 
Sammlung, deren Zierde es bilden würde, verloren ist 

— Zu Weihnachten gingen uns zwei prächtig 
ausgestattete Festzeitungen zu, eine «Ghristmas 
N u m b e r* des .M u s i c i a n% die in F h i l a - 



d e 1 p h i a erscheint und das Weihnaehtsheft der 
„Neuen Musikalischen Presse* in 
Wien. Die erstere hat zwei prächtige Kunstbei- 
lagen: »An Idyl" in Chromo-Litographie und das 
Portrait W. H. Sherwood's mit facsimilirter Unter- 
schrift. Ausserdem bringt sie im Text ca. 30 Portraits 
von Musikern, Sängern, Schriftstellern zu Essays 
über verschiedene Themen aus dem Gebiet der 
Theorie der Technik, der Musikaesthetik u. a. Die 
Wiener Zeitung eröffnet mit einem längeren Artikel 
über Liszt's «Christus* begleitet von dem Bilde 
Franz Liszf s nach dem Medaillon von Boog und der 
Radirung Schauer's aus dem Jahre 1843; femer die 
Büste Karl Loewe^s nach seinem Denkmal in KieL 
Als Beilage einen Kanon von Goldmark, ein Facsi- 
mile des Gesanges Walthers von der Vogelweide im 
«Tannhäuser* im dreitheiligen Rhythmus, wie ihn 
Richard Wagner für die Pariser Aufführung beab- 
sichtigt hatte. Femer die .Notenschrift für Blinde*, 
im Text erläutert und in der Beilage eine Ueber- 
tragung der Mozart'schen G-dur Sonate in diese 
Blindenschrift. Ausser dem sonstigen reichen text- 
lichen Inhalt bringen beide Zeitungen eine grosse 
Zahl von Musikstücken. 

— Mit einer für einen 72jährigen Künstier 
seltenen Reiselust eilt Herr Prof. Dr. Karl Reinecke 
in dieser Saison von Konzert zu Konzert, um sich 
als Pianist und Komponist hOren und als Dirigent 
sehen zu lassen, und ganz erstaunlich ist die Frische, 
mit welcher er sich in der ersten und letzten Eigen- 
schaft überall bethätigt Nicht nur deutsche Städte 
sind Zeugen seiner künstlerischen Triumphe gewesen, 
sogar die Schweiz hat er zweimal besucht und dort 
ebenfalls die sympathischste Aufnahme gefunden. 

— 78 Jahre alt, ist dieser Tage in Mailand der 
in Deutschland ebenso als Violinvirtuose wie später 
als Komponist für sein Instrument zu hoher Aner- 
kennung gelangte italienische Tonkiinstier Antonio 
Bazzini gestorben. Bereits Anfong der 1840 er Jahre 
hat Bazzini sich als Virtuose längere Zeit in Deutsch- 
land angehalten und sich, besonders in Leipzig, in 
das Wesen deutscher Tonkunst vertieft; schon damals 
war er, als produzirender wie als reprodusirender 
K&nstler, mit Erfolg bemüht, zwischen den beiden 
Kulturvölkern eine Brücke schlagen zu helfen und 
in seinen Kompositionen, wie in früherer Zeit Gheru- 
biui, harmonischen Reichthum mit italienisch-an- 
muthiger Melodik zu verschmelzen. In seinen besten 
Werken, insbesondere in dem heute noch vielfach 
gespielten glänzenden Konzertallegro ist ihm dies 
auch gelungen. Nachdem Bazzini Anfang der 1860er 
Jahre der Virtuosenlaufbahn entsagt hatte, zog er 
sich nach seiner Vaterätadt Brescia zurück, um sich 
ausschliesslich der Komposition zu widmen. 1873 
wurde er zum Professor der Komposition am Mai- 
länder Konservatorium und später zu dessen Direktor 
ernannt, und in dieser anspruchsvollen und einfluss- 
reichen Stellung ist er, dessen Ideale Bach urd 
Beethoven waren, stets bestrebt gewesen, guter 
deutscher, insbesondere Kammermusik, in Italien 
Eingang und Anerkennung zu verschaffen. Von 
seinen späteren Kompositionen haben die Konzert- 
ouvertüren zu «KOnig Lear'', Alfieris «Saul* und die 



— 70 — 



sinfonische Dicbtaog «Francesca da Rimini* in 
Italien Anerkennang gefanden; in Deatschiand sind 
sie nachhaltiger Tbeilnahme nicht begegnet 

— Am 2. Februar wurde in Leipiig eine neue 
Kunststälte, der neue Saal im städtischen Kanfhause 
mit einer vom Leipziger KoDservatorium unter der 
Leitung Hans Sitt's ausgeführten Musikauffuhrung in 
Gegenwart des Königs von Sachsen eingeweiht Die 
Akustik des Saales erwies sich als vortrefflich. Der 
Direktor des Konservatoriums, Dr. Günther, wurde 
vom Könige durch eine längere Ansprache aus- 
gezeichnet 

— Die philosophische Fakultät der Universität 
München hat den kgl. bayer. Professor der Musik 
Herrn Max Zenger anlässlich seines 60. Geburtstages 
zum Ehrendoktor promovirt. 

— Die Rotterdamer Zeitschrift Wereldkroviek 
schreibt in einem ^»Friedrich Gernsbeim*^ üoer- 
scbriebenen Artikel unterm 20. Febr. folgendes: 

.Für die Musikfreunde in Rotterdam war es 
unzweifelhaft ein grosses Vergnügen, Herrn Gernsheim, 
der viele Jahre in der Maasstadt gewohnt und ge- 
lehrt hat, wieder einmal in ihrer Mitte zu sehen, 
und an zwei Abenden eines hoben Kunstgenusses 
sich zn erfreuen. Gemsheim trat zuerst in der 
Konzertgesellscbaft £ruditio musica, Donnerstag, 
11. Febr., auf, wo er von einem der Vorstands- 
mitglieder herzlich mit folgenden Worten begrüsst 
ward: „Als wir vor sieben Jahren von Ihnen Ab- 
schied nahmen, ein Abschied, nachdem Sie während 
16 Jahren das hiesige Musikleben so kräfiig ge- 
fördert hatten, sprachen wir die Hoffnung aus, dass 
Sie Rotterdam nicht ganz vergessen mögen; nun 
freut es uns, Sie hier zurück zu sehen, und wir 
danken Ihnen, dass Sie Ihr neues Werk selbst bei 
uns eingetübrt haben.* Alle stimmten in diese 
Worte ein, die Fanfaren im Orchester erklangen, 
wie sie erklungen waren, als Gernsheim das Podium 
betrat, und die Ovalionen wurden ihm mit Wärme 
und aufrichtigster Herzlichkeit dargebracht Zur 
Aufführung gelangte eine neue Symphonie des 
Meisters (No. 4, op. 62, B dur), unter seiner Leitung. 
Das Werk, nach Form und Styl der klassischen 
Richtung aufgebaut, zeigt uns am stärksten zwei 
Eigenschaften, die den Künstler Gernsheim zieren: 
Lebendigkeit und kernhaftes Wesen. Letztere fligen- 
Schaft zeichnet besonders den ersten und letzten 
Satz aus; die Lebendigkeit kam vor alleni in dem 
farbenreichen, entzückenden, an Abwechselung 
reichen Scherzo zur Geltung. Dieser Satz erregte 
denn auch lauten Jubel. Das Konzert hatte durch 
Gernsheim's Gegenwart, die Neuheit seines Werkes 
und durch sein Auftreten als Leiter, etwas besonders 
Festliches. Der Kammermusikverein gab den folgenden 
Abend, Freitag, den 12. Febr., einen Gernsheim 
Abend, an welchem Gernsheim persönlich am Flügel 
Platz nahm. Auch diese Aufführung errang sich 
grossen, sympathischen Beifall. Sie bot viel des 
Schönen. Als ausgezeichneter Pianist und Ton- 
setzer machte Gernsheim an diesem Abend vollen 



Bindrock. Ebenso wie im Kmditiokonzert frappirtea 
die Lebendigkeit des Komponisten, sein Sinn für 
kräftige, energische Klangentwickelnng, die rasch 
sich folgenden, abwecbselungsreichen Gedanken. 
Worte des Dankes wurden dem früheren Lehrer der 
Klassen für Klavier und Komposition von einem 
vormaligen Schüler, Herrn A. B. H. Verheyi öffent- 
lich ausgesprochen." 

Budapest. Herr Jul. J. Major brachte vor 
kurzem sein neuestes Werk : «Jophta** für Soli, 
Chor und Orchester zur Aufführung. Am dank- 
barsten sind der Titelheld, sowie die Frauenchöre 
behandelt, deren orientalischer Charakter gut ge- 
troffen ist 

— Der bekannte Pianist, Herr Frederick 
Fair b an k s, tritt am I.April in das Königl. 
Konservatorium zu Dresden als Hochschullehrer für 
Klavier ein. 

Posen. Am 16. und 18. Februar d J. hat der 
hiesige Hennig'sche Gesangverein vor zweimal aus- 
verkauftem Hau<«e unter der Leitung des Herrn Pro- 
fessors G. R. H e n n i g den „Franziskus* von Tioel 
zur Aufführung gebracht Die Begeisterung sämmt- 
licher Mitwirkenden einerseitSi wie auch aller Zu- 
hörer andererseits war eine hochgehende, wie dies 
nicht anders sein konnte bei der gewaltigen Bedeu- 
tung des Werkes und einer Darstellung, irelche bis 
ins feinste Detail hinein wohl durchdacht und vor- 
bereitet war und von hohem geistigen Leben ge- 
tragen wurde. Den Gipfel der Aufführung bildeten 
die mit vollendetem Geschmacke und tiefem seeli- 
schem Empfinden ausgeführten herrlichen Frauen- 
cböre. Drei ausgezeichnete Solisten, Herr Gron- 
b e r g e r - Braunschweig, Fräulein Meta Geyer- 
Berlin und Herr H Ungar -Leipzig, trugen durch 
ihre künstlerische Mitwirkung zum vollsten Gelingen 
des Werkes bei. H. S. 

Stattgart« Das Kgl. Konseivatorium für Musik 
feiert vom 31. März bis 3. April d. J. sein 40-jähriges 
Jubiläum mit drei Konzerten und einem Bankett; 
die ehemaligen Schüler dieser Anstalt sind hierzu 
freundlichst eingeladen. 

Vom kommenden Sommersemester ab wird an 
diesem Institut Max Paner, Kammervirtuos, seither 
Lehrer am Konservatorium der Musik in Co In als 
Nachfolger für den f Prof. Brückner seine Thätig- 
keit beginnen. 

Stattgart. Das anter dem Protektorat Seiner 
Majestät des Königs stehende Kgl. Konser- 
vatorium für Musik hat im vergangenen 
Herbst 121 Zöglinge aufgenommen und zählt jetzt 
im ganzen 492 Zöglinge. 161 daton widmen sich 
der Musik berufismässig, und zwar 6S Schüler und 
93 Schülerinnen, darunter 78 Nichtwürttemberger. 
Unter den Zöglingen im allgemeinen sind 293 aus 
Stuttgart, 72 aus dem übrigen Württemberg, 1 aus 
Anhalt, 7 aus Baden, 4 aus Bayern, 1 aus Bremen, 
1 aus Elsass-Lothringen, 2 aus Hessen, 2 aus Mecklen- 
burg-Schwerin, 10 aus Preussen, 6 aus Sachsen, 8 aus 



-Ti- 



den sftchsischen FSrsteothümem, 4 aas Oesterreich- 
Ungarn, 31 aus der Schweiz, 1 aus Belgien, 3 aas 
Frankreich, SS aus Qrossbritannien n. Irland, 5 aus 
Italien, 2 aus den Niederlanden, 3 aus Rossland, 
3 ans Spanien, 18 ans Nord Amerika (U. S.)i 1 aas 



Canada, 4 aas Süd-Amerika, S aas Asien, 1 aas 
Afrika, 1 aas Aastralien. 

Der Unterricht wird von 36 Lehrern and 6 
Lehrerinnen ertheilt, und zwar im laufenden Semester 
in wöchentlich 598 Standen. 



Bücher und Musikalien. 



E. Walter'g Notenliniensystem. 19?armbrann 
i/Scbl. Max Leipelt 
Wieder eine neae Notenschrift, — — der Er- 
finder nennt sie ein «Klaviatn r-N o t e n 1 i n i e n- 
System* and hofft damit den Stein der Weisen 
gefanden za haben. Seine Grandidee, dass An- 
Bcbanong alles Lernen erleichtert, enth&lt eine anbe- 
strittene Wahrheit; so hat er ein Liniensystem aaf- 
gesteilt, welches der Klaviatur nachgebildet ist and 
dadurch Notenbild und Tastenbild in Einklang 
bringen solL Die Linien sind in Gruppen von 

2 and 3, genau wie die schwarzen Tasten der 
Klaviatur, gezogen; alle Noten für die schwarzen 
Tasten werden auf diese Linien gesetzt, alle Noten 
der weissen Tasten kommen in die Zwischenräume. 
Damit sind sfimmtliche Yorzeichnungen und ebenso 
alle Schlüssel überflüssig geworden. Aber nun das 
Bild, das diese Notenschrift gewährt! Acht Linien 
für jede Hand, in Gruppen von 3, S und wieder 

3 Linien, — für die Linke vom grossen Fls, bezw. 
Ges, bis zam kleinen ais, oder be, für die rechte 
vom eingestrichenen Fis bis zweigestrichenen ais — , 
liegen über einander; zwischen beiden bleibt soviel 
Raum, dass die Zwischentöne vom kleinen h bis ein- 
gestrichenen f Platz haben, die beiden fehlenden 
Linien m und dis kommen nach Art unserer Hilfs- 
linien znr Verwendung. Wirkt nan schon die Menge 
der Linien verwirrend aof das Auge — , denn dass 
sie in der That das Tastenbild reprSsentiren, ist nur 
eine Illosion — , so wird das Lesen durch die Weite 
der Intervalle nnendlich erschwert Eine Oktave 
z. B. beansprucht einen Raum, wie ihn in unsrer 
Notenschrift die Dnodezime einnimmt Noch 
schlimmer ist, dass die meisten Intervalle in ihrer 
rftumilchen GrOsse verschieden sind, dass dadurch 
jede Tonleiteri jeder gebrochene Akkord ein anderes 
Bild bekommt, was grade für das Lesen keine Er- 
leichterung ist Am schwersten lesen sich die in 
den freien mittleren Raum gestellten Noten, denen 
immer, über oder anter, die beiden HilfiBÜnien an- 
hängen, erscheint eingeschachtelt zwischen beiden. 
Bewegt sich ein Musikstück viel in dieser Tonlage, 
so wird der freie Raum dorch die vielen Hilfslinien 
derart ausgefüllt, dass dem Auge jeder Halt ge- 
nommen wird und das ganze System der doppelten 
acht Linien in einander schwimmt Schon die 
kleinen einfachen Musikstückchen, die der Autor in 
seine Schrift übertragen hat, liefern den Beweis da- 
za; bei Stücken mit schnellen Fassagen, mit vielen 
sechszehntel Noten werden die Querbalken das Bild 
gänzlich verwirren; es ist vorauszosehen, dass trotz 



des hübschen Grundgedanken das neue System 
keine Lebensfähigkeit besitzen wird A. M. 

Hermann Schröder: op. SS. Drei Duette 
über Yolksmelodien für S Violinen 
(1. Lage) mit Pianoforte. Zwei Violin- 
stücke, Sätze aus Streichquartetten von Joseph 
Haydn. Für den Konzertvortrag eingerichtet und 
bezeichnet Magdeburg, Heiarichshofen. 
Das erste Werk ist för ganz jugendliche Violin- 
spieler geschrieben und zwar über die Volks- 
melodien: Morgen muss ich fort von hier; — Und 
schau ich hin, — Bald gras' ich am Neckar. No. 1 
und 3 sind in Variationenform gesetzt, No. S als 
Rondo. Die Bearbeitungen sind sehr fein und ge- 
schickt gemacht und die Stücke dadurch wohl ge- 
eignet, jugendlichen Spielern Freude und Anregung, 
aber auch Belehrung zu schaffen. Das zweite Werk 
bringt zwei reizvolle Adagio-Sätze aus Haydn's 
Streichquartetten für Violine und Klavier bearbeitet 
Die Klavierbegleitung ist bei der Bearbeitung sehr 
einfach gehalten, der Löwentheil fällt der Violine 
zu. Es sind zwei sehr dankbare und klangvolle 
Vortragsstücke. 

L. Saner: Fingersatz-Tabellen für die Dur- 
and Moll-Tonleitern. Fh. Kleinböbl, Königstein i.T. 
Die Tonleitern sind auf vorliegender Tafel nach 
ihren Fingersätzen und zwar in 3 Gruppen mit Be- 
rücksichtigung der jedesmaligen Daumenstellung ge- 
ordnet Der Autor bringt damit weder etwas Neues, 
noch etwas Durchschlagendes; für grundlegende 
Regeln des Tonleiter-Fingersatzes ist die Berück- 
sichtigang des 4. Fingers viel wichtiger als der 
Daumen. 

Hene MnsIkaUsche Bnndsehan. PragerMusik- 
und Theaterzeitung. Herausgeber flermann 
Teibler, für die Redation verantwortlich R. Batka. 
Diese neue Musikzeitung will über Musik- und 
Bühnenleben berichten. Sie will auf keinen Partei- 
standpunkt stehen, keinen speziellen Namen aufs 
Schild heben, aber einen Spiegel des reichen Musik- 
lebens der Gegenwart bieten, worin «ein Jeder frei 
mit seinem individuellen Gesicht gucken mag.** Das 
Neue soll bevorzugt, das Alte aber nicht vernach- 
lässigt werden, ebenso soll das Deutsche im Vorder- 
grund stehen, jedoch jedes bedeutende Kunstwerk 
seine Berücksichtigung finden. Ein vielverheissendes 
Programm! — Die beiden ersten Hefte enthalten: 
E. Humperdink: Bayreuth 1896; R. Batka: Deutsche 
Oper in Prag, Arthur Smolian: das Hofteater in 
Karlsrahe, Karl Sohle: Hausmusik a.s. w. 



— 72 — 



Empfehlenswerthe Muslkstücke, 

welche sicli beim Unterricht bew&hrt haben, 



0. Klanwell : 3 Klayierstücke für die i i n k e Hand. 

Pr. 1 ^ 50. 

£öln,H. TomBnde. 

= Robert Schamann: Noveletten. 



Paul Salla: Smst im Scherz, op. 3. 12 charakteri- 
atische Tonetücke. Pr. je 50 i^. 

Berlin, RiesAErler. 

= G 1 e m e n t i , op. 36. 



Anregung und Unterhaltung. 



,Der KonBÜer, besonders der schaffende, kann 
die Anerkennung nicht entbehren — es braucht nicht 
immer die allgemdne Anerkennung zu sein, es ge- 
nügt, wenn es die eines kleines Kreises, sogar von 
nur ein paar Anbftngem ist, sonst erlahmt sein 
Schaffen an der Bitterkeit des Zweifels an seinem 
Können. Am besten daran sind jene glücklichen 



Komponisten, die fanatische, also proselytirende An- 
hftnger sich xa gewinnen vermögen.* 

«Was ist Dichtung? — es rdmt sieh, ist aber 
nicht so — und Wahrheit? — es reimt sieh nicht, 
ist aber so.* A. Rab inst ein» 



Vereine. 



Verein der Musik-Lehrer und Lehrerinnen 2u Berlin^ 

Die Februar-Sitzung wurde mit einer hoch er- 
freulichen MittheiluDg eröffnet: Die Schubert-Gedenk- 
feier, welche Frau Prof. Schnitzen von Asten 
und Fräulein Julie von Asten unter Mit- 
wirkung mehrerer Künstler ersten Ranges am 
31. Januar veranstaltet, und deren Ertrag sie hoch- 
herziger Weise für die in der Gründung begriffene 
Invalidenkasse des Vereins bestimmt haben, 
hat derselben einen Zuwachs von 1800 Mk. gabracht 
Den Vortrag des Abends hielt Herr Meyrowitz 
über das von dem Amerikaner Virgil erfundene 
, Technik-Klavier". Dasselbe ist eioe Kla- 
viatur ohne Tonerzeugung, beim Anschlag der Taste 
ISsst sich nur ein schwacher, kurzer, aber sehr prftzis 
eintretender Laut vernehmen. Der Mechanismus 
kann so gestellt werden« dass dieser Laut im Moment 
des Niederdrucks der Tasten eintritt, oder umgekehrt 
beim Loslassen derselben, oder auch beides zuffieich. 
Hierdurch bietet sich eine sehr genaue Kontrolle des 
Gehörs sowohl über die rhythmische Gleicbmftssigkeit 
des Spiels, als auch über das pünktliche Aufheben 
der Fioger und die Korrektheit des Legate (bei 
welchem der Laut der losgelassenen Taste mit dem 



Laut der angeschlagenen in eins zuammenfallen 
muBs). Virgil iftsst nun Tonleitern, Arpeggien und 
andere Blementarfibungen auf diesem Instrumente 
übeo. Zur Vorbereitung für AnfSnger dient eine 
Art Tisch mit aiffisezcichneter Klaviatur, auf welchem 
zugteich gewisse mechanische Vorübungen gemacht 
werden. Die technischen Grundsfttse, welche Vir^ auf- 
stellt, stimmen im wesentlichen mit den allgemein 
anerkannten überein: grüsste Lockerheit aller Ge- 
lenke, natürliche Haltung der Hand, Verwerfung der 
früher so beliebten Einbiegung der FingerknOchel 
n. s. w., bringen nur in ihrer Ausbildung ins Binseine 
hier und da Neues. Der Erfinder behauptet, durch 
die isolirte Behandlung des Tedinischen, welche sein 
Uebungsmittel und seine Methode bieten, den Weg 
zum Ziele des Pianisten wesentlich zu verkürzen. 
Es boitebt sdt kurzem in Berlin eine von Herrn 
Mevrowitz geleitete Unterrichttanstalt für die 
Uebungen auf dem Virgil-Klavier. — Den Abend be- 
scbloss ein Klaviervortrag eigener Komposition durch 
Herrn E gffel in g: Stücke kleineren und meist 
leichteren Genres, für instruktive Zwecke gedacht. 
Unter ihnen gefiel besonders ein Heft Kinderstücke, 
, Bilder aus der Kinderzeit* durch 
Anmuth, Fdscbe und charakteristische Bindung. 



Antworten. 



0» S. Dresden. Besten Dank, aber die Notiz 
über da Ponte bat schon die Runde durch ver- 
schiedene Zeitunffen gemacht. 

S.-W. Bostoff am Don» Jahresabonnement ein- 
getroffen. — Inbalts-Verzeichniss der JahrgSnge 95 
und 96 sendet Ihnen der Verleger. — Wegen der 
Bilder wenden Sie sich an den Hofkunsthftndier 
A. Frisch, hier W. Lützowstr. 66. 

H. H. Liban (Russland). Der Führer erscheint 
\ einigen Wochen bei Breitkopf A Hftrtel in Leipzig. 



€• G» Ihre Anfrage, aas welcher Fabrik der 
schön klingende Fluffel stammt, auf dem der Pianist 
Herr Lütschg gespielt, kann ich heut noch nicht be- 
antworten, da Ihr Brief kurz vor Schluss der Re- 
daktion eintraf, mir also keine Zeit blieb, mich da« 
nach zu erkundigen. Wahrscheinlich wird es aber 
ein Bechstein-Fiügel gewesen sein, da Herr Hermann 
Wolff der Impressario des Herrn Lütschg ist. 



Anzeigen. 



Giittninos 

^^RSrnhildtin Weimar 

Apartea Tabrlkat I. Banges. 
iaKOldeiwHeiUmenundI.PreiM. 
v™ UMt, Bfllow, d'AlbMt "T. 
Wlnuie mptnbl . AaimkeiniuiigHchTBbBB 
■u IHM "S^tn dfr Welt. In TlSlBt 
lIuuIiinidMlB-aadAoiUiiduTOfriUliif^ 
(out dinct« Vernndl >b Fabrik. 
Ulutlr. mitltll* uMMtL 



Soeben erachlen In nngerem Yerlagei 

j^ Emil Sauer ^ 

Octaven-EtÜde »r PUnoforte. 

(Bt&de Mo. 4) JL 1,5a 
Frtther wurde niUK«Kel>«ii '• 

Goneert-Xiiade (Etüde No. 1} JH. 3,75. 

ToreUtimmen (Concert-Etfide No. 3) .# 1J5. 

Manuare da vent [Windes Flfistem], (Cod- 
cert-Etüde Mo. 3) M 2.- (Saj 

SaliiB. B. Schott*« Sffhne. 



Neaor Ve rlag Ton Breitkopf A HKHel in Leipaig. 

Klavierwerke zu 4 Händen. 

Oerlaeh, Op. 3. Serenade (B) l. Str^chorch. 

(G&hlert) M I.-. . ,„ , , 

dllsODi Fan&re in Bugnrue f. gr. Orcn. (Delnine) 

Herold, Marie, kom Oper (Francais). M 6,—. 
Boftn»iiii, E., Op. 120, RomantiBche Saite, 3 Hefte. 

Jocendblbllotheb. (A. Krause), Bd 1. Klaa- 
flikep Bd. IL Romantiker, je ^ 5 — . 

I^lebUnsswalcer der EBnigin Loojae von 
PreuBsen, (W. Waege), M. %—. „ „ 

8taiiltB, Andantino a. d. Symphonie m Es ror 
2 Orch., (W. Waege), JL %—. pl] 



pianlnos 

von 440 Mk. an. 

Flügel, y ^ 




W. EMHER, Berlin C, 



Harmoniums 

TOB 90 Hk. «n. 

Abiahlang gestattet — Bei 
JJar^Ablg. Rabatt a Freiaendg. 

Seydelstr. 20, 

-Fibhkut. 



Rud. Ibaeh Sohn 

HoManoftorte-Fabrnunt T^d] 
8r, M^ de* KOnlgi und Kabara. 
Fabriken) Barmen- Scbwelm-HttlD. 

Flügel und Pianinos. 

Bannen, Berlin SW. 

Senerweg 40. AlexandrineMtr. 86. 




Schlesinger'sctie Buch- 
& Musikhandlung. 

(Bob. Iiienam.) 

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können durch jede Bachhandlnng k 25 Pf. 
nachbezogen werden. Die Expedition. 



Grossh. Konservatorium fflr Musik zu Kuisrulie 

xngilelcb Tfaeaterachnle (Opern- nnd Schanspielschule) 

Unter dem Protektorat Ihrer Üinigl. Hoheit der Grossherzogin 
Lnise Ten Baden. 

Beginn des Sommerliursus am 1. April 1B97. 

Der Unterricht erstreckt sich über alle Zwdge der Tonkonat und wird in deatscher, 
englischer, fraazÖBischer und italienischer Sprache ertheilt. 

Das Schulgeld beträgt für des Untern chtsjahr : in den V orberei ton^klaaseD Jl 100, in 
den Mitt«lkla8eeD Jt SOO, in den Ober und GeaangsUassen JH 250—350. in den Dilettanten- 
klaasen Jl 150, in der Opemschule M 450, in der Schanspielschole M 350, fOr die Methodik 
des ElavienmterrichtB (in Verbindung mit praktischen Unierrichtanbnngen) JC 40. 

Die aasföbrüehen Satzungen des Grossh. Konservat^wioms sind kostenfrei diurch das 
Sekretariat desselben lu beziehen. [19] 

Alle anf die Anstalt bezüglichen Anfragen nnd Anmeldungen inm Eintritt iii dieselbe 
Bind zu richten an den 

Diiekt«r Professor Heiatieh OrdeoRtolB. 
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Ihrer Maj. der Eaifierin von Dentschland osd KSn^n von Prensseo, 

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Ihrer Maj. der Konica von England, [58] 

Ihrer Maj. der EöniKin Regeatin von Spanien, 

Sr. EOaigl, Hoheit des Prinzen Friedrich Carl von Preassen, 

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- 75 — 

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duB das Pedal die Seele des Claviera ist, es giebt F&lle, wo 
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Veraatwortlleker BeAakteNrt Prof. Bmil Breiiaar, Berlin N^ OnaienboTgsntr. 61. 

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Dnak TM Soaentbal A Qo., BarUn N., JohaanlMtr. 9a 




Der Klavier-Lehrer. 

Musik-päedagogische Zeitschrift, 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler- Vereine 

zu Berlin, Köln, Dresden, Hamburg und Stuttgart. 

HeraoBgegeben 
▼on 

Professor Emil Breslanr. 



No. 6. 



Berlin, 15. März 1897. 



XX. Jahrgang. 



Dieses Blatt erscheint am 1. und 15. jeden Monats 
and kostet durch die K. Post-Anstalten, Bach- nnd 
If nsikalienhandlnngen besogen ▼ierteljfthrlieh 1,60 JH^ 
direet nnterKreoxband von aerYerlagsnandliingl,75t^. 



Inserate für dieses Blatt werden ron sftmmtlieheD 
Annoncen-Bxpeditionen, wie von der Yerlagshandlnng. 
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für die sweigespaltene Petitidle entgegengenommeD. 



Mit dieser Nummer schliesst das I. Qaartal und bitten wir um rechtzeitige 
Erneuerung des Abonnements^ damit in der Znsendang des Blattes keine Verspätung 
eintritt. Die Expedition. 

In der nächsten No. beginnt die VeröfFentlichung des Aufsatzes: 9,Die Ornamentik 

In den Beethoven'schen Klavlerwerken" von Hm. Prof, H. Ehrlich. 

Die Xtodalctloii« 



Eine hundertjährige Elayierschule. 



Es werden so viele Jnbiläen gefeiert, wa- 
nun sollte man nicht auch einer Elavier- 
schnle zu ihrem hundertjäJirigen Geburtstage 
ein erinnerndes Wort gOnnen, auch wenn sie 
heut vergessen und überholt ist! Jedenfalls 
schössen vor 100 Jahren die Klavierschulen 
noch nicht wie die Pilze aus der Erde, die 
einzelne hatte viel grossere Bedeutung und 
wenn das alte ehrwürdige Werk, welches vor 
mir liegt, auch keinen Anspruch darauf er- 
heben kann, zu den ersten und bahnbrechen- 
den zu gehören, so bildete es in jener Zeit 
doch jedenfalls einen Baustein in der Fort- 
entwicklung der Kunst des Klavierspiels.*) 



2 Schulen Ton BedeutoDg waren damals Dur 
m. Bach*8 bekanntes Werk : «Versach über die 
wahre Art Klavier zu spielen* (1780) und D. 6. 
Türck's «Grosse Klavierschule*' (1789). Früher er- 
schienen und bekannt geworden waren: Gouperin 




ittm Klavierspiei* ("1765) ond im gleichen Jahre die 
«Klavierschale* voa Georg Simon Löhlein, Diese 
hat sich grosser Popularität eifreuti sie warde wieder- 



Der Verfasser unseres Jubiläum- Werkes 
heisst : 

Philipp Jakob Milchmayer 

und seine Sdiule nennt er: 

„Die wahre Art das Pianoforte 
zu spielen^. 

Sie erschien 1797 zu Dresden im eigenen 
Verlage des Verfassers. 

Als Ph. J. Milchmayer, der sich auf 
seinen Werken „Churfürstiich Bayrischer Hof- 
musikus, Klavier- und Harfenmeister^ nennt, 
sein Werk schrieb, war er 47 Jahre alt, 
rühmt sich aber bereits seit 24 Jahren viele 
hundert Schüler unterrichtet zu haben und 
zwar 18 Jahre davon in Frankreich und der 
Schweiz, die übrige Zeit in deutschen Städten, 
von denen er Wien, Dresden und München 
anfuhrt Er beschäftigte sich neben dem 
Unterrichten viel mit Instmmentenbau, hatte 



holt aufgelegt; zom 5. Mal erschien sie im Jahre 1797 
von Witthaaer bearbeitet, später warde« sie von 
Augast Eberhard ^Müller, endlich noch einmal von 
Carl Czemy umgearbeitet und neu heraasge^ebeo, 



— 78 — 



in Mainz den Titel als Hofmechanikns er- 
halten nnd siedelte 1803 nach Strassbnrg 
über, wo er als sehr geschätzter Klavierlehrer 
1813 gestorben ist 

Senen wir uns nnn seine Schule einmal 
etwas näher an. 

Noten und andere elementare Kenntnisse 
setzt der Autor als bekannt voraus, dazu, 
meint er, findet sich wohl überall Jemand, 
der sie lehrt, warum sein Buch unnütz da- 
mit vertheuem? 

So beginnt er im ersten Kapitel mit all- 
gemeinen Anmerkungen über die Haltung 
des Körpers, der Arme und der Finger. Er 
spricht dabei über die Wahl des Klavieres. 
jyFlügel und Elavichorde sind nicht die 
rechten Instrumente für junge Ani&nger, sie 
erfordern zu viel Kraft von den zarten 
Fingern und um ausdrucksvoll zu spielen, 
unendliche Verdrehungen der Finger; man 
soll die Schüler gleich auf einem guten 
Pianoforte mit dem 6-Schlüssel anfangen 
lassen. Man spielt doch wohl nicht in der 
Absicht, sich niemals hören zu lassen. Wer 
wäre wohl so unbesonnen, sich in einem 
Konzert auf einem Klavichorde hören zu lassen? 
Alle Liebhaber nnd Kenner der Musik wissen, 
dass in England und Frankreich grosse Ton- 
künstler sind, von denen ich nur die Herren 
Glementi und Steibelt erwähnen will. Ich 
fordere aber jeden auf, zu sagen, ob er wohl 
in den neueren Zeiten in diesen Ländern ein 
Klavichord gesehen habe? — Wir hören in 
späteren Kapiteln noch Manches über die 
Eiaviere, so räth er an anderer Stelle: „Für 
den Unterricht der Jugend weiss ich, um 
allen Zwang der Hände beim Spielen zu ver- 
meiden, nichts besseres, sds folgenden Vor- 
schlag, dass bemittelte Eltern sich ein gutes 
viereckiges Pianoforte anschaffen, in wel- 
ches sie eine dreifache Klaviatur von ver- 
schiedener Grösse machen lassen, doch so, 
dass man nicht alle drei Klaviaturen auf ein- 
mal, sondern eine um die andere, je nach- 
dem man sie braucht, in das Instrument ein- 
setzt. Diese Klaviaturen müssen nun alle 
drei so leicht als möglich sich spielen, und 
die Tasten, so wenig als es sein kann, tief 
faUen. Die fünf Oktaven der kleinsten Kla- 
viatur, müssen die Breite von drei, die fünf 
Oktaven der mittleren, die Breite von vier 
gewöhnlichen Oktaven haben, die dritte 
Klaviatur ist dann von gewöhnlicher Breite. 
Bei dieser EinrichtuDg hat man nun den 
Vortheil, dass man selbst Kindern von 6 bis 
7 Jahren alle schweren Gänge auf der 
kleinen Klaviatur lehren kann, ohne ihre 
Hände und Finger zu quälen, oder im min- 
desten zu verstellen. Im 10. und 11. Jahre 
giebt man ihnen ^e zweite, und im 14. und 
15. die dritte Klaviatur, welche die gewöhn- 
liche Grösse hat. Bei diesen verschiedenen 
Klaviaturen macht die Jagend grosse Fort- 



schritte und dabei behalten Hände und 
Finger eine schöne Gestalt und bleiben in 
ihrem gewöhnlichen Wachsthum^. — Hierzu 
möge bemerkt werden, dass in jenen Zeiten 
des Uebergangs die Klavierbauer sich mit 
allerhand Versuchen undExperimenten quälten, 
und dass unser Autor selbst der Erbauer 
eines Klaviers mit 3 Manualen war. das 150 
verschiedene Klangkombinationen gehabt 
haben soU. 

Aus seinen Vorschriften über Handhaltung, 
Anschlag u. s. w., könnte man heute noch 
lernen, Kühe der Hand ist ihm die Haupt- 
sache, das Takttreten mit dem Fuss be- 
zeichnet er als eine schlechte Angewohnheit; 
wer wenig natürliches Taktgefühl hat, soll 
kut zählen, „der Mangel an Taktgefahl soll 
durch Vernunft und Ueberlegung ersetzt 
werden, diese herrschen aber nicht in den 
Füssen^. 

Ebenso warnt er Anftnger vor dem «Vom 
Blattspiel^. „Diese uuRlückliche Referenz 
unsrer Zeit, alles sogleicuQ vom Blatt spielen 
zu wollen, dient zu weiter nichts, als dazu, 
dass man alle musikalische Gänge ohne Ge- 
schmack und Wahrheit herleiert, die abscheu- 
lichsten Stellungen der Hände und Finger 
sich angewöhnt und nicht zwei auf einander 
folgende Noten gehörig vortragen kann. Eine 
falsche Fingersetzung, die man durch diese 
berühmte Geschwind -Lesery und Spielerey 
sich angewöhnt, wieder in Ordnung zu 
bringen, ist dann dem geschicktesten Lehrer 
bei den grössten Talenten oft immöglich.^ 

In diesem Abschnitt überrascht noch 

eine kleine Stelle als Beitrag zur beginnenden 
Phrasinmgslehre. Das Wort „Phrase** 
kennt der Autor noch nicht, es findet sich 
vor ihm zum ersten Mal, aber schon völlig 
im Sinne unsrer Zeit gebraucht in dem 
Artikel „Vortrag**, den J. A. P. Schulz 
für Sulzer's „Theorie der schönen Künste** 
schrieb, an den sich dann Türck in seiner 
Klavierschule anlehnte und das Wort 
„Phrase** im gleichen Sinne gebrauchte. 
Milchmeyer spricht vom „musikalischen 
Gespräch**, dem Zusammenhang verschie- 
dener Gesangssätze, die vom Schüler nicht 
„zertheilt** werden dürfen. „Wer hierauf 
nicht aufmerksam ist, wird nie der Musik 
ihren wahren Vortrag geben, denn er gleicht 
im Spielen einem Sprechenden, der mitten 
im Worte Athem höhlt. Aber nach dem 
Ende eines jeden Gesangsabschnittes, er sei 
klein oder gross, müssen die Finger die 
Klaviatur verlassen und sich auf das künftige 
vorbereiten.** Das „musikalische Gespräch**, 
welches er als Beispiel anführt ist dann nach 
seinem melodischen Inhalt in richtiger Weise 
durdi Bogen gegliedert — Etwas in Ver- 
legenheit geräth unser Autor bei der Ein- 
theilung verschiedener Notenwerthe in beiden 
Händen. Er bemerkt verdriesslich: „Kompo- 



- 79 — 



nisten für das Pianoforte sollten freylich in 
der Mnsik lieber das Zusammenhängen solcher 
musikalischen Gänge vermeiden, welche nie, 
oder doch sehr selten gut mit beyden Händen 

auf einmal sich spielen lassen^. „Der 

geschickte Spieler macht freylich beyde 
Stimmen in inrer wahren Gleiclmeit," — — 
dem Anlänger weiss der Schreiber aber keinen 
anderen Rath zu ertheilen, als dass er „be- 
ständig die begleitende und nie die singende 

Stimme aufopfere/ Nun kommen die 

verschiedenen Spielarten an die Keihe, der 
Autor unterscheidet 3: die natürliche, die 
gebundene und die abgestossene und lobt 
besonders die zweite, bei der die Noten 
länger liegen bleiben, als wie sie Werth 
haben, als ganz besonders geeimet für das 
Pianoforte. „Sie macht den Ton weich, 

S leichsam sammtartig und kann vom c über 
em 6-Schlüssel bis zu den höchsten Tönen 
angewendet werden,^ diese besonders werden 
dadurch versüsst und erweicht.^ — Gegen 
diese „Süssigkeit" möchten sich unsre Ohren 
heut wohl sträuben. — Zum Schluss dieses 
ersten Kapitels wird der Schüler ermahnt, 
nichts anderes zu spielen, als was der Kom- 
ponist hingeschrieben, keine „Auszierungen^ 
und Füllungen hinzuzufügen. „Ist die Musik, 
die ich spiele, vnrklich schlecht, so bin ich 
zu tadeln, dass ich sie lerne, ist sie aber gut, 
so hat der Komponist auch alles geschrieben, 
was nöthig v^ar, und ich verderbe mit meinen 
Auszierungen das Stück, so wie durch un- 
nöthiges Gewürze eine kräftige Brühe ver- 
dorben wird.^ — Sehr amüsant sind die 
Anfuhrungen einiger üblen Angewohnheiten, 
vor denen man sich zu hüten habe: „So 
legen verschiedene Personen bey Pausen die 
Hand auf das Knie oder auf das Notenpult, 
andere schauen während des Spielens den 
Zuhörer starr an, noch andre wollen eine 
Kunst darinnen suchen, dass sie sich mitten 
im Spiel schneuzen, verschiedene rücken das 
MusiKblatt hin und her, besonders bei schweren 
Gängen und entschuldigen dann Fehler da- 
mit, dass sie nicht gut hätten sehen können; 
viele wanken während des Spiels mit dem 
Kopf hin und her und schlagen die Augen 

zärtlich in die Höhe, vor allen solchen 

lächerlichen Gewohnheiten muss sich der 
Anfänger hüten.^ Nun kommt die Mahnung, 
vne man das Alles vermeiden soll, zum 
Schluss heisst es: „Spieler und Spielerinnen 
sind noch weit von der Vollkommenheit ent- 
fernt, wenn sie bey Vollendung eines musi- 
kalischen Stückes, sei es auch noch so schwer, 
Erosse Tropfen schwitzen, denn dies ist ein 
eweis, dass das Stück über ihre Kräfte 
war." 

Im zweiten Kapitel, über den „Finger- 
satz" fiberraschen die oft ganz modernen 
Regeln. So lässt der Verfasser oei gebrochenen 
Akkorden in allen Lagen und in allen Ton- 



arten denselben Fingersatz nehmen, unbe- 
kümmert ob der Daumen dabei auf eine 
Obertaste kommt. „In mehr als der Hälfte 
der Tonarten ist man genöthigt den Daumen 
auch auf die schmalen Tasten zu Uiun, wenn 
man nicht einen schlechten Fingersatz haben 
will. Ich halte es daher für klüger, einerley 
Finger in allen Tonarten zu brauchen, um 
hierinnen Einheit zu beobachten." Und an 
andrer Stelle: „Man nimmt es als Regel an, 
dass der Daumen und kleine Finger nidit 
ohne Noth auf die schmalen Tasten gesetzt 
werden sollen, aber in der gebundenen Spiel- 
art ist man besonders bei Terzen-, Sechsten- 
und Akkorden-Gängen fast alle Augenblicke 
gezwungen, auch die schmalen Tasten mit 
diesen Fingern zu greifen, um dem Spiele 
den gehörigen Ausdruck zu geben, denn dem 
Ausdruck oder dem musikalischen Gefühle 
muss man alle Regeln aufopfern und sie so 
gut als nur möglich darzustellen suchen.^' — 
Das kann man sich auch heut noch als sehr 
beachtenswerth hinter die Ohren schreiben. — 
Nachdem unser wackrer Milchmayer dann 
über den Fingersatz und Sextenfolgen sehr 
genaue und zum grössten Theil sehr ver- 
nünftige Regeln gegeben hat, schreibt er: 
„So wie alle Künste ihre Marktsehreiereien 
haben, durdi welche dem grossen Haufen 
Staub in die Augen geblasen wird, so fehlt 
es leider I auch in der Musik nicht daran. 
Will man nun nicht zuweilen von Nicht- 
kennem für unwissend gehalten werden, so 
muss man wenigstens Kenntniss davon haben. 
Zu den Marktschreiereien bei dem Spiele des 
Pianoforte, rechne ich geschleifte Terzen-, 
Sechsten- und Oktaven-Gänge, welche alle 
nur in G-dur, und auf einer nicht tief fallenden 
Klaviatur sich spielen lassen.'^ — Obgleich 
unser Autor sehr verdriesslich über diese 
Snielart ist, so giebt er doch für die, die 
„oiese Narrheit^^ mitmachen wollen, Anleitung 
zur Ausführung.^' Am Schluss dieses Finger- 
sate-Kapitels spricht er wieder sehr ver- 
ständig darüber, dass man nicht überall den 
gleichen Fingersatz anwenden dürfe, sondern 
einen Unterschied bei kleinen und grossen 
Händen müsse. Er fügt aus seiner eigenen 
Praxis hinzu: „Seit den 24 Jahren, da ich 
unterrichte, habe ich die Bemerkung gemacht, 
dass das deutsche Frauenzimmer, wie auch 
das schweizerische, viel kleinere Hände hat, 
als das französische. Ich bin daher genöthigt 
gewesen, in Wien, Dresden, München und 
anderen deutschen Städten, so me in Bern, 
der kleinen Hände wegen, andre Regeln des 
Fingersatzes anzunehmen, als ich achtzehn 
Jahre lang in Frankreich beobachtet hatte.'^ 
Zeigte sich unser Autor in die sem Kapitel 
als ein Mann des Fortschritts, der schon 
einen Schritt über die Anschauungen seiner 
Zeit hinaus gethan, so finden wir ihn im 
nächsten Kapitel „Von den Manieren" nicht 



— 80 — 



ganz 80 sattelfest. Seine Regeln sind 
schwankend, er l&sst den knrzen Vorschlag 
in den Zeitwerth der vorhergehenden Note 
fallen, wogegen schon Ph. Em. Bach geeifert, 
er zeigt Ansfiihrangen von Doppelschlägen 
nnd Trillern an Beispielen, weiss aber keine 
Regeln dafär anfznstellen. Amüsant ist, dass 
er die Fermate zn den „Manieren'' rechnet.^) 
Er unterscheidet drei „Rnhepunkte.'' Den 
ersten „nach dem man nicht das geringste 
macht, sondern wenn man einige Augenblicke 
auf der Note verweilet hat, sogleich zu den 
folgenden Noten fortgeht''; den andren, „nach 
dem mau durch eine kleine Caprize, d. h. 
durch einen willkührlichen musikalischen 
Gedanken zn den folgenden Noten fibergeht" ; 
und endlich drittens „die sogenannte Gadenze, 
die von allen begleitenden Instrumenten, 
einige Takten vorhero vorbereitet wird, und 
bei der man nun eine längere Zeit verweilen. 



*) Tfirck zfthlt sie in seiner Klavierschoie za den 
willkCirlichen Manieren. 



seinen Gedanken und seinem erfinderischen 
Geiste freien Lauf lassen, Akkorde, Gänge, 
Manieren, Läufe u. dgl. machen kann, welche 
mit dem Stücke selbst in keiner Verbindung 
stehen und den vorhergespielten Gängen nicht 
im geringsten gleichen." Er giebt zu allen 
drei Arten Beispiele, warnt aber solche, die 
Kadenzen nicht aus dem Stegreif erfinden 
können, auswendig gelernte spielen zu wollen, 
weil dajs eine „missliche Sache" sei. „Zum 
Glück für die Anfänger und für die Lehrer 
selbst, welche Kadenzen für ihre Schüler auf- 
schreiben mussten, nahet die Kadenzenraserey 
ihrem Ende und das mit Recht Ich habe 
Kadenzen in Konzertsälen madien hören, 
welche wohl zehn Minuten dauerten. Nun 
frage ich aber jeden vernünftigen Menschen, 
ob nicht dergleichen Kadenzen, bei denen 
der Spieler ewig verweilen zu wollen scheint, 
die Hauptgedanken des Komponisten, das 
ganze Stück und alles, was vorher gespielt 
worden ist, vergessen machen"? — 

(SchlosB folgt) 



(Naehdinck TcrbotmO 



Der Begründer der Firma Stelnway & Sons. 

Von Dr. Adolph Koliiit. 



Als am so. November v. J. die Naohrieht von dem 
HiuBcheiden William Steinways, des letiten 
der Begründer des Weltbaaaes Steinway and Sons, die 
Strassen Newyorks dnreheilte, sanken die Flaggen der 
City- Hall an! Halbmast^ denn die Hauptstadt der Union 
hatte einen ihrer verdienstvollsten, geachtetsten Söhne 
verloren. Das Deatsch-Amerikanertham stand an 
der Bahre eines der ruhmvollsten Vertreter deutscher 
Intelligens und Thatkraft in den Vereinigten 
Staaten. Nicht sich selbst allein verschaffte der ge- 
waltige Qrossindustrielle die gebietende Stellung in 
Amerika, sondern auch seinem Instrumente, dem 
£lavier. Die Steinway-Flügel und £laviere sind 
jenseits des Ozeans zu einer ganz ausserordentlichen 
Verbreitung nnd riesigen Volksthümlichkeit gelangt, 
und die Firma kann sich dessen rühmen, dass ihre 
Fabrikate den grössten Absatz gefunden haben. 

Hat auch das Welthaus erst in den letzten 
8 Jahrzehnten, seitdem das Unternehmen in eine 
Aktiengesellschaft umgewandelt und William Steinway 
als deren Prftsident gewfthlt wurde, jenen bewunde- 
rungswürdigen AnÜBchwung genommen, so darf der 
erste Begründer und Bahnbrecher, welcher unend- 
liche Schwierigkeiten zu beseitigen und eine Welt 
von Hiodernissen zu bekämpfen hatte, nämlich 
Heinrich Bngelhard Steinway, mit 
dessen Geburt am 15. Februar d. J. eben 100 Jahre 
verflossen waren, nicht veigessen werden. £r verdient 
dies um so mehr, weil er ein self-made man in des 
Wortes strengster Bedeutung war und weil er den 



Tankees bewiesen hat, welch glänzende Ergebnisse 
deutsche Arbeit, rastlose Schaffenskraft nnd geniale 
Begabung zu zeitigen im Stande sind 

Ja, Steinway war ein guter Deutscher, der ursprüng- 
lich .Steinweg* hiess und der wohl schwerlich seine 
Vaterstadt Wolfshagen im Alter von 53 Jahren mit 
Weib, Kind und Kegel verlassen hätte, um jenseits 
des grossen Wassers sich eine neue Laufbahn zu 
gründen, wenn die politischen Verhältnisse in 
Braunschweig in der Mitte unseres Jahrhunderts ihn 
nicht zur Auswanderung gezwungen hätten. 

Der am 15. Febr. 1797 als das jüngste von 
12 Kindern geborene Henry Engeibard Steinway 
hatte eine recht traurige Jugendzeit durchgemacht 
In der harten Schule des Lebens reifte er bald zum 
Mann heran. Im Sommer 1813 wurden sein Vater 
und seine Brüder vor seinen Augen vom Blitze er- 
schlagen, während die anderen Brüder mit den west- 
phälischen Truppen den Feldzug gegen Russland 
mitmachten und dort fielen. Kummer und Sorgen 
waren seine steten Begleiter und nur seiner zähen 
Thatkraft und seinem Glauben ao seinen Stern hatte 
er es zu verdanken, dass er nicht zu Qruode ging. 
Schon frühzeitig zeigte er musikalisches Talent; er 
interessirte sich in erster Linie für die Orgel und 
den Orgelbau. Obschon der Zunftzwang jener Zeit 
ihm peinliche Hemmnisse in den Weg legte, gelang 
es ihm doch« mit 28 Jahren in Seesen — am Harz 
— ein kleines eigenes Qeshhäft zu errichten, dem 
er durch rastlosen Fleiss, welcher ihn allezeit aus- 



— 81 — 



zeichnete, und hervorragende Begabung schnell eine 
grosse Ausdehnung zu geben wusste. Noch im selben 
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Saardam als Schiffszimmermann auf der Werfft 
arbeitete, um die SchiffiBkonstruktionen gründlich 
zu Studiren. und diese Arbeit brachte reichen Lohn. 

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Firma zu 
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Gonsemtorini fBr Hosik m Wiesbaden 

Rheinstrasse 54. (Direktor: Albert Fuchs). 



10. & n. ?oitmsg-Mia 





(Historische Concerte). 



-Ö8e>- 



Programm. 



Montag, den 8. März, Abends 7 Uhr, 

im Saale des Instituts: 



Georg luffat 

(16 . . -1704). 



135. Passacaglia für Streichorchester . . 
(Erste Ausgabe, Salzburg 1682.) 

136/7. Zwei Gesänge für Sopran: 

a) „Movete via pi^ta'', Madrigal Giolio Cacclnl, detto Romano 

(1660-1615). 

b) Arietta Salvator Rosa 

Frftalein Mariamie Sohenck. (I6I6-1678). 

138. Concerto grosso in D-dur CoreUi-fiemlniaiio 

(166S-1718) (1680-1762). 

(Conoeiüno: 2 Yiolineii, Yiola o. Cello; Oonoerto 
grosso: 2 Violinen, Yiola, Cello u. Bass, 
mehrfach besetzt, und Cembalo.) 

(C«mbalo toh Pietro Olüstl, Loeca 167S.) 

139. Aria nell opera ,,Artaserse'' . . . 

Frftalein Fanny Borntrftger. 

140. Menuett fiir Streichorchester u. Cembalo 

aus „Bourgeois et gentilhomme" 



Leonardo Vinci 

(1690-1782). 



141. Dignare für Alt-Solo a. d. „Dettinger 

Te Deum" 

Frftalein Henriette Panthel. 



Jean Baptlste Lolly 

(1688—1687). 

Georg Händel 

(1685—1769). 



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142. Stabat mater für Sopran- und Alt-Soli, | 

Frauenchor, Streichorchester, Orgel | 

und Cembalo Giev. BatL PefgOlesi | 

I Soli: Frl. Marianne Schenok, (i7io-i786) f 

I Frls. Henriette Panthel n. Fanny Borntrftger. g 

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Donnerstag, den 11. März, Abends 7 Uhr, 

im Saale des Instituts: 



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143. Sonata da chiesa a tre voci (due Violini 

e violone, col Basso per TOrgano) . 
Herren Gösoh, Diener n. Becker. 

144/6. Drei Clavier-Compositionen : 

a. Präludium mit Fuge a. d. F-moU-Suite 

Fräulein Johanna Steinhftnser. 

b. Präludium und Fuge in G-moll , . 

Ca. d. wohltemp. Glavier). 
Herr Adolf Wollwebor. 

c. Arie u. Variationen in E-dur f. Ciavier 

Fränlein Luise Christ. 

147/58. Canzonette alla Veneziana, 12 alt- 
italienische Canzonen vom Anfang des 
18. Jahrh., nach den in der Musikalien- 
sammlung S. M. des Königs v. Sachsen 
enthaltenen Manuscripten, bearbeitet u. 
übersetzt v. Albert Fuchs. 

(Verlag von O. Rioordl A Co., IfftiUnd). 

Sopran: Frl. Wilhelmine Kroesen. 
Mezzo-Sopran : Frl. Betty See fei s. 

1 59. Adagio u. Fuge (C-dur) f. Violine allein 

Herr Karl Qdsoh. 

160. Duett a. d. Oper „Radamisto": „Se 

teco vive il cor** 

Frls. W. Kroesen und B. Seefels. 



ircan jdo CordU 

(IS&8— 1718). 

6. Hindd 

(1685-1759). 

J. Seb. Bach 

(1686—1750). 

6.UndeL 

Handschriften a. d. 
Jahnn 1716, 17i7 n. 
i798. 



J. Seb. Bach 

(1685—1750). 

d Händel. 



Nur diese Programme, sowie die Legitimationskarten der Mittel- 
und Oberklassen berechtigen zum Besuch der AaffOhmngen. I«'erner sind 
reservlrte Plätze zum Preise yon Mk. 1.— (für die beiden Aufführungen 
giltig), zum Besten der Stipendienkasse im Bureau des Instituts yerkäuflich. 



ItlllHIiQl tlllllllKI |i:|ir|l.|li|l.lr|' lll|fi|il|iillilllll>lllll'|ii|i:|ii||i|lt|l>IMIIIIIIIIl|IIIH|li|lltltlntlltUfllllllllllllllt|llllllllltl|ltlllMltlltl>|ll|lltllllil"l"l"l'll 'I ll'll'il'll |i || 11 |t Q ■' I It 



— 81 — 



zeichnete, und herroiragende Begabung schnell eine 
gro88e Ausdehnung za geben wusste. Noch im selben 
Jahre gründete er sich ein eigenes Heim. Das Ge- 
schäft nahm einen gedeihlichen Aufschwung, und 
seine heranwachsenden Söhne — Theodor, Gharles, 
Henry, William und Albert — standen ihm treu 
zur Seite und führten mit YerstSndniss seine 
Ideen aus. Namentlich war es sein ältester, 
Theodor, der hohes musikalisches Talent zeigte und 
in der Mechanik und Technik des Klavierbaues 
schon in frühester Jugend sich rühmlich her- 
Torthat. 

Der alte Steinway war ein Grübler, ein Erfinder- 
genie, welcher, die Mängel und Unvollkommenheiten 
der Klaviere jener Zeit wohl kennend und beklagend, 
darüber nachsann, wie man Verbesserungen an- 
bringen könnte. Die Vorzüge der englischen Klavier- 
baukunst mit denen der deutschen zu vereinen, das 
schwebte ihm als Ideal vor. Nachdem er ein volles 
Jahr an einem solchen Instrument gearbeitet hatte, 
gelang ihm der grosse Wurf. Sein 1834 konstruirtes 
Klavier erregte grosses Aufeehen und fand bald einen 
Käufer. Der Erfolg spornte Steinway immermehr 
an, und seitdem hatte die Klavierfie^brikation ihm zahl- 
reiche wichtige Erfindungen und Entdeckungen zu 
verdanken. Die weitesten musikalischen und 
industriellen Kreise des Herzogthums Braunschweig 
wurden auf den kühnen Klavierbauer aufmerksam, 
besonders seit 1839, als er auf der Braunschweiger 
Industrie- Ausstellung drei Klaviere ausgestellt hatte, 
deren Trefflichkeit die Bewunderung aller Kenner er- 
weckt hatte. Zu diesen gehörte auch Albert 
Gottlieb Methfessel, der bekannte 
Liederkomponist, von 1832—1842 Hoikapellmeister 
in Braunschweig. Als Präsident des ^eisrichter- 
koUegiums pries er mit beredten Worten die Rein- 
heit und Fülle des Tons, sowie die solide Arbeit 
der Steinway'schen Klaviere. Es war daher ganz 
selbstverständlich, dass die Jury der Firma den 
ersten Preis zuerkannte. 

Durch die Gründung des deutschen Zollvereins 
1843 wurde der Industrie ein harter Schlag versetzt. 
Braunschweig, welches dem Zollverein beitrat, trieb 
förmlich seinen strebsamen Sohn in die Fremde, da 
es ihm unmöglich wurde, in Folge der hohen Zölle 
mit anderen Landestheilen zu konknrriren. Sein 
Auge richtete sich unwillkürlich nach jenem Lande, 
wo es keinen Zollverein, keine Schlagbäume und 
keine das Genie und die Unternehmungslust be- 
engende Fesseln gab, nämlich nach Amerika. Im 
April 1849 wurde Charles nach Newyork geschickt, 
um dort das Terrain zu recognosciren, und seine 
an die Familie gesandten Berichte aus der Haupt- 
stadt der Union waren so hofbungsreich, dass der 
53 jährige Mann sich kurz entschloss, 1850 mit seiner 
ganzen Familie auszuwandern und nur den ältesten 
Sohn, Theodor, zur Führung des Geschäfts in Seesen 
zurückzulassen. 

Steinway verschmähte es nicht, mit seinen 
Söhnen als einfacher Arbeiter in die Newyorker 
Pianoforteftibriken einzutreten, um die Kunst und 
die Geheimnisse der Newyorker Meister kennen m 
lernen — gerade wie einst Peter der Grosse m 



Saardam als SchifTszimmermann auf der Werfft 
arbeitete, um die SchiffiBkonstruktionen gründlich 
zu Studiren. Und diese Arbeit brachte reichen Lohn. 
Schon nach drei Jahren war er in der Lage, sich 
auf eigene Ffisse zu stellen und eine Firma zu 
begründen, welche später den Weltmarkt sich erobern 
sollte: „Steinway and Sons.* 

Vorsichtig, wie der Meister war, fing er klein 
und bescheiden an. Er eröffnete seine Werkstätte 
in einem Miethhause, in dem 3 stöckigen Hintergebäude 
in der Vaisik Street, und war froh, wenn er bloss 
ein Instrument in des Woche fertig stellen konnte. 
Er wuchs jedoch bald mit seinen höheren Zwecken. Es 
kam ihm und seinen Söhnen nicht allein darauf an, 
schön aussehende und wohlgefällige Instrumente 
herzustellen, sondern vor allem solche, die mit der 
grössten Haltbarkeit und mit elegantester Aeusserlich- 
keit auch die Qualität ästhetischer Vollendung ver- 
banden. Es wuchsen die Räume, es dehnte sich das 
Haus. Es wurden grössere Fabrikräume in der Walker- 
Street gemiethet — und die erste, aufmunternde, 
epochemachende Anerkennung blieb nicht aus : im 
März 1855 erhielten Steinway and Sons in der 
Metropolitan-Austelluog in Washington für 2- und 
3 saitige Tafelfonn-Pianos die erste goldene Preis- 
medaille. Die Zahl der Auszeichnungen der Firma 
ist seitdem Legion. Bis zum Jahre 186S allein, von 
welchem Zeiträume keine lokale Ausstellung in den 
Vereinigten Staaten mehr beschickt wurde, erhielten 
Vater und Sohn Steinway 34 Preismedaillen in Gold 
und Silber in verschiedenen Ausstellungen. Auf 
der internationalen Weltausstellung zu London 1862 
wurden ihnen eine ersto Preismedaille, auf der inter- 
nationalen Weltausstellung zu Paris 1867 die grosse 
goldene Ehren-Medaille, auf der Internationalen 
Weltausstellung in Philadelphia 1876 zwei Ehren- 
Medaillen und zwei Verdienst-Diplome, auf der Inter- 
nationalen Patent- und Erfindungs-Ausstellung in 
London 1885 die goldne Medaille etc. zu theiL Auch 
Souveraine geizten mit ihren Auszeichnungen nicht, 
u. A. yerlieh der Firma König Karl XV. von 
Schweden und Norwegen die grosse goldene 
Nationalmedaille. 

Während Papa Steinway auf immer neuere Er- 
findungen und Verbesserungen sann, hatte William 
Steinway, ehi Mann von aussserordentlichen organi- 
satorischem Talent, die finanzielle und kaufmännische 
Leitung in Händen. Der Tod seiner beiden hoff- 
nungsvollen Söhne, Henry und Charles, erschütterte 
den Vater sehr und es war ihm ein Trost in seinem 
Schmerz, dass der älteste, Theodor, (f 26. März 1889) 
die Fabrik in Seesen au%ab und die technische 
Leitung in New-Tork übernahm. 

Henry Engelhard 8teinway*s Name, Ruhm und 
Vermögen wuchsen von Jahr zu Jahr; es gab keine 
Niederlage, keinen Stillstand, sondern immer nur 
Siege und Fortsehritte. Auch äusserlich zeigten 
sich Steinway and Sons im Ghuize ihrer Grösse und 
Macht. Sie erbauten 1859 ein grossartiges Fabrik- 
Etablissement, die ganze Strassenfront Ton der 
52. und 53. Strasse einnehmend, zwischen der 
4. und Lezington-Ayenne gelegen, das immer- 
währende Erweiterungen erfuhr und jetzt 26 Stadt- 



— 82 — 



lotB eiDnimmt. Das 6 stöckige Backstein Gebäude 
nmfasst nicht weniger als 175—180 Qaadratfnss ond 
gleicht allein einer kleinen Stadt In Steinway 
Astor ia » gegenüber der Stadt Mewyork gelegen — 
haben Steinway and Sons für Lagerang und Verarbei- 
tung ihrer Materialien grossartige Werke angelegt 
Ebenso sind dort grossartige Metallwerke und Giesse- 
reien eingerichtet. In ihnen werden die speciell und 
ausschliesslich für den Gebrauch in Steinway-Iostm- 
menten bestimmten Gassstücke Ton Stahl und Stahl- 
bronce hergesteUt Steinway and Sons sind die einzigen 
KlaTier-fisbrikanten, welche ihre eigene Giesserei be- 
sitzen und deren Konstruktion und Giesskunst es ihnen 
möglich macht, jene gewölbten, freischwebenden 
Stahlrahmen herzustellen, welche im Verein mit dem 
angewandten, mathematisch genauen, doppelten 
aliquoten Sksia den mSchtigen, weichen, sympathischen 
Ton und die ausserordentliche Stimmungsdauer er- 
geben, welche alle ),Steinways* auszeichnen. 

Besonders Epoche machend zeigte sich das kreuz 
saitige System, das Steinway 1859 bei den Flügeln 
und 1866 bei den aufrechtstehenden Pianos in An^ 
Wendung brachte. 

Im Jahre 1866 entstand die .Steioway-Hall*, ein 
prächtiges Konzertlokal, in dem Sänger und 
Sängerinnen von Weltruf und die berühmtesten 
Virtuosen auf dem Klavier und der Geige dem 
kunstliebenden Publikum Newyorks zuerst vorgeführt 
wurden. Diese Konzerthalle umfasst 2400 Personen 
und ist ein Meisterwerk von vorzüglicher Akustik 
und künstlerischer Ausschmückung. 

In Buropa hat die Firma nur zwei Filialen, näm- 



lich in London, wo sieh das Gentraldepot in Steiniray- 
Hali, No. 15 und 17 Lower Seymour Street, Putman 
Square befindet, und in Hamburg, St Pauli No. 20 
bis 24, Neue Rosenstr. und 11 und 12 Ludwigsgasse. 
Das letztgenannte Etablissement wurde am 4. Okt 1880 
gegründet, und 10 Jahre darauf feierten mehr als 
£00 dort beschäftigte Arbeiter das ein Jahrzehend- 
Bestehen des Zweiggeschäfts, im Beisein William 
Steinways, sowie seines Neffen Ghaa. H. Steinway 
und des Direktors Herrn A. von Holwede. Die in 
Newyork konstruirten und in Hamburg fertig ge- 
stellten Steinway-Pianos sind absolut dieselben und 
unterscheiden sich nur durch die Art der äusseren 
Politur. 

Am 7. Februar 1871, 74 Jahre alt, schied der 
Begründer des Welthauses, Henry Engelhard Steinway, 
aus dem Leben, nachdem er sich kränklichkeitB- 
halber schon mehrere Jahre vorher von der Leitung 
seines Hauses zurückgezogen hatte. 

Stdnway und seine Söhne und Enkel wurden 
alle durch und durch Amerikaner. Er schwärmte 
zwar für das Land der Freiheit, wo jeder ungehindeii 
seine geistigen Schwingen entfalten konnte; aber 
sein Herz blieb echt deutsch. Kdn Deutscher ging 
an seinem Hause vorüber, ohne von ihm im Noth- 
falle unterstützt zu werden, und es bereitete ihm 
ein hohes Vei^ügen, dass sein Sohn William sich 
in die Politik stürzte und ein einflussreicher Führer 
der Deutschen in Amerika wurde. Namentlich für 
deutsche Schul- und Kulturzwecke hat die Firma 
Jahr aus Jahr ein ungeheure Summen ausgegeben. 



Musik-Auf ffihrungeii. 



Berlin, 13. März 1897. 

Bei Schluss der Redaktion war der Musik- 
Bericht des Herrn Eichberg noch nicht eingetroffen. 

Die Opern-Aufführung, welche Herr 
0.. Eichberg mit seinen Schülern und Schüle- 
rinnen am 8. März im .Neuen kgl. Opemhause, ver- 
anstaltet hatte, hinterliess dnen sehr günstigen Ein- 
druck und bekundete aufs neue, wie Hervorragendes 
Herr Eichberg als Stimmbildner und Lehrer des 
dramatischen Gesanges leistet Theile aus Mozart*s 
Zauberflöte, Wagner's Lohengrin, Qounod's Margarethe 
und Verdi*s Rigoletto gelangten mit Orchesterbe- 
gleitung zur Aufführung. Als Solisten thaten sich 
hervor in erster Reihe Frau M. König als Ortrud. 
Es war in Bezug auf Grösse des Tons, dramatischen 
Ausdruck, Mimik und Plastik eine ganz hervorragende 
Leistung, wenngleich die helle Stimme nicht ganz dem 
Charakter der Rolle entsprach. Sodann ist Fräulein 
H. Wegner als Elsa und Margarethe zu nennen, 
die mit ihrer lieblichen Erscheinung und der süssen, 
leicht ansprechende Stimme die Rolle aufs glücklichste 
verkörperte. Koloraturgewandt, zierlich in der Er- 
scheinung, glücklich in der dramatischen Belebung, 



zeigte sich Fräulein L i n d e n als SiebeL Von den 
Herrn thaten sich Herr C. Humalda als Tamino 
und Faust, Herr A. Dalimann als Papageno und 
Telramund und Herr H. Möller -Dietz als 
Mephisto hervor, wenngleich sie in schauspielerischer 
Beziehung hinter den Damen zurückstanden. Das 
Ensemble war ein musterhaftes, alles war aufs 
sorgfiUtigste und gewissenhafteste vorbereitet Herr 
0. Eichberg kann mit Genungthuung auf den Erfolg 
dieses Abends zurückblicken. E. B. 

Eine Prüfungsaufführung des Konservatoriums 
der Musik unter Leitung des Direktors Herrn 
Franz v. Hennig führte die Mittel- Ober- und 
Ausbildungsklassen vor und befriedigte in allen 
seinen Theüen in hohem Masse. Man ersah aus den 
Leistungen der schon recht vorgeschrittenen Schüler, 
mit welchem Ernst und welch grosser Sorgfalt die- 
selben unterwiesen werden. Alle Ausführenden be- 
sitzen einen gesunden, modulationsreichen, weichen 
Anschlag, sichere Technik, ein straflPes rhythmisches 
und TaktgefOhl und verständnissvolle Auffassung. 
Mitunter störte die Freude am Hören ein zu häufiger 
Pedalgebrauch. eh. 



— 83 - 



Ton hier und ausserhalb. 



Berlin. Hr. Prof. Dr. Joachim in Berlin erhielt 
die Kommandear-Insignien 2. Klasse zum Anhaltini- 
schen Haasorden Albrecht's des Bftren. Die Hfl. 
Prof. Dr. FraDZ Wallner and Theaterdirektor Jallas 
Hofmann in Cöln, sowie Hofrath Schach in Dresden 
vom Prinzregenten voo Bayern den Yeidienstorden 
vom beil. Michael, Kammervirtaos Prot Wien in 
Stattgart vom Fürstea von HohenzoUern das Ehren- 
kreaz 3. Klasse des Hohenzollemschen Haasordens. 

— Frftalein Lina Beck aas Frankfart a. M.» 
welche zwölf Jahre an Stockhaaseas Gesangschale 
daselbst thätig war and sich als eine hervorragende 
Gesanglehrerin erwiesen hat, welche die Intentionen 
dieses Altmeisters des Kanstgesanges anfii genaaeste 
kennt, tritt am 1. Oktober 1897 in die darch Ab- 
gang der Fran Amalie Joachim freiwerdende 
Stelle am Konservatoriam Klindworth-Scharwenka in 
Berlin. 

» Dr. Max FriedlSnder, der Schnbert-Forscher 
and Privatdozent an der hiesigen Universität, liefert 
Jetzt den Beweis, dass das berühmte Wiegenlied 
„Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein*, das seither 
anter Mozartacher Flagge gesegelt ist, von einem 
Berliner Arzt aas der zweiten Hfilfte des 18. Jahr- 
handerts, namens Bernhard oder Edaard Fliess, her- 
rohrt. Der dänische Staatsrath Nissen, der ver- 
wittweten Constanze Mozart zweiter Gatte, hat, als 
1828 seine Mozartbiographie erschien, das Lied, ob- 
wohl positive Anhaltspunkte dafar nicht vorlagen, 
aber wohl gatgläabig anter Mozartsche Kompositionen 
eingeschmaggelt Nachdem Max Friedländer aber 
schon früher (1892) bewiesen hat, dass das beregte 
Wiegenlied, dessen Text aas dem von Friedrich 
Wilhelm Gotter herrührendea Schaaspiel Bsther 
stammt, das vier Jahre nach Mozarts Tode ver- 
öffentlicht warde, nicht von Mozart herrühren kann, 
ist es seinen Bemühangen jetzt auch gelangen, den 
wirklichen Komponisten za ermitteln. JSr hat aaf 
der Hamborger Stadtbibiiothek ein Wiegenlied von 
Gotter, in Mnsik gesetzt von Flies, za haben bei 
BGheim in Berlin, gefunden, and diese Komposition 
ist eben keine andere, als die seither anter Mozarts 
Namen karsirende. lieber den Komponisten Flies 
bringt das Ledebarsche Berliner Tonkünstlerlexikon 
a. a. die Mittheilang, dass eine Operette seiner 
Komposition, „Die Regatta'', 1798 im kgl. National- 
theater za Berlin aufgeführt worden ist and dass er 
Klaviervariationen über das Menaett aas „Don Juan** 
komponirt hat 1829 ist er, 58 Jahre alt, in Berlin 
gestorben; 1828 ist das Mozartsche Wiegenlied zam 
ersten Male veröffentlicht worden. 

— Am 12. Febraar, dem Todestage Hans von 
Bülow's, fand die feierliche Uebergabe einer im 
Foyer des Hambarger Stadttheaters aufgestellten 
Büste des gefeierten Dirigenten an die Stadttheater- 
Gesellschaft statt and zwar darch den Stifter Hm. 
Dr. Behn. Der Spender begleitete die Ueberreichang 
mit einigen herzlichen, warm empfdndenen Worten, 
in denen er innächst aaf sein Gelöbnis bei der 



Todesfeier for Bülow und sein damals gegebene 
Versprechen, dass das Gedächtniss Bülows trea be- 
wahrt werden solle, zurückkam. Dies Versprechen 
löse er ein, indem er der Stadt ein Abbild des 
Meisters überreiche. Im Namen der Theaterge- 
sellschaft übernahm darauf Hr. Senator O^Swald die 
Büste. In kurzen Worten erwähnte er nochmals die 
Verdienste Bülows, den Hamburg mit Stolz Jahre 
lang zu seinen hervorragendsten Bürgern gezählt 
habe, er dankte dem edlen Stifter und gab zum 
Schluss das Versprechen, dass die Theatergesell- 
schaft das Geschenk bereitwillig aufiiehmen and 
treu bewahren würde. An die beiden Reden, die 
ihren Bindruck auf die kleine, aber sehr gewählte 
Versammlung nicht verfehlten, schloss sich eine im- 
provisirte Aufführung des Traaermarsches aus der 
,Götterdämmerung*an. Die Büste hat den anwesenden 
Musikern ausgezeichnet gefallen. Auf schwarzem 
Sockel, der nur die Daten des Geburts- und Todes- 
tages verkündet, erhebt sich die Marmorbüste 
Büloirs, dessen Züge ausserordentlich scharf und 
charakteristisch festgehalten sind. 

— In Leipzig ist seitens der Singakademie 
Th. Gouvy's Chorwerk (dramatische Szenea) 
.Iphigenie in Tauris* mit bestem Erfolge zur Auf- 
führung gebracht worden. Der Dirigent des Vereins, 
Dr. Paul Kiengel, hatte das Werk mit grosser Liebe 
einstadirt; edle Melodik, reiche, wohlklingende 
Harmonie und farbenfrische Instrumentation zeichnen 
die interessant gearbeitete Musik aus. 

» Lamoureux aus Paris und Weingartner aus 
Berlin dirigirten gleichzeitig in Leipzig. Zu einem 
Austausch von Höflichkeiten zwischen beiden war es 
vorher schon gekommen, über eine festliche Be- 
gegnung der beiden hervorragenden Dirigenten nach 
ihren Konzerten im Hotel Hauffe berichtet der Leipi. 
Generalanzeiger o. a.: Charles Lamoureux, dem wir 
Deutschen zu besonderem Dank verpflichtet sind, 
weil er es seit Jahren mit unerschütterlichem Math 
gewagt hat, inmitten des Sturmes des Pariser 
Chauvinismus der deutschen Kunst lu Ehren zu 
verhelfen und so ihre Fahne als Friedensfahne 
zwischen beiden Völkern aufzurichten, sieht man 
seine 62 Jahre nicht ao. Wie immer bei echten 
Künstiematuren die hehre Kunst zum Quell ewiger 
Jugend im Herzen wird, so riss der liebenswürdige, 
joviale Herr mit seinem freundlichen Antiitz durch 
seine Lebendigkdt und seine geistvolle Unterhaltung 
alles mit sich fort. In zartsinnigster Weise huldigte 
der jüngere Künstier, Hofkapellmeister Weingartner, 
seinem berühmten Parisjor Kollegen durch einen 
zündenden Toast, in welchem er die Verdienste 
Lamoureux' pries, insbesondere dessen Verdienste 
um die deutsche Kunst, die sein Herz den Herzen 
aller deutschen Künstier und Konstfreunde näher 
bringen mossten« Diese Worte fanden aufrichtigen 
begeisterten Widerhall. Mit herzgewinnender Liebens- 
würdigkeit dankte Lamourenx für die Ehrung mit 
dem ganzen Feuer französischer Beredsamkeit Die 



— 84 — 



AoBieichnuDg, welche ihm soeben widerfahren sei. 
habe ihn tief ergriffen; aber er schätzte sich be- 
sonders glücklich, dem heatigen Konzert beigewohnt, 
die ansgeieichnete Kapelle gehört nnd ihren Meister 
bewundert zn haben. Mit nochmaligem Aosdrack 
rückhaltlosesten Dankes schloss er seine zündende 
Ansprache, die alles geradeso elektrisierte. Fortan 
war es aber ans mit der Rohe des französischen 
Meisters; die zahlreichen nnd anmathigen Jünge- 
rinnen der Konst, welche die Tafel zierten, be- 
gannen nnnmehr einen Stormlaaf anf den liebens- 
würdigen Gast Tinte nnd Feder worden ihm aof- 
gezwongen, ond mit Brgebong in sein Schicksal 
schmiedete der galante Franzose om die mittemfich- 
tige Stande Aotographen und Stammbnchblätter. 
Als Mr. Lamooreox seinem Schicksal so onerbittlich 
erlegen war, kam HofkapellmeiBter Weingartner an 
die Reihe. Aoch auf ihn wurde mit dem grossen 



Tintenüsss der Angriff eröffnet Er schrieb der 
Leipziger Damenwelt den Anfeuigstakt seiner 
symphonischen Dichtong »König Lear* ins Stamm- 
bach. 

— In Hannover hat eine jonge Pianistin, Frftolein 
Aogoste Hopf, Schülerin des Prof. Klindworth in 
Berlin, mit vielem Glück konsertirt Die Kritik 
rühmt die tadellose Technik ond gesonde moai- 
kalische Aoffassong der jongen Künstlerin. 

Bremen« Ernst Rosmers dramatisches MSrchen 
«Die Königskinder* mit der Masik Ton »Homper- 
dinck* worde am 26. Febroar im hiesigen Stadt- 
theater Tor aosverkaoftem Haose mit demselben Er- 
folge angeführt wie in München. Die UaoptroUen 
waren ebenso besetzt wie bei der Erstaofführong in 
München, dorch Fräolein Elsa Brünner ond Herrn 
Remond. 



Bücher und Mnsikalleii. 



Albert Soubless Histoire de la Mnsiqoe 
allem an de. Paris, Ancienne maison Qoentin. 
Librairies-Imprimeries röonies. 
Unter der Direktion von M. Jules Gomte er- 
scheint in Frankreich eine «Biblioth^ne de l'en- 
seignement des Beanx Arts*, welche alle Zweige der 
Konst, der Geschichte ond des Konstgewerbes aller 
Völker ond Länder in ca. 100 Bänden omfassen soll 
nnd so deren Bearbeitong sich die herTorragendsten 
Gelehrten ond Schriftsteller Frankreichs yerbonden 
haben. Ans dem Spe iaigebiete der Mosik sind bis- 
her 'erschienen: eine «Allgemeine Geschichte der 
Mosik* ond eine .Geschichte der französischen 
Mosik*, beide von M. Henri Lavoix ver&sst Daran 
reiht sieh jetzt die oben bezeichnete Geschichte der 
deotscben Mosik. Es ist erklärlich, dass man an ein 
Werk über deotsche Kunst, welches von einem Aos- 
länder, überdem Ton einem Franzosen, geschrieben 
ist, doppelt interessirt herantritt; das Urtheil eines 
Fremden kann einerseits, Toraosgesetst, dass es nicht 
Tom Chaorinismos diktirt ist, freier wie das eigene, 
andererseits aber aoch wieder, Tom eigenen nationalen 
Standponkt beeinflosst, befangener sein. Bei Albert 
Soobies* Werk überrascht der durchaas fr^ie onbe- 
fiangene Standponkt; er ist, wie aus dem ganzen 
Werk herrorgeht, nicht nor ein gründlicher Forscher 
ond Gelehrter, sondern ein ebenso gründlicher 
Kenner, der die deotsche Mosik in ihren Werken 
gehört ond stodirt hat, ihren Werth erfasst ond mit 
Wärme, ja oft mit Begeisterong über sie spricht und 
ihr neidlos den ersten Platz im europäischen Par- 
nass zuerkannt Soubies hat sowohl über die ältere 
Masik reichhaltiges ond erschöpfendes Material zo- 
sammengetrageo, als er sich auch über die neue 
und neueste Musik ein selbständiges Urtheil gebildet 
hat, das oft durch seine Sicherheit und seine Fein- 
fühligkeit überrascht Er hat sieh nicht daran ge- 
nügen lassen, die herrorragenden Künstler in ihrem ' 



Wirken zu beleuchten, er giebt auch den kleinen 
Lichtem, den Sternen zweiten und dritten Ranges, 
den ihnen gebührenden Platz, er verfolgt die Ent- 
wicklang der Instromente, bespricht die Yirtoosen, 
die Theoretiker, die Historiker, kurs alle^ die bei 
dem Wunderbau der Tonkunst die unentbehrlichen 
Handlangerdienste geleistet und im Verborgenen an 
dem Gelingen desGesammtkunstwerkes beigetragen.— 
Näher auf den Inhalt einzugehen, Einzelheiten zu 
erörtern, kleine Lücken zu erwähnen, verbietet mir 
der Raum, nur auf die formelle Gestaltong ond die 
Gruppirung des Stoffes sei noch kora hingewiesen. 
In Bezog aof die grondlegende Entwickelang, Tona- 
lität, Notation o. a. beroft sich der Autor auf das 
Werk von Lavoix, von dem oben die Rede war, in 
welchem diese Elemente, als der allgemeinen Ge* 
schichte angehörend, gründlich behandelt sind; er 
beginnt nach kurzen Notizen über die frühe dunkle 
Zeit die eingehende Besprechung mit den Minne- 
singern und Meistersängem. Ich will hier gleich eine 
kleine persönliche Aosstellong einschieben, über eioe 
Schreibweise des Aotors, die das Stodiom des 
Werkes einigermaassen erschwert nnd weniger Ein- 
gewdhte leicht verwirren kann, es ist, dass der Autor 
oft Namen der Künstler, die Titel der Werke in's 
Französische übersetzt, oder wenigstens französirt 
Das wirkt befremdend ond kann zo Missverständ- 
nissen führen, besonders da er dies System nicht 
konseqoent befolgt So spricht er anfangs stets von 
den «Minnesingern und den Maitres chanteurs*. An 
anderen Stellen französirt er lateinische Titel; er 
nennt Kirchner*s »Musorgia oniversalis* eine »Mo- 
siqoe de Tantiquitö" und ganz wunderlich nehmen sich 
oft die naiven, deutschen Titel französirt aas; so wird 
aas Jobann Kohnau^s (der Autor nennt ihn « Jean Küh- 
nau").MasikalischemQaacksalber'' ein.Charlatan mosi- 
den^aos Büttner's «Liedlein der Lieb* die«Erotiqaes* 
ond ähnlich. — Das zweite Kapitel behandelt die Zeit 



— 85 — 



der Renaissanoe, Lother, seine Vorgänger and Zeit- 
genossen, das dritte das 17. Jahrhundert, Heinrich 
Schütz und die Vorlftafer Baches. Das zweite Buch 
umfasfit die Periode von Bach bis Beethoven, die der 
Autor in drei Gruppen: Kirche, Konzert, Theater 
^heilt und demgemfiss bespricht So anerkennens- 
werth einerseits diese Eintheilung auch ist, so hat 
sie auch wieder ihr missliches, wir müssen uns z. B. 
das Bild Haydn's und spedeli Mozart's aus drei Ab- 
schnitten zusammensuchen. Im dritten Buche, 19. Jahr- 
hundert, hat der Autor dies Verfahren yerlassen, er 
behandelt die einzelnen Künstler in ihren Total- 
leistungen. Wir begegnen hier, wie früher, den Be- 
weisen ernstester Studien und vielen trefflichen Ur- 
theilen. Wie Scabies vor dem Genie unseres Alt- 
vater Bach die grösste Ehrfurcht empfindet und ihn 
zu den grossesten, ja vielleicht als den grossesten 
aller Musiker zählt, so erkennt er an Haydn die 
grosse schöpferische Kraft, die Reinheit, Frische und 
Naivetät seiner Werke, während er Mozart's Zauber- 
flöte für die entzückendste deutsche Oper erklärt, 
zugleich aber als ein Werk, dem nichts von einer 
anderen Nation an die Seite zu stellen sei Für 
Beethoven's grandiose Schöpfungen bekundet der 
Autor die höchste Bewunderung: ^luous retrouvons 
en ses phases successives, et sous Tondulation de sa 
compleze et flexible pens4e, ie gönie souverain qni 
met le language des formes au Service d'un id^al de 
plus en plus ^levö." — Der Autor stellt Weber's 
Opern, als durchaus originelle Schöpfungen, sehr hoch, 
er spricht mit Begeisterung von dem Schubert'schen 
Liede. Von Mendelssohn sagt er, dass er der ro- 
mantischste unter den Klassikern und der klassischste 
unter den Romantikem gewesen, von Schumann's 
Masik, dass sie in ihrer ganz besonderen Eigenart in 
neue und erhebende Seiten der deutschen Oedanken- 
und Gefohiswelt einführe. Richard Wagner's Re- 
formen und Werke und der zeitgenössischen Musik 
ist das letzte Kapitel gewidmet. Er zeigt sich auch 
hier als gründlicher Kenner und begeisterter An- 
hänger Wagner's und konstatirt mit Genugthuung, 
dass beut, nach all den schmähliehen Torgängen frü- 
herer Jahre, die Wagner'sche Kunst in Frankreich 
gesiegt, dass sein Genie einstimmig bewundert 
würde, die öffentliche Gunst fast bis zur Ueber- 
schwenglichkeit ginge. — Zum Schluss sei auch den 
Illustrationen noch ein anerkennendes Wort gesagt 
Besonders ist die ältere Periode mit einer Fülle ori- 
gineller Nachbildungen aus alten Handschriften, Bild- 
werken und Gemälden geschmückt, die bis jetzt keine 
illastrirte Musikgeschichte gebracht hat, die neuere 
Zeit ist reich an zum Theil recht guten Portraits, 
ausserdem bringt sie zahlreiche Facsimiles von Ma- 
nuskripten und Handschriften. — Es gereicht uns 
zu besonderer Freude, dem schönen Werke eine 
warme Empfehlung f&r die deutschen Leser mitgeben 
zu können. A. M, 

Adolph Pochhammer: Einführung in die Musik. 
Frankfurt a./M. H. Bechhold. 
Der Autor wendet sich mit seinem Werk aus- 
drücklich an die Musikfreunde and die konzertbe- 
suchenden Laien, denen es Bedürfniss ist, sich rasch 
und leicht über verschiedene Fragen in der Masik 



zu unterrichten und unter diesem Gesichtspunkt ist 
sein Werk zu beuitheilen. Es bringt in gedrängter 
Kürze so ziemlich Alles, was im weiten Reiche der 
Tonkunst in Frage kommt: Einen Abriss der Musik- 
geschichte, die Elemente der praktischen und 
theoretischen Musik, die Instrumente und Instru- 
mentation, Paiütar und Partitariesen und ein Re- 
gister aller in der Musik ge^rftuchlichen Ausdrücke. 
Es ist selbstverständlich, dass in dem knappen Um- 
fange — , das Buch hat nur 180 Seiten — , alles nur 
skizzenhaft behandelt werden konnte, dass mancher 
kleine Irrthum mit unterläuft, aber im allgemeinen 
ist die Geschicklichkeit hoch zu rühmen, mit der 
der Autor aus der Fülle des Materials das Wichtigste 
und Wissenswertheste heraaszafinden gewosst und es 
in klarer, sinnvoller Weise zu einem einheitlichen 
Ganzen gefügt hat Ebenso zu rühmen ist seine 
fliessende Schreibweise und seine verständnissvoile 
Darstellung. Das Werk kann allen Freunden der 
Masik als ein leicht zu handhabendes, belehrendes 
Nachschlagebuch sehr warm empfohlen werden, dem 
Studirenden wird es Anregung und Verlangen 
bringen, sich von dem, im engen Rahmen Gebotenen 
zu specielleren Studien zu wenden. 
Heinrich Germer, op. 33. Zwanzig melodische 
Etüden für den Klavierunterricht. Schule des 
Sonatinenspiels. HI Bände. Beliebte Ton- 
stücke der neueren Literatur in Neuausgabe. 
Bosworth d Co., Leipzig. 
Die Etüden sind für die untere Mittelstufe ge- 
schrieben und bezwecken eine Ergänzung jener 
Studien, die nur auf Ausbildang mechanischer 
Fingerfertigkeit berechnet sind. Der Autor hat 
daher besonderes Gewicht darauf gelegt, dass alle 
anderen Faktoren der Musik, wie Besonderheiten 
des Rhythmas, gewähltere Harmonisirung, reichere 
Modulation, kontrastirende Dynamik und das 
melodische Element zur Ausbildung des Vortrag» 
in seinen Uebuogen zum Ausdruck kommen und 
die Schüler damit in die musikalilchen Elemente der 
Tonwerke eingeführt werden. So bieten sie eine 
werthvolle Ergänzung in der Literatur der päda- 
gogischen Studienwerke und werden ihrer anmuthigen 
Melodien wegen auch gern von den Schülern gespielt 
werden. — Im zweiten Werke »Schule des Sonatinen- 
spiels hat der Autor mit besonderer Sorgfalt aus 
dem reichen Schatze der leichtesten Sonatinen- 
Literator eine Aaswahl getroffen und sie in drei 
Bänden, progressif aufsteigend, für den Schulgebrauch 
bearbeitet und geordnet Germer's Weise der Be- 
arbeitung ist viel zu sehr bekannt und von den 
ersten Pädagogen geschätzt, als dass wir noch ein 
Wort des Lobes darüber zu sagen brauchen. Auf- 
genommen in die Sammlung sind Sonatinen und 
einzelne Sätze aus solchen von Andrö, Schmitt, 
Pleyel, Ries, Diabelli, Dusseck und Glementi. — Von 
der Ausgabe beliebter Tonstücke der neueren 
Klavierliteratur liegt uns beut, anschliessend an die 
Werke Peter Tschäi'kowsky's, von denen No. SO des 
«Klavierlehrer's* die Vorrede brachte, als No. 21 
Rubinsteins op. 3 die vielgespielte «Melodie* vor. 

— r. 



— se- 



in 4. Auflage, bearbeitet yon Hang Meniel ist er- 
schienen: £. F. Richter, EatechiBmus der 
Orgel — Leipiig. J. J. Weber. 
Das Werk erschien zu erst 1968, der Verfasser 
starb 1879. Der jetzige Bearbeiter hat Anlage und 
Binleitang im allgemeinen beibehaltcD, den Inhalt 
jedoch dcD neueren Errungenschaften gemSss, er- 
weitert, besonders ist das Kapitel über die Dispositionen 
Uterer und neuerer Orgeln Tollstfindig umgearbeitet 
worden. Im Anhang findet sich eine Zusammen- 
stellung der Literatur über Orgelbau und Orgelspiel 
aus ftiterer und neuerer Zeit. 

Breitkopf d Hftrtel's »Historische Bibliotheken 
für praktische Musikpflege. 2. Heft: Mosica 
saon. Leipsig, Breitkopf d Hfirtel. 
Dem ersten Heft: «Akademisches Orchester- 



Konzert* ISsst die allzeit rührige Firma jetzt die 
„musica sacra* folgen, eine Zusammenstellung Uterer 
und neuerer Kirchenmusik in acht grossen Gruppen : 
Passionen, Messen, Hymnen, Psalmen, Litaneien, 
Kantaten, Motetten und Oratorien. Je der Gruppe 
geht ein kurzer historischer Bericht über die Ent- 
wicklung derselben voraus, die Werke selbst sind 
chronologisch geordnet mit Angabe der Lebenszeit 
der Komponisten. Bs wird mit Recht im Vorwort 
darauf hingewiesen, dass die Freudo an älterer Musik 
stetig im Wachsen sei, dass aber mit diesem Er- 
starken des historischen Sinnes zugleich sich das 
Verständniss für die modernen Meister rertiefe. ^ 
Allen Chorleitern und Dirigenten kann die Samm- 
lung als unentbehrlicher Führer warm empfohlen 
werden. 



Anregong und ünterhaltang. 



In „ T i^i 1 b y *, dem berühmten Romane von 
dem EnglSnder mit dem französischen Namen: 
George du Maurier, wird ein Konzert im Hause 
eines reichen und berühmten Malers beschrieben, in 
welchem Josef Joachim und Clara 
S c h u m a|n n mitwirkten. Es wird den Lesern 
des «Kkvier-Lehrers" willkommen sein, eine auf diese 
beiden Künstler bezügliche Stelle kennen zu lernen, 
zumal sie die gesunde Kunstanschauung des Autors 
kennzeichnet. 

«Dann folgte ein Violinsolo des jungen Joachim, 
schon damals, wie auch heute noch, der grösste 
Geigenspieler seiner Zeit; darauf ein Klaviersolo von 
Klara Schumann, der einzigen, die ihm ebenbürtig ist 
Wer die Musik bisher nur als angenehmen Zeitvertreib 
betrachtet hatte, oder als oberflftcblichen Sinnenkitzel, 
an denen der Geist keinen Antheil hat, ward hier 
eines Besseren belehrt. Dies Spiel war zugleich eine 
wohlverdiente Zurechtweisung für alle Virtuosen, 
die durch ihren hinreissenden Vortrag den Meister, 
welcher die Musik erdacht hat, vor dem kleinen 
Künstler zurücktreten lassen, der sie verdolmetscht 

Denn diese beiden, in ihrer Art einzigen Musiker, 
liessen es den Hörer nie vergessen, dass es Sebastian 
Bach war, den sie spielten, mit grösster Vollkommen- 
heit, ohne dabei an sich zu denken. Wer kein Ver- 
ständniss für Bach hatte, dem wurde die Zeit ein 
wenig lang: 

Wer aber ein Bachkenner war (oder es sich ein- 
bildete, oder dafür gelten wollte), passte bei dieser 
Gelegenheit auf wie ein Schiesshund; seine Ver- 
sunkenheit und Verzückung, der unverwandte, üut 
steinerne Blick, mit dem er den Tönen lauschte, ver- 
rieth seine ernste Auffassung und sollte die Ober- 
flächlichen beschämen; ganz ebenso wie vorhin seine 
Zerstreutheit und Gleichgiltigkeit bei dem Trillern 
und Läufen der Signora Patti und bei Ronconlys 
hübschen kleinen französischen Künsteleien.**) 

*) Eine Hauptrolle in dem Roman spielt der 



Eine lustige Widmung Wagners an Nietzsche, ein- 
geschrieben in den ersten Band der Gesammtausgabe 
seiner Werke, bringt der soeben erschienene zweite 
Theil der Nietzsche-Biographie von Elisabeth Förster- 
Nietzsche. Die Verse lauten: 

Was ich mit Noth gesanunelti 
Neun Bänden eingerammelt. 
Was darin spricht und stammelt. 
Was geht, steht oder bammelt — 

Schwert, Stock und Pritssehe, 
Kurz, was im Verlag von Fritzsche 
Schrei, lärm* oder quietzsche. 
Das schenk ich meinem Nietzsche, 
Wenn's ihm nur zu was nütze! 
Baireuth, Allerseelentag 1873. 

Richard Wagner. 

Gounod über Berlioz. In dem soeben bei Franken- 
stein (Breslau, Leipzig, Wien) erschienenen Memoiren- 
werk Gounod's, spricht sich der Komponist 
der Oper .Faust* über Berlioz wie folgt aus: 
Berlioz war ein Mann aus einem Stück, ein ganzer 
Mann, der sich weder zu Konzessionen noch lu 
Transaktionen herabliess; er war vom Schlage der 
«Alkestis*; natürlich hatte er gegen sich daa Ge- 
schlecht der „Orontes*, und Orontes giebt es, Gott 
weiss, recht viele! Man fand ihn launisch, mürrisch, 
bissig und was dergleichen Sachen mehr sind. Doch 
^ hätte man neben dieser bis zur Empfindlichkeit und 
Reizbarkeit gesteigerten Empfindsamkeit auch all die 
aufreizenden, erbitternden Erlebnisse, all das per- 



Geiger Svengali, ein dämonisch veranlagter Mensch. 
Er entdeckt dass ein sonst gänzlich unmusikalisches 
Mädchen, ,Trilby*, eine entzückende Stimme besitzt. 
Es gelingt ihm. sie zu hypnotisiren und ihr in diesem 
Zustande die schwierigsten Gesangsstücke einzulernen, 
von denen sie sonst keine Note behalten hätte. „Trilby * 
wird eine gefe^'erte Künstlerin und Svengali nützt sän 
Opfer weidlich aus. 



- 87 — 



sönlicbe MiBsgeschick und die taiuenderiei Zorück- 
setiungen und Abweisungen, die jene stolze, ge- 
meiner Qefallsacht and feiger, niedriger Sebmeicheiei 
unfähige Seele erdulden musste, in Anschlag bringen 
mfissen! Er bewarb sich viermal um den rOmiscben 
Preis, erhielt denselben jedoch erst 1830 nach langer 
Ausdauer und Ueberwindung von allerlei flinder- 
nissen, als er schon 27 Jahre alt war. In demselben 
Jahre, wo seine Kantate ,,Sardanapal^ preisgekrönt 
wurde, liess er ein Werk auffahren, das hinsichtlich 
der Auffassung, der Farbengebung und der techni- 
schen Erfahrung den Beweis liefert, wie weit er in 
seiner künstlerischen Entwicklang schon vorge- 
schritten war. Seine «Symphonie fantastique'^ (Epi- 
sode eines Eünstlerlebens) war ein musikalisches 
Ereigniss, dessen Bedeutung sich aus der grossen 
Bewunderung der Einen und der heftigen Opposition 
der Anderen ermessen ISsst. So sehr sich über eine 
derartige Komposition auch streiten Ifisst, so legte 
sie von der darchaus hervorragenden Erfindungsgabe 
und dem mächtigen tieQioetischen Gefühl, Eigen- 
schaften, die man in allen seinen Werken wieder- 
findet, Zeugniss ab. .Les Troyens*, das Werk, von 
dem er vorausgesehen hatte, dass es ihm unheilvoll 
sein würde, hat ihn ins Grab gebracht; wie von dem 
Helden Hector, seinem Namensvetter, kann man von 
ihm sagen, er ist unter den Mauern Trojas umge- 
kommen. Bei Berlioz arten alle Eindrücke und Em- 
pfindungen ins Extrem aus; er kennt Freude und 
Leid nur in ihren höchsten Stadien, im Delirium; 
er ist, wie er selbst sagt, ein H^ulkan". Das kommt 
daher, weil uns ein erhöhtes Gefnhlsvermögen Schmerz 
und Freude mit gleicher Lebhaftigkeit empfinden 
läset: Tabor und Golgatha sind verwandt mit ein- 
ander. Das Glück liegt nicht im Nichtleiden, ebenso 
wenig wie das Genie in dem Nichtvorhandensein von 
Mängeln besteht. Berlioz war einer meiner tiefsten 
Jugendeindrücke. Er war fanfeehn Jahre älter als 
ich; zur Zeit also, wo ich als neunzehnjähriger 
Bursche unter der Leitung Halövy's auf dem Kon- 
versatorium Komposition studirte, war er vierund- 
dreiBsig Jahre alt Ich erinnere mich, wie mächtig 
damals die Persönlichkeit Berlioz' und seine Werke, 
die er häufig in dem Konzertsaal des Konversatoriums 
proben liess, auf mich wirkten. Kaum hatte Halövy 
meine Arbeit korrigirt, so verliess ich schleunigst 
die Klasse und kauerte mich in einen Winkel des 
Konzertsaales, wo ich mich an dieser seltsamen, lei- 
denschaftlichen, konvulsivisch zackenden Musik be- 
rauschte, die mir den Einblick in ein neues, farben- 
prächtiges Land erschloss. Eines Tages wohnte ich 
der Probe der Symphonie „Romeo und Julia* bei| 
die kurze Zeit darauf zum ersten Male aufgeführt 
werden sollte. Ich war von dem gewaltigen Finale, 
der «Aussöhnung der Montecchi und Capuletti*, der- 
massen ergriffen, dass sich der ganze herrliche Satz 
des Pater Lorenzo ^Jurez tous par Tauguste Sym- 
bole!" meinem Gedächtniss eingeprägt hatte. Einige 
Tage darauf besuchte ich Berlioz und trug ihm auf 
dem Klavier den ganzen obigen Satz vor. Er machte 
grosse Augen, und indem er mich unverwandt ansah, 
fragte er: „Wo zum Teufel haben Sie denn das her?*" 



„Aus einer Ihrer Proben**, gab ich ihm zur Antwort. 
Er glaubte, er hörte nicht recht. 

Der verstorbene Musikschriftsteller Richard Pohl 
zählte in Baden eine Reihe von Jahren hindurch 
auch Hans v. Bülow zu den Freanden seines Hauses. 
An diese Bekanntschaft knüpft sich, wie die „Strassb. 
Post" erzählt, eine hübsche Anekdote. Pohl hatte 
als eine seiner Hauptaufgaben in der Eigenschaft als 
Redakteur des „Badeblattes" die Besprechung der 
Künstler, die in den von dem Spielpächter Dupressoir 
oder später von dem Badekomitee veranstalteten 
Theateranffuhrungen und Konzerten mitwirkten. 
Meist waren dies ganz hervorragende „Sterne", dann 
und wann kamen aber doch auch Mittelmässigkeiten, 
und die Verhältnisse brachten es mit sich, dass auch 
diese durch Pohl eine schonende BeurtheUung fan- 
den. Eines Abends wandelten nun Bülow und Pohl 
gemeinsam den Pfad zum alten Schloss hinauf wo 
sich links das Haus befindet mit der Eselstallung, 
deren Insassen zum Reiten auf das Schloss benutzt 
werden. Auf der Front des Hauses prangte und 
prangt wahrscheinlich noch die Inschrift: „Anes & 
louer". Das „loner" hat bekanntlich die Doppelbe- 
deutang „vermiethen" und „loben". „Sehen Sie", 
sagte Bülow zu Pohl, indem er ihm freundlich auf 
die Schulter klopfte und auf die Inschrift wies, „das 
ist eigentlich auch Ihre Beschäftigung!" Bülow war 
bekanntlich reich an solchen Scherzblitzen mit sar- 
kastischem Anstrich. 

Eine „rein-deutsche Tbeatersprache* hat auf Ver- 
anlassung des Zweigvereins des Allgemeinen 
deutschen Sprachvereins das Stadttheater in Reichen- 
berg eingeführt Alle fremdsprachigen Aufschriften 
im Innern des Theaters sind entfernt und durch 
neue rein deutsche ersetzt worden. Garderobe ist 
in „Kleiderraum" verwandelt, welcher von einem 
„Kleiderwart* beaufsichtigt wird. An Stelle der 
Parterrelogen, Proszeniumslogen etc. sind „Untere 
Logen", „Fremden-Logen" und „1. Rang-Logen" ge- 
treten. Das Wort Logen in „Lauben" umzuwandeln, 
dazu konnte man sich nicht entschliessen. Für 
Orchesterfauteuü, Parquetfauteuil und Parterrefauteuil 
wurden die Bezeichnungen: „1. Sperrsitz in den 
ersten zwei Reihen", „1. Sperrsitz in den übrigen 
Reihen", „2. Sperrsitz in den ersten zwei Reihen" 
und „2. Sperrsitz in den übrigen Reihen" eingeführt 
Parterre-Stehplätze heissen jetzt „Untere Stehplätze". 

1. Rang-Mittelbalkon heisst nun kürzer „1. Rang". 

2. Rang-Mittel- und Seitenbalkon wird zum „2 Rang- 
Mittel- und Seitensitz*. Amphitheatersitze und 
Stehplätze endlich führen die Bezeichnung „8. Rang- 
Sitzplätze" und „3. Rang-Stehplätze". Das Programm 
ist ein „Ankündigungszettel" geworden, und auf 
diesem erscheinen die Abonnementskarten und 
Abonnementsbedingungen als „Stammsitzkarten" und 
Bedingungen für Stammsitzkarten", ebenso sprechen 
die Zettel von „Einnahmen" an Stelle von „Bene- 
fizien". An Stelle der Direktion ist eine „Leitung" 
getreten, der Regisseur ist ein „Leiter des Schau- 
spiels und Lustspiels", der Korrepetitor ein „Chor- 



— 88 - 



Jebrer*, der iDspisient ein »Spielwart'' und daa tech- 
nische Personal »Betriebsbeamtenschaft* geworden. 
Bndlich wurde aus dem Souffleur ein «Nachleser**, 
aus dem Kassirer ein »Zahlmeister* und ans dem 
1. und 3. Garderobier ein 1. nnd 2. »Gewand- 
meister.* 

Seit vor mehreren Wochen in Ruhla das Denkmal 
des Organisten Lux errichtet worden ist, hat die In- 
schrift dieses Gedenksteins, in welcher Lux als 
Komponist des Thfiringenschen »Volksliedes*, »Ach, 
wie ist's möglich dann* bezeichnet wird, den alten 
Streit um die Vaterschaft der bekannten Melodie 
von neuem mit aller Leidenschaftlichkeit angefiEU^t 
Berr Tappert vertheidigte, gestützt auf briefliche 
Mittheilnngen Kücken*s, den Anspruch dieses Lieder- 
komponisten auf die Melodie des Liedes. Von an- 
derer Seite wnrde auch Louis Böhner als Komponist 
derselben genannt Böhner selbst hat ehrlich ein- 
gestanden, dass er keinen Theil hat an der Melodie. 
Gegen Kucken's Autorschaft nnd für Lux ergeht sich 
die Bisenacher Zeitung in folgenden Ausführungen; 
»Die alten Beweisgründe, die für Kücken^s Autor- 
schaft neuerdings wieder in^s Gefecht geführt werden, 
sind im II. Jahrgange der Verbandszeitschrift des 
Th. W. V. (Thüringer Monatsblfttter) überzeugend 
zurückgewiesen. Dies hat auch Professor Dr. Regel 
in seinem geographischen Handbache anerkannt 
(Thüringen II 3, Seite 736). Dort macht der ge- 
nannte thüringische Forscher Mittheilung von dem 
Streit, der uns jetzt wieder beschäftigt, nnd fügt 
hinzu, dass Kücken selbt im Kückenalbum sich da- 
hin ausgesprochen habe, dass er das „Thüringer 
Volkslied^ 1827 komponiert habe, dasselbe aber wie 
alle seine aus der Jugendzeit stanmienden Instru- 
mental- nnd Gesangskompositionen ungedruckt ge- 
blieben sei, „Trotz dieser Angabe Kücken's"*, schreibt 



Regel, «halten wir die Aufihssung, welche M. Beltz, 
der Herausgeber der »Thüringer Monatsblfttter'', 
kürzlich verfochten hat, für die richtige und ver- 
weisen auf dessen nfthere Ansfühmngen. Nach den- 
selben ist Lux der Komponist.* Das steht auch für 
uns ein für allemal fest; denn es ist nach den 
»Thüringer Monatsblftttem* erwiesen, dass der|Sach- 
verualt der folgende ist: Kücken komponirte 1827 
ein Lied zu dem Texte „Ach wie isf s möglich dann* 
— Lnx ebenfalls. Die Lnx'sche Komposition erschien 
ohne Angabe des Komponisten 1830 in Wien (bei 
Spina); die Kücken'sche aber blieb nngedmckt nnd 
wurde von Kücken selbst vergessen. Mitte der 
fünfiiger Jahre hOrte Kücken dann in Ulm das Lied 
»Ach, wie ist's mOglich dann,* dessen Text ihm be- 
kannt war; er erinnerte sich, zn dem Texte eine 
Melodie geschrieben zn haben, nnd da das Lied ge- 
sungen wurde nnd der Komponist desselben in Ulm 
nicht genannt, weil unbekannt war, so war derselbe 
ja nun mit einem Male gefunden: Kücken war's; 
hatte er doch anch besagtem Text eine Melodie ge- 
geben. Wir denken gamicht daran, dass Kücken 
hierbei absichtlich sich mit fremden Federn 
schmückte, sind vielmehr der Ueberzengung,. dass er 
in gutem Glauben handelte; als er das Lied, das er 
in Ulm hörte, für sich in Anspruch nahm. Dies 
aber war dasjenige, das in Wien bei Spina gedruckt 
erschienen war, wie hfttte das ungedmckte Kücken's 
sich auch so lange erhalten sollen!* 

♦ « 

»Es hat gefallen* oder »es hat nicht gefallen» 
sagen die Lente. Als ob es nichts Höheres gftbe, 
als den Leuten zn gefallen ! 

Roh. Schumann. 



Meinungs-Austaasch. 



Von Herrn Zuschneid in Minden erhielt ich 
folgendes Schreiben: 

Hochgeehrter Herr Professor! 

Schon in No. 3 Ihres geschätzten Blattes fand ich 
Anführungen aus meinem beifolgenden Schubert*- 
Artikel. Was Herr Blaschke (oder Frftulein Bl.?) 
in No. 4 bringt, ist aber zum grossen Theil wört- 
licher Abdruck meiner Arbeit. Ich habe nun gar 
nichts dagegen, wenn anregende Ideen durch Nach- 
druck zur weiteren Verbreitung kommen, möchte 
aber doch darum bitten in der nftchsteo Mummer 
Ihres geschfttsten Blattes einen kleinen Hinweis zu 
bringen des Inhalts, dass in dem betr. Artikel der 
Schlnsspassns S. 51 vom 3. Absatz an meinem Aufsatz 
»über [»Bhuberts Liederbegleitungen* aus No. 5 der 
»Mnsikpftdagogischen Blfttter^ entnommen sei. 

Ihr ergebenster 
Karl Znschneid. 

Diesen Brief sandte ich an Herrn Organist 
Blaschke in Glogan nnd bat ihn, sich darüber zn 
ftussern. Derselbe schreibt: 



Glogan, den 33. Februar 1897. 

Sehr geehrter Herr Professor! 

Der Ihnen von Herrn Redakteur Karl Zuschneid 
(vMusikpftdagogische Blfttter**) übersandte Brief mag 
Ihnen gewiss recht fatal gewesen sein. Die darin 
vorgebrachten Beschuldigungen erschienen mir durch 
den Umstand, dass ich seine „Musikpftd. Bl&tter^ 
überhaupt nicht lese, ganz rfttBelhaft. Von ihrem 
ersten Erscheinen am 1. Oktober v. J. habe ich zwar 
Kenntniss genommen (F^obenummer!^ aber sonst 
kenne ich das Blatt nicht. Den betreifenden Aufsatz 
habe ich Ihnen bereits am 21. September 1896 an- 
geboten nnd am 17. Januar 1897 zugesandt Die 
Nammer 5 des Zuschneid'schen Blattes (Monats- 
scluift) ist erst am 1. Februar d. J. erschienen. 
Durch Angabe von 4 Quellenwerken am Snde meines 
AufBatses suchte ich die Leser zn informiren, 
weichen Schubert-Biographien ein Theil meiner Aus- 



- 89 — 



fahnmgen entnommen sei. Inbezag auf die Dar- 
bietung und Verarbeitong des Stoffes darf ich wohl 
den Ansprach der Originalit&t erheben. Ueber 
Schuberts Lieder ist so \iel Schönes geschrieben 
worden, dass man fast gar nichts Besseres und 
Neues mehr sagen kann. Seit Jahren sammelte ich 
zu diesem Aufsatz Stoff und habe aus älteren Musik- 
zeitungen diese oder jene Notiz meinen „Lese- 
frfichten" einverleibt; bei einigen derselben fand ich 
keinen Verfasser angegeben und glaubte, dieselben 
seien grosseren biographischen Werken entlehnt 
Ich denke hierbei Tomebmlich an einen Artikel der 
bekannten ^euen Musik - Zeitung'* (Stuttsart), 
der möglicherweise von Karl Zuschneid herrührte; 
aber dagegen verwahre ich mich, dass die An- 
fuhrungen der „Musikpfidagogischen Blätter^ ent- 
nommen seien. Üa man in puncto Ehrlichkeit nicht 
vorsichtig sein kann, so möchte ich lieber dem 
Wunsche H. Z. entsprechen und in einer Anmerkung 
der nSchsten Nummer die fehlende QueUe nach- 
tragen, vielleicht in folgender Fassung «. Ais QueUe 
zu dem Aufsatz über „Schuberts Liederschatz'' etc. 
in No. 3 und 4 ist Karl Zuschneid nachzutraben. 

Hoffentlich ist der Autor dann befriedigt; sein 
Schreiben bewegt sich ja sonst in anstfindigen 
Grenzen, weshalb ich ohne weiteres die vorstehend 
angegebene Möglichkeit zugebe, bestimmt kann ich 
es allerdings nicht versichern. Idi bitte auch Sie, 
hochgeehrter Herr Professor, mir Ihr Vertrauen 
fernerhin nicht entziehen zu wollen. 

Ihr 
hochachtungsvoll ergebener 

Jui. Biaschke, Organist 

Zu diesem Brief des Herrn Biaschke äussert sich 
Herr Zuschneid folgendermassen ; 

Minden, den 25. Februar 1897. 

Verehrter Herr Professor! 

Herr BL hat ganz recht : ich benutzte zu meiner 



kleinen Schubert-Skizze meine im Jahrgang 1895 
Heft 19 der „Neuen Musikzeitung** erschienenen 
Artikel ,,Tonmalerische Momente io Schuberts 
Liederbegl.'' Dieser Artikel ist deutlich mit meinem 
Namen am Kopfe versehen, er ist mein Eigenthum 
und wenn ich aie darin ausgesprochenen Geduiken 
gelegentlich wieder verwerthe, so geht das schon 
eher, als wenn Herr Bl. fast den ganzen Text als 
vogelfreie „Lesefrüchte'* behandelt, das geht doch 
ein biacben zu weit 

Mit vorzüglicher Hochachtung 
Ihr ergebenster 

K. Zuschneid. 

Ich habe mich überzeugt, dass die Arbeiten des 
Herrn Zuschneid von Herrn Biaschke in unverant- 
wortlicher Weise geplündert worden sind. I>emzu- 
folge habe ich jede Verbindung mit demselben ab- 
gebrochen und ihm die Manuskripte, welche ich 
noch von ihm in Händen hatte, zurückgesandt. 

EmU Brealaur. 



Berlin W., den 8. März 1897. 
Potsdamerstr. 27 b. 

Sehr geehrter Herr Professor! 

Unter Bezoffnahme auf die Briefkasten-Notiz in 
No. 5 Ihres »Klavier-Lehrers* (das Konzert« des 
Herrn Lütschg in Berlin und den von ihm gespielten 
Flügel betre&nd), gestatte ich mir zu bemerken, 
dass der Flügel von der hiesigen Filiale der Hof- 
Pianofortefabrik von Julius Blüthner gestellt war. 
Es war dies derselbe Flügel, der unter den gewiss 
auch sehr kräftigen Händen von I^L Ella Pancera 
so vorzüglich klang, dass er in mehreren Referaten 
besonders lobend erwähnt wurdet 

Hochachtungsvoll 
Oskar SchwaisL 



y e r e i n e. 



Dresdner Tonkflnstler-Verein. 

Der zweite Auffuhrnngsabend des Dresdner 
Tonkunstler-Vereins galt dem Andenken 
Franz Schubert's. Zu Ehren der Erinnerung an den 
100. Geburtstag waren aasschliesslich Werke des 
Meisters gewählt worden, die vor seiner mit frischem 
QfTun reich geschmückten Büste in so hoher Vol- 
lendung zur Ansfcihrung gelangten, dass hieraus sich 
eine der weihevollsten und schönsten Hnldipnngen 
ganz von selbst ergab. Die Hauptbestandtheile des 
Programms bildeten das Klavier-Trio in Es (op. 100), 
von Herren Kammerviituosen Scholts, Böckmann 
und Herrn Konzertmeister Feigerl gespielt, und das 
berühmte Streich-Quintett (C-dur, op. 163), um dessen 
ausgezeichnete Wiederjiabe sich die Herren Konzert- 
meister Prof. Rappoldi, Grntzmacher, die Herren 
Kammermusiker Blamner, Wilhelm und Hüilweck 
verdient machten. Die Wahl war glucklich und mit 
feinem künstlerischen Takt getroffen; zeigen die 
genannten Werke Schubert doch als den Ersten 
neben Beethoven, der es verstand, den vollen Zauber 
der Romantik über die Kammermusik auszugiessen. 
In dieser Hinsicht ist Schubert auch heute noch un- 
übertroff^ geblieben, und ehae der grossartigsten 



Offenbarungen seines Genies ist das wunderbare 
Adagio des G-dur-Quintetts geworden, dieser zu 
berückenden Tönen gestaltete Märebentraum einer 

glühenden Seele. Mit quellender edler Melodik sind 
ier die feinsten und kühnsten Polyphonien, die be- 
zaubernden Züge von Natürlichkeit und Wahrheit 
auf das glücklichste vereinigt, so dass man in der 
That vor einem nicht zu übertreffenden Meisterwerke 
steht. Dass bei einer solchen Gedächtnissfeier auch 
das Hauptmerkmal Schubert'scher Grösse, das Lied, 
nicht fehlen durfte, ist selbstverständlich. Herr 
Scheidemantel sane. von Herrn Generalmusikdirektor 
Sihuch bealeitet, die nicht allen Sängern leicht zu- 
gängliche Dedscene »Dem Unendüohen*, vier Num- 
mern aus den «MüUerliedem* und den .Prometheus*. 
Der Grösse und Schönheit des Vortrags, der tech- 
nischen und künstlerischen Ausgestaltang war hierbei 
so ausserordentlich Sorge getragen, dass auch diese 
Darbietungen in gleichem Maasse entzückten, wie 
alle übriffen Produktionen des Abends. Das Konzert, 
auf das der TonkünsÜer- Verein mit besonderer Ge- 
nngthuung zurückblicken darf, wurde dnrch die An- 
wesenheit der KönigL Hoheiten Prinz Georg und 
Prinzessin Mathilde ausgezeichnet H. St 



— 90 — 

Antworten. 



Fnui^lflFr.Naiiaiigaii. Toirkestan. (Rassie 
asiatiqae.) 8 Rabel für JahresabonnemeDt ein- 
gatroffen« 

B. 9. AgnaiL In der neuen Peters-Aosgabe 
der Field*schen Noctames sind die Mfingei der alten 
beseitigt 

W. IL F. Hamburg. Das oft litirte : ,Wie er 



sich räospert n. s. wA ist ans Wallensteio^s Lager. 
Schiller legt es dem Jftger in den Mond. 

L. 9. Fehrbellin. Bkloge heisst : Hirtengedicht 
Tonstücke mit dieser Ueberschrift tragen ein pasto* 
rales GeprSge. 

W. n. Beide Hartmann heissen Emil mit Vor- 
namen. Der Vater worde 1805, der Sohn 1836 g^ 
boren. Letsterer ist der Komponist der Oper. 



Dieser Nammer liegt ein Prog^ranun des Konserratoriaiiui ra WiesbsUlen (Direktor: 
Albert Fachs) bei. 



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Yereinsleitong) in aufblühender Stadt einen ge- 
eigneten Nachfolger. Abstandsunmie : 4500 JK, Off. 
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Sr. Ka|. desi Kaisien nnd K6oigs, ihrer Miy. der Kaiserin o« Könisin, 

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Directlon: Philipp Scharwenka, Dr. Hugo GoldBchmidt. 

Artist Beirath: Profi Karl Klindworth. 

Haapüehrer : Klindworth, Scharwenka, Dr. Jedliczka, Ldphoiz, Wilh. Berger, Mayer-fiiahr, Frl. Elis. 
Jeppe u. A. (Glavier), Florian Zajic, Grunbere, Frau Marianne Scharwenka - Stresow o. A. (Violine), 
J. »andow (Cello), Gronicke (Orgel), Dr. H. GoldBchmidt, Fran Hermine Galty, grossh. mecÜ. Kammer- 
sänfferin, Frl. Salomon und FrL Fuhrmann (Gesang), Otto Lessmann (Glayierpädagogik). — Kammermusik, 
Orcnesteräbungen. Dramatischer und Declamationsunterricht — Seminar für Gesang- und Ciavierlehrer. 

Am 1. October 1897 tritt Frl. liina Beck aus Frankfurt a. M. nach zwMQfthriger Thfttigkeit an 
filtockliaiMen's GesangAClmle in den Verband der Schule. [27] 

Beginn des Sommersemest^rs am 1. April. Anmeldungen und Prüfungen Nachm. 4—6 Uhr. 



C. BECH8TEIN, 

Igel- und Planlno-Fabrlkant 

Hoflieferant 

Sr. Maj. des Kaisers von Deatsehland und Königs von Prenssen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin von Dentschland und Königin von Prenssen, 

Ihrer Haj. der Kaiserin Friedrich, 

Ihrer Haj. der Königin von England, [58] 

Ihrer Maj. der Königin Regentin von Spanien, 

Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Carl von Prenssen, 

Sr. Königl. Hoheit des Herzogs von Sachsen-Gobnrg-Gotha. 

Dürer Königl. Hoheit der Prinzessin Louise von England (Marchioness of Lome). 



T n'KmrM^ TXT I I- Fabrik: 5—7 Johannis-Str« u. 27 Ziegel-Str. 
i^UJNUUJN W. n. Fabrik: aGrünaner-Str.u. 26 Wiene^Str. 
40 Wigmore Street. I IIL Fabrik: 12i Reiohenberger-Str. 



BERLIN N. 

9—7 JohaiUiUhStr« 



Dresdeiii Kgl. Conservatorium fOr Musik u. Theater. 

42. Schuljahr. 1895/96 967 SohOler, 65 Auf fQhrungen. 102 Lehrer, dabei : Döring, Draeeeke, FShrmann, 
Frau Falkenberg, Frau Hildebrand von der Oeten, Höpner, Janssen, JfTert, Frl. von Kotzebue, KrantZp Hflhner, Mann, 
Friul. Orgeni, Frau Rappoldi-Kahrer, Remmele, Rieohbieter, Ritter, Sohmole, von Schreiner, 2ohulz-Beuthen, 




jeder Zeit Haupteintritte 1. April 
1. Septbr. (Aufnahmeprüfung am 1. April 8—1 Uhr). Prospekt und Lehrer-VerzeichnifiB durch [25] 

Hofrath Prof. Bo^en Krants, Director. 



Berliner Konservatorium 

und 

Louisenstr. 35 Klavierlehrer-Seminar, Berlin, louisenstr. 35. 

Unterrichtsgegenstande: Klayier, Violine, Violoncell, Ge- 
IT, Orgel, Harmonium (Ton den eraten Anl&ngen bis nr 
sertreile), Theorie, Komposition, MuBikgeschichte und 

TollstSndige Ausbildung für das mnsikalisclie Lehrfach. 

Dm Direktorimn macht es sich zur Wicht, Schttleni, ^«^ S^jJJf?2g 
mit Erfolg beendet, durch AnsteUnng am Konservatoriiim and BmpfeUimg naon 
aussen, die Wege zn sicherer Lebensstellnng eu ebnen. . •■*. 

Der Unterricht wird in deutsciier, fk-anz. u. engi. Spraclie erteilt 

Prospekte frei. Prof. ExnÜ BreslaUT. Sprechstunde 5-6. 



san 
Konä 



- 92 — 



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r i j ;- r j { : j ; r ! 



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£xemplare sind von 

Urbaohs PreiBklaviersohule 

(preisgekrönt durch die Herren Kapellmeister Beinecke in Leipzig, IfoBik- 
direktor Isldor Selss in Köln, Prof. Theodor KuUak in Berlin) binnen 
17 Jahren abgesetzt. Preis brosch. nnr 3 Mk. — Elegant gebunden mit 
Lederrücken und Ecken 4 Mk. — In Glanzleinenband mit Ctold- and 
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8TEINWAY & SONS 



MEIVTORM 



liOMDOM 



HJiIlIBIJRG 

Hof-Planofortefabrlkanten 

Sr. Majestät des Kaisers von Dentsehland nnd Königs Ton Preossen, 
8r. iHaJ. des Kaisers von Oesterreicli nnd Kttnigs von Ungarn. 

8r. HaJ. des Kttnigs von Sachsen. 

üirer Majestllt der Königin von fingland, 

Sr. Mal est At dies Königs Ton Italien, 

Ihrer Haf^stltt der Königin «ReKentln Ton Spanien» 

Sr. Biönigl. Hoheit des Prinsen von Wales, 

Ihrer Könlgl. Hoheit der Prinsessin Ton Wales, 

Sr. Königlichen Hoheit des Hersogs von £dinbnrgli« 

Stelnivay^s Pianofabrik, Hamburg, Hi. Pauli, 

nene Rosenstrasse 90 — M, 
ist das einiige dentsehe £tablissenient der Firma. 

(Vertreter in Berlin: Oscar Agthe, Wilhelmstr. U. SW.) 



Terantworflleher Redakteur: Prof. fimil Breslaur. Berlin N., Oranienburgerstr. 57. 
Terlag ud fixpedittoat Wolf Peiaer Verlag (G. KaÜskiL Berlin 8^ Brandeninugitr. 11, 

Dnek fon Roaenthal 4 Co., Berlin N., Johannlsrtr. 90. 



I 

Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler- Vereine 

zu Berlin, Köln, Dresden, Hambnrg und Stuttgart. 

Herausgegeben 



▼on 



Professor Emil BreslauT. 



Nir 7. 



Berlin, I. April 1897. 



XX. Jahrgang. 



Dieaet Blatt enehemt am 1. und 15. jeden Monats 
and kostet durch die EL Post-Anstalten, Bach- und 
Ifosikaüenhandlnngen hesogen Tierteljfthrlich 1,50 M^ 
diirect unterKreazband von derYeriaffshandIiin«:l,75.^. 



Inserate for dieses Blatt werden von sSmmtlichsn 
Annoncen-Sxpeditionen, wie von der Yerlagshandlnnff. 
Berlin 8., Brandenburgstr. 11, sum Preise von SO A 
für die sweigespaltene Petitsttle entgegengenommen. 



Die Ornamentik (Yerzienrngskanst) in den Beethoyen'schen 

Elayier-Werken. 

Von Heinrich Bhrlich. 



Die Ornamentik, d. h. die Ausführung 
der Verzierungen, seien sie durch Zeichen 
oder durch kleinere Noteu angedeutet, läset 
sich bei den älteren Kompositionen bis zum 
Ende des 18. Jahrhunderts mit Sicherheit 
bestimmen. 

Ph. E. Bach, Haipurg und Tfirk haben 
die R^eln festgestellt Die Verzierungen 
bildeten einen integrirenden Theil der Note, 
bei welcher sie angebracht wurden, d. h. 
sie wurden nicht vor derselben, sondern 
innerhalb derselben gleichzeitig mit der Be- 

fleitungsnote des Basses ausgeführt; in vielen 
'allen, wo Vorschläge vor einer Note mit 
einem Punkte angebracht waren, verwandelte 
sich der Vorschlag zur langen, und diese zur 
kurzen Note. Hierdurch entstanden manch- 
mal die allersonderbarsten Zusammenstellun- 
gen; schon Ph. E. Bach zeigte, wie durch 
ganz strenge Befolgung der Regel bei Aus- 
fiihrung der Verzierungen verbotene und auch 
schlecht klingende Fortschreitungen erzeugt 
würden ; und ich werde gelegentlich einige 
Stellen an J. S. Bach'schen Suiten und 
Partiten anführen, bei denen die Regel un- 
bedingt nicht ausfahrbar ist, auch andere 
Stellen, wo in Bezug auf Wohlklang und 
richtiger Einführung des melodischen Ge- 
dankens selbst der PraUtriller nicht nach der 
Vorschrift mit der Hilfsnote auszuführen ist. 
Schon gegen Ende des verflossenen Jahr- 
hunderts traten vielfache AenderupAan in der 



Ausführung der Verzierungen hervor, die immer 
mehr zunahmen; die italienische Gesangs- 
Hanieren drangen in den Elaviervortrag, be- 
sonders in den von Hummel, ein; und es 
entstand eine solche Verschiedenheit der An- 
sichten, dass selbst in den Klavierschulen der 
berühmtesten Meister grosse Irrthümer inBezug 
auf Bedeutungund Ausführung mancher Zeichen 
vorherrschten; so z. B. meint Hummel, das 
Zeichen (durchstrichenes n) doch nie anders 
denn als Hordent betrachtet worden ist, 
„Schneller mit der oberen Note'' (S. 390), 
Czemy meint wieder (S. 124) co (das Zeichen 
des Doppelschlages) bedeute einen Hordent. 
Erst in neuerer Zeit haben E. D. Wagner, 
Germer und Hr. Dr. Riemann Benennung 
und Ausführung der Zeichen richtiggestellt. 

Nun sind diese Richtigstellungen nurmaass- 
gebend für Kompositionen, die aus dem ver- 
flossenen Jahrhundert stammen, durchaus 
nicht für die, nachher entstandenen, und 
am wenigsten für die von Beethoven. Sehr 
richtig bemerkte Dr. Kuhlo in seiner Disser- 
tation „Ueber melodische Verzierungen in der 
Tonkunst: (7. März 1896)'' das Gebiet der 
Verzierungen, der Manieren hatte einen sol- 
chen Umfang angenommen, erforderte so viel 
Lernen und Wissen von Regeln und Formen; 
dass es schliesslich als hindernd und unkünst- 
lerisch empfanden werden musste, und daher 
eine Einscnränkung auf wenige typische For- 
men nOthig erschien. Ausserdem hat auch 



— 94 — 



wohl der Umstand, dafis in der Musik unseres 
Jiüirhnnderts der dramatische Ausdruck immer 
mehr in den Vordergrund trat, dazu beige- 
tragen, den Gebrauch der Verzierungen ein- 
zuschränken, und sie hauptsächlich da zu ver- 
wenden, wo sie der dramatischen Rezitation, 
sagen wir der rhythmischen Wiedergabe 
dienen konnten^. 

Bevor ich meine Meinung über die Aus- 
ffihrung der Verzierungen in den Beelhoven- 
schen Klavier werken äussere, will ich be- 
merken, dass meine ersten Musikstudien ein 
Jahr nach Beethoven's Tode begannen, dass 
meine Lehrer Beethoven gekannt haben und 
dass ganz besonders Karl von Bocklet, der 
mir cQe Sonaten und Trio's des unbeschreib- 
lichen Meisters erschloss, mit diesem und 
Schubert befreundet gewesen war. Femer 
habe ich viel mit Gzemy verkehrt, ihn sogar 
noch öffentlich — und zwar Beethoven's op. 7 
= Sonate — spielen hören; endlich kannte ich 
audi Mavseder, den besten Geiger, und Merck, 
den bedeutendsten Violin-Gellisten Wien's 
und habe von ihnen Beethoven'sche Quartette 
und Elaviertrios (unter anderen das B-dur 
op. 97 mit Clara Wieck, damals noch Schu- 
mann's Braut), vernommen. Alle diese Künst- 
ler folgten der Beethoven'schen Tradition, 
das heisst seiner Anweisung und Ausführung. 
Diese letztere hat allerdings der Oeffenüich- 
keit gegenüber im Jahre 1811 geendet, nach- 
dem er das oben angeführte Trio in einer 
Matinäe von Schuppanzigh mit diesem und 
linke gesnielt hatte. Doch seine Vorträge 
im Freunaeskreise und seine Anweisungen 
haben noch fortgedauert, bis durch den gänz- 
lichen Verlust des Gehörs jede praktische 
oder lehrhafte Mittheilung nach dieser Rich- 
tung unmöglich ward. 

Als Czemy im Februar 1812 das £s-dur- 
Konzert öffenUich vortrug, hat er unzweifelhaft 
noch von dem Schöpfer dieses ewigen Werkes 
Unterweisungen über den Vortrag erhalten. 
Ich führe alle diese Einzelheiten als Beweis 
an, dass ich so zu sagen, in den Beethoven- 
scheu Traditionen aufgewachsen bin. Die 
Cüs-moll-Sonate und das B-dur-Trio habe ich 
unter Bocklet studirt. 

Hr. Dr. Karl Reinecke schreibt in seinen 
Briefen, dass ihm Liszt's Vortrag des AUe- 
gretto's der cis-moU-Sonate nodi jetzt nadi 
60 Jahren unvergesslich sei. Der noch immer 
als Genie der Wiedergabe Unerreichte spielte 
das Stück nach der Wiener Tradition, in 
viel langsamerem Tempo als es gewöhnlich 
in Deutschland herabgehetzt wird. Ich habe 
auch bei Liszt über manche Stellen des £s-dur- 
Konzerts Rath erbeten, obwohl Thalberg mich 
darin unterrichtet hatte, komme später auf 
diesen Fall zurück. 

In Wien ist bekanntlich das Konzert bei 
der ersten Auffährung (Februar 1812) durch- 



gefallen, nachdem es im Dezember vorher in 
Leipziger Gewandhaus, von Musikdirektor 
Schneider vorgeführt, nach der Leipz. AUgem. 
Musik-Zeitung mit unbeschreiblichem Enthu- 
siasmus aufgenommen worden war. 

Prüft man nun die Ansichten und Vor- 
schriften über die Ausführung der Ver- 
zierungen in den Beethoven'schen Werken, 
der Vorschläge, Pralltriller, Schneller, Doppel- 
schläge u. s. w., wie sie in den vielen Aus- 
gaben der Sonaten und Konzerten, sowie in 
manchem Lebrbuche zu finden sind, so ge- 
langt man zu dem Ergebnisse: diese Vor- 
schriften sind in derselben Weise von einan- 
der verschieden, wie die „authentischen^ 
„nach der Natur'' gezeichneten Bildnisse des 
unbeschreiblichen Tonmeisters. Diese zeigen 
nicht allein fast jedes einen anderen Aus- 
druck, sondern auch manchmal so ganz an- 
dere Züge, dass man ohne den darunter 
stehenden Namen kaum zu errathen ver- 
möchte, dass man ein Portrait Beethoven's 
vor sich sieht Die Königliche Bibliothek 
besitzt eine Sammlung von Portndts und 
Stichen. Da ist einer von Mahler 1808 
„Beethoven im 38. Jahre'', und ein anderer 
von Heckel aus dem Jahre 1818; zwei ganz 
verschiedene Antlitze, keines von beiden ein 
Beethoven'sches. Das Bild von Schimon, das 
(im Stiche von Eichene), als das beste gUt,*) 
zeigt ganz andere Züge und einen ganz an- 
deren Ausdruck, als das von Schuorr von 
Garolsfeld im Jahre 1807 „nach dem Leben" 
geschaffene; dieses Letztere in Nottebohn's 
Verzeichniss nicht erwähnte findet sidi in 
Nohl's Buch „Die Beethovenfeier" (1871, 
Wien, bei Braumüller). Ich könnte noch 
mehr derartige Beispiele von Widersprüchen 
in den Bildnissen Beethoven's anführen, denke 
aber, die hier genannten werden genügen. 
Sie rechtfertigen meine Behauptung: Sowie 
der Ausdruck in den Zügen des Schöpfers so 
vieler ewiger Werke ein oft wechselnder ge- 
wesen ist, so können auch diese, jedes nach 
seiner Art, anders aufgefasst werden, und es 
dürfen die Verzierungen nicht nach den jetzt 
beliebten Phrasirungs- Vorschriften, oder nach 
den aufgewärmten Regeln des verflossenen 
Jahrhunderts ausgeführt werden. Vielmehr 
muss einerseits dem ausführenden Künstler, 
der das Werk gründlich gewissenhaft studirt 
hat, Freiheit der Bewegung und des Aus- 
druckes gewahrt bleiben — so lange sie nicht 
dem Charakter des Werkes Gewalt anthut — 
anderseits die Ausfährung der Verzierungen 
nach dem Rhythmus festgestellt werden; und 



*) Das Ori^inalgemftlcle, fraher'ii» Besitze der 
EOnigJichen Bibliothek, das dem Bonner Beethoven- 
Hanse sage wiesen worden; das von Kloeber 1817 




bangen 
spricht. 



— 95 — 



dieser verlangt eben so oft die alte wie die 
neue Manier. 

Die Königliche Akademie der Efinste, 
eigentlich die Eönigl. Hochschule für Musik, 
veröffentlicht seit einiger Zeit „Urtexte" 
klassischer Musikwerke , also auch der 
Beethoven'schen Elaviersonaten. Der „All- 
gemeine Vorbericht** sdLgt: „Wo von den 
Autoren selbst besorgte Ausgaben vorhanden 
sind, werden diese, ohne jegliche Aenderung 
und Zuthat wiedergegeben (selbstverständlich 
Druckfehler korrigirt) und zweifelhafte Stellen 
sind als solche kenntlich gemacht". 

Nun enthalten die ersten Ausgaben der 
Beethoven'schen Sonaten mit wenigen Aus- 
nahmen nicht allein Druckfehler, son- 
dern auch falsche Yorzeichnungen un- 
richtig gezogene Bogen u. dergl. Hier kann 
nur genaueste Prüfung ganz urüieilsbefähigter 
Kenner das Richtige treffen. Als ich im 
Jahre 1859 in Frankfurt a. M. mit dem bald 



nachher gestorbenen trefflichen Yiolincellisten 
Brinkman die Sonate d-dur op. 102 öffent- 
lich spielte, fiel mir bei dem Studium aus 
der Original- Ausgabe auf, dass manche Bögen 
auf einer Note endigten, die ganz entschieden 
den Anfang eines neuen melodischen Satzes 
bildete, daher von den folgenden nicht ge- 
trennt werden dürfte. 

Schon damals tauchte mir ein Gedanke 
auf, den die späteren Darlegungen d^r 
Beethovenforscher bestätigt haben: dass der- 
artige fehlerhafte Bezeichnungen nicht immer 
ausschliesslich den Stechern zuzuschreiben 
sind, dass auch der unbeschreibliche Ton- 
dichter bei seinen Vorzeichnungen von Kreuz 
' (i|) und B (t?) und Auflösung (q) beim Ziehen 

der Bogen (- ^^) und beim Vorschreiben 

von Trillemachschlägen nicht selten ungenau 
zu Werke gegangen ist, ganz besonders in 
seinen späteren Werken. 

(FortsetzoDg folgt.) 



Eine hundertjährige Klavierschule. 

(SchlassJ 



Das folgende Kapitel : „Vom musikalischen 
Ausdruck^ leitet unser Autor durch folgenden 
Satz ein: „Will man der Musik, ^e man 
spielt, den vollkommenen Ausdruck geben 
lernen, so muss man vorher so weit ge- 
kommen sein, alle musikalischen Gänge im 
Bass und Diskant, in allen drei Spiel- 
arten und in allen 24 Tonarten, mit 
der grOssten Leichtigkeit spielen, und sie, 
sowie alle Manieren, die man immer in der 
gebundenen Spielart macht, mit dem Aus- 
drucke, den ihnen der Komponist durch ge- 
wisse Zeichen, als: pp, p, dolce, mezzof. f. 
ff. U.S.W. beigelegt hat, machen können. Dann 
erst darf man daran denken, auch mit Ge- 
fühl und Ausdruck spielen zu wollen, welches 
freilich unendlich mehr ist, als blosse Fertig- 
keit. Es giebt fertige Spieler, allein nicht 
jeder derselben gehört in die Zahl der Aus- 
erwählten und ist im Besitz dieses Schatzes. 
Diejenigen aber, welchen die Natur einen 
Funken dieses göttlichen Feuers einhauchte, 
werden durch fleissiges Stadium und mit 
Hülfe der besten und charakteristischen 
Werke der grössten Tonsetzer, jenen Funken 
zu einem Feuer anfachen, ihre Zuhörer er- 
wärmen, und bei ihnen durch ihr Spiel nicht 
nur die angenehmsten und sanftesten Ge- 
fahle, sondern -jede Leidenschaft erwecken 
können. Der Spieler, der auf diese Kunst 
Anspruch macht, muss aber ein Kenner des 
menschlichen Herzens sein, alle Geffihle und 
Leidenschaften desselben kennen und selbst 
im hohen Grade empfinden, muss während 



seines Spieles immer auf die Schaubfihne 
des menschlichen Lebens sich hindenken, 
vom Charakter eines Stückes vom Anfange 
bis an das Ende desselben nicht im gering- 
sten abweichen, dann wird es ihm gelingen, 
durch sein Spiel Alles das auszudrücken, was 
der Dichter durch Worte, der Maler durch 
Farben darzustellen sucht." — Nach einigen 
allgemeinen Bemerkungen über den Ausdruck 
folgen die speziellen Erklärungen. Vorher 
erweist sich unser wackrer Meister als ein 
Vorkämpfer für die deutsche Sprache, da er 
tadelnd bemerkt: „Jedes Volk sollte auch in 
Künsten seiner eigenen Sprache sich be- 
dienen, um nicht andre Völker auf den Ge- 
danken zu bringen, als sei seine Sprache zu 
arm oder zu ungeschickt; allein Mode und 
Gebrauch haben bis jetzt ihre Herrschaft 
auch hierin ausgedrückt. So wie man die 
französische Sprache für die Sprache des ge- 
bildetem Umgangs hält, so spricht man in 
der Musik italienisch und es giebt gewiss 
eine Menge Personen, welche behaupten, man 
könne ofane die französische Sprache kein 
liebenswürdiger Gesellschafter und ohne die 
italienische kein guter Musikus sein.^ — 
Zum Reformator schien unser Autor aber 
keinen Beruf zu fühlen, so bequemt er sich 
denn, und zwar in Gleichnissen, zur Erklärung 
der italienischen Bezeichnungen, von denen 
ich einige, ihrer Originalität wegen, her- 
setze. 

„Pianissimo (pp), wird so vorgetragen, 
dass der Zuhörer Abends bei stillem heiterem 



— 96 — 



Hunmel, in einer Entfernimg 7on etwa 100 
Schritten ein GesprSch zwischen zwei Per- 
sonen zn hören glaubt. — Auf dem kleinen 
viereckigen Pianoforte, wo man nur eine 
Saite mit dem zugemachten Deckel spielen 
kann, nimmt sich dies pp. vortrefflich aus, 
und dient zum Ausdruck des Echos, der 
Furcht, der Klagen und einer entfernten 
Hirten- oder Nacht-Musik." (Folgt Noten- 
beispiel.) 

„Dolce kündigt ein Gespräch an, dessen 
EigenschsdFt Sanftmuth, Zärtlichkeit ist, und 
dient für den Ausdruck der süssen Schwer- 
muth, der Liebe und Schwärmerei." 

„Forte drückt nicht sanfte Empfindungen, 
sondern starke Leidenschaften, Trotz u. dgL 
aus, auch kann man die Freude des Pöbels 
damit bezeichnen." 

„Fortissimo drückt heftige Leidenschaften, 
Zorn , unordentliche Gemüthsbewegungen, 
Waffengeräusch, Lärm einer Yolksmenge oder 
eines Eriegsheers aus." 

„Crescendo bedeutet, dass man jede Note 
vom Anfange des Ganges bis zum Ende 
immer stärker als die vorhergehenden spielen 
soll. Man f&ngt diese Veränderung mit dem 
zugemachten Deckel an und vollendet sie mit 
aufgemachtem Deckel. Sie verlangt viele 
Uebung, ehe man sie vollkommen machen 
kann, und gleicht dem Herannahen vieler 
sich unterredender Personen oder einer näher 
kommenden militärischen Musik." 

Im nächsten Kapitel „üeber dieYerände- 
rungen des Pianoforte" finden sich sehr inter- 
essante Bemerkungen über den Gebrauch der 
Dämpfer, die man in früheren Schulen ver- 
miest, die zugleich über die Technik und 
die Bauart der damaligen Instrumente einige 
Aufklärung geben. Unser Autor berichtet: 

^Was die Veränderungen des Pianoforte 
betrifit, so kann man die Instrumentenmacher 
nicht genug loben, dass sie seit vielen Jahren 
unermüdet bemühet waren eine grosse An- 
zahl Veränderungen an diesemlnstrumente an- 
7ubringen. Allein sie wurden von Spielern 
selten genung benutzt und gleichen daher 
einer schönen Büchersammlung, in der Nie- 
mand lesen mag. Komponisten und Lehrer 
achteten nicht darauf und hielten sie für un- 
nöthig, bis endlich das grosse Talent des 
Herren Steibelt, eines gebohrnen Berliners, 
der iezt in London lebt, alle diese Verände- 
rungen genau entwickelte, die Wirkung einer 
ieden zeigte und ihr ihren Platz bestimmte. 
Ich werde daher auch in der folgenden Zer- 
gliederung und BeschreibuDg der Verände- 
rungen des Pianoforte die Gänge und Ge- 
sänge dieses Komponisten zum Muster nehmen. 
Alle Musik dieses grossen Komponisten, so- 
wohl seine Sonaten, als seine rotpouris, ist 
dem Pianoforte ganz angemessen. Sie ver- 
langt aber freilich wegen des Ausdrucks, 
und wegen der nöthigen Kenntnisse des In- 



struments die grösste Vollkommenheit im 
Spiele, und gleicht einem schönen Trauer- 
spiele, das gut gespielt seyn wül, wenn es 
seine vollkommene Wirkung thun soll." — 
(Auf die Vorliebe unsres Autors für Steibelt 
und seinen sonstigen Greschmack komme ich 
am Schluss noch zurück.) 

Wir erfohren nun aus den folgenden 
Auseinandersetzungen, dass Milchmayer fol- 
gende „Veränderungen" oder Pedale an- 
nimmt: 

1. Den Harfen- oder Lederzug. Ein 
Stück dickes weiches Leder, das sich 
an die Saiten anlegt und das Zittern 
derselben verhindert, wodurch das 
Instrument einen dumpfen Ton er- 
hält. Er eignet sich zu Stücken, 
deren „Charakter Lustigkeit und 
leichter Scherz ist, zu Hirtenliedem 
und sizilianischen Stücken. "" „Er kann 
mit offnem und zugemachtem Deckel 
gebraucht werden." (Dies Oeffiaen 
und Schliessen des Deckels während 
des Spiels, worauf unser Autor grosses 
Gewicht legt, muss einen drolligen 
Eindruck gewährt haben ; bei einigen 
der Beispiele ist die Ausführung nur 
durch Uülfe einer zweiten Person 
denkbar.) 

2. Die Dämpfer, die „die schönste aber 
aber auch die abscheulichste Ver- 
änderung sind, je nachdem sie mit 
Geschmack oder übel angewendet 
werden." Sie werden mit und ohne 
Deckel, ebenfalls in Verbindung mit 
dem Lederzuge gebraucht Man 
drückt allerhand damit aus: „Das 
Spiel kleiner Glöckchen, die auf- 
und untergehende Sonne, zertheUende 
Wolken, aufsteigende Raketen, Per- 
sonen, die einer andern etwas zornig 
aus der Hand reissen, Musik der 
Harmonika, spanische Musik, die 
kleine Trommel, die Harfe und Man- 
doline u. v. a." — unser Autor zeigt 
hier eine sehr lebhafte Fantasie. 

3. Die Veränderung, wo der Hammer 
nur eine Saite anschlägt. „Spieler, 
welche musikalisches Gefühl haben, 
erzielen damit sehr schöne Wir- 
kungen." 

„Es gehört ein sehr vollkommenes In- 
strument dazu und viele Geschicklichkeiten, 
um alle erwähnten Veränderungen gut vorzu- 
tragen. Wenn nun unter den Lesern meines 
Buches sich einige finden sollten, welche ein 
solches Instrument zu besizzen wünschen, so 
können sie sich im vollen Zutrauen deshalb 
an mich wenden, ich verspreche dafür zu 
sorgen, dass ihnen vollkommene Genüge ge- 
leistet werde. Mein Ruf und meine Ehre 
schreiben mir in diesem Punkte Gesetze vor, 



— 97 — 



denen ich als Künstler nnd ehrlicher Mann 
stets treu bleiben werde/ 

Eine Eigenthümlichkeit der Schule ist, 
dass ihr Verfasser, ansser dem technischen 
TJebnngsmaterial und den erwähnten Bei- 
spielen zn den Manieren nnd dem Ansdmck, 
gar keine weiteren Stücke zum Studiren 
bringt, ja in einem kleinen Abschnitt über 
„den Ankauf von Husik^ sich verlegen, durch 
Anführung verschiedener Schwierigkeiten hin- 
durehwindet, um klar zu legen, „dass man 
dabei, wie wir heut sagen würden, „reinfallen" 
könne." Er fuhrt aber auch nicht einmal, 
— wieder unter allerhand hinfälligen Vor- 
wänden — , Werke an, die zum Studium ge- 
eignet wären, sondern erbietet sich nur, wenn 
seine Herren Subskribenten sich an ihn 
wenden wollten, ihnen gern die besten Werke 
der grOssten Meister nach steigender Schwierig- 
keit mitzutheilen. Dass der sonst so tüchtige 
Lehrer im Punkt des Gesdimacks dem Zeit- 
geist unterlag, lesen wir schon aus seiner 
Verehrung für den Modekomponisten Steibelt; 
an andrer Stelle, wo er über das Vierhändig- 

aielen spricht, was er für „sehr schwer" er- 
ärt, erwähnt er die Herren „Eozeluch und 
Pleyl", die die „schönsten vierhändigen So- 
naten geschrieben hätten; dann sagt er, — 
besonders charakteristisch für seinen Ge- 
schmack — über das Potpouri: „Diese Art 
von Musik ist noch nicht lange erfunden und 
schien Anfangs kein Glück machen zu wollen. 
Da erschien Herr Steibelt und mit seinem 
schöpferischen Geiste, bei seinen grossen mu- 
sikalischen Talenten, erhob er die Potpouri's 
zu ihrem vollkommenen Glänze, so dass die 
grössten Kenner der Musik gezwungen wurden, 
zu bekennen, dem Potpouri, wie Herr Steibelt 



es komponirt, und auf einem guten Piano- 
forte spielt, sei nichts zu vergleichen." — 
und nun setzt er weitläufig auseinander, 
welche Fähigkeiten und welche Kenntnisse 
dazu gehören, um ein Potpouri fertig zu 
spielen, „man könne eine grosse, schwierige 
Sonate fertig spielen und doch im Potpouri 
ein Anfbiger sein." Und mit einigem Selbst- 
gefühl fügt er noch hinzu, welchen Beifall er 
besonders in Deutschland beim Vorspiel von 
Steibelt'schen Potpouri's erobert. 

Nun zum Schluss noch von den Anforde- 
rungen, die unser Autor an die Studirenden 
stellt. Man höre und staune! Wer sich zum 
Musikus auf dem Fortepiano bilden vrill, der 
wende die frühen Morgenstunden zum Suchen 
des wahren Fingersatzes an, denn die auf- 
gehende Sonne erheitert den Verstand und 
das Studium in den heitren Morgenstunden wird 
jeden Keim, den die Natur in uns legte, ent- 
wickeln, und zu einem vollkommenen frucht- 
baren Baume emportreiben. Die bestra 
Stunden des jungen Künstlers sind also die 
Morgenstunden von 6—10 Uhr, diese muss er 
benutzen, dann mag er Kopf und Finger bis 
zum Mittagsmahle ausruhen lassen. Aber die 
Stunden von 4—8 Uhr sind vrieder aus- 
nehmend glückliche Stunden. Diese muss er 
nun zur Uebung verschiedener musikalischer 
Gänge anwenden und sie so studieren, dass 
man von Zeit zu Zeit zugleich ausruhe und 
arbeite, erst die rechte Hand bis zur Er- 
müdung, dann die linke Hand dieselben 
Gänge üben u. s. w. Also acht Stunden 
tägliches Ueben und das acht Jahre hin- 
durch, „dann", meint unser wackrer Milch- 
mayer, „dürfe man hoffen, ein grosser Musikus 



zu weraen 



de 



Anna Morsch. 



Der Fortschritt 

YerzeichniflB BtnfenweiB geordneter Klavieronterrichts-^erke. 
Heraasgegeben von Bmil Breslaur. Ldpug, Breitkopf A Härtel. 



Vorwort. 

Bs ist eine bekannte Thatsache, dass sich viele 
Eltern lam Ankauf theurerer Moaikstüeke schwer 
eotBchlieBBen. »Wir haben ja so viel Noten*, wird 
dem Lehrer gesagt, «wfthlen Sie doch davon etwas 
Passendes far unsere Kinder ans*. Und non werden 
Haufen uralter Musikalien hervorgesucht — unsaubere, 
vergilbte, inkorrekte Ausgaben mit falschem Finger- 
satz und mangelhaften Vortrags- und Phrasirongs- 
zeichen. Der Lehrer findet wenig oder gar nichts 
für den Schfiler Geeignetes darunter. 

Man kann es bei den grossen Ausgaben, welehe 
heutzutage der Unterricht der Kinder erfordert, den 
Kitern nieht verdenken, wenn sie bestrebt sind, diese 
Aasgaben auf irgend eine Weise zu beschrSnken und 



in der Besehaffong billigeren Lehrstoffes ein Mittel 
dazu erblicken; wenn sie sich demzufolge gegen die 
Anschaffung theurerer Musikstficke strftnben und 
fragen, ob es denn nicht minder kostspielige giebt, 
welehe den gleichen Zweck erf&llen. 

Deren giebt es nun in Fülle, seitdem die Werke 
unserer hervorragendsten Komponisten nach deren 
Tode frei geworden und in zahhreichen Neuausgaben 
erschienen sind. Aber auch gute moderne Werke 
sind in ziemlicher Anzahl um wohlfeilen Preis zu 
haben. Sie sind bei Verlegern erschienen, die durch 
die Wohlfeilheit ihrer Verlagswerke einen grosseren 
Absatz zu erzielen hoffen. 

Indem ich es nun untemehmei in diesem Fuhrer 
gute Musikstücke in wohlfeilen Aus- 



— 98 - 



gaben za empfehlen, hoffe ich mir dadurch 
den Dank aller derjenigen meiner Kollegen nnd Kol- 
leginnen erworben zu haben, welche geneigt sind, 
den Wünschen der Eltern nach Verringerong der 
Kosten for Unterrichtszwecke aaf diesem Gebiete 
entgegenzukommen, sowie den der zahlreichen, nicht 
mit Glücksgütem gesegneten Mosikstadirenden, die 
oft nur anter grossen Entbehrungen die Kosten für 
Anschaffung der nöthigen Musikalien bestreiten 
können. 

Von dem Grondsatze, nor wohlfeile Musikstücke 



zu empfehlen, musste ich bei gewissen, für den Unter- 
richt unentbehrlichen Werken, die wohlfeil nicht zu 
haben sind, abgehen. 

Om ein möglichst lückenloses Fortschreiteii zo 
erzielen, habe ich eine grossere Anzahl Stufen, als 
man sie in Führern durch die Klavierunterrichts - 
iitteratur im allgemeinen findet, eingefCihrt 

Hinweise auf die Art der Schwierigkeit in ge- 
wissen Stücken sollen besondere Aufinerksamkeit da- 
rauf lenken und zu gewissenhaftem Studium der- 
selben veranlassen. E^ü ßrealaur. 



Musik-Aufführungen. 



Berlin, 28. MSrz 1897. 
Das letzte musikalische Ereigniss war die gestrige 
Erstaufführung der einaktigen Oper „ £ n o c h 
Arden*" von Victor Hansmann im Könige 
liehen Opemhanse. Leider war es nur ein ziemlich 
kleines Ereigniss. Es handelt sich um das Erstlings- 
werk eines noch sehr jungen Komponisten, und es 
wftre gewiss ungerecht, von ihm mehr als eine hoff- 
nungsvolle Anweisung auf die Zukunft verlangen zu 
wollen. Die ist am Ende gegeben worden, aber sie 
w&re schon heat sehr viel besser ausgefallen, wenn 
die Textbearbeitang des allbekannten Stoffes nicht 
gar zu schwächlich und unverständig aosgefallen 
wäre. Mit diesem Bache, das ganz aas dem Rahmen 
des Tennyson'schen Gedichtes herausföUt, indem es 
uns Annie Lee in gleichzeitiger persönlicher Ver- 
handlung mit ihren beiden Männern zeigt, — eine 
ausserordentlich peinliche Scene, — ist nichts, gar 
nichts anzufangen. Nun kommt aber freilich daza, 
dass es Hrn. Hansmann noch nicht gelingen will, 
die ihm zur Verfügung stehenden Mittel in ent- 
sprechender Weise zu beherrschen; seiner Melodik 
fehlt der grosse Zag; seinen deklamatorischen Aus- 
dracksformeo die überzeugende Kraft, seinem Orchester 
die Farbe. So sind es wirklich nur Einzelheiten, 
die hier und da einen günstigeren Eindruck machen; 
das Ganze bleibt ohne Wirkung. Die Auffnhrang 
war gut; Frl. Egli und die Herren Balss und Philipp 
in den Hauptroileo, sowie Frl. Deppe, FrU Pohl und 
Hr. Krasa in kleinen Nebenrollen leisteten sehr Zu- 
friedenstellendes. Hr. Sucher dirigirte. Am Schlüsse 
der Aufführung gab es mehrere Hervorrufe des 
Komponisten und einen Lorbeerkranz für denselben; 
da man aber noch nie einer Erstaufführung ohne 
diese Zuthaten beigewohnt hat, so brachten auch 
diese keinen Eindruck hervor. Für die Zukunft des 
Werkes bedeuten sie gar nichts. 

In grösseren Novitäten war der abgelaufene 
Monat überhaupt nicht sehr glücklich. Die Ber- 
liner Liedertafel brachte unter des Kom- 
ponisten Leitung in der Philharmonie die „Jungfrau 
von Orleans'', für Soli, Männerchor und Orchester 
von Heinrich Hofmann zur Aufführung. 
Auch bei diesem dreitheiligen, übrigens nur einen 
halben Abend in Anspruch nehmenden Werke trägt 



das Textbuch, „nach Schiller^ von einem ungenannten 
Bearbeiter hergestellt, einen grossen Theil der Schuld 
gänzlicher Wirkungslosigkeit. Man kann sich das 
SchiUer'sche Drama nicht unglücklicher zerpflückt, 
stilistisch nicht böser verballhornt, inhaltlich nicht 
unverständlicher zerfahren denken! Und an einen 
solchen Text wendet ein intelligenter, fein empfinden- 
der Komponist seine Arbeitskraft! Wird er dabei 
nicht mitverantwortlich für denselben? Hoftnann^a 
Musik, die wie immer technisch sehr geschickt und 
klangvoll ist, entbehrt diesmal mehr wie je einer 
grösseren Selbständigkeit; sie lehnt sich zu sehr an 
Bekanntes an, bringt auch mancherlei direkte Re- 
miniscenzen, die wohl bei einiger Aufmerksamkeit 
hätten vermieden werden können. Scharfe Charakte- 
ristik fehlt aber der Komposition und sie lässt daher 
ein lebendiges Interesse an ihrem Fortgange nur in 
schwachem Maasse aufkommen. Die Ausführung, 
bei der ausser dem Chore und dem Philhannonischen 
Orchester FrL M. Rost [und Hr. Severin betheiligt 
waren, ging sehr gut von statten. 

Im letzten Philharmonischen Konzert, 
das den dieqährigen Cydus bescbloss, wie im letzten 
Opernhauskonzert, welches das vorletzte 
der Reihe war, gab es keine Neuheiten, aber in 
beiden, wie selbstverständlich, dort unter Nikisch^s, 
hier unter Weingartner^s Leitung, hervorragende 
Orchesterleitungen. In dem erstgenannten Konzerte 
wirkte als Solistin Frl. Landi mit, auf die ich noch 
zurückkomme. 

Die Philharmonische Kapelle ist 
schon wieder in der unangenehmen Lage, einen Dir. - 
genten suchen zu müssen, da Hr. Mannstädt zum 
1. Oktober nach Wiesbaden zurückkehrt In Folge 
dessen haben hier drei Herren Probedirektionea ab- 
gehalten : Hr. 0. Singer, früher, wenn ich nicht irre, 
in Köln, Hr. Rebicsek vom Wiesbadener Hoftheater 
und Hr. Weintraub vom Stadttheater in Breslau. Be- 
sonders die beiden letztgenannten Herren erwiesen 
sich als sehr tüchtig, umsichtig und energisch, dabei 
von gutem musikalischen Temperamente und einer 
der beiden Herren dürfte auch Aussicht haben, die 
Stelle zu erhalten. Eine entscheidende Wahl scheint 
aber noch nicht getroffen zu sein. 

Der von Hrn. Prof. A. Holländer geleitete dd- 



— 99 - 



Uen-Terein brachte ia einer sehr guten Aaffnhrang 
unter soliatischer Betheiligung der Damen Gertr. 
Heinrich ond Jeanne Geiz, sowie des Hm. Hensel, 
aber leider mit Klavierbegleitung den Zlatarog tod 
Thierf eider; der Kotsolt'sehe Gesangyereln , den 
Hr. L. Zellner mit so schönem Erfolge dirigirt, gab 
gleichfalls ein Konzert mit alten und neuen Gbor- 
liedern bei vorzüglichem Gelingen. 

Einen Besuch angenehmer Art erhielt Berlin 
dorch den Leipiiger Männerehory unter Leitung 
seines Dirigenten Herrn Wohlgemut h. Der etwa 
hundert Personen starke Chor verlugt über schöne, 
kräftige Stimmen, singt sehr sorgfUtig und ist mu- 
sikalisch trefflich gebildet Neben kleineren Chören 
trug er ein neues, grösseres Werk „Columbus letzte 
Nacht* von Sturm vor, das aber auf besondere Be- 
deutung keinen Anspruch erheben kann. Hr. Wünsch- 
mann aus Altenburg, Baritonist, und die Winder- 
stein' sehe Kapelle aus Leipzig unterstützten das 
Konzert in trefflicher Weise. 

Zu einem grossen Wohlthitigkeits-Konzert bei 
Gelegenheit der eben verrauschten Zentenarfeier 
hatten sich, unter Leitung des Hrn. Siegfried Ochs, 
der Philharmonische Chor, der Chor der Kgl. Hoch- 
schule, die Berliner Liedertafel, das Philharmonische 
Orchester und zwei Militärkapellen in den riesigen 
Börsensälen vereinigt. C a. wurde eine neue patri- 
otische Chorkomposition von Ph. Rufer aufgeführt, 
die zwar die geschickte Hand des Komponisten zeigte, 
aber doch ziemlich deutlich auch die Gelegenheits- 
arbeit verrieth. Von überwältigender Wirkung war 
der von sämmtlichen Mitwirkenden (im ganzen etwa 
neunhundert Personen) gemeinsam ausgelührte Kaiser- 
marsch von Wagner. 

Auch in der letzten ({nartettaolr^ des Prof. 
G. Holländer trat ein berühmter Gast auf, Hr. 
Prof. Jadassohn aus Leipsig. Er spielte in 
Gemeinschaft mit den vier Herren des Quartetts ein 
Klavierqointett seiner Komposition, das frisch und 
kräftig in der Entwickelang vor sich ging, sehr 
durchsichtig in der Form war, aber eigentlich Neues 
allerdings nicht bot. Den Grundcharakter des Ganzen 
gab Mendelssohn an. 

Unter den bisher hier unbekannten Solisten 
nimmt die Altistin Frl. Camiila Landi eine 
eigenthümliche Stellang ein. In ihrem ersten Konzerte 
erregte sie lebhaftes Aufsehen theils durch ihre schöne 
Stimme, mehr aber noch durch die zwar ruhige, aber 
tiefe Empfindung ihres Gesanges und die prächtige 
Art ihrer Tonbildung. Sie wurde allgemein als ein 
neu aufgegangener Stern erster Ordnung bewundert 
Als sie darauf im letzten Philharmonisehen Konzert 
mitwirkte, wollte es ihr viel weniger gelingen, zu 
gefallen, und ah sie ein zweites Konzert gab, klang 
zwar natürlich die Stimme immer noch schön^ aber 
ihre Vortragsart war so weniß anregend, dass sie 
beinahe einen Misserfolg hatte, über den sie nur 
durch einige pikant gesungene Kleinigkeiten fortkam. 
Demnächst wird sie noch ein drittes Konzert geben, 
und es wird sich danu endgiltig herausstellen, was 
unser KonzerÜeben an ihr gewonnen hat. 

Cm gleich beim Gesänge zu bleiben, so ist noch 
zu bemerken, dass Hr. C. Frölicher, ein 



Baritonist, von dem man sich etwas versprach, die 
erregten Erwartangen nicht erfüllte, und dass Hr. 
Scheidemantel aus Dresden zum ersten 
Male als Liedersäoger, und zwar mit ausserordent- 
lichem Erfolge auftrat. 

Auch unter den Klavierspielern ist einer ganz 
neuen Erscheinung zu gedenken. Hr. Mark 
H a m b u r g ist ein noch ganz junger Mann, der 
bereits auf den Höhen der Technik steht, und sich 
durch ein energisch zagreifendes Spiel auszeichnet 
Er ist zu Zeiten noch etwas wild, aber das schadet 
nichts ; es steckt in ihm eine tüchtige Klaviematur, 
und man darf von ihm noch bedeutendes erwarten. 

Auch Hr. Dr. D o h r n war ein homo novus auf 
dem Klaviergebiete. Er ist ein tüchtiger Spieler, 
mehr solide, als blendend und im ganzen nicht sehr 
fesselnd. Neben diesen beiden waren Frau Menter, 
die Herren Ansorge, Bosoni, Fachmann jeder in 
seiner Weise hervorragend. Was besonders Hrn. Bnsoni 
betrifft, so bietet er jetzt das Non plus ultra an 
Technik und Kraftentfaltung. 

Unter den Geigern sei des jungen Hrn. Besekinsky 
gedacht, der unter der Aegide seines Vaters ein 
Violinkonzert desselben und verschiedenes Andere 
spielte und dorch seine treffliche Technik und seinen 
warmen Ton sehr gefiel. 0. Eichberg, 

Der BerUner Tonklliuitler-Yereiii veranstaltete 
am 17. März in der Kirche «Zum heiligen Kreuz*' 
zum Besten der Gemeindepflege ein Konzert, das 
zahlreich besacht war. Mitwirkende waren der 
Kirchenchor von St Nicolai und St. Marien, unter 
der Leitung seines verdienstvollen Dirigenteo Herrn 
Professor TheodorKrause, der Organist Herr 
Jrrgang, Frl. M. de Beaulieu, Herr Frans 
Rosenthal (Gesang), Herr Gehwald (Violine) 
und Herr H o 1 y (Harfe). 

Die Aufführung wurde dur( h einen Orgelvortrag 
von Bach's A-moll, Präludium und Fuge stimmungs- 
voll eingeleitet, die Herr Jrrgang ebenso wie das 
Agitato aus der Sonate op. 148 von Rheinberger 
ganz vortrefflich spielte. Hierauf sang der Kirchen- 
chor, welcher sich der geistvollen und energischen 
Leitung des Professors Krause erfreut, zwei Chöre 
^Introitus'**,' von dem Dirigenten, A, 8 stimmig und 
B, 2 chörig komponirt. Der Chor folgte den In- 
tentionen seines Führers bis in die kleinsten Einzel- 
heiten. Ebenso vollendet sang derselbe das «Vater 
unser'', von Theodor Krause, welches in der Innig- 
keit der Empfindung, der charakteristischen und 
melodischen Gestaltung einen tiefen Eindruck hinter- 
liess. Die wackere Sängerschar errang hinsichtlich 
der Ausführung der Gesänge einen unbestrittenen 
künstierischen Erfolg und lieferte den besten Beweis 
für die hohe musikaliBche Intelligenz und das päda- 
gogische Geschick ihres Leiters. Herr Rosenthal, 
trug eine Arie aus Eli und Samuel von Pasch und 
eine aus Händers Messias mit schöner Stimme und 
tiefer Empfindung vor und bekundete dadurch sowie 
durch seine allen äasserlichen Effekte verschmähende 
Vortragsart auf^s neue seine hervorragende Begabung 
für den kirchlichen Gesang. Frl. de Beaulieu sang 
mit Wärme und Gemüth ein Redtativ und Arie von 



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- 100 — 

Krackow. Ihre Stimme hat in der mittleren Lage | Gebwald (Violine) und Qoly (Harfe) gedacht, die aaf 
einen schönen, vollen Ton. Noeh sei der Herren ! ihren Instromenten wirklich KünstleriBches leisteten. 



Ton hier und ausserhalb. 



BerUn. Gelegentlich der Aufführung des Fest- 
spiels: .^illehalm* von WildcDbrach, za dem Ferd. 
H ummel die Mosik geschrieben, wurde letzterem 
vom Kaiser der Titel: Königlicher Musikdirektor, 
verliehen. 

— Frau Amalie Joachim, die ihre 
Stellung am Klindworth-Scharweoka-KoDservatoiium 
aofgegeben hat, eröffnet am 1. April eine Privat- 
gesangschule W., Nümbergerstr. 64. 

— Der Kgl. Musikdirektor, Herr Tbeobald Reh- 
bäum, der seit mehreren Jahren seinen st findigen 
Aufenthalt in Wiesbaden genommen, bat ein vier- 
aktiges Schauspiel ^Leibeigen^ geschrieben, das von 
der Kgl. Bfibne zu Wiesbaden zur Auffuhrung an- 
genommen worden ist. 

— Die Trio- Vereinigung, Heiorich Grfinfeld, Pauer 
und Zajic, war in Petersborg vor Kurzem vom russi- 
schen Kaiserpaar nach Zarskoje-Sela geladen, eine 
Einladung, die in ganz Petersburg das ailergrösste 
Aufsehen macht, weil die drei Künstler thatsftcbUch 
die ersten sind, die in Russland einer solchen Ehre 
gewürdigt wurden. Das illustre Publikum bestand 
nur aus fünf Personen, dem Kaiser, der Kaiserin, 
der Kaiserin-Wittwe, dem Qrossfürsten Michael, dem 
jfingsten Bruder des Kaisers, und dem Orossfursten 
Gyrill, dem ersten Sohn des Grossffirsten Wladimir. 
Die Künstler musizirten IV^ Stunden, theils zu- 
sammen, theils einzeln nachdem sie vorher im 
Schloss das Diner eingenommen. Der Kaiser und 
die Kaiserin zeichneten jeden Einzelnen in der 
schmeichelhaftesten Weise aus. 

— Bezüglich der bevorstehenden Bühnenfest- 
spiele wird aus Bayreuth berichtet, dass der 
«Nibelungenring* drei- und der ,Parsifal* achtmal 
gegeben werden. Der »Ring* wird vom 21.— 24. Juli, 
vom 2.-5., vom 14.— 17. August über die weltbe- 
deutenden Bretter schreiten; der «Parsifal* am 19., 
27., SO. Juli, sowie am 8., 9., 11. und 19. August 

— Engen d*Albert feiert gegenwärtig in Rnssland 
ausserordentliebe Triumphe. Sein Moskauer Konzert 
brachte eine Nettoeinnahme von 9000 Mark. Der 
berühmte Kunstler beschränkte seine desfallaige 
Künstlerschaft auf Moskau, Petersburg und Helsing- 
fors, da er in nftchster Zeit zu den Proben seiner 
nenen Oper in München erwartet wird. 

— Aus Gassei wird dem «Rheinischen Kurier* über 
einen Künstlerprozess geschrieben: Die Grossherzog- 
lich hessische Kammersftngerin Jettka Finkenstein 
wollte am 10. Dez. v. J. hier ein grosses Konzert 
geben nnd hatte damit die hiesige renommirte Kon- 
zertagentnr 0. Kuprions Nachfolger betraut Der 
Silletverkanf war miserabel vor Weihnachten und 

1 die SSngerin nicht vor leeren Bfinken auftreten 



zu lassen, hatte obige Firma 300 Freibilletts ^von im 
ganzen 860 Billetts) an Künstler, Musiker etc. ver- 
schenkt Hiermit war die grossherzogliche Sfingerin 
und auch ihr assistirender Gatte, der Kapellmeister 
Pulvermacher aus Breslau aber entschieden nicht 
einverstanden, er verlangte die vOllige Zurückziehong 
der bereits verschenkten Freibilletts und da dies 
nicht gut anging, so kam es zu einer heftigen Scene 
im Mnsikalienladen, worauf beiderseits gereizte Er- 
klärungen im .Tageblatt* erfolgten, durch die sich 
der Firmeninhaber Weber und die beiden Künstler 
wechselseitig beleidigt fühlten. Es entstanden infoige 
der gegenseitigen beleidigenden Vorwürfe m den 
Blättern — wobei namentlich die übermässige Ver- 
schleudern ng von Freibilletts im Interesse anderer 
Kunstinstitute, Hoftheater etc., Benachtheiligung des 
Besuchs ~ Veranstaltungen anderer hervorragender 
Sänger und Künstler stark gegeisselt, andererseits 
als nicht zu umgehen, vertheidigt wurde etc. Infolge 
dessen entstanden nun drei Privatklagen wegen 
öffentlicher Beleidigung und ein Zivilprosess. Musika- 
lienhändler Weber klagte gegen den Kapellmeister 
und seiaeFrau, die Sängerin, zweimal, Kapellmeister 
Pulvermacher gegen Weber nur einmal. Femer 
I klagte letiterer noch seine Auslagen für Inserate 
und Saalmiethe für das gar nicht stattgefundene 
Konzert mit 124 Mk. ein. Nachdem die Sache nun 
über 3 Monate gespielt und in den vier Prozessen 
manches dicke AktenstGck vollgeschrieben ist, viel 
Kosten entstanden sind etc., endigte sie in der Ver- 
handlung vor Gericht, in welcher als Sachverständige 
Hofkapellmeister Treiber, Musikdirektor Spengler, 
Reg.-Rath v. Kehler nnd Konzert-Agent Kaiser er- 
schienen waren, durch einen mageren Vergleich! 
Kläger Weber erklärte , dass er in allen Punkten 
total Unrecht hatte, insbesondere mit der Verthei- 
lung der 300 Freibilletts, mit der Darstellung des 
Vorfalles in seinem Laden, mit der Absage des Kon- 
zerts; er bedauert die den beiden Künstlern zuge- 
fügten Beleidigungen, nimmt sie als unwahr zurück, 
bittet öffentlich um Entschuldigung etc. nnd trägt 
alle gerichtlichen und aussergerichtlichen Kosten etc. 
und ninunt infolge dessen seine drei angestrengten 
Prozesse, auch den Forderungsprozess, zurück. Die 
Erklärung und Abbitte wird laut Gerichtabeschluss 
in den Zeitungen veröffentlicht werden. 

— - Der Graf G^za Zichy, der bekannte einarmige 
Künstler, war am 15. März zum Theo bei dem 
Kaiserpaare geladen. Er durfte hier vor einem aus- 
erwählten Kreise, zu dem ausser dem engeren Dienste 
des Kaiserpaares nur der österreichisch-ungarische 
Botschafter mit seinen Töchtern, sowie die Herren 
und Damen der Botschaft zählten, verschiedene 
Stücke ani dem Klavier vortragen. Der Graf ver- 



— 101 — 



handelte hier mit dem Grafen Hochberg aber die 
Aoffübrang seiner neuesten Oper. 

— In Antwerpen hat Philipp Rüfer's Oper «Ingo* 
einen grossen Erfolg errungen, der die Direktion ver- 
anlasst hat, das Werk bis zum Schluss der Saison 
noch dreimal aufs Repertoire zu setzen. Die Deber- 
Setzung des Textes in's VISmische soll sehr gut ge- 
lungen sein. Der der Brstaufföhrang beiwohneode 
Komponist wurde lebhaft gefeiert. (Allgem. M.-Ztg.) 

— Am 24. März bat uns P o s s a r t mit einem 
völlig freien Vortrag von Tennysons «Enoch Arden* 
überrascht, den er zum Besten der Frauenarbeits- 
schule im Mathildensaal mit grossem Beifall vortrug, 
und zwar mit der begleitenden vom Komponisten 
selbst am Klavier gespielten Musik unseres Riebard 
Strauss. Dass Possart so unmodern ist, das Melo- 
dram wiederbeleben zu wollen, liegt einzig daran, 
dass er sich gern zur Musik sprechen hört und dass 
er zum Gluck musikalisch genug ist, ein Melodram 
sprechen zu können. Unnatürlich ist dieses Zwitter- 
genre immerbin, auch wenn die Musik so über- 
raschend unaufdringlich zurücktritt, wie die von 
Strauss diesmal es thut. Der blendende Vortrag 
Possarts konnte durch die Musik kaum noch mehr 
gehoben werden. Es heisst, beide Herren würden 
den melodramatischen «Enoch Arden** demnftchst 
auch in Frankfurt vorführen. 

— Heinrich Pudor, der seinerzeit durch allerlei 
Sonderbarkeiten aufzufallen suchte und auch wohl 
noch in Berlin durch seine Einer -Ausstellung im 
guten Andenken aller lachlustigen Leute lebt, ist 
jetzt in London gestrandet, wo er als Mitglied eines 
Orchesters das Violoncell spielt. Ursprünglich 
Direktor und Inhaber des Königl. Konservatoriums 
in Dresden, hat er durch seine Versuche als Refor- 
mator, Schriftsteiler, Komponist und Bildhauer sein 
ganzes Vermögen zugesetzt 

Brflsseli 13. März. Im Brüsseler Monnaie-Opern- 
theater wurde gestern Abend nach fünfimonatUcher 
Einübung zum ersten Male die noch nicht veröffent- 
lichte Oper „Frevaal*, lyrisches Drama io einem 
Vorspiel und in drei Akten, gedichtet und komponirt 
von dem Führer der jungen französischen Musik- 
schule, Vincent dlndy, aufgeführt Die Pariser Grosse 
Oper hatte die Aufführung dieses höchst verwickelten, 
ganz im Stile und Geiste Riebard Wagners kompo- 
nirten Werkes als unmöglich abgelehnt; der Brüs- 



seler Oper gelang es nach eifriger Arbeit, diese 
grösste Schöpfung des Pariser Komponisten vorzu- 
führen. Die Oper spielt in Südfrankreich zur Zeit 
der EinfEllle der Sarazenen. Die Musik, die viele 
Anklänge an Wagner entbftit, zeigt die hohe Bega- 
bung und die tiefen Kenntnisse des Komponisten, ist 
aber sehr verwickelt und stellt an Kapelle und 
Sänger die höchsten Anforderungen. Sie enthält 
vieles SchönCi ergreift aber nicht und iSsst im 
ganzen kalt; viele Theile sind ganz verschwommen 
und ohne Ausdruck. Die Kapelle leistete Ausge- 
zeichnetes: auch die Aufführung war gut 

MOnohen, 14. März. Die mit dem Luitpold-Preise 
geklönte Oper «Theuerdank* von Ludwig Thuille ist 
am Geburtstage des Prinsregenten nach monate- 
langen Vorbereitungen und Verschiebungen zur ersten 
Aufführung gelangt Dieselben Leute, die im aus- 
verkauften und glänzend erleuchteten Hause, in dem 
auffallenderweise der fürstliche Preisspender fehlte, 
dem liebenswürdigen jungen Komponisten Professor 
Thuille einen sogenannten durchschlagenden Erfolg 
bereiteten, machten unter sich kein Hehl daraus, 
dass männiglich enttäuscht war. Man sagte sich, 
wenn dies die erste Preisoper ist, wie sehen dann 
wohl die anderen hundert aus? Oder haben sich 
etwa die Herren Preisrichter zur Abwechselung 
ein bischen blamirt, und hätten andere nicht prä- 
miirte etwa den Preis verdient. Fast möchte 
man es hoffen, wenn man nicht an der ori- 
ginalen Erfindung unserer heutigen Tonkünstler 
ganz verzweifeln will. Auch Thuille segelt wieder 
wie unsere ganze heutige Kapellmeiatermusik in den 
ausgefahrenen Geleisen nachwagnernden Sprech- 
gesangs. Was uns aber in den i,Meistersingem*, 
die er vor allem nachgeahmt hat, gefUlti geflUlt uns 
nicht in dem Werk eines nachempfindenden Epigonen 
von ungleich geringerem Talent. Wo Thuille den 
Muth hat selbst zu sein, in den schwungvollen 
lyrischen Schlüssen des zweiten wie dritten Akts, da 
steckt das einzig Werthvolle der Oper, die ein Liebes- 
abenteuer Theuerdanks-Erzherzogs, später Kaisers 
Max I. und seine Königswahi zum Gegenstande und 
zu der Alex. Ritter unter dem Pseudonym Ehm ein 
nicht unebenes Libretto geschrieben. Das wird trotz 
einer vorzüglichen Aufführung nicht genügen, die 
Preisoper hier und anderwäts auf dem Spielplan zu 
halten. (Voss. Ztg.) 



Vereine. 



Beriiner Musfklehrer-Vereln. 
In der jängsten Sitzung hielc Herr Professor 
Emil Breslaur einen Vortrag über seine 
Methode der Entwickeluug von Ton und lechnik, die 
sehr ruhig und scbrittweis bewirkt wird. Vor allem 
wird die Gewinnung eines schönen, weichen und 
nüaodrungsfähigen lones erstrebt, und nur alimäiig 
wird die Kraft des Anschlags gesteigert, der sich 
aber selbst bei höchstem Kranaufwand in den Grenzen 
der Schönheit halten muss. Zum Schluss verwies 
der Redner auf die den meisten Anwesenden be- 
kannten Leistungen seiner Schüler, deren Ton und 
Technik, nach den dargelegten Grundsätzen gebildet, 
stets Anerkennung gefunden hat Der Vortrag, durch 
Ausfuhrungen am Klavier erläutert, interessirte all- 
gemein und wurde mit vielem Beifall aufgenommen. 



Stuttgarter Tunkiinstler-Verein. 

Der Stuttgarter Tonk^tler-Verein verjknstaltete 
am 8, Man einen grösürea FMBilionalfaid anter 



zahlreicher Betheiligung seiner Mitglieder. Das Pro- 
gramm enthielt folgende Nummern: 1) Sonate für 
Klavier und Violine, Es-dur, op. 18 (luch. Strauss). 
2) Waldesnacht (Schubert). 3) Klavierstücke: a. 
Legende des hl. Franziskus (Liszt) die Vogelpredigt 
b. Variationen über ein ungarisches Lied (Brahms). 
4) Violinstücke: a. Madrigale (Simonetti). D. La fee 
du ballier (Godard). 5) Gesang: a. Arietta: Inquesta 
tomba oscura (Beethoven), b. Am Monte Pincio 
(Grieg). c .Wie frisch und froh'', aus den Mace- 
lone-Liedern (Brahms). An der Ausführung dies 
Programms betheiligten sich die Damen : Frau L^onie 
Grössler-Heim und FrL Maria Leipheimer, femer die 
Herren Richard Künzel und Arpad Doppler und er- 
freuten die Anwesenden sowohl durch die inter- 
essante Auswahl der Stücke, sowie durch die muster- 
giltige Ausführung derselben. Der Gast des Abends, 
Frl Maria Leipheimer^ eine der besten Schülerinnen 
Hromod^% ist im Besitz einer herrlichen Altetimme 
lud singt mit ebenso viel Oesohmack wie Versttadniü, 



- 102 — 



Meinungs- Austausch. 



Ein sehr «grober^ Unfag. Von Heim 
H. 8. geht mir folgender. Brief za: 

Berlin, im MSrz 1897. 

Geehrter Herr Professor! 

Zam letzten Siofonie-Abend im Opemhaose hatte 
ich ein Billet, an dessen Benutzung ich verhindert 
war. ZafSllig treffe ich auf der Stresse einen gaten 
Bekannten ans der Provinz, der auf einen Tag nach 
Berlin gekommen war. Da er sehr musikalisch ist, 
biete ich ihm meinen Platz an. »Was giebt's denn?" 
fragte er. Ich antwortete: «Die Earyanthen-Oaver- 
türe — drei Sfitze ans einer Sinfonie von Mahler, 
der uns mittheilen will, was ihm die Blamen, die 
TMere and die Liebe bei verschiedenen Gelegenheiten 



erzählt haben; ferner — * «Sehr gut*, safft mein 
Freund, ,,die Ouvertüre zu Euyrantbe habe ich mir 
schon längst einmal zu hören gewünsefat, ich kenne 
sie nämlich nicht — *, „Nun*, meinte ich, ^dano lohnt 
es schon allein ihretwegen, dass Da in^s Konzert 
gehst Hier ist die Karte. Und schreib' mir doch, 
wie's Dir gefallen bat'. — Geschrieben hat er mir. 
Was er über Gustav Mab 1er als Blumen-Mahler, 
Thier-Mahler und Liebesmahl — er äussert, das 
möchte ich lieber für mich behalten, aber eine Be- 
merkung über die Euryanthe mnss ich Ihnen doch 
mittheilen, da sie vielleicht zu denken (debr. Br ist 
nämlich ganz verblüfft darüber, dass Weber, der 
im Verlaufe des Werkes die scnönsten Melodien und 
Themen ertönen lässt, keinen besseren Anfang ge- 
funden hat, als folgenden : 




JSJ. ' I I I I 

l?;=»?.ÄZ&zi#i_:tzir=L.«zi:#z=»_ 



i^^s 



ÖL 



^ 



"S^ T r r r f ^rw. 



i=^ 



ni^r 



dem eine zweite Periode ähnlichen Inhalts folge — 
ff. für Pauken, Trompeten und alles was blasen kann, 
gesetzt, während die Streicher pausireo. Nur am 
Anfanff des vierten und des achten Taktes habe man 
eine kleine Geigenfigur gehört, die ganz unvermittelt 
in der höchsten Lage einsetzt 

Mein Freund hat gute Ohren ; ich glaube ihm 



auf s Wort, dass von den glänzenden Geigenpassagen, 
die die Ouvertüre eröffnen, nichts als die letzten 
hohen Noten zu hören waren. Ist mir doch diese 
wundervolle Eraftleistung des Blechs ans populären 
Eonzerten bekannt genug. Aber selbst im Opemr 
hause? Am Sinfonie- Abend? Unter Felix Weingartner? 
Ei! ei! 



Antworten. 



Th. B. Bnpiqiest. Bitte fragen Sie Herrn Wiese 
in Halle a^ d. Saale selbst, welche Stücke er spielen 
lässt. Er wird Ihnen bereitwilligst Auskunft geben. 
— Anfang Juli bin ich noch in Berlin, ich werde 
mich sehr freuen, Ihnen einige meiner Schüler vor- 
führen zu können. — Dass das Oratorium »J e p h ta** 
nicht von Major, sondern von Jos. AntonMayer 
ist, bemerke ich hier berichtigend. 

J. Ito Tilsit« Die von Gutschow erfundene Vor- 
richtung zur Abdämpfung des Elaviertons kann am 
Instrument gleichviel ob Fngel oder Piano nur in 
seiner Fabrik angebracht werden, zu welchem Zwecke 
dasselbe hierhergesandt werden müsste, was doch 
mit erheblichen Kosten verknüpft wäre. 

L. H« G. Wien« Ronde ist französisch, nicht 



italienisch und bedeutet ganze, A/4 Taktnote. Sieg- 
fried Ochs ist 1858 in Frankfurt a. M. geboren, er 
ist mit Traugott Ochs, dem Dirigenten des Gubener 
Konzertvereins nicht verwandt 

IL W. Buenos-Ayres« «Tbe Etüde* erscheint in 
Philadelphia bei Theo. Pvesser, Chestnntstreet 1708. 
Der jäbrlicbe Abonnementspreis beträgt IVs Dollar. 

L. B. Jglam (Mähren). Dusseck ist ein böhmi- 
scher Name und wird Duschek ausgesprochen. D. 
war der Lehrer des 1806 bei SaalfeJd gefallenen 
preussischen Prinzen Louis Ferdinand. 

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Der KlaYier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler-Vereine 

zu Berlin, Kein, Dresden, Hamburg und Stnttgavt. 

HerauBgegeben 

▼on 

Professor Emil Breslanr. 



No. 8. 



Berlin, 15. April 1897. 



XX. Jahrgang. 



DieBOB Blatt eneheint un 1. und 15. jeden Monate 
und kostet dnich die K. Foet-Anatalten, Bach- und 
Muflikalienhandiungen bexogen nerteyshrlieh 1,50 Ji^ 
direct unterKreuiband Ton aerVerlas8nfladlungl,75i^. 



luBerate fBr dieses Blatt werden von Bftmmtliohen 
Annoncen-Bxpeditionen, wie von der Verlagshandlunc. 
Berlin S., Brandenburgstr. 11. lum Preise von 30 3^ 
fOr die sweigespaltene Petitseiie entgegengenommen. 



Die Ornamentik (Yerzierungsknnst) In den Beethoyen'schen 

Klayier-Werken. 

Von Heinrich Ehrlich. 

(Fortsetzung.) 



Die Steingräber'sche Ausgabe der Beethoven- 
schen Sonaten, die in Bezug auf gründliche 
Prüfang nnd genaaeste richtige Wieder- 
gabe die beste zu nennen ist, bringt 
— mit Hinweis auf Nottebohm's höchst 
schätzenswerthe Untersuchungen — auf drei 
Seiten neue Belege, wie oft Beethoven die 
Versetzungszeichen % und b vergessen hat; 
daher sind auch die Original- Ausgaben nicht 
als die sichersten zu betrachten, weil sie die 
eben erwähnten Fehler getreulich wiederge- 
geben haben. 

Anderseits hat dieser Umstand auch zu 
falschen Voraussetzungen Anlass gegeben; so 
z. B. in der B-dur-Sonate op. 106, wo zwar 
dem Wieder-£intritt des Uauptthema's bei 
dem Ueberninge vonH-durzuB-durdasQnadrat 
vor a im Basse von Beethoven ausgelassen, 
von den sp&teren aber vorangestellt worden 
war. Bfilow in seiner Ausgabe behauptet 
nun, 68 dfirfe nicht a müsse ais sein, 
das sich enharmonisch in B verwandelt, 
spricht von „chromatischer Trivialität''. Notte- 
bohm hat aus Beethoven's Skizzenbuch nach- 
gewieseiL dass a der richtige Ton ist. Der 
grosse Meister Bülow, dessen Wiedergabe der 
letzten fünf Sonaten Beethoven's unerreicht 
geblieben ist, hat in manchen Einzelheiten 
Vorurtheilen und eigenthumlichen Anschau- 
ungen zu viel Raum gegeben. Nichtsdesto- 
weniger bleibt seine Ausgabe eine uner- 



schöpfliche Fundgrube von Anres^ngen für 
den selbststilndlg denkenden Musiker. 

Für die Ausführung der Vorschläge, 
Doppelschläge (co), Pralltriller, hat Beethoven 
in seinen Manuskripten nicht den mindesten 
Anhalt gegeben; nur ganz vereinzelte Auf- 
zeichnungen in den Skizzenbüchem lassen 
seine Ansicht deutlich erkennen, wie z. B. 
über den Vorschlag im Mittelthema des ersten 
Satzes der D-dur-Sonate op. 10. Es ist 
verwunderlich, dass sehr bedeutende Künstler, 
die Abhandlungen über Inhalt und Vortrag 
Beethoven'scher Sonaten geschrieben haben, 
den wichtigen Punkt, die Ausführung der 
Verzierungen ausser Acht Hessen, wie z. B. 
Marx. Auch Gzemy, der Schüler Beethoven's 
lässt jede sichere Andeutung vermissen. Im 
vierten Theile seiner Klavierschule hat er 
das dritte Kapitel einer langen Abhandlung 
„Ueber den richtigen Vortrag der sämmt- 
lichen Beethoven'schen Werke für das Piano 
mit Begleitung^ gewidmet — dieselbe ist im 
Einzeldrucke erschienen. Er sagt darin ni chts 
über die Ausführung der Verzierungen, und 
die einzige Stelle, in welcher bei Angabe 
eines Fingersatzes die Ausführung des Prall- 
trillers in Noten angedeutet ist, enthält einen 
grossen Irrthum*). Er schreibt nämlich die 



*) Herr Franz KuUack hat in der Vorrede seiner 
verdienstlichen Ausgabe der Beethoven'sehen Kon- 



— 106 - 



8- 



Stelle solle 



i 






gespielt 



8^824 



9 a » <» g 

werden, —b lIj — p!|j*-|? — das ist 



vollkommen falsch. Der Pralltriller mnss 
unbedingt innerhalb (nicht vor) der Note 
ansgefBhrt werden, also 





mit Betonnng der korzen ersten Note. 
Denn kein Klavierspieler auf Erden 
kann diese Stelle im richtigen Zeit* 
maasse (I 182 nach Czemy) mit dem Vor- 
schlage vor der Note in der Weise aus- 
fahren, dass der Triller-Bhythmus ganz 
deutlich zu erkennen sei; sie wird immer 
klingen 



u. 8. w. 



weil die Begleitung des Basses sich 
in zwei Achteln bewegt gegenüber 
dem Pralltriller der Oberstimme und 
dieletzteTriole,welchernachCzemy'scher 
Angabe sofort der Vorschlag folgen 
müsste, gegenüber der zweiten Achtel 
des Basses im Klange immer als ein 
Sechzehntel mit zweiZweiunddreissig- 
steln erscheinen wird, daher der Triolen- 
Rhythmus verschwinden würde. 

£inen gleichen Fall bietet die Hittelstelle 
des ersten Satzes vom G-moll-Konzert 



g^ , -^^v <W ,W <w 



in welcher der Pralltriller ebenfalls mit 
Betonung der ersten kurzen Note inner- 
halb (nicht vor) der Note ausgeführt wer- 
den muss, weil sonst ein ganz veränderter 
Gang der Melodie entsteht, wie dies eine 
sonst vortreffliche Pianistin im letzten Winter 
zu Stande gebracht hat 

Ich komme nun auf meine Behauptung 
zurück, dass in der Ausf&hrung der Beethoven- 
schen Verzierungen ebenso oft die alte wie 
die neuere Art angewendet werden muss, obwohl 
die ersten Sonaten in der Zeit entstanden sind, 
wo die alte Manier noch allgemein gebräuch- 



zerte nachgewiesen, wie oft Gzerny bei seinen Triller- 
An|aben in Irrthümery ja in schreiende Wider- 
spräche verftdlen ist 



lieh war und obwohl Beethoven die| Vorschriften 
Ph. E. Bach's sehr hochsch&tzte. Als er im 
Jahre 1801 sich herbeiliess, Czemy zu unter- 
richten, hat er ihm — so erzählt dieser in 
seiner Selbstbiographie — aufgetragen, vor 
allem Ph. E. Bach's wahre Art das Klavier 
zu spielen, schon bei der erstm Unterrichts- 
stunde mitzubringen, llan könnte also an- 
nehmen, dass Beethoven in seinen ersten 
Sonaten die Verzierungen nach der sdten 
Segel ausgeführt hat Aber die Original- 
ausgaben, sowie die sp&ter veröffentlichten 
Untersuchungen bietm keinen sicheren An- 
halt, ja vielmehr eine Masse Widerspräche. 
So z. B. notiren Nottebohm und die Breit- 
kopf-Härtel'sche «Ejitische Ausgabe' — beide 
nach der Originuausgabe — im Adagio der 
F-moll-Sonate op. 1 den Vorschlag nach dem co 



^ 



zu u. s. w., 



also ganz kurz vor der Note, ebenso die 
Steingräber'sche Ausgabe; die Lebrecht- 
Stark'sche dagegen schreibt ausdrfieklieh 

—5- 



vor; diese letztere Art entspricht nun weder 
der alten noch der neuen Vortragsweise; jene 
verlangte ausdrücklich, dass der Vorschlag 
innerlulb der Note gespielt und betont 
werde, diese dass er leiser aber auch vor 
der Hauptnote gespielt werde. Will man 
nun nach der Klangwirkung urtheilen — und 
dieser muss doch eine gewisse Berechtigung 
zuerkannt werden — so dürfte die moderne 
Art den Vorschlag leise vor der Note anzu- 
schlagen, quasi in den vorhergehenden 
Doppelschlag hineinzuziehen, den Vorzug er- 
halten, denn innerhalb aer Note Uingt 
weder der betonte (alte) noch der un- 
betonte Lebrecht'sche schön. Im Menuett der- 
selben Sonate tritt die seltsame Erscheinung 
hervor, dass dieselbe melodische Wendung in 
vier Takten nacheinander zweimal 



:t:=: 



f 



mit langsamem Vorschlage und zweimal 



^ 



t 



ein Beweis, dass Beethoven der genauen An- 
deutung über Ausführung der Vorschläge 
wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat, denn 
es lässt sich nicht voraussetzen, dass er 



- 107 — 



in den ersten zwei Takten beim /^ p die Vor- 

schlagsnote nach der alten Vorschrift stärker 
betont haben wollte sds im dritten nnd 

vierten Takte jl 

Im Largo der A-dnr-Sonate op. 2 mnss 
nach meiner üeberzengnng im 10. Takte 
der Vorschlag 



1 



I 



^ 



tr. 



a^ 



i 



vor der Note, und der Triller mit der Hilfsnote 
gespielt werden. Wollte man das a der 
Hilisnote in den Vorschlag ziehen, so kämen 
übeltönende Quinten heraus, der Vorschlag 
innerhalb der Note aber klingt auch nicht 
schön. Dieser meiner Ansicht hat auch der 
verdienstvolle Herr Steingräber in seiner 
neuesten Ausgabe der Beethoven-Sonaten 
beigestimmt. 



(Fortsetzung folgt.) 



Johannes Brahms^ 

geb. 7. Mai 1833 zu Hamburg, gest 3. April 1897 zu Wien. 



Ein Fürst im Beiche der Töne ist dahin- 
gegangen an den Ort, von dem es kein 
Wiederkommen giebt, der Tod hat mit 
knöcherner Hand aus dem frischen Leben 
einen Künstler herausgerissen, der mit seltenen 
Gaben von Gott begnadet war: Johannes 
Brahms ist am Sonnabend, den 3. April, 
früh, in Wien in ewigen Schlaf versunken. 

Ja, er war ein Fürst im Tonreiche, er 
war ein Grosser, ein Musiker „von Gottes- 
gnaden. " Mit ihm schliesst eigentlich die 
Beihe der Klassiker ab, die heilige Dreizahl 
der grossen B's.: Bach, Beethoven, Brahms 
ist mit ihm vollendet. 

Herstammend aus dem Norden Deutsch- 
lands, dessen ernsten Stempel alle seine 
Musik t^gt, dessen Nebel einige seiner 
früheren Werke verdunkelt, entsprossen einer 
Musikerfamilie, füllte die Beschäftigung mit 
der Kunst schon seine frühen Jugendjahre 
aus, seine Begabung erschien so bedeutend, 
dass Bob. Schumann im Jahre 1853 auf 
ihn als den zu erwartenden Messias hin- 
weisen konnte, von dem die Welt die herr- 
lichsten Schätze und Offenbarungen zu er- 
warten hätte. 

Voll und ganz hat diese Prophezeiung 
sich nicht erfüllt, es hat sogar ziemhch langer 
Zeit bedurft, bis die Arbeiten des genialen 
Künstlers sich die Anerkennung fast der ge- 
sammten musikalischen Welt erworben hatten, 
denn selbst heute hat der alte Streit noch 
nicht aufgehört: hie Brahms, hie Brückner 
(recte: Wagner), obschon beide Führer ein- 
gegangen sind zu den Hütten des ewigen 
Friedens. 

Johannes Brahms verschaffte sich in erster 
Beihe durch seine zahlreichen und theilweise 
herrlichen Lieder in den weitesten Kreisen 
unseres Volkes Verehrer und Freunde, ebenso 



durch die „Liebeslieder Walzer^ und „Die 
Zigeunerweisen^, weit mehr aber drang seine 
Bekanntschaft bis an cUe fernsten Spitzen 
der Zivilisation durch die Bearbeitung der 
„Ungarischen Tänze.^ 

In der Hauptsache galt sein durch und 
durch ernstes Kunststreben der Kammer- 
musik, dem Liede und der Sinfonie, auf allen 
Gebieten hat er Herrliches geleistet. Auch 
die grösseren Chorwerke mit Orchester sind 
Marksteine in der Geschichte der Musik. 
Sein „Deutsches Requiem^ hat für ihn selbst 
die Bedeutung des Abschlusses einer Phase 
seines Werdens, denn von diesem Werke an 
sind seine abgesteckten Wege deutlich er- 
kenntlich und seine geklärten Ziele stehen 
unverrückt vor den Augen der Hörer. 

Um das kurz zu charakterisiren, wasFrahms 
auf sinfonischem Gebiete leistete, sei gestattet, 
einen Ausspruch Bülow's anzuführen. In 
einem Gespräche, das Verfasser dieser Zeilen 
mit dem so eifrigen Apostel des grossen 
Meisters hatte, und das sich um die „viel- 
leicht'' wünschenswerthe Veränderung oder 
Bereicherung der Sonatenform, bezw. der ein- 
zelnen Sinfoniesätze, durch eine einzuführende 
Neuform drehte, wies Bfilow die Sache nicht 
so ganz von der Hand, äusserte aber sofort: 
„So lange wir noch Leute haben wie Johann 
Brahms, die es verstehen, die alten Schläuche 
mit so feurigem, neuen Weine zu füllen, wie 
er, bedarf es für mich noch keiner Reform.'^ 

Neben seiner schöpferischen Kraft ging 
seine Energie und sein logisches Denken, 
unterstützt durch sein reiches Wissen und 
fast unbegrenztes Können. Die Verwendung 
alter Tonarten und Tonreihen, sowie alter 
Tonformen gelingen ihm überall zwanglos 
und leicht. Seine Kammermusikwerke ent- 
halten Schätze für Jahrhunderte aufgespeichert. 



— 108 - 



Sein Homtrio, sein Quintett nnd Sextett, 
seine miYergleichliche Klarinetten-Sonate sind 
unvergänglich und werden immer unverwelk- 
lich bleiben. Die Welt der Bretter hat 
Brahms in richtiger Erkenntniss seiner Be- 
gabung nie betreten, sein Denken und Können 
wies ihm eben andere Wege. Die Schätze, 
welche er der 6esangslitteratur Übermacht, 
bereichem dieselbe in grossartiger Weise. 

Die Feder ist der müden Hand entfallen, 
ihm, der während seiner Krankheit nur die 
Verzögerung der Arbeit bedauerte! Nicht 
Weib und Kind trauern an seiner Bahre ! 
Aber treue FreundesUebe weint um ihn, 
Freundesliebe, die sein Leben zierte. Und 
die grosse Gemeinde seiner Verehrer trauert 
um ihn, den grossen Todten. 



Sein äusseres Leben floss ruhig dahin 
und wird dem späteren Biographen kaum 
viel Stoff zum Niederschreiben bieten. An- 
erkennung der Grossen dieser Erde wnrde 
ihm in Verleihung von Orden und Ehren- 
zeichen zu theil und die Fürsten des Geistes 
ernannten ihn zum Ehrendoktor der Uni- 
versitäten Breslau und Cambridge. 

Und nun heisst's auch von ihm: „Staub 
zu Staube, Asche zu Asche,'' aber sein 
geistiges Theil, das hat er der Welt gegeben 
und das lebt fort in die Jahrhunderte mit 
und in uns und den kommenden Geschlech- 
tern. Friede sei mit ihm! 

A. Naubert 



Ueber Johannes Brahms letzte Lebeneijahre. 



Jobannes Brahms Lebensweise war eine sehr 
einfoche und geregelte. Der frühe Morgen hnd 
ihn zur schönen Jahreszeit aaf wdten Wande- 
rungen in den BergeD, im Winter am Arbeits- 
tiBcb. Am Vormittag empfing er die Besuche 
seiner Freunde und Bekannten. Seine Mittagsmahi- 
zeit nahm er entweder in seinem Stammgasthanse — 
seit langen Jahren der „Rothe Igel* auf dem Wild- 
pretmarkt — ein, oder er folgte als Freund heiterer 
Geselligkeit einer oder der andern der Einladungen 
ihm persönlich nahestehender Familien. Nachmittags 
bis zum späten Abend arbeitete er, um dann die 
paar letzten Stunden des Tages wieder mit Freunden 
zuzubringen. 

Brahms galt in früheren Jahren als herber, ver- 
schlossener Mann. Er war es auch. Es kam damals 
viel Bitteres, wenig Süsses über seine Lippen. Seine 
Aeusserungen klangen scharf, seine Rede war satirisch, 
als wollte er sein im Grunde gütiges , weiches Herz 
unter einer ostentaÜT zur Schau getragenen rauhen 
Kruste verbergen. In den letzten Jahren, da er in 
einer aus allen Theilen der Welt kommenden Aner- 
kennung die Früchte seiner ebenso genialen als 
treuen und fleissigen Arbeit reifen sah, gewannen 
oft mildere Stimmungen die Oberhand, er konnte 
sehr warm und herzlich zu denen sprechen, denen 
er warm und herzlich zugethan war. Viel Qual be- 
reiteten ihm die Autographensammler. In das Album 
eines solchen schrieb er Noten und dazu die Worte: 
.Text: Siehe Brahms Liebeslieder." Die angezogene 
Stelle lautete: «Nein, es ist nicht auszukommen mit 
den Leuten!" Unter der verhfiltnissmSssig geringen 
Zahl persönlicher Freunde standen ihm Billroth, 
dessen Tod Brahms tief beklagte, Hanslick, Joachim, 
Joseph N. Widmann, N. Simrock, der Verleger des 
Meisters, Eusebius Mandyczewski, die Familien Brüll, 
Gonrat, Faber, Fellinger, Kalbeck, Miller v. Aichholz, 
V. Wittgenstein am nächsten. Langjährige, herzliehe 
Beziehungen unterhielt er mit Menzel, Johann Strauss 



— in dessen Gesellschaft er sieh vor einigen Jahren 
in Ischl photographieren Uess — mit Karl Gold- 
marck, Stockhansen, Bülow, Dvorak, Grieg, Claus, 
Groth, Spitta, Th. Kirchner, Gottfried Keller, P.Heyse, 
in früheren Zdten mit Cornelius, Tanssig, Shlert, 
Nottebohm, Anselm Feuerbach u. a. Brahms ist 
nach langem, schwerem Sichthom einem Leberleiden 
erlegen. 

Seine Freunde bemühten sich schon seit Jahren, 
ihn über seinen Zustand — die ärztliche Diagnose 
lautete auf Leberkrebs — im Unklaren zu lassen. 
Vor einer Woche trat die Krankheit des Meisters in 
ein solches Stadium, dass er sich in Bette begeben 
musste. 

Brahms war seither, bis zum Freitag von grosser 
Schwäche geplagt, so dass er auch häufig in Schlaf 
verfiel und Stunden lang im Schlummer lag. War er 
wach, so plauderte er gerne mit Frau Truza, seiner 
Hausfrau, bei welcher er schon seit vielen Jahren 
wohnte. Er liess sich noch täglich die Wiener 
Zeitungen geben, denen er dann eine aufmerksame 
Durchsicht widmete. Frau Truxa war daher auch 
darauf bedacht, zu verhindern, dass etwa ungünstige 
Nachrichten über den Zustand des Kranken in die 
Blätter gelangten, denn es musste alles hintange- 
halten werden, was den Patienten aufregen konnte. 
Oft und oft während der letzten Tage rief er seine 
Hsnsfrau zu sich und dankte ihr in innigster Weise 
für all die Freundlichkeit, die sie ibm stets erwiesen 
habe. Mit dem Freitag verfiel Brahms sichtlieh, das 
Leiden schien seinem Ende nun rasch entgegenzu- 
gehen. 

Er 'sprach nicht mehr und war schon ohne 
jede Theilnahme für seine Umgebung. Gegen Abend 
überfiel ihn ein leichter Schlaf, aus dem er jedoch 
bald wieder erwachte. Erst in später Nachtstunde 
fand er wieder Schlummer, aus dem er Sonnabend 
vormittags kurz vor 9 Uhr erirachte. Die letiten 
Worte hörte man von Brahma gelegentlich des Kon- 



— 109 — 



liliamfl am Freitag Nachmittag. Von da ab sprach 
er mit Niemandem mehr. Dagegen streichelte er 
jedem die Hand, der an sein Bett trat Die ganze 
Nacht verbrachte er sehr onmhig, wenig schlafend. 
Dr. Breuer jr. wachte die ganze Nacht bei ihm, doch 
äosserte der Kranke gar keine Wünsche. Als am 
Sonnabend halb 10 Uhr vormittags Fran Dr. Troxa 



in sein Zimmer trat and bitterlich weinte, da schlag 
der Meister die Augen auf und weinte heftig mehrere 
Minuten. Dann wollte er den Mund Öffiien, um zu 
sprechen — in demselben Moment sank er in die 
Kissen znrfick and that einen karzen Athemzag — 
den letzten! 



Dr. Kerr und die Berliner Musikkritiker. 



Herr D r. K e r r beschuldigte in einem Artikel 
der »Frankfurter Zeitung* vom 10. Mftrz einen Theil 
der Berliner Musikkritiker: er sd der Bestechung 
durch Geld zugftoglich. Darauf erliessen 29 Berliner 
Musikkritiker folgende Erklftrung in verschiedenen 
Zeitungen: 

,In einer vom 9. M&rz datirten Berliner Chronik 
der ,Frankf. Ztff.* nimmt es sich der Theaterkiitiker 
Herr Dr. Kerr mi Anschiuss an die Besprechung der 
Angelegenheit Liebling heraus, mit all^emeineD Ver- 
dficntigangen die Ehre der Berliner Musikrezensenten 
anzugreifen. Er nennt die Theaterkritik in Berlin 
unbestechlich, will die Unbestechlichjceit der Musik- 
kritik aber nur ,im Orossen und Ganzen" gelten 
lassen. Er behauptet: n^ giebt hier Personen, denen 
alle Musiker nachsagen, dass sie gegen bar mit sich 
reden lasseo.* IJnd weiter behauptet er: ^Der 
Schreiber dieser Zeilen sprach neuhch mit emem 
Künstler fiber einen dieser zweifelhaften Rezensenten. 
Der Kfinstler schwor Stein und Bein, dass der Kerl 
Geld nehme." 

Die Unterzeichneten weisen es weit von sich, dass 
sie von derartigen Beschuldigungen getroffen werden 
können. Bei Uneingeweihten aber, die weder Herrn 
Dr. Kerr noch die Berliner Musikreferenten nach 
ihrer moralischen QualitSt za beurtheilen vermögen, 
könnte doch jeder einzelne der letzteren durch die 
unbestimmt gehaltenen AnschuldiguDgen in £EÜschen 
Verdacht geraten. Die Unterzeichneten können daher 
nur ihr Bedauern darüber aussprechen, dass die 
.Frankf. Ztg." sich zur Verbreitung der An|;riffe 
hergegeben hat Sie fordern Herrn Theaterkntiker 
Kerr au^ Namen zu nennen, widri^ftdis sie seine Er- 
zählung von dem .Stein und Bein schwörenden 
Künstler" für eine Luge, ihn selbst als Verfasser der 
beregten Berliner Chronik für einen Verläumder er- 
klären. 

Wilhelm Blank (Tägl. RundschO, R. Bück (Ham- 
burg. Korresp.), Ch— i (BerL Bors .-Ztg.), Oskar 
Bichberg (BerL BÖrs.-Coar.), Paul Ertel (AAü. Musik. 
Randsch.). R. F. (Nordd. Allg. ZtgO, Otto Flörsheim 
New York Musical (3oarierT, A. Gtöttmann ^ünch. 
Neuest N.), v. H. (Nordd. Allg. Ztg.), Benno Horwitz 
(Post, Köln. Ztg.), Fritz Hoyer (Staatsb.-ZtgA L. Kirsch 
(BerL Bor8.-(3onr.X Wilhelm Klatte (Allg. Musik.-Ztg.), 
H. V. Koss (Kreuzztg.}, Professor Theodor Krause 
(Reichsboto;, Dr. Karl Krebs (Vossische Zeitung), 
E. Langelütje (BerL Fremd.-BL), Otto Lessmann 
Allg. Muaik-Ztg.), Josef Lewinski (BerL Ztg., Preis. 
Ztg.), Max Loewengard (BerL Herold, Beri. Börs.-Ztg.), 
Max Marschalk (Voss. Ztg., Welt am Montag), Ad. 
Mohr (Volks-Ztg.X Paol Moos (BerL Neust N.,Münch. 
AUg. Ztg., BresL Ztg^ Rhein.-Westf. Ztg.), Heinrich 
Neumann (BerL TagebL), Engenio v. firani (Char- 
lottenburger Ztg.), Luawig Renner (BerL Ztg.X 
E. S. Taubert (Post), Prot Heinrich Urban (Voss. 
Ztg.), Dr. Hdnnch Welti (Tägl. Rundsch.)" *) 



*) Wie ich höre, rechnet mich der Verein der 
Berliner Musikkritiker nicht mehr zu den Kritikern, 
da ich seit längerer Zeit nar noch gelegentlich Musik- | 



Hierauf antwortete Herr Dr. Kerr: 

»An der Erklärung, die eine Anzahl von Berliner 
Musikkritikern gegen mich veröffentlicht, ist mir die 
Tonart aufgefallen. Es wird unter einer gewissen 
Bedingung der Vorwurf der Verleumdung und Lüge 
erhoben. In dieser bedingten Form ist die Aeusserung 
leider nicht fassbar. Die Herren mögen sie in einer 
nicht bedingten Form wiederholen^ — und ich werde 
mich herzlich freuen, sie vor Gencht wiederzusehen. 
Im übrigen macht es mir Spass, ihr Verlangen zu 
erfüllen. Sie fordern mich auf, Leute zu nennen, 
welche die Bestechlichlichkeit einzelner Berliner 
Musikkritiker behaupten. Das soll geschdien — und 
in noch ganz anderem Sinne^^als die Herren wünschen. 
Ich bin Dereit, (um ihnen für ihren freundlichen Ton 
eine Freundlichkeit zu erweisen), einen Gewährsmann 
ans ihren eigenen Reihen zu nennen. Einer der 
neunandzwanzig Unterzeichner hat 
erst vor wenigen Tagen mir gegenüber 
behauptet, dass gewisse Berliner 
Musikkritiker besieehiich sind; er 
sagte auch, welche. Ich erkUbre hiermit, dass 
ich willens bin, den Namen dieses Unterzeichners 
den übrigen, sei es jedem einzeln, sei es allen ge- 
meinsam, anzugeben. Nur von derartigen Aeusserungen 
habe ich objectiv berichtet, als ich Herrn Lieblings 
Angelegenheit besprach. Denn derartige Aeusserungen 
bergen ein starkes öffentliches Interesse, besonders 
wenn sie so häufig und bestimmt auftreten. Dass 
die exdrückende Mehrheit der Berliner Musikkritiker 
dieses Interesse fühlt und den wenigen Unwürdigen 
— falLsi sich solche in ihrer Mitte finden — gern den 
Garaus machen möchte, glaube ich zu wissen. Ich 
habe bloss gewisse Symptome geschildert und er- 
klärte es für «verwe^ezL einzelne Berliner Musik- 
kritiker der BestechliohKeit anzuschuldigen, ohne 
einen strikten Beweis liefern zu können". Ich sprach 
von dem lauten Gerücht und fügte ausdrücklich hin- 
zu: »Man wird annehmen, dass das nicht wahr ist, 
so lange man nicht den erwähnten Beweis in Händen 
hat" Man kann nicht vorsichtiger zu Werke gehen, 
wenn es sich um eine ernste Sache und einen an- 
scheinend faulen Punkt handelt Den weiteren 
Schritten, welche die Unterzeichner jetzt zweifellos 
thun werden, sehe ich mit freundlichem Antheil ent- 
gegen. Es wäre sehr hübsch, wenn der Stein ins 
Rollen käme. Wofern ich die Herrn recht verstehe, 
wünschen sie das auch. Aber hierzu scheint vor 
allem eine Gerichtsverhandlung nöthig" 

Hier sei ein kurzer, die Erklärung der Berliner 
Kritiker kritisierender Artikel des „Kleinen Jour- 
nals" eingeschaltet 

,Io einem Artikel der »Frankfurter Zeitung": 



berichte schreibe. Deshalb wurde mir die Er- 
klärung der .Neunundzwanzig" nicht zur Unter- 
schrift vorgelegt Wäre es geschehen, so hätte ich 
sie selbstverständlich mit unterzeichnet, obgleich ich 
mit derFassung nicht ganz einverstanden bin, mir be- 
sonders die Worte: «Stein- und Bein schwörenden 
Künstler" geschmacklos erscheinen. E. ß. 



- 110 — 



„Berliner Chronik*', nimmt der Verfasser (Alfred 
Kerr) Notiz von Garachten, welche die Integrität der 
hiesigen Masik-Kritik antasten. Derartige Beschuldi- 
gungen sind leider nicht neu; vor etwa vier Jahren 
rftchte sich die Klavier-Virtaosin Erica Lie an den 
Berliner Rezensenten, welche ihr Konzert unbe- 
sprochen Hessen, dorcn üble Nachrede in einer nor- 
wegischen Zeitung. Damals richteten &st alle Kriti- 
ker eine energische Kollektivnote an das Blatt. Frau 
Lie revozirte oder schwächte das Gesagte ab. Die 
Sitzungen führten zur Gründang des .VereiDS Ber- 
liner Musik-Referenten*, dem etwa die H&lfte der 
Berliner Kritiker anffehören mag. Die regelmässigen 
Zusammenkünfte sollen durchaus harmloser Natar 
sein, wenigstens hat man seit der Affaire »Lie* nichts 
von irgendwelchen Thaten gehCrt Herrn Kerr war 
es vorbehalten, die Gemüther aufs Neue in Wallang 
zu bringen. Da die gesellige Verbindung sich nicht 
für ausreichend legitimirt halten mochte, ag^pressiv 
vorzugehen, wurden auch solche zur Betheiligung 
eingeladen, welche nie Mitglieder waren oder es 
längst nicht mehr sind. Neunundzwanzig Unter- 
schriften trägt die abwehrende ,Erkl&*ung* ; es fehlen 
wenigstens 10—12 Namen. Warum? Aus bester 
Quelle erfahren wir, dass Einige den Aufisatz der 
.Frankforter iKeitung* gar nicht kannten. Andere 
fühlten sich in keiner Weise verletzt. Es wird ja 
so viel geredet über Leute, die in der Oeffentlichkeit 
stehen ! Mehrere verweigerten ihre Zustinmiung wegen 
der injuriösen Fassung einzelner Stellen. Es mag 
auch nicht an Solchen gefehlt haben, welche prin- 
zipiell mit dem Verein nichts zu schaffen haben 
wollten. Wenn man in Betracht zieht, dass drei 
Mitglieder nur mit Bachstaben, nicht mit dem vollen 
Namen die Erklärung unterzeichneten, und wenn es 
sich als wahr herausstellen sollte, was Herr Kerr in 
seiner gestrigen Erwiderung erzählt : dass Einer von 
den Neunandzwanzig erst vor wenigen Tasen selbst 
etliche seiner Kollegen in der üblichen Weise „ver- 
leumdet* hat, so darf man es Keinem verargen, der 
den Berathunken fem geblieben ist*. 

Nachdem drei Tage verflossen, ohne dass einer 
der .Neunundzwanzig* Herrn Dr. Kerr zur Nennung 
der Namen, zu der er sich erboten, aufgefordert, 
veröffentlichte derselbe in Folgendem die Namen 
derjenigen Musikkritiker, die ihm als der Bestechung 
zugänguch genannt worden sind. 

„In dem Eilass der Neunandzwanzig war ich auf- 
gefordert worden, Leute zu nennen, die von der Be- 
stechlichkeit einzelner Musikkritiker gesprochen hatten. 



Dieses sehr geringfügige Verlangen zu erfüllen, er- 
klärte ich mich sofort bereit Damit wäre meine 
Rolle erledigt gewesen. 

Seitdem sind drei geschlagene Tage verflossen, 
ohne dass eine offizielle Kandgebung der Herren an 
; mich gelangt wäre. Um aber die Angelegenheit 
nicht auf dem todten Pankt rahen zu lassen, habe 
ich mich entschl ossen, ihre weitere Behandlang allein 
in die Hand zu nehmen ; und ich weiss, dass Tausend 
von wackeren Künstlern hinter mir stehen. 

Weil ich selbst weder Musiker bin, noch je ein 
Konzert gab, wusste ich um die einschlägigen faulen 
Verhältnisse nur aus den Mittheilungen der erbitterten 
Künstler. Ich habe mit ihrer Eülfe nicht ohne Mühe 
Material gesammelt. Die empörende Thatsache be- 
steht, dass Kritiker in der deutschen Hauptstadt sich 
von denen mästen, die sie beurtheilen sollen; dass 
sie selbst Anfänger, die für ihr erstes Konzert das 
Letzte hingeben, frech ausbeuten; dass sie Be- 
stechungsgelder annehmen, und dass sie indirekt er- 
presserisch wirken. 

Ein Aufräamen unter dieser unanständigen Minder- 
heit ist nicht leicht Denn nur schwer entschliesst 
sidi Jemand, der bestochen hat, die Bestechong ein- 
j zugestehn. Ich bin aber der Meinung, dass nicht den 
* Künstler eine Schuld trifft, der unter dem Zwange 
eines Missbraachs handelt, sondern allein den ge- 
sunkenen Kritiker, der den Missbrauch aufrecht er- 
hält Erbarmungsloses Aufdecken ist hier einzig 
geboten. Und so will ich den Anfong machen. 

Ich klage hiermit (Name und Wohnung) der un- 
laateren Zugänglichkeit für Geldgaben und Miss- 
braachs des Amtes an. Desgleichen bezichtige ich 
(Name und Wohnung) der gemeinen Bestechlichkeit 
durch Geld. Ich erkläre mich zugleich bweit, beiden 
vor dem Richter wegen dieser Beschuldigungen 
Rechenschaft zu geben*'. 

Alfred Korr. 

Ich verschweige die Namen der beiden Herren, 
da sie ihre Unschuld betheuem und einer derselben 
öffentlich kundgiebt: 

„Ich erkläre hiermit die Beschuidigang des Herrn 
Kerr für infame Lüge und Verleumdun|; und ich habe 
bereits die nOthigen Schritte eingeleitet, um ihn, 
seinem ausdrücklichen Wunsche entsprechend, vor 
Gericht für seine Beschimpfangen zur Verantwortang 
zu ziehen*. 

Und so wird wohl erst durch die Gerichtsver- 
handlung Klarheit in die Sache gebracht werden. 



Musik-Aufführungen. 



Berlin, 9. April 1887. 

Diesmal ist nar über ein grosses Konzert zu be- 
richten: der von Herrn Siegfried Oohs geleitete 
Philharmonische Chor führte noch einmal T i n e T s 
„Franziskas* auf, mit dem er schon in den 
Vorjahren so grosse Erfolge errangen hat. Das 
Werk ist an dieser Stelle eingehend besprochen 
worden; es machte auch diesmal wieder einen hoch- 
bedeutsamen Bindruck durch die Frische und An- 
muth der melodischen Erfindang, wie durch die ge- 
schickte Gruppirnng der einzelnen Nummern und 
durch die glänzende Instrumentation. Ausgeführt 
wurde es in mustergiltiger Weise : Chor und Orchester 
waren in jeder Hinsicht hervorragend und die Soli 
waren durch Frau Herzog und die Hrn. G o e t z e 
und Prof. F. Schmidt vortrefflich besetzt 



Frl. CamiUa Land! hat inzwischen ihr drittes 
Konzert gegeben und mit demselben so grossen Er- 
folg gehabt, wie mit dem ersten. Sie ist wirklich 
eine vorzügliche Sängerin und es ist fast unerkUbr- 
lich, wie sie in ihrem zweiten Konzerte so erheblich 
nachlassen konnte. Neben ihr ist aber in diesen 
Tagen eine andere, allerdings anders geartete noch 
sehr jugendliche Sängerin aufgetreten, die sich ihr 
Publikum im Starm erobert hat : Frl. Rose Ettinger« 
Diese jange Dame ist zur Koloratursängerin prfi- 
destinirt; die Stimme ist klein, aber ungemein süss 
und lieblich und die Kopfstimme, bis zum dreige- 
strichenen fls, von einer Sicherheit und goldigen 
Reinheit der Intonation, dass es erstaunlich ist 
Dabei ist die bereits erlangte technische Fertigkeit 
eine sehr bedeutende. Dehbes' GlOckchenarie aus 



— 111 — 



Lackmö und die Proch'schen Variationen waren 
blendende Leistungen. Es fehlt Frl. Bttinger aber 
auch nicht an Innigkeit der Empfindung, wie sie an 
Brahms* Wiegenlied bewies. Mit Moiart's ^Veilchen* 
kam sie allerdings weniger gut zu Stande. Jedenfalls 
wird man von dieser Sftngerin noch viel hören. 

Ein sehr erfolgreiches Konzert veranstaltete Hr. 
Prof. Hallr, der das Beethoyen'scbe Konzert und 
die Spohr'sche Gesangscene in prfichtigem Vortrag 
brachte. Eine grössere neuere Komposition, die 
anf dem Programm stand, masste aber ausfallen, 
weil die Orchestemoten nicht rechtxeitig ange- 
kommen waren. 



Im fibrigen gab es noch einige gute Virtuosen- 
konzerte jfingerer Talente. Frl. Mfinehhoff stellte 
sich im Bechsteinsaale als töchtige Sfingerin vor, 
Frl. Painpar#9 Pianistin, erfollte nicht ganz die Er- 
wartungen, die man nach ihrem ersten Auftreten hegen 
durfte, Frl. Jüix Moir zeigte sich am Klaviere als 
talentbegabt und FrL Dongrie ist eine hof&iungs- 
▼oUe junge Violinistin. 

Aber die Konzerte gehen ffir dieses Jahr zu 
Ende, und es erscheint schon jetzt fast alles als 
Nachlese. Mit Ostern wird die Konzertzeit diesmal 
wahrscheinlich, etwas frahzeitig, vollstfindig ab* 
schliessen. O. Eichberg, 



Von hier und ausserhalb. 



Berlin. Der Komponist Hr. E. H. Seyffardt in Stutt- 
gart erhielt vom König von Württemberg den Pro- 
fessortitel, Hr. Professor Kosleck in Berlin den 
KgL Preuss. Kronen-Orden IIL Klasse, Hr. Ober- 
lehrer Dr. Thouret in Friedenau-Berlin, der Heraus- 
geber von aMusik am preussischen Hofe*, den Rothen 
Adler-Ord.IV.Kl., der Klayiervirtuos Hr. Franz Rummel 
▼om Herzog von Anhalt, der Organist Hr. Dr. Hein- 
rich Reimann in Berlin vom König von Preussen den 
Titel Professor, der Dirigent des Evangel. Vereins 
für Kirchengesang, Edmund Parlow in Frank- 
furt a. M , den Titel Königl. Musikdirektor. 

— Das Kuratorium der Joseph Joachim-Stittung 
erlSsst folgende »Bekanntmachang*: Anlässlich des 
50jfthrigen Künstler - Jubiläums des Professors 
Dr. Joseph Joachim, Kapelhneisters der königl Aka- 
demie der Künste und Mitgliedes des Dhrektoriums 
der königL akademischen Hochschule für Musik, ist 
eine Stiftung errichtet worden, deren Zweck ist: un- 
bemittelten Scbülem der in Deutschland vom Staate 
oder von Stadtgemeinden errichteten oder unter- 
stützten musikalischen Bildungsanstalten ohne Unter- 
schied des Alters, des Oeschlechts, der Religion und 
der Staatsangehörigkeit Prämien in Oestalt von 
Streichinstrumenten (€^en und Violoncelli) oder in 
Geld zu gewähren. BewerbungsflUüg ist nur Der- 
jenige, welcher mindestens ein halbes Jahr einer der 
genannten Anstalten angehört hat, und, da es sich 
in diesem Jahre um Verleihung von Instrumenten 
handelt, seine Ausbildung als Geiger beziehongs- 
wdse Violoncellist erfahren hat Bei der Bewerbung 
sind folgende Schriftstücke einzureichen: 1) ein vom 
Bewerber Tcrfuster kurzer Lebenslauf, S) eine 
schriftliche Auskauft des Vorstandes der vom Be- 
werber besuchten Anstalt über Würdigkeit und Be- 
dürftigkeit des Bewerbersi sowie die Genehmigung 
derselben zur Theilnahme an der Bewerbung auf 
Grund der zu bezeugenden Thatsache, dass der Be- 
werber mindestens ein halbes Jahr der Anstalt an- 
gehört hat. Die Ausantwortung, beziehungsweise 
Auszahlang, der zuerkannten Prämien erfolgt am 
1. Oktober. Eine Benachrichtigung der nicht be- 
rücksichtigten Bewerber, sowie eine Rücksendung 



der eingereichten Schriftstücke findet nicht statt. 
Geeignete Bewerber haben ibre Gesuche mit den in 
Vorstehendem geforderten Schriftstücken bis zdm 
1. Juni, an das unterzeichnete Kuratorium, 
Berlin W., Potsdamerstrasse 120, ehizureichen> 
Berlin, den 20. März 1897. Der Vorsitzende des 
Kuratoriums. Joseph Joachim. 

— Kapellmeister Gustav Mahler aus Hamburg 
wurde als Kapellmeister des Wiener Hofoperntheaters 
verpflichtet 

— Am 1. Oktober kommen zwei Stipendien der 
Felix Mendelssohn-Bartholdy'schen Stiftung für be- 
fthigte und strebsame Masiker sor Verleihung. Jedes 
beträgt 1500 Mk. Das eine ist für Komponisten, 
das andere für ausübende Tonkünstler bestimmt 
Die Verleihung erfolgt an Schüler der in Deutsch- 
land vom Staat unterstützten musikalischen Aus- 
bildungsinstitute ohne Unterschied des Alters, des 
Geschlechts, der Religion und der Nationalität 
Sämmtlicbc^ewerbungen sind nebst den erforderlichen 
Nachweisen und Zeugnissen bis zum 1. Juli d. J. 
an das Kuratorium, Berlin W., Potsdamer Strasse 
No. 120, emzureichen. Den Bewerbungen um das 
Stipendium für Komponisten sind eigene Komposi- 
tionen nach freier Wahl, unter eidesstattlicher Ver- 
sicherung, dass die Arbeit ohne fremde Beihilfe aus- 
geführt worden ist, beizufügen. Die Verleihung des 
Stipendium für ausübende Tonkünstler erfolgt auf 
Grund einer am 30. September in Berlin durch das 
Kuratorium abzuhaltenden Prüfung. 

» In Köln hat eine junge Pianistin, Frl. Hedwig 
Meyer, eine ehemalige Schülerin Dr. Franz Wüllner's 
in der Torigen und in der jetzt zu Ende gehenden 
Saison in zusammen acbt Konzerten sämmtliche 
Klaviersonaten, die 32 Variationen, das Andante fo- 
vori und die Fantasie zum Vortrag gebracht, eine 
That, die allein schon als Gedächtniss- und Finger- 
leistnng eine respektable zu nennen ist In der 
«Köln. Ztg.* schreibt Dr. Neitzel über die kühne 
Veranstaltung: — .Aber Fräulein Meyer hat noch 
mehr durch den Ernst und die Tiefe ihrer Auf- 
fassung, durch die ausdauernde Kraft, Ueberlegenheit 



- 112 — 



und Gewandtheit ihrer Technik einen Platz in der 
ersten Reihe der Pianistinnen erworben. Mit der 
Bissigkeit des Strebens, die sie mit diesem Unter- 
nehmen bewiesen bat, verbindet sie dne dem Höchsten 
and Schönsten, was die Tonkunst bietet, gewachsene 
künstlerische Intelligenz and die markige Plastik, 
die dem Öffentlichen Vortrag zur rechten Wirkung 
unbedingt erforderlich ist Wer namentlich eine So- 
nate, Werk 106, so bewältigt, wie sie es an ihrem 
letzten Abend vollbrachte, wer die Schönheiten des 
Adagios, einer der erhabensten Eingebungen des 
Meisters, so begriffen und mit so viel Anschlags- 
feinheit and Empfindungsinnigkeit dem Hörer luGe- 
müthe führt, wer die bis zur Mitte dieses Jahr- 
hunderts für ungeheuerlich ausgegebene Fuge so 
frisch und kernig bis zu Ende führt, der hat auf den 
Ehrentitel einer gediegenen Yirtuosin Anrecht, und 
wir. zweifeln nicht, dass, wie ihr diesen das Kölner 
Publikum mit Recht verlieh, sie ihn auch vor andern 
ausschlaggebenden Zuhörerschaften erringen wird.* 

— Der Musik-Verleger Herr B. Scheithauer 
(Berlin) setzte im Herbst 1896 je zwei Preise für die 
besten Lieder, Mftrsche und Walzer aus. Erwa drei- 
hundert Kompositionen wurden eingeschickt, mit 
deren Beurtheilung die Herren Wilh. Tappert, 
Richard Thiele und Max Wagner betraut waren. 
Vor Kurzem verständigte sich dieses Preisrichter- 
Kollegium. Weil kein einziger Walser den gestellten 
Bedingungen völlig entsprach, wurde noch ein drittes 
Lied prSmiirt. Das firgebniss dieser Konkurrenz ist 
nun folgendes: Für ein Lied wurde Herrn Edmund 
Kühn (Beilin) der erste Preis zuertheilt, auch die 
beiden anderen Preise holten sich Berliner Kompo- 
nisten: Gustav Lazarus und Bruno Wandelt. Der 
Letztere empfing ausserdem für einen langsamen 
Marsch den ersten Preis; den zweiten errang ein 
geschwinder Marsch von Eugen Satttelmeier in Kiel. 

— Es ist nothwendig geworden, die Feier des 
40 jährigen Bestehens des K. Konseryatoriums für 
Musik in Stuttgart um einen Monat hinauszurücken; 
dieselbe soll nun in den Tagen 28. April bis L Mai 
d. J. stattfinden und zwar 28. April Konzert mit 
firüheren Schülern, 29. April Orgelkonzert, 30. April 
Konzert mit jetzigen Schülern und L Mai Bankett. 

— Breitkopf &Härters Musikbibliotheken 
für den Haas- und Konzertgebrauch, die klassische 
und moderne Werke zu volksthümlichen Preisen 
bieten,sind nach den jetzt erschienenen „MittheUungen* 
No. 49 wesentlich bereichert worden durch Aufnahme 
der Gruppen von zwei- und dreistimmigen Liedern 
und von Chorwerken mit Begleitung eines Instru- 
mentes, sowie einer Anzahl von Gesang -Solo- 
stimmen. — Aus den »Vermischten Nachrichten* ist 
ersichtlich, dass Tinel's Oratorium Franziskus in 
6 Jahren nahezu 100 Mal aufgeführt worden ist, 
und dass sein neues Musikdrama Godoleva im Mai 
zum ersten Male in Brüssel aufgeführt werden soll. — 
D'Albert's neue Oper Gemot wird im April dm 
Grossherzoglichen Hoftheater zu Mannheim zur ersten 
Aufführung gelangen und Ende Mai daselbst als 
Festoper der diesjährigen Tonkünstler-Versammlung 
gegeben werden. — Zur Erinnerung an Kaiser Wil- 
helm L bietet die Sammlung .Mnsikampreus- 



sischen Hofe*^ zwei historische Stücke von be- 
sonderem Interesse: Gotter^s Wiegenlied in der Kom- 
position Fr. H. Himmers (1797) und nGrosser Tusch 
und Fanfaren" aus der Musik zum Turnier .Der 
Zauber der weissen Rose*", dem in Potsdam am 
13. Juli 1829 veranstalteten Hoffeste. — Der monat- 
lich erscheinende «Deutsche Bühnen-Spiel- 
plan*' giebt eine zuverlässige Uebersicht über die 
in 109 Stfidten aufgeführten Werke. — Hervorzuheben 
sind ferner die kurzen Biographien des Heraoa- 
gebers des Altdeutschen Liederbuches, des Deutsehen 
Liederhortes u. s. w. Fr. Magnus Böhme, Dr. Hugo 
Riemann's und Adolph Schuppan*s. — Von den 
Flugblättern sind nunmehr 37 zum billigen 
Preise von je 10 Pf. erschienen. No. 36 davon bietet 
das Porträt Kaiser Wilhelms L von E. Klotz mit der 
Hynme .Heil dir im Siegerkranz". 

— In der Schlussfeier des Kgl. Kon- 
servatoriums zu Dresden wurden folgende 
Reifezeugnisse zugesprochen: 1) Für selbst- 
ständige Weiterentwickelung als Komponist: 
Lang, Müller; 8) für das Dirigentenamt: 
Cruciger, Lang, Sachs; 3) für Dnterrichtser- 
theilung in Musiktheorie: Mehner ; in Klavier : 
Heil, Meyer, die Damen Finger, Hartmann, Krabbes, 
Meyer, Neumann, Meithardt, Richter, v. Scheibner, 
Spengler, Steinkopf^ Wendland ; in Gesang: Oehr, die 
Damen Heinicke, Vibrans; 4) für selbstständige 
Weiterentwickelung als Pianisten: Petrenz, die 
Damen Austin, Becker, Irmischer, Meyer, Neumann; 
5) für 'das Organistenamt: Scheumann; for 
die Konzertthätigkeit als Organist: 
Heil, Scheumann; 6) für Solo und roh est er - 
spiel: Violinisten Gnmpert, Frl. Wagner, Violon- 
cellisten Halke, Stein, Oboist Petrenz, Klarinettist 
Weber, Fagottisten Dietze, Henker, fürOrchester- 
spiel: Violinist Hirschfeld, Oboist Grütsner, Hor- 
nisten Pescht, Wächtler; 7} für den Konzert- 
g e s a n g : Bendert, Frl. Henrid; für den Opern- 
gesang: die Damen Mayr, Röder, Steinmann; 
f&r selbstständige Weiterentwickelnng als Sänge- 
rin: FrL Brugniere. Auszeichnungen er- 
hielten: 1) Preiszeugnisse« die höchste Aas- 
zeichnung der Anstalt: Gumpert (ViolinkL Rappoldi), 
Frl. Heinicke (Gesangski. Fri. Oii;6ni), FrL Henrid 
(Gesangski. Frl. v. Kotsebue) : 2) Oeffentliche 
Belobigungen: Bendert , Dietze , Feigerl 
Lang, Lauterbach, Petrenz, Scheumann, Stein, Weber; 
die Damen Austin, Baly, Irmischer, Kretsschmar, 
Urban, Wagner, Wander; 3) den K o b u r g - 
Gotha-Preis: Dietze, Pescht 

— Herr Felix Weingartner, der Kapellmeister 
unserer Königlichen "^Oper, bat in München dn 
Orchester-Koniert des Kaim-Orchesters mit grossem 
äusseren Erfolge dirigiert. Bedingungslos ist die 
Anerkennung Webers Freischütz-Ouvertüre und der 
unvollendeten Symphonie Schuberts gegenüber. Seine 
Auffiusung von Beethovens Eroica und Wagners 
Tannhäuser-Ouverture erregte ob ihres virtuosen Za- 
schnitts starke Bedenken. Herr Weingartner soll 
nun von Dr. Kaim als Dirigent der sämmtlichen 
Kaim-Konzerte des nächsten Winters unter ausser- 
ordentlichen Bedingungen engagiert sein. Er wird 



.i 



— 113 — 



dann also die acht Symphonie-Konzerte in Hamburg, 
zwtJif oder noch mehr in Bremen nnd eine ähnliche 
Anzahl in München dirigieren. 

— Die Tonkünstler- Versammlung findet in diesem 
Jahre in Mannheim (vom 37. Mai bis zum 1. Juni) 
statt. Bs werden ausser einer vom Mannheimer Kon- 
servatorium dargebotenen Matinee, in der ausschliess- 
lich Werke von J. Brahms zur Aufführung kommen 
sollen, sechs Konzerte, drei für Orchester, Chor und 
Solomitwirkung, drei für Kommermusik stattfinden. 
Als aufzuführende Werke sind unter anderem be- 
stimmt U. Berlioz' „Lelio''; F. Liszt's „Dante-Sym- 
phonie" und Goncerto phatetique; R. Strauss' ^Also 
sprach Zarathnstra'^ v.Reznicek^s „Festspiel-Ouvertüre 
und Requiem; Vincent d'Indy's Symphonie (sur des 
thdmes montagnards); F. Weingartner's „Die Gefilde 
der Seligen^S symphonische Dichtung; AKlughardt's 
Streichsextet; R. Kahnes Sonate für Violine und 
Klavier" J. Brahms „Vier ernste Gesänge*'; F. Stein- 
bach ^Meiningen), A. Ritter, A. Lindner: Lieder; 
G. Prohaska (Wien) Kantate etc. etc. Die Mitwirkung 
ist ausser den dortigen heimischen Künstlern bis 
jetzt von Fräulein H. Ritter aus München sowie den 
Herren Dr. Felix Kraus (Wien), Dr. Wüllner (Meinin- 
gen), F. Busoni (Florenz), A. Petscbnikoff (Moskau), 
R Risler (Paris) sowie den Quartett -Vereinigungen 
Rose (Wien) und Schuster (Mannheim) zagesagt. 
Als Dirigenten werden die Herren Kapellmeister 
E. V. Reznicek, F. Langer, F. Weingartner, Hof- 
kapellmeister R, StrausB, Vincent d'Indy und G. Pro- 
haska mitwirken. Das Orchester besteht aus der 
durch Mitglieder des Darmstädter Hoforchesters und 
und der Mainzer städtischen Kapelle verstärkten 
Kapelle des Hof- und Nationaltheaiers in Maonheim 
Der zahlreiche Festchor wird zusammengesetzt aus 
verschiedenen Mannheimer Vereinen. Am Vorabend 
der Tonkünstler-Versanunlung wird die Intendanz 
des Mannheimer Hof- und Stadttheaters die neue 
Oper „Gemot" von Eugen d' Albert und am Schlüsse 
des Festes die Oper »Genesius*' von Felix Wein- 
gartner, beide unter Leitung der Komponisten, zur 
Aufführung bringen, wozu den Mitgliedern freier Ein- 
tritt gesichert ist, wenn sie sich bis zum 12. Mai 
bei der Theater-Intendanz anmelden. Die Anmel- 
dungen zur Theilnahme an der Tonkünstler-Ver- 
sammlung haben (mit der Bezeichnung .Angelegen- 
heit des Allgemeinen Deutschen Mnsikvereins") bei 
der Firma Breitkopf & Härtel in Leipzig spätestens 
bis zum 12. Mai zu erfolgen. 

— Bei der, wie es scheint, in Glasgow üblichen Ab- 
stimmung über die in der Saison gehörten und zur 
Wiederholung gewünschten Werke trugen dieses Jahr 
im Bereich der Symphonie Tschaikowsky^s 6., 
Schubert's Hmoll und Dvorak's „Aus der Neuen 
Welt'* den Sieg davon, an der Spitze der Suiten stand 
die 1. aus „Peer Gynt^ von Grieg obenan, von Ouver- 
türen wurden die Wagner'schen zu „Tannhäuser", 
dem ,JPliegenden Holländer" und zu den „Meister- 
singern" verlangt. Im letzten Populären Konzert 
wird der vom Publikum getroffenen Wahl möglichst 
Rechnung getragen. 

— Nach den Mittheilungen, welche gelegentlich 
aus Amerika zu uns gelangten, gewinnt das Jankö- 



Klavier dort, Dank dem regen Interesse, welches 
hervorragende Dirigenten (vor allen sei hier Kapell- 
meister Anton Seidl genannt) und Konservatoriums- 
direktoren (aus neuerer Zeit sei hier Friedrich 
Zuchtmann in Springfield rühmend erwähnt) an der 
genialen Neuerung nehmen, fortdauernd an Boden, 
und scheinen auch die mit der Jankö Klaviatur ver- 
sehenen Konzertflügel der verschiedenen ameri- 
kanischen Fabriken, welche mit voller Ueberzeugung 
von dem endlichen Sieg dieser Erfindung dieselben 
fördern, in Bezug auf Ausgiebigkeit und Modulations- 
föhigkeit des Tons jeden Vergleich mit den Instru- 
menten alten Systems auszuhalten, während bei uns 
in Deutschland gerade die musikalischen Fachkreise 
wenn nicht gar feindlich, so doch meist ganz gleich- 
giltig diesem eminenten Fortschritt in der Kon- 
struktion der Klaviatur gegenüberstehen und unsere 
deutschen Klavierfabrikanten mit verschwindenden 
Ausnahmen (Blüthner, Francke und wenige Andere) 
überhaupt Nichts mit dieser Neuerung zu thun haben 
wollen, sodass immer seltener Etwas über dieselbe 
in die Oeffentlichkeit dringt und eigentlich nur 
Berlin, wo Hr. Prof. Hansmann und Frl. Zeeh unab- 
lässig für die Sache wirken, und Leipzig, wo das 
altberühmte k. Kouseryatorium dank dem Weitblick 
seines Direktors Hm. Dr. Günther einen besonderen 
Lehrer für den Unterriebt auf dem Jankö-Flügel in 
Hrn. Wendung besitzt, als Pflegestätten der Neuerung 
in Betracht kommen. Von hier aus sind auch schon 
wiederholt junge, für die Sache begeisterte Pianisten 
in die Welt hinaus gegangen, um die ungeheuren 
Vorzüge der neuen Klaviatur der alten gegenüber 
praktisch zu demonstriren. Einer dieser Apostel, 
Hr. Willmar Robert Schmidt, ein Schüler Wendling's, 
nimmt gegenwärtig direkten Antheil an den Be- 
strebungen, welche, wie oben angedeutet, in so er- 
freulichem Maasse in Amerika für diese Neuerung 
im Gange sind, \ind denen, wie man wissen will^ 
auch der junge Steinway zuneigt^ während die be- 
rühmte Firma dieses Namens bis zum neulich er- 
folgten Tode William Steinway's kein thatkräftiges 
Interesse für das Jankö-Klavier gezeigt hat. 

(Musik. Wochenblatt) 

Amsterdam. Der von der Pariser Verlagsfirma 
Enoch & Gie. wegen Nachdrucks verklagte Musik- 
verleger Bührmann (in Firma Bührmann & Roothaan) 
ist von der hiesigen Strafkammer zu 4(X) Gulden 
Schadenersatz, zur Einziehung der Nachdrucks- 
exemplare und zur Tragung der 200 Gulden betrar 
genden Prozesskosten verurtheilt worden. Dieses 
Erkenntniss ist um so höher anzuschlagen, als ein 
Litterarvertrag zwischen Frankreich und Holland 
noch nicht besteht. 

(Es besteht in der That keinLitterarvertrag 
zwischen Holland und Frankreicb, ebensowenig wie 
zwischen Holland und Deutschland. Es ist mir dem- 
zufolge unklar, wie in diesem Falle eine Verurtheilung 
des Nachdruckers hat stattfinden können. Derselbe 
Verleger hat meine bei Grüninger erschienene Klavier- 
schule übersetzen lassen und nachgedruckt Durch 
Zufall erfuhr ich davon. Als seiner Zeit eine Klage 
angestrengt werden sollte, wurde mir der Erfolg der- 
selben als aussichtslos bezeichnet E, B,) 



— 114 — 



Gotha. Die allj&brliehen Schalentafführangen des 
Tietz'flchen Konservatorioms geben den Freunden der 
Eosik Immer erfreuliche Gelegenheit, die Fortschritte 
der bereits bekannten nnd das Auftauchen neuer 
Talente zu konstatiren, zugleich auch die Leistungen 
der vortrefBichen Lehrkräfte der Anstalt verdienter- 
massen zu würdigen. In der vor kurzem stattgefun- 
denen ersten Prüfung waren die Resultate die denk- 
bar günstigen. Fast 100 Vortragsstncke wies das 
Progranun auf, davon freilich weitaus die grössere 
Hälfte als Darbietungen der Schüler der Anfengs- 
nnd Mittelklassen. 

Zunächst macht auf den Zuhörer den allerbesten 
Eindruck der Umstand, dass alle Vorträge in durch- 
aus bescheidener Form dai^eboten werden. Auch 
diejenigen, welche wirklich auf höhere Bewerthung 
Anspruch machen können, geben sich nicht als 
«Künstler'^, sondern wollen eben nur Schüler sein, 
freilich Schüler eines Institus, das nach vortrefflicher 
Methode von den ei-sten Anfängen bis zur höchsten 
Vollkommenheit sicher leitet und so die volle Gewähr 
bietet, dass das vorhandene Talent sich frei und 
originell entfalten kann und dass selbst die Mittel 
mässigkeit einen achtenswerthen Grad von Fertig- 
keit erreicht. 

Bekanntlich sind Klavier-, Violinspiel, sowie Ge- 
sang die hauptsächlich gepflegten Unterrichtszweige; 
letzterer ist, seitdem Fräul. Sophie Ross^e an der 
Anstalt als Lehrerin thätig ist, zu besonderer Blüte 
gelangt nnd die darin gebotenen Gaben waren durch- 
weg hoch erfreulich. Freilich hängt ja der Erfolg 
des Gesangsunterrichts immer von einem unberechen- 
baren Faktor, der Stimme des Schülers ab. Diesmal 
war es besonders günstig, dass darin hervorragend 
schönes Materirl vorhanden ist, dass die Kunst der 
Lehrerin mit aller Sorgfalt so tadellos und exakt 
ausbildet, dass von den einfachen Lied bis znr Opem- 
arie durchweg sehr Tüchtiges und Anerkennens- 
werthes geboten wurde und die Vortragenden volle 
Anerkennung verdienten, nicht nur vonseiten der 
Interessierten« 

Dem Violinspiel steht, in einigen Nummern von 
Herrn Paul Böhm unterstützt, Herr Anton Maisch 
vor; es hiesse nur Allbekanntes wiederholen, wenn 
wir seine Vorzüge als ausgezeichneter Lehrer der 
Kleinen und als allzeit hilfsbereiter Berather der 
Vorgeschrittenen schildern wollten, selten aber hat 
er über eine solche Fülle von Gutem verfagt, wie in 
diesem Jahre. Zwar mussten einige der besten 
Nummern infolge von Erkrankungen ausfallen, wer 
aber seine Schüler so weit fördert, dass sie die 
„Balletscene* von Beriet (Herr Willy Schmidt) mit 
so viel Ausdruck und tedmischer Vollkommenheit 
spielen, in der .Air vari^* (Miss Fagan) desselben 
Komponisten einen so süssen nnd herzerquickenden 
Ton ent&lten und Bruch's G-moUKonzert (Herr 
Alfred Bachmann) mit so klarer Technik und virtuoser 
Kraft zu Gehör bringen — ein solcher Meister darf 
wohl mit dem Gefühl des berechtigten Stolzes auf 
seine Erfolge hinweisen. 

Die Hauptsache aber bleibt doch immer das 
Klavierspiel, in dem Herr Professor Tietz die höchste 
Ausbildung giebt, nachdem ein ganzer Stab von 



jungen Damen die Vorbildung nach bewährter 
Methode geleitet hat Auch hier wurde eine Fülle 
hochbedeutender Gaben geboten; es gab eine Anzahl 
von Nummern, die auf dem Programm der erstes 
KÜDStlerkonzerte stehen könnten, und die Ausführang 
überschritt nicht die Kräfte der Vortragenden, da 
gab es nichts Eingedrilltes, ohne Verständniss Ge- 
spieltes. Das alles war auch geistig durchgearbeitet» 
individuell wiedergegeben und mit jener unfehlbaren 
Sicherheit und glänzenden Vortragsweise ausgestattet, 
die die Lehrweise des Leiters der Anstalt auszeichnet. 
Zum Beweise dessen müssten wfr eigentlich das 
ganze Programm der ersten beiden Tage durch- 
sprechen, allein wir begnügen uns, zu erwähnen, 
mit welchem fein nuancierten Anschlag und tief 
emfundenen Erfassen Chopins F-moll-Konzert im 
ersten Theile (FräuL Elsa Grunert) nnd mit welcher 
seelenvollen Durchgeistigung im zweiten nnd dritten 
Theile (Fräul. Gertrud Zangemdster) zu Gehör 
kam; wie siegreich (Fräul. Helene Swietzenl) das 
Odur-Konzert von Beethoven gelang und welche 
Kraft, Fülle und Schönheit Rubinsteins D-moll-Konzert 
(Herr Max Anton) ausströmte. Wer Derartiges bieten 
kann, scheint freilich bald der Schule entwachsen 
zu sein, wir aber könn en stolz darauf sein, dass wir 
eine Anstalt haben, die zu solcher Höhe die Aus- 
bildung leitet. W. B. 

Paris« Bei Lamoureux, der in London Gast- 
spiele mit seinem Orchester giebt, trat die (Gesell- 
schaft der alten Instrumente in die Lücke und ent- 
zückte bei ermässigten Preisen das Publikum ausser- 
ordentlich. Der berühmte Pianist Di^mer spielte 
das Spinett, der Violoncellist Delsart die Viola di 
gamba, Waefelghem die Viola d'amore und Grillet 
das Hackbrett. Gouperin und Rameau waren die 
Komponisten, die hier vor allem zur Geltung kamen. 

— Die Akademie der Schönen Künste hat den 
Kastner-Boursanlt-Preis im Betrage von 2000 Frcs. 
in folgender Weise verwendet: 1000 Frcs. erhielt Hr* 
Jules Gombarieu für seine zwei Werke „Les Rapports 
de la musique et de la po^e** nnd „Theorie du 
rythme dans la composition masicale* ; die HH. Pizzo 
und Lavignac erhielten je 500 Frcs., der Erstere für 
sein Werk „L'Orgue de J. S. Bach*, der Andere für 
,La Musique et les Musiciens*. 

Rom* Die »Götterdämmerung*^ ist am 16. März 
hier mit grossem Erfolge zum ersten Male aufge. 
führt worden. Am stärksten wirkte der zweite Akt, 
der die Jtaliener wiederholt zu stürmischem Beifalle 
hinriss. 

Wien, 6. April. Die Leichenfeier für Brahms ge- 
staltete sich zu einer höchst imposanten Trauer- 
kundgebung, wobei namentlich die musikalische Welt 
des In- und Auslandes tbeilnahm. Der Sarg war 
mit den Kränzen der Städte Wien und Hamburg ge- 
schmückt Der Leichenzug begab sich zum Gebäude 
der Gesellschaft der Musikfreunde, wo durch Dr, 
Billing und Hof kapellmeister Fuchs dem Verstorbenen 
tief empfundene Nachrufe gewidmet wurden. Der 
Zug begab sich dann zur evangelischen Kirche, wo 
sich unzählige Trauergäste, unter ihnen in Vertretung 
des Unterrichtsministers, Sektionschef Latour, ein- 



— 115 — 



gefunden hatten. Der Herzog von Sachsen-Meiningen 
Hess sich gleichfalls vertreten. Pfarrer Zimmermann 
wfirdigte die Bedeatong von Brahms als Mensch and 
Künstler in einer Traaerrede. Nach der Einsegnung 
der Leiche wurde der Sarg anf den Zentralfnedhof 
übergef&hrt 

Wiesbaden. Kapellmeister Dr. Merk vom Wies- 
badener Hoftheater beging einen Selbstmordversach. 
Wie der „Rhein Kur.* berichtet, brachte sich Dr. Merk 
drei Revolverschasse bei, einen in den Mond, einen in 
die rechte Stirnseite, den dritten in das rechte Aage. 
Der furchtbar Verletzte wurde in das städtische Kranken- 
haus gebracht; die Aerzte geben keine Hoffoung auf 
Wiederherstellung. Der junge, hochbegabte Künstler, 



der noch jungst als ausgezeichneter Pianist im Symp- 
honiekonzert der köoiglichen Kapelle hervortrat, war 
ursprünglich Jurist, promovirte an der Grazer Uni- 
versität, war Auskultator am Grazer Landgericht 
und wandte sich dann ganz der Musik zu. Er war 
als Korrepetitor und Ghordirigent am Landestheater 
zu Gras thätig und kam im Oktober vorigen Jahres 
in gleicher Eigenschaft an das hiesige königliche 
Theater, dessen Intendant ihm angesichts seiner 
hohen künstlerischen Fähigkeiten für nächsten Herbst 
endgiltige Anstellung als Kapellmeister in Aussicht 
stellte. Dr. Merk litt zuweilen an Geistesstörung. 
Nach anderer Meldung soll unglückliche Liebe Ursache 
des Selbstmordes sein. 



Bücher und Musikalien. 



Dr. Hago Ooldschmldt, Handbuch der Deut- 
schen Gesangspädagogik. Erster Theil : 
Das erste Studienjahr. Aasgaben mit Uebungen 
in hoher und tiefer Lage. (Leipzig, Breitkopf d 
HärteL) 

Zu den vielen Werken, welche der Schulung der 
Gesangstimme dienen sollen, gesellt der bekannte 
Gesanglehrer und Mitinhaber des Berliner Schar- 
wenka-Konservatoriums ein neues und zwar höchst 
beachtenswerthes. Es ist nicht anzunehmen, dass 
diesem Werke nun ein allgemeiner Friede in gesangs- 
pädagogischen Kreisen folgen werde, aber das ist 
auch nicht nOthig, denn nur Kampf stählt die Kräfte, 
verbürgt Resultate [und erhascht Beute. Der erste 
Vorzug, welcher dem in Rede stehenden Buche 
eignet, ist die ausserordentliche Gründlichkeit, mit 
der jedes Kapitei behandelt ist Insbesondere ver- 
dient dieses Lob der Abschnitt von der geschicht- 
lichen Bntwiekelung des gesanglichen Unterrichts. 
Femer aber muss auch der überall zu Tage treten- 
den Vorsicht und Sorgfalt Lob gespendet werden, 
mit welcher der Verfasser die Behandlung des zarten 
Instruments zur Pflicht macht. Selbstverständlich 
der Entwickeluog der Sprache beim Gesänge und 
insonderheit wird dem Studium der Konsonanten 
der nöthige breite Raum gegeben, den dieses so 
wichtige Gebiet erfordert Allen diesen Dingen 
dienen die Resultate der neuesten Forschungen, so 
weit sie sich als richtig erwiesen haben, als Grund- 
lage. Die Uebungen sind geschickt und nach päda- 
gogischer ErfiEÜirung hergestellt und stufenweise ge- 
ordnet Wir wünschen dem Buche und seinem Ver- 
fasser den wohlverdienten Erfolg und zweifeln nicht, 
dass das Werk sich in kürze die ihm gebührende 
Beachtung der betreffenden Kreise in reichem Maasse 
verschaffen wird. A. Naubert 

Theodor Pfeiffer: Studien bei Hans v. Bülow. 
J. Vianna da Motta: {Nachtrag zu 



Studien bei Hans v. B ü 1 o w von Theodor 
Pfeiffer. B erlin Fr. Luekhardt 

Hans V. Bülow hielt bekanntlich in den Jahren 
1884 bis 1886 Unterrichtskurse für Klavierspiel am 
Raff-Konservatorium zu Frankfurt a. M. ab. Diese 
Kurse waren zunächst nur fOr diejemgen Schüler der 
Anstalt berechnet, die bereits eine hohe künstlerische 
Reife erlangt hatten, es durften sich aber auch 
Studirende, die der Anstalt nicht angehörten, daran 
betheiligen, sofern sie durch eine Torherige Prüfung 
ihre Qualifikation klargelegt Aus diesen Unterrichts- 
kursen, in denen Bülow, lehrend und spielend, sein 
eminentes pädagogisches Talent bekundete und eine 
Fülle unschätzbarer, fruchtbringender Lehren aus- 
streute, haben Th. Pfeiffer und Vianna da Motta den 
Stoff ihrer Bücher zusammengestellt, um das kostbare 
Wissen, das sie Bülow verdanken, auch der Nachwelt 
zu erhalten. Th. Pfeiffer's Buch ist das ältere, er 
hat sdnem Werke die Reihe der durchgenommenen 
und analysirter Stücke nach den Komponisten ge- 
ordnet. Bach, Beethoven, Brahms, Chopin, liszt, 
Mendelssohn, Mozart und Raff konuien in ihren 
Hauptwerken zur Besprechung. Vianna da Motta 
führt uns die Werke in der Reihenfolge vor, wie sie 
an den einzelnen Vortragstagen gespielt und analysirt 
er weiss aus den persönlichen Erfahrungen manch' 
werthvolle Ergänzung dem ersterschienenen Werke 
hinzuzufügen. Der Inhalt beider ist von eminenter Be- 
deutung für die klavierspielende Welt Zu den zahl- 
reichen Bemerkungen über Auffassung, Nuanzirung, 
Phrasirung der Werke und der einzelnen Stellen, den 
kräftigen Schlagworten, mit denen die Leistungen der 
Vortragenden begleitet werden, tritt Bülow uns auch 
hier wieder in seiner ganzen Eigenart als Mensch 
und als Künstler entgegen, voll schneidender Schärfe, 
wo es gilt, gegen Hohlheit und Dünkel zu 
kämpfen, yoU warmer Begeisterung und|hohem Ge- 
rechtigkeitssinn, wo es der wahren Kunst gilt „Ich 



— 116 — 



widme hier^*, sagt er gelegeDtlich, „nicht vier Wochen 
meines Lebens, dunit Sie sich ein paar Stücke ein- 
stadiren, sondern am Sie mosikaüseh zu bilden nach 
jeder Seite hin.** Und an anderer Stelle: ,Jch gebe 
Ihnen einen Bftdecker, am in das Land der Dichter 
zu reisen''. Er empfiehlt zam Stadiam neben Bach 
and Beethoven: H&ndel, Mozart, Mendelssohn — von 
Letzterem sagt er, dass er in das nftohste Jahrhan- 
dort hineingehen werde, viele Andre aber nicht Bach 
ist for ihn der »Tripel-Extrakt der Masik*. Wenn 
alle Meisterwerke der Mosik verloren gingen and das 
wohltemperirte lUavier bliebe ans erhalten, so könnte 
man daraas die ganze Literatar wieder nea kon- 
strairen. „Dea wohltemperirte Klavier ist das alte 
Testament, die Beethoven'schen Sonaten das neae, an 
beide müssen wir glaaben." So geht er, denn aber aach 
onerbittUch mit denen in^s Gericht, . die Frevel an 
seinen Heiligthümem begehen: «bei Bach können wir 
den Ghopinanschlag nicht braachen": — .bei Bach 
mass man Klavier sprechen^; «Spielen Sie das Prft- 
ladiam (B-dar I Th.) ja nicht za rasch, Sie müssen 
die melodischen and harmonischen Schönheiten aach 
zor Qeltang bringen and das können Sie mit solch 
nähmaschinenhasten Herantersaosen nicht Woza 
denn so rasend, da giebt es ja nar so einen akknsti- 
schen Strickstmmpf." — Von der GmoU Fage sagt 
er: »Die gaten Takttheile nicht markiren, das würde 
dem Ganzen ein Bleigewicht anhängen; es soll diese 
Fnge elfenhaft kapriziös gespielt werden^ waram soll 
der alte Herr aach nicht einmal von Elfen getrfiomt 
haben?'' Jedes Heraaskehren virtuoser Konststücke 
bei seinen beiden Herren war ihm ein Grftael and 
warde sofort aai's schftr&te gerügt: «Ihre Technik 
können Sie wo anders als an einem solch masikalisch 
feinen Bach'schen Stück zeigen. Leider machen es 
heate viele Virtuosen so, damit der Applaus und der Lor- 
beerkranz um so grosser werden*. Von Beethoven*s 
Sonate op. 26, sagt er: «Aus der zweiten Variation 
dürfen Sie keine brillante Etüde machen; dieselbe 
ist rahig zu spielen ; gewöhnlich wird sie von schlechten 
Virtaosen und den Dilettanten so maltraitirf Einer 
Dame, die den letzten Satz der Sonate op. 81 (Les 
Adieax) in rasendem Tempo beginnt and stolpert, 
raft er zu: «Halt! in der Freude des Wieder- 
sehens reissen Sie aus, verwickeln sich in 
Ihre Schleppe, stürzen hin and werfen alle Blamen- 
topfe im Garten um. Aufgeregt wird dieser Satz 
wohl gespielt, allein es muss eine künstlerisch ge- 
regelte Aufregung sein.* — „In Bach und Beethoven 
ist jede Note Gold; studiren Sie deshalb peinlich 
genaa, jede Note spielt ihre wichtige Rolle.* — «Denken 
Sie sich solche Stücke instramentirt; es ist nicht un- 
schicklich für Damen, die Orchester-Instrumente zu 
kennen; Sie brauchen die Instrumente ja nicht zu 
spielen; trotzdem ist es mir interessanter, wenn eine 
Dame Tuba bläst, als wenn sie Klavier spielt, denn 
es giebt sehr wenig DameUi die Taba blasen.* ^ 
Bezeichnend für Bülow^s Charakter ist es wieder, 
wenn er sagt: «Es ist sehr schmeichelhaft für mich, 
das 6 Sie meine Aasgabe bringen; ich rathe Ihnen 



I aber doch, Klindworth's Ausgabe zu nehmen; dort 
finden Sie alP das Gate meiner Ausgabe, das Deber- 
flüssige ausgeschieden, das Irrige verbessert.* Eben- 
so sagt er zu seinen Händel-Ausgaben: «Ich habe 
das Detail übertrieben und zuviel Nüanzen hinein- 
gebracht, was nicht zu Händel passt Ich hatte 
aber damals gegen das geistlose Herabhämmern sa 
kämpfen. Heate bitte ich Sie, den Vortrag zu ver^ 
ein&chen.* » In Bezug auf die Rekonstruktion der 
Beethoven^schen Sonaten ist für heiasspomige 
Neuerer folgende Anmerkung von grosser Bedeutung : 
«Der beschränkte Umfang der Klaviere, die Beet- 
hoven benützte,wurde oftfürihnzuxQaelle neuer Schön- 
heiten; grade weil er diese oder jene Note, die analog 
der Farallelstelle so oder so heissen müsste, nicht mehr 
auf dem Klavier hatte, erdachte er Aaswege, die 
wieder eine neue Schönheit ergaben. Deshalb müssen 
wir bei der Aenderang solcher Stellen sehr vor- 
sichtig sein und nicht immer sagen: »Wenn Beethoven 
das heutige Klavier gehabt hätte, würde er so ge 
schrieben haben;* gewiss, er hat es aber nicht ge- 
habt and dieser Umstand Hess ihn wanderbar schöne 
Varianten erfinden.* Und dazn fügt Bülow dann 
verschiedene charakteristische Beispiele. — Aber 
auch an laanigen Aeasserangen fehlt es nicht, so 
sagt Bülow zu den 4 Einleitangstakten der Fis-dur- 
Sonate op 7d: «Wenn Ferdinand Hiller diese ersten 
4 Takte einer Dame in^s Album komponirt hätte, 
wäre er ansterblich, er hat es aber leider verab- 
säumt* — Von Chopin empfiehlt Bülow zum Studiam 
die vier Scherzi und die vier Impromptus. «Das 
nenne ich den männlichen Chopin im Gegensatz zum 
krankhaften, hysterischen. Die Balladen mag ich 
nicht* Von Liszt will er keine Rhapsodien, über- 
haupt keine Transkripsitionen hören. Er empfiehlt 
die 12 Etüden, die beiden Konzertetüden «Waldes- 
rauschen* und «Gnomenreigen*, die beiden Balladen 
und «Scherzo und Marsch.* Er bemerkt gelegent- 
lich: «Liszt hatte 11 000 Schülerinnen, die alle seine 
Lieblingsscbülerinnen waren, und da galt es, die 
zweite Rhapsodie so schnell und so stark wie mög- 
lich zu machen.* » «Dass ein Triller so oft miss- 
lingt kommt daher, dass man ihn zu schön machen 
will. Was heisst zu schön ? Man will ihn nach dem 
Prinzip der 11000 Jungfirauen so schnell und se 
stark wie möglich machen.* — «Chopin's Schüler,* 
bemerkt er an anderer Stelle, „sind ebenso unzuver- 
lässig wie Lisit^s Schülerinnen.*' Bei anderer Ge- 
legenheit heisst es dagegen: „Ich kenne eine Masse 
Schülerinnen Chopin's, die sich von denen Lissfs da- 
durch unterscheiden, dass si<> — viel älter sind und 
keine Stunde bei Chopin gehabt haben. Sie haben 
aber mehr gelernt** — 

Die Versuchung liegt nahe, aus dem kostbaren 
Inhalte der Bücher noch mehr zu verrathen, aber 
der uns zugemessene Raum gebietet Stillstand, so 
wollen wir die beiden Werke, aus denen der Geist 
des unvergesslichen Künstlers so lebendig zu uns 
spricht, hier nur noch allen Klavierstadirenden aufs 
wärmste empfehlen. A. M. 



— 117 - 



Anregung und Unterhaltung. 



Wer in der Litterat ar nicht das Bedeutendste der 
neuen Erscheinungen kennt, gilt für ungebildet In 
der Musik sollten wir auch so weit sein. 

Was man unter vier Augen auf das trefflichste 
kann, kann man unter Tausenden noch nicht zur 
Hftlfte so gut. 

Worüber die Künstler tage-, monate , jahrelang 
nachgedacht haben, das wollen die Dilettonten im 
Husch weghaben. 

Niemand, auch nicht der geübteste, gebildetste 
Musiker, ds^ sich nach blossem Hüren ein durch 
und durch treffendes Urtheil zutrauen. 

* 
Man denke nur, welche Umstünde sich vereinigen 

müssen, wenn das Schöne in seiner ganzen Würde 
und Herrlichkeit auftreten soll! Wir fordern dazu 
einmal tiefe Intention, Idealitfit eines Kunstwerkes, 
dann: Enthusiasmus der Darstellung, 8. Virtuositftt 
der Leistung, harmonisches Zusanunenwirken wt 
aus einer Seele, 4. inneres Verlangen und Bedürfe 
niss des Gebenden und Empfangenden, momentan 
günstigste Stimmung von beiden Seiten, des Zu- 
hörers und des Künstlers, 5. glücklichste Kon- 
stellation der Zeitverhftltnisse, sowie des spezielleren 
Moments der rfium liehen und anderen Neben- 
umstünde, 6. Leitung und Mittheilung des Eindrucks, 
der Oefüble, Ansichten — Wiederspiegelung der 
Kunstfreude im Auge des Anderea — Ist ein 
solches Zusammentreffen nicht ein Wurf mit sechs 
Würfeln von sechsmal Sechs? 

Einem geringeren Talente müssen wir Manches 
zum Lobe anrechnen, was wir bei einem vor- 
geschrittenen nur natürlich finden. 

41 41 

• 

Man kann ein Musikwerk unter vier Gesichts- 
punkten betrachten: nach der Form (des Ganzen, 
der einzelnen Theile, der Periode, der Phrase); 
nach der musikalischen Komposition (Harmonie, 
Melodie, Satz, Arbeit, Stil); nach der besonderen 
Idee, die der Künstler darstellen wollte, und nach 
dem Geiste, der über Stoff, Form und Idee waltet 

So lange der Künstler von dem Werke, das er 
zum Druck giebt, nicht die Ueberzeugung hegt, dass 
er damit nicht bloss die Masse vermehre, sondern 
auch geistig bereichere, so lange warte und arbeite 
er noch. 

• 41 

4i 

An den Bussen erkennt man seine Leute. 

Der gebildete Musiker wird an einer Raphael, 
sehen Madonna mit gleichen Nutzen stndiren können, 
wie der Maler an einer Mozart'schen Symphonie. 
Noch mehr : dem Bildhauer wird jeder Schauspieler 



zur ruhigen Natur, Diesem die Werke Jenes zu 
lebendigen Gestalten; dem Maler wird das Gedicht 
zum Bild; der Musiker setzt dieGemftlde in Töne um. 

Ein junger Komponist, zu dem man sich erst 
durch 5 bis 6 Kreuze durcharbeiten muss, braucht 
noch einmal so viel Zeit zur öffentlichen Anerkennung. 
Die Hauptsache aber ist, er bewahre sich seine 
Natürlichkeit und schreibe dann, in welcher Tonart 
er wolle. 

Wollt ihr wissen, was durch Fleiss, Vorliebe, vor 
allem durch Genie aus einem einfachen Gedanken 
gemacht werden kann, so leset in Beethoven und 
sehet zu, wie er ihn in die Höhe zieht und adelt und 
wie sich das an&ngs gemeine Wort in seinem Mund 
endlich wie zu einem hohen Weltenspruch gestaltet 

Nur Dem nutzt das Lob, der den Tadel zu 
schützen versteht 

Beethoven hat gar wohl die Gefahr gekannt, die 
er bei der Pastoralsymphonie lief. In den paar 
Worten, «mehr Ausdruck der Empfindung als 
Malerei'^, die er ihr voransetzte, liegt eine ganze 
Aesthetik far Komponisten, und es ist sehr Iftcher- 
lich, wenn ihn Maler auf Portrfits an einem Bach 
sitzen, den Kopf in die Hand drücken und das 
Plätschern belauschen lassen. 

Im Gebiete der mechanischen Kombinationen ist 
jetzt kaum mehr zu erreichen, als die Virtuosen der 
neuesten Zeit wirklich erreicht haben. Auf das 
Verschrfinken der HSnde, ob es so oder so, auf die 
Akkordmasse, ob sie etwas mehr oder weniger voll, 
darauf kommt jetzt nichts mehr an; wir haben darin 
in Henselt's, Liszt's, Thalberg's Arbeiten vollauf 
genug. Die Nachfolgenden müssen, wenn sie Be- 
deutung gewinnen wollen, den umgekehrten Weg ein- 
sehlagen, den zur Einfachheit, zur schönen, ordnungs- 
vollen Form, und daraus entwickelt sich dann auch 
daa Komplizirtere. Der Weg liegt klar vorgezeichnet 
Wer ihn nicht sieht, wird umsonst arbeiten. 

Wohl dem, der seine KrSfte kennt, er wirkt im 
engen Kreise Dasselbe, was der Höherbegabte im 
weiten. 

« 

Der wahre Künstler gedeiht nur in der Einsam- 
keit oder im Umgänge mit Künstlern ; Nichts ent- 
nervt mehr als der Beifall Mittelmfissiger. 

« « 

« 

Bei Talenten zweiten Ranges genügt es, dass sie 
die hergebrachte Form beherrschen; bei denen ersten 
Ranges billigen wir, dass sie sie erweitern. Nor 
das Genie darf frei gebaren. 



^ieht di« MonftTchen haben die Hofsdkette, die 
Bofobargen, die grouen Zeremoiiieii erfimdeD, lon- 
dern deren Bedieote, die sich dMlnrd) in hChere 
StellnDg iD bringen trachtetsD — dem Uonarehen 
Diener bleltMmd, vor dem Volke aber ide VfirdentrSger 
■ich gerirend"> 

Wer Shakeipewe nnd Jean Pani veretebt, wird 
anden komponiren, all wer seine ffeiehtut allein aas 
Marpurg etc. hergeholt; «er im Strom eines reich- 
bewegten Leben« andeiB, als wer den Kantor Beines 
Ortea fOr das Ideal möglicher Meisterecbaft b&lt, — 
und dies bü öbrigena gleichen Talenten, gleich 
ersten Stadien. Roh. Schomann. 



Bb giebt nne direkte nnd indirekte PopolaiiHi 
Je tiefer ond bedentaamer nlmlich der Oebalt eines 
Kuutwerkes ist, om so weniger wird säne ffin- 



wirkong eine direkte i^ kSnnen. Es waren von 
jeher stets nur aoserwlblte, die sich hier sofort im 
VerstSndniss befanden, nnd ilirer Venuittlnng hat es 
die Menschheit haaptsScblich la verdanken, wenn 
de nach nnd nach von den idealen HSchten, die 
jedes echte Eonstwerk eifällen, berührt wnrde. — 
Das Kanstwerk, dessen PopularitSt dagegen nonüttel- 
bar eintritt, das also direkt wirkt, stellt im Ail- 
gemeinen die Interessen dar, welche der Bildonp- 
hohe der Menschen eben entsprechen. Nach welcher 
Art der PopnlaritSt der Kfinitler aber ni streben 
hat, becengt Schiller in den schOnen Worten: 

„Kannst Du nicht Allen gefielen durch Deine 
That nnd Dün Kunstwerk, 

Mach' ei Venigen recht, Vielen gefallen ist 



Rob. Franc. 



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L Z^. [31] 



ßeue J(lavierwerke. 

Moore, Ar. P. Op. 35. Nenn Klavier-Gedichte 
(in Etüdenform). Nr. 1. Der sterbende Schwan. 
— i. Die LotoB-Esser. — 3. I.iljan. — 4. Gla- 
ribei — 5. An den Herbst. — 6. Ein Sommer- 
abend. — 7. Sonett — 8. Die Zeit — 9. Schellen. 
Je JC 1.50. 

Freier, Carl A. Od. 32. Variationen über ein 
eignes Thema, JC 3.50. 

Schkrwenka, Ph. Op.l01. Fünf Klavierstücke. 
Nr. 1. AUegretto cou spirito. Jl 3,50. — 2. An- 
dante mosao. Jl 1.50. — 3. Allegro non troppo. 
JH 1.50. — 4. Holte animato. M2.—. — 5. An- 
dante meeto. M 1.50. 

Sehappaü* A. Op. 16. Deutsche Tänie. Neue 
Folge. Ji 2,-. [29] 

Verlag von BrOitkopf & Hfirtol in Leipzig. 



H 



Kewltsch-Orgel- 

armonlnm 



Berlin W., Potsdamenitr. S7b. 



Fehlende Nummern des .Klavier- Lehrer* 

kOnneB darch jede Bacbhaadlnng k 25 Pf. 
nachbezogeD werden. Die Expedition. 



— 119 - 



Soeben erschien: 



aieigen und aänze 



ans 



Xaiser J/tatthias' ^eit 

In getreuem Anschluss an die Originalgestalt (für Streicfainstmmente) 

ffir 

Planoforte^ 

übertragen von 

Hugo Rlemann. 



No. 
No. 
No. 
No. 
No. 
No. 
No. 



1. 
2. 

a 

4. 
5. 
6. 
7. 



No. 8. 
No. 9. 
No. 10. 
No. 11. 
No. 12. 
No. 13. 
No. U. 
No. 16. 



Leipzig. 



Pr. H. S.— . 

INHALT: 
Pavane von B. Prätorins (Berlin 1616.) 
Allemande von J. HL« Schein (Leipzig 1617}. 
Allemande von J. HL. Schein (Leipzig 1617). 
Allemande von Th. Simpson (Bückeburg 1617). 
Conrante von J. H« Schein (Leipzig 1617)- 
Intrade von E. Widmann (Rothenburg 1618). 
Torganer Oagliarde von ۥ Farina (Dresden 1627). 
Conrante ,,Ijaraxa<^ von O« Engelmann (Leipzig 1616). 
Balletto von ۥ Farina (Dresden 1628). 
Conrante von J« 8taden (Lüneburg 1618). 
Allemande von J. H« Schein (Leipzie 1617). 
Balletto von B« Marinl (Am KorpOlzischen Hofe 1626). 
Oagliarde von B. Harini (Heidelberg 1629). 
Allemande von Th. Simpson (Bückeburg 1617). 
Conrante von J. B. Schein (Leipzig 1617). 



[30J 



Fr. Kistner. 



C. BECH8TEIN, 

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Hoflieferant 

Sr. Haj. des Kaisers von Dentschland und Könifi^s von Prenssen, 

Ihrer Haj. der Kaiserin von Dentschland und Königin von Prenssen, 

Ihrer Haj. der Kaiserin Friedrich, 

Ihrer Haj. der Königin von England, [58] 

Ihrer Haj. der Königin Regentin von Spanien, 

Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Carl von Prenssen, 

Sr. Königl. Hoheit des Herzogs von Sachsen-Coburg-Gotha. 

Direr Königl. Hoheit der Prinzessin Louise von England (Harchioness of Lome). 



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IjUXVl^UiM W. n. Fabrik: 21 Grlliiaiier^Str. u. 26 Wiener-Str. 
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- 120 — 



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Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

uiid der Tonkiinstler-Vereine 

zu Berlin, Köln, Dresden, Hamborg und Stnttgart. 

Herausgegeben 
von 

Professor Emil Breslanr. 



No. 9. 



Berlin, L Mai 1897. 



XX. Jahrgang. 



Dieses Blstt erscheint am 1. and 15. jeden Monats 
and kostet doieh die K. Post-Anstalten, Baeh- and 
MnsUcaiienhandlnngen bexogen vierteljShrlieh 1,60 M^ 
direet nnterKreasband von derVerlagsnandlonglfTd.^. 



Inserate f&r dieses Blatt werden von sämmtUehen 
Annoncen-Bxpeditionen, wie von der yerlagshandlan|. 
Berlin 8., Brandenbargstr. 11. xom Preise von 30 \ 
far die zweigespaltene Petitz<me entgegengenommen. 



Die Ornamentik (Yerziemngsknnst) in den Beethoyen'schen 

Elayier-Werken. 

Von Heinrich Ehrlich. 

(Fortsetzong.) 



In Opus 7 ist die AaBfühnmg der Prall- 
triller nach der alten Begel, also innerhalb 
der Note, unzweifelhaft, ob im letzten Satze 
die melodische Wirkung der Vorschläge 



^ 



*: 



iS 




nicht eine bessere wäre, wenn sie vor der 
Hauptnote ausgeführt worden, muss dem 6e- 
schmacke des vortragenden Künstlers, der 
die Werke grundlich studirt hat, anheim- 
gegeben werden Dem „Gusto*' hat ja schon 
Ph. E. Bach eine Berechtigung zuerkannt; 
mir klingt der Vorschlag innerhalb der Note 
an dieser Stelle altvaterisch steif. Bezüglich 
der Sonaten Opus 10*) ist das Euriosum zu 

*) Im Largo der D-dorSonate Op. 10 enthält die 
Steingraeber-Aaagabe 




also c-cIp, mit Binweis aof Hiller. Lebert (der diejes c 
„anzweifelhaft'* als von Beethoven herrührend be- 
trachtet) and Andere. In den Originaiaasgabea steht 
dieses c nicht, and Nottebohm meint aacb, dass 
Beethoven es nicht geschrieben hat. Meinem per- 
sönlichen Empfinden widerspricht dieses c nicht ganz, 
obwohl es mir fast mehr nach Chopin als nach 
Beethoven klingt. 



verzeichnen, dass in der Originalausgabe der 
F-dur Sonate in der Stelle 



f¥fHkfff— 




im Bassaccorde zwischen g und a ein schräger 
Strich steht. Dieses Zeichen ist nur in älteren 
Kompositionen zu finden, und bedeutet ein ar- 
peggio, das hier absolut nicht anzuwenden ist. 




In allen anderen Ausgaben ist dieses 
Zeichen weggelassen ; ob Beethoven ursprüng- 
lich ein gewöhnliches Arpeggio-Zeichen beab- 
sichtigte, muss dahin gestellt bleiben. 

Dass in d^r sonate pathätique im Mittel- 
thema des ersten Satzes die Pralltriller alle 
innerhalb, nicht vor der Note, also nach 
der „alten^ Manier und mit Betonung 
der ersten Note auszuführen sind, ist vom 
Standpunkte des guten Geschmackes und der 
richtigen melodischen und rhythmischen Wir- 
kung ebenso unbestreitbar, als dass der Vor- 
schlag im finale f g vor der Note ausgeführt 
werden muss; denn wollte man ihn nach der 



— 122 — 



alten Manier spielen, so käme eine äbelklin- 



as 



gende Oktaye .^ heraus; will man ihn nach 



as 



der Lebert'schen Vorschrift spielen 



^ 



p^ 



EEE 




z^ 



SO werden die beiden leer klingenden f keine 
gnte Wirkung erzeugen, dann aber mfisste man 
im schnellen Tempo den Yorschlag mit der 
Hauptnote derartig zusammen quetschen, dass 
eine klare Wiedergabe des melodischen Ganges 
nicht möglich ist. Dass im Op. 22 im An- 
dante die Vorschläge unbedingt kurz sind, 
bedarf wohl keiner besonderen beweisf&hrung. 
Nur bei der Stelle 






pt'jqZT^ 




glaube ich, dass ein kleines Dehnen des 
Vorschlages d gute Wirkung erzeugt; doch 
ist das nur eine rein subjektive Empfindungs- 
äusserung. Die Sonate Op. 26 giebt zu be- 
sonderen Bemerkungen keinen Anlass. Bezfig- 
lich der beiden Sonaten „quasi una fantasia*' 
Op. 27 ist Tor allem hervorzuheben, dass 
der Fehler 




das a mit dem b zu binden, auch in der 
„Kritischen Ausgabe^ von Breitkopf & Härtel 
enthalten ist, obwohl in der Origmalausgabe 
Cappi ausdrficklich ein Strich fiber dem A 
Stent, also das A abzustossen ist. Dieser 
Fehler ist um so mehr hervorzuheben, weil 
Beethoven, der sonst den Versetzungszeichen 
wenig Beachtung schenkte, den Staccatizeichen 
allein eine besondere Sorgfalt widmete, auch 
den Unterschied zwischen Punkten und 
Strichen — nach Angabe aller Beethoven- 
Forscher — genau beachtet wissen wollte. 
Dass im Thema des Finale der Triller das 
erste Mal mit, das zweite Mal ohne Nach- 
schlag angezeigt ist, wird wohl Niemand 
hindern, beide Stellen in gleicher Weise aus- 
zufahren. In Betreff des langen Trillers g as 
im vorletzten Takte des Adagio's dieser So- 
nate theile ich die Ansicht des Herrn Stein- 
gräber, dass dieser Triller unmittelbar mit 
dem nächsten auf as zusammenhängend ge- 
spielt, dieser letztere also mit as und nicht 




b beginnen soll. In der Gis-moll-Sonate*) 
müssen die Triller fiber der Oktave der rechten 
Hand im Finale mit der Hauptnote anfang^en, 
nicht wie die Lebert'sche Ausgabe vorschreibt 



mit der Hilfenote. Die Vorschläge 



können allerdings in dem schnellen Tempo 
nur mit der ersten Begleitungsnote zusammen- 
fallen, doch darf die erste Note nicht nach 
der ^ten Manier stark betont werden, viel- 
mehr ist die ganze Energie des Ausdrucks 
auf die Viertelnote zu legen. Als Euriosum 
sei hier noch erwähnt, dass in der Londoner 
„Musical Times^ vom I.Juni und I.August 1896 
der Beweis versucht vrird, Beethoven habe 
unter sordini ebc* Verschiebung gemeint, 
daher consordini und senza sordini dahin zu 
verstehen seien. Nun enthält die Original- 
ausgabe der Sonate im 1. Satze die Vor- 
schrift sempre pp e senza sordini, d. h. und 
ohne Dämpfer, wollte Beethoven die Ver- 
schiebung verbieten, so musste es heissen, ma 
(aber) senz u. s. w. Im Scherzo der Sonate 
d-dur Op. 28 enthält die Originalausgabe beim 
Trio einen langsamen Vorschlag, ich theile 
die Meinung der späteren Herausgeber, die 
diesen Vorschlag kurz notiren. In dem 
Adagio graziöse der g-dur-Sonate Op. 31 
schreibt die Lebert'sche Ausgabe vor, der 
Vorschlag im Basse 

fr 



w 



und der im zweitnächsten Takte g-d müsste 
stärker betont werden als die folgende erste 
Trillemote; ich fiberlasse es dem Urtheile 
eines jeden Beethoven grfindlich stndirenden 
Musikers zu entscheiden, ob der Hauptton 
des Trillers oder der Vorschlag der wichtigere 
hervorzuhebende, ob also die alte oder die 
neue Manier bei dem Vorschlago die richtigere, 
d. h. die dem musikalischen Gedankengange 
entsprechendere ist. Im Adagio der D-moU- 
Sonate werden dievieleuDoppelschläge fiber den 
Noten verschiedenartig ausgelegt. Steingräber 
meint, dass diese gleich vor der Note aus- 
geffihrt werden sollen 




dagegen schreibt Lebert vor, 



r-Tfujrr^ 



*) Ueber das ZeitmaaBS and deo Vortrag des 
Allegretto habe ich schon gesprochen bei dem Hin- 
weise auf Reinecke*8 Bemerkangen über Lisst'd 
Wiedergabe. 



— 123 — 



meint aber bei der Stelle 



i 



u 



^^F 



M 



ofane Zweifel nicht so gemeint 



^ lUli - = 



sondern mit dem Doppelschlag zwischen der 
Viertel- und der Aditelnote also 




u. 8. w. Obwohl nun in diesen zwei Auswei- 



chungen ein Widerspruch in so fern liegt, als 
die Stellung des Zeichens cp in beiden me- 
lodischen Gängen dieselbe ist, also bei beiden 
in gleicher Weise ausgeführt werden müsste, 
kann man doch der Lebert'schen Ansicht bei- 
stimmen, denn es ist sicher, dass die bei dem 
Sechzehntelgang angezeigte Ausfahrung in der 
späteren Wiederholung, wo die Begleitung in 
der linken Hand sich in Zweiundareissigstel 
bewegt, viel schöner klingt als wenn der 
Doppelschlag gleich nach der Achtel gespielt 
wird. Bezüglich der „kleineren^ Sonate in 

E-moU op. 49 kann ich mich nicht mit der 
ebert'schen Ansicht befreunden, dass im 
14. Takte der Vorschläge c d es u. s. w. 
innerhalb der Note gespielt werden sollen, 
glaube vielmehr, dass sie im yorgeschriebenen 
langsamen Tempo vor der Note ausgeführt, 
eine schönere melodische Wirkung erzeugen. 

(SchloBs folgt.) 



Hans Yon Bülow. 

Briefe und Schriften. Band III. Aasgewählte Schriften 1850—1892. 
Heraasgegeben von Marie von Bülow. Leipzig, Breitkopi & Härtel. 



Dieselbe flelMige und kundige Hand, welche ans in 
den beiden früher erschienenen Bänden die Briefe aas 
Bans V. Bfilow*s Jagendzeit übermittelte, hat hier die 
grosse Zahl der Schriften, Kritiken, Reiseberichte etc. 
des Verstorbenen gesammelt and gesichtet aod darch 
einleitende and überleitende Worte za einem harmo- 
nischen Ganzen verbanden. Hans v. Bülow's eigene 
Worte: «Der Schlüssel za dem Verständniss einer 
künstlerischen Erscheinang liegt in der Erkenntniss 
aller Haaptmomente ihres Werdeprozesses*, ist dem 
stattlichen Bande als Leitmotiv aaf den Weg gegeben 
worden. Es konnte nicht trefflicher gewählt werden. 
Denn wenn ans die Briefe, diese intimen, anmittel- 
bar aas dem Seelen- and Gemütbsieben geflossenen 
Ergüsse, einen Einblick in die Charakterentwick- 
long des Menschen gewährten, so lernen wir aas 
seinen Schriften den werdenden aod fertigen Künstler 
mit seinem Empfinden, seinem Wollen and Können, 
seinem Urthdl and seinen Neigangen kennen. Was 
aas Hans v. Bülow's Schriften, » mag man ihrem 
Gedanken - Inhalt zustimmen oder nicht, — so ein- 
dringlich za ans spricht, so mächtig wirkt, ist, dass 
sie stets aas vollster Ueberzeagang, aas reiner Wahr- 
heitsliebe geschrieben sind, dass wir sicher sind, stets 
die eigenste Meinang des Künstlers za hören. Hans 
V. Bülow hat sich nie darch eine Zeitströmong, darch 
eine Mode l^eirren oder beeinflassen lassen, — was 
er dachte and fühlte, das hat er stets rückhaltlos, ja 
oft rücksichtslos, aasgesprochen, gleichviel ob, oder 
wen er damit traf; er hat den stolzen Gharakterkopf 
nie vor einem Götzen gebeagt, nie nach Natzen oder 
Schaden für sich gefragt, aber für seine Freande and 
ihr Schaffen, für die Ideale seiner Kanst, die er auf 
sein Banner geschrieben, ist er uoeatwegt einer Welt 
von Widersachern gegenüber eingetreten, kampfesfroh. 



streitlnstig, immer nar seinen Leitsternen zam Licht 
and zar Wahrheit folgend. Seine leidenschaftliche, 
stets erregte, impalsive Natar, sein scharfer darch- 
dringender Verstand, sein schlagender Witz, treten 
den eben erwähnten Gharakterzfigen hinza, and prägen 
allen seinen Schriften den Stempel des Unmittel- 
baren, Ursprünglichen aaf, man meint ihn selbst 
wieder in seiner energischen, zwingenden Persönlich- 
keit vor sich za sehen and sprechen za hören. 

Die vorliegenden Schriften geben ans, so reich 
and werthvoU sie aach sind, nicht das volle abgerundete 
Bild des Künstlers. Der überwiegend grösste Theii 
gehört seinen jüngeren Jahren, der Periode von 1850 
bis 1865 an, jener Zeit, in welcher Bülow far die 
Sache der .Zakanft* kämpft; die Münchener Jahre, 
in denen er als Dirigent, Yirtaose and Lehrer vollauf 
beschäftigt ist, bringen einen vollständigen Stillstand 
seiner literarischen Thätigkeit; später, in den Jahren 
seiner glänzendsten Direktionsthätigiceit in Meiningen, 
Hamburg, Berlin, konnte er durch die That viel ein- 
dringlicher für seine Ueberzeugungen wirken, so dass 
er die Feder nur za besonderen Gelegenheiten ergriff. 
So zeigen grade seine reifsten Künstlerjahre in seinen 
Schriftänsserangen eine Lücke. Immerhin bringt 
aber das gesammelte Material ans dieser Zeit noch 
eine^FüUe des Werthvollen, Gharakteristischen; doppelt 
werthvoll zur Vergleichung mit früheren Aussprüchen 
und Meinungen, denn Hans v. Bülow hält es durchaus 
mit seiner persönlichen Würde nicht für unvereinbar, 
eine frühere Meinang als Irrthum zu bekennen, seine 
veränderten Anschauungen demonstrativ aaszu- 
sprechen und alle Konsequenzen derselben muthig 
aaf sich za nehmen. Dieser Gharakterzug tritt klar 
und scharf aus seinen Schriften heraus. — Es sei 
uns gestattet, hier die Schlussworte der von Marie 



- 124 — 



y, Bülow geichriebenen Einleitiing einznscbieben: 
«Wie Richard Wagner aicb in Worten und Werken 
an ein ideales Volk gewendet, so tbat dies Bülow 
als ausabender Musiker. Den erbebenden Einfloss 
der Meisterwerke der Tonkunst über den engen Kreis 
der Fachmosiker hinaus zu tragen, was bisher nur 
einer kleinen Anzahl Auserwfthlter beschieden ge- 
wesen, zum Gemeinbesitz zu machen, das war die 
Triebfeder seiner öffentlichen Wirksamkeit. „Die 
Werke der deutschen Kunstheroen sind für die Nation 
geschrieben, nicht für eine einzelne Kaste*, — ruft 
er am Eingang dieses Baches aus — und dem Manne, 
der die Nation wieder zu einer solchen vor aller 
Welt geeinigt hat, gilt des Buches Abschiedswort 
So war er zu dem Titel, den er sich selbst beigelegt, 
innerlichst berechtigt. Was der .Hofkapellmeister 
Sr. Biajestftt des deutschen Volkes" über seine Kunst 
gesagt, dringe zu ihm!* 

Die „Schriften* beginnen mit einigen kleinen 
Artikeln aus Bülow's UniversitStsjahr in Berlin datirt; 
es sind in der Hauptsache Konzertberichte, aus denen 
bereits die Reife des Musikers und die streitbare 
Ader des jungen Kritikers spricht Mit seiner Ueber- 
siedelung nadi Weimar, als Schüler Liszt's, tritt er 
sofort als Polemiker auf; Franz Brendel, der ihm die 
Spalten der „Neuen Zeitschrift für Musik* öffnet, 
konnte nach einigen Artikeln Bülow's erklären, dass 
seine BlStter fortan die Aufgabe hfttten, die Umge- 
staltung, welche der Kunst bevorstehe, nach allen 
Seiten hin entschieden zu vertreten. Zwei grössere 
Artikel: „Das musikalische Leipzig in seinem Ver- 
halten zu Richard Wagner* und eine „Entgegnung* 
auf einen in den Grensboten gegen Wagner er- 
schienenen Artikel, kennzeichnen in ihrer entschiedenen 
Parteinahme, ihrem energischen Protest und ihrer 
hellflammenden Begeisterung sofort die Stellung, die 
Bülow in dem sich vollziehenden Umschwung der 
Musik einzunehmen bestimmt war. In diese Zeit 
fKUt auch jener scharfe Artikel gegen Henriette 
Sonntag, (Vergl. Br. I S. 414), durch welchen er sich 
den schweren Unwillen der Mutter zuzog. „Frau 
Sonntages Kunst*, so heisst es am Schluss, „ist reine 
Lnzuskunst, diese Feindin aller wahren, aus der 
„Noth*, wie Richard Wagner so treffend sagt, ent- 
sprossenen Kunst, gegen dieses autoteleologische 
Virtuosenthum, gegen diesen Anachronismus blosser 
Vokalisationsleistungen mit obligater Soubretten- 
koketterie. Da sich bis jetzt keine in diesem Sinne 
— nicht opponirende, sondern eigentlich nur rügende 
Stimme erhoben — so glauben wir die Abgabe dieses 
Minoritfttsgatachtens eo ipso gerechtfertigt*. — 
Richard Wagner schrieb später an Liszt: „Dass 
fiülow^s Artikel über die S. bei Each ein so heilloses 
Aufsehen hat erregen können, bestärkt mir meine 
Ansicht über die tiefe Versunkenheit unserer Kunst- 
und Publikum-Zustände*. „Empörend fand ich in 
der Deutsch. Allg. Zeitang die Notiz über den 
Sonntagvorfall mit der Beziehung, dass Bülow's 
Artikel auch in Leipzig „allgemein indiginirt* habe. 
Wen dieser Artikel „indignirt*, der verdient doch 
noch eine besonders solide Züchtigung*. — Ein 
längerer Beriebt ist Bector Berlioz's „Benvenuto 
Cellini* und dessen Erstaufführung in Weimar unter 



Lisst's Direktion gewidmet, er dürfte grad e jetst„ wo 
wir den Cellini auf unserer hiesigen Buhne gehört, 
von erneutem Interesse sein. Er sagt in den ein- 
leitenden Worten: «Die Aufführung des Cellini in 
Weimar durch Uszt ist ein feierlicher Protest gegen 
das gänzliche Ignoriren und Verkennen eines dem 
deutschen Geiste so nahe verwandten Künstlera wie 
fierlioz. „Cellini* ist kein dramaiisches Kunstwerk 
im höheren Sinne; es ist vielleicht nur die dramatiscbe 
Studie eines musikalischen Genies. Genie ist aber 
Berlioz nicht abzusprechen; der zwingende, innere 
Schaffensdrang, die Originalität und Neuheit, die 
Energie und Potenz, die fireie, so unabhängig ent- 
wickelte Selbständigkeit des Styles, denen wir in 
seinen Werken begegnen, drücken diesen den Stempel 
des Genies auf. „Cellini* ist eines derselben, in 
denen der Geist Berlioz* so prägnant zur Erscheinung 
gelangt, dass die Kenntniss dieses Geistes wesentlich 

durch die seiner Oper mitbedingt wird.* 

Von kulturhistorischem Interesse ist der längere 
Aufsatz: „Die Opposition in Süddentscbland". Bülow 
zeichnet darin ein musikalisches Zeitbild von sdteoer 
Prägnanz, den „Konservativismus*, das sich mit 
allen Neubestrebungen, besonders der ketzerischen 
Trias Wagner-Liszt-Berlioz in Opposition befindende 
Musikleben Süddeutschlands, speziel Münchens und 
Stuttgarts unter ihren Musikpäpsten Lachner und 
Lindpainter, das wahrhaft ergötsüch wirkt, wenn 
man den Wandel der Ansdiauungen in den imwiseben 
verflossenen iO Jahren damit vergleicht „Auch bei 
uns Norddeutschen wuchert und gedeiht wahrhaftig 
in Kunst und Wissenschaft der Konservativismus 
üppiger und störender, als es nöthig wäre: gegen die 
Virtuosität der Schwaben aber, im langsamen Fort- 
rauchen wegwerfungswürdiger Gigarrenstunmel, sind 
wir armselige Dilettanten, gegen ihre Virtns im Ver^ 
schmähen frischen Krautes, Sünder von dner wahr- 
haft südlichen Verführbarkeit* . . . „Hier* (München 
und Stuttgart) „ist der Herd der Oppositioo zu 
suchen, hier thront die Stumpfheit in voller Maien- 
blüthe und bietet, sich mit gelegentlichem „Nordlicht* 
begnügend, Trutz der Intelligenz des musikalischen 
Norddeutschlands*. — Bülow erzählt, wie Lachner 
einmal, um „den Nenromantikem einen Gnaden- 
brocken hinzuwerfen*, die Tannhäuser-Ouvertfire ge- 
bracht, dass es ihm aber durch vorheriges Stimmung- 
machen im Publikum und, wie Bülow verblümt an- 
deutet, durch mangelhafte Aufführung gelungen sei, 
dass das Werk ausgezischt wurde, dass Lachner, als 
auch Schumann's „Genofeva- Ouvertüre* dasselbe 
Schicksal erlitten, mit grossem Behagen geäussert: 
„Wir haben's ja probirt Es geht halt nicht. Man 
findet hier kein Gefallen daran. Unsere Münehener 
lieben halt nur die gute klassische Musik*. Bfilov 
kann sich nicht enthalten hinzuzufügen, dass dem 
Ausspruch eine partielle negative Wahrheit inne- 
wohne, da die Münchener oft, trotz Ueberschätsong 
ihres Lachner, die Ungeniessbarkeit seiner Kompo- 
sitionen faktisch ausgesprochen hätten. Stuttgart 
und Lindpainter kommen bei diesem Zomerguss noch 
schlechter fort, Bülow scheut sich nicht am Scblmi 
auszusprechen: „Lindpaintner ist der Haupthemm- 
schuh für jeden höheren künstierischen Aufschwong 



— 125 — 



in der mnsikaliscbeo Oeffentlicbkeit Stuttgarts. Die 
endJiche Entfernong seiner Person ist die erste Be- 
dingung für eine Aendernng zum Guten.* Sehr 

amüsant sind femer seine Gitate aus dem AnfBatz 
eines Herrn Hamma: .Epistel an die Tann- und 
Tollhftnsler*, in welchen der eigene Theaterherd gegen 
die umsicbgreifeDde TAnnhftuserepidemie bewahrt 
werden sollte. Bütow xitirt sie, um seine dgenen 
ecliroffen und schonungslosen Aussprüche damit zu 
rechtfertigen. 

Zwei sehr anziehende KritÜEen, die eine über 
Robert Volkmann und seine Bedeutung als Komponist, 
die zweite über Joachim Raff's «Frühlingsboten*', 
(Bülow stellt beide Komponisten sehr hoch) fallen 
noch in diesen Zeitraum; sie sind besonders werth- 
Toll dadurch, dass Bülow seine Ansichten über das 
Verhftltmss der Kritik zur Kunst darin klarlegt Von 
sich selbst sagt er dabei, um sich vor dem Verdacht 
zu reinigen, seine Freunde zu Propheten zu erheben: 
»Dem Schreiber dieser Zeilen darf der Sündenfall in 
die Scylla prätentiösen Lobrednerthums um so 
weniger begegnen, als er bei früherer kritischer 
Thätigkeit in diesen Bl&ttem die Gharybdis eines 
gewissen musikalischen Gensdarmenbewusstseins, das 
eine Strafffilligkeit für unbefugtes Komponiren 
statuirte, nicht zu vermeiden wusste. Die — vor- 
aussichtlichen — Brfifthrungen, die derselbe an seinem 
Patienten machte, drangen ihm das sehr praktische 
Prinzip auf, in passiver Erfüllung ehier wesentlichen 
Pflicht gegen die eigene, nicht im Rezensententhum 
befriedigte Persönlichkeit^ seine kritische Feder über- 
all da ruhen zu lassen, wo er sie nur zur Kund- 
gebung künstlerischer Antipathie und kritischer Rüge 
eintauchen konnte, und sich den Gebrauch derselben 
ausschliesslich für die F&lle aufzubewahren, wo er 
sich berufen glaubte, künstlerische Sympathie und 
kritisches Lob aussprechen zu dürfen*. — Dass 
Bülow diesen Vorsatz nicht innegehalten, davon 
zeugen viele seiner spSteren Besprechungen. 

Eine sehr reiche Ausbeute bieten die Schriften 
von 1855—1865, der Zeit von Bülow's Berliner 
Aufenthalt. Wir finden ihn wie schon früher für die 
.Neue Zeitschrift für Musik* journalistisch thfttig, 
dann übernimmt er für ein Jahr das Amt eines 
Mnsikreferenten für die «Berliner Fenerspritze*, spSter 
schreibt er für die »Neue Berliner Musikzeitung* und 
das .Echo*, endlich noch für sin neues Blatt «Die 
Fackel*. 

Unter den zahlreichen kritischen Besprechungen 
sind Werke von Hieronymus Truhn, Carl Lührss, 
Rudolf Viele, Louis Bhlert, Lassen, Seilriz n. a. mit 
warmen anerkennenden Worten bedacht; die Be- 
leuchtung von B. H. Alkan's ,Douze Etudes* dürfte 
heut noch für jeden Pftdagogen von Interesse sein, 
da Bülow, um Alkan's Werk in der Etudenliteratnr 



den rechten Platz anzuweisen, das vorhandene, 
speziell benutzte Studienmaterial in eine progressive 
Eintheilung bringt Er begnügt sich bei seinem 
Kritikeramt überhaupt hßt nie damit, das einzelne 
Werk auf seinen Gehalt zu prüfen, er übt vielmehr 
eine gleichsam historische Kritik, indem er ihm seinen 
Platz in der Bntwickelnngsgeschichte anweist und 
Vei^leiche, resp. Fortschritte zwischen ihm und seinen 
stammverwandten Vorgängern anstellt und nachweist. 
So knüpft er an die Besprechung von Liedern Bhlert's, 
Lassen^s, Jensen's geistvolle Betrachtungen über ihre 
Vorgänger Schubert^ Schumann und Franz, er weist 
Louis Ehlert eine Art vermittelnder Stellung zwischen 
Schumann und Franz an; in Adolf Jensen sieht er 
eine Nachblüthe der Schumann'schen Romantik in 
duftigster Frische und edelster Anmuth, er scheint 
ihm der nächste Erbe der „Liebenswürdigkeit* des 
Meisters. Und von Lassen sagt er, dass er der 
Gesangslyrik neue, oder von seinen Vorgängern noch 
unverbraucht gelassene Momente zuführe. — Ebenso 
warm tritt Bülow für Kiel ein, dessen op. 17 von 
einem Referenten eine abfällige Kritik eriahren hatte. 
In seiner ungestümen Weise, in seinem Gerechtig- 
keitsgefühl verletzt, ^trotzdem ihn*, wie er schreibt, 
.Kiel wohl schwerlich das Amt eines Vertheidigers 
übertragen würde, da er als „Neudeutscher* die 
klassischste „causa* in Ge&hr zu bringen vermöchte*, 
geht er dem unbekannten Referenten zu Leibe« 
„Alles, was dieser Komponist bisher der Oeffentllch- 
keit übergeben hat, ist nur geeignet gewesen, ihm 
die Hochachtung und Sympathie der €lebildeten zu 
erwerben. Er hat vollen Anspruch darauf von vorn- 
herein mit dem, einem Meister geziemenden Respekt 
behandelt zu werden. Wo ihm dieser versagt wird, 
ist eine Lücke in der Kenntniss der Literatur der 
Gegenwart anzunehmen und der Rath, selbige baldigst 
auszufüllen, am Platze. Kiel hat mit Arbeiten 
debütirt, die eine solche Reife des Geistes, einen so 
seltenen Fonds von Wissen und Können offenbaren, 
dass die Unbekanntschaft mit demselben nur einem 
Dilettanten zu verzeihen ist Seine Präludien und 
Fugen, seine Kanons für das Klavier haben ihn so- 
fort in die erste Reihe der bedeutendsten Kontra- 
punktiker gestellt* Nachdem Bülow dann auf einige 
der Hauptwerke KiePs hingewiesen, „da es künst- 
lerische Pflicht ist, ihm die gebührende Stellung in 
der öffentlichen Meinung schaffen zu helfen*, und 
besonders seine Dmoll Sonate für Klavier und Geige 
als einen „Beethoven redirivus*, als ein „Meisterstück 
wie — in ganz anderer Weise freilich, — das Mendels- 
sohn'sche Violmkonzert* gepriesen, giebt er seinem 
„erwählten Gegner* den wohlmeinenden Rath, diese 
Sachen zu studiren und dann sein Urtheil zu re- 
formiren. 

Schlnss folgt 



— 126 — 



M n s 1 k - A n f f tt h r n n g e n. 



Berlin, 25. April 1897. 
Jetzt, wo die Spielzeit auf die Neige geht, häafen 
sich sogar im Opernhaase die Neuheiten. Am 
22. d. M. ist wieder ein neaer Einakter aafgefahrt 
worden : 9,Ha8oli8icli^9 Text von Axel Deimar, 
Musik von Osear t. dtelliui« Der Komponist, der 
bekanntlich nicht Musiker von BeruCi sondern Offizier 
ist, hat bis jetzt nor einige Lieder in die Oeffentlich- 
keit gebracht, und man war daher auf den Brfolg 
seines dramatischen Erstlings sehr gespannt. Im 
ganzen durften die Erwartungen, die man ver- 
nünftiger Weise hegen konnte, sogar fibertroffen sein. 
Es ist viel Stimmung im Werke, auch eine gewisse 
Eigenart, die sympathisch berührt; dabei zeigt sich 
der Komponist auch formell durchaus gewandt und 
instrumentirt ausgezeichnet Der Text ist ein poeti- 
sches Spiel mit Ideen und Kombinationen, die aller- 
dings der Lebenswahrheit ziemlich entbehren. Aber 
er entbehrt glücklicher Weise auch aller „veristischer* 
Neigungen und bringt eine ganz hübsche Idee in ge- 
schmackvoller Form. Die Aufführung war eine vor- 
treffliche; Frl. H iedler und die Herren Sommer, 
S t a m m e r und L i e b a n waren nach Krftften be- 
strebt, ihre Partien zu wirksamster Darstellung zu 
bringen; das Orchester unter Dr. Muck war vorzüg- 
lich, und die gesammte scenische Einrichtung sehr 
geschmackvoll. — An demselben Abend gab man 
noch im Opemhause Flotow^s Stradeila. Ich erwfthne 
das nur, weil ich mich durch den Genuss zweier von 
den drei Akten des Werkes überzeugte, dass es 
mittlerweile geradezu unerträglich geworden ist. Es 
wäre wahrhaftig an der Zeit, es definitiv der Rumpel- 
kammer zu überweisen. 

Auch in den Konzertsälen kam verhältnissmässig 
viel Neues zur Aufführung. In dem letzten Konzert 
des unter Hm, Siegfried Ochs' Leitung stehenden 
Philharmonischen Chors gab es ausser 
dem sehr schön und weihevoll gesungenen Schicksals- 
lied von Brahms und der Musik zu Beethoven's 
Ruinen von Athen ein Chorwerk von V. Stanford, 
genannt die «Revenge*. Die Revenge ist ein engli- 
sches Kriegsschiff, das gegenüber dreiundfüoMg 
spanischen Schiffen so ungeheuerliche Heldentiiaten 
ausübt, dass man Engländer sein muss, um die 
Saehe nur von der ernsten Seite zu nehmen. Tennyson 
hat aus dieser Geschichte ein sehr langes Gedicht 
gemacht und Stanford hat dieses mit einer Kürze 
komponirt, die geradezu in Erstaunen setzt Unter 
Verzichtleistung auf jedes nähere psychologische Ein- 
gehen und bei nur minimaler musikalischer lilustri- 
rung der im Gedichte berührten Vorgänge schnurrt 
der Chor (Soli kommen nicht vor) das Ganze oft in 
der Art von Secco-Redtativen herunter. Irgend ein 
tieferer Eindruck kann bei der Eigenthümlichkeit 
der Komposition nicht einmal beabsichtigt sein; 
jeden&lls ist er thatsächlich ausgeschlossen. Die 
Musik ist hier durchaus überflüssig; das Gedicht 
würde, gut gesprochen, viel eindringlicher wirken. 

Und nun kommt einmal wieder die Bewahrheitung 
von der Lehre der Duplizität ^der Fälle. An dem- 



selben Abend wurden im Bechsteinsaale von 
Sicklass - Kempner Märchen - Kompositionen 
A V. Ckildsehmidt singend vorgelesen. Goldschmidt, 
dessen »Sieben Todsünden* noch im GedSchtnios 
aller älteren Musiker sind, hat einige Märchen won 
Grimm, Andersen u. s. w., darunter das sehr lAOfi^e 
vom Machandelbaum, in ihrer originalen ProsagestsUt 
für eine Singstimme mit Klavierbegldtung komponirt, 
die letztere sehr diskret und die entere, wie es 
unter den obwaltenden Umständen gar nicht anders 
möglich war, auch seccorec'tativisch gehalten. (Ich 
bemerke übrigens, dass ich diesem Konzert, we^iMi 
des andern in der Philharmonie, nicht persönlich 
beiwohnen konnte.) Das Gleichartige zwischen d^ 
Kompositionen von Stanford und Goldschmidt ist 
darin zu finden, dass die Musik gar nicht zur Bat- 
wickelung ihrer naturgemässen Wirkung kommt, 
weil ihr dazu keine Zeit und kein Raum gelasson 
wird, und dass sie also in beiden Fällen thatsäehlieh 
überflüssig erscheint 

Ein grosses Orchesterkonzert mit lauter Neu- 
heiten veranstalteten fünf amerikanische, in 
Berlin lebende Komponisten, die Herren Gfaarlea 
Holton^ Edmund Berti) Smest Uaiter» Arthur 
Nevin und Otto FloershelM. Sie alle sind ziemlieh , 
vielfach sogar ganz unbeeinflusst geblieben von 
sämmtlichen Errungenschaften der mumkaiischen 
Neuzeit. Diese Kompositionen hätten sänmitlich 
schon vor fünzig Jahren, im Todesjahre Mendels- 
sohn's, geschrieben sein können, ohne selbst damals 
für besonders neu zu gelten. Eine Konzertouvertore 
von Hnlton ist ein schwacher Mendelssohn; em Sin- 
foniesatz desselben Komponisten ging Immerhin 
mehr in*s Zeug und war etwas selbständiger. Sin 
Scherzo von Hertz war ganz hübsch, klar und durch- 
sichtig; eine Violinsonate von demselben aber von 
unendlich harmlosem Wesen. Eine Andante aus 
einer Suite von Carter war das Beste des Abends: 
es war Temperament und Schwang darin. In einer 
viersätzigen Suite „Loma Doone^ von Nevin gefiel 
der letzte Satz »»Vorbeiritt der Doonen^ sehr, wenn 
ich auch fast glaubte, es handle sich um einen Elfen- 
zug, während die Doonen, wie ich dann hörte, ein 
schottischer Clan sind, von denen ich gedacht hätte, 
dass an ihnen alles klirren müsste, die Waffen, die 
Schilde und die Sporen. Eine sechssätzige Suite 
«üebesnovelle* von 0. Flörsheim war in recht me- 
lodischem Stile gehalten und gefiel besonders wegen 
ihrer Klarheit und Einfachheit 

Neben all diesen Neuheiten standen noch eine 
Anzahl von in irgend einer Hinsicht bedeutsamen 
Konzerten mit bewährtestem Programm. Die König- 
liche Kapelle brachte Beethoven*s neunte 
Sinfonie unter Weingartner's Leitung in prachtvollster 
Ausführung; Arthur Nikisch veranstaltete mit dem 
Philharmonischen Orchester noch einen 
Beethoven-Abend, der glänzend verlief und an dem 
sich Prof. H. Barth pianistisch betheiligte; und 
E. Oolonne^ der berühmte Pariser Dirigent, dessen 
Bekanntschaft wir schon im vorigen Jahre gemacht 



— 127 - 



haben, dirigirte die Philharmonucbe Kapelle lum 
zweiten Male und brachte mit ihr Lalo^s Oaverture 
sam König von Ts, eine Gmoll-Sinfonie von Saint- 
Sa^ns und die fsintastiBche Sinfonie von Berlioi rar 
Aafffibrong. Saint-SaSns gefiel nicht besonders, weil 
da« Werk steif and langweilig ist: aber die Berlios'sche 
Sinfonie brachte der geistvoUe Franzose mit einer 
Verve and einer Lebendigkeit der Fantasie sor Dar- 



stellang, dass alle Hörer enthosiasmirt waren and 
im Beifall die Zeiten Bfilow's wiedergekehrt schienen. 
Endlich ist des Stern'sehen Gesang- 
vereins za gedenken, der anter der Leitang des 
Eürn. Prof. Gemsheim das dentsche Reqaiem von 
Brahms sam Gedfichtniss des Meisters za höchst 
stimmangsvoUer Aoif&hrang brachte. 

0. EiMerg, 



Ton hier und ausserhalb. 



Berlin« Der Hof-Musikalienhändler Hago Bock in 
Berlin erhielt den Rothen Adler-Orden IV. Kl. 

— Im Berliner Konzerthaas fand am 7. April 
das GOOOste Konzert statt Herr Kapellmeister 
K. Meyder hatte far dieses Festkonzert ein schönes 
Programm sasanunengestellt, welches mit der III. 
Leonoren-Oavertfire and dem Binzage der Götter in 
Walhall begann. Hiemach sang Fraa Professor 
Nicklas-Kempner mit der Voilendang, welche wir an 
ihren Vorträgen gewohnt sind and die. ans stets von 
neuem mit Bewunderung erfällt, f&nf Lieder von 
Mascheronl, Goldschmidt, Seb. Bach, M. Moszkowski, 
Rieh. Stranss und Beethoven, leider fast alle sehr 
ernsten Inhalts. Fdlulein Ottilie Lichterfeld 
spielte Beethovens Klavierkonzert in Q-dur in einer 
technisch und musikalisch so vortrefflichen Weise, dass 
man aufrichtig bedaaem muss, der Künstlerin 
nicht öfter in Konzerten zu begegnen. Sie benutzte 
einen jener herrlichen Schwechten* sehen Flfigel, 
welche auf der BerL G^werbeaussteliung im vorigen 
Jahre so grosse Anerkennung fimden. 

— Bin Komponist aus dem preussischen Königs- 
hause, der als solcher dem Publikum wohl noch 
ganz unbekannt ist, hat alle seine Werke ausschliess- 
lich dem Trompeterkorps des 1. Garde-Dragoner- 
Regiments zu allen Aufführungen überlassen. Es ist 
der Prinz Joachim Albrecht von Preussen, der zweite 
Sohn des Prinzregenten Albrecht von Braunschweig, 
des als Premierlieutenant der 1. Eskadron des ge- 
nannten Regimentes angehört Der Prinz hat bisher 
vier Märsche ^ sKarnevalserinnerungen*, ,Früh- 
lingsmarsch^S „Marche de militaire^ und ^Hellblau 
hoch*' — . swd Hynmen, eine „Blegie und Tanz** 
und einen Walzer ohne Namen komponirt Er hat 
seine Kompositionen nur für das Trompeterkorps 
seines Regiments und seine näheren Freunde und 
Bekannten drucken lassen ; im Handel sind sie nicht 
zu haben. 

— Ueber unser Philharmonisches Orchester, das 
vor kurzem in Wien drei Konzerte veranstaltete, 
schreibt die «Neue musikalische Presse* 
in Wien u. A.: »Die werthvollen Eigenschaften 
dieser Vereinigung, die unerhörte Präzision und 
Schlagkraft, die innere und äussere Bestimmtiieit, 
die hohe Intelligenz, die Strammheit, die Disciplin 
bei sieghaften Steigerungen, das Vermögen, mit dem 
jeweiligen Führer bis zu den letzten Konsequenzen 
zu gehen, der starke Wille also, au horchen und ge- 
horchen, alle diese Vorzüge sind ja von dem ersten 
Gastspiele der Berliner Philharmoniker noch in guter 



Erinnerung. Es sind deutsche National-Eigenschaften, 
welche fortbestehen und fortwirken, gleichviel ob sie 
bei einer Soldatentruppe, im Eisenbahnbetrieb, oder 
in der Schule sich bewähren, ob sie einem Sedan 
oder einer Brahms'schen Symphonie aagute kommen. 
Es fällt da nicht in Betracht, ob das Hömerquartett 
gut oder nur massig besetzt sei, ob die Solo-Spieler 
künstlerische Individualitäten oder eben nur tüchtige 
Musiker sind, ob die Quantität der Streicher grösser 
oder kleiner, die Qualität hervorragend oder eben 
entsprechend sei — Energie und Willensstärke und 
der Glaube an die Kunst beleben und befeuern diese 
Orchesterleistungen; und wenn auch der Klang nicht 
poetisch ist, so wird alles doch aus echt künstleri- 
schem Geiste gestaltet* 

— Von dem Konzerthandbuch, das die 
Yerlagshandlung Breitkopf & Härtel in Leipzig 
herausgiebt und an Interessenten unentgeltlich ver-r 
schickt, ist soebon das 2. Heft erschienen, welches 
auf 147 Seiten eine grosse Anzahl ausgewählter Ge- 
sangwerke mit Orchester deutieher und ausländischer 
Verleger verzeichnet. Dieses Konserthandbuch, 
dessen 1. Heft die hervorragenderen Orchesterwerke 
umfssst, wird den Dirigenten grosser und kleiner 
Orchester- und Gesangvereine sicherlich ein sehr 
willkommener Führer sein, umsomehr, als alle darin 
aufgenonmienen Werke von Breitkopf & Härtel's 
Lager für Konzermaterial ohne Versag beschafft 
werden können. 

_ Brahms' Vermögen beträgt S85000 Mk. Be- 
dacht sind im Briefe der Hamburger Usstverein und 
die verwittwete Stiebchwester Brahms* m Pinneberg. 
Im Nachlass befinden sich nur einige Lieder und ein 
protestantisches Choralbuch. 

— Im Verlag von C. F. Schmidt in Heilbronn 
erschien anter Redaktion des Hrn. Eccailus-Sieber 
in Zürich die 1. Nummer einer neuen, »Die Kammer- 
musik* betitelten Zeitschrift für Pflege der Instru- 
mentahnusik unter besonderer Berücksichtigang des 
Kammerstils. 

— Frau Gosima Wagner hat folgendes eigenartige 
Schreiben an Hof kapellmeister Hans Richter in Wien 
gerichtet: „Bayreuth, den 7. April 1897. Mein 
theuerer und hochgeschätzter Freund! Die Herren 
von der Gesellschaft der MusüdTreunde haben meinen 
Kindern und mir die Ehre erwiesen, uns von dem 
Hinseheiden Johannes Brahms* die Nachrieht zu- 
kommen zu lassen. Ich wfisste keinen Besseren und 
Befngteren als den treuen Freund unseres Hauses, 
um die Vermittelung unseres Dankes für diese aus^ 



— 128 — 



gezeichnete Aa&nerksamkeit sa übernehmen. Und 
80 trage ich sie Dir aat Mein langjfthrigeB Femsein 
dem ganzen Konzertleben hat mich in völliger Un- 
bekanntschaft mit den Kompositionen des Dahinge- 
schiedenen erhalten. Mit einzigster Ausnahme eines 
Kammermnsikstnckes kam, durch die Kigenthttmlich- 
keit meines Lebens, keine seiner za so grossem An- 
sehen nnd Ruf gelangten Arbeiten mir zu Gehör. 
Auch persönlich hatte ich nur eine fluchtige Begeg- 
nung mit ihm, in der Direktionsloge in Wien, wo er 
die Freundlichkeit hatte, sich mir vorsteiien zu 
lassen. Aber es ist mir nicht unbekannt geblieben, 
wie vornehm seine Gesinnung und Haltung in Betreff 
unserer Kunst gewesen ist und dass seine Intelligenz 
zu bedeutend war, um das zu verkennen, was ihm 
vielleicht ferne lag, und sein Charakter zu edel, um 
Feindseligkeit aufkommen zu lassen. Und dies ist 
wahrlich genügend, um ernste Theilnahme zu empfin- 
den. Ich bitte Dich, ihr den Ausdruck zu geben. 
Gosima Wagner." 

Hierzu bemerkt die Wiener ^Neue musikalische 
Presse" sehr treffend: „Seltsam berührt das Bekennt- 
niss einer so hervorragenden Frau, welche ihre 
„ernste Theilnahme^ für Brahms' Hinscheiden in 
einem bedeutsamen Momente lediglich mit dem per- 
sönlichen Verhältniss des Verblichenen zur Wagner- 
schen Kunst in Beziehung bringt Sollte die Musik- 
Bibliothek im Hause Wahnfried wirklich kein Haupt- 
werk des grossen musikaüsehen Zeitgenossen 
Richard Wagner's, des deutschen Meisters Brahms 
enthalten?* 

— Herr Josef Rebizek, bisher KgL Kapell- 
meister in Wiesbaden, ist als Nachfolger Professor 
Mannstaedt's zum Dirigenten des Philharmonischen 
Orchesters erwfthlt worden. 

— Die Londoner Philharmonische Gesellschaft 
hat dem Klaviei^Virtuosen Paderewski ihre goldene 
Denkmünze verliehen. Paderewski wirkte kürzlich 
in einem von der Gesellschaft veranstalteten Kon- 
zert mit, weigerte sich aber, dafür ein Honorar an- 
zunehmen. 

Brfiggely 12. ApriL Für die im Brüsseler Mon- 
naie - Opemtheater stattfindenden volksthümlichen 
MusikauffOhrungen sind folgende Bestimmungen ge- 
troffen. Die erste Aufführung leitet der Kapell- 
meister Haas Richter. Die zweite Aufführung ist 
der ersten Ausführung des neu komponirten Ora- 
toriums ,,Sainte • Godelieve" von Bdgard Tinel ge- 
widmet. Herr Tinel wird selbst die Aufführung 
leiten; Kapellmeister Dupont übt das Oratorium ein; 
vierhundert Mitwirkende sind für das Orotorium ver^ 
verpflichtet worden; die Aufführung wird im Juni 
d. J. stattfinden. — Am 15. April brachte Kapell- 
meister Tsaye zum ersten Male Richard Wagner's 
Kaisermarsch mit den in Belgien noch niemals ge- 
hörten Chören zur Aufführung. 

Bndapest* Der Kultusminister Julius Wlasdcs 
hat dem Kompodteur der Ttoora Kmerich Elbert 
ein Stipendium von 600 fl., auf S Jahre ertheilt, 
damit er die Oper auf den Text „Immet nllah** von 
Jökai sorgenlos beende. Dies humane Verfahren 
dem begabten Komponisten gegenüber hat in den 
maassgebenden Kreisen lebhaften Anklang gefanden. 



Zur Entwicklung der Musik hat der Minister ferner 
bestimmt, dass von den zur Unt erstntzung der Pro 
vinzmusikschulen ausgesetzten 4000 fl«, 3000 fl., dam 
Klausenburger Konservatorium, 1000 fl. der Debrosioar 
und 1000 iL der Kecskemeter Musikschule angewiesen- 
werde. 

Gheniniti. Auf Grund des Gesetzes gegen den nnlan- 
teren Wettbewerb verurtheilte das Landgericht In Ghemr 
nitz in IL Instanz den bekannten Klavierschleuderar 
G. F. Ay in Chemnitz zu 150 Mk. Geldstrafe. Ay 
war Geschäftsführer seiner den Pianohandel treiben- 
den Bhefrau. In dieser Eigenschaft pflegte er bei 
einer Kaufmaonswittwe ein Instrument anfzusteilen 
und dann zu inseriren, es sei in der Wohnung ein 
Pianoforte zu verkaufen. Die Wittwe bekam für 
jedes verkaufte Instrument 10—20 Mk. Provirion. Es 
handelte sich also um dieselben Manipulationen, wie 
sie Ay seit Jahren betreibt. Nunmehr ist ihm das 
Handwerk gelegt Das Gericht nahm an, da« Ay, 
um einen besseren Verkauf zu erzielen, durch jene 
Inserate bei dem Publikum den irrigen Glauben 
habe erwecken wollen, es handle sich um einen Ge- 
legenheitskauf. Vergeblich berief sich Ay darauf» 
dass diese Art von Pianohandel in Dresden und 
Leipzig in fthnlicher Weise anstandslos betrieben 
worden sei. Es half aber Alles nichts, es blieb bei 
sehier Verurtheilung. (Ztschr. t Instrban.) 

Cliristlanln, 14. ApriL Die auch im Auslände 
bekannte Musikalienhandlung von Warmuth, mü 
der eine umfassende Konzertagentur verbanden ist, 
wurde heute Nacht von einem grossen Brand 
heimgesucht. Das ganze grosse Musikalienlageri 
das mit 200000 Kronen versichert ist, wurde 
durch Feuer und Wasser vernichtet Eine ältere 
Frau ist verbrannt 

Dresden. (Neue Musikfesthalle). Eine neue 
Mosikfesthalle entstand in Dresden an der Stübel- Allee 
(Pimaische Landstrasse) nach langjfthrigen Be- 
mühungen, Preisausschreibungen und Berathungen 
der stSdtischen Kollegien und Baumeister in seiner 
.Haupthalle des städtischen Ausstellungspalaalee*, 
einem für musikalische im grossen Stile herrlichen 
und imposanten Konzertsaale, der gegen 4000 Per- 
sonen fasst und etwa anderthalbmal so gross ist als 
die gewaltige Berliner Philharmonie und die mächtige 
Alberthalle in Leipzig. Kaum mag es noch einen 
Saal geben, der nach seinem Gesammteindrucke, 
seiner Bauart und seinem majestätischen schlichten 
Aeusseren, mit so viel Kunst und Glück auf den 
weihevollen und festlichen Charakter gestimmt ist 
Man fühlt: Hier sollen nur gewaltige Thaten der 
Kunst vollbracht werden, hier werden die grossen 
Meister der Massenwirkungen überwältigend zu 
Worte kommen, hier muss ein Fr. Händel, ein Se- 
bastian Bach würdig und glänzend anferstehen. 
Schon änsserlich erhreut der in den Formen der 
Hochrenaissance errichtete Bau durch seine geOllige, 
von Ueberladung freie Architektonik. Nachdem ein 
mit dem ersten Preise gekrönter Entwurf des Archi- 
tekten Alfred Hauschild (ein Schüler des Professors 
Nikolai) der hohen Kosten wegen, sowie auch noch 
mehrere andere verworfen worden waren, wurde der 
Stadtbaumeister Bräter mit der Bearbeitung und 



— 129 — 



AfiBffihriiiig eines solcben beauftragt. Durch ein ge- 
Bebmackvolles, mit Figuren ▼erziertea Portal, treten 
wir in die mit einer hoben^ in Kupfer getriebenen 
Kuppel gekrönte Rmpfongshalle, welche monumental 
aiugestattet ist und später noch mit Malereien ge- 
schmückt werden wird. Rechts und links befinden 
sich Seitenhallen, welche als Garderoben benutzt 
werden können. Von der Bmpfangshalle gelangen 
wir durch eine kleine Vorhalle in den mit Oallerien 
geschmückten und einer Musikbühne Tersehenen 
Hauptsaal, welcher 47 m lang und 4S m breit ist. 
Diesem Uauptsaale sehliessen sich beiderseitig Neben^ 
sftie an, welche zum Promeniren während der Pausen, 
zur Aufstellunfc von Büffets und als Garderoben be- 
nutzt werden können. Hinter dem Hauptsaal wurde 
noch ein Saal für kleinere Konzerte eingeordnet, 
der gleiehfolls mit einer Oberlichtkuppel geziert 
wurde; von demselben aus fuhrt uns ein Portal, 
dnige Stufen abwärts steigend, auf den Konzert- 
platz, welcher an einem mit plätscherndem Hoch- 
strahl versehenen Teich grenzt, und dahinter er- 
strecken sich zweckentsprechend und praktisch an- 
gelegte Garten- und Parkanlagen. 

Jeder Saal hat von vornherein seine akustischen 
Räthsel, die von den Erbauern durch Proben der 
Praxis überwunden werden müssen. In diesem 
Musikfiestsaale ist diese Arbeit von erfreulichem Br- 
folge begleitet gewesen. Noch waren bei der ersten 
Benutztmg nicht alle Räthsel gelöst, eine Ueber- 
fölle von Klang machte sich in der vorderen Hälfte 
des Saales ffihlbar und Zerrissenheit der harmonischen 
Bindungen wurde an manchen Stellen bemerkbar, 
aber Je weiter man sich vom Podium entfernte, um 
so klarer und dnheitlicher ward der Zusammenklang, 
um so deutlicher hoben sich die Ghorstimmen vom 
Orchester ab und um so grösser und tiefer wurde 
die Gesammtwirkung« Dennoch wurden verschiedene 
Veränderungen vorgenommen, um noch bessere Ton- 
wiricungen zu erzielen. So wurde das Orchester 
ganz weggerissen und durch ein anderes steileres 
treppenartiges ersetzt. Sämmtliche Bingänge wurden 
mit Holzthüren und ackeren Portieren verschlossen. 
Die hohen Fenster über den Galerien wurden mit 
Stoffen zugesperrt, während zwischen den Pfeilem 
derselben Draperien und Blumenkörper angebracht 
wurden. In der Decke wurde ein Velarium ausge- 
spannt Doch erschien das letztere unschön und 
dürfte wohl auch als überflüssig bezeichnet werden. 
Die zweite Konzert -Auiführung, in welcher die 
Hauptarten der musikalischen Praxis vertreten waren 
und welche von über 3000 Personen besucht war, 
galt nicht den Vorträgen selber, sondern vor allem, 
um die Akustik nach den Umänderungen zu er- 
proben, die Ftage zu erörtern: wie wird es jetzt 
in dem gewaltig grossen Saale klingen? Das 
Wichtigste hat man erreicht: die Beseitigung der 
Tonüberfülle, die sich früher in der vorderen Hälfte 
des Saales fühlbar machte, und die Konzentriruug 
des Klangkörpers. In der ganzen mächtigen Halle, 
selbst in den Winkeln der Sdtennischen, ist die 
akustisehe Wirkung voll gebunden und gleichmäsaig. 
Namentlich bei den a capella - Chören, und der 
Tschaikowski'scben Streichmusik trat dieser Umstand 



klar und völlig überzeugend hervor. In der 
Dämpfung durch Draperien scheint man, wie Musik- 
verständige versichern, die sich in den verschieden- 
sten Theilen des Saales aufgestellt hatten, zu weit 
gegangen zu sein. So glücklich und vollendet die 
Klangwirkung konzentrirt worden ist, der Ton sei 
trockener und stumpfer geworden. Da die Halle 
doch «wohl hauptsächlich und zwar mit voller Be- 
rechtigung fiir grosse Musikfeste mit Bfassenchören 
und Orchester in voller Besetzung bestimmt ist, so 
durfte es, wie der Musikschriftstelier Friedrich 
Brandes meint, wohl das Richtige ssin, in der 
Dämpfung vorsichtig und vor allem gleichmässig zu 
verfahren, damit eine vollkommene Vertheilung der 
Tonfülle erreicht wird. Auch eine weniger steile 
Anlage des grossen Podiums dürfte noch zu er- 
wägen sein. » Im Publikum herrscht ersichtlich nur 
Freude über das glficklich Brrdchte und ist zu 
hoffen, dass nach Beseitigung einiger noch vor- 
handener weniger Mängel weitere Konzerte, 
namentlich aber das grosse Musikfest 1898 in 
diesem schönen Räume stattfinden werden. 

(Zeitschrift fär Instrumentenbau.) 

— Die Firma Bmst Rosenkranz in Dresden, die 
in diesem Monat auf ihr lOOjähriges Bestehen zu- 
rückblickt, versandte dieser Tage ihr lOOOO. Piano- 
forte.*) 

Frankftirt a. M. Bine einaktige Operettennovität 
«Der Sohn des Peliden*, Musik von FritzBaselt, 
Text von Franz Preller, gelangte im Frank- 
furter Opernhaus zur überhaupt ersten Aufführung. 
Bine unterhaltende, nur etwas allzu weit ausge^ 
sponnene Handlung, die im letzten Jahre des troja- 
nischen Krieges auf der Insel Lesbos spielt, ist von 
frischer, ansprechender Musik begleitet, in der aller- 
dings manche Anklänge an bereits Bekanntes zu 
finden sind. Die Aufführung unter Kapellmeister 
Herz' Leitung war recht gut Der anwesende 
Komponist wurde gerufen. 

KölBy 15. ApriL Friedrich Koches dreiaktige 
Oper xDie Halliger* wurde unter Professor Kleffers 
meisterlicher Leitung zum ersten Mal am hiesigen 
Stadttheater mit freundlichem Brfolge unter mehr- 
fechen Hervorrufen des Tondichters gegeben. Die 
Handlung schildert nach A. Perfiairs Novelle den 
tragischen Zwist zweier Brüder, die in gleicher 
Liebe um die schöne Juge entbrannt sind. Von den 
Brüdern stösst der begünstigte Harold den Neben- 
buhler Jürgens io's Meer, um dann schuldbeladen 
in die Feme zu ziehen. Ali Milieu dient das mun- 
tere Seemannsleben auf einer Nordsee-Uallige, was 
dem Komponisten ausgezeichnet zu zeichnen ge- 
glückt ist Br entfaltet Frische und Bigenart Aber 
auch der dramatische Kern der Oper ist an vielen 



*) Bs ist dies dieselbe Firma, welche den klein- 
sten Stutzflügel baute, den ich je zuvor gesehen, bis 
es der Beri. Firma Qörs & f[allmann gelang, 
in demselben Format ein vorzügliches, in allen Ok- 
taven schön angeglichenes Instarument herzustellen. 
Auf dar Berl. Gewerbeausstellung hatte die Unna 
einen solchen Flügel ausgesteUt» der nur im Preise 
etwas höher war als der von Rosenkranz. 



— 130 — 



Stellen sehr packend masikalisch veranBchaulicht, 
obscbon durchweg das Orchester sa polyphon be- 
handelt ist nnd die Singstimme nicht nach ihrer 
Wichtigkeit genng hervorgehoben nnd nach dem 
Charakter des jeweiligen poetischen Gedankens nicht 
genog Tariirt ist. Masikdisch am bedeatendsten ist 
der sweite, dramatisch der dritte Akt Bs ist eine 
Arbeit, die von hoher Begabung zengt, die aifth aoi 
diesem Gebiet dem Komponisten bedentende Aas- 
sichten ert^lnet 

LIbb» Von Herrn Hdnrich Dessaner, Lehrer an 
der Mosikschale des hiesigen Mosikvereins, sind 
soeben einige neue mosikalische Arbeiten erschienen, 
nnd swar eine vollstftndig umgearbeitete und seit- 
gemftss erweiterte Ausgabe der .Methode pour 
TAlto par Bruni*' (die älteste Violaschule), femer 
acht Stücke für zwei und drei Violinen von Dancia- 
Dessauer in zwei Heften. Namentlich das zweite 
Heft davon (die Stucke Vor drei Violinen) durfte 
seiner leichten und angenehmen Spielart, sowie 
hübschen Klangwirkung wegen nicht ungeeignet für 
Schfileraufführungen sein, um in die zumeist recht 
monotonen Genüsse solcher Aufführungen etwas Ab- 
wechselung zu bringen. Die beiden Werke sind von 
Dessauer im Auftrage der Firma B. Schottes Söhne 
(Jdainz) bearbeitet worden. 

Mamüielm« Eugen d^Albert's neueste 
Oper: «Gernot* erlebte hier am 11. April ihre 
erste Aufführung. Die Musik bedeutet einen ge- 
waltigen Fortschritt des genialen Künstlers. Ich 
habe mit grossem Interesse seit Erscheinen der 
Klaviersnite op, 1 und des Streichquartetts in A-moU, 
das seinerzeit Joachim — trotzdem es aus dem ihm 
verhassten «Weimarer Sündenpfuhl* kam — aus der 
Taufe hob, die Bntwicbelnng d'Alberts verfolgt. 
Sein gross angelegtes Klavierkonzert in U, sowie die 
Klaviersonate in Fis Hessen Grosses von ihm er- 
warten. Bruchstücke ans den beiden ersten Opern 
«Der Rubin* und «Gbismonda* enttäuschten nnd liessen 
keine grossen Erwartungen auf dramatischem Gebiete 
zu. Um 80 freudiger konstatire ich, dass d'Albert mit 
seinem neuesten Werke sich in die allervorderste 
Reihe der jungen Dramatiker gestellt hat. Die Musik 
zu Gernot ist von überwältigender Schönheit, die 
Beherrschung des Stils bewundemswerth. Die 
gastirende Frau Hermine d^Albert, welche die Wal- 
trndis kreirte, sowie das Orchester leisteten unter 
der Leitung dea Komponisten Hervorragendes. Der 
Intendant Bassermann erwies sich als feinsinniger 
Regisseur, nur die Schlussssene war von ihm falsch 
an^efasst worden. Gemot entschwindet mit einem 
düsteren D»moll-Abschluss nebelwärts. Statt eines 
in grauem Nebel gehaltenen Bildes erblickte man 
eine Zirkus Renz- artige Schlussapotheose in den 
glänzendsten Farben. Jedenfalis ist es eine ruhm- 
reiche That der Mannheimer Hofbühne gewesen, 
einem der bedeutsamsten Musikdramen seit Wagner 
zu grossem Erfolge verhelfen zu haben. (Herold.) 

MlbieheD. Dr. S i gl, derPrenssenfrescer undHeraus- 

geber des berüchtigten »Bayr. Vaterland*, Ifisst sich 

über die Aniführang der preisgekrönten Oper 

'Hienerdank!'' folgendermaassen aus: „Im Hof- 

iter (München) wurde zum Geburtsfest des Prinz- 



Regenten zum erstenmal die mit dem Luitpold-Preis 
(aber sonst nicht) aasgezeichnete Oper »Der Thener- 
dank*' von Mnsiklehrer L. Thuille angeführt Libretto 
(von W. Ehm) und Musik sind Schund. Die Verse 
unverdaulich und greulich. Die Musik folgt R. Wagner, 
hat aber keine Spur von Selbststäodigkeit nnd Ori- 
ginalität. Wie die Jury eine solche musikaUsche 
Schnsterarbeit prämüren konnte, ist unbegreiflich. 
Schade um die viele Mühe, die sich FrL Schloss und 
die Herren Bertram, Knote und Bransewdn nnd das 
Orchester gaben. Der „Komponist^ dieser Schuster- 
musik hatte viele Freunde ins Haus gelockt, um ihn 
fleissig herauszurufen. Sogar ein Dutzend Kränze, 
die dem Werthe der Oper entsprechend eigentlich 
von Stroh und Disteln hätten sein müssen, liessen 
sie (oder er ?) sich's kosten. Freundschaft ist zu 
allem nütze.^ — Man kann einem neuen nnd noch 
dazu preisgekrönten Werke kaum sympathischer be- 
gegnen! 

Wien. Der Wiener Tonkfinstlerverein wird zum 
Andenken an Jobannes Brahma an dessen Geburtstag 
am 7. Mai d. J. den Betrag von 1000 fl. an bedürftige 
Tonkünstler und Tonkünstlerinnen Wiens, deren 
nächste Angehörige oder Hinterbliebene vertheilen. 

Wiesbaden^ 85. ApriL In einem Kreise von 
Künstlern und Kunstfreundc|n, der sich gestern 
Abend nach einer Kammermusikaufführnng zu* 
sammenfand, hielt Siegfried Wagner, nachdem 
Kammervirtuos Oskar Brückner ein Hoch auf den 
Sohn des grossen Meisters ausgebracht, eine be- 
merkenswerthe Rede, in der er sagte: Nicht Sie 
haben mir zu danken, sondern ich mnss limen 
danken für den (}enus8, den Sie mir heute Abend 
durch Ihre ausgezeichnete MnsikaufFührung geboten 
haben, ebenso wie für die soeben gesprochenen 
freundlichen Worte der Begrüssung. Dem, was Herr 
Brückner über den Geist der Eintracht in Bayreuth 
sagte, möchte ich noch Einiges hinzufügen. Wir 
erheben uns in jedem Jahre wieder, und alle neu 
Hinzukommenden mit uns, an diesem Geiste der 
Gemeinsamkeit, der freudevollen Arbeit Nicht 
überall finden wir diesen Geist Man sollte denken, 
dass die Musik, die doch im Grunde Harmonie ist, 
die so viel Frieden, Gluck und Liebe predigt, auch 
in die Menschen Harmonie bringe, leider finden wir 
gerade unter den Musikern die schär&ten Gegen- 
sätze, auf keinem anderen Gebiete der Kunst herrscht 
so viel Neid, Eifersucht und Zwietracht ala gerade 
unter den Vertretern der Musik. Wir haben heute 
Abend Werke von Beethtven und Mozart gehört, 
von Beethoven, dessen Musik den reinsten Frieden 
athmet, von Mozart, der uns durch seine Glück- 
seligkeit entzückt Warum vereinigen solche Werke, 
denen nur der Geist der Liebe entströmt, nicht auch 
uns hl Harmonie? Ich habe in Rom viel in Malpr- 
und Bildhauerkreisen verkehrt, aber mrgendwo ist 
nur eine solche Dneinigkeit angefallen, wie unter 
uns Musikern. Vielleicht ist es die nerveoaufreisende 
Wirkung der Musik, welche die herrschenden Meinungs- 
verschiedenheiten bis zur heissen Kampfeslust steigert 
Mit wohlwollender Beurtheilung des Nächsten liesse 
sich aber wohl auch unter uns Musikern ein schönes 
Zusammenhalten ermöglichen. Man mnss jede Indi- 



- 131 — 



vidatütftt in der EooBt achteD, wenn der Betreffende 
«• nur ehrlich mit seiner Kanst meint, wenn wir es 
nar mit ernsten und wahren Kfinstlem sa thun haben. 
Mag die Bmpfindangswelt eines Künstlers ans auch 
noch so entgegengesetst and fremd sein, wir mfissen, 
aofem er nar wahr in der Kanst empfindet» seinem 
Streben and Wirlien Achtung and Wohlwollen ent- 
gegenbringen. Als Beispiel möchte ich Ihnen swei 
Srscheinangen vorhalten: meinen GrossTater Frans 



Liest and Spohr, die als leuchtende Master vornehmer, 
versöhnlicher Oesinnangsart dastehen. Redner schloss 
mit einem enthasiastisch aa^enommenen Hoch aaf den 
Geist der BinigiKeit anter den MasÜLem. 

(Bs ist erfrealich, dies aas dem Mande eines 
Hannes za hören« dessen Vater es leider an „wohl- 
wollender Beartheilang des Nflchsten* — ich erinnere 
nur an seine Aosflile gegen den edlen Schamann — 
gar sehr fehlen liess. B. B.) 



Bücher und Masikallen. 



Bobert Hneh: Notenlese- Lehrmethode. 
Ldpxig, Felix SiegeL 

Bine neae and rationelle Notenlese-Lehrmethode 
für den Anfangsanterricht einsaffihren, ist die Ab- 
sicht des VerfiMsers mit seinem Werke. Das me- 
chanische Aoswendiglernen der Notennamen, das 
Uebertragen derselben aaf die Tasten, bereitet 
Kindern mehr oder weniger Schwierigkeiten; vielen 
bleibt aach bei fortschreitenden Stadien eine Un- 
sicherheit anhaften, hindert de im schnellen 
Lesen der Notenreihen and erschwert ihnen den ge- 
wfinschten Fortschritt. Um diesen Uebelstande ab- 
zahelfen, der Vielen das Klavierspiel verleideti ist 
der Aator bemoht gewesen, eine neae Methode sa 
erfinden, die aaf einem rationellen Brfassen der 
Intervallenverh&ltnisse beraht, wobei die Noten- 
namen saerst ganz vermieden and Zahlen daffir 
eingeffihrt werden. Folgendes sind, kars ge£ust, 
die GmndpriDsipien seiner Methode*. Von Linie za 
Raam and von Raam za Linie fortschreitend, er- 
geben sich die fortlaafenden Zahlen 1, 2, 3, 4a. s.w., 
von Raam sa Raum desgleichen. Von Linie za 
Raam oder amgekehrt, die Zahlen 1, S, 4, 6. 
Werden far diese Zahlen Fankte, besw. Noten einge- 
fahrt, so ist leicht heraassafinden, welche Zahlen 
diese Noten von einem Ansgangspankte gemessen, er- 
geben. Das Aage onterscheidet gleichartige Noten 
(Linie za Linie oder Raam za Raom) and angleich- 
artige (Raam za Linie oder Linie zam Raam). Die 
angleichartigen ergeben die geraden Zahlen, die 
gleichartigen die angeraden Zahlen. Man kann also 
die Zahlen, for die man in der Maaik den Namen 
.Intervall* angenommen hat, benennen mit ,Bins*, 
.Zwei nach oben*, «Zwei nach anten* a. s. w. Non 
werden zwei Linien als Schlosseilinien mit Namen 
benannt and von diesen aas die Intervalle nach oben 
and nach nnten in Zahlen bestimmt Diese Zahlen- 
verhäitnisse, in welchen die Noten, von den Schlfissel- 
linien ans stehen, mass der Schfiler mit Sicherheit 
begreifen and schnell daich das Aage erfiMsen 
lernen, and diese Sicherheit läset sich am besten 
dadareh erzielen, dass der Schaler vorerst die Namen 
der Noten, aasser den beiden der Schlosseilinien, 
noch nicht kennt. Der Schfiler zfihlt von diesen 
aas die Intervalle nach oben and nach nnten and 
übertrigt diese Bntfemangen aaf die Klaviatar. 
Spftter, wenn in dem Tonnmfange der ffiof Linien 
einige Sicherheit gewonnen ist, wird eine neae 
Schlassellinie ifir das mittlere G, noch spftter ffir 



das hohe and das tiefe G zagenommen, von welchen 
in gleicher Welse nach oben and nach anten ge- 
zfthlt wird. — Das sind die Grandprinsipien der 
Methode, die hier nar in Kürze angedeatet werden 
koonten. Der Aator giebt in der Folge seines 
Werkes genaae Anldtang, wie seine Methode mit 
der grandlegenden Technik za vereinigen ist and 
wann and in welcher Weise das Lesen nach Noten 
einzaffihren ist Das Werk sei allen PSdagogen sar 
Prfifang and zar Beachtang warm empfohlen. 

A« M. 

A. Pochhamner: Beethoven*s Sinfonien. 
^: Richard Wagner's: .Der Ring der 
Nibelungen **. Frankfurt a. M., H. Bechbold. 

Der Aator hat in dem ersten Bande die im 
gleichen Verlage anter dem Titel: .Der Masikfabrer* 
von verschiedenen Autoren verfassten Brlftuternngen 
der Beethoven'schen Sinfonien zusammengestellt und 
ihnen eine kurze Binleitung über Beethoven in 
seinem Leben und Wirken, mit besonderer Berück- 
sichtigung seines Schaffens als Sinfoniker, voraus- 
geschickt Seine Worte schliessen sich der popu- 
llren Fassung der Analysen an. Aehnlich ist 
Wagner*s Trilogie behandelt Der Autor folgt dem 
Verlauf der Handlung Szene für Szene, die Leit- 
motive mit ihren Namen and zahlreiche andere 
Notenbeispiele smd seinem Text eingeffigti dieser 
sdbst ist einfisch und klar, mit Wftrme, aber ohne 
jede Uebeitrdbung und ohne die oft so beliebte Ge- 
hdmnisskrftmerd abge&sst Das Buch dfirfte jedem, 
der tiefsr in das Wesen der Wagnerischen Ton- 
dichtungen dnzudringen bestrebt, ein nfitslicher 
Fuhrer sein. 

Elise Polko: Meister der Tonkunst Bin 
Stfick Mudkgeschichte in Biographien. Wiesbaden, 
Lfitsenkirchen 4 Bröcking. 
In ihrem bekannten anmuthigen Plauderton be- 
richtet die Aatorin aus dem Leben unserer be- 
rfihmtesten Tonkfinstler, es sind 10 Sldzzen, die mit 
Mozart beginnen und mit Wagner schliessen. Wahr- 
hdt und Dichtung, Brnst und Scherz wdss sie mit 
ihrer lebhaften Fantade in sinniger Form zu ver- 
weben; de bringt uns kdn Bucb, in dem wir Be- 
lehrung oder neue Daten suchen; wohl aber fesselt 
de durch die Wftrme der Darstellung und ihren 
Ideatismas ffir die Meister der Tonkunst und ffir 
ihre Werke. Bs ist dn Buch ffir unsere, heut Idder 
so oft ideallose, Jugend ond ihr sei es daher auch 
warm empfohlen. 



— 132 — 



Die U]itTenal.Blbllothek IVr MMllÜitenitiHS 
begründet tob JsUmb LaiireBelef encheiot jetet 
im Verlage Ton H. vom finde, Köln und 
Leipiig. Es liegen uns heut drei Bftndchen 
darsQB vor: Dr. Otto KlMwell: «Die Formen 
der Instramentalmasik*; Dr. Avgut 
Beiwmaim: »Diehtkunet and Tonkunst 
in ihrem Verhält niss in einander* and 
von demselben Aator: .Dichtang ffir Masik*. 
— Das Bestreben des Unternehmens geht dahin, 
dem gebildeten, masikhOrenden Pabliknm eine Bi- 
bliothek zaschaifen, darch welche es sich rasch und 
leicht aber das QehOrte orientiren kann and fiber 
die Künstler and ihre Werke, über Geschichte and 
Aesthetik in popalftrer Form Aaskonft Andet. Die 
vorliegenden Bände werden diesem Bestreben in 
feiner Weise gerecht Otto Klaawell bespricht in 
seinem Bache zonächst die allgemeinen Prinzipien 
masikalischer Formenblldaog and geht dann za den 
einzelnen Formen: Fage, Saite, Lied, Sonate a. a. 
über, alles knapp nnd in einer aach für den Laien 
verständlichen Sprache klargelegt In ähnlicher 
Form behandelt Aagast Reissmann in Dichtkunst 
and Tonkanst das Verhältniss zwischen Wort und 
Ton, Sprache and Gesang, Metram and Versbaa a. s. w. 
and bringt in dem zweiten Bändchen eine Sammlang 
von Dichtangen ältester and neuerer Zmt, die, mehr 
oder weniger vergessen, durch geeignete Melodien 
zum Gemeingot der Nation werden könnten. Be- 
sonders mteressant ist seine Sammlung altdeutscher 
Volkslieder und eine Reihe Dichtangen unserer 
Minne- und Meistersänger. 



Die Firma C. 6. B5der hat zur Feier ihres 
dOjährigen Bestehens eine Festschrift heraua- 
gegeben, die sowohl durch ihre künstlerische Ans- 
stattung, wie darch ihren Inhalt Ansprach erheben 
kann, weit über den Werth der Tagesliterator hinaas 
ein bleibendes historisches Denkmal zu sein. Bei 
prächtigem äusseren Gewände, das Titelblatt mit 
einem idealen allegorischen Bilde in zartem Fart»en- 
druck geschmückt, bringt der Inhalt zunächst die 
Bildnisse des Begründers and der jetzigen Leiter 
der Firma mit kurzen Lebensbeschreibungen, femer 
die Abbildungen der groasartigen Fabrikanlagen, in 
denen seit dem vergangenen Jahre der ganze Be- 
trieb mit elektrischer Kraft geleitet wird. Emen 
äusserst werthvollen Beitrag jedoch hat Dr. Higo 
Bienuuin durch seioe bibliographisch-typographische 
Studie: , Notenschrift und Notendruck* 
zu dem Werke gesteuert Er hat in demselben 
über die Entstebungsgeschichte des Musiktypen- 
druckes viel werthvolles, zum Theil ganz neaes Ma- 
terial, veröffentlicht und in Jörg Reyser in Würa- 
barg (1481) den ersten Musiknotendracker mit be- 
weglichen Typen nachgewiesen. Gans besonders 
werthvoU ist die grosse Zahl FacsimUes aller Musik- 
drucke nach der Originalgrösse in Licbtdrack nnd 
photolithographischem Farbendruck, welche seinen 
Text erläutern, von denen viele ganz anbekannt 
und in dieser Grösse und Feinheit der Wiedergabe 
noch in keinem musikgeschichtlichen Werke ver- 
öffentlicht waren. 



Empfehlenswerthe MusikstQeke, 

welche sich beim Unterricht bewährt haben. 

Ad. Mnlg s Fröhliche Zeit, op. U. Fr. 1 JC 20. 

Berlin, Siegel & Schimmel, 
s Clement!, op. 36. 



Ed. Sehfltt : Valse lente, op. 17 No. 8. 

Hamburg, Rahter. 
= Chopin, Walzer, op. 69. 



Anregung nnd Unterhaltung. 



•— Ceber einen Besuch, den das Böhmische 
Streichquartett, die vier genialen Böhmen 
Hofman, Suk, Nedbal und Wihan, gelegentlich seiner 
Anwesenheit in Ruasland beim Grafen Leo Tolstoi 
abgestattet hat, berichtete kürzlich im „N. Wiener 
Journal* ein Freund der vier Künstler nach den 
Aufzeichnungen ihres Tagebuches Folgendes: 

,Bs war in Moskau, in der letzten Dezember- 
woehe des vorigen Jahres, als wir unser Konzert an- 
kündigten. Am 80. (nach russischem Kalendarium 18.) 
Dezember &nd dieses aach statt Darch Fteund 
Professor Hrimaly war Tolstoi anf ans anfmerksam 
geworden und besachte auch unsere Veranataltang. 
Whr Gestenreicher können uns aach nicht im ent* 
femtesten einen Begriff von der Beliebthdt und Ver- 



^rung machen, deren sich der grosse russische 
Schriftsteller in seiner Heimath erfreut Tolstoi trägt 
stets eine eigentfaümliehe, befaiiahe bäuerische Tracht, 
nämlich hohe Stiefel, blaue Hosen und eine lange 
Blouse von gleicher Farbe. In derselben Kiddung 
zeigen sich in Moskau sämmtUche Tolstoianer. Der 
Dichter besucht keine Veranstaltung, in welcher von 
ihm ffintrittsgdd gefordert whrd. Ist dies einmal der 
Fkdl, so verläset er sofort den Saal und ist zur Rück- 
kehr nicht wieder zu bewegen. Er sass während des 
Konzertes nicht unter dem Publikum, sondern hn 
Künstlerainmier, von wo er mit gespannter Anfioierk- 
samkdt unseren Produktionen and besondem der 
Aafführnng des da-moU-Qoartettes von Beethoven 
lauschte. Er war voll des sohmeidielhaftesten Lobes 



— 133 - 



für uns. Er fragte dann unter anderem plOtilieh 
Suk : »Was antworten Sie auf HOflicbkeitsphraaeD, die 
man Ihrem Spiele spendet?" .Wieder Phrasen*, 
entgegnete Sah. Tolstoi I&chelte beistimmend. Da 
Keiner Ton ans der russischen Sprache mftchtig 
int, sprach Tolstoi mit ans nnr deatsch. Der Dichter 
spricht das Deutsche etwas langsam, aber sehr korrekt. 
Schliesslich liess er es sich nicht nehmen, uns für 
den nfichsten Tag in sein Hans su bitten, wo wir vor 
der Familie zu konzertiren yersprachen. Wir wurden 
tags daraaf am Nachmittage mit dem Schlitten ab- 
geholt und langten vor Tolstoi^s Wobnbause, einem 
stattlichen Geb&ude, das in einer ziemlich entfernten 
Vorstadt Moskaus liegt, ungefähr gegen vier Uhr an. 
Hier wurden wir vom Hausherrn, seiner Gemahlin, 
einer aristokratischen. Imponierenden Erscheinung, 
seinen Kindern und einigen Freunden des Hauses 
erwartet und mit grosser Herzlichkeit empfangen. 
Wir erkl&rten uns bald darauf bereit, uns 
bOren zu lassen. Tolstoi war einverstanden, und 
so spielten wir ohne Unterbrechung hintereinander 
Schubert's A-moll Quartett, Beethovens F-dur Quartett 
und das Lerchenquartett von Haydn. Kach der 
Produktion, die fast zwei Stunden w&brte, bat man 
uns zur Mahlzeit Hier lernten wir auch den Kom- 
ponisten Tanjew, den Bräutigam dar ältesten Tochter 
Tolstoi*s kennen. 

Während uns die vorzuglichsten Speisen und Wein- 
sorten vorgesetzt wurden, trank Tolstoi sein meth- 



artiges Lieblingsgetränk Kwas und speiste gleich 
seinen zwei TOchtern, eigens zubereitete, vegetarische 
Gerichte. Während des Essens machte Tolstoi einige 
denkwürdige Ausspruche über die Musik. Er sagte: 
„Ich liebe die Musik mit Leidenschaft. Man behauptet 
irrig von mir, weil ich die Kreuzer-Sonate geschrieben, 
ich wäre nicht ihr Freund. Und man kann mir wohl 
kein grösseres Unrecht anthun, als wenn man meine 
grosse Liebe für die Musik verkennt. In der klassischen 
Musik, die ich geradezu anbete, hat diese Kunst 
ihren Höhepunkt erreicht Beethoven, der alte Haydn, 
der poetische Schubert und Mozert sind meine 
Lieblingskomponisten. Alles, was naeh Beethoven 
entstanden ist, aber auch in Russland, erscheint mir 
wie zwerghafte Hügel neben dem Cimborasso." Dann 
erzählte er auch von seinen Werken, welche zum 
Theil nur in französiBcher Sprache gedruckt erschienen 
sind und im Vaterlande des Dichters nicht gelesen 
werden dürfen und von vielen anderen Sachen, und 
dies alles mit grosser Geistesschärfe und bewundems- 
werther Sacbkenntniss. In seinem Verkehre war 
grosser Ernst und dabei doch eine gewinnende 
Liebenswürdigkeit vorwiegend. Alle Hausgenossen 
und die zwei hübschen Töchter an der Spitze wett- 
eiferten unter einander, uns grösstmöglicbe Freund- 
lichkeit zu bezeugen. Zum Abschiede verehrte der 
Graf Jedem von uns eine Amateurpbotographie 
(Tolstoi hat sich noch nie von einem Berufsphoto- 
graphen aufnehmen lassen) mit einer Widmung. 



Vereine. 



Btriinor Tonkflnstler-Verein. 

Der Berliner Tonkünstler-Verein hielt am Montage, 
den 5. April im Norddeutschen Hof,,MohrenstrasBe 20, 
eine General Versammlung ab. Vor der eigentlichen 
Generalversammlung fand eine ordentliche Sitzung 
statt, zu der auch Gäste Zutritt hatten. Nachdem 
fierr Kresse einige Klavierkompositionen vorgetragen 
hatte, hielt Herr Professor Dr. Zelle einen sehr 
interessanten und anregenden Vorfarag über: Die 
erste komische Oper in Deutschland. 
Redner führte ungefähr Folgendes aus: Die alten 
Griechen verstanden unter Oper die Vereinigung von 
Poesiei Musik, Tanz und Malerei. Da entstand auch 
in Itaüen eine Opera, d. h. Werke, eine Vereinigung 
der einzelnen Künste. Man sagt, dass Mozart die 
deutsche Oper eingeführt habe, doch 100 Jahre vor 
ihm wurde in Hambuiig eine deutsche Oper ein- 
gerichtet, die 60 Jahre bestand. Redner bat nun in 
der National-Bibliothes in Paris der alten deutschen 
Oper nachgespürt und werthvolle Funde gemacht 
Es zeigt sich zunächst das komische Element in der 
dentsehen Oper, und so kam es im Jahre 1686 zu 
einer wirklich komischen Oper von Cervantes: ,S e i n 
Selbstgefangener', die Jobann Wolfgang 
Franck in Musik gesetzt bat Herr Prot Zelle gab 
nun den Inhalt dieser Oper an und wurde dabei 
unterstützt von den Damen Fräulein v. Reichenbach 
(Sopran), Fräulein Kröoing (Alt) und Herrn Dom- 
sänger Holdgrün (Tenor), welche Theile aus der Oper 
zum Vortrag brachten. Ein anderer Komponist 
deutscher Opern war Reinhardt Keiser, der gegen 
116 Opern geschrieben haben soll; Keiser bringt auch 



I den Chor in die Oper. — Nach Scbluss des Vortrags 
I dankte der Vorsitzende, Herr Musikdirektor Pasch, 
Herrn Prof. Dr. Zelle für seinen Vortrag, dem die zahl- 
reich erschienenen Gäste und Mitglieder mit grüsstem 
Interesse gefolgt waren. 

In der darauf folgenden Generalversammlung 
wurden noch einige geschäftliche Mittheilangen ge- 
macht u. A. wurde ein Beitrag für ein in Zwickau zu 
errichtendes R. Schumann-Denkmal bewilligt. 



Dresdner Tonkflnstler-Verein. 

„Dem Andenken eines grossen Künstlers* ist eine 
der schönsten Kompositionen von Peter Tschaikowski 
und zugleich eine der herrlichsten Blüthen der 
modernen Kammermusik gewidmet: das Trio in 
A-moll (Werk 50% Der »grosse Künstler* war 
Nikolaus Rnbinstein (gestorben im Jahre 1881}, der 
Gründer der russischen MusikgeseUschaft und des 
Konservatoriums in Moskau. In den sechziger und 
siebziger Jahren war er als Pianist und Komponist 
eine hochgeschätzte Persünlichkeit und es gab Kenner, 
die ihn in oeiden Eigenschaften über seinen berühmten 
Bruder Anton stellten. Dass der Dresdner Tonkünstler- 
Verein Tscbaikowskis Trio in das Programm des 
gestrip;en dritten Auflführungsabends aumahm, wird 
aber in diesem Falle wohl als ein Zeichen der Er- 
innerung an den verstorbenen grossen Künstler 
Johannes Brahma anfgefasst werden können; denn 
seiner, des Meisters der Variation, ist das Werk mit 
seiner Formstrenge und dem an Brahma gemahnenden 



- 134 — 



.Halbdunkel* im ersten Setie, dem Pbantneiereieh- 
tbum aod der formalen Gestaltongskraft in den 
VariatioDen des zweiten Satzes dorcbaus wfirdig. 
Wie in Tschaikowskis Trio die Herren Bacbmann, 
Gonkel und Stenz, so retzten die Herrn Drechsler, 
Seblegei, Spitzner, £6bne und Orützmacber in 
Mozarts C-Dur Qnintett (Köcbels Verseicbniss 515), 
dem ersten der gronsen Quintette, ihre besten Kräfte 
ein, die MeisterweTl[e in mnstergiltiger Wiedergabe 
▼orzaffihren. Um ein Beispiel zu nennen: den Streit 
zwischen erster Violine nnd erster Viola im Andante 
(Pi-Dor) des Quintetts, den Wechsel der Figuren und 

de kontrapunktirenden Passagen kann man sich kaum 
vollendeter und bei aller Zurüekbaltong plastischer 
vorstellen, als es durch die HerrenDreohsler und Spitzner 



geschah. Den Sieg bat denn auch, gerade wie Mozart 
es will, keiner von ihnen davon getragen, da jeder 
den andern zu übertreffen schien. Dazu kam, dasa 
die übrigen Herrenais ecbteKünstler in derBrkenntniss. 
wem hier das erste Wort gebühre, sich in den Grenzen 
hielten, die zur Zeichnuns der Stimmung sich fast von 
selbst ergeben. Im Finale kamen dann alle gieieh- 
berechtigt, geistreich und humorvoll za Worte« Mit 
Beethovens Bs-DurOktett (Werk lOd) für je zwei 
Oboen« Klarinetten, HOmer nnd Fagotts, vorgetragen 
von den Herren Biehring, Wolf, Gabler. Kaiser, 
Krellwitz, Kühler, Trinker und Stranss, scbloss das 
genussreiche Konzert. Bine Komposition von Johannes 
Brahms aber wurde trotz alledem an diesem Abende 
schmerzlich vermisst. 



Antworten. 



Th. B. Bndapest. Im Sommer haben unsere 
sSmmtlichpn Musiaschulen Ferien, einise von Anfang 
Juli bis Mitte August, andere von Mitte Juli bis 
Bude Angnst — Sie haben ganz Recht, wenn sie an 
dem B (halbe Noten zu Anfang des Taktes) in dem 
Brahms'schen Liede: «Wenn ich mit Menschen und 
mit Bngelzungen redete*, Anstoss nehmen. 

W. H. a Danstadt. Alle die Themen, die Sie 
vermissen, sind schon in früheren Jahntflngen des 
.Klavier-Lehrers" behandelt t^nd zum Theil meiner 
.Methodik des Klavierunterrichts* (Berlin, Simrock 
II. Aufl. Preis 6 Mk.) eingeordnet worden. 



B« F. Senza rigore di tenipo heisst: ohne strenge 
Beobachtung des Taktes. — Rudolph Ibaeh ist todt, 
er starb im besten Mannesalter, scon Sohn setst das 
Geschlft fort. Der Wagnerflügel, den die Firma vor 
Jahren hier ansgestellti und aessen ich mich noch 
ganz genau entsinne, war ein vorzügliches Instru- 
ment. VermuthUch baut die Firma noch Flügel der 
selben Art, fragen Sie doch direkt an. 

A. W. ranigsberg. Bine wirklich nidve Zu- 
mnthung. Nennen Sie doch Ihr Werk: «Musikalischer 
Trichter, oder die Kunst, in 20 Stunden perfekt 
Klavier spielen zu künnen**. 



Dieser No. ist von der Verlagshandlung 

F. E. €. Iienekart in Iielpslff 

ein Prospect über Gompositionen yon 

Julius J. Major 

beigelegt, auf den wir hiermit besonders aufmerksam machen. 



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ünterrichtsgegaistinde: Klayier, Violine, Violoncell, Ge- 
sane. Orgel, Harmonium (Ton den ersten Anfingen bis snr 
KonsertreUe), Theorie, Komposition, Musikgeschichte und 



Tollständige Ausbildung für das Kusikalisehe Lehrfach. 

Das Direktortam maoht es siob nr Pfliobt, SobUeni, ^•J^ Studieiueit 
mit Brfol« beendet, dnreh AniteUeng am Kontenratoriom and Empfeuang naoh 
auBBen, % Wege sn Bichem LebeiuMteUiiiig n ebnen. 

Der Unterricht wird in deutsclier, franz. u. engl. Sprache erteilt. 

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H. Bock, Op. t Nt. 3. Fiobe Botschaft 50 Pf. 

Op. 6 Nr. 7. Sülibeglncltt. 60 Pf. 

J. Brut Op. 47 Nr. 1. GsTOtte. 75 Pf. 

Fr. Dunm, Op. 16 Nr. 3. Frohe Wanderaag. 50 Pf. 

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Ihrer llaj. der Kaiserin von Dentsehland ond Königin von Prensaen, 

Ihrer Tlitj. der Kaiserin Friedrich, 

Ihrer Hai. der KOnigin von England, [&8] 

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- 136 - 



iit 



Praktische Anleitung zum Phrasieren« 

Darle|;ang der far die Setiimg der Phrasieroii^zeicheo massgebenden Gesichts- 

Eonkte mittefi Yollstfindiger thematischer, harmonischer und rhythmischer Analyse 
lassischer und romantischer Tonsätze von 

Dr. Hnso Rleatsuin nnd Dr« Carl Fnoli«. 
Preis brosch. IJbO JC^ geb. 1,80.4^ 
Zn beliehen dnrch jede Bachhandiung sowie von Mjtt Hcasie*» TgriHTf I^t] 



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Aus dem Violinconcert op. 8 (in D-moll) fibertragen von Herrn« Ley. 

FQr Klavier zu a Händen Mk. i.ao. 
FQr Klavier zu 4 Händen Mk. 1.80. 

^= Iieieht siplelbsur! ^S= 





8TEINWAY & SONS 



MElfWOBM 




liOMDOM 



HAIHBIJR« 

H«r«Plsui#f#rtotebri]KmDton 

Sr. MsümUU des WLmimmrm Ton DenteeUsuid nitd Kdnlgsi Ton PreuM 
ar. JiaJ. de« Ksiaers Ton Oesterreleli md Kttmiss Ten IJmgarm« 

Sr* MaJ« des VJtnign T#m Ssichsem. 

Ihrer Ms^ieeUtt der Koniglii Ten Englsindy 

Sr. lufesiUtt des Kdnln Ten ItoUeii. 

üurer lUiieetai der Kdnigtn-Begenlln Ten maulen» 

Sr. KUnlgL Heheli des Prlnaen Ten Wade«, 

Ihrer Kdnlgl. Hehelt der PrlDiemlii ▼•n Wsüee, 

Sr. KdnlgUehen Hehelt des Hersage Ten Edlnbvrgh. 

Stelnuray^s Planofalirlk^ Hamliiupgf^ Hi. Paulis 

nene BeeenetraiMie SO— Si, 
Isit dsyi elnilge denteehe JBteblUMemeiit der Flnask 

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Yarlag u4 Expedittoai Wolf Peiser Verlag (Q. KaUaki). Berlin S., Brandenborgitr. 11. 

Draek von Rosen thal 4 Oo^ Berlin M^ Joliauusitr. sa 



Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler-Vereine 

zu Berlin, Köln, Dresden, Hambnrg und Stuttgart. 

Herausgegeben 
von 

Professor Emil Breslaur. 



No. 10. 



Berlin, 15. Mai 1897. 



XX. Jahrgang. 



Dieses Blatt erscheint am 1. und 15. jeden Monats 
und kostet durch die EL Post-Anstalten, Bach- und 
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Die Ornamentik (Yerzlerungskonst) in den BeethoTen'sclien 

Klavier-Werken. 

Von Heinrich Khrlieli. 

(Schloss.) 



Id der Sonate Op. 53 schreibt Bulow vor, 
der zwei Takte lange Triller in der linken 
Hand auf dis, wie der spätere auf h, müsse 
mit der Hilfsnote beginnen. Nun aber giebt 
er das Zeitmass \ = 168 an; in diesem können 

nur die besten Virtuosen den Triller in Zwei- 
unddreissigstel deutlich ausführen, alle anderen 
müssen Sechzehntelnoten anwenden, dann aber« 
kommen gegen die Noten der rechten Hand 
h a in der linken e dis, nnd später gegen 



i 



oder 



g f : c h zu GehOr, die wenig anmuthend 
klingen, es scheint mir daher für alle Fälle 
gerathen, den Triller mit der Hauptnote zu 
beginnen. Für den langen Triller unter dem 
Motive im Rondo verlangen sämmtliche Aus- 
gaben, dass immer der Melodieton allein, also 
nicht zusammen mit dem ersten Trillerton 
angeschlagen werde, dagegen bat Beethoven 
in seinem Manuskripte diese Triller ausdrück- 
lich in Noten folgendermassen ausgeschrieben 

i 



I 



^^ 



trTTTr r 




„nach Massgabe der Kräfte der Spieler^; er 
bemerkt auch: „Ueberhaupt kommt es nicht 
darauf an, ob dieser Triller auch etwas von 
seiner gewöhnlichen Geschwindigkeit verliert.^ 
Mit Becht bemerkt Steingräber, dass ai^ den 
heutigen Klavieren, deren Tasten viel breiter 
sind, als die jener Zeit, aus welcher die So- 
nate stammt, nnr sehr wenige Pianisten die 
von Beethoven vorgeschriebene Ausführung 
leisten können. Ich glaube, mit dem Hanpt- 
tone beginnend könne der Triller immer mit 
der Melodie zugleich gespielt werden und 
klänge ganz gut. Heutzutage vrird allerdings 
diese Stelle gar oft als Virtuosenstückchen 



behandelt. In der Originalausgabe findet sich 
eine Anweisung, diesen Triller mit der Hilfs- 
note zu beginnen nur bei der Moll- Wandlung, 






iti 



ein Beweis, wie wenig Beachtung Beet- 
hoven den Korrekturen geschenkt hat. 
Einen ganz ähnlichen Fall bietet die Sonate 
Op. 57; im ersten Theile des ersten Satzes 
stehen vor allen anderen Trillern die An- 



— 138 — 



faDgsnoten ausgeschriebeD, im zweiten Theile, 
jedoch vom 




ä^ 



nicht mehr. Nun entsteht der Zweifel: soll 
dieser Triller mit der Hilfsnote beginnen oder 
hat Beethoven sich ihn mit der Hanptnote 
beginnend gedacht, etwa 



n. 8. w. 



m 



m 




In den Originalausgaben der Sonate f-dnr 
Op. 54 und der fis-dnr Op. 78 findet sich 
zweimal das schon im Anfang des Jahr- 
hunderts nur höchst selten vorkommende 

Zeichen n, das vordem Beethoven nur in der 
1799 komponirten D-dur-Sonate fBr Klavier 
und Violine Op. 12 angebracht hatte. Sonder- 
barerweise hat die Yerlagshandlung von 
Breitkopf & Härtel in ihrer „Kritischen 

Ausgabe^ des Op. 78 das Zeichen n, das in 
ihrer eigenen Originalausgabe stand, 
weggelassen. Bei Bülow (Fortsetzung der 
Lebert'schen Ausgabe) fehlt das Zeichen in 
beiden Sonaten ; Steingräber hat es in Op. 54 
beibehalten, in Op. 78 weggelassen, aber 
dessen ursprüngliches Vorhandensein in einer 
Fussnote bestätigt. In der Sonate caractö- 
ristique (\es adieux u. s. w.) Op. 78 schreibt 
Bülow vor, die Stelle im Andante 



^^ 



i 



p: 



solle „wie alle anderen Ornamente^ derart 
ausgeführt werden, dass die kleinen Noten 
mit der Begleitung zugleich erklingen. 

Obwohl mir nun die systematische un- 
wandelbare Anwendung der alten Manier bei 
Beetlioven ganz unmöglich erscheint, glaube 
ich doch, dass sie bei dieser Stelle eine schön 
klingende i\bwechslung hervorbringt. 

Hinsichtlich der Ornamentik in den 
fünf letzten Sonaten kann ich nur sagen: 
Wer diese Sonaten spielt, thut das entweder 
als Künstler unter eigener Verantwortlichkeit 
oder als Lernender unter Verantwortlichkeit 
eines Lehrers, bei dem gründliche Kenntniss vor- 
ausgesetzt werden muss. Nur einige Be- 
merkungen will ich mir erlauben. In Dp. 101 
im kanonartigen Trio des Marsches verlangt 
Bülow, dass bei der Stelle 



|g^i 



der Triller mit der Hilfsnote beginne und 
sagt: „Der Herausgeber denkt sich das ges 
enharmonisch als fis''; das ist ein Irrtham; 
das ges ist die verminderte None gegen das 
f im Basse und muss fallen, auch klingt die 
Hauptnote f des Trillers viel besser sSb das 
g nach ges. In der Steingräber'schen Aas- 
gabe war bisher eben&lls die Hilfsnote als 
Anfangsnote bezeichnet, in neuester Zeit ist 
das geändert Bezüglich Op. 106 urtheilt 
Bülow ganz richtig, dass die Tempo-Bezeich- 
nung des 1. Satzes ^ = 138 [die er irrthüm- 

lich Gzemy zuschreibt, während sie von Beet- 
hoven selbst stammt] in ein langsameres 
umzuwandeln sei; mit 138 ist eine klare 
Wiedergabe der Gedanken unmöglidh. Hin- 
sichtlich der Forderung Nottebohm's, die Stelle 
im Bass 




l=Ä?: 



nach der ursprünglichen misstönenden Weise 
dis anstatt d u. s« w. zu spielen, glaube ich, 
dass Steingräber und Bülow im Rechte sind, 
wenn sie auf die ganz gleich gebildete 
Stelle im zweiten Theile des Satzes hin- 
weisen, und die von Nottebohm bestrittene 
Version beibehalten. Dagegen erscheint mir 
zweifelhaft, dass bei der Stelle im Adagio 




die bei Bülow und Steingräber vorgenommeDe 
Aenderung des ursprünglichen des in es eine 
Verbesserung sei; die scharfe Sekunde den 
(eis) dis klingt jedenfalls viel energischer und 
den darauf folgenden Akkordenfolgen ent- 
sprechender als die zwei leeren es und dis. 
In der Original-Ausgabe des ersten Satzes 
der Sonate Op. 109 steht ausdrücklich 




^=^j 



Bülow und Steingräber haben die sechs 328tel 
in zweimal drei zusammengezogen, Bülow so- 
gar mit ausdrücklicher zweitheiliger Betonoiig 



— 139 — 



des ffisj und ich glaube mit Recht. Im An- 1 sprüche grosser Heister erwähnen. Als mir 

^ '"^n Jahren die üngeheaerlichkeit ent- 

;, dass die Trillerkette des Es-dnr- 
3-Adagio immer mit der Hilfsnote zu 
3i, bat ich Liszt um seine Meinung, 
Beifügen, dass ich die 7 Triller mit 
tnote beginne, die halben Noten mit, 
el ohne Nachschlag spielte. Da- 
rortete mir der oberste Grossmeister 
erknnst, er habe alle Triller mit 
lg gespielt, finde aber meine Art 
h^. Seine Antwort habe ich schon 
3r Zeit hier im Elavierlehrer ver- 
Im Jahre 1892 nnterhielt ich 
tiriftwechsel mit Bülow über die 
G-moll-Eonzerte; er meinte, der 
bei 



ESCOLA DE MUSIOA 

DO PROFESSOR 

LUIGI CHIAFFARELLI 



EM lO DE ABRIL DE 1897 

SALÄO STEINWAY 



16." CONCERTO 

com o valioso conciirso de M/le Gabrie/le Carsia,ijen 
^ Ar.^ .^r^. Professores Giulio Basttant, Pasqnale. Ofdf im. 



e dos Srs. Professores 
A. Ltral e Lazzarini, 



\: Part« 



Bkkthoven - A. Henselt - Sonata pathctica para i i>ia..os 

M.Ue Arminda Abreu e L. Chiaffaiellt. 
Mozart — Voi che sapete, Arieito; 
Mkndklssohn - FruehUiiKsUed (canto da primawra^. pura 

MMe Gabrielle Carüanjcn. 
Mkndklssohn — Rondo caprii cioso ; 
A. Henselt - Duo (Repos d'amour), e Si oiseau j'etais, h to, je 

volerais; 
c:nopiN — Ballada em la beniol; 

M.lle Antonieita Scrva. 
(;rik<; — Romance; 
RiKS — Burlesque, para Violino 

Prof. Giulio Bastiani 
CnoFis — 2 Estudos e Noctunio e«n ir hemol r 
LiszT — IX Rhapsodia (Carnaval de Pcstb) 
MMe KsiMtalda Escohar Lun^. 

%,' Parte 

S^iNT-SAftNS - Varia^öes para 2 Pianos sobre u.n tliema de B^^thovrn 
MMe Alice Set-va e L. Chiaffarelli. 
. Ramkai ' — C.avotta; 

SciUTBKRr — Impromptu em si bcmol 
M.lle Att/ofiir//a Rudg*:. 
l. \Va«.nek — Friere d'KUsabeth. da opera TaHnhitfiiser: 
SciniBi-.Rr — Die l'-orclle (A truta» para canto. 

MMe Gahvirllf. Carstanjr.n. 
V »„N^Fi r - Conccrto em fa menor; AUegro patbeti.o. I.aijro e 
. Final, para Piano com a. ompanhamento de 0'""letlo de 
cordas e 2. Piano. 
M.lle Alice Sefxa. 



DCIS grsLodes pif^no.s Stoin^v4\y 



X. B. O Concerto coiurvarifc a» 7 I Ä li- em ponto 

Pede-sc o maior sUcmio durante a exean^cio das Petras, 



&. PAULO. TYP. SALEi'ANA 



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besten. 

iesen AussprQclien zweier Gross- 

Uiesse ich meine Betrachtangen. 

nur darlegen, dass ein nnabänder- 

tialten an der einen oder andern 

-nng der Ornamentik bei Beethoven 

t, und dass wie in der Aufiassnng 

der AnsfQhmng einzebier Stellen 

^ ir Freiheit gewahrt bleiben mnss.*) 



ikel vom 1. Mai iat anstatt ,^bweichan- 
iDgen*^ SU lesen^. 



von Mendelsobn^d Denkmal durch den Stem^achen 
GesangverelDy drm würdigen Brbcn und Bewabrer 



!;e Schriften 1850-1893. 

Breitkopf A Härte!. 

flioteriasseoBcbaft des Meisters, bei: 
gegenwärtig und erffillte den Dirigenten 
1 Anwesende.* — 

nliche Probe seines fabelhaften mosi- 

3btnisses legt er nach dem Anhören 

rang von Taubert's Oper »Macbeth* 

it fnr die »Nene Zeitschrift für Mosik« 

gehalten und an Felix DrSsecke ge- 

Qnt: ,Sie wünschen eine Mittheiiang 

osikalische Theaterwerk zq empfangen, 

rwarteten Brfolgen in Berlin Sie mit 

yemommen haben. Ich kann nicht 

zn diesem Zweck mit Vergnügen die 

Aber ich lege es mir als eine Art 

nasse oatür auf, in einem schwachen Aogenblick die 

jüngste Oper des Herrn Kapelhneister Dom in der 

Berliner Mnsikzeitang besprochen za haben. Sie 



— 140 - 



machten mir damals den Vorwarf eines fiberm&Bsigen 
Gebrauchs sympathischer Tinte, indem ich wider 
meine gewohnte Aufricbtigkeitsliebe dem Leser so 
Manches swischen den Zeilen zn lesen übrig gelassen. 

Ja, ich gestehe es , ich Hess mich zu einer 

freundlichen Leichenrede hinreissen, aus Oppositions- 

gelnsten. Die Domen, welche auf das fxühe 

Grab der Oper des einen Kapellmeisters, die Roseo, 
welche auf die Wiege der anderen Kapelimeisteroper 
gestreut werden, sie finden in mir einen gleich un- 
empfindlichen Zuschauer; ich halte die einen so 
wenig wie die anderen f&r Immortellen. Ich vermag 
also sine ira et studio über »Macbeth*, d. h. nicht 
den des Shakespeare, sondern den des S h a ke- 
stock des Berliner Opernorchester zu schreiben 
und thue es in der Beherzigung der Maxime, dass 
was Dom recht, auch Taubert billig sei. Biniger- 
massen erschwert wird mir allerdings mein Vorsatz, 
kaltblütig zu bleiben, durch die unerhörte Extra- 
vaganz, mit welcher die Freunde des Komponisten 
dessen neuestes Werk als das chef-d*oeuvre modemer 
dramatischer Musik ausbombardiren, gleich als ob 

Richard Wagner eine mythische Person wftre*. 

Nun hatte Taubert eine Reihe von Jahren vorher 
zu Joachim den »charakteristischen Ausspruch* ge- 
than, dass er »Wagner's Textbücher recht hübsch, 
sogar poetischer als andere finde und demnach, wenn 
er nichts Besseres zu thun hätte, sehr geneigt sei, 
»Lohengrin'' noch einmal zu komponiren.* Mit 
diesem unvergessenen Aussprach hatte er ja nun die 
ganze Spottlust unseres Schreibers herausgefordert 
und wenn er auch, mit seinem unbestechlichen Ge- 
rechtigkeitssinn die guten Seiten des Werkes überall 
lobend hervorhebt, so ergiesst sich dafür die ganze 
Skala seiner satyi Ischen Laune über die schwachen 
Stellen der Oper. Das Erstaunliche an dem Artikel 
aber siod die zahlreich hineingestreuten Notenbei- 
spiele, die Bülow aus dem Gedftchtniss nach ein- 
maligem Hören nachschrieb. Das Manuskript war, 
wie eine Fnssnote besagt, nicht aus den Händen des 
Komponisten gekommen, so dass dieser, nachdem er 
sich von der Uebereinstimmung der Gitate mit der 
Partitur überzeugt hatte, geäussert hat, dass er, ohne 
diesen Beweis, an die Möglichkeit einer solchen Ge- 
däcbtnissprobe nicht glauben würde. — ^Sie werden 
erschrecken, lieber Freund*, so beginnt fiülow, wenn 
ich Ihnen das einzige, mit der Intention eines rothen 
Fadens auftretende Motivlein oiederschreibe, das zum 
ersten Mal bei dem Weissagungsgrosse der Hexen zu 
Macbeth^s künftiger Grösse auftritt und dann des 
häufigen wiederkehrt, um zu erinnern, dass Macbeth's 
Ehrgeiz darin seioe Verkörperung gefunden hat* 
(Folgt Noteobeispiel.) .Alles, was streicht und bläst, 
vertheilt sich diesen fetten Bissen. Bald schieben 
es die Posaunen, bald grämein es die Fagotte, bald 
pfeift es das Piccolo, in der Aufregung der Situation 
kreischt es sogar einmal die Trompete.* — Nachdem 
Bülow die traurige dramatische Rolle, die Macbeth 
in der Oper seines Namens spielt, gegeisselt, fährt 
er fort: »Macduff^s Rolle ist dramatisch-musikalisch 
eine noch kläglichere. Er ist die Erscheinung des 
absoluten, des .metbaphysisch-reinen* Tenoristen- 
thums des emgesirichcnen «a und b* quand mdme 



im Ensemblesatze, des zur Ausfüllung der Zwisefaen- 
pausen durch Sologesang berufenen tragischen Clo^im^. 
Vielleicht soll er durch seine Gesangswuth eich als 
moralisch guten Menschen legitimiren. Wenigstens 
pflegt sich der ganze Männerchor zntraulich neben 
ihm niederzulassen, wo er immer singt, bei Hofe oder 
im Walde, und ihn durch kräftige Mitwirkung im 
Refrain zu unterstfitzen.* — Einigen Scenen yersagt 
Bülow seine Anerkennung durchaus nicht, ein groasea 
Lob sogar spendet er der Ermordungsnacht*, dann 
aber heisst es wieder: .Dm so heftiger wurde ich 
durch das kindische Pförtnerlied empört Ss giebt 
eine Grenze, wo die naive Einfachheit zur Stnpiditftt 
wird.* — ,Das darauf folgende Duett ist gldcbfalla 
eine ausgezeichnet schwache Nummer.* Und so 
weiter, aber zum Scbluss das allerdings etwas aweifel- 
hafte Lob: »Macbeth ist die bei Weitem beste 
Kapellmeisteroper der letzten Jahrsehnte*. — 
Die Artikel ,Das Literatenthum mit Gewalt*, »Epi- 
gonen und Progonen*, »Wörter und Begriffe* geben 
Bülow Gelegenheit seine schneidige Waffe gegen die, 
Widersacher der »Zukunft* zu kehren. Im ersteren 
sind es wieder die »Grenzboten*, die durch gehässige 
Artikel gegen Liszfs kompositorische Thätigkeit 
seinen Zorn herausgefordert: »Schreiber dieses ge- 
niesst bereits die Ehre, im grünen Buche* (^e Um- 
schläge der Grenzboten waren grün) »als ,Haupt- 
sgent* der Zukunftsmusikerzunft zu Berlin notirt 
und TOrvehmt zu sein, hat also im Grunde keinen 
neuen Zuwachs davon zu gewärtigen, wenn er die 
heilige Hermandad, das Comit^ des salut littöraire 
nicht blos Europa*s, sondern der Welt, seiner musika- 
lischen Wegelagerungpn halber ohne Umstände zur 
Rechenschaft zu ziehen wagt Nötbigenfalls hat der- 
selbe sich schon gerüstet, seine dafür zu erludenden 
Demüthigungen an dem Monstre-Flügel, auszutoben, 
welchen der Dresdener Korrespondent in No. 46 
Herrn Dr. Fraoz Liszt als Belohnung dafür zusichert, 
wenn dieser sich entschliessen möchte — das Kom- 
poniren aufzugeben.* — In dem zweiten Artikel weist 
er in sehr ergötzlicher Weise nach, dass grade die 
Epigonen mit ihrem gegen die »Zukunftsmusikerge- 
richteten Klassidsmus diesen Zukunftsmusikern die 
grössten Dienste geleistet: »Die klassischen Meister 
feierten in der über alle Erwartung verallgemeinerten 
Geschmacksveredelung des Publikums eine glansvoUe 
Aufer weckung. Angestachelt dureb das Jammern 
und Fluchen »selbstgebackner* Priester über die 
drohende »Götterentthronung durch eine fanatische 
kleine Rotte*, verliess die blöde Menge den Dienst 
ihrer geliebten Kälber von der Tagesmode und eUte 
Bchaarenweise herbei, um — die Ideale der künst- 
lerischen Intelligenz zu ihren Götzen zu machen. 
Die Götter verloren dadurch nichts an ihrer 
Würde — und das Volk braucht einmal GOtien 
so nothwendig als panem et cireenses. Dass aber 
die frivolen Modegötzen zusammenstürzten und die 
ganze gegenwärtige Generation sich in das kräftigende 
Stahlbad des Genusses der musikalischen aAntike** 
tauchte — wer empfände nicht darüber innerste Be- 
friedigung? Vielleicht diejenigen nicht, die bei 
direktem Hervorrufen dieses Umschlages dessen 
Tragweite übersehen hatten. Dass die Urheber der 



— ut — 



energischen Reaktion sich zunächst aus einer, in 
ihrem Keime gewiss nichts weniger als hocbsionigen 
und adelsvollen Opposition rekratirt hatten, welche 
geg^en ein Häuflein Progonen (?) gerichtet, diese 
mit dem Schmähwort «Zakunftsmusiker' (also impli- 
cite Vergangenheitsattentäter) goillotinirt zu haben 
glaubte, ist eine sehr nachweisbare Thatsache. Die 
naheliegeoden moralischen Betrachtungen nber die 
^Oas Böse wollende uod stets das Gute schaffende" 
Kraft der Opposition sparen wir uns gern; hat sie 
ja ^doch nebenbei auch uns grade die wichtigsten 
I>ienste erwiesen, wider Willen natürlich, eine Er. 
kenntniss, in deren sauren Apfel sie in Kurzem herz- 
haft zu beissen gezwungen werden wird — ,par la 
force des choses^. Denn ausser dem positiven Re- 
saltate einer tiefgreifenden Wiederbelebung der klas- 
sischen Meister sind auch nach der negativen Seite 
schöne Früchte gezeitigt worden. Vor der Offen- 
barung der reinsten Sonne klassischer Tookunst für 
Aller Augen, vor ihrem Wiederlenchten in Aller 
Herzen, mussten die kleinen Sterne der nachklas- 
sischen Periode verbleichen, vergilben — verduften; 
die dii minornm mit ihrem erborgten Licht erlitten 
die empfindlichste Einbusse an ilirer, zum Theil er- 
schwindelten Popularität bei einer in ernstere Tiefen 
eingedrungenen llitwelt. Zum Urquell zurückgekehrt, 
aus diesem schöpfend uud von ihm geletzt, findet 
man kein Behagen mehr am — Kanalwasser!* — 

Einer der ausgezeichnetsten Artikel dieser Periode 
ist: „Ausgrabungen eines Klavierlehrers." Er ver- 
dieute heut noch von jedem Pädagogen studirt zu 
ip^erden, nicht wegen der Werke, die Bülow darin 
«ausgräbt^, sondern wegen der beherzigenswerthen 
Wort«, die er dabei an die Adresse der Musikiehrer, 
der Klavierlehrer insbesondere, richtet. Er sagt: 
„Eine Halbwahrheit ist in dem trivialen Satze ent- 
halten : Das Gute, Schöne, Wahre breche sich früher 
oder später selbst Bahn; es vergehe beachtungslos 
nur, was beachtungslos zu vergehen würdig sei". — 
„Ich schränke ihn bis zur Leugnung seiner Berech- 
tigung durch die ilmi entgegensti-hende Behauptung 
ein: dass eine Menge edler Keime, gesunder Saat- 
körner unbarmherzig, bewusstloa zertreten werden, 
die schöne Früchte hätten treiben können. Erfahrung 
lehrt, dass Natur und Geschichte nicht in Verlegen- 
heit kommen; statt haushälterisch zu sein, sind beide 
vielmehr unendlich verschwenderisch. Auf ein lodi- 
viduum, einen Künstler und sein Werk mehr oder 
weniger, kommt es ihnen nicht an. „Der Marmor 
bleibt', wie Molescbott tröstend sagt. Sanguinisch 
ist nun freilich derjenige Einzehie, welcher glaubt, 
den Lauf der Dinge korrigiren zu können. Nicht 
Mos „der Marmor* bleibt, auch der Lehm bleibt, 
und somit wird sein Produkt, der Philister, nie aus- 
sterben, so wenig wie der Mops und der Spitz. Aber 
soll diese Erkenntniss uns abhalten, tbätig einzu- 
greifen? Sollen wir uns nicht gegenseitig anspornen 
zur Aufmerksamkeit auf alle Keime, zur ge- 
wissenhaften Pflege derselben, zur Bewahrung der- 
selben vor Zertretung? Sollen die reproduk- 
tiven', also zunächst nur konsumirenden 
Künstier nicht versuchen, dem schaffenden Künstier 
Mitwelt zu sein? Sollten sie sich nicht zeitweilig 



wenigstens zu dem Vorsatz dazu und einem Anfang 
der AusfohruDg ermannen können? Dass es dabei 
nicht zur Selbstaufopferung komme, dafür sorgt ja 
doch die Zeit und der struggle of life!' — Und 
nun wendet sich Bülow direkt an die Klavierlehrer 
und an die „weisse Sklaverei* ihres Bernfes und 
bringt ihnen zum Bewnsstsein, dass das einzige 
Mittel, ihr Loos zn iindenif in der idealen Seite 
ihrer Thätigkeit läge, deren Betonung sie so leicht 
aus der Niedrigkeit des Handwerks emporheben 
kann. „Der Teig, den sie kneten, der Thon, den 
sie formen, das ist ja gerade das Kunstpublikum 
der nächsten „Mitwelt*. Wird selbiges ein kor- 
ruptes, gemeines, so trifft sie, die Lehrer, die 
Schuld; zeigt es gebildete EmpOnglichkeit, edlen 
Auffassungssinn, so können sie, die Lehrer, 
wiederum einen wesentlichen Theil dieser erfreu- 
lichen Erscheinung ihrem Verdienste zuschreiben. 
Es hängt also nur von ihnen selbst ab, ob sie zu 
denjenigen zählen wollen, an welche der Dichter 
die Apostrophe erlässt: „Der Menschheit 
Würde ist in eure Hand gegeben^ 
Klingt dies zu emphatisch, nun so modifizire man 
„der Menschheit* Würde in „des Kunstsinns" 

Würde. « 

Inmitten dieser Kampf- und Streitartikel be- 
rührt ein, Eduard Fischöl gewidmeter, Nachruf 
doppelt wohlthuend durch seine Wärme und die 
darin ausgesprochene treue Freundesliebe. Wer die 
Briefe Hans von Bülow's gelesen, wird ja zur Ge- 
nüge dieses Menschenthum des Künstiers, sein 
tiefes warmes Empfinden, sein reiches Gemüths- 
und Seelenleben kennen gelernt haben: in den vor- 
liegenden „Schriften* tritt dieser Gharakterzug 
mehr in den Hintergrund, wirkt aber dann, wenn 
er, wie in diesem Nachruf, zu Tage tritt, doppelt 
erwärmend. Und in dem folgenden Abschnitt, der 
italienischen Episode unseres Künstiers von 1871 
bis 1874, begegnet uns gleich ein aus dem gleichen 
Impulse geschriebener Artikel, der Nachruf, den er 
Karl Tausig, dem jüngeren Freunde und Ge- 
sinnuogsgenossen, widmet Wir stehen nicht an, 
diese ergreifend schönen Worte, diese aus dem 
Charakter und der Wesenheit des ihm so nah ver- 
wandten Künstiergeistes geschöpfte Schilderung für 
eine der vollendetsten Arbeiten Bülow's zu er- 
klären, die ihn uns zugleich als Mensch und 
Freund liebenswerth macht. Was er Tausig selbst 
ein Jahr vorher bei einem Begegnen in Berlin aus- 
gesprochen, wiederholt er am Sehiuss „als Hul- 
digung dem jungen Grabe* gegenüber, und wir 
fügen seine Worte hier ein': „Sie sind unerreichbar 
gross geworden, lieber Freund. Trotz aller meiner alten 
unverrosteten Bewunderung für Ihr Riesentalent 
hätte ich nie geglaubt, dereinst ähnlich zu Ihnen 
aufblicken zn dürfen, wie zn Joseph Joachim, wenn 
er das Beethoven'sche Konzert gespielt hatte. Jede 
Note, die Sie geben, ist Gold, ist seelischer 
Empfindungsextrakt So ein inines Präludium, so 
eine Mazurka von Ohopinf wie Sie das Stück 
„kreiren*, berechtigt Sie zu sagen: „Hier habt Ihr 
in nuce die ganze Geschichte der Klavierspielkunst 
von Anbeginn bis auf den heutigen Tag*. 



— 142 - 



Früher waren Sie ein glohender Fenerbrand, jetzt 
sind Sie eine wofalthfttig leachtende und er- 
wärmende Sonne geworden. Sei gegrfiset, junger 
Sonnengott! Wie freae ich nüeh meiner noch hell 
gebliebenen Aogen, dass ich Ihnen so recht von 
Herzen einen Tribat, den Sie von mir nicht ver- 
schmähen werden, derbringen kann." 

Aas dem Rest der Schriften, unter denen noch 
eine warme Besprechung über Rabinstein*8 Oper 
«Nero* einen grosseren Fiats einnimmt — , Bülow 
tritt Überali mit grosser Wärme, ja Begeisterang 
für Rabinstein ein —^ interessiren spesiell noch 
seine Reiseberichte, die er über seine Konsert- 
reisen durch England — 1S77— 78 — nnd Skandi- 
navien — 1882 — schrieb, und von denen be- 
sonders die ersteren von Witt und Humor über- 
sprudeln und mit beissenden Sarkasmen und geist- 
reichen Feinten gespickt sind. .Für diesmal ist es 
nur ein Tropfen Fegefeuer*, gab er selbst als Motto 
dieser Reisebriefe ,im Lande der Nebel* an. «Ich 
sehe, geehrter Herr Senif, wie sich in Ihren Zügen 
eine elektrische Spannung verbreitet, ähnlich der 
einer «Quinte* am vierten Pulte der ersten Geigen 
im Gewandhanssaale, wenn eine neue kanonische 
Suite gespielt wird. Seien Sie unbesorgt, ich bin 
nicht so grausam, Sie sollen nicht platzen, wie ge- 
dachte Quinte. Ich kann mir nämlich das denken, 
wie das »thut*, denn ich war nahe daran, 
Donnerstag Abend im Theater de la Monnaie bald 
vor Wnth, bald vor Langeweile zu — platzen.* — 
Es handelte sich um eine Oper von Thomas, und 
Bülow theilt bei der weiteren Besprechung die 



Opemkomponisten in zwei Klassen : ,in solche, 
dem Leierkasten etwas schenken können, und in 
solche, die vom Leierkasten das NOtiiigste bor8:eii 
müssten — * und Herr Thomss muss es sich ge- 
fallen lassen, der zweiten Gattung zugeseUt zn 
werden. In diesem Tone geht es durch sämmtiiche 
Berichte weiter; man muss sie im Zusammenhaii^ 
lesen, um den ganzen köstlichen Humor darin aa 
empfinden. 

Den Schluss des Buches füllt die Rede, 
die Bülow bei Gelegenheit des 50. von ihm 
geleiteten Berliner Philharmoniekonzertes . hielt, 
worin er Beetboven's Eroica dem Fürsten Bisnuut^k 
weiht, und die allen damals Anwesenden wegen der 
sich dabei abspielenden Szene unvergesslich bleiben 
wud. 

Wir schliessen hiermit unsere Hinweise auf das 
kostbare Vermächtniss, weiches der musikalischen 
Welt durch Hans von Bülow's Schriften zu Theil 
geworden ist. Für die Zeitgenossen und diejenigen, 
denen es vergönnt war, ihn persönlich zu kennen, 
lebt er auch ohne sie in seiner nicht zu ver- 
gessenden, künstlerisch kraftvollen und eigenartigen 
IndifiduaUtät, seinem zwingenden, energischen 
Wirken, seinem rückhaltlosen Eintreten für seine 
Ideale, seinem heiligen Zorn gegen alles Schwache 
und Schablonenhafte fort Aber für die jüngere 
Generation und die nachkommenden Geschlechter, 
denen das Glück, ihn zu kennen, nicht mehr ge- 
worden, werden diese Schriften eintreten, das be- 
redteste Zeugniss einer mächtigen Künstler- 
individualität, deren geistiges Erbe unverlierbar ist 



Ans alten Bficliern. 

(Allgemeine Geschichte der Musik von Ferkel. 1801). 



Es hat wohl nie ein Volk auf der Erde gelebt, 
welches nicht irgend eine Art von Musik gehabt und 
bei verschiedenen Gelegenheiten angewendet hätte. 
Wenigstens wissen wir dies mit Zuverlässigkeit von 
allen denjenigen gebildeten oder ungebildeten Völkern, 
von deren Existenz wir sowohl aus älteren als neueren 
Zeiten nur irgend einige Kenntniss erlangt haben. 

Die Zeugnisse hierüber sind so allgemein bekannt 
und so häufig bei Geschichts- und Reisebeschreibungen 
aller Jahrhunderte und Weltgegenden anzutreffen, 
dass es eine unnöthige Bemühung s«n würde, auch 
nur einige derselben anführen zu wollen. 

Obgleich diese ursprüngliche Musik nicht anders, 
als sehr roh gewesen sein kann, so hat sie doch schon 
in den frühesten Zeiten die Wirkung gehabt, die 
Bande der ersten geselischafUichen Verbindungen 
fester zu knüpfen. Hermes, Orpheus, Amphion u. a., 
deren fest alle Nationen ähnliche, nur unter anderen 
Namen aufiEuweisen haben, waren solche weise 
Menschen, welche die Wirkung der Musik auf das 
menschlidie Herz erkannten und einen wohltbätigen 
Gebrauch für ihre Zeitgenossen davon machten. 
Ihre Nachkommen haben diese Wohlthaten dankbar 
anzuerkennen gewusst und sie als überirdische Wesen 



I und Halbgötter verehrt Unter solchen Umständen 
ist es nicht zu verwundem, dass die Musik nach und 
nach die Theilnehmerin an allen menschlichen An- 
gelegenheiten wurde, |bei welcher das Herz zu thun 
hatte. 

Man hat schon in den frühesten Zeitaltem eben so 
gefühlt, wie wir es noch jetzt fühlen und wie man es bis 
ans Ende der Welt fühlen wird, dass kein Feit, woran 
eine Menge theilnebmen soll, ohne Musik feierlieh 
genug begangen werden oder den Zweck erfoilen 
kann, um deswillen man es fangeordnet hat Alle 
Nationen, welche nur irgend eine Art von Gottes- 
dienst hatten« machten darum die Musik zu einem 
unentbehrlichen Hauptstück desselben. Als solche 
durch Kultur, Wissenschaft und Künste hervor- 
ragende Völker gelten die Egypter, Hebräer, Griechea 
und Römer, welche die Aufmerksamkeit der ganien 
Nachwelt auf sich gezogen haben und nach einer 
Reihe von Jahrtausenden noch erhalten. 

Die Hebräer. 

Sie lebten ein halbes Jahrtausend als Nomaden 

in Palästina, Egypten und Arabien, nämlich von 

Abraham bis Mose. Ebenfidls ein halbes JahrtaoBend 

hindurch wurden sie demokratisch regiert, von Mose 



— 143 - 



bis Sani. Das dritte halbe Jahrtaosend war ihr 
Staat eine Monarchie; sie wurde von KOnigen und 
xDrar von Sau! bis Zedekia Tereint, sodann in die 
beiden Reiche Juda und Israel lertheilt, regiert 
Alsdann folgte die assyrische und babylonische Ge- 
fangenschaft Unter allen diesen Perioden konnte 
nar die monarchische der Kultur und TonkuDSt 
sonstig sein und übertraf auch Yorzfiglich zur Zeit 
David^s und 8alomo*s alle übrigen kultivirten 
Völker des Alterthums bei ihren gottesdienstlichen 
und anderen Öffentlichen Festen. 

Wenn andere Völker die Erfinder der Künste 
nnter ihren Stammvätern suchen, so nennen dagegen 
die Hebräer als Erfinder der Musik — den Vater 
der Geiger und Pfeiffer — Jubal aus dem Zeitalter 
Jared's. 600 Jahre später wird erst wieder, nach 
Mosers Bericht, der Tonkunst gedacht: 1. Buch Mose, 
Kap. 31 V. S7. Laban sprach xu Jacob: Warum bist 
du heimlich geflohen und hast dich weggestohlen 
und hast mir's nicht angesagt, dass ich dich hätte 
begleitet mit Freuden, mit Smgen, mit Pauken und 
Harfen. 

Aus dieser Nachricht geht hervor, dass zur Zeit 
Jacob's und Laban's sowohl Vokal- als Instrumental- 
musik im allgemeinen Gebrauch gewesen sein muss. 
Bine Stelle aus Hiob's Gedicht (Hiob lebte wahr- 
scheinlich in den letzten Zeiten des Erzvaters Jacob) 
sind alle drei Gattungen, Blas-, Saiten- und Schlag- 
instrumente angegeben: Sie jauchzten mit Pauken 
und Harfen und sind fröhlich mit Pfeifen. 

Von der Geschichte Jacob's and Labans bis zum 
Durchgang durchs rote Meei^ ^inem Zeitraum von 
248 Jahren, erwähnt die Bibel nichts von der Musik. 
Nun aber giebt Moses sein Lob und Triumphlied, 
diesen ältesten Siegesgesang der Erde, welches er 
nach völliger Befreiung aus der Dienstbarkeit der 
Egypter vor und mit seinem Volke anstimmte, 
welches beweist, dass das weibliche Geschlecht an 
den religiösen Gebräuchen theilnehmen durfte und 
dass die Vokalmusik schon mit Instrumenten und mit 
Tanz begleitet wurde. Es lässt sich vermuthen, dass 
dieser Gebrauch von den Egyptem hergenommen 
sei, weil Mirjam eine Egypterin war. Diese Meinung 
wird bestätigt durch den Vorgang, welches das 
israelitische Volk von Gesang und Ttoz machte bei 
der Anbetung des goldenen Kalbes, einer Nachbildung 
des egyptischen Götzen Apis. 

In der ganzen Zeitperiode Mosis finden nur 
Trompete, nach Luther's Uebersetzung Posaunen, 
und die Mirjamsche Pauke Erwähnung. In den Zeiten 
der Richter, etwa während vierhundert Jahre wird 
nur eines Siegesliedes gedacht, Buch der Richter 
Kap. 5: Trinmphlied der Prophetin und Sängerin 
Debora. 



Herder, Geist der hebräischen Poesie, hält die 
Zeit der Richter für den eigentlichen Zeitpunkt, in 
welchem sich Gesang und Poesie unter den Hebräern 
am genauesten vereinigten, beide Hand in Hand in 
gleicher Schönheit und Wirksamkeit erschienen. 

Deborah^s Loblied scheint ihm Muster zu sein; er 
findet in demselben 1. den Eingang, 2. das Gemälde 
der Schlacht, 3* den Spott auf den Triumph des 
Fissera, welchen der letzte Vers, wahrscheinlich als 
Schlusschor abschliesst. Ungefähr 100 Jahre nach 
diesem Vorfoll tritt ein neuer Beweis auf, dass das 
israelitische weibliche Geschlecht sich häufig mit 
Musik beschäftigte und öffentlichen Gebrauch davon 
machte in der Erzählung von Jephta's Gelübde: 
Siehe, da gehet seine Tochter heraus ihm entgegen 
mit Pauken und Reigen o. s. w. 

Von dieser Begebenheit an bis zur Krönung Sauls 
1095 wird in der Bibel keiner Art der Musik gedacht, 
ausgenonmien des kriegerischen Gebrauchs der 
Trompete. 

Noch vor der Krönung Sauls jedoch errichtete 
Samuel Prophetenschulen, in welcher neben der 
Dichtkunst auch Musik soll gelehrt worden sein, 
wenigstens theilt die Bibel später vielfache Beispiele 
von der Vereinigung der Weissagungskunst mit der 
Musik mit 

Aus Sauls Regierungszeit wird von der Wirkung 
der Musik auf seine Weissagungsgabe (1. Samuel 10 
V. 5—6) und von der Wirkung derselben auf seine 
Melanchoüe (Kap. 16. V. 14-23) berichtet 

Als David den Philister Goliath fiberwunden 
hatte, gingen die Weiber aus allen Städten dem König 
Saul entgegen mit Gesang und Reigen, mit Pauken 
und mit Geigen. Und die Weiber sungen gegen ein- 
ander und spieleten: Saul hat tausend geschlagen, 
aber David zehntausend. Diese Begebenheit ist ein 
Beweis, dass schon sehr frühe Doppelchöre gebräuch- 
lich waren. 

Als David zur Regierung kam, 1058, machte 
er Jerusalem zum Mittelpunkt des Gottesdienstes 
und liess die Bundeslade dorthin fuhren. Bei dieser 
Abholung spielte David und das ganze Haus Israel 
vor dem Herrn her mit allerlei Saitenspiel von 
Tannenholz, mit Harfen und Psaltern, Pauken, 
Schellen und Gymbeln. Drei Monate blieb die Lade 
jedoch noch im Hause ObedEdoms, ehe sie an den 
fu dieselbe bestimmten Ort gebracht werden konnte. 
David zog alsdann einen leinenen Leibrock an und 
tanzte vor der Lade her. Später bestellte er eine 
gehörige Anzahl von Sängern und Spielern zum 
Gottesdienste. 1. Buch der Chronica wird diese Ein- 
richtung im 15. 16. and 23. Kapitel ausführlich er- 
zählt 

(Sehluss folgt) 



— 144 — 



Mnsik-Anfffihrungen. 



Berlin, 18. Mai 1897. 
Mit einigen Worten sei noch eine kleine Nach- 
lese aus den Konsertsftlen veranstaltet. Am letzten 
Qoartettabend der Herren Pirof. Halir und Genossen 
kam ein neues, noch ongedracktes Klavierqnintett 
▼on Georg Schamann zur Aufführung. Der, 
wenn ich nicht irre, in Bremen lebeode Komponist 
hat sich schon vor mehreren Jahren durch ein 
Chorwerk »Amor und Psyche* und eine Sinfonie 
vortheilhaft bekannt gemacht Das an klassische 
Formen anknüpfende, aber sie modern behandelnde 
Quintett ist im Allgemeinen sehr bemerkenswerth, 
breit angelegt, temperamentvoll durchgeführt, 
stimmungsvoll und abwechselungsreich. Aber 
es erscheint nicht konzentrirt genug, es schweift 
ab und aus, und erinnert nicht nur in dieser 
Beziehung an Rubins tein. Der erste Satz mit zwei 
gut kontrastiienden Themen, einem leidenschaft- 
lichen ersten und einem zarten zweiten, ist der 
bestgefugte. Der zweite Satz, ein gut erfundenes 
Thema mit acht Variationen, ist zu lang für ein 
Kammermusikwerk, um so mehr, als diese nicht 
alle gleichwerthig sind. Das Intermezzo, der 
dritte Satz, ist poetisch empfunden; das Finale 
steht hinter den übrigen Sätzen nicht an Leiden- 
schaftlichkeit, wohl aber an Klarheit und Abrundung 
zurück. Die vier Herren des Quartetts spielten 
es mit dem am Klavier sitzenden Komponisten in 
vortrefflichster Weise. 

Eine Reihe von Brahms- Feiern bedarf nur 
kurzer Andeutungen. Der Stem^sche Gesangverein 
führte unter Professor Gernsheim^s Leitung 
das deutsche Requiem in weihevoller Weise auf; 
der CttciUenverein des Herrn Professor A. Hol- 
la n d e r sang eine Reihe kleinerer Ohöre von 
Brahms zwischen anderen Kompositionen des Meisters, 
und das Joaehim'sohe Quartett veranstaltete in 
. Gemeinschaft mit Herrn Professor Barth und 
Herrn Mühlfelder (Klarinette) eine Muster- 
Aufführung einiger seiner grossen Kammermusik- 
werke. 

Mit der Erwähnung der Feier, die die Berliner 
Mftnnergesangvereine zu Ehren des siebzigsten 
Geburtstages des alten Liedermeisters Edwin Sohnlti 
am 1. Mai in der Philharmonie veranstalteten, darf 
wohl von der letzten, harten Gampagne unseres 
Konzertlebens Abschied genommen werden. Viel- 
leicht macht der Verlauf des Sonmiers noch diesen 
oder jenen Bericht auf dem Gebiete der Oper nOthig. 

Eine neue Operette: Die Geisb% Text von 
Owen Hall, Musik von Sidney Jones, ge- 
langte am 1* Mai im Lessingtheater durch das F e - 
r e n c z y - Ensemble zur ersten Aufführung. Seit 
dem Mikado habe ich eüie Operette, welche gleich 
graziöse, edel melodische, rhythmisch pikante und 
fein instrumentirte Musik aufzuweisen hätte, nicht 
gehört In Sullivan's Mikado zeigt sich allerdings 
mehr Kunst, ich erinnere u. a. an das Ma- 
drigal, aber auch Jones' Musik zeigt, dass der Kom- 



ponist aus guter Schule hervorgegangen und 
schickt zu arbeiten versteht Einige 
und Snsslichkeiten, z. B. die Tenor-Arie im leisten 
Akte und das Zwischenspiel zwischen dem zweiten 
und dritten Akt musste man schon mit in. den 
Kauf nehmen. Auch unterbrachen manche Coa- 
plets, z. B. das von dem Papagei, die Handlung aaf 
unmotivirte Weise. Die Geisha, Sängerinnen und 
Tänzerinnen, die öffentlich ihre Kunst zeigen, siber 
auch zu Vorstellungen in Familienkreisen herange- 
zogen werden, erhalten eine entsprechende Aus- 
bildung in ihrer Kunst und müssen sich wer- 
pflichten, eine bestimmte Lehrzeit durchzumaelien; 
Einer solchen, Mimosa — Mia Werber — ^ ist 
die Hauptrolle im Stück zuertheilt Vom Stand- 
punkt der Operette ragte sie gesanglich weit hinaus 
über alles, was unsere Operettenbühnen zu bieten 
pflegen, vom höheren Standpunkt aus genügte 
weder sie noch eine zweite Sängerin — Marie 
Erich — den Anforderungen, welche man an eine gut 
ausgebildete Stimme zu stellen berechtigt ist So 
klangvoll und kräfläg die hohe Lage des Ftänlein 
Werber ist, so flach und schwächlich die tiefere 
und Mittellage. Das Spiel aber zeigte Gewandtheit 
und Pikanterie und wurde unterstützt durch den 
Liebreiz einer kleinen, zierlichen Persönlichkeit 
Die Herren zeigten sich durchweg stimmbegabt 
Eine köstliche, humorvolle Darstellung erfuhr der 
Ghmese Wum-Hi, Sigenthfimer eines Theehauses, 
durch Herrn Emil Sonder mann. Die Aus- 
stattung war glänzend, die Einstudimng durch 
Herrn Direktor Ferenczy aufs sorgflUtigste vorbe- 
reitet, das Zusammenspiel demzufolge musterhaft. 

E. Brealaur. 
Dresden* Eine warme, sympathische Auf- 
nahme fand am 7. Mai Anton Riekanf s dreiaktige 
Oper yyDie Bosenthalerin'S das musik-dramatische 
Erstlingswerk ihres in Prag geborenen, in Wien (bei 
Mottebohm auf Anrathen Brahms') gebildeten 
Autors. Ein Mehr zu erzielen, war ihr aas 
Gründen des Textes und der Musik versagt Jenen 
schrieb Max Lemmermayer nach Angost 
Hagen's Numbergischen Novellen: Norika mit Bei- 
behaltung des gutbürgerliehen, aber von Haos- 
backenheit nicht freien Zuges derselben. Dürer's Pflege- 
tochter Maria Rosenthalerin und em aus Frankfurt 
am Main nach Nürnberg zur Abholung des von ibm 
m Auftrag gegebenen Bildes „Maria Hinunelfitart' 
gekommener junger Patrizier Heller begegnen am 
Sebaldustage einander und ihre Herzen finden nch. 
Sie könnten sich anstandslos «kriegen", wenn nicht 
auf Jener, wie Dürer's xantippenhaftes Weib 
(Agnes) verräth, der Makel unehelicher Qebnrt 
lastete. Dem in heisser Liebe entbrannten jungen 
Frankfurter würde dieser ebenso wenig ausmachen, 
wie uns, das erfahren wfr in einer Szene an jpMfitfter- 
leins Grab*, aber ein glückliches Ungefthr f&hrt 
den Kaiser Max daher. Die von ihm mitgebrachte, 
fix und fertig vollzogene und gesiegelte Urkonde 
darüber, dass die Rosenthalerin als 8pro80 



— 145 — 



Rathsherm und Poeten Pirkheimer aaf das Prä- 
dikat »Pirkheimerin* begründeten Ansprach eihebt, 
löst alles in WohlgefaUen aaf. Diese in theils rechte, 
theilB — schiechte Verse gekleidete and in fiber- 
breiter Behaglichkeit aasgeffihrte harmlose Liebes- 
geachichte amgab R fi c k a a f mit einer Masik, die 
wohl in ihrem äasseren Doktas, in dem Meiden 
geschlossener Formen, «wagnert**, resp. ,meister- 
singert*", in der Gestalt der Agnes aach etwas ,ial- 
atafft*, im übrigen aber In ihrer melodischen 
Diktion aaf den Ton Lortxing-Brüll-Nessler'scher 
^Qemothliebkeit* gestimmt ist and damit aach 
gaos ansprechende Wirkangen ersielt Instramen- 
tation and flandhabang des masikdramatischen Ap- 
parats Tcrrathen, wenn aach noch nicht alles so 
heraaskommen mag, wie es sich der Komponist ge- 
dacht, jedenfalls doch einen geschalten, kenotniss- 
reichen Masiker von immerhin beachtlichem Talent 
Die Aaffahrang anter Seh ach 's Leitang fahrte 
unsere ersten Kräfte: die Damen Wittich and 
von Gbavanne and die Herren Anthes, Perron, 
Sebeidemantel etc. in*s Treffen. Die Inszenirang 
(Ueberhorst) war vonE&glich. 0, 8. 

Ueber das Koniert der Berliner PhUharmo- 
nlker In Paris meldet eine Piivat-Depesche des 
, Kleinen Joarnals" Folgendes: Paris, 
9. MaL Heate Nachmittag fand im Girqae d'hiver 
das erste Konzert des Berliner Philharmonischen 
Orchesters statt Das Orchester errang einen 
wahrhaft sensationellen and denkbar glänzendsten 
Erfolg. Der Zirkas war von fiber dreitaosend 
Personen besacht Als der Dirigent Nikisch er- 
schien, ertönten aaf der Oallerie Pfiffe. Die De* 
monstration, von einem einzigen Herrn mit einem 
Pfeifchen aasgefohrt, warde jedoch sofort darch all- 
gemeinen Applaos erstickt. Nikisch war sehr 
bleich beim JBintreten. Das Pfeifen schien noch be- 
sonders deprimirend aaf ihn za wirkeo. Das Pabli- 
kam richtete ihn jedoch darch eine warme Gegen- 
demonstration aaf and vom ersten Tskte bis zam 
Sehlasse war das Konzert sodann ffir Orchester wie 
Dirigenten ein ananterbrochener Triamph. Das 
Poblikam bestand, obwohl viele Deatsche and Ame- 
rikaner anwesend waren, denen Nikisch's Raf von 
seinem Wirken in Boston bekannt war, doch fiber- 
wiegend ans Pariser Masikfreanden aller Schichten. 
Aach die hiesige Masikerwelt war darch alle her- 
vorragenden Kfinstler vertreten. In einer Loge sass 
der Direktor des Conservatoire Theodor Dabois, im 
Parterre die Professoren Widor and Diemer nod 
alle grossen Sängerinnen, der sar Zeit in Paris 
konzertirende Geiger Tsaye, karz, ein grossartiges 
Aaditoriam. Die Haitang, aoch die der Gallerien, 
war höchst sympathievoll, der Pfeifer verschwand 
sehr bald and warde nicht mehr gehört Gleich 



beim ersten Stack, Beethoven*s Leonoren-Oavertfire 
No. 3, kam die fobelhafte Präzision dieser Masiker 
and Nikisch's Kanst als Orchestervirtaose bestens 
zar Geltang. Lamoareax kann das nicht, verblofft 
warden die Zahörer beim Unisono der Streichin- 
stramente, welches Lamoareax viel langsamer 
nimmt Als die Oavertfire za finde war, erbraoste 
ein kaam noch jemals gehörter frenetischer Ap- 
plaos. Es folgte Beethoven^s dritte Symphonie 
Eroika mit gleich stfirmischem Erfolg. 

Beim zweiten Satz geschah eine richtige Dumm- 
heit, ohne die es einmal nicht za gehen scheint 
Den zweiten Satz dieser Symphonie bildet bekannt- 
lich ein Traaermarsch, da hatte nun Kapellmeister 
Nikisch oder sein Impresario die seltsame Idee, 
diesen Traaermarsch als Haldigang für die Opfer 
der grossen Brandkatastrophe stehend aaszafabren. 
Das ganze Orchester erhob sich, im Poblikam jedoch, 
welches also den rechtmässigen Traaermarsch eben- 
folls stehend hätte anhören mossen, fand die Idee 
keinen Anklang, es stand Niemand aof. Viele 
lächelten sogar aber das seltsame Beginnen, welches 
for ein Konstlerorchester dorohaos nicht passt. Es 
machte einen peinlichen Bindrock, ein solches 
Orchester in der angewohnten Sitoatioo zo sehen. 
Völlig komisch wirkte es endlich, dass ooter allen 
stehend Spielenden die Gellisten doch sitzen bleiben 
mossten. Dieser Fehler verkfirste den stets so er- 
greifenden Eindrnck des Traaermarsches beträchtlich, 
hingegen erzielte das daraoffolgende Scherzo ond 
Finale der wanderbaren Aosfohrong wegen die 
hellste Bewonderong. Aach Nikisch^s Dirlgenteo- 
manier gefiel angemein. Ihm war der Raf voraos- 
geeilt, dass er besonders mit der Wiedergabe 
Wagner*scber Masik Grossartiges leistet Die daraof- 
folgende Tannhäoser-Oovertore brachte Nikisch and 
dem Orchester einen so jobelnden, orkanartigen, 
nicht endenwoUenden Applaos nebst Begeisterangs- 
rofen, wie er hier kaom jemals dagewesen ist 
Einen ähnlichen Triamph brachte der Traaermarsch 
aus der Götterdämmerong, man rief »bis*, was 
Nikisch nicht verstand, oder vielleicht wollte er 
nicht wiederholen. Man bewandert nebst dem Diri- 
genten die nnvergldchlichen Effekte mit einem ver- 
hältnissmässig kleinen Orchester, welches besonders 
vortreffliche Bläser hat Bei der Schlossnommer : 
„Vorspiel zo den Meistersingern*, schien das Poblikam 
bereits ermfidet, trotzdem Nikisch noch mehrmals 
hervorgejobelt warde. Der grandiose Erfolg der 
deatschen Konst in Paris ist in nicht geringem 
Masse dem taktvollen Vorgehen des deotschen 
Kaisers za danken. Nikisch ist der glfickliche Erbe 
Bülow's, dem dieses Orchester zoerst gehörte. Wie 
erinnerlich, waren ffir Bfilow vor acht Jahren die 
Dinge noch nicht reif, so dass er froh sein mosste, 
in Paris als Pianist aofzatreten. 



• « 






— 146 — 



Ton hier nnd ausserhalb. 



Berlin. Herr Robert Schwalm, KompoDist 
and Dirigent des SäDgervereine in Königsberg L Pr. 
erhielt den Titel als KgL Preossischer Professor. 

— Der KOnig von Württemberg hat, aas An- 
lass der Feier des 40jftbrigen Bestehens des unter 
seinem Protektorat stehenden Königlichen Konser- 
vatoriams för MosUe in Stattgart, den Professoren 
Speidel and Singer je das Ritterkreaz des 
Ordens der Württembergisdieo Krone anter gleich- 
zeitiger Verleihang des Ranges anf der VII. Stafe 
der Rangordnang, dem Vorstand des Konserva- 
toriams, Professor Hils, sowie den Professoren 
Keller and Linder je das Ritterkreaz I. Klasse 
des Friedrichsordens, dem Professor de Lange 
die grosse goldene Medaille far Kanst and Wissen- 
schaft am Bande des Kronordens, dem fifasiklehrer 
Schwab den Titel eines Professors mit dem Rang 
aaf der VUI. Stufe der Rangordnang verliehen. 

— Für den Tenoristen T a m a g n o , der vor 
karzem in Paris zam ersten Male aaftrat, warde 
von dort aus eine so onglaabliche Reklame in die 
Welt gesetzt, dass man seinem Auftreten in 
Deutschland mit einigem Misstraaen entgegensah. 
Non ist er am 3. Mai in KOln als Manrico aa%e- 
treteo. Die Vossische Zeituog berichtet darüber: 
Francesco Tamagno sang in seinem einmaligen 
Gastspiel an lüesiger Bühne den Manrico. Es ist 
nicht zu leugnen, dass dieser bis vor karzem in 
Deutschland beinahe unbekannte S&nger in vielen 
Beziehungen einer der ersten unter den lebenden 
Tenoristen genannt zu werden verdient. Die Kraft 
seiner Stimme, die Leichtigkeit, mit der er auch 
die höchsten TOne, z. B. die vier hohen H in der 
Stretta, herausschmetterte, sind Staunen erregend. 
Aber in diesem Hinaosschmettem liegt doch auch 
die weniger sympathische Seite dieses Helden- 
sanges, der Kraftschattirungen nur zwischen f und 
flff zu kennen, piano und gar pianissimo aber zu 
verachten scheint. Dazu kommt dann die massige 
Brscheinuog des beinahe fünfzigjährigen Mannes 
und seine Art, stets nur für das Pablikum zu 
spielen und die Beziehungen za den Personen der 
Handlang nach Möglichkeit ausser Acht zu lassen, 
und so den gewaltigen Eindruck zu sch&digen, den 
Tamagno als Sänger macht. Uebrigens gab's trotz 
der riesigen Reklame, mit der man das Auftreten 
des kostbaren Tenors — er ersang sich gestern 
Abend nicht weniger als 6000 Mark — vorbereitet 
hatte, manchen leeren Platz, besonders auch in den 
Feadalgegenden, deren Stühle 15 Mark kosteten, 
und das Publikum verhielt sich anfangs ziemlich 
kühl, konnte sich dann aber der Macht und dem 
Feuer dieses Manrico doch nicht entziehen. Nach 
der Stretta durchbrausten natürlich BeiflBdlsstürme 
das Haus; ob aber der Gesammteindruck, den Ta- 
magno als Sänger und Schauspieler gemacht hat, 
den hoch geschraabten Erwartungen ganz ent- 
sprochen hat, dürfen wir billig bezweifeln. 

— Bisher hielt man die Königin Hortense von 
Holland für die Dichterin und Komponistin des 



hübschen Liedes: «Partant pour la Syrie*. Jetzt 
weist Joseph Turquan in seinem Buche: JDie 
Königin üortense* überzeugend nach, dass dieselbe 
auf diesen Ruhm keinen Anspruch machen kann, 
dass vielmehr als Dichter Alexander de Laborde und 
als Komponist Piantnde oder d'Alvimare su be- 
zeichnen sind. 

— Der Klaviervirtnose Josef Hoffmann ist von 
seiner grossen russischen Reine nach Berlin zurück- 
gekehrt; in Petersburg konzertirte er nicht weniger 
als 17 mal. 

— Der Stem'sche Gesangverein (Direktor Prof 
Friedrich Oernsheim) hat sein Programm für den 
nächsten Winter bereits festgesetzt. Das erste Kon- 
zert wird Beethovens ,Missa solemnis* bringen, im 
zweiten Konzert (bei Gelegenheit des 50jährigen 
Jubiläums des Vereins) gelangen der U. und UL Theii 
des Schumann'schen .Paust* und ausserdem Chor- 
werke von Max Bruch und Fr. Gernsheim zur Auf- 
führung, und für das dritte Konzert ist Händeis 
Oratorium „Deborah' (in der Chrysander'schen Be- 
arbeitung in Aussicht genommen ) 

— Gustav Jacobsthal in Strassbarg, der zum 
ordentlichen Professor der Masikwiasenschaft an der 
dortigen Universität enannt worden ist, hat über 
20 Jahre warten müssen, ehe er den Sprung vom 
ausserordentlichen zom ordentlichen Professor aus- 
geführt bat. 1845 zu Pyritz geboren, hat er sich 
bereits 1872 als Privatdosent an der Strassburger 
Universität habilitlrt und ist 1875 zum Prot eztraord. 
ernannt worden. Als sdn Hauptwerk gilt die bereits 
1871 erschienene Monographie »Die MensuraUioten- 
schrift des 12. und 13. Jahrhunderts*. 

— Für das 13. schlesische Mosikfest, das vom 
80. bis 22. Juni in GOriitz stattfindet, ist folgendes 
Programm festgestellt worden : Sonntag den 20. Juni : 
G moll-Sinfonie von Beethoven ; Oratorium «Christus* 
von KieL Montag den 21. Juni : OhOre aus dem 
ersten Akte von Richard Wagner's »Parsifal* ; Wald- 
Sinfonie von Raff; Solistenvortrag für Alt; Khivier- 
konzert von Chopin; Triumphlied von Brahms. 
Dienstag den 22. Juni : B-dur-Sinfonie von Beethoven ; 
Sopran-Arie; Violin Solo; Finale ans Cherubinis 
„Wasserträger*^; Ouvertüre zu „Benvennto (3elUni'^ 
von Berlioz; Ouvertüre zu »Oberen* von C. M. v. 
Weber; weitere Solisten vortrage; Schlusschor: 
Hallelujah von Händel. Als Solisten sind folgende 
Künstler gewonnen worden: für Sopran Fräalein 
Hiedler-Berlin und Fräulein Lavalle-Breslau ; für Alt 
Frau GOts-Berlin und Fräulein Anna Stephan-Ber- 
lin; für Tenor Herr Sommer-Berlin; für Bariton 
Herr Perron-Dresden ; für Bass Herr JSugen Franck- 
Dresden; für Klavier Fräulein Alexandra Alfredowna 
Dronker-Petersburg ; fSr Violine Herr Professor 
Halir-Berlin. Für das Orchester ist die gesammte 
Berliner königliche Kapelle in Stärke von 120 Mann 
gewonnen. 

— Man berichtet der ,Fr. Ztg.* aus Stuttgart 
vom 6. d. M.: Im Königlichen Konservatorium für 
Mosik sind heute durch Beschiuss der Durektion 



- 147 — 



17 Schaler und Schülerinaen relegirt wordeo. Zar 
£rk Iftrang dieser strengen Ifaassregei ist Folgendes 
za bemerken: Am letzten Sonnabend fand anlSss- 
lieh dea 40 jährigen Bestehens des Konseryatorioms 
eine gesellige Feier statt. Siner der Lehrer der 
Anstalt föhlte sich darch irgend ein Vorkommniss 
verletzt and entfernte sich mit seinen Schalem aas 
dem SaaL Am Montag erschienen weder der be- 
treffende Lehrer noch seine Schaler za der ge- 
wohnten Cnterriehtsstande. Dagegen richteten 
17 Schüler und Schülerinnen in einem Kollektiv- 
Bchreiben an die Direktion das Verlangen, dass 
ihrem Lehrer eine Genogthaang sa Theil werde, 
widrigenfalls sie dem Unterricht fem bleiben 
würden. Sie erklärten gleichzeitig kategorisch, dass 
sie die Unterrichtsstanden eines anderen Lehrers, 
der angeblich den von ihnen verehrten Docenten 
beleidigt haben sollte, nicht mehr besachen 
würden. Daraaf antwortete die Direktion mit der 
Entfernnng der «Streikenden*. 

— Das Pariser Konservatoriam ist, wie man aas 
Paris schreibt, sebr streng gegen seine Schülerinnen, 
welche mitten im Stadienjahr abspringen, um ein 
Engagement an einer Privatbühne ansanehmen. In 
diesem Falle be&nd sich Jeanne Petit, welche vor weni- 
gen Tagen in Lecocqs Joar et Nait im Athen^eGomlqae 
debütirte. Sie machte zu ihrer Vertheidigaog geltend» 
dass ihr Gesangsprofessor im Konservatoriam ge- 
storben and sein Nachfolger den Dienst noch nicht 
angetreten habe. Sie habe daher einen Unterricht 
verlassen, der schon seit mehreren Wochen nicht 
mehr ertheilt warde. Der Direktor des Konserva- 
toriums bestand jedoch auf seinen Schein and er- 
vrirkte vor Gericht eine Basse von 15000 Franken, 
deren Bezahlang der Direktor des Athen^e in An- 
betracht des Erfolges der jangen Künstlerin über- 
nommen hat Man findet allgemein, dass die Di- 
rektion des Konservatoriams vor allem für den ge- 
regelten Fortgang der Karse sorgen sollte, wenn sie 
gegen ihre Zöglinge so streng sein wolle. 

Weimar. Vor einem aaserlesenen Kreise von 
Zohörern, zumeist hiesigen Mitgliedern der Goethe- 
Gesellschaft, fand am 2. Mai im Krholangssaale die 
Vorführang mehrerer Szenen und des ganzen 2. Aktes 
des grossen Masikdramas »Sarastro* von Karl 
Güpfart statt, woza Gottfried Stommel mit Anlehnang 
an Goethes „zweiten Theil der Zaaberflöte* das 
Libretto gedichtet hat Die Proben der Gesänge 
Sarastros, Taminos and der Königin der Kacht so- 
wie der Chöre der Pilger and Dämonen waren von 
bedentender Wirkang and worden von Herrn Kapell- 
meister Göpfiftrt am Flügel begleitet Den Sarastro 
sang der Hofopemsänger Blass, die Königin der 
Nacht Fränlein Marie Recke aas Berlin and den 
Tamino Herr Weber, ein mit herrlichen Mitteln aas- 
gestatteter Tenor. Reichen Beifall ernteten der 
Komponist wie die aasfahrenden Künstler, die ansser- 
dem noch mehrere Kompositionen von Gedichten 
Goethes darch Zeitgenossen aas der Sammlang der 
von Max Friediänder (Berlin) zasammengestellten 
Aaswahl vortragen, die als 11. Band der Schriften 
der Goethe-Gesellschaft im vergangenen Jahre er- 
schienen ist 



Ulm. Vor karzem fand aaf der Wilhelmshöhe 
das 19. Prüfangskonzert der bekannten Gesaogs- 
nnd Klavierscbole von Fräulein Friederike Nagel 
statt Wie immer bei diesem Anlass, hatte sich ein 
zahlreiches Pablikam eingefanden, das mit Inter- 
esse den Vorträgen der stattlichen Zahl von 
Schülerinnen folgte. Ganz besooderen Beifall 
fand der trefflich einstadiite, von Fräalein Nagel 
selbst für Fraaenstimmen eingerichtete herrliche 
Chor Mozart^s «Ave veram corpas*', sowie das 
reizende Lindpaintner'sche Frühlingslied, gleichfalls 
von Fräalein Nagel für Fraaenebor arrangirt. 
Deberhaapt zeigte sich in den gesanglichen 
Leistangen eine bewanderongswürdige Aasbildang 
des Stimmmaterials and eine verständige Berück- 
sichtigang der individaellen Art Damit soll aber 
nicht gesagt sein, dass etwa das Klavierspiel in 
irgend einem Panicte nachstände; aach aaf diesem 
Gebiete bemerkten wir nar die Anzeichen einer 
vorzüglichen Schale and bei den einzelnen Schüle- 
rinnen überraschende Fortschritte. Den Schlass 
des Konzerts bildete die bekannte hübsche Kinder- 
symphonie von Romberg, and so kann man 
Fräalein Nagel za dem neaen Erfolg aafrichtig 
Glück wünschen. 

St« Gallen» Die Masikkommission dea »Ver- 
bandes der schweizerischen christkatholischen 
Kirchencböre* eröffnet anter den tit Komponisten 
eine Preiskookarrenz zar Schaffang 1) einer deutschen 
Messe für vierstimmigen Gemeindechor mit Orgel- 
begleitang and genaa vorgeschriebenem Texte, wel- 
cher von den Unterzeichneten gratis bezogen werden 
kann ; 2) drei geistlichen Liedern für vierstimmigen 
gemischten Chor, passend znm gottesdienstlichen 
Gebraache an Sonn- and Festtagen. Texte aas der 
heiligen Schrift oder aas den Gesangtexten des 
christ-katholischen Gesangbaches (Solotham, Gass- 
mann, Sohn). — Die Kompositionen müssen in der 
Anlage dardiaas leicht and aach für kleine Kirchen- 
chöre passend sein. Als Preis für die Messe wird 
100 Frank, als solcher für je ein Lied 30 Frank 
Honorar aasgesetzt, wogegen dsnn die preisgekrönten 
Kompositionen Bigentham des Verbandes werden. 
Das Preisgericht besteht aas den Herren X. Fischer, 
Pfarrer in Aaraa, zugleich Präsident der Masik- 
kommission, Professor Dr. Thürlings in Bern and 
Kempter, Masikdirektor in Basel. Die Kompositionen 
sind bis zam 30. Jani den Unterzeichneten einza- 
senden. Der Name des Komponisten ist in ge- 
schlossenem, mit gleichem Motto versehenem Umschlag 
beizulegen. Die nicht preisgekrönten Kompositionen 
werden den Eigenthümern wieder zugestellt St 
Gallen, April 1897. Die Beauffcragten : Zweifel 
A Weber, Pianinos-, Musikinstrumenten- und Musika- 
lienhandlung, St Gallen. 

London« Das Haus Pleyel, Wolff & Gie. in Paris 
hat anlängst seine Verkanfträume in London nach 
79 -80 Baker street verlegt, und dieses aufs zweck- 
mässigste eingerichtete Stablissement wurde am 
12. April, wie „Le Monde Musical" berichtet, durch 
ein Konzert eröfoet, bei welchem zwei Neuheiten 
des jetzigen Leiters der Firma, des Herrn Gustave 
Lyon, erstmalig vorgeführt wurden. Zunächst ge- 



— 148 — 



langten Tenchiedene alte Kompositionen von Daqnin 
und Rameau auf einem grossen Clavleymbel (Kiel- 
flfigel oder Spinett) in meisterhafter Weise ra Ge- 
bor, worauf dann der flofkapellmeister Mottl aas 
Karlsrahe and der Pianist Risler aas Paris Werke 
von Liszt auf tinem sehr eigenartig konstruirten 
Doppeipiano nach dem System Lyon aasführten. 
Die grOsste Ueberraschang aber war die neae cbro- 
matiscbe Harfe nach dem System Lyon, die ohne 
Pedale iconstrairt ist and trotzdem genan dasselbe 
leisten soU, wie die komplizirten Instrumente von 
Erard und Lyon & Healy. Sollte sich dies bewahr- 
heiten, so stünden wir allerdings vor einer Um- 
wälzung im Harfenbau. Herr Lyon bat uns schon 
längst die Unterlagen zu einer Beschreibung dieser 
neuen Harfe versprochen, und wir hoffen bald in 
die Lage zu kommen, etwas Ausführliches über dieses 
neue Listrument bringen zu können. 

Tokio. Ausser drei Militärkapellen giebt es in 
Tokio etwa sieben Zivilkapellen, die europäisch- 
japaoische Masik pflegen. Sie bestehen zumeist aus 
früheren Mitgliedern der Militär- und Marinekapellen. 
Die feinste Privatkapelle ist die «Tiojo-Schitschiu- 
Ongakai*'. Sie spielt meistens im i,Grand Hotel'' zu 
Yokohama oder im i,Teikokttbotel* zu Tokio, und 
ihre Konzerte werden selbst von . dea höchsten 
Staatsbeamten besucht. Ea spielen dabei gewöhn- 
lich nur 13 oder 14 Musiker, doch unterhält die 
Kapelle noch mehrere kleine Abtheilungen von 7 bis 
8 Spielleuten, die auf Bestellung auch in Privat- 
häusem musiziren. Die i,Tokio Schonen-Gackutai* 
besteht aus jungen Mädchen, die gleich&lls in Ab- 
tbeilungen zu 7 bis 8 europäisch und japanisch zu- 
gleich spielen. Sie tragen dunkle Obergewäoder und 
rothe Hakama (weite Beinkleider, wie sie von Mäd- 
chen aus vornehmen Ständen getragen werden); ihr 
sorgflUtig gekämmtes Haar hängt jedoch, gegen 
japanische Yolkssitte, ungeflochten am Rücken herab. 
Diese Mädchenkapellen sind ausserordentlich be- 
liebt und so gesucht, dass sie kaum allen Ein- 



ladungen folgen können Sie hatten sogar die Ana- 
Zeichnung, bei der Rückkehr des Kaisers von Hiro- 
schima, wo während des Krieges das kaiserliche 
Hauptquartier sich beftmd, in Tokio vor dem Kaiser, 
der Kaiserin unl dem Hofstaat spielen zu darfen. 
Rine andere Mädchenkapelle ist die .Koboacha- 
Ongakudan*. Sie hat ihren Namen von der Strasse 
Kobascho in Tokio, in der viele junge GeisehA 
wohnen, die nach japanischer Sitte die Gäste mit 
Gesang, Spiel und Tanz ergötzen. Da in den letsten 
Jahrzehnten die europäische Musik sehr beliebt 
wurde, begann diese Mädchenkapelle damit alles, 
was sie bisher auf japanischen Instrumenten ge- 
spielt hatte, nun mit den nothwendigen Verände- 
rungen auf europäischen Instrumenten wiederzugeben. 
Ihre Trapps von 13 oder 14 hübschen Mädchen sind 
darum ebenfalls in weiten Krdsen sehr gesucht Sie 
tragen alle japanische Nationaltracht und japanischen 
Kopfschmuck, im Gegensatz zu der «Minamoto- 
Ongakntai*, deren Mitglieder, Geischa (Sängerinnen) 
aus dem Bezirk Schitaja beim bekannten Parke 
Cöno sich europäisch kleiden und ihre Haare euro- 
päisch frisiren. Auch eine Knabeokapelle, die Nihon- 
baschi^onen-Ongakai*, versteht es besonder! gut, 
japanische Melodien auf europäisdiea Instramenton 
ertönen zu lassen. Gewöhnlich sind sieben oder 
acht bis 13 Jahre alte Knaben zusammen. Im letsten 
Jahre spielten sie zwanzig Tage im Theater Meisisa 
mit grösstem BeifalL Zum Schluss sind noch die 
beiden Kapellen .Tokio-Schitschiu-Ongakutai* und 
„Tokio- Ocgakutai* zu erwähnen, die urspränglicb 
eine einzigo Kapelle bildeten und zum Theil Reklame- 
Musik ausführen. Man ersieht aus den vorliegend«! 
Angaben, eine wie grosse Rolle heute die europäische 
Musik in Tokio spielt. Aber auch in allen grösseren 
Provinzialstädten Japans, selbst auf der Nordinsel 
Hokkaido, kann man überall von Militär- oder Zivil- 
kapellen rein europäische Weisen oder japanische 
Melodien mit europäischen Anklängen ertönen 
hören. 



Anregung und Unterhaltung. 



— (Bittgesuch eines misshandelten Klaviers.) 
Liebe verehrte Hausfrauen! Armen, Kranken und 
fremden Bettlern sucht ihr Liebes zu erweisen, aus 
diesem Grunde wage auch ich es, als Glied eurer 
nächsten Umgebung, eurer mitleidiges Herz um Hilfe 
anzuflehen. Seht ihr denn nicht, wie ich zu leiden 
habe, wenn ihr mich während des ganzen Winters 
imangerührt im kalten Zimmer stehen lasset, ohne 
mich eines erbarmenden Blickes zu würdigen, oder 
wenn ihr mich mit Notenbüchem, Vasen und Krügen, 
wie es jetzt Mode ist, mit Photographierahmen u. s. w 
beschwert? Und da wandert ihr euch auch noch, 
wenn sich meine Stimmung immer mehr ver- 
schlechtert? Meine Ansprüche sind so bescheidener 
Art, dass ihr mit wenig Mühe meinen Leiden ab- 
helfen könnt Also habt Erbarmen ! — Von Zeit zu 
Zeit ein massig erwärmtes Zimmer (Hitze kann ich 
nicht ertragen!), Befreiung meines Kopfes von allen 



unnöthigen Gegenständen und schonendere Behand- 
lung. Ach, wenn ich euch sagen dürfte, wie weh 
mir das Stobenmädchen thut, wenn sie den Staab 
von meinen Stimmorganen entfernen will! Von links 
nach rechts und umgekehrt fährt sie sorglos mit 
irgend einem Tuche über mich hin, statt liebevoll 
mit einem weichen Lederlappen von innen nach 
aussen zu gehen. Ein Wort von euch, ihr lieben 
Hausfrauen, genügt, um mich von allen diesen 
Schmerzen zu befreien, lasst es daher nicht ange- 
sprochen! Ich weiss, dass ich euch nicht umsonst 
mein verwundetes Herz geoffenbart habe, und sehe 
der Besserung meiner Lage und derHttlung meiner 
trüben Gedanken mit fröhlicher Zuversicht entgegen. 
Zum Dank dafür werde ich euch meinerseite nie 
mehr mit schlechter Laune und Verstimmtheit lästig 
fallen. Im voraus sage ich euch, zugleich. im Namen 
meiner Leidensgefährten, innigsten Dank als euer 



— 149 - 



stets aDbSDglicbes, an allen Familienfesten liebevoll 

tbeilnehmendes Klavier. 

* * 

* 

In dem 1895 erschienenen Bache: „Elementar- 
unterricht des Gesanges and der Mosik von Gustav 
Jankewiti bereichert der Verfasser die Lehre von 
der Aassprache gewisser Vokale darch folgende 
famose Regeln: 

I>a8 e werde stets als o, a als ahj i als ü gesangen. 
I>a8 g zwischen n ond e werde wie niö aasgesprochen, 
also Engel wie öniöl Um den Leser diese Regeln 
leichter verständlich za machen, bringt der Verfasser 
folgendes Beispiel: 

«Uech habt ainOn Kahmörahdön, 
AinÖn bOssern füdst Pub naht; 
Du TrohmmOl scblahg zahm StraitO, 
Ör gong ahn mainOr Saitö 
On glaichOm Bebrütt ahnd Trütt.*' 
Das ist ja i,Zwackaa&r* redivivas, wie er leibt 
und lebt. 



Sehabert starb als König seiner Kunst, ein Bettler 
unter Menschen. Ein interessantes amtliches Scbrift- 
stack des Wiener Landesgerichtes, die „Sperr-Relation* 
(Todesfallaufnabme) nach dem «Tonkünstler und 
Gompositeur* Franz Schubert (wie es dort amtlich 
heisst) giebt über seine Verhältnisse aathentischen 
Aufschluss. Sein Nachlass bestand ans wenigen 
Effekten im Werthe von 63 fl. Gonventionsmünze. 
Dem gegenüber standen die Forderungen der Leichen- 
kosten und Einsegnung im Betrage von über 300 fl. 
Die nachgelassenen Musikalien (NB. von seinen Kom- 
positionen erschienen zu Lebzeiten verhältnissmSssig 
wenige in Druck) schätzte der biedere Mann des Ge- 
richtes auf 10 fl. Gonventionsmünze (sage 10 Galden). 
Wir wollen ihn deshalb nicht schelten, denn wie kann 
man von ihm vex langen, dass er in Ziffern schätze, 
was unschätzbar ist Um die Ironie des Schicksals 
voll zu machen, trägt das Aktenstück als Unterschrift 
den Namen: Brotkorb m. p. 

(»Mähr.-echles. Gorrespondent* 1864.) 



Vereine. 



Boriiner Tonkünstler-Verein. 
In der Sitzung des Berliner Tonkünst- 
l«r-Vereins am Montag, den 3. Mai, im Nord- 
deatschen Bof, Mohrenstr. 20, hielt Herr Rieh. J. 
Kichberg einen Vortrag über Schamann's Kinder- 
Bcenen. Nach einer ei^eitenden Erklärung; über das 
Vtesen von Programm- und absoluter Musik ging 
Berr Bichberg auf die Besprechung; der 13 Stückchen 
der Kinderscenen, die in aas Gebiet der Programm- 
in nsik gehören, über. Diese 13 Kompositionen seien 
ein in sich abgeschlossenes Werk, die Brlebnisse 
eines vielleicht vierjährigen Knaben, nicht, wie Andere 
behaupten, eine beliebige Zasammenstellang von 13 
einzelnen Kompositionen. In Nr. 1 „Von fremden 
Landein and Menschen"^ wird dem Kind ein Märchen 
erzählt; die eigene Wiedergabe dieses Märchens ist 
Nr. 2 „Guriose Geschichte'S Nr. 3 .,Haschemaan** 
erklärt sich von selbst; in Nr. 4 „bittendes Kind'' 
-wird die in wenigen Worten ausgesprochene immer 
dringender werdende Bitte desKmdes gemalt, deren 
Erfüllung in 2,Glücke8 geong'' folfft Nr. 6 , J'räu- 
merei'* soll die Gefühle einer anderen, dem Kinde 
nahestehenden Person wiedergeben; „am Kamin** 
bedeutet eine Plauderei von Verwandten des Kindes. 
„Fast za ernst" dürftö ein Gegenstück zu »Träu- 
merei'* sein; der Vater macht sich unnOthige borgen 
am die Zukauft seines Kindes. No. 13 ^der Dichter 
spricht" ist ein Abschluss des vorhergehenden Stückes: 
,,Kiod im Einschlummerü^'. Das Kind durchlebt 
im Traam noch einmal, was sich im Laufe des Tages 
ereignet, um am nächsten Morgen wieder zu er- 
wacben und von Nenem all' diese wichtigen Be- 
gf benheiten zu erleben. Zum Schluss des Vortrages 
spielte Berr Bichberg im Zusammenhang sämmtiiche 
13 Nammem der Kinderscenen aaf einem Duysen- 
schen Flügel vor; die Anwesenden, anter denen sich 
zahlreiche Gäste befanden, ppendeten reichen Beifall. 
Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde ein neaes 
Mitglied in den Verein aufgenommen, aasserdem 
wurden vom Vorsitzenden, Herrn Musikdirektor 
Pasch, einige geschäftliche Mittheilungen gemacht. 

Dresdner TonkQnstler-Verein. 

Die .Gedächtnissfeier, welche der Tonkünstler- 
verein seinem verewigten Bhrenmitgliede Jo- 
hannes Brahms mit dem abschliessenden 



vierten Aufführungsabende widmete, hinterliess 
einen eben so tiefen als harmonischen Eindrnck. 
Die durch Anwesenheit Sr. Majestät des Königs 
and Ihrer Kaiserlichen and Königlichen Hoheit der 
Frau Prinzessin Friedrich August ausgezeichnete 
Veranstaltung hatte das stärkste Interesse der 
Musikfreunde wachgerufen und den Gewerbebaus- 
saal in allen Räumen dicht gefällt. Als stimmung- 
irebender poetischer Gruss an den heimgegangenen 
Meister — dessen Persönlichkeit eine von frischem 
Grün umrahmte Porträtbüste vergegenwärtigte — 
und zugleich als eine meisterliche Gharakteristik 
seines echten Küostlerwesens wirkte der von Adolf 
Stern verfasste ProloR. Er setzt mit der tiefen 
Klage um dea frühen Verlast des Meisters ein: 

Wer mocht es ahoen^ dass der Feind im Mark 
Dem Mann, dem Meister frühe Rast beschiede? 
Im Schaffen blieb er j agendkühl und stark. 
Und wie den Himmlischen im Schicksalsliede 
Blüht' ihm der Geist Er wandelte im Licht, 
Die stille Klarheit trübte sich ihm nicht. 
Mit der er früh aas sePgen Augen schaate, 
Zu Tönen wandelnd seiner Blicke Flug, 
In Tönen uns sein tiefstes flerz vertraate. 
Auf Tönen uns zu Götterlüften trag. 

Er erhob sich dann zur Apotheose des Ge- 
schiedenen, der sich langsam, von innen heraas 
wacbsead, wie die Eiche über das rasch vergäng- 
liche Geschlecht erhob, bis er gleich dem Eicbbaam 
stand: 

In Laubespracht, im Spiel der Sonnenlichter 
Erglänzt der Wipfel könislich und voll. 
Ein leuchtend Zeagniss, dass noch immer 

schlichter 
Und ernster Kraft die Krone werden soll ! 

Herr Hofschauspieler Wiecke spnuih die form* 
vollendete gedankenreiche Dichtang mit der seinem 
Vortrage eigenen Verbindung von durchdringender 
Intelligenz und warmer, am Schiasse zu edlem 
Schwung sich steigernder Empfindung. Die beiden 
ersten &mmermusikwerke von Brahms, das H-dur- 
Trio op. 8 und das Streichsextett B-dnr op. 18 bil- 
deten die Hauptbestandtheile der masikalhchen 
Ausführungen, die in ihrer gleiehmässigen Vollendung 
ein kritisches Abwägen verüberflüssigen. Nur 



- 150 — 



Fesige neuere Tondichter von bleibender Be- 
deotting sind mit einem Erstling im Kammer- 
stile von solch' thematischer Ürsprünglichkeit, 
Frische und Falle gestaltender Kraft hervorgetreten 
wie Brahms in seinem Trio. Znmal in seiner Neu- 
bearbeitnng erscheint es dem Sextett mindestens 
ebenbürtiff, wenn nicht in einzelnen Theilen, be- 
sonders dem Schlusssatze, überlegen. Die Herren 
£. Saner, H. Petri nnd F. Orützmacher spielten das 
Werk in geradezu fortreissendem grossgeistieen 
Zuge, voll charakteristischen Lebens und intensiver 
Schönheit des Ausdrucks, wobei der volle blühende 
Ton dfs auf virtuose Selbstherrlichkdt mit feinem 
Takt verzichtenden Klavierkünstlers, seine klare 
Detaillirung, sein hochentwickeltes rhythmisches 
Temperament den Genuss besonders erhönten« An 
dem von den Herren Fetri, Drechsler, Spitzner, 
Kühne, Böckmann und Grützmacher vorgetragenen 



Sextett, dem frühzeitig eine bevorzugte Stelle 
Eonzertleben euigerftumt worden ist, erfreute i 
sich der lebendip;en Durchdringung und Beseelnziic 
der liebenswürdigen melodischen Züge, die im 
Finalrondo für Brahms fast zu harmlos anmathen, 
und an den feinen Abstufungen des Tonkoloiita. 
Etwas Charaktervolleres und zugleich TonsehOneres 
als die Variationen des Andante hat der Meister 
sp&terbin kaam geschaffen. Zwischen den beiden 
Instrumentalschöpfangen sang Herr Perron, am 
Flügel von Herrn Schuch mit feinstem Musik- 
empfinden begleitet, vier Lieder, denen er auf den 
allgemeinen Beifall des Pabliknms hin die .Mai- 
nacht* als fünftos hinzufügte. Namentlich mit den 
tiefernsten ersten Gesftngen, sowie der Magelone- 
Romanze ,80 wilbt Du des Armen* fesselte der 
Künstler durch die wahrhaft empfundene, warm er- 
fassende Art seines Vortrags. 



Meinungs-Austausch, 



In der „AUgemeiBen detttscfaeB BLogn^^hie'» 
welche wohl wenigen Musikern zugäoglich, aber ans 
berufenen Federn ausführliche Aufsätze über Ton- 
künstler enthält, behandelt im 40. Band Robert 
Eitner das Leben Robert Yolkmann's. Eitner be- 
haoptet, dass ausser Mendel - Reissmann und 
Dr. Riemann kein Lexikon etwas über Volkmann 
bringt, und es überhaupt keine Volkmann- 



Bio^phie giebt Dem ist aber nicht so; die 
Lffioka um Qrove, Breslaur u. A. erwähnen Volk- 
mann mehr oder ndadn ausführlich, nnd sein 
Leben findet sich in La Mara'is MnailE-StadienkOpfen 
beschrieben. Eben so wenig fallen seine herrMeben 
Werke der Vergessenheit anheim. In jeder Saison 
bei Kammermusik-, Symphonie- nnd Schüler- 
Aufführungen findet man den Namen Volkmann. 



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FleUtz, A. V., Od. 61. Prftladien. 3 JL 
Heuser, Erast,\Op. 26. Prftladium und Fuge. 2 JL 
Moore, Graham, F., Op.85. 9 Klaviergedichte in Btnden- 

form, je VU JC, 
?T9i^Wf Carl, A., öp. 32. Variationen über ein eigenes 

Thema. 21/2 Jt. 
Soharwenka, Ph^ Op. 101. 5 Klavierstücke, l^fr-^y 2 JC 
Schuppany Ad.y Op. 16. Deutsche T&nze. Nene Folge. 'iJC 

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Prospekte fr« Prof. EXXlil BreelaUr. Sprechstunde 5-6. 



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Sr. Maj. des Kaisers von Deutschland nnd Königs von Preiusen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin von Deutschland und KOnigin von Preussen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin Friedrich, 

Sr. Maj. des Kaisers von Bussland, 

Ihrer Hai. der Königin von England, [^8] 

Ihrer Mai. der Königin Begentin von Spanien, 

Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Carl von Preussen, 

Sr. Königl. Hoheit des Herzogs von Sachsen-CJoburg-Gotha. 

Ihrer Königl. Hoheit der Prinzessin Louise von England (Marchioness of Lome;- 

T fXfOTxrkfS xn- L Fabrik: &-7 Joluuuiis-Str. u. 27 Zlegel-S^. -«tti-ot tm- -mt 

JLjUJN JJUJN W . n. Fabrik: 21 GrUnauer-Str. u. 8S Iflener-Str. 
40 Wlgmore Street. IIL Fabzik|: 12^ BelolienbergerbStr. 



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5—7 Johannls-Str« 



— 154 — 



die Post aber von da an um 8 Übr. Wie eine 
Windsbraut saoste icb mit Droschkengelegenbeit 
gegen Hotel de France (wo sie mir der Franken 
viele abnahmen), packte noch schneller and donnerte 
aaf meinem Phaeton wieder zorück, dass Kiess and 
Fanken stoben 

Im Augenblick war ich eingeschifft und lustig 
ging's mit der Elbe bis über Altena, yon wo es 
desto trauriger mit etwas Westwind (der himmlischtf 
Schneider muss nicht Zeog genag gehabt haben, um 
statt einen West-, einen Frack- oder Gapotwind her- 
auszuschneiden) stromaufwärts ging. Da hatte ich 
di>nn, trotzdem dass die Sonne mich zum Afrikaner 
zu schmoren gedachte, Zeit genug, um an mein frevelnd 
Beginnen, Ihre Verwonderung und der schönen Ham- 
burgerinnen Verzweiflungi an den guten wartenden 
Kraoz, den Michelsthurm und Tivoli etc. zu deoken. 
Aber es war geschehen und nicht mehr zu ftndem. 
Die Bilder der Heimath, Weib und Kinder, Ueber- 
raschuog, Wiedersehen etc.| verdrängten den eitelen 
Gedanken, als würden Sie noch lange und viel daran 
denken, wo ich geblieben,— kurz, nach dreistfindiger 
Fahrt kam ich nach Harburg und Dienstag Abend 
um 7 Uhr elendiglich durchgeschüttelt auf meinem 
Rücksitz (No, 12) in Hannover und in meinem Hause 
an, wo ich meine liebe Marianne mit dem jüngsten 
im Zimmer herumtänzelnd fand und bdide auf ein- 
mal freudig an mein Herz drückte. Der Freude 
uDd des Erzählens war kein Ende. Dass Ihre liebens- 
würdige Lina uod Sie in dieser Geschichte die Haupt- 
rolle spielten, dürfen Sie nicht bezweifeln. Ich hatte 
meiaer Frau versprochen, dass Sie bald mit Weib 
und Kind hierberkonmien, und es versteht sich von 
selbst, dass S i e Wort halten. 

Ihr gütiges Aviso auf die Briefe meiner Frau 
habe ich erhalten, und ich gestehe, es macht mich 
ordentlich traurig, dass das Schicksal in der von mir 
hinterlassenen und von Ihnen gütigst spedirten Wäsche 
gleichsam das letzte Pfiand einer Freundschaft und 
die einzige Erinnerung an mich entreisst Aber ich 
habe Sie als Mann kennen gelernt und weiss, Sie 
werden sich drob ehlich fassen, und doch vielleicht 
dessen manchmal freundlich gedenken, der Ihnen 
heute so fröhliche Stunden dankt, dies nie vergessen 
wird und sich nun sammt Weib und vier Kindern 
Ihnen, Ihrer sehr guten und lieben Frau, Ihrer 
Schwester, Herrn Völklein et Gompagnie etc., herz- 
lichst und bestens empfiehlt und sich mit herz- 
licher Achtung und Ergebenheit empfiehlt als 

Ihren stets treuen Freund 
Heinrich Marschner, 
welcher schliesslich auch mit grösstem Vergnügen 
die Wäsche und Porto-Expensen dem glücklichen 
Eheherrn Adolf Meyer verbindlichst erstatten wird. 

Sr. Wohlgeboren, 

dem Herrn Herm. Königswarter 

in Hamburg.* 

• 
Gonradin Kreutzer, der Komponist des 
„Nachtlager von Granada*, war mit vielen Töchtern 
gesegnet, die sich sammt und sonders der Kunst 
widmeten. Zwei von ihnen waren Sängerinnen, und 
Papa Kreutzer gab sich die erdenklichste Mühe, ihnen 



an guten Bühnen Engagements zu verschaffen. Ich 
reproduzire hier zwei Briefe Gonradin KreoUer^ in 
dieser Angelegenheit a^ die groesherzogliche Hof- 
theater Intendantur, also lautend: 

.Ew. Hochwohlgeboren! 
Hochverehrtester Herr Intendant! 

Da sich hier das Gerücht verbreitet, dass durcfa 
den Abgang der Madame Poiszl das Fach der jogend- 
lichen Gesangspartlen sowie der höheren Soubretten- 
rollen vacant werde, auch durch die Abreise d^ 
Demoiselle Franchetti der f rneren Aufführung der 
neuen Gper »Des Teufels Antheil' Hinder- 
nisse entgegentreten, so nehme ich mir die Freiheit, 
an Hochdieselben die Fra^e zu stellen, ob meine 
ältere Tochter nicht das Glück haben könnte, in be- 
nannter Oper als „G a r 1 B r o s ch i'^ zu gastiren, 
um so mehr, da ich Sie, verehrtester Herr Baron, 
versichern darf, dass nicht nur dass diese Partie eine 
ihrer vorzüglichsten und gelungensten ist, und daher 
auch hier bei den vielen Wiederholungen diesQfOper 
stets Anerkennung und einstimmigen Beifall fand, 
sondern auch, dass seit sie die Ehre hatte, im Nacht- 
lager zu smgen auf dem GrossherzogUchen Theater, 
bedeutende Fortschritte gemacht hat, worüber denn 
Sie selbst am besten urtheilen könnten. 

Ev. Hochwohlgeboren haben, seitdem das Gross- 
herzogliche Hoftheater das Glück hat, Sie als Inten- 
dant zu besitzen, schon so viele Einrichtungen und 
Verbesserungen in der Oper getroffen, wie schon 
allein das Engagement der zwei so ausgezeichneten 
Künstler wie Reichel und Breiting zu Genüge be- 
weist, dass ich überzeugt bin, dass Hochdieselben 
auch Alles aufbieten werden, auch alle anderen noch 
fehlenden Fächer ebenso würdig zu besetzen, und so 
*) den früheren grossen Ruf dieser HofbiLhne zurück- 
kehren werden. 

Ich würde es für ein grosses Glück meiner 
Tochter schätzen, wenn sie durch Ihre gütige Pro- 
tection allerst gastiren und dann im FaUe des Ge- 
ftdlens ein Engagement am Grossherzoglichen Hof- 
theater finden könnte, um so mehr, da ich den Plan 
habe, mit meiner jüngeren Tochter, die sich eben- 
falls dem Gesänge und dem Theater widmen will, 
für etwelche Jahre nach Italien zu gehen, da sich 
ihre Anlage und Stimme für den italienischen colo- 
rirten Gesang eignet uod sich während dieser Zeit 
meine ältere Tochter beim Grosshersoglichen Hof- 
theater gut versorgt und aufgehoben wüsste. 

Ich wende mich daher in vollem Vertrauen aaf 
Ihre Herzensgüte und mit festem Willen, etwas Gutes za 
schaffen, an Sie, verehrtester Herr Baron, und habe, 
auch die Deberzengung, dass ein solches Engagement 
ganz von Ihrer Ansicht und Beschlüsse abhängt, und 
Sie durch die Gewährung meines Wunsches, meiaer 
Bitte mich und meine ganze Familie zu ewigem 
Danke verpflichten werden. 

Genehmigen Hochdieselben die Yersicherong 
meiner unbegrenzten Hochachtung und Dankbarkeit. 

Mainz, im April 1844. 

Ew. Hochwohlgeboren 
ganz ergebenster Conradin Kreutzer. 

*) Ein Flüchtigkeitsfehler, den ich aber nicht 
verbesserte. 



— 155 - 



Sr. Hochwohlgeboren dem Herrn Baron von 
I>allwig^ Intendant des ürossherzeglichen Hoftheaters 
In DansiBtadt 

Ew. Hochwohlgeboren habe ich die £bre, die 
Naehricht sa geben, daas meine jüngere Tochter 
Marie künftigen Samstag, den 28. d. IL, ihr erstes 
Debüt alsAdaigiseanf dem hiesigen Stadttheater 
machen wird. Es wäre nns sehr schmeichelhaft, 
wenn es Ew. Hochwohlgeboren gefallen möchte, za 
dieser Vorstellong hieher za kommen, um so mehr, 
als anch ein Sftnger aas Gent, mit einer Torzüglichen 
Tenorstimme begabt, seinen ersten theatralischen 
Versach in der Rolle des Sever machen wird, and 
Ton dem ich mir einen grossen Erfolg Tersprecbe. 

Meine Fraa, sowie meine beiden Töchter freuen 
sich bei dieser Gelegenheit das Vergnügen za haben, 
Ew. Hodiwohlgeboren za sehen and za sprechen. 

Genehmigen Hoehdieselben die Versicherang 
meiner Hochachtung and Verehrung. 
Mainz, den 85. Dez. 1844. 

Ew. Hochwohlgeboren 

ganz ergebenster 

Gonradin Kreatzer.* 

* • 

Ein Brief Felix Mendelssohn-Bartboldy's 
an Carl Immermann liegt mir vor, der um 
80 interessanter ist, als sich der berühmte Komponist 
darin über die französische Revolution in charakteristi- 
acher Weise Sussert. Er lautet: 

«London, 9 Jani 1832. 
Lieber Herr Immennann! 
In diesem Augenblick erhalte ich die Oper und 
moss den Brief in einer Viertelstande auf die Post 
geben, um Ihnen, wie Sie es verlangen, gleich den 
Erfolg zu melden. Ihren Brief hatte ich seit U Tagen 
schon, und das Packet schien verloren« Hier auf der 
Post war nichts zu erfahren, ich schrieb nach Rotter- 
dam deswegen, und auch da war es nicht; nun 
wollte ich eben an Sie schreiben und mich erkandigen, 
als es plötzlich auf meinem Tische gestern in London 
angekommen. Nochmals allen herzlichen Dank. 
Ich habe es no ch nicht lesen können, weil der Brief 






schnell fort moss, aber ich habe schon gesehen, dass 
BSume, Klippen und Strfiucher ihre eigene Musik 
vollführen, und das leuchtet nur sehr ein. Sobald 
ich es nur kann, ein Nfiheres und Breiteres darüber ; 
aber mehr sagen, als .ich danke*', wird auch dann 
nicht gehen, obwohl ich dann noch besser wissen 
werde wofür. Nach Düsseldorf wollt' ich eigentlich 
in 14 Tagen kommen, wo ich London verlasse, aber 
zwischen hier und Rotterdam liegt eine siebentägige 
Quarantäne, die hält mich davon ab, den Plan J aus- 
zuführen; ich gehe nun über Hambarg und denke, 
am 23. in Berlin einzutreffen. Wir alle siod heute 
in der grössten Aufregung, wegen der entsetzlichen 
Nachrichten aus Frankreich; das ist ein un- 
glückseliges Land, und der Gedanke an all' 
das Elend lässt mich heute zu keinem Frohen kom- 
men. Nochmals entschuldigen Sie diese eiligen 
Zeilen und leben Sie mir wohl. 

Ihr 



tt 



Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

Mit Interesse wird man schliesslich einen Brief 
Richard Wagner'saus seiner Dresdener Kapell- 
meisterzeit lesen, als er für das Aufführungsrecht seiner 
Mosikdramen von den Bühnenleitern noch ein sehr 
bescheidenes Honorar verlangte. Der Korn* 
ponist schreibt an die Intendanz zu Darmstadt: 

.Einer hohen Grossherzoglichen Hoftheater-In- 
tendanz erlaube ich nur das Bach und die Partitur 
meiner Oper „Rienzi* hiermit zu übersenden, und 
zwar mit der ergebensten Bitte, mir spätestens 
in 4 Wochen über deren Annahme zur Aufführang 
auf dem GrossherzogUchen HofUieater zu Darmstadt 
Nachricht zukommen lassen zu wollen. 
Meine Honorarbedingungen sind 

fünfundzwanzig Louisdors, 
beim Ankauf der Partitur zahlbar. 

Mit grösster Verehrang empfiehlt sich 

Einer hoben Hoftheater-Intendanz 
Dresden, 12. Aag. 1844. unterthänigster 

Richard Wagner, 
K. Sächsischer Capellmeister.*' 
(Schluss folgt) 



Aus alten Büchern. 

(Allgemeine Geschichte der Musik von Forkel. 1801). 

(Schluss.) 



Die Zahl aller Sänger und Spieler belief sich auf 
4000. Unter diesen waren S88, denen eine vorzüg- 
liche Kenntniss der Musik beigelegt wird. Diese 
standen wieder in 84 Ordnungen unter 24 Dnter- 
kapellmeistem, welche sänuntlich Söhne der drei 
Oberkapellmeister Heman, Assaph und Jedithun 
waren, so dass jeder der 24 Unterkapellmeister 
11 Meister unter sich hatte, mit welchen sie jedesmal 
eine Ordnung ausmachten. Diese Meister waren 
angewiesen, die noch nicht unter die Meister ge- 
hörigen Sänger in den Grundsätzen der Musik zu 
unterrichten. Es wird bezweifelt, dass Fhiuen an 
der gottesdieniüicfaen Musik theilgenommen haben. 



Der Sängerinnen geschieht in mehreren Stellen der 
Bibel Erwähnung z. B. 

Unter Moses und den Richtern waren es Mirjam 
und Debora. Femer die Frauen als David aus der 
Schlacht gegen die Philister zarückkehrte. 

Im 1. Buch der Chronica 25, 5, wo von Davids 
musikalischen Einrichtungen erzählt wird, heisst es: 
Gott hatte Bemann 14 Söhne und 3 Töchter 
gegeoen. Diese waren alle unter ihren Vätern 
Assaph, Heman und Jeditbuo, zu singen im Hause 
des Herrn mit Cymbeln, Psaltern und Harfen nach 
dem Amt im Hause Gottes bei dem Könige. Hieraus 
erhellt, dass Frauen (und sollten es auch nur Frauen 



— 156 — 



und Töchter der Leviten gewesen sein, Antheil an 
der gottesdienstlichen Mosik hatten. 

Nach der Rückkehr der Jaden ans Babylon be- 
stand auch noch die Gewohnheit, nach welcher 
Fraaen an Öffentlichen musikalischen Feierlichkeiten 
theilnahmen. 

Im Bache Esra 2, V. 65 heisst es, sie hatten bei 
ihrer Rückkehr 200 Sftnger and S&ngerinnen. Das 
Buch Nehemia giebt diese Zahl noch grösser an: 
Sie hatten 245 Sftnger und Sftngerinnen. Als Josia 
im Streit umkam, heisst es: Cm Jeremia klagte 
Josia und alle Sftnger und Sftngerinnen redeten ihre 
Klagelieder über Josia bis auf diesen Tag and 
machten eine Gewohnheit daraus in Israel. Sirach 
beweist, dass das Studium der Musik, besonders des 
Gesanges unter den israelitischen Frauen etwas ge- 
wöhnliches war und hftlt sogar die Reisungen einer 
schönen Frauenstimme für gef&hrlich, denn er er- 
theilt den Rath: Balte dich nicht zur Sftngerin, auf 
dass sie dich nicht fahe mit ihren Reizen. 

Im 68. Psalm schreibt David: die Sftnger gehen 
vorher, danach die Spielleute unter den Mftgdeo, die 
da pauken. Ein jüdischer Schriftsteller namens 
Bartenora vermuthet, dass auch Knaben bei der 
gottesdienstlichen Musik der Hebrfter gebraucht 
wurden. 

Die Einrichtung des Gottesdienstes, die Ab- 
wechselung der verschiedenen Ordnungen, die jedes- 
malige Anzahl der S&oger und Spieler, die bestimmte 
Anzahl der dabei za gebrauchenden Instrumente, 
femer die Kleidung, womit die Leviten beim Dienste 
angethan sein müssten, findet man in mehreren 
Schriften über die Musik der Hebrfter weitlftnfig 
erlSntert. 

Auch Iftsst sich vermuthen, dass David eine Hof- 
kapelle gehabt hat. Dies geht hervor aus dem Bericht 
2 Samuel 19, V. 33-35, in welchem Barsilüa spricht: 
Wie sollte ich kennen, was gut oder böse ist, oder 
schmecken, was ich esse oder trinke, oder hören 
was die Sftnger oder Sftngerinnen 
singen? — Auch ist anzunehmen, dass David als 
Liebhaber der Musik sich auch ausser dem Gottes- 
dienste damit beschäftigte. Vielleicht beweist auch 
die Stelle im 1. Gbron 25, V. 2: Assaph, der da 
weissagte vor dem Könige, dass David eine Zahl von 
Sftngern und Spielern zu seiner Privatunterhaltung 
bestimmte, deren Vorsteher Assaph war. 

Unter Salomos Regierung erreichten die Künste 
ihren höchsten Gipfel. Dies zeigte sich beim Tempel- 
bsu in der Einweihung desselben. Die Zahl der 



Sftnger and Spieler, welche anter David bereite eine 
grosse war, wurde bei dieser Gelegenheit um wielaa 
vermehrt. Die Zahl der zu derselben aagefertigten 
Instramente ist überaus gross. Joaephas zfthit 40,000 
Harfen, eben soviel goldene Siftem and .SOO,000 
silberne mosaische Trompeten auf. Für die leyi- 
tischen Sftnger waren 200,000 Kleider aagefez-tigt. 
(Wenig glaubwürdig!) 

Dass Salomo eine Hofkapelle errichtet hatte, er- 
zfthit er selber, Pred. 8, V. 8: Ich schaffte mir 
Sftnger und Sftngerinnen and Wollast der Menschen, 
allerlei SaitenspieL 

Nach Salomos Tode verfiel die Kunst der Maaik, 
verursacht durch die Onruhen in und unter den 
beiden Reichen Juda and IsraeL Man findet aacb 
in der Bibel von Salomos Tode bis zum letzten 
Könige in Juda, Zedekia, beinahe 400 Jahre hindoxcb 
keine einzige musikalische Begebenheit auszeichnet 
Wohl aber klagen die Propheten darüber, dasa die 
Munk an Adel und Würde verloren habe and ia 
Uepppigkeit ausgeartet sei: Jesaias 5, V. 5 and 6* 
Arnos 6, V. 4 und 5. 

Unter dem Könige Ahas stieg dieser Vorfiall aufe 
höchste. Sein Solm Hiskias reinigte zwar den Tempel 
von den Grftueln und stellte den Gottesdienst wieder 
her. Die Leviten standen mit den Saitenspielern 
Davids, heisst es 2. Chron 29, V. 26—27, and die 
Priester mit den Trompeten. Dnd Hiskias hless sie 
Brandopfer thun auf dem Altar. Und am die Zeit^ 
da man anfing das Brandopfer, fing auch an der 
Gesang des Herrn and die Trommeten and aaf 
mancherlei Saitenspielen Davids des Königs IsiaeL 

Aber diese Herstellung dauerte nicht lange, denn 
unter Manasse wurde es mit dem Götzendienste ftrger 
als zuvor. 

Pbalm 137 beklagt sehr rührend den Zustand der 
Musikkultur zur Zeit des Exils. An den Wassern zu 
Babel u. s. w. 

Wfihrend der Getogenschaft müssen jedoch die 
Israeliten Gelegenheit gehabt haben, ihre Musik aus- 
zuüben, denn nach der Befreiung aus derselben 
kehrte ein Chor von 200 bis 245 Sftngern und 
Sftngerinnen zurück. Obgleich nun nach der baby- 
lonischen Gefangenschaft der Tempel wieder erbaut 
ward und der Davidische Gottesdienst eingerichtet 
wurde, so war doch keine Bemühung mehr im stände, 
den alten Glanz auch nur im entferntesten wieder 
herzustellen. Selbst den eifrigen Bemühungen des 
Judas Maocabfttts war es nicht mehr mOglicb, eine 
Yerbessemng von Bedeutung zu stände zu briogeo. 



Musik-Aufftthrnngen. 



Drittes Kammermusikfest des Vereins Beethovenhaus. 

Zugleich GedSchtnissfeier für Johannes Brahms. 

(t 3. April 1897). 

Bonn, 27. Mai. 
Die Frage, ob Kammermufiikprogramme musik- 
festifthig, hat Meister Joachim durch die in der rhei- 
nischen alma mater zum Besten des Beethovenhauses 
arrangirten ersten beiden Kammermnsikfeste im be- 



jahenden Sinne entschieden. Auch die diesjährige, 
mit einer grossen Matinee heute glftnzend beendete 
Feier spricht entschieden dafür, obschon ich darnm 
einem Arrangement solcher Feste in unseren slmmt- 
lichen Musikmetropolen durchaus nicht das Wort ge- 
redet haben möchte. Bine der Hanptvorbediogongen 
für den künstlerischen Erfolg solcher Veranstaltangen 
ist nfiffilich gerade hier in vollem Umfange gegeben: 



- 167 — 



die EziBtenz eines nicht allso grossen, ainistiscb vor- 
tref flieh konstniirten Konzertsaales und eines festen 
Stammes gut erzogener, begeisterter und auch wohl 
keontnissreicher Mosiktriarier, welche die mahevolien 
Vorbereitongen derartiger FestivitSten völlig aaf sich 
nebmeD. Aofrichtig za bedauern bleibt nur, dass 
man das Fest als Gedächtnissfeier ffir 
Johannes Brahms beim besten Willen nicht 
als Tollgiltig betrachten kann. Um dies za erreichen, 
hfttte man dem gegebenen Oeistesporträt des grossen 
Todten auch seine charakteristischen Zfige als Beherr- 
scher der Mächte der Massen : als Chor- and Orchester- 
komponist, verleihen müssen. Und gerade Joachim, 
der mit dem Verklärten von früher Jagend an darch 
intimste Freondschaftsbande verbanden war and der 
im Verein mit seiner Gemahlin dem edlen Genossen 
ein Kanstapostolat widmete, wie es selbstloser nnd 
wirksamer die Masikgeschichte kaum kennt, gerade 
er vor allen Lebenden wäre bemfen gewesen, ihn 
uns aach nach jenen beiden Seiten hin auferstehen 
and lebendig zu machen. Man sagt dass die Zeit za 
kurz gewesen, am die nOthigen Chor- and Orchester- 
krftfte za werben. Brahms starb am 8. April, als 
das erste, später total veränderte, Programm des 
Festes bereits veröffentlicht war. Und Joachim 
könnte za seiner Rechtfertigung, .ein musikalischer 
Wallenstein, wohl fragen : 

«Kann ich Choristen aas der Brde stampfen? 

Wächst ein Orchester mir auf flacher Hand?* 
Wir müssen uns also bescheiden, wenn wir auch 
zu wissen glauben, dass Joachim schon andere, 
grössere Dinge vollbracht hat, als solche. 

Das Festprogramm, ausschliesslich aus Kompo- 
sitionen von Brahms und Beethoven aufgebaut, brachte 
ausser der heotigen Matinee vier Soireen, von denen 
je eineausschliesslich Brahms- bezw. Beethoven-Abend, 
die übrigen von gemischtem Prognunm waren. Aas- 
fuhrende Kräfte waren: das Joachim-, das 
KOlnerGürzenich- und dasHeerman'sche, 
Frankfarter Streichquartett, das Vokal- 
quartett der König!. Hochschule: (die 
Damen Betsi Schot (Sopran), B 1 s e Tube (Alt), 
Cornel. Bakkes (Tenor) und F, Schleicher 
(Bass), die Pianisten Prof. H. Barth, (Berlin) und 
L. Borwick (London) und M. K u n t z, eine durch 
Meister Stockhausen gebildete Altistini der vor- 
treffliche Hornist, Kammermusiker B. H o y e r aas 
München, femer der berühmte, selbst einen Brahms 
inspirirende und durch ihn, wie er in der Klarinetten- 
lonate op. 120 so glänzend bewies, rückwirkend 
mächtig wieder inspirirte Meiningener Mühlfeld, 
Kammersänger Karl Mayer aus Schwerin und 
— last not least — Herr Arnoti Kroegel aus 
Köln, ein Künstler, der als Begleiter der Gesangsoii 
eine masikalische Intelligenz, Feinfühligkeit, und 
ein pianistisches Können bewies, die ihn des höchsten 
Lobes würdig machten. Hans von Bülow rühmte mir 
einst den Accompagneteur eines Concertes, dem wir 
beiwohnten — es war mein Brader und ich dsrf s 
wohl ssgen weil derselbe leider todt ist — über alle 
Maassen und hielt mir dann in seiner pointirten 
Weise einen kleinen Vortrag über die musikalische 
Bedeutung des Begleiten. Und in der That 



— der echte Masiker wird als Begleiter gar häafig 
weit deutlicher sich offenbaren können, wie als Solist. 
Von Herrn Kroegel brauchte ich weiter gar nichts 
zu hören , um ihn als ganzen Masiker und Vollblut- 
Pianisten in ehrender Erinnerung zu behalten. 

Die einzelnen Programmnammem (die Lieder 
registrire ich nor der Zahl nach) waren folgende: 
Von Beethoven: Quartette in A-dur op. 18 No. 5; 
E-moll op, 59 No. 2; F-moU op. 95; Es-dur op. 127; 
F-dur op. 135; Cis-moll op. 131; die Crmoil- Varia- 
tionen für Pianoforte (Herr Prof. Barth); von 
Brahms: Quartett in A-moU op. 51 No. 7; Quintett 
in G op. 111; Horntrio op. 40; Quintett in F-moll 
op. 34; Klarinetten - Qaintett op. 115; Klarinetten- 
Sonate op. 120 No. 2; Sextett in B op. 18; die Liebes- 
Ueder-Walzer op. 52; die Händel-Variatioaen op. 24 
(Prof. Barth); zwei Quartette für vier Solostimmen 
op. 64 No. 1 und 2 and 23 Lieder beider Meister. 
Unter den letzteren befeinden sich auch die «Vier 
ernsten Gesänge* für eine Bassstimme op.l21, Brahms' 
letztes Werk, die Herr Mayer mit einem solchen 
Ernst der Auffassung and geistigen Durchdringung 
wiedergab , dass man ordentlich froh darüber warde, 
wenn man aach die Philosophie, die in dem ersten 
Gesänge (Prediger Salomo Kap. 3, V, 19—22) sich 
ausspricht, nicht goutiren und musikalischer Ver- 
ewigung nicht besonders würdig erachten kann. Eine 
Kritik der einzelnen Leistungen zu geben, liegt nicht 
in meiner Absicht, wäre auch an diesem Orte, wo 
die meisten Mitwirkenden längst bekannt sind, ent- 
schieden depladrt. Interessant war das Auftreten 
der drei verschiedenen StreichquartettkOrper. Das 
Joachim 'sehe, nebst seinem pianistischen Mit- 
kämpfer Prol Barth, steht ja schon längst hors de 
concours, doch auch das Frankfarter dürfte dieser 
Ehre theilhaftig sein, und das Kölner kann's noch 
werden. Von den Gesangssolisten hatte die Sopra- 
nistin Frl. Pregi den Löwenantheil am Erfolge. 
FrL M. K u n t z, die Altistin, hat ein schönes und 
vortrefflich gebildetes, doch keineswegs phänomenales 
Organ, und auch dem Vokalquartett der Königl. 
Hochschule dürfte man in seinem gegenwärtigen Ent- 
wicklangsstadiam leicht manche Konkurrenz finden 
können, so vielversprechend die Leistungen des jungen 
Künstlervereins auch gegenwärtig schon sind. Der 
Pianist Herr Boswick aus London, ein Schüler 
der unvergesslichen Clara Schumann, war mir noch 
unbekannt Der junge Künstler hat eine vortreffliche 
Technik, dazu Temperament und ein in hohem Grade 
entwickeltes musikalisches Anpassungsvermögen. 
Brahms scheint ihm besonders an's Herz gewachsen 
— jeden&lls ein gutes Zeugniss und gleichzeitig die 
beste Hoffnungseröffnung für seine Zukunft Soll ich 
ein Gesammturtheil über die Festleisongen, einzelne 
Ausnahmen vorbehalten, in einen Satz zusammen- 
pressen, so möchte ich es in dem Schumann'schen 
thun: „In der Musik giebt es nichts Grösseres, als 
jenen Genuss der Doppelmeisterschaft, wenn der 
Meister den Meister ausspricht* Insofern war das 
Fest allerdings auch eine Brahms-Gedächtnissfeier, 
und zwar eine der schönsten, würdigsten. Feiere nun 
ein Jeder in seiner Weise das Gedächtniss des grossen 
Meisters weiter. Geloben wir uns, wie der vortreff- 



- 168 — 



liebe Regent des Frankfurter Boch^schen Konserva- 
torinmB kürzlich mir acbrieb, «seine Fahne hoch zu 
halten and Musik nur um der Musik willen zu trei- 



ben*. Dann werden wir zu Bhren der Kunst wie sa 
unserer eigenen wirken und dem entsehlafenen groa aon 
Nachklassiker die wahre» echte Oediehtnissfeier halten. 

JoHf SehraUmhoie. 



Ton hier und ansserhalb. 



Berlin. Der König von Württemberg yerlieh Frau 
Gössler-Heim in Stuttgart den Titel einer Hof- 
piaoisteD. 

— Hm. Dr. v. Hase, Chef der Firma fireitkopf 
& Hftrtel in Leipzig, wurde der prenssische Kronen- 
orden 4. Klasse ▼erliehen. 

— Auch die letzten Konzerte des Berliner Phil- 
harmonischen Orchesters in Pktris haben einen ausser- 
ordentlichen Erfolg gehabt. Das letzte Konzert im 
Zirkus war überfüllt. Nach jedem Stück erscholl 
rasender Beifall und minutenlanger Applaus. Auf 
Verlangen wurde auch diesmal wieder die Freischütz- 
Ouvertüre, Wagner's Waldesweben aus Siegfried und 
die Tannhäuser-Ouvertüre gespielt In Bach's Kla- 
vierkonzert für drei Klaviere wirkten drei französi- 
sche Pianisten, Diemer, Pngno und Riesler, mit 
Beim Schluss des Konzerts wollte das Publikum nicht 
fortgehen und blieb noch zehn Minuten lang im 
Saale anter fortwährendem frenetischen Applaudiren, 
Tücher- und Hüteschwenken zurück. Laute Rufe 
ertönten: A bientöt! Au revoir! Nach mehr als 
einem Dutzend stürmischen Hervorrufen erg^ 
Nikisch das Wort und sagte: Je vous remerde de 
tout mon coeur — au revoir ! Nikisch war so er- 
griffen, dass er weinte. Nachdem das Publikum end- 
lich hinausgegangen, blieb es vor dem Zirkus stehen 
und erwartete Nikisch, ihm herzliche, enthusiastische 
Ovationen darbringend. Nikisch, seine schöne blonde 
Frau am Arme, theilte überallhin Händedrucke aus. 
Die Menge folgte ihm, bis Nikisch einen Wagen an- 
rief. Als Herr und Frau Nikisch einstiegen, nahmen 
alle Herren die Hüte ab. Der Erfolg des Berliner 
Orchesters und seines Führers übersteigt alle Er- 
wartungen; dergleichen Huldigungen hat Niemand in 
Paris für möglich gehalten. 

•— Ueber Leoncavallo's neue Oper ,La Bohdme* 
wird der „N. Fr. Pr** aus Venedig telegnqihirt: 
Heute fand hier die erste Aufführung der neuen 
Oper .La Boheme* (nach Murger's Erzählungen) von 
Leoncavallo statt Der erste Aufzug gefiel wegen 
der munteren Lebhaftigkeit der Musik. Das Werk 
bildet ein schönes Ensemblestück, die echt lyrische 
Komödie ist sehr originell and voll Schwang. »Fal- 
staff* ausgenommen, gibt es in Italien kein ähn- 
liches Werk. Musette's Lied ist sehr anmnthig, 
ebenso entzückten mehrere melodische Phrasen. Der 
Beifall war sehr stürmisch, der Komponist wurde 
vielmals gerufen. Im Theater heizschte grosses Ge- 
dränge, ein Menge italienischer und fremder Musiker 
wohnten der Aufführung bei. Die Inszenirung war 
prächtig, die Aufführung sehr gelungen. Die Musik 
im zweiten Akte ist noch munterer und glanzvoller 
als die im ersten. Sie enthält wirklich Geist und 
Wesen des Murger'schen Vorbildes. Eine Romanze 



Marcello's ist entzückend, der Walser Mosette^s aehr 
elegant Manchmal ist die Musik mehr ausgesacht 
als erfindungsreich, das Finale erinnert an die Zank- 
szene in den «Meistersingem''. Die Bewegung des 
Publikums ist eine äusserst lebhafte, der Beifiail sehr 
warm. Zwtt Pi^n wurden wiederholt, der Kom- 
ponist achtmal herauagerofon. Der dritte Anfrag 
ist dramatischer und bildet einen zu starken Gegen- 
satz im Vergldch zn den vorigen. Doch ist er voll 
nachdrücklicher Leidensehaft, aber weniger originell, 
and enthält eine warme, fiberschwängliche Maaik 
ohne Chöre. Der Beilali war sehr stark. Leonca- 
vallo wurde vielmals gerufen. 

— 75 Jahre alt, ist dieser Tage in Lemberg, wo 
er seit 1858 als Direktor des GaUzischen Maaikver> 
eins gewirkt hat, der polnische Klaviervürtoooe Karl 
Mikuli gestorben. Zu Gzemowiti geboren, von Haas 
aus Mediziner, ging er später zur Musik über and 
hat Ende der 1840er Jahre in Paris den Unterricht 
Chopins genossen, dem er schon ahi Landsmann be- 
sonders nahe stand. Diesen Beziehungen, die später 
freundschaftlich wurden, verdankt die Maeikweit uae 
sorgflUtig redigfrte, authentisehe Chopin -Aasgabe, 
deren Text auf des Komponisten eigene Bemerkangen 
und Angaben begründet ist 

— Die in der Musikbildungsanstalt des FrL 
Marie Proksch alljährlich veranstalteten Klavier-Pro- 
duktionen sind stets das Stelldichein gebildeter 
Musikfreunde, da die Programme ausser klassischen, 
selten gehörten Kompositionen mit feinem Geschmack 
ausgewählte Novitäten enthalten und die gute Aus- 
führung durch den bestbekannten Datenicht der 
Anstalt gesichert erscheint Die erste Abtfaeiluig 
der kürzlich stattgefandenen, zahlreich besuchten 
Sofröe trug einen historischen Charakter and machte 
die Zuhörer zuerst mit zwd musikalischen Raritäten 
bekannt, die der soeben erschienenen Sammlung von 
15 Reigen and Tänzen aus Kaiser Mathias Zeit, in 
getreuem Anschluss an die Originalgestslt (ffir 
Strttchinstmmeate} für Pianof(»te fil>ertragen von 
flngo Riemann, entnonmien waren, einer Allemaade 
von Johann Hermann Schein (1617), einem Vorgänger 
Bachs im Leipziger Thomascantorate und einem 
Balletto von Carlo Farina, einem um 1685 am kar- 
sächsischen Hofe zu Dresden angestellten italienischen 
Kammermusiker. An dem Vortrage dieser kleinen 
Klavierstücke betheiligten sich die Frls. Hahn, Bayer, 
Fischer und Hilzer. Die folgende Piöoe versetite 
die Hörer in das nächste Jahrhundert; es war ehi 
Rigaudon aus der im Jahre 1739 au^ieführten Oper 
«Der Dardanus* von Ramean, vorgetragen von Frl. 
von Bauernfeld, an welches zierliche Klavierstäek 
sich die Polonaise op. 89 anschlossi die Beethoven 
ia Wien zur Zeit des Kongresses im Jahce 1814 



- 159 — 



Böhrieb und welche erkeDnen Iftsst, welche Aii«ge- 
staltaog diese Tantform spftter durch G. M. ▼. Weber 
erhalten hat, worauf dieselbe durch Chopin su einem 
poetiachen Stimmungshiide geworden ist Die Polo- 
nwse wurde von Frl. L. Hofmann korrekt und styl- 
gemä88 ausgeführt. Die zweite Abtheilnng brachte 
zwei umfangreiche Novitäteui eine Suite für Violine 
und Piano von Phil. Scharwenka (m TorBüglicher 
Weiae Torgetragen von Frl Mahrie und Herrn 
Schach, KonzertmeiBter des deutschen Landes- 
theaters), eine durchaus interessante Komposition 
nnd Variationen fiber ein eigenes Thema für zwei Kla- 
viere von Wilh. Berger, ein hervorragendes Studien- 
werk nach dem Master von Mendelssohns seriösen 
Variationen, das Seitens der Frls. Schmidt und Berg- 
mann in sorgfältiger Ausarbeitong zu Gehör gebracht 
wurde. Letztere Pianistin zeigte überdies in der 
glänzenden Wiedergabe der zweiten pompösen Polo- 
naise von Liszt eine hochstehende technische Fertig- 
keit und eine zutreffende Auffassung, die sich auch 
in dem Vortrage zweier originellen Solostücke ans 
dem Erotiken von Sjögren durch Frl. Libitzky 
geltend machte. Zwischen den InstramcDtalnummern 
deklamirte Frl. Tini Hofmann in geist- und gemüth- 
voller Weise das melodramatische Gedicht ^Mozart*' 
von Mosenthal, dessen Pianobegleitung von Kügler 
Herr R. Proksch besorgte, und vier kürzere Dich- 
tungen. K. 

— Das 74. Niederrheinische Mosikfest am 6., 7. 
und 8. Joni In Aachen unter Leitung der HH. Dr. 
Hans Richter aus Wien und Sohwickerath in Aachen 
bat folgendes Programm : 1. Tag. Missa solemnis 
nnd «Broica*-8ymphonie von Beethoven. 2. Tag, 
4. Symphonie und vier ernste Gesftnge von Brahms, 
.Die Seligkeiten* von G. Franck. 3. Tag. D-dur- 
Orchestersnite von S. Bach, H-moU-Symphonie von 
Schubert, «Don Joan* von R. Strauss, Oaverture 
«Cameval* von Dvorak, Schlossscene der »Meister- 
singer* von Wagner, Solovortrftge. Als Gesangs- 
solisten werden Frauen Gmür-Harloff aus Weimar 
und Grftmer-Schleger aas Düsseldorf, Frl. Landi aus 
London und HH. von Zur-Mühlen aus Berlin, Perron 
aus Dresden und Sistermans aas Frankfart a. M. 
genannt, während im instrumentalen Bereich einzig 
nur Frau Garrefio solistisch mitwirken wird; aller- 
dings eine Vertreterin, wie man sie glücklicher nicht 
wählen konnte. 

— Zum Streik im Stuttgarter Konservatoriam 
wird die Erklärung der Direktion bekannt, die rele- 
girten Schüler und Schülerinnen wieder antiiehmen 
zu wollen, falls sie den disziplinwidrigen KoUektiv- 
scbiitt zurücknehmen und sämmtliche Unterrichts- 
stunden besuchen. 

— Der Pianist Hr. Paderewski veranstaltete am 
29. April in Paris ein Konzert zum Besten des da- 
selbst projektirten Litolff-Denkmals, das den enormen 
Ertrag von 14 000 Frs. hatte. 

Frankfiirt a. M. Am 18. Mai starb dahier im 
hohen Alter von 80 Jahren Gustav Barth, Sohn 
des einst berühmten Wiener Tenoristen Joseph 
Barth. Der Verstorbene lebte früher in Wiesbaden 
und war darch Veranstaltung von Konzerten und 
namentlieh denjenigen bei Hof und im Kurhaas eine 



in der musikalischen Welt Nassaa*s bekannte und 
geschätzte Persönlichkeit. Der Herzog von Nassau 
ernannte ihn zum Hofkonzertmeister, und als seine 
Thätigkeit durch die Annexion des Herzogthums im 
Jahre 1866 aufhörte, erhielt er eine kleine Pension 
und zog nach Frankfart Hier vertrat er in den 
70er und 80er Jahren in sachlicher und verständiger 
Weise die masikalische Kritik über Oper und Kon- 
zert für die «Dldaskalia*. Dem Gesang war Barth 
besonders zugethan, wohl ein Erbtheil vom Vater, 
und schon in jangen Jahren gründete und leitete er 
längere Zeit den Wiener Männer-Gesangverein. In 
Frankfurt widmete sich Barth dem Unterricht im 
Gesang, bis zanehmende Körperschwäche und Verlast 
der Sehkraft auch diese ihm liebgewordene Be- 
sehäftigang versagten. Barth war ein Mann von 
guter wissenschsftlicher und ästhetischer Bildong 
und sein Umgang bot belehrende and anregende 
Unterhaitang. Mehrere Jahre lang hatte man ihn 
zam Vorsitzenden des Frankfarter Journalisten- nnd 
Schriftsteller-Vereins gewählt Von den alten Wiener 
Zeiten erzählte er gern, hatte Beethoven und Schu- 
bert gekannt und sich bei deren Beerdigang den 
Leidtragenden angeschlossen. Von Sohabert erzählte 
er unter anderem, dass dieser Vater Barth eines 
Tages den „Erlkönig** accompagnirte; Gustav wen- 
dete die Blätter um, meinte aber nach Schluss des 
Gesanges: Herr von Schubert, Sie haben aber die 
Triolen als Achtel gespielt. Frecher Bub, erwiederte 
Schubert, die's können, sollen Triolen spielen. Ueber 
die kurze Aasführung der Vorschläge, wie es in 
Deutschland geschehe, konnte er sich gar nicht be- 
ruhigen, denn in Wien habe man Mozart'scher Tra- 
dition zufolge dieselben stets lang gespielt und 
gesungen. Dieser Auffassung entsprach auch der 
Vortrag deti Mozart'schen „Veilchen*, welches die 
Gattin des Verstorbenen, die darch herrliche Stimme 
und gefühlvollen Gesang hervorragende Sängerin und 
Primadonna der Wiener Hofoper Wilhelmine von 
Hasselt-Barth, einst im Hause „Mozart* in einer 
Mozart-Matinöe vortrug, und weiches Schreiber dieses 
die Freude hatte ihr aas dem Autograph des Kom- 
ponisten zu accompagniren. Das Manuskript zeigt 
deutlich von Mozart geschriebene lange Vorschläge. 

H. H. 
Königsberg. Beim 50jährigen Jubiläum des 
Sängervereins brachte Herr Stadtrath Dr. Walter 
Simon, als Geschenk eine Summe von 21000 M., für 
ein Preisaasschreiben an deutsche Komponisten zur 
Komposition eines Goethe'schen Gedichtes in Form 
einer Kantate für Männerchor. Bei der Ueber- 
reichung der Stiftangsurkunde des Jabiläumspreises 
für würdigste Komposition des Goetbe'schen Ge- 
dichtes „Meine Göttin* sagte Herr Dr. Walter Simon : 
„Götter und Götzen stellen sich dem Ideale der 
Kunst entgegen; sie zu bekämpfen ist Sache ge- 
sinnungsvoller Kraft. In Goethe's Gedicht „Meine 
Göttin* wird diese Kraft; offenbar. Auf Flügeln des 
Gesanges Goethe's „Göttin* — „die edle Treiberin, 
Trösterin, Hoffnung" — unseren Mitbürgern und 
Mitmenschen nah nnd näher zu bringen, das sei Ihr 
Werk, das ist mein Wunsch. Glückwünschend bringe 
eh Urnen dieses Preisausschreiben, dessen Werth 



— 160 — 



and Wurde schaffend and geniessend in Ihre Hand 
gegeben ist*. 

Mfinclieny 9. MaL Gestern warde im kOnigl. Hof- 
theater Max Schiitings dreiaktige Oper «Ingwelde*, 
Text von Ferd. Graf Sporck, lom ersten Male aaf- 
gefohrt Die Aafffihrung mit Frl. Temina in der 
Titelrolle war sehr gut, Richard Straass dirigirte, 
der Beifiall war starmisch, das Haus sehr gat besetzt 
Trotzdem wird sich das schwierige and schwer ver- 
ständliche Werk hier ebenso wonig halten, wie es 
sich nach den Aaffahmngen in Karlsrahe and Wies- 
baden hat halten können. Natürlich segelt es ganz 
und gar in Wagner'schen Bahnen, hat jedoch den 
Vorzug, nicht zur Nachahmung herabzusinken. Das 
Vorspiel zum zweiten Akt und dieses selbst hat am 
besten gefallen und ist auch das Beste. Der Stoff 
aus der Wikingerzeit ist weder sympathisch noch 
interessant. Der junge Komponist, der hier lebt, 
wurde mehr&ch gerufen. (Voss. Ztg.) 

Stuttgart. Um der wachsenden Nachfrage nach 
ihren Instrumenten Genüge leisten zu können, sah 
sich die hiesige Firma ^Schiedmayer, Pianoforte- 
fabrik** (vorm. J. & P. Schiedmayer) veranlasst, im 
Laufe des letzten Herbstes einen sechsstöckigen 



Neubau in der Clrichstrasse aufiiuführen, der letzte 
Woche in vollen Betrieb gesetzt wurde. Ana diesem 
Anlasse stattete der König von Württemberg dem 
Etablissement am Sonnabend, den S4. April Nach- 
mittags einen Besuch ab, um dasselbe in l^atundi- 
gern Rundgange unter Führung der drei Theilhaber 
der Firma einer eingehenden Besichtigang zu unter- 
ziehen. Der hohe Gast leigte für die neu aufge- 
führten Arbeitsmaschinen und für den dabei in ans- 
giebigster Weise zur Verwendong kommenden elektr. 
Kraftantrieb, sowie für die in sftmmtiloben Gebäuden 
und Riumlichkeiten durchgeführte elektrische Be- 
leuchtung das regste Interesse und liess sich auch 
dpn Bau der Pianofortes und Harmoniums dngehend 
erklären. Eine beträchtUche Anzahl älterer Werk- 
fuhrer und Arbeiter, welche bis zu 43 Jahren ohne 
Unterbrechung in der Fabrik thätig sind, durften 
dem Könige persönlich vorgestellt werden. Zum 
Schlüsse geruhte der König musikalische Vorträge 
auf verschiedenem eben fertig gestellten grösseren 
Instrumenten entgegenzunehmen und sich über die 
Leistungen der Fabrik in huldvollster Wdse aus- 
zusprechen. 



Bücher und Musikalien. 



Stndienwerke. 
J. D. Jordan: Systematische Schule der 
Klavier-Technik mit theoretischen Be- 
merkungen in deutscher und polnischer Sprache. 
München, Jos. Aibl. 
Der Autor hat in seinem Werke darauf Be- 
dacht genommen, die übergrosse Zahl der mecha- 
nischen Uebungen zu beschränken und nur die- 
jenigen auszuwählen und systematisch zusammen- 
zustellen, welche zur Erlangung einer gediegenen 
Klaviertechnik unbedingt nöthig sind. Aller un- 
nöthige Ballast ist bei Seite geschoben. Dasjenige 
Material jedoch, welches er herausgesucht, dann 
aufs gründlichste durchzuarbeiten, fordert er als 
unerlässlicbe Bedingung bei seinem Werke. Ein 
ziemlich umfangreicher, theoretischer Anhang, 
der dem praktischen Theile jedoch vor ge- 
druckt ist, erläutert lland- und Fingerstellung, 
Bewegungen, Anschlagsarten, giebt praktische 
Winke über das eigentliche Ueben etc. Diese Er- 
klärungen sind klar und sachlich abge&sst und 
werden von den meisten Pädagogeui wenn ihre 
Meinungen vieUeicht auch in Einzelheiten ab- 
weichen, adoptirt werden. Ebenso sind dl) prak- 
tischen, mechanischen und technischen Uebungen in 
zielbewusster Erkenntniss ausgewählt und aus päda- 
gogischer Erfahrung heraus begründet. Es würde 
dem an sich trefflichen Werke zum Vortheil ge- 
reicht haben, wenn der Verfasser diese gänzliche 
Trennung von Theorie und Praxis vermieden und 
die einzelnen Erläuterungen den betreffenden prak- 
tischen Uebungen jeweilig vorangestellt hätte. 
Auch eine Gruppirung des Uebungsstoffes für das 
tägliche und progressive Stadium wäre von Nutzen 



gewesen. So hat die Willkür viel Spiehraum. Doch 
ist es ein mit Ernst und Gewissenhaftigkeit ab- 
gefasstes Werk, das zu fleissiger Benutzung 
empfohlen werden kann. 

Bernhard Wolff: op. 188, Zwölf Etüden für 
das Pianoforte. Magdeburg, Otto WernthaL 
Wir möchten diesen Etüden einen Platz 
zwischen Bertini's op. 100 und Stephen Helleres 
op. 45 anweisen. Sie greifen in Bezug auf die 
technische Schwierigkeit nicht viel über das erst- 
genannte Werk hinaus, verbinden damit aber die 
anregend melodische und rhythmisch reicher ge- 
staltete Faktur der Heller'schen Studien« Der 
Sf hüler wird sie mit Interesse und darum auch mit 
Nutzen spielen; das Werk ist werth, von ernsten 
Pädagogen beachtet zu werden. 

K. Klindwortli: B. Bertini, 16 Etüden zur 
Ausbildung glänzender Fertigkeit des Klavier- 
spiels. Nene gänzlich umgearbeitete und ver- 
mehrte Ausgabe. Deutsch und englisch. Mainz, 
B. Schott's Söhne. 
Die Etüden sind vom Bearbeiter sehr sorgftltig 
phrasirt und mit modernem Fingersatz und An- 
merkungen über die nutzbringendste Art des Studiums 
versehen. Femer giebt er Anleitungen und Proben 
zu rhythmischen Aenderungen, Erweiterungen der 
Formen der Bewegungsfiguren, Uebertragung der 
Passagen von der rechten in die linke Hand, endlich 
die Anweisung zu Transpositionen in verschiedene 
Tonarten. Für angehende Virtuosen werden die 
Etüden in ihrer jetzigen Durchführung und Ausge- 
staltung ein ganz vorzügliches Material sein. 

— r. 



— 161 — 



Von Heinrich Germer liegen eine Reilie höchst 
werthvolier Neuausgaben vor, denen hier einige 
empfehlende Zeiien gewidmet werden sollen. Zuerst 
ist lu erwftbnen: 

Lehrbuch der Tonbildung beim 
Klavierspiel. Das Werk, weiches didak- 
tische Abhandlungen über die ver- 
schiedenen Anscblagsarte n nebst 
praktischen Uebungen zur Aneignung 
derselben enthält, stellt sich dar als Separat- 
abdruck aus des Verfaissers, beim Erscheinen seiner 
Zeit epochemachenden, Schrift : «Wie spielt 
man Klavier?* und erscheint schon in dritter 
Auflage. Eine ausführliche Besprechung für dieses 
Blatt würdigte das verdienstvolle Werk schon da- 
mals. Heute seien seine Vorzüge: klare Darstellung 
der nothwendigen Bewegungen zu den verschie- 
denen Anschlagsarten, deren anatomische und phy- 
siologische Begrfindang, die physikaliBcheD Ursachen 
der erzielten Wirkungen, deutlich illustrirende 
Beispiele und praktische, in methodischer Bnt- 
Wickelung sich folgende, äusserst nützliche Uebungen 
nochmals lobend erwähnt und allen inteiessirten 
Kreisen das Heft, als beinahe einzig in seiner Art 
dastehend, auf's beste empfohlen. Erschienen ist 
der schon gedruckte Band bei C. F. Leede in 
Leipzig und kostet 8 liark. 

Auch seine «Technik des Klavier- 
spiels* liess Germer als op. 28 neu erscheinen 



und zwar in praktischer Weise in vier Kursen in 
Form konzentrischer, in der Schwierigkeit auf- 
steigender Kreise. Li dieser Oestalt dürfte sich 
das nützliche Werk eine noch gr(tosere Zahl von 
Freunden erwerben, als es die Gesammtausgabe in 
einem Hefte bis jetzt gethan hat, um so mehr, als 
es in derselben sich mit Vortheil und Bequemlich- 
keit im Unterrichte verwerthen lässt Es sind die 
vier Hefte gleichfalls bei G. F. Leede in Leipzig er- 
schienen, zum Preise von 1,50 Mark netto pro Heft. 
Als sehr praktisch und nützlich wird sich 
Heinrich Germer's: Schule des Sona- 
tinenspiels (3 Bände, Leipzig bei Bosworth) 
erweisen. Sie stellt sich als Folge jeder Klavier- 
sbhule hin, bezw. vielleicht schon neben den 
letzten Bogen derselben zu gebrauchen, und 
hat den Zweck, die Schüler von den kurzen Stücken 
des Lehrganges zu längeren Kompositionen überzu- 
führen und die geistige Spannkraft auszudehnen 
und zu üben. Gerade dieser Punkt ist höchst 
beachtenswerth und es ist eine Sammlung von 
Werken, welche geistig und technisch sich an 
genannter Stelle anschliessen, als sichere Brücke 
zur Beföbigang des takttadelfreien Spieles 
längerer Kompositionen mit Dank und Freude zu 
begrüssen. Textdarstellung, Fingersatz, Yortrags- 
bezeichnungen, Phrasirungsangaben sind in der 
bei Germer bekannten, vorzüglichen Weise gegeben. 

A, Naubert 



Anregmig nnd ünterhaltimg. 



Wie Johannes Brahms seine Melodien erfand, 
darüber schreibt ein Mitarbeiter dem »B. T.*: JSb 
war in Meiningen, bei einem un^ergesslichen intimen 
Diner beim Herzog Georg. Johannes Brahms, der 
dem herzoglichen Hause freundschaftlich nahe stand, 
belebte das allgemeine Gespräch in der behaglichsten 
Weise. Einer der sechs Tischgenossen, ein ent- 
schiedener Nichtmusiker bemerkte, dass er sich wohl 
vorstellen kOnne, wie man ein Bild malt, eine Statue 
modellirt, oder gar wie man ein Buch schreibt; wie 
einem eine neue Melodie einfällt, das könne er sich 
nicht vorstellen. Ein einziges Mal in seinem Leben 
sei ihm eine neue Melodie eingefallen; die sei aber 
bald als ein altes Studentenlied erkannt worden. An 
diese Unterhaltung knüpften wir an, als wir einige 
Stunden später auf den Bergen hinter dem Schlosse 
spazieren gingen. Ich fragte Brahms, ob er etwas 
darüber berichten könne, wie eine Melodie in seinem 
Geiste entstehe. Johannes Brahms, damals noch in 
der Blüthe seiner Kraft, blieb lachend stehen und 
sagte etwa folgendes: «Das möchte ich selbst gern 
wissen! Plötzlich ist in meinem Kopf ein Keim zu 
so einem Ding, zu so einer Melodie. Ich merke es 
gar nicht. Aber das wächst und wächst und wächst, 
und nachher ist ein Lied da. Das alles gebt so un- 
bewusst in mir vor, dass ich mich oft selbst fragen 
kann, ob ich die Melodie wirklich erfunden habe.* 



Von Frau Tausig, der auch als Klaviervirtuosin 
berühmten Gattin Karl Tausigs, zu einem Konzerte 
eingeladen, schrieb ihr Brahms einst folgenden Brief: 
„Geehrteste Frau! Für den Fall, dass Ihre Freund- 
lichkeit Erfolg haben sollte und Ihre werthen Lands- 
leute in de Falle gingen, möchte ich für die «pein- 
liche Verhandlung'' folgende Ordnung der Folter- 
grade vorschlagen: Beethoven, Phantasie op. 77, 
Brahms, Vaiiationen, Schumann, aus der Phantasie 
op. 18, Bach, Präludien^ Beethoven, Fuge, Scarlatü, 
2 Capricen, Schubert, Scherzo nnd Marsdi: — Sie 
werden erschrecken über diese hochnothpeinliche 
Halsgerichtsordnung; mildere Werkzeuge geben mir 
leider ab. Hätte ich gesangliche Unterstützung, 
könnten natürlich zwei Nummern wegfallen. Meinte 
ich nicht gar so bestimmt, es werde jetzt doch nicht 
die Zeit für Konzerte sein, so erginge ich mich wohl 
des Weiteren über alles. So aber glaube ich, Ihnen 
bei Ihrer Rückkehr hier noctmials meinen besten 
Dank für Ihre gute Absicht sagen zu können und 
zum Dank — etwa das Progranmi vorspielen?" 

• * 

„Was ist an einem Kunstwerke vorzuziehen: die 

Wahrheit ohne höheren Flug, oder höherer Flug 

ohne Wahrheit? Ich ziehe letzteres vor, da es auf 

meine Imagination einwirkt, während das erstere 

gar nicht an sie appellirt/' Rubinstein. 



— 162 - 



Meinnngs-Anstausch. 



Der MenBch wftchsi mit seiner Sprache aof und 
findet es natürlich, dass sein Erzeuger , Vater* and 
seine Oebärerin «Matter* heisst*. Der Mann der 
Wissenschaft aber bedient sich ausser seiner Mutter- 
sprache noch einer Menge namentlich lateinischer 
Auch die Künstler haben ihre termini technid, d h. 
Kunstaasdrücke von bestimmten Begriffen. Die 
musikalische Grammatik ist ebenfialls reich an solchen 
Bezeichnungen, und sie stammen theils aas alten, 
theils aus neueren Sprachen. Schon bei Erlernung 
der Tonleitern und aer Intervalle kommt die griechi- 
sche und lateinische Sprache zur Anwendung. Der 
Schüler hOrt den Lehrer von einer diatonischen dur- 
und moll-Tonleiter , von einer chromatischen Ton- 
reihe, von enharmonischer Verwechslung, von Prime, 
Secunde bis zur Octave, Nene, Decime, von Tonica, 
Mediante und Dominante u. s. w. reden, aber was mit 
diesen Namen so recht gemeint ist, bleibt ihm ge- 
wöhnlich unklar, namentlich dem jagendiich Lernen- 
den. Aber auch gar manchem Lenrer wird es nicht 
leicht, sich erklftrend ausz isprechen, und wo ihm 
Begriffe fehlen, da stellt ein Wort, imponirend oft 
ein Fremdwort, zur rechten Zeit sich ein. Dem vor- 
geschrittenen oder gar Berufsschüler wollen wir diese 
fremden Ausdrücke nicht entziehen, er muss sich 
ihrer historischen Entstehung bewusst werden. Aber 
sollten sich für diatonisch und chromatisch, für dar 



und griechischer Aosdrücke und Redensarten, welche 
för ihn und seine Fachgenossen meist beseicbneader 
und verständlicher sind, als Uebersetzungen und Kr- 
klärangen durch seine eigene Sprache ee sein würden. 
Ich erinnere au Juristen, Aerzte, Chemiker u. a. w. 
und moll nicht passende deutsche Wörter finden, die 
dem jungen Schuler die Sache deutlich machen. Seit 
eine erwachsene, nicht unsrebitdete junge Dame statt 
von einer chromatischen Tonleiter von einer chroni- 
schen sprach, bediene ich mich für diatonische Leiter 
gern des Ausdrucks .Ganztonleiter* da die- 
selbe vorzogsweis aus ganzen Toaaehritten 
besteht, für chromatische des Ausdrucks „Haib- 
1 n 1 e i t e r*, als aus einer Folge von nur H a 1 b- 
tonscbritten bestehen. Für dur konnte man gr o b a, 
für moll klein sagen, da die ersten drei TOne der 
dar Tonleiter eine grosse, die der moU-Tonieiter 
eine kleine Terz bilden. Es ist also die diatonische 
dur-Tonleiter: eine grosse Oanztonleiter, die moU- 
Tonleiter: eine kleine Oanztonleiter. Ob andere 
Kollegen des Lehramtes dieser Benennung zustimmen, 
weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass die fremden 
Bezeichnungen für manche Lehrer und Schüler eine 
heikliche Sache sind. Man müsste denn nach dem 
Beispiel eines gewissen Lehrers sieh darüber hinaus- 
setzen und »den Schülern U>erhaapt nichts erkiftren, 
sondern ihnen alles nur vormachen*. Dr. H. H. 



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Sr. Königl. Hoheit des Herzogs von Sachsen-Gobnrg-Gotha. 
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(Vertreter in Berlin: Oscar Agthe, Willieliistr. U. 8W0 



TeraatwerUleber Redaktears Prof. Emil Breslanr, Berlin N^ Oranienborgerstr. 57. 
▼erlag and fizpedltlea: Wolf Peiser Verlag (0. Kaliski), Berlin 8.« Brandenbargstr. 11. 

Draek von Rosen thal ä Co., Berlin N.. Jobannisstr. 2a 



Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehrer -Vereine 

und der Tonkünstler- Vereine 

zu Berlin, Köln, Dresden, Hamburg und Stattgart. 

Herausgegeben 
▼on 

Professor Emil BreslauT. 



No 12. 



Berlin, 15. Juni 1897. 



XX. Jalirgang 



Dieses Blatt erscheint am 1. und 15. jeden Monats 
and kostet dnreh die K. Post-Anstalten, Bueh- and 
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Mit dieser Nummer schliesst das IL Quartal und bitten wir um rechtzeitige 
Emenernng des Abonnements^ damit In der Znsendang des Blattes keine Yerspätang 
eintritt« Die Expedition. 

Legate- Staccato- und Phrasenbezeichnimg. 



Die leidige Phrasimng mit ihrer dem 
Legato gleichen, oder — und besonders in so- 
gen. Phrasirungsausgabe n — unpraktischen 
und überladenen Bezeichnung liess schon 
oft den Wunsch rege werden, man müsse noth- 
weudiger Weise einen Unterschied zwischen 
einfachem Legatobogen (im Yiolinspiel 
Strichbogen) und Phrasirungsbogen haben, 
um das mehr oder mindere Absetzen der 
letzten Note jedes Bogens veranschaulichen 
zu können. 

Das beste wäre schon, man verbesserte 
die ganze Notenschrift mit ihrem jetzt so 
übermässigen Ballast von Hilfslinien, Kreuzen, 
Been, unnützen Bogenbezeichnxmgen u. dergl. 
mehr. — Eine neue und vereinfachte Noten- 
schrift w&re schon herzustellen, aber das Ein- 
führen hat seine abschreckenden Schwierig- 
keiten. Davon weiss ich ein Lied zu singen. — 

Vielleicht ist es aber möglich mit Einzeln- 
heiten und im kleinen zu beginnen, nnd da 
möchte ich zum Unterschied jener beiden 
Bogen folgenden Vorschlag machen: 

1) Der Legatobogen ist für Klavier und 
Orgel, als Instrumente des gebundenen 
Spiels, ganz überflüssig; alles, was 
hier gebunden werden soll 
braucht keine Bezeichnung, 
wenn nicht damit eine Phrase ver- 
anscha^icht weiden soll. FürStreich- 
und Blasinstrumente dagegen gilt die 
umgekehrte Regel: Alles was hier 



nicht bezeichnet ist, wird ab- 
gestossen; ein Legato muss durch 
Bogen /^^^^ (ursprünglich graphi- 
sche Darstellung des Violinbogens in 
alter geschweifter Form) bezeichnet 
werden, der, wenn nicht eine Phrase 
damit angedeutet ist, nur zum Bogen- 
oder Strichwechsel bei Streich- 
instrumenten, und zum Athemwechel 
beim Gesang und bei Blasinstrumenten 
dient. 

2) Das Stacoato ist in drei steigernden 
Graden überall üblich: 

a) gedehntes Staccato (Portamento) 

b) Punktirtes Staccato 

c) Spitzpnnktirtes Staccato (Har- 
tellato , , , , f , 

a) zeigt ca. %, b) ca. K und c) ca H des 
vollen Notenwerthes an. 

In Streich- und Blasinstrumenten sind 
diese Staccatos wieder mit Bogenbezeichnxmg 
anzuwenden: 



1 1 1 1 1 1 



Mit ihnen wird angegeben, wie weit ein 
Staccatto auf einen Bogenstrich bezw. in 
einem Athem genommen werden soll. 

Für Klavier würde man mit dieser Be- 
zeichnung nur eine Phrase andeuten können, 
übrigens reicht jene Staccatobezeichnung 
ohne Bogen vollständig aus. 



— 166 — 



3) Phrasenbogen sind nun ans beiden 
obigen Zeichen leicht nnd zweck- 
entsprechend herznstellen durch: 

a) y^^^^- für weiches, gedehntes 

b) /^^^^. ffir ein kürzeres 

c) /^^^^, für ein sehr kurzes 
Absetzen der jedesmaligen letzten Note. 

Sollen Phrasen in Staccatopassagen an- 
gemerkt werden, so kann dies geschehen, 
entweder durch eine Trennung der Geltungs- 




balken, — 

oder durch eine Klammer, z. B. 

Jedenfalls wird es aber gut sein, alle 
diese Zeichen nur sehr sparsam und nur da, 
wo es dorchaus nöthig ist, anzuwenden. 

JVo/! Senn, Sehroder» 




Origliielle Mnsikerbrlefe. 

Ungedrackte Briefe ron Franz Schubert, Heinrich Marschner, 

Gonradin Kreutzer, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Richard Wagner, 

J. Moscheies, Hector Berlioi nnd Graben-Hoffman. 

Von Dr. Adolph Kohut. 

(Sehloss) 

(Nachdruck Terboten.) 



Ich ffige noch 2 Briefe R. Wagners hinzu, die 
ich der Oüte des berühmteu FiötiateD nnd Kammer- 
virtuosen Moritz Fürstenau, weiland Bibliothekar 
des Königs Albert von Sachsen, rerdanke. Dieselben 
betreifen die Angelegenheit der Heraasgabe bezw. 
des Ankaufs der an den Kammermusikus und Basen- 
freund Wagners ans der Dresdner Kapellmeisteneit, an 
Theodor Uhlig, gerichteten Briefe. Diese Briefe 
sind spSter bekanntlfch bei Breitkopf and Härtel in 
Leipzig erschienen — freilich mit einer Redaktion 
ad usum delphini. 

L 
«Geehrter Herr! 

Könnten Sie mir wohl eine Auskunft darüber 
vermitteln, wie hoch — d. h. — an Geld — die 
Familie Uhlig den Besitz meiner Briefe an meinen 
verstorbenen Freund anschlflgt? Natürlich ist es 
mir nicht gleichgültig, Briefe von solch' persönlicher 
Intimität als Waare für irgend welchen ersten 
besten, wenn nur hocbzahlenden, Kftafer aufbewahrt 
zu wissen, andererseits habe ich noch nie Angebote 
in solchem GescbSfte zu machen gehabt, bin aach 
wiederum nicht so behaglich situirt, dass ich ganz 
nur meinem Gefühle nachgeben könnte, da ich in 
meinem Leben Verpflichtungen verschiedenster Art 
aufgehäuft habe. Dies zur Erklärung meiner freund- 
schaftlichen Bitte an Sie. Ich möchte gerade diese 
Briefe an Uhlig nicht nach anderen Seiten für Geld 
hingegeben wissen. Für das Andenken an den theuren 
Verstorbenen genügen jedoch gewiss im Kreise der 
Famile Kopien, weil sie den Inhalt geben; nicht 
aber für mich und meinen Sohn, welcher des Vaters 
Eigen haben will. — Mit den besten Grüssen ver- 
bleibe ich in der Erwartung einer freundlichen 
Antwort 

Ihr altergebener 
Richard Wagner.** 

Beyreuth, 12. März 1874. 

IL 

«Geehrter, alter Freond! 

Ich sehe ein, dass ich mich mit den Abschriften 
meiner Briefe begnügen muss. Bin ich auch geneigt. 



das Gefahl des Fräuleins Uhlig zu ehren, das ihr — 
wie ich eben annehme — selbst gegen ein nur 
irgend mögliches Geldgeschenk die Abtretung der 
Briefe an den Autor derselben verbietet, so kann 
mich dagegen die Annahme, dass diese Briefe — als 
Autographen — dennoch endlich einmal, wenn aueh 
nicht von der Tochter meines verstorbenen Freundes, 
verkauft werden, nicht vor der Bitterkeit bewahren, 
welcher mir dieser ganze Vergang erweckt 

Wollen Sie nur die Güte haben, zu der Be- 
schleunigoDg der Abschriften behülüch lu «ein? 
Sollten Sie bei dieser Gelegenheit selbst einen Bück 
in diese Briefe werfen, so werden Sie erkennen, wie 
grenzenlos widerwärtig mir es sein muss, — gerade 
die ungemein vertrauten Persönlichkeiten, welche 
ich« arglos über die mögliche Zukunft solcher Mit- 
theilungen, darin kundgab, jetzt als ein körperliches 
Eigenthnm von Solchen betrachtet zu wissen, welche 
nur Missbrauch damit treiben, während die Origi- 
nale nur in den Händen des Sohnes dessen, 
welcher gegen spätere Indiscretionen zu beschützen 
ist, richtig aufigehoben sind. Ich gestehe, dass das 
Andenken Uhligs durch diesen widerwärtigen Vor- 
gang mir ausserordentlich getrübt worden ist Was 
würde er im Grabe dazu sagen? — 

Genag ! 

Im Herzen danke ich Ihnen für Ihre grosse Thul* 
nähme auch in dieser mich betreffenden Angelegen- 
heit und verbleibe Ihnen bereitwilligst zu Gegen- 
dienst verpflichtet 

Beyreuth, am 17. Mai 1877. 

Ihr ergebener 

Richard W agner. 



Der Rentier M i n d e n in Dresden, Vater des be- 
kannten Verlagsbuchhändlers gleichen Namens, war 
ein eifriger Autographensammler und wandte sich 
einst an J. Mosch eles in Leipzig wegen eines Aoto- 
graphs. Der berühmte Tonkünstler sandte ihm dar- 
auf, wie mir Herr Minden mitsutheüen die Oüte 
hatte, die folgende Zuschrift: 



aHerrn Minden, Wablgeboren! 

Leipiig, 13. November 1851. 

Wenn mich elo enthoaifttiscfaer Autognphen- 
Sanmler enacbt, ihm durch mdne Bandichrift 
■eine Ssmmlang complettiTen in helfen, wo &ber- 
vlndet meine Bitelkeit du HbidemiM dee Zut- 
msi^li und ieh e^reife die Kedei la diesem 
Zweck. 

Ut dieseo Zeilen kenn Ich aber nur einen Theil 
Ihree Wnnschei erffillen, indem ich nichti ron 
Beethoven, KendelMohn und Bach *a To^ben habe ; 
»Ilet, ma ieh von dem enteren beeitie, let theile 
«Inseln, tlieili In meinem ^bom elngehnnden. 
IHeier halb erffillte Vonich gleicht der bekuinten 
Arie: 



Nein, leb ili^ge nieht, mein Herr! 
Bin S. tbat mehr als er kaos! 

J. Hoschelee.* 

ProfeMor Herr Heiorieh Ehrlich in Berlin be- 
■itit einen groseen Scheti von nngedmckten Briefen 
groeeer Tondichter. Au der Fülle danelben mag 
nur dae nachstehende Schreiben von Hector 
Berti Ol am lo eher mltgetbeiH werden, well daraus 
ereiehttich ist, dau oiuer AHmelater Ehrlich ea war, 
der in Deutachland inm enten Haie — and s««r 
18U In der aAngib. Allgemdoen Ztitong* — aaf 
dOD fransOsiKhea Komponiaten aabnerkiam gemacht 
hatte. Der Daokbrief dei letiteren laatet (in 
denteoher Oebersetiong); 

.Heia theorer Herr Ehrlich > 

Empfangen Sie meinen Dank fBr Ihre liebena- 
wfirdige Qabel Ich komme au Dreedeo nod Ihr 
Brief hat mieh fait gleich nach meiner RQckkehr 
•ehr liebeuwfirdig filwrraachL Bs tat mir bald nach 
meinen bdden Reisen nach Hannover damit sehr 
entgegengearbdtrt worden, bidem Ich Bio dort nicht 
getndbo habe, ja aogar im DngewIuaD daraber blieb, 
wo Sie waren. 

Nicht allein die EGnatler, aondem anch dai 
Pahllknm, lowie der KSnig nnd die Königin haben 
mIeh mit allen möglichen Zeichen des Belblla and 
der Sympathlekundgebniigen fiberichSttet 

Waa Dresden ned die 4 Concerte betrifft^ die Ich 
dort gegebo, kann ieh Ihnen nur das Bine lagen, 
daas ieh wie freadetranken bin. Niemals in meinem 
Leben war ieh bei einem fthnilchen Feste, noch er- 
lebte leb je eine solche AoS&liranft namentlich des 
„Faoit* in den beiden lotsten Akten. Sie brachte 
eine walutaft ansscrordentUche Wirknng hervor, 
gleichwie ,Someo ond Julia* and die .Flaeht naeh 
Kgypten". 

Ich mache mich gani ansmordentlich lästig fiber 
die Albernheiten der Dresdener Kritiker mit ihren 
drolligen Vorwfirfen von Unmoral nnd Oottloaigkdt. 

Ihr Artikel wird mir wnthvoU sdn, and wenn 
Sie mir Ihn freandlichst sasenden woUen, so werde 
ich mieh bemfiben, Ihn hier abdrucken in lassen. 

Tausend anfrlehtige FreucdBcbafUbezeugongeol 
ich weiss nicht, wo ich Sie wiedersehen werde ; aber 



lassen Sie mieh nieht so lange Zwt Ihrer Naebrichten 
beranbt sein und geben Sie mir irgend eine Oe- 
legenhelt, Ihnen angenehm so sein; ich werde Ihnen 
stets danken. 

Ihr gani ergebener 
Hector Beriios. 
Nachschrift: aOtfeobar Ist das Unsinnige du 
Wahre; denn wenn du Unsinnige nicht du Wahn 
wire, wfirde Qott graosam sein, in du msucbUche 
Hera eine so groue Liebe f&r das Unsinnige gelegt 
sa haben*. (Renan, .Termischte theologische 
Schriften.')* 

Za diesen Stimmen grosser Todten mag nooh die- 
jenige dnes Lebenden, des in Potsdam wohnenden 
greisen Komponisten, Prot r a b en-Hoffmann, 
sich gesellen. Er schrieb mir, dankend für meine 
in der .lliaatrirtea Zdt.* (Leipalg) anISsslich seines 
10. Gebortstages 8ber Ihn verOffentUcbte Biographie: 
.Potadan, 17. Hin 1890. 

Wohl snm sehnten Haie leee Ich Ihren, mich so 
wohlwollend behandelndeoAnbats, am bei dem mir von 
Ihnen gestreuten Wdfaraneh müne Sehmenen etwu 
sn vergessen. Sie sagen an einer Stelle: „Wie bei 
dem Frelschfiti* Text nnd Helodie Hand in Hand 
geben, so aoch bd der dentscheii HarseUlalse 
Oettmgeri*. . . Der Gedanke, dass diese .fOnfmalhan 
derttaosend Teofel* das Aafr^[ende, beeonders in der 
Hosik, mit der Hareeillsise theüen, ist eigentlich 
von mir und kam mir, als ich einmal die Oavortnre 
an .Wilhelm Teil* von Rossini hQrte. Bei der Cello- 
fignr im ersten Sats, die mit der draaffolgenden 
Stelle, dareh üne aofbUtsende Figur Ton Picob 
anterbroehen, du Grollen des Donners und Bütses 
ansdrBcken soll, kam mir Ae Erinnerung an du 
Grollen und die daranSolgende nnbeimlicbe Stille 
der Volksmenge — unter welcher auch Ich uiloh 
befand — vor dem KOnigaschlou in Berlin am 
IS. HBrs 1848. „Wie sch&n*', daehte ich, „hat doch 
hier Rossini dnrch Vorginge die Seelendarlegnngen 
der Henschen geschildert! Aber In derselben Weise 
hut Da ja den Aufrobr der HDlIengeister sa Deiner 
Introduction in Ddnem Cbampagnerlied geschildert! 
Und der Text — entrollt er nicht gans du Bild 
einer Revolution? Dein Tenfailied Ist ja ein rein 
revolutionsircs Lied — nnd seine damals so dureh- 
sehlagende Wirkung, sollte sie nicht ihren Grund 
darin haben, dau Du mit dem Liede damals der 
Stimmung, welche Buropa halb beherrschte, den 
Aoadmck verschalft hattest! In Prag waren damals 
swel Cebersetsongen des Textes durch Abgeordo^ten- 
Kitglieder entstanden and von den Kammermlt- 
gliedem gesungen worden. Dleeea Gedankengang, 
der sich mir damals snl^edrlngt hatte, thellte ich 
einmal Oettinger mit. Jubelnd rief er au : „Hann, 
Sie haben Recht! Uuer Lied Ist die reine deutsche 



Ich bin mit Verehrung and DanUterkelt 
Ihr ergebenster 
Graben-Hof fm an n.** 
Dieser Kommentar su der Enstebungsgesdüefate 
des berfibmten Champagner- Lledea wird gewiss mit 
Interesse lur Kamtnlss genommen werden. 



— 168 — 



Aus alten Büchern. 

(XVI. Fr. Rochlitz: Für rahige StondeDl 1828.) 



Baden, den 9 ten Jalias. 

... So yiel zur ScbiideruoR dieses reizenden 
Anfenthaltes. Seine etwas entfemtereo, wie man 
versichert, noch reizendem UmgebuDgen werde ich 
erst keonen lernen. Und da, bey der einfachere, 
dorch die Gor noch gleichförmigem Lebensweise es 
mir an Stoff za Erzähl angen gebricht — und er- 
zählt wollt Ihr doch zunächst haben — : so kehre 
ich in Gedanken nach Wien zurück und schildere 
Etwas, das Dich hoffentlich wohl auch iuteresBiren 
wird, obgleich es zunächst Hm. H. angeht, dem ich 
deshalb meinen zweiten Bogen mitzutheilen bitte. 
Doch zuvor no':h fiSns zu dem Obigen! Ich be- 
wohne in dem übergrossen herrlichen Gebäude der 
Barone Dobblhof, das wie eine kleine Badestadt für 
nch ausmacht, dasselbe Zimmer, das bisher Zacharias 
Werner bewohnt hat. Aus alter Bekanntschaft hat 
er es mir einige Tage früher überlassen, als er 
nOthig gehabt hätte. Ich sah^ ihn hier, seit seiner 
Reise nach Rom, zum ersten Male wieder. Was 
haben wir Beyde seitdem erlebt! Jetzt giebt sein 
Gesicht und ganzer Körper ein leibhaftiges Abbild 
des Todes: aber sein Geist ist noch in voller^ selbst 
nicht selten in rauh hervorbrechender oder innigst- 
aufflammender Kraft So ei scheint er, wie wir uns 
die Eremiten der Thebaischen Wüste in den frühen 
Jahrhunderten des Ghristenthums denken. Er kennt 
sein nahes Ende; aber, weit entfernt zu klagen, zu 
sorgen, oder auch in weiblicher Sehnsucht darnach 
zu verlanj^en, spricht er daiuber mit grossartiger 
Ruhe, ergiesst sich auch zuweilen in stürmischer 
Entzückung, will aber dessungeachtet selbst mit den 
let»Bten Resten der Kraft wirken bis zum Augen- 
blicke, wo sie bricht. Und er thut das wirklich. Er 
wird mir stets eine der auffallendsten und merk- 
würdigsten, obwohl keinesweaes unerklärlichen Er- 
innemngen wie aus fremder Welt und weitentlegener 
Zeit seyn und bleiben.*) — Jetzt zu dem, was ich 
eigentlich wollte. 

Am ersten Pfinf^sttage wohnte ich dem Vormit- 
tags-Gottesdienste in der kaiserlichen Hofkapelle bey. 
Sie ist klein: in der Breite ohngefähr wie unsere 
Peters Kirche, und noch etwas kurzer als sie; Alles 
hOchsteiofach, aber würdig. Diesem Räume und 
dieser Beschaffenheit gemäss ist auch z. B. die 
Musik bevm Hochamte. Nichts von 8chmetternd<'n, 
rauschenaen Instrumenten; die Besetzung im Ver- 
hältnisse von vier Personen für jede Violin und eben 
so vielen für jede Bings timme; ausser dem Quartette 
nur die allernöthigsten Blapinstrumeote; was sonst 
im Tutti den Blfisern jetzt zagetheilt wird, der 
Orgel, die nicht stark, aber von schönem Ton ist, 
anvertraut« Alles wird, wie ich kaum zu erwähnen 
brauche, musterhaft aasgeführt. All' diesem voll- 
kommen angemessen war auch die Compositon: nur 
edle, fromme, nicht glänzende oder aufrallende Ge- 
danken; reiner, höchst gewählter, aber i^ar nicht 
künstüchverwickelter Styl; treuer, seelenvoller Aus- 
druck der Teztesworte: weiter nichts. Sie wollte 
nicht für sieh, sie wollte nur als ergänzender Theil 
der Feyer der heiligen Handlung gelten. Und so 
nur borte ich sie auch an. so nur empfand ich sie, 
bis auf das Offertorium, das, wie Du weisst, einen 
Abschnitt, gewissermassen einen Zwischen - und Ruhe- 
Pnnct in jener Handlung macht — Hier hatte der 
Meister über die Worte des Psalms: Populi, timete 
magnum nomen Domini et submissi orate ^} etc. 
einen höheren Schwung genommen und, ohngeacht^t 
der grössten Einfalt des Styls und jener sehr be- 

*) Werner starb nur wenige Monate nachher. 

*^) Mach Luther: Ihr Völker, fürchtet den grossen 
Namen des Herrn und betet ihn an in Demuth; 
denn der Herr widerstehet den Hoffibtigen, aber den 
Demüthigen giebt er Gnade. i 



schränkten Mittel erschütterte er das Herz wahrhaft 
und beugte es nieder lu demüthiger Hingebung an 
Gott. So ergriff dieses Stück nun auch mich, und 
so war meine Aufmerksamkeit allerdings hier be- 
sonders auf diese ausdrocksvollen Töne gerichtet 
Als ich nach beendigtem Gottesdienste in den Hof 
der Barg trete, begegnet mir der Kapellmeister Ge- 
bauer. dessen ich schon neulich gedacht habe, und 
begleitet mich. Er fragt nach dem, was ihm am 
nächsten lag: nach der Musik, die ich gehört, uiul 
ich sage ihm ohngef&hr, was ich so eben Dir gesagt 
habe. — Zwey Tage später am Morgen, tritt, weil 
der Diener eben ausgeschickt war, unangemeldet, ein 
freundlicher alter Herr bey mir ein: ziemlieh kleia 
und hager von Person, bedeutende, wohlgeftUige 
Umrisse des Gesichts, lebensvolle^ heitere Augen, ge* 
wandtes und feines Benehmen; wie mir schien, etwaa 
über sechzig Jahre alt. (Er war aber, wie ich her- 
nach erfuhr, zehn Jahre älter.) In einem ganz 
eigenen Deutsch, das ich nicht nachzeichnen kann, 
beginnt er ohngefähr: Der Kapellmeister Gebauer 
haben mir gesagt, dass Sie „oflhie*, und dass Sie 
zu Pentecoste in der Kapeil de Sa Maöstä gewesen 
seyn, und das Ibnen das Offertorio in masica ge- 
fallen haben. Erlauben Sie, dass ich*. . • Und da- 
mit reicht er mir freundUcli die schön geschriebene 
Rolle der Partitur, wo mein erster Blick auf den 
Titel in italienischer Sprache findet: Zur Br- 
innerang an das Pfingstfest 1822 in Wien ,da me, 
Antonio SalierL*^ Mein Herr, sag* ich, Sie sind ^ ? 
„Der olle Salieri''. — Du magst Dir selt>st denken, 
ob mich das freuete. Wir hatten uns kaum gesetzt, 
so waren wir im Tollen Zuge, als hätte ich lange 
Jahre mit ihm gelebt. Auf Veranlassunc der Rolle, 
die ich noch in der Hand hielt, hatte ich, ohne aa 
zu wissen, ihn in ein Lieblingskapitel gebracht; Die 
genaue Kenntniss, Unterscheidung. Abtrennung md 
feste Haltung der verschiedenen Gattungen der Ton- 
kunst und des einer jeden eigens zukommenden 
Styls, in der nun zu Ende lautenden Periode dieser 
Kunst, im Gegensatze zur Steigerung und Ver- 
mischung Aller, in der jetzigen. .Zur Erzeugung 
neuer, und hoffentlich dann auf höherer Stufe wieder 

geflonderter'' — schob ich ein. Wenn's Gott der 
lerr giebt, sagte er bedenklich: denn allerdings 
hängt er mehr an der frühem Beschaffenheit der 
Dinge und ihrer strengern Gesetzmässigkeit, in 
welcher er sich selbst so lange Jahre würdig und 
ruhmvoll gehalten hat, auch noch immer also hält. 
So onvernoblen er dies bekannte, so trat er doch 
gegen das, wenn nur mit Geist und Seele, Entgegen- 
stehende keineswegs feindlich auf. Er sprach über 
den Gegenstind sdbst scharfsinnig, treffend, bündig 
und sehr belebt; sein Sprachton wurde klingen«^ 
fest und helians, wie eines italienischen Tenor- 
sängers; seine Augen funkelten, und um so ein- 
nehmender war es, dass seine Miene und Stimmung 
dabey stets heiter, ja fröhlich blieb. Dazu nan diese 
Sprache! Wenn ihm, im Feuer der Rede das 
Deutsch ausging, kam Italienisch, mitunter auch 
Französisch ; worüber er sich lächelnd entschuldigte : 
»Ich bin erst über fünfzig Jahre in Deutschland: wie 
hätt* ich da schon die Sprache lernen können!'' Du 
glaubst nicht, wie liebenswürdig der hochverdiente, 
weit und breit berühmte alte Herr war. Heraach 
kamen wir eigentlich nur beyspieUweise zu Obigem, 
auf Haydn und Mozart. Er sprach von ihren Werken 
mit der huldigenden Würdigung des Greises und der 
fröhlichen liebe dea Jünglings. Für seine Lieblinge 
unter Uaydn^s Werken erklärte er die Quartette und 
die »Schöpfung*'. Und die Symphonieeu — ? fragte 
ich. Oh! rief er, und küsste sich die Fingerspitzen: 
aber, einige der si>ätesten etwa auf»genommen, halten 
sie die Gattung nicht durchgängig fest und greifen 
hin und wieder in das Quartett hinüber. Unter 



— 169 — 



Mosart's Werken liebt er vor alleD, gleicbfttlls die 

«uartette, and ron den Opern »Figaro*'. »Aber die 
oncerte — ? Kr gestand mir so, dass sie an Reicb- 
thnm icOstlicber, sans eigentbümlicber Gedanken^ so 
wie an konst- ana seelenvoller Ansf&bniDg, vielleicht 
allen Instnimentalstücken Mozart's an die Spitze tu 
stellen wftren: aber aacb sie, meynte er, gingen, 
und gerade im Letztem, in der köstlichen Aasar- 
beitung, fiber di« Gattung hinaus, und erfulleten sie, 
als Goncerte eben für das tonarme Pianoforte, für 
den Virtuosen nicht hinlänglich. „Und das Re- 
quiem — ?*' Ah, sagte er mit Feyerlichkeit : das 
geht über die Regel. Da hat den Mozart, nach 
sehr xerstreuetem Leben, im Angesichte des Todes, 
ein Geist für die Bvdgkeit ergriffen, ein heiliger 
Geist. — Ich gebe Dir in diesem Allem nicht 
seine Worte, aber deren Sinn. Dann kamen wir 
auf seinen grossen Lehrer (nach (^smanns Tode), 
auf Gluck. Sein Herz ergoss sich in Vereh- 
rung, Liebe und Dankbarkeit Hier suchte ich 
ihn fest zu halten ; denn wie Vieles auch über 
Gluck geschrieben ist, und wie offen und entschieden 
das Wesen seiner Kunst in seinen spftteren Werken, 
von der Iphigenia in Aulis an, vor uns daliegt: ein 
vollständiges, iii sich zusammenhängendem, abgerun- 
detes, tefriedigendes Bild des grossen Mannes, auch 
als Menschen — was ja überall nur in der Idee, 
nicht in der Wirklichkeit geschieden ist — besitzen 
wir noch nicht Salieri gab mir ein solches Bild 
nun zwar auch nicht, (wer vermochte so 'was auf 
der Stelle?) aber er erzählte mir vieles sehr Inter- 
essante, was dazu verbraucht werden konnte: von 
Glucks Lebensgange, von den mancherley weltlichen 
und gesellschaftlichen Einflüssen auf sein Inneres, 
von seiner Art zu studiren, sich vorzubereiten, dann 
zu schreiben u. s. w. Das kann ich aber hier nicht 
wiederholen: es führte za weit Wir blieben fast 
zwey Stunden beysammen. — Hernach habe ich den 
wetöien Mann noch mehrmals gesehen; er hat mir 
auch noch einen schönen Psalm seiner Gomposition 
und auf dessen Titel noch freundlichere Worte ge- 



bracht: ich erwähne aber nur noch seinen letzten 
Besuch, den Tag vor meiner Abreise hierher. Da 
theilte er mir Mancherley mit über den Gang seines 
eigenen^ ionern und äussern Lebens von früh an; 
über seme Art zu arbeiten, auch über seine religiösen 
Ansichten. Und als er Abschied nahm — er that 
das, ohngeachtet ich ihn erinnerte, wir sähen uns in 
vier Wochen wieder^ nicht ohne Feyehrlichkeit; 
denn, sagte er, ein Siebenziger muss jeden Abschied 
für immer nehmen — da musste ich ihm das Wort 
geben, wenn ihn Gott abgerufen, fitwas von diesen 
Mittheilungen in der musikalischen Zeitunj^ denen zu 
sasen, die entfernt noch an ihm Theil nähmen. 
Sollte ich ihn überleben, so werde ich mein Wort 
gewiss erfüllen.*) Für Sie, lieber H., setze ich nur 
noch hinzu: Solch ein freundlicher, heiter eingäng- 
licher, höchst gefälliger Mann ist also Salieri j und 
Ihneo erzähle ich*s, damit Sie, wenn er doch m Ihr 
Verlangen nicht eingeht diess nicht missdeuten und 
ihm nicht Unrecht thun. £r will überhaupt nichts 
melir drucken lassen. »Seit ich mich von der Oper 
zurückgezogen habe*, sagte er. »habe ich m'chts ge- 
schrieben, als kleine Gesellscnafts-Gesäage, Canons 
und dergleichen, besonders im Freyen zu singen: 
(auch die (Gedichte sind zum Theil von ihm:) und 
Kirchenmusik. Was von meinen Arbeiten für die 
Weit ist, das hat sie. Jene Kleinigkeiten sind für 
Freunde: diese geistlichen Stücke, für Gott und 
meinen Kaiser.* Das muss man nun mit Ehren an- 
erkennen und, dünkt mich, nicht zu stören ver- 
suchen. — 



*) Ich habe es erfüllet, so gut ich*s, nach solchen 
fragmentarischen Mittheilungen, vermochte, und lasse 
den kurzen Aufsatz als Beylage zu diesem Briefe 
hier nochmals abdrucken, weil, wenn auch nicht er^ 
doch der Maon es verdient. Uebrigens wissen die 
Leser, dass später, im Jahre 1827, Hr. von Mosel 
in Wien, eine ausführliche Biographie SaUeri^s, 
zum Tfaeol aus dessen nachgelassenen Papieren, ge- 
liefert hat (Schiuss folgt) 



Musik-Aufftthrungen. 



Die 38. Tonkflnstler-Vorsammlung det Allgemeinen 
Deutschen Muslkvereins zu Mannheim« 

Die in jedem Frühjahr wiederkehrenden fest- 
lichen Tage des Allg. Deutschen Musikvereins fanden 
in diesem Jahre in dem freundlichen Mannheim 
statt und hatten, ausser dem Volkchen der Musi- 
kanten, eine grosse Zahl von Gästen von Nah' und 
Fern herbeigelockt Die Ausbeute an musikalischen 
Genüssen, besonders nach der Seite des Modernen, 
war eine rtiche, ja überreiche und konnte selbst die 
ausschweifendsten Znkunftsmusiker befriedigen ; 
freilich blieben die zu stellenden Anforderungen in 
Bezug auf künstlerisch vollendete Wiedergabe oft hin- 
ter den Erwartungen zurück. An den Dirigentenpnlten 
standen die Herren d' Albert, Reznicek und Weingart- 
ner, ausserdem führten noch mehrereKomponistenihre 
neuen Schöpfungen dem lauschenden Publikum selbst 
vor. 8 moderne Opern, 3 grosse Orchesterkonzerte, 
3 Kammermusikabende — jedes der letzeren mit 
überlangem, die Aufiiabme-Fähigkeit fast übersteigen- 
dem Programm, — Sie werden, geehrter Herr 
Redakteur, da Sie nur einen kurzen Bericht für Ihr 
geschätztes Blatt von mir wünsditen, es begreiflich 
finden, dass ich da nicht chronologisch, sondern mehr 



summarisch aus dem Vollen berichte und nur bei 
einigen hervorragenden Neuheiten verweile. Um 
gleich mit den dramatischen Genüssen, welche die 
Tage ein- und ausleiteten, zu beginnen, so scheint 
mir d^Albert's neue Oper ,Gemot* unter ver- 
schiedenen Aufuhrungs*Unbilden gelitten zu haben, 
so dass ein abschliessendes Urtbeil über das Werk 
verfrüht wäre. Jedenfalls lässt die Oper einen Fort- 
schritt über „Rubin** und „Ghismonda'^ erkennen; die 
Musik steigert sich an einigen Stellen zu packender 
dramatischer Lebendigkeit und ergreifender Wirkung, 
die Instrumentimng ist gut und voller Klangreiz; 
«aber das Textbuch ist von sträflicher SchwSche und 
ihm erlag auch d'Albert's Muse; die stimmliche In- 
disposition der Vertreterin der Hauptrolle kam 
hinzu; trotzdem errang die Oper unter der umsich- 
tigen Leitung des Komponisten einen freundlichen 
Erfolg. Der «Genesins'' des Herrn Wdngartner, der 
die Festtage beschloss, ist Ihren Berlinern gut genug 
bekannt, so dass ich nur hinzuzufügen braaehe, dass 
das Werk unter der Führung seines Schopfers eine 
vorzügliche Wiedergabe erfuhr. — 

Zu den anziehendsten Nummern der grossen 
Orchesterkonzerte zählte zunächst Riehard Strauss's 
fiarbenprächtiges Werk: „Also sprach Zarathustra*, 



— 170 — 



das aber leider imter der Leitaiig des Herrn 
Resnieek yoUfltiDdig 8cliifR>r«ch erlitt. Zabedeatend 
grOieerer Wirkung brachte es Weiogartner's neoe 
•InföniBche Dichtung: ,Die Gefilde der Seligen* 
anter des Komponisten eigener sielbewosster Leitang. 
Mag das Werk in Besng anf Tiefe and Charakteristik 
dem StraosB^schen Werke nicht ebenbfirtig an die 
Seite la stellen seini so wixkt ee doch durch seine 
feine, wahrhaft poesievolle Stimmung und durch be- 
Mubemde Klangschönheit; ein darin vorkommender 
Kinderreigen ist von entzfickender Wirkung. Diesen 
beiden sinfonischen Werken gesellte sich am ersten 
Abend noch Resnicek's ,Requiem% das, in Berlin 
bereits aufgeffihrt, dort wenig und hier noch 
weniger sur Geltung kam. Auf den Programmen 
der beiden fibrigen Orchesterabende hatten drei 
fransOsische Komponisten den Vortritt; gans neu 
war uns Herr Vincent d'Indy mit einer Sinfonie : 
«Sur an chant mootagnaid fran^*, ein äusserst 
reisvoiles^ liebenswfirdiges Werk — , ein schlichter 
Hirtengesang sieht sich wie eioe Art Leitmotiv durch 
alle Sätse. Die Instrumentirung Ist ebenso fein, 
wie voller geistreicher Pointen, — das Werk ersielte 
unter der Direktion des jungen liebenswürdigen und 
liescheiden auftretenden Komponisten einen vollen, 
begeisterten Erfolg. D^Indy ist ein Schfiler von 
C^sar Franck, dessen »sinfonische Variationen*, von 
Herrn RIsler am Flfigel vortrefllich ausgeführt, einen 
ähnlichen Krfolg, wie seines Schftlers Werk, er- 
oberten. — Einen swischen Ernst und Helterkdt 
schwankenden Eindruck erregte ein Werk von 
Hector Beriios: ,Lelio, monodrame lyrique*, das 
er als Fortsetsung oder Nachspiel su seiner 
«Symphonie ÜEmtastique* geschrieben hftt Der von 
einem grausen Schicksal verfolgte und von wilden 
Fantasien gequälte Kfinstler, den uns die »Symphonie 
fantastique* geschildert, wird Im .Lelio* dem Leben 
und der Thatkraft wieder logef&hrt; Berlioz hat 
einen Text dasu gedichtet, der su einer begleitenden 
Musik, ans Soli, Chor und Orchester bestehend, ge- 
sprochen wird» Die Musik ist hinter einem Vor- 
hang postirt, der agirende Kfinstler steht vor dem- 
selben. Das Werk f^edert sich in 6 Abtheilongen ; 
SU Leiios, zwischen Melancholie und Entrfistung fiber 
die Dummheit der Welt schwankenden Worten, er- 
tönen schwermfithige oder stürmische Weisen: ein 
Geisterchor, ein Lied der Räuberbanden, ein Hymnus 
des GIficks; — endlich hat sich der Künstler gans 
zum Leben und su erneuter Thatkraft ermannt, er 
tritt unter seine Schfiler und jetst hebt sich der 
Vorhang und, von Herrn Resnicek dlri|^ spielt das 



Orchester eine Fantasie tu 8hakespeaie*s „Sftam**, 
^ als Leiio, befriedigt ein nO«BnS^ nf^ vnr daa 
Publikum, das sich bei dem Gänsen hSehKdut 
amnsirt, obgleich es Beriios bitter emat ge- 
meint hat, boshaft genug, leise mit einsostianieBU 
— Auch Frans Lissfs «Dante-Sinfonie^ wurde mit 
getheilten Empfindungen aufgenommen, das ^elum- 
strittene Werk erfahr keine preisliche Wiedergabe, 
Dirigent und Orchester waren in die Ltsst'schen Inten- 
tionen nur ungenfigend eingedrungen« — Eine Ton 
0. Prohaska sn einem RGckert^schen Gedicht kom- 
ponirte Cantate ffir Orchester und Baritonsolo, vom 
Komponisten selbst dirigirt, ist ein lieinlich unbe- 
deutendes, interesseloses Werk, das setbet dureh die 
vorsfigliche Wiedergabe der Soloparthieen dorcb 
Herrn Dr. Krause nicht su retten war. Sofistiache 
Vorträge swischen den grossen Orehesterwerken 
spendete Herr Petschnikoff mit dem Violin-Konsert 
von Tschaikowski und einem Adagio nnd Fuge von 
Bach, letsteres in meisterhafter, stilvoller Ausffihning. 
Femer spielte Herr Risler drei Solostficke von Liast, 
Herr Krauss sang Lieder von Frits Steinbadi und 
Fräulein Gamilla Laodi entsfickte das Publikum mit 
einigen leichtgesdifirsten fransftsischen Chansons, die 
ihren Erfolg aber nur dem granOaea, fein pointirten 
Vortrag verdankten. 

Von den drei Kammermusikkonserten war das 
erste dem Andenken Brahms* gewidmet Das be- 
währte Halir-Quartett fahrte das Streichquartett in 
a-moll, op. 51 und das Klavierquartett in g-moll, 
op. 25 au^ am Flfigel sass bei letsterem Frau 
Margarethe Stern ans Dresden. In Gemeinschaft 
mit Herrn Kammermnrikus Schubert kam dann noch 
das Klarinettenquintett op. 115 su vonfiglicher 
^edergabe und errang stfirmischen Beiüall. Ebenso 
vorsuglich sang Herr Krauss die „vier ernsten Ge- 
sänge^, Frau Hemdl spendete noch verschiedene be- 
kannte Lieder des verewigten Tonmeisters. — In 
den beiden letzten Konserten wirkte das Mannheimer 
Quartett Schuster in sehr tüchtiger, Anerkennung 
verdienender Weise mit; an Neuheitm gab es ein 
siemlich trockenes Quartett von Waldemar von 
Baussnem, aus dem nur der langsame Sats durch 
tiefere Empfindung das Interesse fesselte, ferner 
eine flott und stilgerecht geschriebene Sonate for 
Violine und Klavier von Robert Kahn, Lieder von 
Weingartner von Herrn Dr. WfiUner gesuogeo, 
Lieder von Alexander Ritter, die Frl. Johanna Diets 
vortrug, u. a. m. Mit dem da-moll-Quartett von 
Beethoven klangen endlich die Festkonierte von 
Mannheim aus. i. 



Yen hier und ausserhalb. 



Berlin. Der hersogUch meiningische Hofkapell- 
meister s. D. Herr Emil Bfichner hat, wie die 
»Dorfitg." aus Erfurt meldet, den kfinigL Kronen- 
orden 4. Klasse surfickgeschickt, der ihm anlässlich 
seines Rficktritts von der Leitung eines Musikvereins 
verliehen wurde. Der Gekränkte hat erklärt, er sei 



bereits im Bents höherer Orden und deshalb nicht 
in der Lage, eine solche Dekoration ansunehmen. 

— Von KarlKlindworth ersehenen dem- 
nächst im Verlage von B. Schott's SOhne 58 Uebungs- 
stficke aus Clementi's Gradus ad pamassum in neaer 
Bearbeitung. Dieselbe durfte an iostruktivem Werth 



— 171 - 



den von demselben herausgegebenen 16 Btüden Ber- 
tini'Sy die in voriger Nammer des Kl. Ls. glänsende 
Anerkennung fanden, nicht nachstehen. Auf diese 
Ausgabe des Autors der feinsinnigen, instruktiven 
BearbeitungenBeethoven^8cher,GbopiQ'scher and Bach- 
scher Werke richte ich die Aufmerksamkeit alier 
Musiklehrer und Musikfreunde. 

— Bin Pionier für gute deutsche Masik im fernen 
Brasilien ist Herr Luigi Ghiafarelii Direktor 
einer Musikschule in San Paulo. Seit einigen Jahren 
giebt derselbe mit seinen begabtesten Schülerinnen, 
unter Mitwirkung einiger Kollegen, Konzerte, um 
für die gute Musik Propaganda zu machen. Die 
Konzerte sind von dreierlei Art : 1. Familienkonzerte, 
wenigstens 2 — 3 mal jede Woche (unentgeltlich). 
2. Historische Konzerte, in unbestimmten Zeiträumen, 
gleichfalls unentgeltlicb. Diese Konzerte sind von 
ganz unerwartetem Erfolg gewesen. Die ausfuhren- 
den Schfilerinnen haben erstaunlich viel dabei ge- 
lernt, und die ZuhOrer haben sich immer mehr fir 
gute Musik begeistert Vor dem ersten Theile und 
zwischen dem ersten und dem zweiten erklärt Herr Gh, 
ausführlich die Bedeatung der Musikstücke, erzählt 
von den Komponisten und ergreift die Gelegenheit, 
um allerlei Betrachtungen über die musikalischen Zu- 
stände daran anzuknüpfen. Die dritte Art sind Wohl- 
thätigkeitskonzeite. Für seine Bestrebungen fand 
Herr Gh. anfangs wenig Entgegenkommen in den 
dortigen Zeitungen, jetzt würdigen dieselben seine 
Mühen in vollstem Maasse. 
— Im Vorjahre hat der Kaiser von Oesterrdch ao- 
lä9slich der Millioiums- Feierlichkeiten den Betrag 
von 6000 Oulden zu dem Zwecke gespendet, damit 
diese Summe als Preis ungarischer Tonwerke ausge- 
setzt werde. Mit der Durchführung der Konkurrenz 
hat der Kultas- und Dnterrichtsminister den „Franz 
liszt Tonkünstler-Klub** betraut, dessen aus den 
Herren Edmuod Mihalovich, Alexander Erkel, Julius 
Kaldy, Raool Mader und Victor von Herzfeld be- 
stehender Jury vor kurzer Zeit über die 
Zuerkennung der acht Königspreise wie folgt geur- 
theilt hat: 

Um den für eine ungai Ische Oper ausgesetzten 
Preis von 2000 fl. bewarben sich zWei Konkurrenz- 
werke, von denen aber keines des Preises für würdig 
befunden wurde. Den auf eine Symphonie ausge- 
schriebenen 1000 Gulden-Preis erhielt Herr Brost 
Dohnäoyi, den auf ein Kammermasikwerk ausge- 
schriebenen von 500 fl. Herr Bäla Szabados, den 
500-Gulden-Preis auf eine Orchester-Ouvertare aber- 
mals Herr Ernst Dohnanyi, den auf eine Klavier-So- 
nate ausgeschriebenen von 300 fl. Her Attila Horv4th. 
Auf eine ungarische Rhapsodie war ein Preis 
von 200 fl. ausgeschrieben. Die Jury fand jedoch 
keines der konkurrirenden zehn Werke für preis- 
würdig: es konnten nar zwei Rhapsodien — mit den 
Motti yjiljen a kiraly*. und ,.N^melykor nehezet s 
ujat memi ika el^* — belobt werden. Auch für 
ein Kunstlied mit ungarischem Texte und für eine 
Original-Volksliedergruppe ausgesetzten Preis von je 
100 Gulden konnten die Preisrichter keinem der 
konkurrirenden Werke zusprechen. 

BrVsseL Ein eigenartager musikalischer Wett- 



streit findet am 27. d. Mts. in der Stadt Mecheln 
statt. Das Glockenläuten ist eiae Kunst geworden 
uod jede grossere belgische Stadt setzt eine Elire 
darein, einen tüchtigen GlockenlSuter zu besitzen. 
Die Stadt Mecheln hat jetzt einen grossen Wettbe- 
werb ausgeschrieben; jeder Bewerber mnss die für 
Glockenspiel von Van Hoei komponirte Sonate und zwei 
beliebige Stücke vortragen. Vierzehn belgische und 
ein holländischer Glockenläuter nehmen an diesem 
Wettbewerbe theil. Zu Ehren der Theilnehmer an 
dem Wettstreite wird der Mechelner Glocken- 
lauter Denyn, ein Meister in seinem Fache, ein 
Konzert mit dem Glockenspiele mit Begleitung the- 
baniscber Trompeten veranstalten. 

Brüssel, 31. Mai. Aus Anlass des in Mecheln 
im künftigen Monate stattfindenden intemationaien 
archäologischen Kongresses wird eine Aufführung 
alter Mosik veranstaltet; besonders werden die Werke 
berühmter Mechelner Komponisten des 16. Jahr- 
hunderts zu Gehör gebracht werden. Als besonders 
schon sind ausgewählt worden: ein Madrigal, das 
Gyprianus Van Roor im Jahre 1550 während seines 
Aufeothalts in Venedig komponirt hat, und Werke 
von Phillipp De Monte, die zum ersten Male im Jahre 
1580 am Wiener Hofe vorgetragen worden sind. 

(Voss. Ztg.) 
Dresden« Der Wettbewerb um ein künstlerisches 
Innenplakat für die Ho^ianofortefabrik von Ernst 
Kaps in Dresden hat eine sehr bedeutende Anziehungs- 
kraft auf die Künstler aosgeübt Es sind im Ganzen 
nicht weniger als 195 Entwürfe eingegangen uod zwar 
43 aus Dresden, 80 aus dem übrigen Deutschland, 
21 aus Frankreich, 26 aus England, 18 aus Oester- 
reich, 8 aus Italien, 2 aus Belgien, 1 aus Spanien, 
1 aus Däoemark. Das Preisgericht hat die Preise 
bei der vierten entscheidenden Abstimmung ein- 
stimmig wie folgt vertheilt: 1. Preis 1000 Mk. Ent- 
wurf mit dem Kennwort «Deutsch*, 2. Preis 800 Mk. 
,Pyrios«, 8. Preis 400 Mk. „Ghopin^ Nach der Er- 
öffnung der Briefamschläge ergaben sich «ls Preis- 
träger : 1) Angelo Jank-München, 2) Walther Püttaer- 
München, 3) Hans Pfaff-Dresden. Alsdann beschloss 
das Preisgericht noch folgende Entwürfe durch eine 
lobende Erwähnung auszuzeichnen : Grün Schwarz 
Roth und Im Wettbewerb (beide aus München), Jugend 
aus Dresden und Tempera aus Dresden (von 
J. V. Gissarz) und In vier Farben (aus Prag). Das 
Ergebniss des Wettbewerbes ist vorzüglich. Die 
Firma ist dadurch in den Besitz hervorragend 
schöner und vornehmer Plakatentwürfe gelangt Die 
sämmtlichen Plakate bleiben bis Ende Juni im Sächsi- 
schen Eunstvereine in Dresden ausgesprochen. 

Genf« Prof. Albert Becker, der Direktor 
des Berliner kOnigl. Domchors, ist hier besonders 
ausgezeichnet worden. Am 19. Mai (wurde in der 
Viktoria-Halle unter Mitwirkung der Berliner Phil- 
harmonischen Kapelle durch die Sociötä de chant 
sacr^ die von Becker komponirte „Grosse Messe" 
aufgeführt Die GbOre, der Schwerpunkt des Werkes, 
W"!r^ unter Leitung des Hm. Barblan seit Monaten 
gründlich studirt und kamen zur schönsten Wirkung, 
nicht minder gelang die meisterlich gespielte Orgel- 
partie. Der vom Vorstand eingeladene Komponist 



— 172 — 



wtr peraönlleh uiwasend and wurde laeh SeliliiM 
des Oloiifl doreh «ine Abordnong des Yonteodee in 
beeonderor Weue geehrt Aoeh das sehr ishlreidie 
Pablikinn ehrte den Komponisten, der Ton der Loge 
MS seinen Dnnk in erkennen gib, doreh inoten BdlslL 
Paris. Hier Isad das jihriiche Sebfiler-Konzert 
de« Frl. Hortense Fsrent, einer bernbmten Klavier- 
Pldagogin nnd Leiterin eines von ihr begrfindeten 
Klavierlehrerinstitates statt Fri. Farent, welche den 
Titel eines ofßder de Tinstniction pobliqae ffihrt, 
Imt letsthin viel von sieh reden machen durch swei 
Konferensenf die sie an der Sorbonne gegeben hat 
ober das Thema: Mosikpidagogik und Darstellung 
ihrer eigenen Unterrichtsmethode; ganz Torzagliche, 
gedanlcenreiehe Vortrgge, die in einer Brochüre bei 
H« GhaaTin, 36 Bd. St Kichel, erschienen sind. So 
hörte ich am Sonntag Nachmittag von V/2 bis 5 Uhr 
— länger war ich nicht flhig za gemessen — die 
Hilfte eines Riesenprogrammes, welches ausser Bach, 
Mozart, Chopin, interessante Kompositionen von 
Malherfoe, Biset-Renand, Ch. Ren6, Gheviliard. M^lan 
Ga^ronlt» Taravaot etc. enthielt — lauter Werke, 
die noch za wenig bekannt sind. Die zahlreichen 
Sehfilerinnen spielten alle auswendig, sogar das Kon- 
zert ffir drei Klaviere von Bach, nnd andere Stacke, 
zu 2, 4 bis 18 Hftnden! Je drei Spieler an drei 
Flflgeln! Die Leistangen der Schfiler waren zam 
Theil erstannlich. Das Konzert faod im Saale Erard 
statt In Nebenhallen bemerkt man einige 50 Kon- 
zertflfigel dieser Firma, die alle flngbereit dastehen 
nnd auf denen man das vielhändlge Zosammenapiel 
bis sn den ftossersten Grenzen treiben konnte. (Bei 
nur je drei Spielern am Klaviere wfirde das ein drel- 
hnnderthlndiges Spiel geben!!) 0, dass ich tausend 
Zungen bitte! (Berliner Signale.) I 



Weinyv« Am 4. Jon! lud im hiesigen Hof- 
theotor die erste AolRhraag vm W. v. Banswüiras 
neoen Oper: »Dichter o. Welt* statt, woon JoBas 
Petri das Libretto verfiust bot. IKe MiMik veiiilh 
grosses Talent, vor allem ut ihr eine erfrenliehe 
Selbetstindigkeit und eine vollkommene Unabhängig' 
keit von Richard Wagner naehsorfihmen. Der Ton- 
dichter behemeht dabei natnriich die gaoae Technik 
der modernen Instromentationakanst in jeder Hin- 
sicht, es sd denn, daos er, um der charakteristisehea 
WirlLungen willen, zuweilen etwas zu harte Verinn- 
düngen wählt und vor allem leider andi von dem. 
Vorwarf nicht freizusprechen ist, dass er gelegentlich 
den Tonmassen in nberaos komplisirter Form ein 
solches Uebergewicht fiber die Stimmen der Singer 
auf der Bfihne einiäomt, dass die Deklamation last 
unverständlich bleiben moss trotz der Stimmkraft 
eines Zeller und der F^n Stavenhagen, die beide 
als Wolfbrecht und Irmina fut Debermenschliciies 
letsteten. Den Dichter brachte Herr Omar durch 
seine ungewöhnliche Darstellungakon^t zu ganz 
ausserordentlicher Wirkung ; von den Vertretern der 
weniger umfangreichen Rollen moss noch der des 
Binsiedlera, Herr Bloss, rahmend hervorgehoben 
werden. Auch die bedeutenden GhOre, in deren 
Kompositionen sich ein ebenso feines Gefühl für 
charakteristische Klangwirkungen als reiche Brfin- 
duogsgabe anaspricht, verdienen besondere Aner» 
kennuog. Das höchste Lob al>er gebührt vor allem 
dem genialen Dirigenten, Herrn HofkapeUmeister 
Bernhard Stavenhagen, der die ungemein schwierige 
Leitung der gewaltigen Grchestermassen mit bewan- 
demswfirdiger Klarheit und begeisternder Hingabe 
durchffihrte. 



Bücher und MnsikaUen. 



Nene Klavierwerke« 

In nachstehender Reihe sind eine Auswahl feiner, 
werthvoller Klavierstücke zusammeogestellt, die so* 
wohl zu Vortragszwecken, wie zum StncÜam zu 
empfehlen sind. 

PlilUpp Scharwenka, op. 101. Fünf Klavier- 
stücke. Leipzig, Breitkopf d Hartel. 
Sehr gediegene, in grosserem Styl angelegte 
Vortragsstüeke, die tüchtige und feinfühlige Spieler 
verlangen und gründlich studirt sein wollen Die 
Kunst der thematischen Verarbeitung, die vornehme 
HarmoniefübruDg, die Philipp Scharwenka^s Arbeiten 
stets auszeichnen, treten auch in diesen neuen Werken 
wieder hell zu Tage; wir machen, obgleich jedes 
einzelne Stück sich durch einen besonderen Reiz 
auszeichnet, noch speziell auf No. 2 mit seiner klang- 
vollen Kantilene und auf No. 4 ,MoJto animato" mit 
seinem zierlichen, konsequent durchgeführten Staccato 
aufmerksam. 

Gustav Laiams, op. 28: Lyrische Stüclce. 
2. Hefte. Offenbach, Job. Andrö. 
Heft 1 enth&lt eine zierliche «Gavotte*, eine 
iLurze, aber klangvolle «Träumerei* und ein Stück 



in Tansform: «Böhmisch.* Das sweite Heft bringt: 
Gondoliera, Romanze und AlhumbUitt; sämmtliehe 
Stücke von mittlerer Schwierigkeit, aber fein musi- 
kalisch empfunden und verarbeitet, sehr dankbar zum 
Vortrag. 
A« Holländer^ op. 52: 12 Klavierstücke. Inter- 

mezzi für die linke Hand allein. Zweite Folge. 

Berlin, Schlesinger. 
Abgesehen von der Absicht des Komponisten, 
Stücke für die linke Hand allein zu schreibcni ^, sie 
lassen sich, da sie in zwei Systemen geschrieben, 
natürlich auch mit beiden ausfahren — -, haben wir 
in dieser vorliegenden zweiten Folge sechs in Taaz- 
und Liedformen abgefaste Tonstückchen vor uns von 
anmuthigem Klangreiz und frischen Motiven. 
Carl A. Preyer^ op. 32. Variationen über 

ein eigenes Thema. Leipiig, Breitkopf d 

Härtel. 

Bine sehr tüchtige Arbelt, die den gründlich ge- 
schalten Musiker verräth. Das Thema ist von eigen- 
artiger, etwas strenger Schönheit, mehr motivisch 
wie melodiös gehalten; in den Variationen eotfialtet 
der Komponist in Rhytmus und in der Figuration 



— 173 — 



eine FQlle neaer Ideen; wir finden nirgends ein An- 
lehnen an «berfibmte Muster*, sodass das Interesse bis 
zum Schlosse rege bleibt Das Stück ist xiemlich 
schwer aossafQhren. 

Wilhelm Seifhardt, op. 11: Bitte, Klage, 
Trost. 3 lyrische Klavierstücke. 
Leipzig, Bosworth d Co. 

Srnste, sinnige Tonstücke mit gaten, klangvollen 
Motiven and gewählter Harmoniefahrung; sprechen 
sie auch keine besonders neuen Gedanken aas, so 
sind die Gesagten doch warm empfanden and ge- 
schickt verarbeitet, der Gesammteindrack ist darch- 
aus sympathisch. 

Adolf Sohuppasy op. 16: Deutsche Tänze. 
Neue Folge. Leipzig, Breitkopf d Härtel. 
Ein flottes Hasikstück in Walzerform; das hübsche 
Hauptthema kehrt verschiedentlich, von Seitensätzen 
in neuen Rhythmen und Tonarten unterbrochen, wieder; 
der Satz ist fliessend, die Schwierigkeit obere Mittel- 
stufe. 

Edmondstonne Dnncan, op. 86. 8 Pianoforte- 
stücke. Leipzig, Breitkopf d Härtel. 
Die Stückchen gehören der noch brauchbaren 
Salonmusik an; das erste fuhrt den sonderbaren 
Titel .Der Hase und die Schildkröte'', der ver- 
knüpfende Gedankengang zwischen diesem Gethier 
und den Melodien des Stückes ist uns nicht klarge- 
worden. Dann giebt es unter diesen acht Stücken 
noch einen «tollen Tag**, — vier Seiten ziemlich 
dtlrftige Triolengänge; im übrigen die beliebten 
«Arn Abend*, aSpringbrunnen*, .Tanz* u. s. w. 

— Für Liebhaber des vierhändigen Spiels sind die 
originell für vier Hände geschriebenen Werke von 
l^icolai V. Wilm warm zu empfehlen. Bs liegen 
uns vor: op. 147: »Vier Klavierstücke^ 
Leipzig, Otto Forberg und op. 152: »Vier Klavier- 
stücke*} München, Jos. Aibl; durchweg vornehm 
erdachte und geschickt gearbeitete Sätze, die durch 
ihre sinnigen Melodien und reizvolle Harmonie- 
ffihrung sich vorzüglich zum Vortrag eignen. Die 
Schwierigkeit geht nicht über die Mittelstufe hinaus. 
Von ähnlicher Schwierigkeit ist Heinrich Hof- 
mann's op. 79: ,Waldm ärchen*, ein Gyklus 
von 8 Stücken, in Leipzig bei Breitkopf d Härtel er- 
schienen. Die Tonstückchen stehen in einem geistigen 
Zusammenhang, sie betiteln sich: »Der Falkner*, 
,Rast an der Quelle*, »Beim Meister Schmied*, 
»Waldtraut*, »Zigeuner*, ,Beim Einsiedler*, »Irr- 
ßcbter*' und »Geständniss*. Einzelne der Sätzchen 
zeichnen sich durch ihre frischeLebendigkeit undGharak- 
teristik aus, andre sind matter, ansprechende melo- 
dische Motive finden sieh fisst in allen, sie werden sich 
dsher rasch Freunde erwerben. Jüngere Spieler werden 
an Edwin Schultz' op. 202: »Sechs leichte 
Klavierstücke*, Magdeburg, Otto Wernthal ihr 
Vergnügen haben; die Stückchen sind für beide 
Partner in ziemlich gleicher Schwierigkeit gehalten, 
sie haben einfache, gefällige Melodien und sind in 
ihrem geistigen Inhalte dem Verständniss der Jugend 
aogepasst Sie sind daher auch als Erholung beim 
Unterricht zu verwerthen. — Ausserdem liegen noch 
im Arrangement zwei Werke von Alezander 



Ritter vor: op. 22 »Olafs Hoehseits- 
reigen*, Symphonischer Walzer f&r grosses 
Orchester und op. 23 »8 u r s u m G o r d a* Eine 
Starm- und Drang-Phantasie für grosses Orchester; 
beide in München bei Jos. Aibl erschienen. A. M. 
Hans Hermamiy op.5. Gesänge und Balladen 
f. 1. Singst mit Pianoforte. (Magdeburg, Heinriehs- 
hofen) No. 1—5 : Es rollt so träge des blaue Meer. 
(Pr. Mk. 1,30) Legende (Mk. 1,.^) Drei Wanderer 
(Mk. 1,50.) 
Haas Hermann, op. 6. Drei Lieder: Das 
Herz (80 Pf.). Erfüllter Wunsch. (1 Mk.). Strampel- 
chen. (Mk. 1,30.) Magdeburg, Heinrichshofen. 
Es war vor einigen Jahren, als Frau Lilli Leh- 
mann in einem ihrer Konzerte eine ganze Reihe 
Lieder von Hans Hermann brachte. Frau Lehmann 
hat ja Gott sei Dank die lobenswerthe Eigenschaft, 
die komponirende Gegenwart auf ihren Programmen 
zu bedenkf n. Dass sie sich immer durch glficklichen 
Griff auszeichen, das hat ihr noch Keiner nachgesagt. 
Damals hatte sie also Lieder von H. Hermann ge> 
wählt, deren Texte uns in die Kinderstube führten 
und von dort Gespräche sowohl des Kindes, als der 
Magd und verschiedener Baus- und Zimmergeräthe 
wiedergaben. Die Originalität der Teztwahl kann 
Niemand beatreiten, und da auch eine gewisse 
originale musikalische Ausgestaltung dazu trat, so war 
es nicht zu verwundern, dass sich verschiedene 
kleinere Grossen von der Nachahmungssucht erfassen 
Hessen. Heute liest man seltener eins der damaligen 
Lieder auf den Programmen, es müsste denn ein 
Konzert der Frau Sanderson sein oder ein mit eignen 
Kompositionen vom Kompomsten selbst arrangirtes. 
Die Teztwahl ist auch bei den vorstehenden beiden 
Heften etwas aufiällig. In dem Liede: »Das Matter- 
hers*, wird eine Form von Grausigkeit zur Darstellung 
gebracht, dass man beinahe sagen kann, die Wahl 
streift an musikalische Geschmackslosigkeit. Und doch 
ists nur Raffinement, Raffinement, das leider heute 
eine gauze Reihe von Gebieten beherrscht, die besser 
davon verschont geblieben wären. Auch der Text 
der Legende ist etwss weitgehend in den Konsessionen, 
die dem falschen Geschmacke eines blasirten Publi- 
kums gemacht werden. Die Verquicknng des Himm- 
lischen mit dem plattesten Realismus geht über Das 
hinaus, was man gestatten konnte, diese Verquickung 
ist n i c h t Naivität, für die sie sich ausgiebt, sondern 
fast schon Blasphemie. Selbst die künstliche, ge- 
schraubte Naivität in: »Erfüllter Wunsch*, obgleich 
der Text unter der Uebersetserfiage Paul Heyse's 
segelt, kann durch musikalische Interpretation kaum 
gewinnen. 

Was nun die musikalischen Qualifikationen des 
Komponisten angeht, so ist seine musikalische Be- 
gabung gevriss nicht sa leugnen. Wenn er auch 
nirgends etwss Neues, Bahnbrechendes sagt, sich auch 
mit Worten und Sätzen Anderer aushilft, die vor und 
mit ihm lebten, so zeigt sich doch überall Talent und 
Geschick. Leider ist er durch die Texte, die in ihrer 
Absonderlichkeit auch des Absonderlichen in der 
Musik viel verlangen,oftgenag gezwungen, die Pfsdeder 
Grübeier einzuschlagen oder aber sich ebenfalls einer 
musikalischen Naivität in die Arme sa werfen, die 



— 174 - 



nicht immer schön wirkt Am besten von beiden 
Heften si^en mir sn ans op. 5 : No. 4 Drei Wandrer, 
obscbon aneh dort melodisch, haimonisch nnd text- 
lich mir nicht ailes gefftUt, femer No. 1 Es rollt so 
trige das graae Meer, hier ist harmonisch and dekla- 
matorisch maocbes Interessante za finden, den billigen 
Effekt der Verweadong des Volkslieds : ,da unten in 
der Mahlen*, obscbon für das Schicksal des Liedes mass- 
gebend, rechne ich nicht dasa. Die Legende No. 2, ist 
kompositorisch recht serrissen nnd am Schlosse, be- 
sonders im Klaviemachspiele, etwas bnital; zu dem 
Liede: .Das Matterben* termag ich weder text- 
lich noch masikalisch Stellang zu nehmen. In op. 6 
halte ich das No. 1, obscbon viel geknnstelte Ein- 
fachheit darin steckt, fnr das Beste. No 2 Erfüllter 
Wonscb ist direkt manirirt nnd No. 8 Strampelchen 



leidet etwas Oewalt dadnreh, dass es, als Scene ge- 
dacht, in die Form des Liedes gepresst ist. — B« 
ist nicht anders zo erwarten, das Schicksal aller der 
KompositioDen liegt nnr in den Händen dee Vor- 
tragend eo. Der Sänger bezw. die Sängerin, welefae 
nicht im Stande sind, das Raffinement im Texl, die 
Naivität oder was sonst darin enthalten Ist, zur deat- 
lichsten Anschaanng za bringen and aas eignen 
Mitteln noch liier Lichter greller Art nnd dort 
dämpfende oder dunkelnde Schatten anfsosetieii« die 
sollen die Hände von den Liedern lassen, wanden 
weder far sieb etwas darin finden, noch dem Pablikam 
daraas etwas Geniessbares bieten können. Vortrags- 
kSnstlerinnen wie Fran Sandenon durften hier nmch 
Blamen suchen geben. Naubert. 



Anregung und Unterhaitang. 



Wenn Fruchtbarkeit ein Hauptmerkmal des 
Genies ist, so gehört Franz Schubert zu den 
grOssten. — Es gab eine Zeit, wo ich nur ungern 
fiber Schubert sprechen, nnr Nächtens den BSumen 
und Sternen von ihm rorerzählen mOgen. Wer 
schwärmt nicht einmal! Entzückt von diesem neuen 
Geist, dessen Reichthum mir mass- und grenzenlos 
dfinkte, taub gegen Alles, was gegen ihn zeugen 
könnte, sann ich Nichts als — auf ihn. — Schubert wird 
immer der Liebling der Jagend bleiben; er zeiRt| 
was sie will, ein überströmend Herz, kühne Ge- 
danken, rasche That; erzählt ihr, was sie am meisten 
liebt, von romantischen Geschichten, Rittern, Mädchen 
und Abenteaem; auch Witz nnd Humor mischt er 
bei, aber nicht tio viel, dass dadurch die weichere 
Grundstimmong getrübt würde. Dabei beflügelt er 
des Spielers eigene Phantasie, wie ausser Beethoven 
kein anderer Komponist; das Leicht-Nachahmliche 
mancher seiner Eigenheiten verlockt wohl auch zur 
Nachahmung; tausend Gedanken will man ausführen, 
die er nur leichthin angedeutet; so ist es, so wird 
er noch lange wirken. Heoselt. 

Was ich Wohllaut, Klangzauber nenne, ist mir 
noch nie in einem höheren Grade vorgekommen 
als in Henselt*s Kompositionen. Dieser Wohllaut ist 
aber nur der Wiederhall einer inneren liebens- 
Würdigkeit, die sich so offen nnd wahr ausspricht, 
wie man es in diesem verhüllten Larventanz der 

Zeit kaum mehr kennt Nealich wurde gefragt, 

ob HensClt nicht eine dem Prinzen Louis von 
Prenssen verwandte Erscbeinang wäre. Allerdings, 
aber sie fallen in umgekehrte Zeiten. Nimmt man 
von der Musik einen romantischen und klassischen 
Cliarakter an, so war Prinz Louis der Romantiker 
der klassischen Periode, während Henselt der Klassiker 
einer romantischen Zeit ist; und in so fern be- 
rühren sie sich. 



Der Grund seines raschen Durchdringens liegt — 
in der anziehungskräftigsten Seite sittlichen und 
künstlerischen Charakters, — in der Liebenswürdig- 
keit unseres Helden. Seine Glieder bewegen sich 
frei nnd gefällig ; sein Schwert blitzt und dnftet zn- 
gleich, wie man es von den Damascenerklingen sagt: 
von seinem Haupte weht ein glänzender Helmbnsch. 
So ist er mir, sah ich ihn am Klavier, auch oft wie 
ein Troubadour erschienen, der die Gemüther be- 
sänftigt in wilder, durcheinander geworfener Zeit, sie 
an die Einfachheit und Sittlichkeit früherer Jahr- 
hunderte mahnt und zu neuen Thaten ruft, und da 
stutzen wohl Mädchen* und Jünglinge, wie er von 
Lied zu Lied weiter singt und kaum za endigen 
weiss. Dabei vermag er aber auch den leidenschaft- 
licheren Naturen zu gefallen : seine Gesänge sind der 
innigsten Liebe und Hingebung voll, auch das Schick- 
sal mag seine Hände nicht aus dem Spiel lassen and 
zwang ihn gleichsam zum Romantiker, sein ganzes 
Wesen ist in Liebe aufgegangen« Schubert 

Stofr und Verarbaltungi 

Man pflegt die Wichtigkeit der Klangweise bei 
Fingerübungen und Tonleitern sehr an nntersebätsen ; 
und doch sind jene der Stoff, ans dem die Klavier- 
musik gewirkt wird. Man vergleiche die Art der 
Klangbildung bei der Tongebung z. B. mit dem 
Material zum Weben, die Tonleiter nnd akkordische 
Uebung ist dann der daraus gesponnene Faden, die 
Masik ist das kunstvolle Gewebe. Ist aber das Ma- 
terial schlecht, so kann der Faden nicht fein and 
egal werden; und sei jener auch noch so gnt: wenn 
der Faden ungleich ist, kann nar ein unschönes Ge- 
wirk daraus entstehen. Der Uebende bedenke nbw- 
haupt stets, dass er am Webstuhl sitze: er bringt 
entweder Seide oder Sackleinen hervor, denn die 
Art des Uebens macht die Art des technisdien 
Stoffes. 



— 175 - 



ABdieBchneidigeD. 
Schneidig la aeio ist jetst die eherne Losung des 

Tages, 
Aber man denke daran : Schliff geht der Schneide 

▼oran. 

J. F. Soldat. 

Beethoven's Rondo, welches man in seinem 
Nachlass ohne Opassahi mit der Ueberschrift: «Die 
Wnth fiber den verlorenen Groschen, aasgelobt in 
einer Caprice* rorfand und als op. 139 rerOffent- 
lichte, gehört zu den wenigen Werken des Meisters, 
fiber deren Werth und Bntstehongsieit die Meinongen 
weit anseioandergehen. So ersfthit Schamann, er 
habe ,in einem Zage* lachen mfisseo, als er das 
Werk znm ersten Mal spielte; etwas lastigeres gebe 
ee schwerlich als diese „Schnarre*, die ihm werth- 
ToUer erschien, als zehn der »neueiten pathetischen 
Outertaren* zusammen genommen. Andererseits 
sagt der Beethorenbiograph ron Lenz über das 
Rondo: 449 Takte aus firühester Zeit und ohne Inter- 
esse*. Diesem absprechenden Crtheii ist Hans von 
BGlow mit Bntrfistang entgegen getreten. Aaf 
Graod mehrerer charakteristiBcher Zfige bezeichnet 
er das Werk als „ein Parergon der letzten Schaffens- 
periode Beethoren's.* Bulow weist weiterhin nach, 
wie zu sinngemisser Wiedergabe des Werks ausser 
einem ziemlich bedeutenden Maass mechanischer 
Fertigkeit zwei Dinge gehören, nämlich Leidenschaft 



und Hamor. Der Ausfahreode moss die physische 
Kraft besitzen, sein Spiel bis zu nervöser Hast, ja 
bis zum Parozysmus za steigern, ohne dass diese 
Steigerung schabloneohaft eintönig erfolge. Die 
Woth muss komisch wie eine Selbstpersiflage wirken ; 
handelt es sich doch um eine Kleinigkeit, derent- 
wegen der Komponist in solche Brregang gerieth. 

Robert Schamann. 

m 

Aus Rubinstein's „Gedankenkorb*, 
wie er selbst seine Aphorismen benannte, die jetzt 
in der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer" erscheinen, 
theilt das „Berl. Tageblatt* folgende Aassprfiche mit: 

.Man schickt mir Gedichte zum Komponiren ein, 
das kommt mir vor, als stellte man mir Mftdchen 
zum Verlieben vor. Man sieht znftllig ein Gedicht, 
es regt Einen an, man setzt es in Musik. — Man 
sieht zufftllig ein Mädchen, es geflillt Einem, man 
verliebt sich in sie. — Aber beides aus eigenem An- 
trieb, nicht auf Fürbitte.* 

Ob sich der darstellende Kfinstler über den 
schaffenden stellen, ob er dessen Werke nach Will- 
kür für sich umgestalten dürfe? Die Antwort ist 
leicht: Einen Läppischen lachen wir aas, wenn er es 
schlecht macht, einem Geistreichen gestatten wir*s, 
wenn ejr den Sinn des Originals nicht etwa geradezu 
zerstört 



Meinungs-Austausch. 



— Einer der bekanntesten und um die Hebung 
seiner Standesgenossen verdientester Musiklehrer 
Köln's, Herr Gottfried Dens, hatio der letzten 
Sitzung des Vereins gegen Unwesen im Handel und 
Gewerbe gegen die auf dem Kölner Konservatorium 
eingerissene Sitte Front gemacht, dass die Konser- 
vatoriumsschüler, mit Briaubnissscbein des Direktors 
Wüllner versehen, Musik Unterricht ertheilen. 
Herr Dens erblickt in jener Sitte einen unlauteren 
Wettbewerb schlimmster Art, und der genannte 
Verein hst seine Anschauung zu der seinigen 
gemacht und beschlossen, bei Herrn WüllnerAb- 
hilfe zu erstreben. Eine Kölner Tageszeitung schreibt 
darüber: „Die gerügte Sitte stellt sich thatsächlich 
als dn unlauterer Wettbewerb schlimmster Art dar. 
Es ist bekannt, dafs es in Köln eine grosse Anzahl 

grivater Musiklehrer giebt, die wie jeder andere 
taats- und Stadtbürger zu den öffentlichen Lasten 
beisteuern; es ist femer bekannt, dass Stadt und 
Staat zu Erhaltnng des Konservatoriums finanziell 
in erheblichem Maasse beitragen, so beläuft sich 
z. B. der jährliche Zuschuss der Stadt auf 5000 Mk. 
An diesen Zuschüssen partizipiren als Steuerzahler 
sellMtverständlich auch die biesigen Mosiklehrer. 
Wenn ihnen nun andererseits die Konservatoriums- 
schüler, die im Genuss dieser Zuschüsse stehen, als 
Konkurrenten im Unterricht gegenübertreten, was ist 
da berechtiffter, als von einem unlauteren Wettbe- 
werb zu reden? Soviel wir wissen, sind es gegen- 
wärtig dreissig Schüler, die ausgestattet mit der Er- 
laubmss des Herrn Direktors Wüllner Musikunter- 
richt ertheilen und sowohl den hiesigen Musiklehrem 
empfindlichen Schaden zufügen, als auch dem Staat 
gegenüber, da sie von der Einkommensteuer frei 
sind, ein anberechtiges Privileg einnehmen. Wir 
sehen von der Frage ab, ob es zweckmässig ist, dass 



Cge Leute, die selbst noch des Lernens bedürfen, 
eits Unterricht ertheilen; wir heben hier nur die so- 
zialpolitisch und moralisch verwerfliche Seite der Frage 
hervor. Unter dem Vorgänger des jetzigen Leiters, 
dem Herrn Direktor Hiller ist diese Seite «ebührend 

gewürdigt worden; er war grundsätzlicher Gegner 
es jetzt beliebten Verfahrens und hat nie einem 
Konservatoriamsschüler dieBrlaubniss zum Unterricht 
ertheiit Sollte Herr Direktor Wüllmer auf seinem 
Standpunkt verharren wollen, so wäre es unseres 
Brachtens Pflicht der Stadtverwaltang, das Ihrige zu 
thun, dass entweder Herr Wüllner sich zu einer 
Aenderung der bestehenden Praxis versteht, oder 
dass man den städtischen Zuschuss einstellt. Denn 
die Mosiklehrer der Stadt können als gleichberech- 
tigte Bürger verlangen, dass ihnen mit ihren eigenen 
Steuergroschen keine erschwerende Konkurrens ge- 
macht wird. Insofern verdienen im Namen der Ge- 
rechtigkeit die bei oben erwähnter Gelegenheit ge- 
machten Ausführungen volle Beachtung". — 

Es wäre tu wünschen, wenn der hier getbane 
Schritt Anlass zu dem so lanRC umsonst ersehnten, 
alleemeinen gesetzlichen Schutze der musikalischen 
Lenrtbätigkeit geben würde. Sie verdient denselben 
gewiss im höchsten Grade und m«*hr, als mancher 
andere Gegenstand der Gesetzgebung. 

(Seh,) 



Dasselbe Klagelied stimmt Herr Wambold im 
„Klavier-Lehrer" (No. 12 des Jahrgangs 96) mit Bezog 
auf die Unterricht ertheilenden Schüler des Leipziger 
Konservatoriums an, und hebt besonders hervor, dass 
der Unterricht, den diese ertheilen, nur ein mangel- 
hafter sein könne, da an dieser Anstalt, nicht wie in 



— 176 — 



GOln and anderen Orten ein Klavier^Seminftr besteht, 
das die Sehfiler ifir das Masikanterrichtsfach vor- 
bereitet 

Wenn nun in GOln, wie ieh yermathe, nur den- 
jenigen Sehnlem die Erlaobniss mm Untenricbten ge- 
geben wird, die unter Leitoog des yorirelfliehen Herrn 
Dr. 0. Klaawell sich alle die Kenntoisse angeeignet 
haben, welche sie sam Ertheilen ron Masikanterricht 
befähigen, so dfirfte die Kunst keinen Schaden er- 
leiden, so unangenehm die Konkurrens den steuer- 
lahlenden Musiklehrem auch sein mag Jenen das 
Unterrichten su verbieten ist nicht angängig, so lange 
wir Gewerbefreiheit haben und jeder Unberufene dem 
tüchtigen Lehrer ungestraft Konknrrens machen kann. 
Eine staatliche Prüfung der Musiklehrer wäre 
wünschenswerth, sie kann aber nur eneicht werden, 
wenn eine Lficke in unserer Gesetsgebung ausgeffillt 
wird. Für die so untergeordneten Disciplinen wie 
Tum-, Tanz-, Schwimm-, Handarbeits-Unterrtcht ver- 
langt die Behörde den BeflLhigungsnachweis, aber der 
Musikunterricht, ein so wichtiges Erziehungs- und 
BilduDgsmittel, das an den Lehrenden so hohe An- 
forderungen nach künstlerischer, wissenschaftlicher und I 
pädagogischer Seite stellt, darf von Personen ertheilt 
werden, die nicht nur auf niedriger Stufe künst- 
lerischer wie allgemeiner Bildung stehen, sondern die 
auch in moralischer Beziehung zuweilen zu schweren 
Bedenken Veranlassung geben. 

Es wird schwer sein, hier Wandel zu schatfen. 
Selbst eine Petition an den Reichstag würde kaum 
Erfolg haben, denn es liegt nicht in seiner Kompetent, 
von jedem Einzelnen, der Musikunterricht ertheilt, 
eine gesetzliche Prüfung zu verlangen, da dies gegen 
die Gewerbeordnung verstOsst Wohl aber liegt es 
in seiner Macht, wie ieh in einem AufiMts : ,E i n e 
Lücke in der Gesetsgebung* (Kl. L. S. 
No. 1894) dargelegt, die fragliche Lücke in der Gesetz- 
gebung wenigstens nach einer Seite auszufallen; in- 
dem er bestimmt, dass die Musikschulen gleich den 
Privatschulen der Staatsaufsicht unterstellt und der 
Errichtung neuer von einer Prüfung der Leiter der- 
selben und die an den Schulen wirkenden Lehrer ab- 
hängig gemacht wird. 

Die Anstrengungen, welche ich seit Jahren ge- 
macht, um die Frage der Mupiklehrerprüfongen in 
FIqss zu bringen, sind an dem Widerwillen, den einige 
von mir hochgeschätzte Kollegen dagegen hegen, ge- 
scheitert Man nannte meine Bestrebungen zünft- 
lerisch und betonte stets: die Kunst müsse frei sein. 
Ich habe diese Meinung in dem oben genannten Auf- 
satz widerlegt 

Die Anregung des Beim Dens soll aber nicht auf 
unfruchtbarem Boden gefallen sein. Nach den Ferien 
will ich die Angelegenheit wieder zur Sprache bringen 
und hoiüe dabei auf die Uaterstützuog aller derfenigen 
meiner Kollegen, welche zor Ueberzeugung gelangt 
sind, dass die jetzigen Zustäode unsere Kunst aufr 
tiefste schädigen und auf Generationen hinaus Unheil 
zeitigen. Umil Brealaur, 



•Zu Felix Mendelssohns Brief an Immermanii. 

Von Dr. Heinrich Simon. 

(Vgl. JEÜayierlehrer^ S. Ih5 d. Jahrg.) 

Die in Nr. 11 des Klavierlehrers von Herrn 
Dr. Kohut mitgetheilten Musikerbriefe sind gevüs 
mit Antheil gelesen worden. Vielleicht hat aber 
mancher Leser gleich mir bedauert, dass der 
Herausgeber mit erklärenden Bemerkungen ger ao 
sparsam gewesen ist, zumal bei den Briefen ▼on 
Schubert und Mendelssohn, die solcher 
Erläuterung sa bedürfen scheinen. Ueber den 
letzteren Brief möchte ich mir eini^ Worte gie- 
statten, da ich von ihm, wie von vielen andereo 
Schriftstücken ans den Mendelssohnkreisen gleich- 
falls auf der Königlichen Bibliothek Abschrift ge- 
nommen und mich ein wenig damit beschäftigt habe. 
Danach erfordert zunächst der Text einige Berich- 
tigangen, wobei ich von den zahlreichen Aenderungen 
in der Inti^rpnnktlon absehe. Der Brief ist nicht 
vom 9. sondern vom 8. Juni datirt Er me'det nicht 
den ^Erfolg* der Oper, sondern ihren «Empfang*. 
Vor den Worten »14 Tagen* fehlen die Worte «mehr 
als*, vor «an Sie schreiben* feht .heute*, hinter 
«Tische* fehlt «la^*. »Sobald ich es nur kann* ist 
zu lesen »Sobald ich es nun kenne*. 

Was nun den Inhalt betrifft, so bezieht er sich, 
wie so viele Aensserungen Mendelssohns, anf eine 
von ihm zu schreibende Oper. Durch sein ganzes 
Leben zieht sich der heisse Wunsch, ein geeignetes 
Textbuch zu finden. Wieder und immer wieder 
knüpfte er Verhandlungen darüber an und nie gelang 
es den Dichtem, ihm ein Buch zu liefern, das seinen 
Ansprüchen genügte. »Und einen Text, der mich 
nicht ganz in Feuer setzt, komponire ich nun ein- 
mal nicht" schrieb er am 18. Jali 1831 an Devrient 
Man weiss, dass er endlich in O e i b e 1 den ersehn- 
ten Mann gefunden zu haben glaubte, dass er aber 
die Komposition der Loreley nicht mehr v o ll ende n 
sollte. — Damals nun handelte es sich um eine 
Oper, die Mendelssohn von der Müochener Intendanz 
aufgetragen war, und zu der Immermann über- 
nommen hatte, den Text zu schreiben. Als Stoff 
war Shakespeares »Sturm* gewählt worden, und wie 
unser Brief zeigt, war der Komponist bei Empfang 
des Buches, das er freilich noch nicht näher kaonte^ 
von froher Hoffnung. Bald genug aber wich sie 
einer tiefen Enttäuschung, und der ausführlidie Brie^ 
der dann folgte, und von dem P u 1 1 i t z in seinem 
Immermanns-Buche (I, S51) erzählt, enthielt dann in 
der That das verheissene «Ich danke* — allerdings 
in einem anderen als dem ursprünglichen Sinne. 
Zu einer Verständigung über etwaige Aenderungen 
kam es nicht, und Immermann gab den Text später 
an Julius Riets, der aber aich nur Einij|;es dar- 
aus in Musik setzte. Dass weder der StofT richtig 
gewählt, noch Immermann der Dichter gewesen sei, 
ihn für Musik zu gestalten, setzt M a r x in seioen 
Erinnerungen (I, 168) auseinander. Auch £d. 
Devrient erklärte den Text für unbrauchbar (Br- 
innerungen an F. M.-B. 3. Aufl. S. 136), so aasa 
Mendelssohn vor dem Vwdacht allgemeiner pein- 
licher Kritik geschützt ist. 

Der Brief ging, wie die von Herrn Dr. Kohot 
nicht mitgetheilte Adresse zeigt, »pr. Rotterdam 
steamer* nach Düsseldorf. Die Quarantäne, die 
Mendelssohn davon abhielt, denseloen Weg einia- 
schlagen, war durch die damals herrschende Cholera 
veranlasst, die auch ihn kurz vorher in Paris er- 
griffen hatte. 

Endlich sei noch bemerkt, dass die »entsetzlicbeD 
Nachrichten aas Frankreich*, von denen in des 
letzten Sätzen des Briefes die Rede ist, sich auf den 
republikanischen Aufistand gegen Louis Philippe vom 
6. Juni 1888 beziehen» 



Antworten. 



SeblUerfrewid In B. Wo W a 1 1 e n ■ t e i n die 
Worte guprouhea hat, die in dem Beliebte fiber dai 
fioneer KammenDmikfeBt ( Klarier leb rer Nr. 11) mit 
den Varaen 

EanD ich Cboristen ana der Erde atamprea? 

WIcfaat tän Orcbeiter mir aof flacher Band? 
wittig parodirt lind? Der gelehrte Mitarbeiter dea 
KlarierlehreTs Piofeuor Taatwgreifer tbeilt ddi mir, 
daM diea geachab, ala sich dpr berühmte Feldherr 
nach feiner Absettoiig la Regennbarg 1630, eine 
kuri<* Zeit als tichanapieler durcbec biegen maaste. 
Er trat damals unter dem B&bDennamea FriedlSader 
mit Votliebe in SchilleracbeD Stacken aaf, ao auch 
in der „Jangfran von Orleans", wo er als König 
Karl in der 3 Scene des I. Aktes die bekannten 
Vene in sprechen hat. — Uebrigens sollen b«dea- 
tende Dirigenten tbatslchUch den Versncb machen, 
Cboiiati n ans der Erde an itampffn. Wenigstens 
werden sehr energiache Bestrebongen ihrer Foue in 
dieoer Richinng vielfach in den Chorproben wshrgp- 
nommen. Aach sollen ihnen die Orcbeater bisweilen, 
wenn anch nicht aof der flachen Hand, so doch lom 
Balte hie aus waebsen. 

R. Essen. Die Beeprecfaung erfolgt demnSdut. 



F. E. Hambnrf. Lesen Sie die ench&pfende Er- 
klining der Mediante, welche W. Oermer in Hr. & 
des „KlaTier-Lebrera", Jahrgang 1893 gegeben hat, 

K. B. H. Wien. Meine soeben bei Peters in 
Leipiis erschienenen „Leichtesten Klavlerstfioke" fBr 
8 Binde, jede Band im Ümhng Ton 5 und 6 TOnen 
dfirften Ibren Zwecken entsprechen. 

Asche brennt nicht", aagt Cicero In seinen 



W. R. Dresden. Sie irren, nicht nnr die kleinen 
FlGgel der Firma QOrs and E alimann, welcbe 
io der Anstteliui^ waren, leigtea die von mir ge-. 
rühmten Vori&ge, aSmIich ausser Wohl- and Voilklang 
and BorgfBltigate Arbeit, anch anfs schOnate aaige- 
elichene Tflne in allen Oktaven, sondern ancb die 
Fitgel des gleichen Formats, welche ich In der Fabrik 
eingehend geprfift, swchneten sich durch dieselben 
VoriQge aua Sollte Ihr Zweifel nicht darch etwas 
Konhnrrensneid bervorKerDfen sein. 

1. Seh. Keasenleh bei Bonn. Besten Dank ICr 
den Beitrag, — Die Bnefe mOchte ich gern sehen, 
bevor ich mich eotschdde. — L. R'a Bach erachien 
ja schon 1870. es handelt sich alao wohl nnr nm 
eine nene Auflage. 



Dmebfehler-Berlehtlxaac. 

In dem Berichte Qber das 8. Kammermnalkfest 
des Verein« .Beetbovenbau* sind folgende Druck- 
fehler EU verhetaera: 8. 157 Spalte 1 Zeile 5 von 



oben .willig- statt .völlig; Zrile 11 von unten 
^Arnold" statt .^molü"; Spalte S Zalle 18 von 
onten , Borwick" statt „Boawick"; 8. 157 Spalte 1 
Zeile % von oben «(»Mre»" "tatt „nnaeret". 



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— 178 — 



LJm jeder Missdeutung vorzubeugen, veröffentlichen wir 
hierdurch den Tenor der in unserem Processe gegen die Firma 
GROTRIAN, HELFFERICH, SCHULZ, TH. STEINWEG 
Nachf. in Braunschweig ergangenen Urtheile: 

Das Landgericht Braimschweig, Kammer ftir Handelssachen, hat am 
14. Juli 1896 erkannt: 

„Die Beklagte wird verurtheilt, in die Löschung der in die beim 
„Kaiserlichen Patentamt geführte Zeichenrolle für sie eingetragenen 
„Waarenzeichen „STEINWEG NACHF." und „STEINWEG" zu willigen.* 
„Dieses Urtheil wird gegen eine von den Klägern in baarem G^lde 
„oder in Werthpapieren des deutschen Beiches oder eines deutschen 
„Bundesstaats zu leistende Sicherheit von Himderttausend Mark für vor- 
„läufig vollstreckbar erklärt." 

Das Oberlandesgericht Braunschweig hat am 4. December 1896 auf 
die Berufung der Braunschweiger Firma das folgende Urtheil verkündet: 

„Das Urtheil der Kammer für Handelssachen des Herzoglichen 
„Landgerichts Iiierselbst vom 14. Juli d. J., soweit es die Beklagte ver- 
„urtheilt hat, in die Löschung des bei dem Kaiserlichen Patentamt in 
„die Zeichenrolle eingetragenen Waarenzeichens „STEINWEG NACHF.** 
„zu willigen, wird aufgehoben und insoweit die Klage abgewiesen.** 
„Im Uebrigen wird die Berufung verworfen.** 
„Die Instanzkosten betreffend, so hat jede Partei ihre eigenen und 
„die Hälfte der Gerichtskosten zu tragen.** 

Gegen letzteres Urtheil haben beide Parteien Bevision bezw. An- 
schlussrevision beim Reichsgericht eingelegt. Das Reichsgericht, I. Civilsenat, 
hat dann am 28. April fär Recht erkannt: 

„Die von den Klägern gegen das Urtheil des ersten Civilsenates 
„des Herzoglichen Oberlandesgerichts zu Braunschweig vom 4. December 
„1896 eingelegte Revision und die Anschliessimg der Beklagten an diese 
„Revision werden zurückgewiesen; die Kosten der Revisionsinstanz wer- 
„den zur Hälfte den Klägern, zur Hälfte der Beklagten auferlegt**. 

Damit ist endgültig entschieden, dass die Firma GROTRIAN, 
HELFFERICH, SCHULZ, TH. STEIN WEG NACHF. in Braun- 
schwetg nicht das geringste Recht besass, das Waarenzeichen 
„STEINWEG** für sich in Anspruch zu nehmen und eintragen zu 
lassen und dasselbe deshalb jetzt zu löschen hat. 

Der genannten Firma wird nur zugestanden, das andere 
zu einer Täuschung und Verwechselung weniger geeignete Waaren- 
zeichen „STEINWEG NACHF." zu gebrauchen. 



Stelnway & Sons 



New York 



London 



Hamburg. 



— 179 — 



Notenlese-Lehrmethode 

als Grundlage der Lesefertigkeit und 
musikaliBchen Bildung. 
(Beilage zu Klavierschulen) 

von Robert Huch, Braunsch weliT- 

Kritik in No. 9. 
K-V. V. Felix Siegel, Iieipsl«:, k 1 Mk. 

Ffir Anf&oger und schwache Notenleser. 

Ist es pfidagogisch richtig, die Noten von vomberein 

mit Namen zu lehren? 



Jnl. Selrabertli's Masikalisebes Konversatioos- 
Lexikon, herausgegeben von 

Professor Emil Breslaur. 

Elfte, g&Dzlich umgearbeitete und bedeutend ver- 
mehrte Auflage. 
670 Seiten, fr. elegant gebondf^n 6 Hk. 
Johannes Brahms, Heinrioh Ehrlich, Gustav Engel 
u A. haben sich ober die neueste von Uerri^ Prof. 
£• Breslaur bearbeitete Auflage des Jal. Scba- 
bertb'schen Masikal. Konversations • Lexikons auf's 
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Berliner Konservator/um 

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Louisenstr. 35 Klavierlehrer-Seminar, Berlin^ uuisenstr. 35. 

Unterrichtsfireffenstände: Klavier, Violine, Violoncell, Ge- 



is an ff, Orffel, Harmonium (von den ersten Aniängen bis zur 
Konzertreile), Theorie, Komposition, Musikgeschichte und 

vollständige Ausbildung für das musikalische Lelirfacli. 

Das Direktorium macht es sich zur Pflicht, Schülern, die ihre Studienzeit 
mit Erfol;,' beendet, durch Anstellung am Konservatorium und Empfehlung nach 
"ussen, die Wpjre zu sicherer I^nbensstellnn}?' zu ebnen. 

Der Unterricht wird in deutscher, franz. u. engl. Sprache erteilt. 

ProspeUtP ^ -• T^v^f TlmiT Irreal anr, Sprpol.^Jtnndf» ?S— r 



C. BECH8TEIN, 

Flügel- und Planlno-Fabrlkant. 

Hoflieferant 

Sr. Maj. des Kaisers von Deutschland nnd Eö&i^s von Prenssen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin von Deutschland und Königin von Preussen, 

Ihrer Maj. der Kaiserin Friedrich, 

Sr. Maj. des Kaisers von Russland, 

Ihrer Maj. der Königin von England, [58] 

Ihrer Maj. der Königin Regentin von Spanien, 

Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrieh Carl von Preussen, 

Sr. Königl. Hoheit des Herzogs von Sachsen-Coburg-Gk)tha. 

Ihrer Königl. Hoheijt der Prinz^sin Loujse von England (Marchioness of Lome). 

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Int dan elnnlge dentnehe Btablinnement der Firma. 

(Vertreter in Berlin: Oscar Agthe, Wilhelmstr. IL 8W«) 



Veraniworilleber Redakteur: Prof. Emil Breslaar, Berün N., Oranienbargeratr. 57. 
ferlag nnd Expedition: Wolf Peiser Verlag (G. Ealiski), Berlin S^ Brandenbargstr. 11. 

Dmek von Roaentbal 4 Co., Berlin H^ Jonaammtr. 20. 



8ß 



Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehr er -Vereine 

und der Tonkünstler- Vereine 

zu Berlin, Köln, Dresden, Hamburg und Stattgart. 

H^^nsgegeben 

▼on 

Professor Emil Breslanr. 



No. 13. 



Berlin, I. Juli 1897. 



XX. Jahrgang, 



Dieses BlAtt erscheint am 1. und 15. jeden Monats 
and kostet durch die K. Post-Anstalten, Bach- und 
ünsikalienhandlnngen besogen Tierteljfthrlich 1,50 JL^ 
direct nnterErenzband von oerVerlagshandlnng l^lbM. 



Inserate for dieses Blatt werden von simmtlicheD 
Annoncen-Szpeditionen, wie von der yerlagshandlnn|. 
Berlin 8., Brandenbnrgstr. 11, snm Preise >on SO \ 
for die sweigespaltene Petitieile entgegengenommen. 



■IBM 



Ans alten Büchern. 

(XVL Fr. Rochlitz: Pur rahige Stunden I 1838.) 

(Foitsetzong.) 



Jetst in dem sweyten jener mosilcalischen Flfigel- 
mfinner, sa Beethoven; and aach von ihm nar, was 
ich selbst mit ihm erlebt habe. Ist das aach wenig, 
so scheint es mir doch bezeichnend genng. 

Ich hatte Beethoven noch nie gesebn: am so mehr 
wünschte ich, dass es möglichst bald geschähe. Ich 
sprach schon am dritten Tage meiner Anwesenheit 
darüber mit * *, seinem vertraaten Freande. Er 
wohnt aaf dem Lande, sagte dieser. ^So fahren wir 
hinaas.* »Das wohl, aber seine anglückliche Taab- 
heit hat ihn nach and nach menschenschea gemacht 
£r weiss, dass Sie hieher haben kommen wollen ; er 
wünscht Ihre persönliche Bekanntschaft: gleichwohl 
sind wir nicht sicher, dass er nicht, siebet er ans 
ankommen, davonläart; denn, wie zawcdlen die 
frischeste Fröhlichkeit, so überfiUlt ihn öfters die 
heftigste Yerstimmang, arplötzlich, ohne Grund, and 
ohne dass er widerstenen Könnte. Aber er kömmt 
in die Stadt^ wöchentlich wenigstens einmal, and 
dann jederzeit sa ans, weil wir ihm seine Briefe and 
dergleichen besorgen. Dann ist er meist gater Dinge 
and dann haben wir ihn fest Wenn Sie daher der 
gaten gequälten Seele soweit nachgeben wollen, sich 

gefallen za lassen, dass wir es Ihnen sogleich mel- 
eten and Sie — es sind ja nar wenig Schritte -- 
dann wie Ton ohnaef&hr kämen*. . . Allerdings 
nahm ich das hersuch gern an. Den nächsten 
Sonnabend morgens kam der -Bote: ich ging and 
traf Beethoven manter la * * sprechend. Diesen 
ist er gewohnt and verstehet ihn ziemlich, indem er 
die Worte aas den Bewegangen des Oesichts and 
der Lippen lieset * * stellte ans einander vor. 
Beethoven schien sich za freuen, doch war er ge- 
stört Und war* ich nicht vorbereitet gewesen: sein 
Anblick würde auch mich gestört haben. Nicht das 
vernachlässigte, fast verwilderte Aeussere, nicht das 
dicke schwarze Haar, das struppig um seinen Kofif 
hing, und dergL sondern das Game seiner Erschei- 
nung. Denke Dir einen Mann von etwa fünfzig 
Jahren, mehr noch kleiner, als mittler, aber sehr 
kräftiger, stämmiger Statur, gedrängt, besonders von 
starkem Knochenbau — obngefähr, wie Pichte's, nur 



fleischiger and besonders von voUerm, runderm Ge- 
sicht; rothe, gesunde Farbe; unruhige, leuchtende, 
ja bey fbdrtem Blick fast stechende Augen; keine 
oder hastige Bewegungen; im Ausdrucke des Ant- 
litzes, besonders des geist- und lebensvollen Auges, 
eine Mischung oder ein augenblicklicher Wechsel 
von herzlichster Gutmütbigkeit und von Scheu; in 
der ganzen Haltung jene Spannung, jenes unruhige, 
besorgte Lauschen des Tauben, der sehr lebhaft 
empfindet; jetzt ein froh und frei hingeworfenes 
Wort, sogleich wieder ein Versinken in düstres 
Schweigen; und zu alle dem, was der Betrachtende 
hinzubHngt und was immerwährend mit hineinklingt: 
Das ist der Mann, der Millionen nur Freude briugt 
— reine, geistige Freude! — Er sagte mir in abge- 
brochenen Sätzen einiges Freundlicne und Verbind- 
liche: ich erhob die Stimme nach Möglichkeit, 
sprach langsam, accentuirte scharf, und bezeuge 
ihm so aus der Fülle des Herzens meinen Dank für 
seine Werke und, was sie mir sind, auch lebenslang 
bleiben werden; führte einlce meiner Lieblinge be- 
sonders an und verweilete dabey; erzählte, wie man 
in Leipzig seine Symphonieen musterhaft ausführe, 
wie man jedes Wmterhalbjahr sie sämmtlich und 
zum lauten Entzücken des Publikums zu Gehör 
bringe etc. Er stand hart an mir, bald mit 
Spannung mir in's Gesicht blickend, bald das Haupt 
senkend; dann lächelte er vor sich hin, nickte zu- 
weilen freundlich mit dem Kopfe: sagte aber kein 
Wort. Hatte er mich verstanaen? hatte er's nicht? 
Endlich musste ich ja wohl aufhören ; da drückte er 
mir die Hand und sandte kurzab zu * *: Ich habe 
noch einige not h wendige GAnge! und indem er^ng, 
zu mir: wir sehen uns wohl noch! * * begleit^^te 
ihn hinaus. Ich war innig bewegt und angegriflFen. 
Jetzt kam * * zurück. Hat er mich verstanden? 
fragte ich. • * zuckte die Achseln: «Nicht ein 
Wort** Wir schwiegen eine lange Weile und ich will 
nicht sagen, wie bewegt ich war. Endlich fragte ich : 
Warum wiederholeten Sie ihm nicht wenigstens 
Einiges, da er Sie ziemlich versteht? «Ich wollte 
Sie nicht unterbrechen und er wird leicht empfind- 



— 182 — 



lieh. Aach. hoiftB ich. wirklich, er wQi^de Manches 
▼erstehen: at>er dfts Qeräosc^ auf der 8lbm»e, Ihre 
ihm fremde Spiache, und Tielleicht selbst seine 
Hast, Alles zu ▼«vtehen, weil er Ihnen wohl ansähe, 
dass Sie ihm Angenehmes sagten. . . £r war so 
tranrig! — Ich kann es nicht beschreiben, in weicher 
Stimmung ich wegeing. Derselbe, der alle Welt nüt 
seinen Tönen erquickt hOrt keinen, und anch nicht 
den Ton dessen, der ihm seinen Dank bringen will ; 
ja dieser wird ihm aar Qjaal! Ich war fast ent- 
schlossen, ihn nicht wieder xn sehen und Exil Hjft 
Auftrag schriftlich an ihn gelangen za lassen« 

Etwa viersehn Tage daranf will ich eben in 
Tische gehen: da begegnet mir der junge Composi- 
teur * *, ein enthusiastischer Verehrer Beethovens. 
Dieser hatte zu ihm von mir gesprochen. Wenn Sie 
ihn unbefangener und löblich sehen wollen, sagte 
* *, so dürften Sie nur eben jetzt in dem Gasthanse 
speisen, wohin er alleweile in derselben Absicht ge- 
gangen ist Er brachte mich hin. Die Plätze waren 
meist besetzt: Beethoven sass umgeben von Mehren 
seiner Bekannten, die mir fremd waren. Br schien 
wirklich froh za seyn. So erwiederte er meinen 
Gruss : aber absichtlich ging ich nicht zu ihm. Doch 
fruad ich einen Platz, wo ich ihn sehen und, weil er 
laut genug sprach, auch grossentheils verstehen 
konnte. Es war nicht eigentlich ein Gesprftch, das 
er föhrte, sondern er sprach allein und meistens 
ziemlich anhaltend, wie auf gut Gluck und in's 
Blaue hinaus. Die ihn umgebenden setzten wenig 
hinzu, lachten blos oder nickten ihm Beyfisll zu. Er 
— philosopbirte. politisirte auch wohl, in seiner Art 
Er sprach von England und den Englftnderai, wie ec 
nSmfich Beyde in unvergleichlicher Herrlichkeit sich 
dachte — was zum Theii wunderlich herauskam • 
Dann brachte er mancherley Gescbichtchen von Fran-. 
zosen aus der Zeit der zweymaligen Einnahme 
Wiens. Diesen war er gar nicht grSn, Alles das 
trug er vor in grösster Sorglosigkeit und ohne den 
mindesten Rückhalt; AUea auch gewfiiist mit höchst- 
origeaellen, naiven. Urtheilen odfir possierlichen Ein- 



fUlen. Er kam mir dabey vor, wie ein Mann von 
reiohem, vordringeedem Geist unbeschränkte^ nim- 
mer rastender Phantasie, der als heranreifendery 
höchstfäbiger Knabe, mit dem, was er bis dahin er- 
lebt und erlernt hätte, oder was an Kenntnissen ihm 
sonst angepflogen wäre, auf eine wüste Insel wäre 
ausgesetzt worden und dort über jenen Stoff ge- 
sonnen und gebrütet hätte, bis ihm seine Fragmente 
zu Ganzen, seine Einbildungen zu Ueberseugungen 

geworden, welche er nun getrost und zutraulich in 
ie Welt hinaus rufte. — Jetzt hatte er seine Mahl- 
zeit beendigt stand auf und kam zu mir. Na, seht's 
gut im alten Wien? sagte er freudlicb. Durch 
Zeichen bejahete ich, trank auf sein Wohl und 
forderte ihn au^ es zu erwiedern. Er nahm's an, 
winkte mir aber nach einem kleinen Seitenzimmer. 
Das war mir eben recht Ich nahm die Flasche und 
folgte. Hier waren wir nun allein, bis auf zuweilen 
einen Gucker, der aber bald wieder abtrollte. Er 
bot mir ein Täfelchen, worauf ich schreiben sollte« 
waa er aus m<*inen Zeichen nicht verstand. Er ba- 
gaan mit dem Lobe Leipzigs und seiner Musik | 
nämlich dessen, was zur Aufführung in Kirche, 
Concert und Theater gewählt wird: sonst kennt er 
Leipzig nicht und ist nur als Jüngling, als er nach 
Wien ging, durchgereiset Und wenn darüber nichts 

Sedruckt würde, als die dürren Register: ich läse es 
och mit Vergnügen ; sagte er. Man sieht doch : es 
ist Verstand darin, und guter Wille gegen Alle. Hier 
hingegen. . . Nun ging's los und derb ; auch liess er 
sich gar nicht Einhalt tkun. Er kam auch auf sich : 
Von mir hören Sie hier gar nichts. »Jetst^ im 
Sommer 1* schrieb ich. Nein, rief er im Wmter 
auch. Was sollten Sie hören? Fidelio? den können 
sie nicht geben und wollen sie nicht hören. Die 
Svmpbonieen? Dazu haben sie nicht Zeit Die 
Concerte? Da orgelt Jeder nur ab, was er selbst 
gemacht hat Dia Solosachen? Die sind hier längst 
aus der Mode, und die Mode thut Alles. Höchstens 
sucht der Schuppansigh. manchmal ein Quartett her- 
vor u. s. w. (Schluaa folgt) 



Prozesft TappeFtrLaekowitz cantra Kerr. 



Des in dar mpsikalischen und literarischen W^lt 
mit so grosser Spannung, erwartete Prozess der 
Mnsikschriftsieiler W. Tapper t und W. La.cko- 
wi tz wider den Schriftsteller Dr, AJfred Kempner 
(Kerr) wurde am 21. Juni vor der I48. Abtheilnng des 
Berliner Schöffengericht^ unter Vorsita des Amts- 
gerichtsrafiia Haack verhandelt Den persönlich er« 
schienenen. Privatklägem stehen Justizrath Kleinholz 
und Dr. Schpdndt zur Seite, der Beklagte wird vom 
Rechtsanwalt Paul Jonas v^'rtbeidigt Dieser hat 
eine grosse Zahl von Zeugen und Zeuännen, die der 
musikalischen Welt angenören, geladen;, ein Theil 
von ihnen, hat sich, durch Abwesenheit von Berlin 
entschuldigen lassen, darunter Kammersänger Göt^ 
und Frau« die in Kfirlsbad weilJMi« Georg Liebling, 
der eine Efütwasser-Heilanstalt aufgesucht hat, u. a.. 

Der Andrang zu. dem ganz kleinen Sitznogs- 
zimmei} ist so stark, dass der Beginn der. Verhand- 
lung länfjHSte Zeit verzögert wird Als. die Sache 
vom Gerichtsdiener an%ernfen wurde, stürmte und 
drängte es iq das Zinuner. so dass. weder die Parteien, 
noch desen Vertreter Zugang fanden und der Vor- 
sitzende nur durch wiederholten eneigischen. Binweis 
auf den HftnafriedeosbrucbparaKrapben vermochte, 
den nothweodigen Platz zu schaffen* 

Der historische Verlauf der Sache ist bekannt 
Als der vielbesprochene Fall Liebling sich ereignet 
hatte, besprach ihn Dr. Kerr in der .FrankL Ztg." 
und« deutete dabei an« dass in musikalischen ^Kreisen 
bebanptt werde, dass gewisse Kritiker der Be- 
stechung zugängfich seien. Es erfolgte darauf die 
Brklirnng. der 88 Musikkritiker, die den Vorwurf 
mit Entschiedenheit surfickwieaen. Dr. Kerr ant- 



wortete darauf und, beschuldigte schliesslich die beiden 
Prlvarkläger, dasa sie den Geldspenden ausübender 
Künstler susränelich seien. Herr. Tappert erliess 
darauf im ,KL Jonrn.* eine kurze Srklärung« worin 
er die Bfihanptnng Kerr's für Lüge und Verleumdang 
erklärte. Diese Erklärung hat Dr. Korr lum Gegen« 
Stande d^r Widerklage gemacht 

Als SachYcrständige wohnen Prot Schulze, Dr. 
Krebs und Prof. üiban der Verhandlung beL 

Zum Wahrheitsbeweise erklärt R.-A. Jonas« dass 
eine grosse Zahl von ihm vorgeschlagener Zeugen 
zu seinem Bedauern ausgeblieben sei und er sich 
bemüht habe, Ersatzzeugen zu stellen. Was insbe- 
sondere Herrn Lackowitz betreffe, so werde in einem 
Schriftsatze des Klagen zugegeben, dass Georg Lieb- 
linff ihm einmal nach einem Konzert 40 Mk., ein 
anderer ausübender Künstler aber 50 Mk. zugeaendet 
habe. In letzterer Besiehung erklärte der Prifat- 
kläger. dass an jenem Abend, an dem der Kncstler 
auftrat, mehrere Konzerte stattgefunden haben, dasa 
er eine Droschke habe benutzen und Abendbrod 
ausser dem Hsuse habe einneomen müssen; den 
Rest habe- er in eine kleine Kasse gethan, aus der 
er arme Musiker zu unterstützen pflese. R. A. Jonas 
bedauert lebhaft dass. der Zeuge Flörsheim wegen 
seiner Berufsgeschäfte bei d^m Schlesischen Musik- 
feste nicht anwesend sein könne, Frl. Sehmidt eine 
Kur in Kissingen durchmachen müssci der Konzert? 
agent Jules Sachs in Norwegen sich aufhalte und 
sein Vertreter Taussig auf einer Rundreise sich be- 
finde. Letztere beide sollen ausübenden Künstlern 
gesagt haben^ dass ea; noth wendig sei, Herrn Tappert 
und Herrn Lackowitz Geld zu geben und zwar in 



- 183 - 



der Form, dasB sie bei ihm Stunden nehmen. Herr 
Tappert erkiftrt, dass er entschieden darauf besteben 
ma8s«s dass zonäcbst Herr Jules Sachs und Herr 
Tanssig ganz klare Aaskonft darüber geben, ans 
welchem Oraode sie dazu gf'kommen seien, den 
Künstlern solchen Rath za ertheilen. Als erster 
Zeuge wird der Teoorist Sybnrg yemommen. Er 
hal>e durch Yermittelung der Konzert- Agentur Jnlee 
Sachs am 9. Oktober hier ein Konzert geben wollen. 
Dabei habe er mit Hm. Sachs auch berathen, in 
welcher Weise das Konz rt yeraostaltet werden 
konnte. Herr Sachs habe ihm gesagt, dsss es sehr 
anzuratben wftre, wenn er seine Konzertprogramme 
dem Musikkiitiker Tappert und Herrn LMkowitz 
vorsSuge. Er müf ste zu diesem Zwecke bei Tappert 
zwei Stunden zu 50 Mk. nehmen, und es sei dobhalb 
zweckmftssi^, dafür also f&r Tappert 100 Mk. und 
ffir Lackowitz 50 Mk. aoszusetzeo. Herr Sachs habe 
dabei gesagt: »Oeld nimmt keiner, aber Honorar!* 
Er habe geantwortet, dass er dies schon wisse. 
Weitere 50 Mk. sollten unter zwei Herren, deren 
Kamen er nicht mebr kenne, vertheilt werden. Dem 
einen seien 30 Mk. mit einer Besuchskarte zugestellt 
worden, der andere hatte ein Buch geschrieben uod 
es wurae der Vorschlag gemacht, ihm ein Exemplar 
för 20 Mk. abzukaufen. In den Kreisen d^r aus- 
übenden Künstler herrsche aliffemein die An- 
schauung, dass man, ehe man ein Konzert gebe, bei 
Tappert einige Stunden nehme. Ebenso sei es all- 
gemein bekannt, dass dies doch nnr eine Maske sei, 
um Herrn Tappert Geld zuzuwenden und sein Ur- 
theil zu beeinflussen. Er habe in zwei Stunden 
Herrn Tappert sein Programm vorgesungen und ihm 
dafür 100 Mk. gezahlt. Herr Tappert war verhindert, 
über dieses Konzert zu schreiben. Spftter hnbe er 
ein Quartettkonsert geben wollen und Herrn Tappert 
gebeten, doch zu erscheinen. Das Konzert sei sehr 
ungünstig ausgefallen, so dass Herr Tappert es vor 
seiner (des Zeniten) Solonummer verlassen habe. 
Er habe dann Tappet t noch einmal besucht und ihn 
gebeten, ihm etwas vorsingen zu dürfen, um von 
ihm zu erftihrcn, ob er Fortschritte gemacht habe. 
In einer Tappert'schen Kritik habe dann ganz in 
diesem Sinne gestanden: er, der Zeuge, habe Fort- 
schritte gemacht Herr Tappert: Der Zeuge habe 
ihm damals gesagt, er habe locker gelebt imd nur 
noch für vier Wocben Unterhaltsmittel imd es sei 
dringend nothwendig, dass er sebr bald einen grossen 
Erfolg erringe. Er habe, als er bei ihm war, die 
Lieder, die er vorsang, ganz imzulftnglich studirt ge- 
habt und wenn er, Tappert, die Gntmüthigkeit habe, 
sich von einem so gftnzUdi tmvorbereiteten Sänger 
nochmals anfauchen zu lassen, tmd dann einen ge- 
wissen Fortschritt feststelle, so sei dies doch nichts, 
was einer Bestechung oder einem Missbranche ähn- 
lich sehe. 

In der Zeugenvernehmung sagte der Konsert- 
direktor Eugen Stern aus: Er habe niemals den 
jungen Künstlern, die hier Konzerte geben wollte 

fesast, dass es nothwendig sei, Herrn Tappert vor- 
er ihr Konzertprogramm einmal vorzusingen, oder 
gap Unterricht bei inm lu nehmen. Wohl aber habe 
er jungen Künstlern, die hier ihre Karriere beginnen 
wollen, gesagt, das Anstandsgefähl erfordere es, dass 
sie hervorragenderen Musikkritikem vorher ihren 
Besuch machen. Es gebe Kritiker, die dies für 
selbstverständlich halten imd andere, die sich solche 
Besuche ganz entschieden verbitten. Einem atis- 
ländiscben Künstler, der hier du Konzert mit 
Orchester sab, was sehr viel Geld kostete, habe er 
gerathen, dem Kritiker Tappert einen Besuch in 
machen imd ihn zu bitten, sem Konzert zu besuchen. 
Der Künstler habe ihn aber nicht getroffen. Später 
habe er an mehrere Kritiker Briefe weggeschidcti 
denen je 100 Mk. beigepackt waren, & übrigen 
Knüker haben die 100 Mk. zurückgeschickt von 
Lackowitz und Tappert sei aber nidits zurückge- 
kommen. Der Zweck des Besuches bei Taptturt sei 
nicht gewesen, ihn in seiner Kritik zu beeinflussen, 



sondern lediglich, ihn au ersuchen, das Konzert ftber- 
haupt zu besuchen. Ab und zu sei ihm gesprächs- 
weise allerdings zu Ohren gekommen, dass junge 
Künstler Senaungen an Tappert abgehen lassen, 
persönlich habe er nnr den einzigen Fall erlebt 
An Lackowitz habe er nach seiner Erinnerung in 
zwei Fällen je 50 Mk. gescbiekt 

Tappert: Er habe bis dahin von dem Geiger Such 
mchts gewusst gehabt Sein alter Freund Wilhelm! 
babe ibm den jungen Manu warm anempfohlen und 
ibn gebeten, über diesen Paganinispieler eine Re- 
zension zu schreiben, damit diese gedruckt und in 
England und Amerika veröffentlicht werden könnte. 
Das habe er gethan; er habe in seiner Besprecbun« 
ganz objektiv der Leistungen des jungen Mannes und 
seines Lehrers gedacht eine Verlesung der Kritik 
werde ergeben, dass er keineswegs mit Superlativen 
herumgeworfen habe. Er habe in diesem Falle durch- 
aus nicht gegen seine Pflicht gefehlt und sich nicht 
bestechen lassen. 

Tbeateragent Sanflleben soll bekunden, dass von 
der Frau des Kammersängers Oötze dem Kläger 
Tappert Geld zugewendet worden sei, um ihn tu be- 
einflussen. R.-A. Jonas behauptet, Kammersänger 
Götze sei über die stets ungünstigen Kritiken Tap- 
perts sehr nervös gewesen und deshalb habe sich 
seine Frau an Sanftleben mit der Frage gewendet, 
wie dies zu ändern seL Sanftleben habe darauf ge- 
sagt: ,Das kostet lOo Mk.% das Geld sei gezahlt 
worden und seitdem hätten sich die Kritiken über 
Götze gebessert. 

Zeuge Sanftleben: So yerhalte es sich nicht Er 
sei Vertreter des Kammersängers Götie und mit 
seiner Familie befreundet In Heringsdorf habe Frau 
Götze ihm eines Tases gesagt, ihr Mann, für den 
damals ein serhsmaliees Gastspiel bei Kroll bevor- 
stand, sei jetzt vortrefflich bei Stimme und es wäre 
sehr zu wünschen, wenn die Berliner Musikkritiker 
diesen Vorstellungen beiwohnen könnten und zwar 
läge es ibr besonders an Herrn Tappert Zeuge hat 
ihr dann gesagt, er wolle nach seiner Rückkehr nach 
Berlin sehen, was sich thun lasse. Er habe dann den 
Vorschlag gemacht, an Tappert zu schreiben und ihn 
zu bitten, die sechs Vorstellungen zu besuchen. 
Nach seiner Ansicht konnte man aber nicht ver- 
langen, dass Herr Tappert die Kosten für die BiUets, 
Spesen, Droschken etc. aus eigener Tasche entnahm, 
und so sei daim für die sechs Vorstellungen der Be- 
trag von 100 Mk. dem Briefe bdgepackt worden. 
Herr Götze hal>e von der ganzen Bache nichts ge- 
wussst 

Kläger Tappert: Er habe auch hier keineswegs 
seine Pflicht verletzt, sondern ganz objektiv kritisirt 
Deber das erste Auttreten des Herrn Götze habe er 
ein Nachlief erat schreiben^ ehie Droschke zur Druckerei 
benutzen, ausserhalb seines Hauses speisen müssen 
etc. Er habe sich daraul beschränkt das heroische 
Timbre des Herrn Götze zu loben. Die zweite Rolle 
sei der Faust gewesen. Auch hier habe er ein 
Nachtreferat geschiieben und Herrn Götze nicht ge- 
lobt Deber die dritte Rolle, den Stolzing, habe er 
nur gesagt, dass die Stimme frisch geklungen und 
ausgehalten habe. Wenn er die Verpflichtung über- 
nommen habe, sechs Mal ins Opernhaus zu gehen, 
so sei damit verbunden, dass er an den sechs 
Abenden andere Konzerte nicht l>esucheii könne. 
Er habe bei dieser ganzen Af&dre sicher kein Ge- 

VerkS^ter Korr: Als er Herrn Sanftleben aufH 
Buteau gerückt sei, habe dieser gesagt: Dass Tappert 
bestechücb sei, pfeifen die Spatzen von den Dächern. 
Zeuge Sanftleben verweigert hierüber die Aussage. 

Zeuge Konzertdhrektor Wolff: Er habe niemalg 
an Tappert Geld geschickt und auch niemals einen 
derarügen Auftrag bekommen. In seinem Bureau 
werde über solche und ähnliche Dinge mancherlei 
gesprochen, er wisse Positives aber nieht Kr selbst 
Sal>e niemala jungen Künstlern den Rath ettheilt 
vor ihrem Konterte zu Herm Tappert zu gehen und 



— 184 - 



diesein gegen Honorar ihr Programm yorznBiBgen. 
£r glaatä nicht, daas Marcella Semhrich dorcb Geld 
eine andere Form der Tappert'schen Kritik fiber ihre 
LeiBtongen erlangt habe. Aoch fiber ihn. Zeugen, 
habe Herr Tappert sehr ungünstig gescbrieoen, dann 
aber plötzlich eine mildere Tonut angeschlagen, 
ohne dass irgend etwas dazwischen getreten ?^re. 

Klftger Tappert : Es wird sogar behauptet, dass 
Herr Wolff mich ffir 6000 Mk. jahrlich gekauft habe, 
um ihm dienstbar zu sein. Ich wünsche, dass der 
Zeuge sieh über diesen Ponkt ftussere. 

Zeuge ^olff: Das ist niemals der Fall gewesen. 

Verklagter Dr. Kerr: Ist aber der Zeuge Wolif 
Herrn Tappert behilflich gewesen zur Brlaogung 
seiner jetzt günstiger dotirten Stelle bei dem «Kleinen 
Journal"? 

Zeoge : Das ist doch beinahe kindisch, jedenfalls 
der reine Unsinn. 

Justizrath Kleinholz: Auch der anwesende Chef- 
redakteur Dr. Leipziger erklflrt es für Unsinn. 
Dr. Kerr verwahrt sich gegen dieses Wort 

R.-A. Dr. Bchwindt kommt auf den Fall Syburg 
zurück und stellt fest, dass dieser dem Privat- 
kläger Lackowits überhaupt keinen Geldbetrag zoge- 
schickt bat* 

Zeuge Bemkopf, Sekretair der Konzertdirektion 
Jules Sachs, weiss nichts davon, dass in dem Sachs- 
sehen Bureau konsertirenden Künstlern der Rath er- 
theilt worden sei, sich mit Geldspenden an Kritiker 
heranzumachen oder dazu die Maske des «Unterrichts- 
nehmens* zu wfthlen. Nor in einem Falle weiss er, 
dass einer unter dem Namen Helene Sandow kon- 
sertirenden Grfifin, die vielfiache MUlionärin gewesen 
sei, gerathen worden, Herrn Tappert um Rath zu 
fragen, da die Konzertgeberin Anfängerin war und 
grosses Lampenfieber hatte. Kr habe für die Sftn- 
gerin auch einmal einen Brief an Tappert besorgt, 
worin (Md lag. 

Kläger Tappert: fis bemühen sich viele, ihm sein 
bischen Brod, das er sich erwerbe, zu schmälern. 
Et sei doch nicht dazu da, seine Zeit unentgeltlich 
fremden Sängerinnen au opfern, und wenn er zu der 
betreflFenden Sängerin ins Hotel gegangen sei und 
stundenlang sich za ihrer künstlerischen Abrundnng 
zar Verfügung gestellt habe, so könne er dafür auch 
ein Honorar m Ansprocb nehmen. 

K-A. Jonas: Es wäre gewiss interessant, wenn 
uns Herr Tappert die Summe dieses Honorars nennen 
wollte. 

Kläger Tappert: Dazu liegt gar kein Grund vor. 

Frau Sachs kann zur Sache nichts Positives aus- 
sagen. Sie bezweifelt, dass ihr Mann den jungen 
Kunstlern den Rath ertheilt haben sollte, Herrn 
Tappert als Kritiker zu beeinfiassen, höchstens konnte 
diesem oder jenem gerathen worden sein, mit Herrn 
Tappert» der ein grosser Masikkenner sei, ihr Pro- 
gramm dorchsugeheo. Was Herrn Lackowitz be- 
treffe, so seien nach ihrer Kenntniss der Dinge auch 
an ihn nie Visitenkarten mit Geld geschickt worden. 
In einem Falle habe eine scbwediscbe Sängerin, die 
ein Sonntagskonzert gegeben, die Anwesenheit des 
Herrn Lackowitz gewfinscht und sich verpflichtet ge- 
fühlt, ihm seine Spesen für den Wasen etc. zu er- 
setzen. Der Verklagte Dr. Kerr behauptet dem 
gegeiiüber, dass der nicht anwesende Zeuge Taossig 
Wiederholt Gouverts mit Geld an Lackowitz ge- 
schickt habe. 

Als Sachverständiger wird Prof. Ad. Schulze von 
der königl. Hochschule für Mosik vernommen. Er 
soll sich darüber äossern, ob es fiblich ist, dass der- 
artige Konsertbillets nicht von den Zeitungsredak- 
tionen bezahlt werden und ob solche letzten Unter- 
weisungen unmittelbar vor einem Konzert einen sach- 
lichen Wertb haben. Er sagt aas: Er halte es für 
ni zweifellos, dass ein Kundiger nach einmaligem 
6ren eines Vortrages dem Vortragenden Rath- 
schläge und gute Winke geben kann, um seinen Vor- 
trag wirksamer und künstlerisch vollendeter su ge- 
stalten. Herr Tappert sei ein hervorragender Mosiker 



und in der Lage, solche nutzbringenden Ratiischläge 

Sehen su können. Ob er mehr als andere Mosiker 
azu im Stande sei. wisse er nicht, aber das wisse 
er, dass er gleichzeitig ein sehr anmehener und ge- 
fürchteter £itiker sol Ueber die Frage, ob er räi 
Kritiker sei, an den man auf dem Wege der Be- 
stechung leicht herankomme, könne er nichts sagen, 

R.-A. Jonas : Herr Tappert sei kein Gesanglehrer. 
Es könne dso kaum einen musikpädagogisehen Zweck 
haben, vor einem Konz^ noch zwei Stunden bei ihm 
Unterricht zu nehmen. 

Prof. Schulze: Ob es wünschenswerth erscheint, 
dass ein Kritiker solchen Unterricht in dieser Form 
giebt, könne er nidit entscheiden. Er persönlich 
würde einem Konzertgeber solche letzten Unter- 
weisungen unmittelbar vor einem Konzert nicht ^ben, 
denn er würde fürchten, den Künstler zu verwirren; 
er würde es aber beileibe nicht gegen fintgelt thun. 
Werde aber viel dafür bezahlt, so sei das ebenso 
wenig wunderbar, als wenn sich ein berühmter Arzt 
für eine Konsultation hohes Honorar bezahlen lasse. 

R.-A. Jonas: Ist es «fair*, für solche Stunden ein 
in das Belieben des Künstlers gestelltes Trinkgeld 
anzunehmen? 

Der Vorsitzende bittet, solche Fragen, die die 
Sache nicht fördern können, su unterlassen. 

Rechtsanw. Dr. Schwindt: Es handele sich doch 
ear nicht um .Unterrichtsstunden* im eigentlichen 
Sinne, sondern um eine Art Generalprobe, imd ein 
Musikkritiker sei sehr geeignet, eine solche abzuhalten, 
da er den Geschmack des Berliner Publikums kenne. 

Rechtsanw. Jonas: Nach seiner Meinung dürfe 
sich ein Sänger doch nicht nach dem Geschmack des 
Publikums richten, sondern nur nach den Konat- 
gesetzen. 

Auf wiederholtes Befiragen erklärt Prot Schulze: 
Er würde sich für solchen Mth nicht bezahlen lassen, 
nehme es aber niemand übel, wenn er sich bezahlen 
lässt 

Dr. Krebs, Musikkritiker der «Voss. Ztg.*: Es sei 
schwer zu entscheiden, ob solchem letzten «Unter- 
richt* ein sachlicher Werth inne wohne. Die Beant- 
wortung dieser Frage hänge ganz von der Individu- 
alität des Künstlers ab. 

Rechtsanw. Jonas: Glaubt der Sachverständige, 
dass einer der jungen Künstler sich von Herrn Tap- 
pert Rath holen würde, wenn dieser nicht Kritiker 
wäre? 

Dr. Krebs: Nein. 

Rechtsanw. Jonas: Halten Sie Herrn Tappert für 
besonders befähigt, den jungen Musikern die für das 
hiesige Publikum passenden Trics beisnbringen? 

Dr. Krebs: Er kenne Herrn Tappert weder als 
Musiker noch als Lehrer. Em Publikum an sich gebe 
es nicht, jedes Konzertpublikum sei verschieden, ganz 
anders bei Joachim als bei Grünfeld. Ein Anfänger 
habe überhaupt kein Publikum, zu seinen Konzerten 
gehen die Leute kaum, wenn sie die Billets geschenkt 
bekommen. 

R.-A. Jonas: Werden nicht die Konzerte der^An- 
flbiger mit grossen Opfern veranstaltet, lediglich zu 
dem Zweck vor den hiesigen Kritikern su bestehen 
und deren Kritiken dann an anderen Orten zu ver- 
werthen? Wie stellt sich der Sachverständige zu den 
Geldsendungen? 

Dr. Krebs : Er halte es mit der Würde und dem 
Amte eines Kritikers für absolut imvereinbar, von 
einem Künstler, den er bespricht, Geld su irgend 
welchen Zwecken in Empfang zu nehmen. Seine 
Zeitung würde ihre Kritiker sofort verabschieden, 
wenn sie so etwas thäten. Erhalte es auch mit der 
Stellung eines Kritikers für nicht vereinbar, wenn er 
sich Billets, Droschken etc. von einem anderen be- 
zahlen lasse, als von seiner Redaktion. 

Prof. Heinrich Urban, gleichftdls Musikkritiker der 
.Voss. Ztg.*: Eine sachliche Bedeutung habe eine 
solche Unterweisung und Rathertheilung wegen der 
Kürze der Zeit doch nur in sehr geringem Maasse. 



— 185 — 



AI« Lehrer kenne er Herrn Tappert nicht, aber als 
Musiker gelte dieser etwan und babe aach ein allge- 
meines Urtheil über die Knnstleistangen. Aach er 
halte es mit der Stellang eines Kritikers für onver- 
einbar, dass er Geldzawendongen irgend welcher Art 
von den Künstlern erhält oder dass er sich Billets 
and Droschken yon den Künstlern bezahlen lässt. 
Ob andere Zeitungen Freibillets erhalten, wisse er 
nicht, die .Voss. Ztg.** aber bezahle grandsfttzlich 
i^le detartigen Billets. 

Klftger Tappert: Herr Prof. Gast Bngel, der 
frühere Masikkritiker der «Toss. Ztg.", habe doch als 
hochachtbarer Gesangslehrer vor den Konzerten von 
Künstlern, die er nicht ausgebildet, Repetitionsstunden 
mit diesen abgehalten. 

Prol Urban : Bngel habe allerdings mit berühmten 
Sftngern und Sängerinnen, beispielsweise mit der 
Sembrich, Partien einstudirt Ob er dafür honorirt 
worden, sei ihm nicht bekannt; Er wisse, dass Bngel 
als Gesangsaotorität disonntäglich Konsultationen ab- 
hielt und keine Bezahlung dafür erhielt 

Kläger Tappert betont, dass auch zu ihm zahl- 
reiche Musiker und Sänger, um Rath einzuholen, 
kommen, weil sie ihm die nOtbige Binsicht zutrauen. 

Oskar Bichberg, Kritiker des «B^^rsen-Gour.'*: Als 
die württembergische Gräfin Sandow hier konzertiren 
wollte, kam der hiesige Vertreter der Dame, Jules 
Sachs, zu mir und fragte, ob ich geneigt sei, die 
Dame nach dem Konzert und nachdem ich ihre 
Leistung besprochen, za empfangen« Ich hatte den 
Bindruck, als ob mir klar gemacht werden sollte, 
dass die Dame nicht abgeneigt sei, sich erkenntlich 
zu zeigen« Die Dame sang sehr schlecht und 
dilettantisch, ich kritisirte sie abftllig und der fie- 
sach unterblieb. Herrn Tapperts Kritik war auch 
keine überschwängUche^ aber er hob in liebens- 
würdiger Weise Nebendmgc, bis auf die Garderobe, 
hervor. 

R.-A. Jonas: In musikalischen Kreisen soll es 
beobachtet worden sein, dass Herr Tappert über die 
Sembrich, den Pianuten Rosenthal und den Sänger 
Bütel sehr angünstige Kritiken vom Stapel laufen 
liess und dann zu allgemeinem Staunen plötzlich 
umfieL 

Sacbv. Bichberg: Solche Dinge sind ja besprochen 
worden. Herr Tappert hat namentlich Frau Sembrich 
zuerst ausserordentlicb ungünstig kritisirt, die Kritiken 
besserten sich dajan später. Bei Botel ist die Ver- 
änderung in der Kritik von einem bestimmten Moment 



an ganz scharf gewesen. Der Kritiker Fiege von 
der „Nordd. AUg. Ztg.*^ hat behauptet, Herr Botel 
habe selbst am Stammtisch bei Siechen erzählt, dass 
er bei Herrn Tappert durch eine Geldsendung diese 
Wandlung bewirkt habe. 

Kläger Tappert: Wie oberflächlich selbst meine 
Kritiken gelesen werden, zeigt sich auch hier wieder. 
Ich bin im Widerspruch zu meinen sogenannten 
Kollegen der erste gewesen, der auf das eminente 
Talent des Herrn Rosenthal hingewiesen hat. Frau 
Sembrich ist von mir nur als Liedersänserin ge- 
tadelt worden und sie hat diesen Zweig ihrer Kunst 
selbst verlassen. 

Sachv. Bichberg: Bei Herrn Rosenthal bestand 
die Wandlung in einem Uebergange vom Lob zum 
Tadel. Frau Sembrich ist auch in ihren dramatischen 
Leistungen scharf getadelt worden. 

R.-A. Jonas bebiuptet, dass Herr Rosenthal mit 
dem Augenblick schlecht kritisirt wurde, als er zur 
Konzertagentur Hermann Wolff fibergegangen war, 
mit der Tappert in Fehde lag. 

Justizratn Kleinbolz meint, dass bis jetzt kdner- 

lei Tbatsachen vorgebracht seien, die Herrn Tappert 

eines Missbrauches seines Amtes überführen könnten. 

f Was vorgebracht worden, sden nur allgemeine 

Redensarten^ 

Rechtsanw. Jonas: Dann müsse er beantragen, 
die Verhandlung zu vertagen und zum nächsten 
Termin noch die Herren Hummel, Flörsheim, Jules 
Sachs, Taussig und Botel zu laden. Was Herrn 
Lackowitz bemfffc. so seien schon drü Fälle nach-, 
weisbar, wo er Geld erhalten, es können noch weitere 
Beweise erbracht werden, dass er Couverts mit 
Visitenkarten von Künstlern und Geldbeträgen, die 
bis zu Mk. 10 hinabgingen, erhalten habe. 

Rechtsanw. Dr. Schwinut: Bß frage sich nur, zu 
weichen Zwecken. 

Vernommen wird noch der Privatdozent Dr. Stem- 
feld. Br weiss durchaus nichts davon, dass junge 
Künstler vor ihrem Konzerte Herrn Tappert Geld 
zugeschickt haben. Br wundere sich, dass er ge- 
laden sei, denn als Herr Dr. Korr ihn aufgesucht, 
habe er inm sofort klipp und klar gesagt, dass er in 
dieser Sache absolut nichts wisse. 

Da von den Parteien auf weitere Zeugen nicht 
verzichtet wird, so beschliesst der Gerichtshof, die 
Sache zu vertagen, einen neuen Termin nach den 
Gerichtsferien anzusetzen und dazu auch noch die 
heute genannten Zeugen zu laden. 



Ton hier nnd ausserhalb. 



Berlin^ Bin Mitarbeiter des «Kleinen Journals* 
hatte G> iegenheit, P u c c i n i , den Komponisten der 
Oper yBobdme'', die am 22. Juni im Königlichen 
Opemhause zum ersten Male angeführt wurde, 
und seinen Verleger Herrn Ricordi über die Diffe- 
renzen des Komponisten mit Herrn Leoncavallo zu 
befragen. Herr Leoncavallo hatte im ^BOrsen- 
Gourier** Herrn Pucdni einer illoyalen Hand- 
lungsweise beschuldigt, Pucdni habe, obwohl Leon- 
caTallo ihm bei der Abfassung des Textes zu «Manon 
Lescaut'' hilfreiche Hand geleistet, ihm die Kompo-^ 
sition der »Bohdme*, an der Leoncavallo angeblich 
schon fünf Monate gearbeitet, vorweggenommen und 
in überhasteter Weise — etwa in vierzehn Monaten 
— fertiggestellt Das ist der Kernpunkt in den An- 
klagen Leoncavallo's gegen Puccini, wobei uns die 
Beschwerden, die der Komponist der «Bajazzi* gegen 
Herrn Rieordi erhoben hat, nicht weiter interessiren. 
Herr Pucdni erklärte uns nun diesen Anklagen gegen- 



über Folgendes: Der Text zu «Manon Lescant* rührte 
ursprünglich von Oliva und Marco Praga her. Dies 
Libretto passte mir nicht ganz und Iliica, der filtere 
Ricordi und Leoncavallo übernahmen die Umarbdtung, 
bd der jedoch der erste und letzte Akt fast voll- 
ständig in der Fassung der ursprünglichen Librettisten 
bestehen blieben.* Pucdni leugnet also keineswegs 
die Mitarbeiterschaft Leoncavallo's, die er nur auf ihr 
gebührendes Mass inrückführt Den Vorwurf der 
Uloyalität betreffEi der „Bohdme'* wdst Pucdni durch 
folgende Darlegungen zurück. Während er zur ersten 
Aufführung seiner „Manon Lescanf ' 1893 in Turin 
weilte, kam er am 9. Februar desselben Jahres zur 
Premiere des „Falstaff^ nach Mailand herüber. Schon, 
damals sprach er mit dem Advokaten Nasi und mit 
Berta, dem Redakteur der „GazetU di Popolo*^ von 
seiner Abdcht, Murger's „Bohdme'^ in einer Oper za 
bearbeiten. Iliica und Giacosa hatten ihm schon da- 
mals das Libretto zu dieser Oper geschrieben. Binen 



— 186 — 



▼dien MoDtt spftter, im MSn, int Paedsi dnes 
Abends in der Braaerei von Trenlc in Mailand mit 
LeoneaYallo soaammen mid dieser ersShlte ihm nnn 
▼on seinen Plänen Ifir eine ganse Reihe von Opem- 
texten. Znletxt thdlte Leoneavallo ihm mit, dass er 
aach eine «Bobdme* schreiben wolle« Daraaf sagte 
Paecini sofort, dass aach er schon seit einiger Zeit 
an seiner ,Bohdme* arbeite, deren Textbuch fast voll- 
endet seil nnd f&gte hinsn: ,Da hast ja so viel Li- 
bretti, warum willst Du gerade die .Boheme* 
schrdben?" LeoneaTallo erwiderte , dass er seinen 
Plan nicht indem könne, und am nächsten Tage 
yerOffentlichte er in Sonzogno's „Secolo'^ eine Notis, 
dass er an der ,3ol>^in®*' arbeite. Daraaf pabludrte 
Pacdni nmgehend im «Gorriere della sera^, dass er 
gleichfiJls eine ,3obd°>e*' in Arbeit habe. Die That- 
sachen, mit denen Herr LeoneaTallo heute in die 
Oelfentiichkeit tritt, waren ihm also seit vier Jahren 
wohlbekannt Gegenüber dem Vorwarf der absicht- 
lichen Sdinellarbeit erklärt Puoeini, dass er die Par- 
titur seiner „Bohdme^ erst im Desember 1895 yoll- 
endete, dass er also fiist Tolle drei Jahre daran ge- 
arbeitet habe. Yienehn Monate später erst wurde 
LeoneaTallo mit seiner Oper fertig. Wenn er das da- 
mit begründet, dass er inswischen auch „Chatterton** 
komponirt habe, so sei darauf hingewiesen, dass diese 
Oper eine Jugendarbeit LeoocaTallo's ist, an die er 
nur leicht die bessernde Hand ansulegen hatte. Am 
6. Mai 1896 find die erste AnlRihrung von Leonca- 
Tallo's MBobdme^ in Venedig statt, und Herr Puccini 
wfinscbt nur, dass auch diese Oper möglichst bald in 
Berlin angeführt wird, damit das Publikum Gelegen- 
heit hat, beide Werke mit einander su vergleichen. 
— Auf diese Auslassung des Herrn Pacdni sendet 
Herr Leoncavallo dem „Kl. Journal** eine längere 
Zuschrift, in der es u. a. hdsst : „Meine Unterredung 
mit Herrn Puccini in der Brasserie Treok hat sich 
folgendermassen abgespielt: Herr Pacdni fragte mich, 
ob ich den ,J)on Marsio** komponiren würde, wie 
damab gemeldet worden.** Ich antwortete ihm: 
„Ndn, ich arbdte an dnem anderen Stoff, den ich 
sehr bald bekanntgeben werde.** Da Pacdni in mich 
drang, ihm den Stoff su nennen, sagte ich, dass ich 
mich ihm ja anvertrauen könne, und sprach dann mit 
ihm von der „Boheme**. Hätte Herr Pucdoi seine 
Arbdt wirklich schon begonnen gehabt, so wäre er 
wohl aufigefahren, als er diese vertrauliche Mitthd- 
lung hörte. Statt dessen aber sagte er mir ganz 
ruhig: ^Komisch, man hat mir gans dassdbe Libretto 
in Vorschlag gebracht!** Als ich ihm darauf ver- 
dcherte, ich hätte mdne Arbdt schon vor ffinf Mo- 
naten begonnen, sagte er mir allerdings, ob ich auf 
den Stoff nicht versichten könne, da mir ja so viele 
andere vorlägen. Ich erwiderte : .Das kann ich nichti 
wdl ich den Kontrakt über das Werk mit Sonzogno 
berdts untersdehnet habe.*' Darauf erwiderte er: 
.Ss giebt swd „Manon**, nun wfrd es auch swei 
„Bohtoe** geben.** Herr Puedni ging noch an dem- 
sdben Abend auf die Redaktion des „Gorriere della 
Sera**, um dort su mdden, dass er an der ,|Bohdme** 
arbdte, und ich musste infolgedessen am nächsten 
Tage im »Seeolo** auf mein Prioritätsrecht hin- 
weisen.** 



— Was ein renomnürter Konzertsänger den 
^Hnter über su leisten hat, davon giebt die Zu- 
sammenstdlung der Konserte Kunde, in denen einer 
unserer beliebtesten Tenoristen, Herr Heinrich 
Grahl, im vorigen Winter angetreten ist In vierzig 
Städten hat dersdbe gesungen, nach Nord und Süd, 
nach Ost und West hin wurde er engagirt (eigene 
Konzerte veranstaltet er nicht) und in den Werken 
verschiedensten Stils — Samson, Judas Maccabäus, 
Missa Solemnis, Matthäus Passion, H-moll Messe, 
Elias, Paradies und Peri u. A. — hatte er als Solist 
Gelegenhdt, sein schönes Organ und seine unzTer- 
seile Gestaltungskunst su zeigen. 

— Miss Frances Rüssel, dne sehr begabte 
Orgdschfilerin des Herrn Organisten Fran z Grn- 
ni ck e stellte dch am 18. Jani im Tempd der Re- 
form-Synagoge einer gdadenen Hörerschaft Yor. Sie 
spidte Bach*s Präludium und Foge in B-moU, ^e 
sogenannte Nachtwächter -Foge, dne Sonate von 
MendelBsohn und Bach*s Toccata und Fuge in D-moU 
mit vollkommener Beherrschung aller techmschen 
Schwierigkdten, klar und sicher, schwungvoll und 
feurig, und brachte die ausgesdchnete Lehrmethode 
ihres Meisters aufs beste zur Gdtung. Frau Ma- 
rianne Stresow-Scharwenlca spielte in demselben 
Konsert einige Stücke von Händel für Yioline mit 
so beseeltem Tone, so schlicht und klar, ganz im 
Geiste der Kompodtionen , dass man ihra Vorträge 
als Meisterleistungen bezdchnen muss. & B. 

— Die bdden Hauptnummern des „Dreizehn- 
ten Schlesischen Musikfestes** bestanden 
in Friedrich KieTs gewaltigem Ovatorium : „Chri- 
stus** und der Yerwandlungsmusik und Schlussseene 
aus Wagner's ParsifaL 

— Bei der akademischen Hochschule fOr Mosik 
ist das Senatsmitglied Professor Heinrich Freiherr 
V. Hersogenberg der Nachfolger des verstorbenen 
Profersors Woldemar Bargid geworden; er ist gldch- 
zdtig mit der Ldtung einer sdbstständigen akademi- 
schen Meisterschule für musikalische Kompodtion bd 
der Akademie der Künste an Stelle von Bargid be- 
traut worden. Die bdden anderen akadenüschea 
Meisterschulen ffir Musik werden von Blumner und 
Bruch geldtet 

Direktor Dr. Blumner hat vom Prinsregenten 
Albrecht das Kommandeurkreuz 2. Klasse des 
herzogUch braunsohwdgitchen Ordens Hdnrich's 
des Löwen erhalten. Diese Aoszeicbnung ist ihm 
als Anerkennung seiner künstlerischen Thätigkdt, 
insbesondere der in der Singakademie veranstalteten 
Aufführung der Matthäas-Pasdon, verliehen worden. 

— Herr JuL Heinr. Zimmermann, Mankferleger 
und Fabrikant mudkalischer Instrumente in Ldpdg, 
erhidt vom Grossherzog von Mecklenburg-Schwerin 
den Titel dnes Kommerzienratbs. 

— Ueber den Mangd an hervorragenden engü- 
sdien Komponisten schrdbt das «Journal des De- 
bets*: Kogland ist beinahe das einzige Land, das 
keinen grossen Tondichter hervorgebracht hat Sulli- 
van kann nicht als grosser Komponist gelten, und der 
deutsche Händel wird nicht zum Bngländer dadurch, 
dsss man ihn {ensdts des Kanals als beimischen 
Genius betrachtet Diese Thatsache ist sehr schmerz- 



— 187 — 



lieh fSr die £igeiiliebe der Briten, und iwar nm bo 
mehr, als keine Nation grössere Opfer ffir die £nt- 
Wickelung des küostierischen Untenichts bringt, als 
gerade Britannien. Die Gbildball School of Musik 
ist die grossartigste Musikschule der ganten Welt. 
Sie xählt 140 Professoren, die in 42 Lehrsftlen 3700 
Schülern Musikunterricht ertheilen. Nun hat die 
Zahl der Sch&ler in den letzten Jahren dermassen 
lugenommen, dass die bisher genügenden Schul- 
rftume nicht mehr ausreichen, und so wurde kürzlich 
der Bntschluss gefasst, 27 neue Klassensftle mit einem 
Kostenaufwand von 2000 Lstrl. zu bauen. Alsdann 
wird die Schule 5000 Schüler aufiiehmen können. 

— Die Londoner Musikzeitung «Musical Standard" 
hat zum diamantenen Regierungqubiläum der Königin 
Victoria unter dem Titel »Sixty Tears of Musik** ein 
Album herausgegeben, das 70 Portraits von englischen 
und auslSndischen Musikern enthftit, die währoid der 
Regierungszeit der Königin im englischen Musikleben 
eine Rolle gespielt haben. Die Sammlung enthftit 
manch interessantes Bild, n. a. eines von Chopin, 
dessen nach dem Leben gemaltes Original Ton An- 
tony Kolberg herrührt, und das ganz besonders hei^ 
▼orgehoben seL Den Anfang macht das Bild der 
ersten Musiklehrerin der jungen Königin, Mrs. Lucy 
Anderson, geb. Philpot, die auch die Lehrerin der 
berühmten Pianistin Arabella Goddard gewesen ist. 
Das Album ist für six pence (50 Pfg.) kftuflich zu 
haben. 

— In Hamburg ist an dem Hause Alsterglads 10, 
in welchem Hans von Bfilow Tom Jahre 1887 bis zu 
seinem Tode 1894 gewohnt hat , eine von Freunden 
des Verstorbenen gestiftete Votivtafel angebracht 
worden. 

— Das Petersburger Konsenratorium ist im Schul- 
jahr 1896 Ton 847 Personen besucht worden, und 
zwar ?on 264 Zöglingen mfinnlichen und 383 weib- 
lichen Geschlechts. Der Abtbeilung für Klavierspiel 
gehörte fast die fl&lfte sftmmtlicher Zöglinge an — 
306, der Orchester Abtbeilung, für Gesang etc. ISO. 
Am 8. September feiert das Konservatorium seio 
35j8hrige8 Bestehen. 

•— Als Nachfolger des verstorbenen Prof. Woldemar 
Bargiel ist im Senat der Akademie der Künste, Ab- 
theiiung für Musik, Prol Robert Radecke, Direktor 
des akademischen Instituts für Kirchenmusik, zum 
stellvertretenden Vorsitzenden bis Ende September 
1898 berufen worden; als solcher fahrt er zugleich 
auch den steilvertretenden Vorsiti in der Genossen- 
schaft der ordentlichen Mitglieder, Abtheilung f&r 



— Die königliche Akademie der Künste macht 
bekannt: Bei dem diesjährigen, laut Bekanntmachung 
vom 20. September 1896 auf dem Gebiet der Musik 
eröffneten Wettbewerb um den Preis der Zweiten 
Michael -Beer^schen Stiftung ist dieser keinem der 
drei Bewerber zuerkannt worden, weil nach dem 
Urtheil der berufenen Preisrichter die eingereichten 
Arbeiten den an sie zu stellenden Anforderungen 
nicht genügt haben. 

— Der Verein Beethovenhaus in Bonn hat um 
(800 Mark drei Beethoven'sche Manuskripte: 77 Seiten 
ans der Messe op. 86, ein Trio in einem ,Sati (Bdur) 



und Variationen über das Thema: «Bei MSnnem 
welche liebe fühlen*, für Klavier und Violoncell, 
kurz vor seinem letzten Kammermusikfeste erworben. 

Brüssel, 16. JunL Der Minister der schönen 
Künste, Herr De Bruyn, hat in der heutigen Kammer- 
sitsung angezeigt, dass die von dem tüchtigen vlftmi- 
schen Komponisten Peter Benoit geleitete Antwerpener 
Musikschule in ein königliches vlftmiscbes Konserva- 
torium umgestaltet wird. Die Kosten werden in der 
Weise gedeckt, dass je Vis ^^^ Staat und die Stadt 
und Vis die Provinz beisteuern. Ein dringender 
Wunsch der Vlamen wird damit erfüllt 

Dresden. Die Ho^ianofortefiEU>rik von Carl 
Rönisch in Dresden beging am 24. Mai die Feier 
der Fertigstellung des 25000. Instrumentes. Der 
«Dresdner Anzeiger* schreibt hierüber: «Unsere 
einheimische Hofpianofortefobrik von Carl Rönisch, 
die durch permanenten Verzicht auf Reklame that- 
sftchlich glänzt und bei ihrer bekannten Soüditftt der- 
gleichen schliesslich auch nicht nöthig hat, konnte 
am 24. Mai ein Jubilftum feiern, das auch weitere 
Kreise interessiren durfte. An diesem Tage ist das 
fünfundzwanzigtausendste Instrument der Fabrik voll- 
endet worden. Das gesammte Arbeiterpersoni4 über- 
reiehte bei dieser Gelegenheit den beiden Chefs der 
Firma, den Herren Albert und Hermann Rönisch, 
eine künnüerisch ausgeführte Gedenktafel. Man 
weiss, dass die Firma ausserordentlich stark be- 
schftfligt ist Besonders die Fabrikation von Flügeln 
hat einen grossen AuÜBchwung genommen; erst in 
diesen Tagen hat das königlich bayrische Staats- 
ministerium einen besonders sdiönen Flügel für das 
Ludwigs-Gymnasium in München aogekauft* 

](51n« Die Feier seines dreissigjftbrigen Kapell- 
meister-Jubilftums beging Professor Arno Kleffel mit 
der Leitung von Moipurt's „Don Juan^. Schon am 
Mittag bei einer internen Feier auf der Bühne wurden 
dem Jubilar von Seiten Direktor Hofoiann's und des 
gesammten Künstierpersonals herzliche Reden und 
schöne Geschenke gewidmet Am Abend wurde 
Kleifel bei seinem Brscheineo am lorbeergeschmückten 
Pult seitens des alle besseren Plfttze vollständig 
füllenden Publikums und ebenso durch das Orchester 
herzlich begrüsst und nach dem ersten Akte in 
langer stürmischer Ovation gefeiert Dass es bei 
diesem Anlasse Kränze in allen Grössen mit pra^t- 
voUen Widmungsschleifen regnete, ist selbstverstSnd- 
lich; die für den allgemein so hochgeschätzten Jubi- 
lar mit Annehmen der Gaben bemühten Bühnen- 
mitglieder standen förmlich im Lorbeerfeuer und 
entgingen verschiedentlich mit knapper Noth der Ge- 
fahr, umgeworfen zu werden. Gewftchstöpfe und 
glänzende Arrangements in den verschiedensten 
Formen und Farben wurden für den sich immer 
wieder gerührt und danl[bar Verneigenden herauf- 
gereicht — die Zahl anzugeben, wftre unmögUch — 
und was Meister Kleffel als Inhalt geheimnissvoUer 
Packete gespendet wurde, entzieht sich vollends der 
KontroUe. Hatte das Orchester seiner Verehrung 
für den Jubilar vorher durch Tusch und Lorbeer 
Ausdruck gegeben, so ehrte es seinen Dirigenten 
weiter durch eine mustergiltige Wiedergabe der herr- 

»nr vornehmen Wahl der Jubilftums- 



ts. • 



r :!.. 



— 188 - 



oper entsprach die atUgeireiie orcheitrale Ans- 
f&hrang. 

Jjondoiiy 15. Jani. Dm diesjährige Häodelfest 
warde gestern im KrystaUpallast mit dem .Messias* 
eröffnet. Das Oratoriom wurde Ton einem 4000 Per- 
sonen zählenden Chor, Orchester and bedeutenden 
Solokräften, darunter Frau Albani, unter Leitung von 
August Mann in Gegenwart von 170OO Zuhörern vor- 
trefflich ausgef&hrt. Die Massenchöre waren von 
majestätischer Wirkung. In der Konventgarden-Oper 
fand gestern unter Anton Seidls Leitung eine schön 
gelungene deutsche Auffuhrung von »Tristan und 
Isolde" statt. Jean de Resske und Frau Sedlmair 
aus Wien sangen die Titelrollen mit durchschlagen- 
dem Erfolg. (YoBs. Ztg.) 

Stockliolmy 7. Juni. Gestern begann hier das 
grosse nordische Musikfest, an dem Sänger aus 
Schweden, Norwegen und Dänemark theilnahmen, 
ebenso sind die hervorragendsten nordischen Kompo- 
nisten erschienen^ um ihre Werke selbst vorsuf&hren. 



In dem gestrigen ersten Kontert, dem die KOniga- 
familie beiwohnte, wurden Wate von L. Nor- 
mann, Ole Olsen, Wennerberg, Grieg, Gade, Bmil 
Hartmann und A. Södermann ausgeführt Der Chor 
besteht aus 700 Personen, das Orehester ans 150 Mit- 
gliedern. Auf dem Programm der fibrigen Konterte 
stehen Werke von A. Hallen, J. Selmer, J« Hall- 
ström, E. Sjögren, J« P. B Hartmann, Lauge- 
Müller, J. Svendsen, W. Stenhammer, lindblatt ete 
Wien« Vor kursem wurde hier an der Ecke der 
Tachlauben und des Milehgässchens in der inneren 
Stadt ein Mozarthaus abgetragen, an dessen Stirn- 
seite iwischen iwel Fenstern des ersten Stockwerkes 
ein Marmortäf eichen mit der Inschrift angebracht war : 
In diesem Hause wohnte Motart im Jahre 1781 und 
komponirte hier seine .Entführung ans dem Serail*. 
An der Stelle des abgetragenen Gebäudes whrd ein 
Neubau ersteben, der die Amtsräume der Oester- 
reichischen Geseilsehaft vom Rothen Kreuie ent- 
halten solL 



Vereine. 



Musiksektfon des Provlnzlal-Lehreriniien-Vereine 
für Sohletien und Posen. 

Das Bestehen der Maiiksektion des Prov. 
Lehrerinnen- Vereins für Schlesien und Posen, datirt 
vom 1. Januar 1896. — Am Schlüsse des Jahres be- 
lief sich die Mitgliederzahl auf 20, tu der seit dem 
1. Januar 1897 — 12 neue hintatraten, sodass sie 
zur Zeit 32 Mitglieder zählt. 

Trott des kürten Zeitraumes, der twischen seiner 
Gründung und dem heutigen Tage liegt, darf unser 
Verein doch schon einige Erfolge verzeiehnen. — 
Wir errichteten : 

1. eine Stellenyermittelung, erhielten 

2. für unseren Verband Freikarten seitens 
des Vorstandes unserer Orchesterkonserte 

gewährleistet und thaten 
ie einleitenden Schritte för ein Alters- 
heim. 

Was nun erstere — die Stellenvermittelung be- 
trifft| so wurde sie wiederholt am Orte selbst, so- 
wohl wie von ausserhalb in Anspruch genommen. 
— Ersteres freilich nicht so of^ wie tu wünschen 
wäre. 

Die tüchtigsten Lehrkräfte am Orte sind 
bekannt und erhalten selbstverständlich hohe Hono- 
rare. Wem es aber darum tu thun, möglichst wenig 
Geld antulegen, der ist ebenfalls nicht in Verlegen- 
heit. Angebote wie: 

^Gründiicher Klavierunterrichti 3 Stunden in der 
Woche für monatlich 3 Mark"*, wie Anfang des 
Winters in der Zeitung tu lesen stand, findet er in 
Menge. 

Die Honorare jener Lehrerinnen, die mit guten 
Leistungen erst im Anfange ihrer Laufbahn stehen, 
werd«*n dadurch herabgedrückt — Hier Wandel tu 
schaffen, stellt unser Verein sich tur Aufgabe und 
wir hoffen, dass es uns gelingt, das Publikum all- 
mählich durch die Leistungen der Lehrerinnen, 
welche «rir empfehlen, tu beeinflussen und auf diese 
Weise mancher streosamen jangen Kraft den Weg 
tu ebnen. 

Die Nachfragen von ausserhalb stellten meist als 
NebenbedingQUg Kenntniss des Französischen und 
Englischen. Erst vor wenig Tagen lief eine solche 
ans dem Auslande bei uns ein. Es wurde eine 
Klavierlehrerin yerlangt, welche im Stande sei, die 
Töchter des Hauses für die Hochschule vortubereiten 



und lugleieh fertig frantösisch und Englisch tu 
sprechen. Gehalt 900 Mk. eventL darüber, ßei 
diesen Gelegenheiten machten wir die Wahrnehmung, 
wie wenig tüchtige Musiklehrerinnen es giebt, die 
tugleich twd Fremdsprachen beherrschen. — 
Manche töchterreiehe Fanülia auf dem Laude, oder 
in kleiner Stadt, wfirde ^ern ein gleiches Gehalt für 
solche Leistungen bewilligen, die ihr die kostspielige 
Pension ausser dem Hause ersparte, in welche ihre 
Töchter nach der Konfirmation sonst noch aesendet 
werden« — Es handelt sich hierbei selbstverständlich 
nicht um solche musikalischen Kenntnisse, wie sie 
heut tu Tage jede Ertieherin sich aneignen muss, 
um auch den Klavierunterricht ihrer kleinen Zög- 
linge übernehmen tu können. Nur eine gediegene 
musikalische Ausbildung kommt in Betracht — Von 
den armen vielgeplagten Seminaristinnen ist nicht 
tu verlangen, oass sie gründliche Musikstudien 
treiben, der Versuch selbst wurde erfolglos sein« — 
Die Kunst verluigt von ihren Jüngern das Einsotten 
voller Kraft and ungetheiltes Streben nach hohem 
ZieL 

Wie manches junge Mädchen aber^ dem Begabung 
und Neigung diesen Weg weisen^ darf ihn nicht gehen, 
weil das Lehrerionenezameo ihr eine gesichertere 
Zukunft in Aussicht tu stellen scheint. — Doch der 
Andrang gerade tu diesem Beruf ist ein sehr grosser, 
nicht ^00 haben das Glück an städtischen Schulen 
eine feste, im Gebalte steigende und vor allem pen- 
sionsberechtigte Stellung tu finden und sind dann 
auch auf die unsichem Einnahmen der Privatstellun- 
gen angewiesen. — Sollte man diesen nicht turufen: 

.Fol^ Eurer Neigung, bringt es tuerst tu tüch- 
tigen Leistungen in der Blusik, dann geht ins Aas- 
land und yerwerthet sie dort, bis Ihr wenigstens 
tweier Fremdsprachen mächtig seid". — Mit wirk- 
lich guten musikalischen Leistungen und der Beherr- 
schung tweier Fremdsprachen wird — meines Er- 
acbtens — sich höheres Gehalt und angenehmere 
Stellung enielen lassen, als sie mancher Snieherin 
tn theil wird. 

Das freundliche Entgegenkommen des Orchester- 
Verein- Vorstandes betreffs der Freikarten, verpfUch- 
tet unseren Verein tu besonderem Danke, flicht 
alle unsere Mitglieder würden sich ohne dasselbe 
einen regelmässigen Besuch jener Konterte gönnen. 
— Auf welche Höhe diese dnreh ihren derteitigen 



- 189 — 



Dirigenten Herren Masxkowski gebracht worden, ist 
bekannt Die Leiatongen des Orchesters, vereint mit 
denen hervorragender Künstler des In- and Aus- 
landes gestalten jene Abende nicht aliein za einer 
Quelle des Genusses, sondern auch reicher Beleh- 
rung und immer neuer Anregung. — HoflFentlicb er- 
langen wir im nächsten Winter auch für die Oper 
Billets SU ermftssigten Preisen, was von besonderem 
Werthe ffir unsere Gesanglehrerinnen wfire. — 

Die einleitenden Schritte, welche wir zur Br- 
reichnng eines Altersheims gethan, entziehen sich vor- 
läufig hier nach der Besprechung. 

Wir riethen zuerst unseren Mitgliedern, sich in die 
Langenbach - Stiftung einzukaufen, welchem Rathe 
auch einiffe Folge leisteten. Doch die Mehrzahl 
seigte si<m abgeneigt im Alter die Heimath mit 
einem, von uns so entfernt liegenden Orte, wie Bonn, 
zu vertauschen. Ba giebt ein Sprücbwort: »Binen 
alten Baum verpflanzt man nicht.** — 

So kam es, dass wir den Gedanken, ein Alters- 
heim f&r Musiklehrerinnen Schlesiens und Poseos zu 
gr&nden — wenn auch vorläufig nur in bescheiden- 
stem Massstabe und ffirs Brste nur freie Wohnung 
gewährend — näher traten. 

Diejenigen, welche in der Lage sind, uns hierbei 
thatkraftig zu helfen, wandten nun ein, dass der Be- 
griff .Musiklehrerin*^ ein so aasgedehnter sei, dass 
es schwer halten wfirde, allen Anforderungen, die 
an solche Stiftung herantreten wurden, gerecht zu 



werden, eventl. die richtige Grenze zu ziehen. — 
Bs hält sich eben jede für befähigt, Klavierunter- 
richt zu ertheilen, die im Stande ist, eine Reverie, 
oder einen Walzer vorzutragen. — Zum Unterrichten 
meldeten sich Damen, die nicht vermochten eine 
Tonleiter mit richtigem Fingersatz zu spielen und 
die sich mit den Vorzeichnongen in arger Feind- 
schaft befanden! — Bin Paragraph der Satzungen 
der Musikgruppe unseres Provinzial-Vereins lautet: 

«Nur tfichtige, sich womöglich durch Zeugniss 
als solche ausweisende Musiklehrerinnen können 
Aufnahme findend 

Da die Berechtigung zur dereinstigen Aufnahme 
in das Altersheim, bezw. zum Binkauf in dasselbe 
nur Mitgliedern unseres Vereins zu Tbeil wird, so 
ist jene Grenze von selbst gezogen. 

Wir werden bei der Aumahme keineswegs ver- 
gessen, dass wir nicht gleiches Können von Allen 
verlangen dürfen, da die Grade der Begabung ver- 
sehieden sind; aber eine gute Vorbildung Fleiss und 
und Streben sind unerlässlicb — mag dann die be- 
treifende Kollegin auch nur befähigt sein, den Unter- 
richt der ersten Stufen zu leiten. — Doch, dass wir 
nicht Blemente bei uns aufnehmen, deren wir uns 
zu schämen haben, daran müssen wir festhalten, da 
wir doch in Bnuangelung eines staatlichen Schutzes 
auf den SeibstschuU angewiesen sind. 

E/iiabeth Simon, 



Meinnngs-Anstausch. 



Geehrter Herr Kollege! 
Die Nachschrift des von Herrn Dr. Kohut ver- 
öffentlichten Berlioi-Briefes an mich trägt im Origi- 
nale nicht den Namen Renan, sondern den ironisch 
gemeinten ,le Docteur Berlioz, mölanges th^ologiques, 
Volume 105. H. JEhrUch, 

Köln, den S5. Juni 1897. 

Im Namen der Direktion des Konservatoriums 
der Musik beehre ich mich, Ihnen mit Bezug auf 
den in der Nummer des «Klavierlehrers* vom 
15. Juni d. J. enthaltenen Artikel, das Klavierunter- 
richtswesen in Köln betreffend, beifolgend Material 
zur Orientirung ober den thatsächlichen Stand dieser 
Verhältnisse, soweit das Konservatorium duran be- 
theiligt ist, zuzusenden. 

Hochachtungsvoll ergebenst 

Dr. Otto KlauwelL 

1) Unter Hiller war es den Schülern durch 
die Schulgesetze nicht untersagt, Unterricht zu 
ertheilen. Hiller kam also niemals in den Fall, 
die BrlanbnisB dazu zu ertheilen oder zu ver- 
weigern. Jeder auch durchaus unbefähigte 
Schfiler durite unterrichten. 

2) Um das Unterrichten durch unbefähigte 
Schuler zu verhüten, habe ich in die Schul- 
gesetze die Bestimmung aufnehmen lassen, dass 
kein Schfiler ohne Genehmigung des Direk- 
tors unterrichten dfirfa. Diese Genehmigung 
wird nur an solche Schuler ertiieilt von denen 
ausser dem Lehrer des Hauptfechs auch der 
Direktor und fbei Klavierschulem) der Inspektor 
des Sfminars Professor Dr. Klauweli die Ueber- 
seu^ung erlangt haben, dass sie genügend vor- 

Sebildet sind. Der jetzige Modus — gegenöber 
em frfiheren — begünstigt nicht nur nicht, 
sondern verhindert das Untcurrichtertheilen durch 
UnbeflUügte. 



8) Das Konservatorium hat eine sehr strenge 
mehrere Tage dauernde sogenannte «Reife- 
prüfong* für das Klarier-Lehrerzengniss einge- 
richtet, in welcher die Schfiler darlegen müssen, 
dass sie nicht aliein tüchtige Klavierspieler sind, 
sondern auch pädagogisch und theoretisch aus- 
reichende Kenntnisse besitzen, dass sie genfigend 
vom Blatt lesen und transponiren können u. s. w. 
Nach bestandener Prfifong dfirfea die Schfiler 
ge^n einen ermässigten Honorarsatz die Anstalt 
weiter besuchen und viele Schfiler machen von 
dieser Vergfinstigung Gebrauch. 

4) Die BrkiubniBS zum Unterrichten wird in 
der Regel nur an solche Klavierschuler ertbeilt, 
die die Reifeprfifang schon gemacht haben oder 
demnächst machen werden, mithin an solche, die 
in ihrer Befähigung weit fiber dem Durchschnitt 
mancher Privatklavierlehrer stehen. 

5) Bs kommt häufig vor, dass Klavierlehrer , 
die schon in der Praxid stehen, wieder ins Kon- 
servatorium eintreten, um Lficken in ihren Kennt- 
nissen anszuffiilen. Selbstverständlich wird man 
ihnen die Brlanbniss zum Unterrichten bzw. zur 
Brhaltnng ihrer Bxistenz nicht verweigern. 

6) Das Konservatorium zählte im vergangenen 
Schuljahre mehr als 400 Schfiler. Wenn von 
dieser Zahl nur 30 die Brlanbniss zum Untere 
richten erhalten haben — Klavier-, Gesang- und 
Orchesterschfiler znsammengeredmet — so ist 
das ein Beweis, wie vorsichtig die Direction ist. 

7) Wollte die Direktion die Brlanbniss den 
unter 4 und 5 genannten Schfilern versagen, so 
wfirden sie sofort austreten oder gar nicht ein- 
treten, sondern auf eigene Faust unterrichten, 
was ihnen gesetzlich niemand verwehren könnte, 
ebenso wie es durch kein Staatsgesets verboten 
ist^ dass ein Konservatoriumsschöler unterrichtet. 
Leider duf ja jeder Schuliehrer, ja jeder 



— 190 — 



Dilettant, der gar nichts yersteht, nnteriicfaten. 
Solchen (anter 4 nod 5 genannti^n) Schülern 
würde man durch das Verbot des Uoterrichtens 
nur die Möglichkeit abschneiden, sieh weiter xu 
entwickeln. 

8) Von einem unlauteren Wettbewerb seitens 
durchaus betftbigter, könstlerisch schon hoch 
entwickelter KonserTatoriumsschfLler gegen&ber 
weniger leistenden oft nur bandwerksmftssig 
Unterrichtetenden Lehrern, von denen sogar 
manche den Mosiklehrerbernf nur nebensächlich 
betreiben, kann mithin keine Rede sein. Wie 
aber soll man es nennen^ wenn der Wortfahrer 
der Unzafriedenen, eben jener Herr Dens, in der 
ganxen Stadt grosse Plakate anschlagen Ifisst 



mit der Deberschiift: »Elayierunterricht fKr 
Talentlose*, in denen er die Behauptung auf- 
stellt, es aebe eigentlich keioe musikalisch 
Talentlose, jeder küant Musik bsw« Klavier^ 
spielen lernen; die Bltem mochten ihm daher 
ihre Kinder, denen andere Lehrer das nöthig:e 
Talent abgesprochen hfttten, bringen, er würde 
sie schon zu fOrdem wissen o. s. w. Ist das 
nicht .aniauterer Wettbewerb* den gewissen- 
haften Xebrern gegen&ber, die es ehrlich sa^co, 
wenn die ihnen antertrauten Kinder musikalisch 
unbegabt sind, and die es vorsiehen, gutbetablte 
Stunden lieber aufzugeben, als sie firacbtlos zu 
eitheilen und dadurch den Eltern das Geld aas 
der Tasche zu stehlen? 



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neiltz, A. v^Op. 61. Praeludien. 3 JL 
Hauser, E, Op. 26. Praelndium and Fuge. 2 JL 
Llazt-Biisonl, Phantasie and Fuge &ber den Choral: 

,Ad DOS, ad salatarem andam.* 6 M, 
Sohuppan, Ad, Op. 18. Zweite Suite, Gis-moU. 2 JC, 

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Yerantwortlicher Redakteur: Prof. Bmil Breslaar. Berlin N^ Onmienbnrgeratar. 57. 
Terlag «b4 Expedition: Wolf Peiaer Verlag (G. Kaßski), Berlin S^ Brandenbnxgitr. 11. 

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Der Klavier-Lehrer. 

Musik-paedagogische Zeitschrift. 

Organ der Deutschen Musiklehr er -Vereine 

und der Tonkünstler- Vereine 

zu Berlin, K91n, Dresden, Hamburg und Stattgart. 

Herausgegeben 

▼OD 

Professor Emil Breslanr. 



No. 14. 



Berlin, 15. Juli 1897. 



XX. Jahrgang. 



Dieses Blatt ersoheint am 1. und 15. jeden Monats 
and kostet darch die K. Post-Anstalten, Buch- und 
M nsikalienhandlnngen bexogen Tierteljälirlich 1,50 M^ 
direet unterKreasband von der Verlagshandlunn; 1,75.^. 



Inserate for dieses Blatt werden von sftmmtUchen 
Annoncen-Bzpeditionen, wie von der Verlagshandlnng. 
Berlin S., Brandenburgstr. 11. lom Preise von SO \ 
for die zweigespaitene Petitieile entgegengenommen. 



Ein yergessener Klayierpoet. 

Von Dr. Kart Benndorf. 



In einem Steinbrncbe bei Chemnitz fand 
man am 29. Angnst 1862 den entseelten 
Körper eines Künstlers, dessen Werke in der 
Klavierlitteratnr der romantischen Periode 
unseres Jahrhunderts eine hervorragende 
Stelle einnehmen. Sein Name ist Adolf 

Bergt. 

Er war einer jener stillen zartbe- 
saiteten Poeten, die darch das Leben gehen 
wie Träumende. Die Eigenart und Abge- 
schlossenheit seiner Innenwelt erschwerte es 
ihm, in (Ue nöthige Wechselbeziehung zur 
Aussenwelt zu treten, und der Widerspruch 
zwischen seinem Phantasieleben und der 
rauhen Wirklichkeit beeiuflusste fortdauernd 
seine menschliche und künstlerische Persön- 
lichkeit. Es gelang ihm nicht eine Stellung 
zu finden, die dem Werthe, dessen er sich 
bewusst war, entsprochen hätte. Immer von 
neuem wurde er ein Opfer der Missstimmung 
über mangelnde Anerkennung und Förderung. 
Dazu kam, dass er in einem Gemeinwesen 
lebte, das, von kaufmännischen Interessen 
erfüllt, wenie für die Kunst übrig hatte und 
ihn als Sonderling beiseite liegen liess. So 
zog er sich immer mehr in sich zurück. Un- 
erquickliche Vorkommnisse und Sorge um 
den Lebensunterhalt bedrückten ihn, und in 
einem Anfall von Schwermuth bereitete der 
unglückliche, reichbegabte Musiker seinem 
Leben ein vorzeitiges Ende. 

Bergt entstammte einer Musikerfamilie, 
die in Oederan in Sachsen zu Hause war. 
Der Bruder seines Vaters, Gottlob August 
Bergt (1772—1837), war in Bautzen Organist 



und Dirigent und genoss auch als Tonsetzer 
verdientes Ansehen. In Altenburg, wo sein 
Vater, Benjamin Fürchtegott, Musikdirektor 
wurde, erhielt Adolf Bergt eine sorgfältige 
Erziehung. Von Instrumenten spielte er 
Fagott, Klarinette, Klavier und Violine. Im 
Jahre 1838 wurde er Mitglied des Chemnitzer 
städtischen Orchesters, dem er bis 1860 mit 
kurzer Unterbrechung angehörte. 1847 finden 
wir ihn in Leipzig, wo ihn Mendelssohn, der 
auf sein Kompositionstalent aufmerksam ge- 
worden war, unentgeltlich unterrichtete. 

Zehn Klavierwerke Bergt's liegen im Druck 
vor.*) Eine Ouvertüre für Orchester, ein 
Quintett für Blasinstrumente, Stücke für 2 
tind 3 Fagotte und andere Kompositionen 
blieben Manuskript. Vielleicht tragen diese 
Zeilen dazu bei, etwas von den ungedruckten 
Werken (über deren Verbleib ich nichts er- 
fahren konnte) wieder an's Licht zu bringen. 
Die Klavierkompositionen wurden in den 
vierziger Jahren veröffentlicht. A. Dörffel 
trat in der „Neuen Zeitschrift für Musik^ 
nachdrücklich für sie ein. Wenn auch die 
Hoffnungen, die Dörffel an sie knüpfte, sich 
nicht erffillt haben, und den herrlichen Blüthen 
die reifen Früchte nicht gefolgt sind, so ver- 



*) Op. I. Sonate f. 2 Klaviere, Peters. Op. 2, 
Fantasie f. Kl. zweib., Peters. Op. 8, Allegro f. Kl. 
vierb., Peters. Op. 4, Waiser f. Kl. zweih., Peters. 
Op. 5, Ballade f. KL sweib., Peters. Op. 6» Capriccio 
f. KL vierh., Peters. Op. 7, Charakterstücke f. Kl, 
zweib., Hofmeister. Op. 8, Capriccio f. Kl. vierh., 
Peters. Op. 9, FantasiestQcke f. KL zweib., Whist- 
iing. Op. 10« Klavierstücke, zweih., Breitkopf und 
H&riel. 



— 194 — 



dient doch das, was Berget geschaffen, der 
Vergessenheit entrissen nnd in geschichtUchem 
Zusammenhange betrachtet zu werden. 

Adolf Bergt gehört zu den Komponisten, 
die ihre Weihe von Schamann nnd Hendels- 
sohn erhielten. Aber er ragt unter ihnen 
liervor durch eine bestimmt ausgeprägte 
Physiognomie. Hätte ihn Schumann gekannt, 
so wäre er gewiss wie Chopin und Henselt 
ein Liebling der Davidsbundler geworden. 
Das meiste, was er geschaffen, ist gänzlich 
verschieden von der poteie lagere eines Hiller, 
Taubert und anderer, von der zarten und 
sinnigen Kleinmalerei eines Heller und 
Kirchner; es lässt sich in Bezug auf Eneme 
der Leidenschaft eher mit Schumann's Kfa- 
vierwerken vei^leichen. Mit diesem Heister 
hat Bergt auch jenen Humor gemein, der 
grelle Lichter ineinanderfliessen, heterogene 
Stimmungen sich befehden lässt, der das 
Tiefsinnige mit dem Kindlichen, das Kapri- 
ziöse mit dem Phantastischen, elegische 
Schwärmerei mit jauchzendem Aufschwung 
vermählt. Eine leise heimliche Melodie 
durchzieht alle seine Tongedichte, die von 
erträumtem Gluck, von Leid und von Sehn- 
sucht nach Frieden zu singen weiss. Es 
liegt über ihnen etwas von dem Ernst der 
dunklen Fichtenwälder seiner erzgebirgischen 
Heimath; etwas von der unbestimmten Weh- 
muth, die der Anblick eines Sonnenunter- 
gangs in uns auMhrt, wenn der Sommer 
zur Rüste geht. 

Der Tonsprache Bergt's fehlt die Toilette. 
Sie ist oft herb und eckig. Aber sie besitzt 
eine urwüchsige Naturkraft, und der Wider- 
spruch, den Härten und Unreinheiten in 
Kompositionen hervorrufen, die zwar formvoll 
und edel empfunden sind, aber unsere Phui- 
tasie nur flüchtig festhalten, wird hier zum 
Zugeständniss herabgemildert. 

Die musikalischen Formen, deren sich Bergt 
bedient, sind die der romantischen Periode. 

Den Haui)trichtungen dieser Periode, die 
auf dem Gebiete der Klaviermusik durch die 
Namen Schubert, Weber, Chopin, Hendels- 
sohn und Schumann gekennzeichnet sind, ist 
die Bevorzugung einsätziger Formen gemein- 
sam. Die cykUsche Form der Sonate kam 
dem subjektiven Wesen der Romantiker, 
ihrem Drange, nur ihre individuelle Eigen- 
thümlichkeit zu geben, zu wenig entgegen. 
Im Bau ihrer einsätzigen Stücke folgen sie 
entweder dem Bildungsgesetz des ersten 
Sonatensatzes oder dem der leicht überseh- 
baren einfachen Liedform. Am häufigsten 
aber bedienen sie sich der Form des Scherzos. 
Beethoven's Scherzo, das in formeller wie 
ideeller Hinsicht als eine Weiterbildung von 
Ilaydn's Henuett angesehen werden kann, 
war das eigentliche Terrain der romantischen 
Komponisten. Nur dass sie es unter anderen 
Namen und als selbständiges Charakterstück 



ausgehen liessen, das in einem Zuge sagt, 
was zu sa^en ist. Dazu brachten sie andere 
bis dahin m der Kunstmusik wenig gepfl^te 
Tänze auf die Bahn, und hierin zeigten sie 
sich ganz besonders erfinderisch. Seit Scha- 
mann vmrden an Stelle allgemeiner Namen 
über den Klavierstücken bestimmte poetische 
üeberschriften beliebt, die unserer Phantasie 
zu Hilfe kommen und uns zugleich in die 
Werkstatt des Künstlers blicken lassen. 

Eine vollständige Sonate, und zwar für 
zwei Fianoforte, hat Bergt nur in seinem 
Op. 1 geschaffen. Op. 2, 3, 6 und 8 können 
als erste Sonatensätze gelten. Die beiden 
Erstlingswerke lassen das Vorbild Beethoven's, 
Schubert's und Weber's deutlich erkennen, 
aber sie überraschen uns durch Kühnheit der 
Phantasie und ungewöhnliche Gestaltungs- 
kraft, und in beiden fesseln uns eigenartige 
Ideen, wie sie einsame Geister hegen. Die 
drei vierhändigen Capriccios Op. 3, 6 und 8 
sind das Bedeutendste, was Bergt geschaffen, 
und wir müssen sie den vierhändigen Original- 
werken von Schubert, Weber und Onslow an 
die Seite stellen. Sie zeigen ihn als Künstler, 
der seine eigenen Wege geht In der Ent- 
wicklung ihrer kraftvollen und grosszugigen 
Themen, in dem Keimen und Wachsen ihrer 
Motive, in der selbständigen Führung der 
Hittelstimmen und des Basses lassen sie einen 
^eboreneu Symphoniker erkennen, und zu 
ihrer vollen Wirkung würden sie gewiss erst 
im Gewände des Orchesters gelangen. Ich 
weise namentlich auf das H-moll- Capriccio 
Op. 6 hin. Welch ergreifende Wirkungen 
werden hier durch das einfache Mittel des 
Wechsels von Dur und Moll erzeugt. Welch 
herrliche, elementare Leidenschaft erfüllt diese 
Tondichtung. Wir fühlen uns in eine jener 
Nächte versetzt, wo der Sturm die Wolken 
am Himmel hintreibt und freundliche Lichter 
nur zag und spärlich aufdämmern. 

Auch in den meisten der kleineren Kla- 
vierstücke zieht uns die Eigenart ihres Ur- 
hebers an. Ich hebe die Charakterstücke 
Op. 7 No. 2 und Op. 10 No. 1 hervor, femer 
in Op. 9 das Andantino und die Maskentanz- 
scene, deren weltflüchtiger Humor uns an 
Jean Paul oder Justinus Kerner erinnert. 
Allenthalben trifft man auf originelle rhythmi- 
sche Kombinationen, auf neue Klangwirkungen 
und neue Nuancen in der Cadenzirung und 
Modulation. 

Einfach und still verlief das äussere Leben 
Adolf Bergt's, reich und bewegt sein inneres 
Leben. Es liegt in seinen Klavierdichtungen 
vor. Wir lernen einen Künstler kennen, der 
dazu neigt, sich starr abzusondern und sich 
in persönliche Stimmungen zu vergraben. 
Sich zu erweitem und seine herrliche Bega- 
bung ganz zu entfalten, machte ihm der 
Zwang der äusseren Noth unmöglich. Es 
war ihm nicht beschieden, sich zur erlösenden 



— 195 — 



Efinsüerthat anüzaschwlDgen und die Ver- 
söhnimg der das Leben durchdringenden 
Gegensätze in Tdnen zn künden. Niemand 
hat ihm, nachdem er gestorben, einen Nach- 



ruf gewidmet. Mögen diese Zeilen das Ver- 
säumte nachholen und seinen Werken manchen 
Freund gewinnen helfen. 



Leitfaden für Elaylerspieler/) 



Das Klavier, auch „InstmmeDt'* genannt, dient 
zur Hervorbringong von Geräaschen, welche zur 
Begieitang des Gesanges, des Tanzes a. s. w. viel- 
fach benatzt werden können. Viele spielen darauf 
auch zu ihrem eigenen Vergnügen, wenige nur zum 
Vergnügen der Anderen. Seit die Damen sich dem 
Radfahren zugewendet haben, ist das Elavierspiei 
etwas aus der Mode gekommen, was allgemein nicht 
bedauert wird. Es giebt verschiedene Arten von 
Klavieren. Die ganz grossen mit einem Deckel zum 
Auf- und Zumachen, der bei Reinigung des In- 
stnimentes sehr zweckmSssig ist, heisst man Flügel. 
Ist das dünne Ende des Flügels abgenützt, so 
sehneidet man es ab und nennt dann das Instrument 
Stutzflügel. Für llinderbemittelte werden auch Stutz- 
flügel hergestellt, an denen von vornherein das dünne 
Ende fehlt. Beliebt sind die sogenannten Pianinos 
welche ganz kurz und darum auch viel leichter zu 
spielen sind. Sie können selbst von den zartesten 
Frauenhftnden an extra dazu angebrachten Hand- 
griffen in der Wohnung herumgezogen werden und 
zwei Männer tragen sie bequem die Treppe herauf 
was 3 bis 4 Mark kostet. Je nach der verschiedenen 
Aufschrift auf dem Klavierdeckel unterscheidet man 
Blüthner-, Bechstein-, Steinway- etc. Klaviere. Im 
Effekt bleiben sie sicii aber ziemlich gleich — höch- 
stens bestehen gewisse Klangunterschiede. Das 
Klavier sollte ebensowenig wie der Eisschrank und 
das Kohlenbügeleisen in einem modernen Haushalt 
fehlen; namentlich für die Kinder bietet es eine un- 
erschöpfliche Quelle des Vergnügens, was allerdings 
die Nachbarpartheien oft zum Ausziehen veranlasst- 
Man untersdieidet gemiethete und gekaufte Klaviere . 
auf dem ersteren spielt man mehr forte, auf dem 
letzteren mehr piano. 

Oeffnen wir den schmalen Deckel des Klaviers, 
so bemerken wir die Tasten, weisse und schwarze, 
welche leicht auf und nieder bewegt werden können 
und den Ton hervorbringen. Für das einfache, gut 
bürgerliche Klavierspiel genügen die weissen Tasten, 
die schwarzen sind mehr Dekoration und werden 
nur von kfinstelndeUf renommistischen Spielern 
häufiger benutzt. Sie haben absolut keinen schöneren 
Ton als die weissen. Musikstücke, die vorwiegend 
auf den schwarzen Tasten gespielt werden, sind 
meistens von Richard Wagner — ausschliesslich für 
die schwarzen Tasten komponirt in neuerer Zeit 
Richard Strauss. 

Unten an dem Instrument, an DrShten hftngend 



*) Den Abdruck dieses Auftatzes hat mir die 
Redaktion der in München erscheinenden Zeitschrift 
jagend"« gütigst gestattet E. B. 



befinden sich zwei Messingtritte, die sogenannten 
Pedale, welche mit den Füssen bewegt werden, um 
eine einseitige gymnastische Ausbildung der oberen 
Extremitäten zu verhindern. Seit der Erfindung der 
Nftbmaschine und des oben genannten Velocipeds 
sind sie ziemlich überflüssig und vertheuem un- 
nöthig das Instrument. 

Will man aufhören zu spielen, so klappt ma 
einfach den Deckel zu und bedeckt sein Klavier, 
namentlich wenn es durch längeres Spielen erhitzt 
ist, mit der Klavierdecke. Muster für solche Decken 
findet man In jedem Damenjournal. Die Hauptsache 
ist, dass sie warm sind. 

Die Gewohnheit vieler Personen, im Innern des 
Instrumentes Wäsche, Steinkohlen, Flaschenbier und 
Essvorräthe aufzubewahren, ist verwerflich; nament- 
lich die letzteren leiden durch die dumpfe Luft in 
dem verschlossenen Kasten. Auch beeinträchtigt die 
Anfüllung des Klaviers mit solchen Gegenständen 
leicht den Ton. Besonders gilt das von den Bier- 
flaschen, welche klappern. 

Stellt man das Instrument in feuchten Wohnungen 
dicht ans Fenster oder vor den Ofen, so ergeben 
sich nach einiger Zeit Verstimmungen, welche 
feineren Ohren Missbehagen bereiten sollen. Diese 
kann jeder leicht dadurch beheben, dass er den 
Stimmschlüssel an eigens zu diesem Zwecke im 
Innern angebrachte Bolzen ansetzt und so lange 
von links nach rechts dreht, bis es genug ist. Für 
den einfachen Hausgebrauch ist das Kiavierstimmen 
nicht nöthig und wird hier auch selten geübt. 

Ausser dem Stimmschlüssel braucht man noch den 
eigentlichen Klaviersehlüssel, welcher sehr leicht ver- 
legt wird und dadurch den Anlass zu vielen Ver- 
driesslichkeiten giebt, den Viobnschlüssel, welcher 
mit der rechten, und den Bassschlüssel, welcher mit 
der linken Hand benatzt wird. Ordnungsliebende 
Klavierspieler tragen diese vier Schlüssel am besten 
an einem Schlüsselring. 

Wünscht man des Abends zu spielen, so zündet 
mau zwei Klavierkerzen an, wie solche in jedem 
grösseren Geschäft zu haben sind, weil die Hände 
sonst zn leicht fehlgreifen. Manche spielen beim 
sogenannten Phantasieren manchmal auch ohne 
Licht, doch bleibt dies immer eine unzuverlässige 
Geschichte, ein Sprung ins Dunkle. Vom Blatt 
sollte man Nachts nie ohne Licht spielen. Bei 
nächtlichem Spielen empfiehlt es sich, die Fenster 
zu öffnen, wodurch man mehr Zuhörer gewinnt. 
Thnt man dies aber nach 11 Uhr, so kommt die 
Polizei. 

Betrachten wir die Klaviatur näher! 



— 196 — 



Der Ton, der sich gerade vor dem Uoterleib des 
Spielers befiodet, heisst c (sprich: ntch!*) Rechts 
daran befinden sich die leisen, links die kräftigen 
Töne. Gleichzeitig können von einem Spieler nicht 
leicht mehr als sehn Töne (Tasten) angeschlagen 
werden, ausser er setst sich auf die Klaviatur. Es 
genfigen fibrigens snm Hervorbringen sehr gefiUHger 
Melodien oft schon zwei bis drei Töne. Schlägt man 
drei, vier, odtT gar ffinf Töne gleichzeitig an, so 
nennt man das Akkord oder Dreiklang. Derselbe 
kommt fast nor links vor. 

Streckt man die Finger einer Hand so weit aus, 
als es geht, so heisst man den Abstand zwischen 
Daumen und Zeigefinger Oktave. Kleinere Zwiscben- 
räame nennt man Terz nnd Quart Beim Klavier 
hebest fibrigens nicht wie beim Studeotengesicht die 
linke Seite Quart-, die rechte Terzseite. Spielt einer 
mit zwei Fingern so schnell, dass man sie nicht 
mehr siebt, so hebst man es einen Triller. Soge- 
nannte Läofe entstehen, wenn man mit dem Danmen- 
oagel schnell von links nach rechts über die Tasten 
fährt Versacht man dies auf den schwarzen Tasten, 
80 thut es weh. 

Für Anfihiger empfiehlt sich die Wahl eines 
Lehrers. Es giebt davon zu allen Preislagen. Ganz 
gute Lektionen erhält man schon für fünfzig Pfenn ige 
Klavierlehrer mit sehr langen Haaren kosten aber 
auch drei Mirk und mehr. FGr männliche Er- 
wachsene empfiehlt sich die Wahl einer Lehrerin, 
weil hierdurch Lust und Liebe geweckt wird. 

Reichen die Mittel nicht weit, so beginne man 
mit dem Selbstunterricht, deno Probiren geht über 
Studiren. Am besten fängt man mit der rechten 
Hand an, weil diese weniger steif ist. Hat man 
nach einigen Monaten die ersten Schwierigkeiten 
überwunden, so führe man die gleichen Uebnngen 
mit der linken Hand aus. Hat auch diese eine ge- 
wisse Uebung erlangt, dann erst lege man beide 
Hände aufs Klavier. Zur eigenen Aufmunterung 
spiele man Stucke, die leicht ins Ohr gehen, wie 
den ^Donauwellen-Walzer*, den „Feuerzauber" u s. w. 
So schreitet man langsam vor bis zur ^Letzten Rose* 
nnd dem „Gebet einer Jungfrau^. 

Ueber die Kunst des Vortrages i^t schon sehr 
viel geschrieben worden; am Endo bleibt es aber 
doch dem Fleiss und dem Geschmack des Schfilers 
fiberlassen, das Richtige zu treffen. Hat man mehr 
als zwei Zuhörer, so empfiehlt es sich, den Klavier- 
deckel zu öffnen, was die Tonstärke wesentlich er- 
höht. Der Anfänger sage sich immer: Spiele laut! 
Nur so fiberwindet er die angeborene Scheu vor dem 
Instrument, und die Zuhörer brauchen sich mit dem 



Hören nicht so anzustrengen. Greift einer, der laut 
und energisch spielt, auch einmal daneben, so meinen 
die Hörer, es müsse so sein und geniren sieh, wenn 
es ihnen nicht schön vorkommt Man hüte sich da- 
vor, wenn man einen Ton falsch gegriffen hat, ihn 
noch einmal zu suchen — man würde die Zuhörer 
dadurch nur unnöthiger Weise auf den begangenen 
Fehler aufmerksam machen. 

Es giebt zwei Haoptmethoden des KlavierspielB , 
das Auswendiglernen und das Spielen nach Noten. 

Ersterem ist der Vorzug zu geben, weil die un- 
praktische und komplizirte Notenschrift schwien^ 
zu lesen ist, und weil es Unbequemlichkeiten ver- 
ui sacht, Gberall, z B. auf Reisen, Landparthien u. s. w. 
Noten mitzufuhren. Der Auswendigspieler macht 
zudem stets einen besseren Bindruck als der, welcher 
seine Noten sklavisch und mfihsam vom Blatte ab- 
liest Dies hat immer etwas Dilettantisches an sich. 
Klavierspieler, die mit Handschuhen ans Klavier 
gehen und sie dort ausziehen, heisst man Virtuosen. 

Wer trotz der angegebenen Macbtfaeile des Ver- 
fahrens doch nach Noten spielen will, richte beim 
Ankauf der Noten (auch M*isikalien genannt) sein 
Augenmerk darauf, dass die Noten nicht zu dunkel 
sind, sondern das Weisse dos Papiers vorherrscht. 
Man lasse sich ja von gewissenlosen Verkäufern 
nicht solche schwarze Noten anscbwatzen, die auch 
von vorgeschrittenen Künstlern oft nur mit Muhe 
gespielt werden können. Besonders muss vor den 
Liszt'scben Noten gewarnt werden, deren mfihevolle 
Bewältigung oft in gar keinem Verhältniss zum Ver- 
gnügen der Hörer steht. Jedenfialls be^ne man 
init ganz hellen Noten, namentlich Volksliedern, 
deren ergreifende Einfachheit stets gerühmt wird. 
Dann gehe man langsam zu Polkas und Märschen 
ober. 

Ist eine Piece für eioen Spi